Bury my heart

Kapitel 25

Rückschläge und Annäherungen

Der Besuch bei Aberforth war ein kleiner Erfolg in Richtung Normalität. Hermine freute sich, ihn wiederzusehen und entgegen der anfänglichen Bedenken erkannte sie schnell, dass er und Snape auf gesitteter Basis miteinander umgehen konnten, auch dann, wenn nicht viele Worte gewechselt wurden.

Snape bestellte für jeden ein Butterbier und dann setzten sie sich in die dunkelste Ecke der Kneipe, wo sie garantiert niemand stören würde. Vor allem nicht am späten Nachmittag.

„Ich hatte ganz vergessen, wie gut das schmeckt", seufzte Hermine verträumt, nachdem sie den ersten Schluck probiert hatte.

Snape nickte stumm vor sich hin und nippte an seinem Krug.

„Und?", fragte sie weiter. „Ist doch gar nicht so übel hier, oder?"

Er hob seine Brauen an und Hermine konnte das Feuer in seinen Augen auflodern sehen. „Was willst du von mir hören, Granger?"

Sie sog die Luft scharf ein, als er sie wieder einmal bei ihrem Nachnamen genannt hatte, um sie damit aufzuziehen. „Ich dachte, es wäre eine gute Gelegenheit, um ein Schwätzchen zu halten, Snape. Alles ist besser, als diese unerträgliche Stille neulich in den Kerkern." Sie lächelte verlegen. „Sie werden es vielleicht nicht glauben, aber ich hatte heute wirklich Spaß."

Er lehnte sich zurück und fuhr sich mit der Hand durch die Haare, während die andere den Bierkrug umklammerte.

„Mag sein. Doch was für den einen Spaß ist, kann für den anderen eine große Herausforderung sein." Er blinzelte und mit einem Schlag wirkte der Ausdruck auf seinem Gesicht vollkommen verändert. „Ich sagte dir bereits, dass das für mich nicht so einfach ist." Hermine nickte, entgegnete aber nichts darauf und so fuhr er fort. „Vermutlich ist dir nicht entgangen, wie sich die Menschen in meiner Gegenwart verhalten, Hermine. Entweder meiden sie mich oder sie reden über mich. So einfach ist das."

Sie biss sich auf die Lippe, als sie das hörte. Es war ungewöhnlich, dass er sich ihr so öffnete. Doch es hatte etwas derart Trauriges an sich, dass es ihr einen Stich versetzte. Vollkommen gebannt beobachtete sie ihn und es war einfach nur unglaublich.

Da saß er: Snape. Groß, eindrucksvoll und von einer dunklen Aura umgeben, die sie einerseits frösteln ließ, ihr andererseits aber auch zeigte, wie verletzlich er hinter dieser lang herangezüchteten Fassade sein konnte.

„Ich kann es mir nicht leisten, zu viel über mich preiszugeben, wenn ich befürchten muss, es hinterher zu bereuen."

Hermine hielt den Atem an. Sie wusste nicht, was sie tun sollte, um ihm zu bestätigen, dass ihr etwas an ihm lag.

Snape seufzte tief und wirkte dabei nur noch verlorener und Hermine konnte nicht mehr an sich halten. Sie senkte den Blick und hob die Hand. Dann legte sie sie auf seine.

Seine Pupillen weiteten sich, als sie ihn berührte. Sie waren mitten in der Öffentlichkeit, auch dann, wenn niemand außer ihnen die Kneipe besuchte und selbst Aberforth hinter seinem Tresen verschwunden war.

Sekunden vergingen und noch immer wirkte Snape deutlich angespannt, bis sie seine Hand drückte und er sich wie benommen räusperte.

„Was willst du, Hermine?", fragte er dann mit rauer Stimme.

Es brach ihr fast das Herz, ihn so zu hören. Sie schluckte und es war schwer für sie, das in Worte zu fassen, was sie fühlte, während sie seinen brennenden und zugleich erwartungsvollen Blick auf sich ruhen spürte.

„Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, Snape", gestand sie wahrheitsgemäß. „Ich möchte Sie nicht zu etwas drängen, was Sie nicht tun können. Aber es fühlt sich so richtig an, mit Ihnen zusammen zu sein. Jetzt, in diesem Moment, gibt es nichts, das ich lieber täte, als einfach nur hier mit Ihnen zu sitzen."

Er starrte sie an und ihre Blicke verschmolzen tief und innig miteinander. Hermine konnte erahnen, dass es in ihm arbeitete und strich mit ihrem Daumen über seine Hand.

„Ich kann es mir selbst nicht erklären. Aber es passieren Dinge mit mir, wenn ich bei Ihnen bin, die meine ganze Welt auf den Kopf stellen."

Snape presste seine dünnen Lippen aufeinander und überlegte. „Was für Dinge", hörte sie ihn dann fragen.

Verlegen senkte sie den Blick. „Dinge, die mir zeigen, dass es noch so viel zu entdecken gibt, Snape. Dinge, die mich Dummheiten tun lassen würden ..."

Seine Augen blitzten auf und er schluckte. Hermine aber sah ihn einfach nur an. Jede seiner noch so kleinen Regungen zog sie mehr und mehr in den Bann. Sie fühlte, dass sich sein Puls beschleunigte und sein Atem schneller ging. Seine warme Hand unter ihrer zitterte leicht.

„Snape", sagte sie leise und beugte sich näher zu ihm über den Tisch. „Was denken Sie?"

Langsam löste er seine Finger vom Krug los und legte seine Hand auf ihre. Hermine schauderte, doch um lange darüber nachzusinnen blieb ihr keine Zeit.

„Ich denke", sagte er heiser, „dass wir uns einig darin sind, einen unbekannten Pfad zu beschreiten. Ich weiß nicht, wohin er uns führen wird, aber ich bin bereit, dir zu vertrauen, Hermine."

Sie atmete befreit auf und drückte seine Hand. Ihr war bewusst, dass es weitaus mehr war, als sie je von ihm erwarten konnte. Und auch dann, wenn noch unzählige Hürden vor ihnen lagen, so war sie sich doch sicher, dass sie zu ihm halten wollte. Snape verdiente so viel mehr, als die ständige Einsamkeit, die ihn umgab. Und wer konnte das besser wissen, als sie es tat?

xxx

Kaum waren sie wieder in den Kerkern angekommen, steuerte Snape schnurstracks auf das Labor zu und Hermine folgte ihm. Er packte die Päckchen aus den Taschen seines Gehrocks und stellte sie auf den Arbeitstisch.

„Wollen wir heute noch damit anfangen, die Larven zu verarbeiten?", fragte sie etwas unsicher. Als er nicht sofort antwortete, warf sie ihm einen skeptischen Blick aus den Augenwinkeln zu und musste feststellen, dass er erschöpft wirkte. Vielleicht, so dachte sie, kam es von seiner speziellen Art zu reisen. Wie beiläufig zuckte sie dann mit den Schultern. „Ich könnte es auch allein versuchen ..."

Er hob die Brauen und musterte sie. „Auf keinen Fall. Diese Zutaten kosten ein Vermögen. Minerva wird außer sich sein, wenn etwas schief geht und ich nicht dabei war."

Eingeschnappt verschränkte sie die Arme vor der Brust und lehnte sich gegen den Arbeitstisch. „Okay. Dann eben nicht."

Snape seufzte und fuhr sich mit den Händen durch die Haare. „Schön. Wir fangen gleich damit an."

Hermine senkte den Blick und machte sich an die Arbeit, während er ihr erklärte, wie sie die Käferlarven auseinandernehmen musste, um an die wertvollsten Inhaltsstoffe heranzukommen.

„Die meisten Substanzen dieser kleinen Biester sind unverwertbar, fast alles an ihnen ist giftig. Und dennoch besitzen sie einen kostbaren Rohstoff, der es uns erlaubt, damit in geringen Maßen Krankheiten zu heilen."

Es war beeindruckend, wie er sich immer wieder mit solcher Hingabe diesen Dingen widmen konnte und Hermine gab sich wirklich Mühe, ihm zu folgen. Irgendwann aber gab sie es auf und lauschte verträumt seiner Stimme, die sie so sehr faszinierte, bis er plötzlich vor ihrem Gesicht mit der Hand herum wedelte.

„Aufwachen, Granger!"

Sie schreckte auf. „Oh ... Tut mir leid."

Beschämt lächelte sie ihn an und Snape rollte mit den Augen. „Vielleicht hätten wir für heute doch lieber Schluss machen sollen. Du siehst aus, als könntest du etwas Schlaf gebrauchen."

Etwas Seltsames lag in seiner Stimme und während Hermine ihn ansah, bemerkte sie, dass er noch viel gestresster war, als sie geahnt hatte.

„Vielleicht", bemerkte sie beiläufig, ohne ihn aus den Augen zu lassen.

Prompt schien ihm die Farbe aus dem Gesicht zu weichen und er presste die Lippen aufeinander.

„Ist alles in Ordnung, Snape? Sie sehen blass aus ..."

Er lachte bitter auf. „Ist das was Neues?"

Als er sich dann mit der Hand die Haare raufte und sie den verzerrten Ausdruck auf seinem Gesicht erkannte, wurde ihr schnell klar, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Wie beim letzten Mal, als er so plötzlich von der Rolle war, schlug er seine Hand gegen die Brust und drückte sie mit der anderen an sich. Dann ging er langsam in die Knie und sackte vornüber auf den Boden.

Hermine sprang alarmiert von ihrem Stuhl. „Snape! Was ist mit Ihnen?"

„Ich glaube, du solltest besser gehen", zischte er zwischen angespannten Kiefern hervor. Sie wollte näher kommen, doch er fuhr sie warnend an. „Nicht! Lass mich allein!"

Hermine biss sich auf die Zunge und zögerte. Seine Augen aber blickten flehend zu ihr auf und sie wusste instinktiv, dass er nicht wollte, wie sie seinen Zusammenbruch noch weiter miterlebte.

„Bitte ..."

Betroffen nickte sie ihm zu. „Ich werde draußen warten, Professor. Falls Sie doch etwas brauchen ..." Damit verließ sie den Raum und es wurde still um Snape.

xxx

Nur mühsam kam er wieder auf die Füße. Sein Atem ging keuchend, sein Herz raste. Er wusste, dass die Anfälle immer länger andauerten und es schien nichts zu geben, was er dagegen tun konnte. Selbst die Mittel aus aller Welt, die ihm der Apotheker in Hogsmeade besorgt hatte, zeigten keine ausreichende Wirkung gegen die Schmerzen und die Lähmungserscheinungen, die Naginis Bisse ihm hinterlassen hatten. Es war zum Verzweifeln. Er war ein Meister im Tränkebrauen und schaffte es nicht, sich selbst zu helfen.

Noch immer benommen vom Schmerz betrat er sein Wohnzimmer und fand Hermine fest schlafend auf seinem Sofa vor. Sie hatte sich der Länge nach ausgestreckt und nur die Beine etwas angewinkelt. Ihr Kopf ruhte seitlich auf der Armlehne des Sofas und deutete genau in seine Richtung.

Er wollte nicht glauben, dass sie tatsächlich hier geblieben war, um auf ihn zu warten, doch nach den zahlreichen Stunden, die sie in den letzten Tagen mit ihm in den Kerkern verbracht hatte, wirkte sie ebenfalls überarbeitet und er konnte sie nicht dafür rügen, dass sie sich hier niedergelassen hatte, nachdem er sie aus dem Labor geworfen hatte.

Langsam kam er näher und beugte sich über ihre friedliche Gestalt. Seine Finger streckten sich vorsichtig nach ihr aus und strichen ihr die wirren Strähnen beiseite, die ihm den Blick auf ihr Gesicht nahmen. Sie sah wunderbar aus. Jung und schön.

Seufzend setzte er sich zu ihr an den Rand des Sofas. Er war selbst erschöpft und hätte sich am liebsten einfach neben sie gelegt. Doch er wusste, dass er das nicht durfte. Seine Verantwortung, die er ihr gegenüber hatte, hielt ihn davon ab. Dennoch verspürte er den Drang, mit ihr zusammen zu sein und so genoss er einfach nur ihre Gegenwart und die leisen Geräusche ihres Atems, während er sie wie verzaubert betrachtete.

Seine Finger glitten vorsichtig über ihr Gesicht und je länger er sie beobachtete, umso größer wurde sein Verlangen, sie bei sich zu spüren.

Ganz plötzlich, als hätte sie seine Gedanken gespürt, regte sie sich und schlug die Augen auf.

Er hielt die Luft an.

„Hi."

„Hi ..." Snape räusperte sich schnell. „Ich wollte dich nicht wecken."

„Schon in Ordnung", murmelte sie leise. „Geht es wieder besser?"

Er nickte matt. Dann konnte er fühlen, wie Hermine ihre Hand auf seine Brust legte und obwohl es nur eine Berührung war, hatte er den Eindruck, sein Herz würde einen Schlag aussetzen.

Sie schlang ihre Finger um die Knöpfe und zog ihn zu sich, bis sich ihre Nasen fast berührten.

Snape starrte sie verunsichert an. „Was hast du vor?"

Hermine legte wortlos ihre andere Hand auf seinen Rücken und drückte ihn an sich. Sie wusste, dass er mit sich kämpfte, doch solange er an der Grenze war, sie gewähren zu lassen, ließ sie nicht locker, sich das zu holen, was sie wollte.

Sein Atem ging schneller und er sah ihr tief in die Augen. Dann stützte er sich mit den Armen ab und legte seinen Körper mit dem ganzen Gewicht auf sie.

Hermine schauderte, als sie ihn auf sich spürte. Zaghaft nahm sie ihre Hand und strich ihm die langen schwarzen Strähnen aus dem Gesicht, die bei seiner Aktion nach vorne gefallen waren.

Snape platzierte indes seine Arme zu beiden Seiten ihres Kopfes und sah ihr in die Augen.

„Hermine", flüsterte er sanft. „Hermine ..."

Sie erzitterte, als sie den rauen Ton in seiner Stimme hörte, die mit einer Mischung aus Sehnsucht und dieser verborgenen Leidenschaft erfüllt war, die in ihm steckte.

„Weißt du, was du mit mir tust?"

Sie versuchte zu lächeln. „Dasselbe könnte ich Sie fragen, Professor."

Er wippte abwesend mit dem Kopf und Hermine legte ihre Hände um seinen Nacken.

Snape schluckte und schloss die Augen.

Instinktiv zog sie ihn zu sich hinunter und küsste ihn auf die Lippen, sanft aufstöhnend.

Er hatte noch immer seine Augen geschlossen, doch als sie zu ihm aufblickte, sah sie, dass er voller Konzentration war. Sie fuhr fort damit, seine dünnen, vibrierenden Lippen zu küssen, bis sie endlich das hörte, was sie sich ersehnt hatte: sein Stöhnen. Tief und kehlig.

Erneut ließ er sie schaudern, in purer Lust auf ihn. Ihr ganzer Körper wollte ihn spüren und berühren. Sinnliche Wellen des Verlangens pulsierten durch ihre Mitte.

„Sehen Sie mich an, Professor", flüsterte sie leise und seine Augen sprangen auf wie zwei schwarze Knospen, die in ihrer Mitte einen dunklen Ozean schierer Lust entblößten.

„Ich möchte Sie zu meinem Eigen erklären und Ihnen dafür alles geben, was ich nur kann. Meinen Körper, meinen Verstand, meine Seele und mein Herz."

Er öffnete den Mund. „Und so gehörst du mir", sagte er dann und strich mit der Rückseite seiner Hand über ihre Wange.

„Ja, das tue ich", antwortete sie leise.

Als hätte er nur darauf gewartet, diese Worte zu hören, beugte er sich zu ihr hinab und presste seine Lippen auf ihre. Sie waren sich so nah wie noch nie zuvor und Hermine stöhnte auf, als sie die Länge seines harten Unterleibs auf ihrem Bauch spürte. Im selben Moment regte sich in ihr der Drang, ihn zu berühren.

All die Scheu, die sie einst vor ihm besessen hatte, war längst verschwunden. Die widerwärtigen und verstörenden Erlebnisse, die sich in Malfoy Manor abgespielt hatten, waren nicht mit dem zu vergleichen, was sie empfand, als sie ihn jetzt bei sich hatte. Er war so wundervoll, so wunderschön, dass sie nichts anderes als ihn spüren wollte - mit jeder Faser ihres Körpers.

Sie ließ ihre Hand über seinen Rücken und an seiner Hüfte hinab gleiten und konnte spüren, dass er sich versteifte. Trotzdem wollte sie es versuchen, doch noch ehe sie seine Hose erreicht hatte, hatte er ihr Handgelenk gepackt.

„Nicht", sagte er streng.

Hermine ließ locker und sah ihn an. „Warum?"

Er schluckte. „Das weißt du genau."

Erst jetzt wurde ihr wieder bewusst, wie sehr ihm die Erinnerungen an die gemeinsamen Erlebnisse in ihrer Vergangenheit zu schaffen machten. Er sah so zerrissen aus, als hätte er noch immer nicht damit abgeschlossen.

„Es ist nicht dasselbe, Snape", sagte sie eindringlich.

Im selben Moment legte sich ein schmerzverzerrter Ausdruck über sein Gesicht und er rollte sich neben sie, so gut es das Sofa eben zuließ.

Hermine biss sich auf die Zunge und wünschte sich, sie hätte lieber den Mund gehalten. Sie wusste selbst, wie schwer es war, wieder Vertrauen zu fassen, wenn man so etwas durchmachen musste. „In Ordnung, Professor", sagte sie sanft.

Sie konnte hören, dass ihm ein tiefer Seufzer entfuhr und drehte den Kopf in seine Richtung, um ihn anzusehen, doch er hatte die Augen geschlossen und seine Finger in seinen Haaren vergraben.

„Es tut mir leid. Ich dachte ..."

Seine Augen blitzten schlagartig auf und er schnaubte. „Nicht, Hermine."

Wie belämmert nickte sie. Dann breitete sich ein tiefes Schweigen zwischen ihnen aus. Erst nach einigen Minuten, als Hermine dachte, er hätte sich beruhigt, setzte sie wieder zu sprechen an.

„Ich habe Sie nie gefragt, wie Sie es geschafft haben, Naginis Bisse zu überleben."

Er fuhr herum und seine dunklen Augen funkelten sie an. Im ersten Moment schien er zu überlegen, ob er ihr überhaupt antworten sollte, doch dann redete er einfach drauf los. „In Voldemorts Nähe war man niemals sicher. Ich hatte einige Tricks auf Lager, Hermine. Einen Bezoar in meiner Tasche, ein Gegengift, das seit Monaten durch meinen Körper floss." Er zuckte mit den Schultern. „Es hat mich geschwächt, aber ich bin mir sicher, dass es mir geholfen hat, zu überleben." Er seufzte tief und nachdenklich. „Aber wirklich eigenartig war der Ruf eines Vogels, den ich aus der Nähe hörte, als ich zu mir kam."

„Was?" Ihre Augen wurden groß. „Sie meinen … Fawkes?"

Snape nickte. „Ich denke es zumindest. Er muss mich gerettet haben, doch ob er es auf eigene Faust oder Dumbledores Willen hin getan hat, kann ich nicht sagen. Ich habe das Portrait nie danach gefragt." Er schüttelte den Kopf. „Fawkes hat fast jedes unserer Gespräche und die Diskussionen, die ich mit Albus geführt habe, belauscht."

Hermine klemmte ihre Lippe zwischen die Zähne. „Es wäre verständlich, dass er es von selbst getan hat, so wie er Harry im zweiten Schuljahr zu Hilfe kam." Sie seufzte. „Fawkes." Dann legte sie ihre Hand auf seine Brust, wo sie sogleich das unruhige Schlagen seines Herzens hören konnte.

„Ja."

„Er hat Sie zurückgebracht", sagte Hermine gedankenverloren. „Er hat Sie zu mir gebracht."

Snape sah sie eine Weile an und legte seine Hand auf ihre Wange.

Er wusste nicht, was in ihn gefahren war, dass er sie davon abgehalten hatte, ihn zu berühren. Sie hatte ihn gewollt, doch er hatte sich ihr verwehrt. Warum nur hatte er überhaupt zugelassen, dass sie ihm so nahe kommen konnte? Es war offensichtlich gewesen, was sie vorgehabt hatte, doch er konnte es nicht zulassen. Die Erlebnisse in den Kerkern saßen zu tief. Die Scham und die Demütigung schienen allgegenwärtig zu sein. Sie hätte ihn nie so sehen sollen...

Entmutigt schloss er die Augen. Alleine das Gefühl, neben ihr zu liegen und ihre Haut unter seinen Fingern zu spüren, war überwältigend. Noch nie zuvor hatte er jemanden mit dieser Intensität begehrt. Nicht einmal Lily, denn was er mit ihr gehabt hatte, war nie soweit gegangen. Er hatte sie geliebt. Doch eben anders. Diese Begierde hingegen, die er jetzt verspürte, brachte ihn fast um den Verstand.

„Snape?", drang plötzlich ihre Stimme zu ihm durch, so fern, als stammte sie aus einer anderen Welt.

„Ja?"

„Ich liebe Sie."

Es klang leise und er hielt die Luft an, als er die gefürchteten drei Worte hörte. Dann sah er ihr ins Gesicht und wusste, dass sie eingeschlafen war, denn sie hatte sich so eng an ihn gekuschelt, wie es nur ging.

„Ich weiß", flüsterte er in ihr Haar hinein. Sein Daumen strich über ihre Wange und er hob sie vorsichtig an und legte den Arm um sie. Dann drückte er sie an sich.

Das war der Grund, warum er sie zurückgehalten hatte. Er hatte es geahnt, vielleicht sogar tief in seinem Inneren gewusst, wollte es aber verdrängen. Erst jetzt konnte er es sich eingestehen.