„Wie geht es ihm?" Das war Cuddy, die zwei Stunden später anrief, um sich nach Houses Befinden zu erkundigen. Die Neuigkeiten hatten schnell die Runde gemacht. Das Kind würde überleben. Und das war – nach aussagen der behandelnden Ärzte und der Sanitäter ausschließlich der Verdienst des fähigen Ersthelfers vor Ort gewesen.
Die Lokalsender waren voll davon. Und damit nicht genug! Wilson wollte sich in den Hintern beißen, denn ER hatte ihnen Houses Namen genannt. Und nun wurde die ganze alte Geschichte wieder aufgewärmt, House aufs Neue im Rampenlicht seziert.
Aber der Ton war hier und da nachsichtiger als damals.
„Wie geht es ihm?" am Telefon war Dr. Cuddy, der die Sache natürlich nicht entgangen war – das Foyer des PPTH platzte schließlich vor Reportern aus allen Nähten.
„Ich bin mir nicht sicher. Er hat kein Wort gesagt und sich in seinem Zimmer eingesperrt." antwortete Wilson besorgt.
„Wilson…"
„Nein, Cuddy! Wenn er da drin für sich sein will, dann ist das so. Ich werde nicht einbrechen!"
„Was? Nein, darum geht es nicht. Wilson, wissen Sie, wessen Kind das ist?" fragte Cuddy angespannt.
„Nein."
Cuddy holte tief Luft „Das ist die Tochter von... Detective Tritter."
„Mein Gott!" Wilson musste sich setzen. Ihm wurde schwindelig. Er hatte den Mann seit der Sache damals nicht mehr gesehen und das war ihm auch ganz Recht gewesen. Wilson hatte nicht gewusst, dass der Mann so spät noch Vater geworden war. „Oh, mein Gott!"
„Die Mutter möchte sich bei ihm bedanken." rückte Cuddy nun mit der Sache heraus.
„Das… ich weiß nicht, Cuddy… Im Moment ist das sicher keine gute Idee…" Wilson wollte House auf keinen Fall überlasten und hatte ernsthafte Zweifel daran, dass so eine Konfrontation irgendwem helfen würde.
„Er hat ein Recht darauf, dass sie seine Tat anerkennt!"
„Cuddy, was soll das bringen? Es ist jetzt schon schlimm genug – sehen Sie sich die Nachrichten an! Er wird jetzt wieder Wochenlang nicht vor die Tür gehen wollen. Er muss doch mal zur Ruhe kommen!"
„Ich weiß…" Cuddy seufzte. „Ich dachte nur, naja, dass es ihn vielleicht ein wenig wachrütteln würde."
„Oh, das hat es ganz sicher!" lachte Wilson freudlos „Aber das führt doch zu nichts. Er muss in seinem neuen Leben ankommen, Cuddy, nicht dauernd der Vergangenheit nachhängen. Sein altes Leben ist vorbei und das können wir auch nicht ändern. Schlimmstenfalls kriegt er jetzt was wegen Verletzung der Bewährungsauflagen angehängt!"
„Oh, Gott!" daran hatte sie noch gar nicht gedacht!
In diesem Moment wurde der Fernseher ausgeschaltet. House stand im Raum, das Gesicht ausdruckslos. „Ich muss jetzt auflegen. Ich melde mich noch mal. Bye." Wilson legte das Telefon weg und sah House erwartungsvoll an. Wie viel hatte der von dem Telefonat mitbekommen?
„Ich geh auf keinen Fall noch mal in den Knast. Oder die Klapse. Auf gar keinen Fall." sagte House leise aber bestimmt. Und wenn er seine Zunge verschlucken musste, er würde sich tausendmal lieber umbringen, als sich noch mal einsperren zu lassen!
„Niemand wird Dich wegsperren, das verspreche ich Dir, House!" beteuerte Wilson.
House sah ihn nur lange an. Dass Wilson seine Versprechen hielt, hatte er mittlerweile kapiert. Wenn Wilson das versprach, dann würde es auch so geschehen, ohne Wenn und Aber. „Ich hab Hunger."
Weder an diesem Tag, noch an den folgenden verloren House oder Wilson auch nur ein Wort über den Vorfall. Wilson entfernte vorsorglich alle scharfen Gegenstände aus der Wohnung und ging wieder arbeiten. Er besuchte das Mädchen auf der Intensiv, von dessen Seite die Mutter nie verschwand. Tritter selbst war nirgends zu sehen.
Abends hielt Wilson es nicht mehr aus. Noch bevor er etwas zu essen bestellte – ohne Messer war kochen recht mühselig – beschloss er, House aufzuklären. Houses Magen schon immer nervös gewesen und es hatte sich gezeigt, dass das sich deutlich verschlimmert hatte in den vergangenen Jahren. Und um ehrlich zu sein hatte Wilson keine Lust, wieder aufzuwischen!
Er druckste ein wenig herum und das fiel House natürlich auf. Er war immer noch ein scharfer Beobachter. Aber natürlich würde er Wilson auf keinen Fall fragen! Damit müsste er ja zugeben, dass seine zur Schau gestellte Gleichgültigkeit nur Maskerade war!
„Das Mädchen…" begann Wilson endlich.
Oh. Das fing nicht gut an, fand House. Eigentlich war er sich ziemlich sicher gewesen, dass die Kleine es schaffen würde. Für einen kurzen Augenblick flackerten seine Augen zu Wilson. „Ist sie ex?"
„Nein, nein es geht ihr den Umständen entsprechend sehr gut. Ich meinte mehr… also, WER sie ist." Wilson wand sich noch immer!
„Wen interessiert das?" House dreht sich wieder weg: dem Kind ging's gut, der Rest war uninteressant.
„Du kennst ihren Vater."
„Oh, hast Du einen Treffer gelandet?" lästerte House „Ich dachte, deine Unfruchtbarkeit wäre nach drei Ehen und endlosen Affären etabliert."
Autsch. Warum tat House das? Wieso nur musste er immer um sich schlagen? „Sie ist die Tochter von Detective Tritter." so, nun war es raus. Gespannt sah Wilson House an und wartete auf dessen Reaktion.
Houses Mund klappte auf. Nach einer Minute war er soweit, dass er was dazu sagen konnte „Ich hätte noch mal drauf treten sollen." zischte House hasserfüllt.
Wilson zuckte zusammen und selbst House war von sich selbst überrascht. Na ja, wen versuchte er, anzulügen? Klar hatte er sich schon hundertmal ausgemalt, wie er sich an Tritter rächen würde oder könnte. Jede Art von blutiger Rache und Erniedrigung war ihm schon durch den Kopf gegangen. Aber er wusste, wenn er mal ehrlich war, dass er wahrscheinlich sogar Tritter selbst noch helfen würde, wenn sonst niemand verfügbar wäre. Scheiße.
„Geht's Dir gut?" fragte Wilson nach einem Moment. Er hatte das subtile Mienenspiel seines Freundes aufmerksam verfolgt.
„Ich kann's ja nicht ändern." zuckte House die Schultern.
