Ich starrte mit weit aufgerissenen Augen auf einen Berg von Kisten, Blätter, Ordnern und Mappen.
Langsam trat ich in den kleinen Raum ein, der komplett mit hohen, vollen Regalen bestückt war. In einer Ecke konnte ich einen PC sehen und vier riesen Monitore, ob hier Watari immer arbeitete, wenn L versorgt war? Ich drehte mich einmal im Kreis und sah die verschiedensten Zeitungsartikel, an den wenigen freien Stellen, an den Wänden hängen. Und da sah ich meinen Artikel… Genau denselben, den ich damals in meinen Händen hielt.
Mein Blick fiel auf mehrere Bilder… von mir…
Es waren alte Bilder, die scheinbar damals im Waisenhaus entstanden sind. Eins zeigte mich während ich schlief, eins während ich genüsslich ein Stück Erdbeersahnetorte aß und eins war scheinbar kurz nach meinem Einzug dort gemacht worden. Ich überflog die unzähligen Fotos und runzelte die Stirn.
„L? Wieso…", wollte ich gerade fragen, als ich unterbrochen wurde.
„Ich habe in dir schon immer mehr gesehen, als nur einen Freund oder Kumpel.", gab er leise von sich.
Wow… so lange hatte er schon Gefühle für mich? Damit hatte ich jetzt nicht gerechnet… Wieso hielt er so viel von mir? Einem Mörder, welchen er jetzt sogar schützte und damit Schwierigkeiten für sich geradezu hinauf beschwörte…
„E-Es tut mir L-Leid… das muss auf dich eigenartig wirken…", stotterte L und blickte zu Boden.
Es stimmte, das Ganze war schon komisch, aber ich fand es jetzt nicht so verstörend, wie es wohl auf jemand Normales wirken würde. Ich beschloss das Thema zu wechseln, da ich merkte, dass ihm die Sache sichtlich unangenehm war und er mir hier sowieso Etwas zeigen wollte.
„Warum sind wir eigentlich hier? Du hattest plötzlich eine böse Vorahnung und wolltest mir was zeigen?!", fragte ich nach einer kurzen Stille.
L trat neben mich, ließ seinen Blick über die Regale schweifen, bis er auf einer großen Kiste auf dem Boden hängen blieb. Er ging auf diese zu und zog sie unter dem Regal hervor. Ich beobachtete ihn, wie er den Staub von der Kiste herunter pustete und den Decke öffnete. Erst jetzt erkannte ich die Aufschrift auf der Frontseite: "Wammys House".
„Wammys House? Das war doch das Waisenhaus, in dem wir uns kennengelernt haben und aufgewachsen sind, richtig?"
L zog einen dicken Ordner heraus, schloss die Kiste wieder und kam zu mir.
„Ja, das stimmt…", antwortete er monoton und sein Blick haftete auf dem Ordner. Was war da wohl drinnen, dass er plötzlich so anders war?
Er ging wortlos an mir vorbei, ohne mich eines Blickes zu würdigen und betrat den Flur.
„Komm mit, im Wohnzimmer ist es gemütlicher. Es könnte nämlich etwas dauern, was ich dir zu erklären habe.", flüsterte er kalt über seine Schulter zu mir.
Ich blieb stehen, starrte auf den Boden und ballte meine Hände zu Fäusten. L merkte dies nach wenigen Schritten und drehte sich zu mir um.
„Hör auf!", brüllte ich ihn wütend an.
„Mit was?", fragte er gleichgültig.
„Diese gefühlskalte Aura, die dich umgibt… und dieses überhebliche Gerede…", antwortete ich ihm böse.
„Ich bin doch nicht anders, was redest du da B?"
Das brachte gerade das Fass zum Überlaufen, ich rannte zu ihm und riss L zu Boden. Der Ordner landete nach einem hohen Bogen neben uns, ich saß auf seinem Bauch, hatte meine Hände in sein Hemd gekrallt und zog daran.
„Seit wann nennst du mich nur B? Was ist los mit dir verdammt?! Werde bitte wieder zu dem verliebten und fröhlichen Jungen von vorhin, nicht dieser gefühllose Zombie…"
Seine Augen flogen über mein Gesicht und starrten dann in meine Augen. Sie wirkten gerade so leer und leblos… was war mit ihm passiert? Seit dieser Matt vor der Tür stand und L diese E-Mail gelesen hat, ist er nicht mehr er… oder war er es gerade jetzt?
Nein! So hatte ich ihn nicht in Erinnerung! Aber welche Erinnerungen hatte ich schon? Ich kannte ihn eigentlich erst ein paar Tage, den Rest meiner Vergangenheit habe ich von L erfahren. Vielleicht kannte ich ihn wirklich nicht…
„Aber eins sei dir gesagt, Beyond Birthday. Sollten jemals deine Gefühle ins Wanken geraten, werde ich nicht zögern."
Mir kamen gerade die Worte des Shinigamis in den Kopf, ich durfte nicht aufgeben!
Ich ließ meinen Griff locker und umfasste stattdessen sein Gesicht.
„Komm bitte wieder zu mir zurück", flehte ich mit Tränen in den Augen.
„Beyond? Wieso weinst du?", fragte mich L besorgt, stütze sich mit seinen Armen am Boden ab und streckte dann einen Finger zu meiner Wange, an der gerade eine Träne hinabfloss.
Ich ließ meine Hände von seinem Gesicht gleiten und legte sie auf seine Brust. Plötzlich merkte ich wie er mich umarmte und mir einen zärtlichen Kuss auf die Wange drückte und damit eine Träne wegküsste.
„Es tut mir Leid… ich… ich weiß nicht was mit mir plötzlich los war. Die ganze Sache überfordert mich gerade… du wirst verstehen, wenn ich es dir erklärt habe."
Ich umschlang ihn ebenfalls mit meinen Armen und vergrub mein Gesicht in seinen Haaren.
„Gehen wir ins Wohnzimmer und essen zur Beruhigung erst einmal eine Erdbeere", ich strahlte ihm mit einem freundlichen Grinsen entgegen, welches er erwiderte.
Wir rappelten uns beide auf, er hob den Ordner auf und wir gingen gemeinsam zur Couch. Dort angekommen setzte sich L, wie man es kannte, auf die Couch und ich neben ihn. Er schlug den Ordner auf und ein Bild von einem alten, freundlichen, aber bereits ergrauter Mann, flatterte mir entgegen.
„Das ist Watari, ihn kennst du ja."
„Ja, dank dir. Verdammter Gedächtnisverlust. Gut, dass du mir damals alles erzählt hast, was du wusstest", sagte ich und schnappte mir eine Erdbeere.
„Nicht alles… Also Watari ist der Leiter von Wammys House. Früher gab es nur dieses eine Haus, in dem wir aufgewachsen sind, doch mittlerweile sind sie über die ganze Welt verteilt. Diese Waisenhäuser haben mittlerweile einen besonderen Zweck, es werden nur noch hochbegabte und intelligente Kinder aufgenommen und dort speziell gefördert."
„Oh, das ist doch gut! Gibt es dafür einen besonderen Grund?", fragte ich.
„Ja… ich…"
„Du?"
„Ja, die Kinder, die sich dort als besonders begabt und erfolgreich beweisen, können irgendwann meine Nachfolger werden. Es wird somit gewährleistet, dass es immer einen Meisterdetektiv L gibt. Das schreckt Verbrecher ab und motiviert diejenigen, die für das Gesetz arbeiten.", erklärte mir L.
„Wow, das klingt ganz schön… heftig. Du bist ja eine lebende Legende.", witzelte ich, nahm eine Erdbeere und legte sie ihm, in seinen bereits geöffneten Mund.
„Ja, so könnte man es sagen. Es ist ein Fluch und ein Segen. Es gab schon Kinder die Selbstmord begangen haben, weil sie mit dem Druck nicht zu recht kamen.", betroffen senkte L seinen Kopf und schnaufte.
„Auf jeden Fall werden den besten Kinder dann ein Buchstabe verliehen. Wie du dich erinnern kannst, wurde in der E-Mail von M und N gesprochen. Bei N handelt es sich um Near, ein sehr kluger Junge, der wirklich klasse Arbeit leistet und das schon in so jungen Jahren. Er war bisher der Einzige, neben mir, der schon von Wammys Kindern offiziell Fälle löst."
„Du kennst sie alle? Also alle Kinder, denen ein Buchstabe verliehen wird?", unterbrach ich ihn kurz.
„Ja… muss ich auch, da ich ihnen in besonders schwierigen Fällen zur Seite stehe und auch als Ansprechpartner diene."
L beugte sich vor, schnappte sich ein grünes Päckchen und fing an, dass Küchlein auszupacken.
„Und dann haben wir M. Das Besondere an ihm ist, dass es sich nicht nur um eine Person handelt."
Ich starrte L mit großen Augen an und hätte mich fast an einer Erdbeere verschluckt.
„Hinter M steckt Matt und Mello.", erklärte er mir kurz angebunden.
„Oooh okay, also war das vorhin kein Zufall?"
„Vermutlich nicht. Wir kennen zwar unsere Buchstaben und Decknamen, aber nicht das Aussehen und den wahren Namen. Alles aus Sicherheitsgründen und zur Anonymität versteht sich."
L musterte das Küchlein, biss hinein und blätterte im Ordner. Ich beugte mich über die Bilder und musterte die verschiedenen Kinder.
N, auch Near genannt, war ein kleiner, weißhaariger Junge mit einem verträumten Blick. Seine Augen ähnelten denen von L sehr. Ich konnte natürlich auch seinen wahren Namen sehen: Nate River. Ich sollte es aber besser für mich behalten, es würde nur zu viele Fragen aufwerfen. Mein Blick huschte zum nächsten Bild.
M oder auch Matt + Mello genannt. Matt hatte ich ja bereits in natura gesehen. Sein echter Name Mail Jeevas war mir ebenfalls schon bekannt. Mello hatte mittellange blonde Haare und eisblaue Augen. Ihre Ausstrahlung war wie Tag und Nacht. Während Matt freundlich und nett in die Kamera grinste, sah Mello sehr finster und angepisst aus, wenn man es so sagen durfte. Ich gluckste kurz und schob mir noch eine Erdbeere in den Mund. Diese Zwei sollen zusammen arbeiten? Das konnte ich mir gar nicht vorstellen.
Mello's Name war Mihael Keehl, doch ich sah noch Etwas anderes. Ich blinzelte und schaute mir noch einmal die Bilder von Matt und Mello an. Ich riss die Augen auf und erstarrte. Beide werden am gleichen Tag sterben! Was hatte das zu bedeuten?! Schnell versuchte ich mich zu beruhigen, denn ich wollte nicht, dass L etwas davon mitbekam.
„Und diese Drei sind aktuell, neben dir, aktiv ja?", fragte ich neugierig und mit gelassener Stimme.
„ Jetzt ja… und um nun auf meine Aussage einzugehen, warum dies alles mehr als schlecht ist… Mello und Matt sind auf den Fall angesetzt worden, in dem du der Mörder bist. Findest du es da nicht sehr komisch, wieso gerade Matt hier aufkreuzt?"
Ich erschrak, verschluckte mich nun doch an der Erdbeere und hustete. L klopfte mir auf den Rücken und lachte.
„Ich nehme dir schon nichts weg."
„Verdammt… das ist wirklich schlecht… aber woher wusste er, dass du dieses Haus bewohnst und ich bei dir bin? Wieso sollte man mich überhaupt mit dir in Verbindung bringen? Das ergibt gar keinen Sinn!", teilte ich L entsetzt mit und griff nach der letzten Erdbeere.
„Das weiß ich noch nicht…", er schnappte sich die Erdbeere aus meiner Hand und schmiss sie sich blitzschnell in den eigenen Mund.
„Aber wir sollten das Rätsel schnell lösen, bevor es zu spät ist."
