Fünfter Teil: Flüchtig und bezwingend
Kapitel 24:
„Der Potty ist ein armer Hund …"
In London hatte es geregnet, und der kalte Dunst, der von den Straßen aufstieg, legte sich wie klammes Bettzeug auf Harrys Gesicht, als Mr Weasley und er endlich vor der Tür des alten Hauptquartiers standen. Das Licht der Straßenlampen reichte gerade weit genug, dass sie den Stapel Zeitungen vor der Haustür entdeckten, bevor sie darüber stolperten.
„Der Prophet! Bill hätte ihn für diese Woche abbestellen sollen", sagte Mr Weasley bedrückt und hob die Zeitungen auf. „Erstaunlich, dass die Eulen nicht die Geduld verloren haben!"
Die Tür gab ein hohles Quietschen von sich, als sie eintraten. Im Flur schien es noch kälter als draußen zu sein. Mr Weasley entzündete alle Lampen und betrachtete kopfschüttelnd das Loch in der Wand, wo Ron und Harry das Porträt von Mrs Black abgelöst hatten. Schließlich wandte er sich zu Harry um. „Ich habe es zwar selbst vorgeschlagen, aber vielleicht war das Hauptquartier doch keine so gute Idee. Willst du nicht lieber mit in den Fuchsbau kommen?"
„Nein, ist schon in Ordnung so", erwiderte Harry lahm. Das Apparieren eben hatte ihm den Rest gegeben nach diesem endlosen, verwirrenden Tag. Er wollte nur noch allein sein. Nachdenken vielleicht. Aber zuerst musste er schlafen. Und was das Haus anging – er hatte nicht vor, lange zu bleiben.
„Wann kommt Ron denn wieder raus aus dem St. Mungo?", fragte er, während er Mr Weasley zur Küche hinunter folgte.
„Oh, eigentlich hätte er gestern schon wieder zu Hause sein sollen. Dann haben sie verdächtige Pusteln auf seinen Armen entdeckt, und jetzt muss er bleiben, bis die weg sind." Auch Mr Weasley klang ungewohnt erschöpft. Als er Harrys erschreckten Blick sah, beeilte er sich zu erklären: „Nein, nein, keine Drachenpocken! Ron meint, es käme vom Knoblauch. Er war ziemlich wütend gestern, aber Heiler Purgatorius nimmt das alles sehr genau. Es kann noch ein paar Tage dauern –"
Harry unterdrückte ein Seufzen. „Kann man da vielleicht irgendwie mit ihm reden?"
„Nur über die Sprechmuscheln. In die Quarantäne-Abteilung wird niemand eingelassen. Ron hat uns schon gesagt, dass er unbedingt mit dir reden will, aber er wollte über die Muscheln nichts sagen und auch keinen Brief schreiben."
Vielleicht hatte Mr Weasley von seiner Frau den Auftrag bekommen, die Vorräte zu kontrollieren, um sicher zu gehen, dass Harry nicht verhungerte, auf jeden Fall inspizierte er die Küchenschränke – die ziemlich leer waren – und zog schließlich aus einem Winkel zwei Körbe hervor.
„Und Bill?", fragte Harry, obwohl er das Gefühl hatte, sich heute einfach keine weiteren Sorgen mehr machen zu können.
„Harry, ich weiß es leider auch nicht. Ich werde gleich ins St. Mungo apparieren. Sobald ich sicher bin, dass du einigermaßen versorgt bist." Er untersuchte den Inhalt der Körbe, der Harry nicht gleichgültiger hätte sein können.
„Wenn er aufwacht, wenn er wieder spricht – bitte, sagen Sie mir dann direkt Bescheid?", bat er. „Ich muss unbedingt mit ihm reden. Es ist wichtig."
Mr Weasley hatte eine verschlossene Schüssel nach der anderen aus dem Korb genommen und auf den Küchentisch gestellt. Jetzt wandte er sein bekümmertes Gesicht wieder Harry zu. „Sollten wir auch davon wissen? Wenn es wichtig ist?"
Harry schüttelte den Kopf. „N-nein. Es ist – es hat nichts mit seiner – seiner Krankheit zu tun, verstehen Sie –" Ganz wahr war das eigentlich nicht. Aber Harry konnte unmöglich mit Bills Vater über dieses Medaillon sprechen. Die Weasleys hatten schon genug Sorgen. Diese eine spezielle Sorge würde nur ihn belasten.
„Natürlich halten wir dich auf dem Laufenden. Molly sagte, sie will dir das Essen schicken, da ist immer auch Platz für ein Briefchen, denke ich. Gut übrigens, dass sie das hier nicht sieht." Er tippte auf ein Bündel braun gewordener Bananen, das er eben aus dem zweiten Korb hervorgeholt hatte. „Das müssen wohl die beiden Körbe sein, die sie Bill am Sonntagabend noch mitgegeben hat, nach seinem Geburtstagskaffee."
„Dann hat er sie hier aber völlig vergessen", sagte Harry überrascht. „Ich seh sie jetzt nämlich zum ersten Mal."
„Ja – an seinem Geburtstag kam er mir auch schon etwas geistesabwesend vor", murmelte Mr Weasley unglücklich. „Wenn wir doch nur gewusst hätten – aber das hat jetzt keinen Sinn. Gut, Harry – diese Körbe nehme ich wohl besser mit, da wird sich nicht mehr viel Essbares drin finden lassen, obwohl Molly offensichtlich Kühlschüsseln verwendet hat – aber nach einer Woche … Aber halt, was ist das denn – da liegt ja ein Brief drin! An dich, Harry!"
Harry nahm verwirrt den Umschlag entgegen. Die Schrift erkannte er sofort. „Der ist von Hermione! Wie kommt er denn bloß da rein?"
„Bei uns ist er nicht angekommen. Ist ja auch an den Grimmauldplatz adressiert."
„Vielleicht – vielleicht wurde er gerade gebracht, als Bill am Sonntagabend hierher zurückkam?", überlegte Harry. „Vielleicht wollte er ihn mir noch geben und hat's vergessen, genau wie die Körbe!"
Was für ein seltsamer, blöder Zufall! Da hatte sie ihm also sogar noch geschrieben, bevor Bill und er nach Hogwarts aufgebrochen waren! Unschlüssig drehte er den Umschlag in den Händen.
„Harry, ich muss los! Molly wartet auf mich. Glaubst du, du kommst heute Abend hin mit Tee und der Dose Würstchen da?"
„Aber klar, machen Sie sich bloß um mich keine Sorgen. Ich hab sowieso keinen Hunger."
„Ich lasse dich nicht gern allein hier, das ist nicht gerade ein Zuhause! Wenn du es dir anders überlegst – im Fuchsbau bist du jederzeit willkommen."
„Danke, Mr Weasley. Und ich komme wirklich zurecht."
Mr Weasley hatte die Körbe wieder bepackt und ging nun die Treppe hinauf. Harry folgte ihm in den Eingangsflur, in Gedanken schon bei diesem Brief und den Überraschungen, die der nun wieder enthalten mochte … Dabei fiel ihm etwas ein. „Haben Sie schon mal von einem – äh – Clavicustos gehört?"
Rons Vater dachte schweigend nach, bis er vor der Haustür stand. „Ah – jetzt fällt es mir ein – du musst entschuldigen, ich bin heute nicht sehr bei der Sache, fürchte ich. Ja, der Clavicustos, das ist der Titel eines Mitglieds des Wizengamots, richtig? Etwas Traditionelles – ist das nicht derjenige, der heute noch die Türen zum Gerichtssaal öffnet?" Er strich sich über das schüttere Haar. „Zur Zeit dürfte das – Moment, ja, das müsste Helena Prank sein, wenn mich nicht alles täuscht. Aber du hast doch hoffentlich nicht vor, einen weiteren Ausflug ins –"
„Nein, nein!", unterbrach Harry hastig. „Ich hatte nur das Wort gehört – irgendwo – ich wollte nur wissen, was es bedeutet." Ein Beamtentitel?! So was konnte Sirius doch unmöglich gemeint haben.
„Tja, also dann, Harry – auf bald! Und denk dran: Nicht aus dem Haus gehen! Sonst kommst du nicht mehr herein!"
„Ja, klar. Danke, dass Sie mich hergebracht haben. Hoffentlich ist Bill bald wieder –" Aber für Worte war diese Sorge einfach zu schwer. Und eine blöde Floskel brachte er nicht über die Lippen. Mr Weasley nickte nur und verschwand auch schon.
oooOooo
„Lieber Harry,
Ginny hat mir gestern erzählt, wo Du jetzt bist. Stimmt es denn, dass Scrimgeour Dich jagt? Wie kann er nur auf so eine Idee verfallen! Und warum überhaupt?! Aber wenigstens kann er dich dort nicht finden.
Harry – ich habe immer wieder mal über Dein Problem nachgedacht und nach Lösungen gesucht. Bisher habe ich leider nichts gefunden, was Dir wirklich weiterhelfen könnte. Aber mir ist da ein Buch in die Hände gefallen, „Weelibits Kleines Handbuch zur Fluchheilkunde" (das übrigens ziemlich scheußliche Abbildungen hat) – darin solltest du dir auf jeden Fall mal das Kapitel „Rückschlagende Zauber und magischer Ausgleich" ansehen. (Ich habe das Buch leider nicht selbst, sonst würde ich es dir gleich mitschicken.)
Also, in diesem Kapitel schreibt Weelibit, dass es eine Gruppe von schweren Flüchen und Zaubern gibt, bei denen der Anwender Gefahr läuft, sich selbst zu verletzen, auch wenn der Zauber gelingt. Anscheinend brauchen diese Zauber so viel Kraft, dass sie den, der sie ausspricht, förmlich aussaugen. So schwere Folgen wie bei Dir scheint Weelibit nicht zu kennen, aber er nennt andere Schäden – Stummheit, Blindheit, Taubheit, Lähmungen. Manchmal scheinen die Opfer sogar den Verstand zu verlieren. (Übrigens sind alle diese Zauber, die Weelibit als Auslöser eines solchen Rückschlags nennt, verboten.)
In manchen Fällen scheint es zu helfen, wenn der Geschädigte den Zauber zurücknimmt – aber dazu muss er dann ja erst einmal imstande sein. In anderen Fällen verlor sich die Wirkung dieses Zauber-Rückschlags allmählich, vor allem, wenn derjenige, gegen den sich der ursprüngliche Zauber richtete, inzwischen gestorben war.
Ja, das Kapitel ist beängstigend, weil es einem so wenig Hoffnung macht. Aber, Harry, Weelibit kannte Deinen beziehungsweise Snapes Zauber ja nicht, und er nennt auch nichts Vergleichbares. Trotzdem glaube ich, dass Dir dieses Kapitel dabei helfen kann zu verstehen, was mit Dir damals eigentlich passiert ist. Und das wäre doch immerhin ein Anfang! Danach könnte es vielleicht nützlich sein, mit einem erfahrenen Heiler zu sprechen.
Morgen reise ich mit der Quidditch-Mannschaft nach Durmstrang und komme erst am zwölften Dezember wieder. Danach würde ich Dich wirklich gerne treffen.
Bitte, gib nicht auf, verliere nicht den Mut – und sei weiterhin vorsichtig! (Ich glaube, Du hast Recht, wenn Du Dich vor Scrimgeour in Acht nimmst. Man kann ihm nicht trauen. Seit er Minister ist, ist er immer opportunistischer geworden.)
Hermione"
Harry warf den Briefbogen auf den Teppich und sprang auf. In diesem Moment wäre er am liebsten vor die nächste Wand gerannt.
Hermione! Vor der er gerade ein weiteres Mal davongelaufen war –
Und dieser Brief hatte schon hier gelegen, als Bill und er am Montag zu diesem unglückseligen Hogwarts-Besuch aufgebrochen waren! Während der ganzen Zeit, in der er geschwankt hatte, ob er sie nun endlich wiedersehen wollte oder vielleicht lieber doch nicht, hatte sie schon nach Lösungen für seine Probleme gesucht –
Wie immer. Immer hatte sie das gemacht. In all den Jahren hatten seine Freunde sich immer wieder so selbstverständlich um seine Schwierigkeiten gekümmert. Sogar während er sein altes Leben verlassen und vergessen hatte, während an die Stelle seiner Erinnerungen, seines Denkens mehr und mehr das Rundherum von Kravics Kinderkarussell getreten war, hatte Hermione weiterhin die Bücher gewälzt –
Und jetzt – jetzt bin ich auch noch abgehauen, bevor ich ihr wiederbegegnen konnte. Eigentlich wollte ich doch nur nach Hogwarts, um mit ihr zu reden. Stattdessen hab ich mich von dieser Wasserfrau –
Das Schlimmste daran war, dass er das gewollt hatte, und nichts hätte ihm deutlicher vor Augen führen können, wie vergänglich Liebe war – wie austauschbar, wie leicht zu ersetzen diejenigen waren, die man zu lieben glaubte. Dumbledores großes Mysterium Liebe – das konnte er in der Pfeife rauchen! Die Begegnung in diesem Waldtümpel – die mit Liebe doch so gar nichts zu tun gehabt hatte! – hatte Hermione dennoch aus seinen Sinnen verdrängt, völlig und unwiederbringlich, und er wusste es. Wie hätte er nach so was mit ihr sprechen sollen?! Später vielleicht – wenn das alles ein bisschen vergessen war –
Nach zwei, drei Runden durch den Salon hob er endlich den Brief auf und legte ihn zu den anderen Dingen, die er schon auf seinem Schreibtisch versammelt hatte: Neben Dumbledores Brief und dem Pergamentröllchen mit der Namensliste lagen dort auch die Black-Chronik und die Schatulle mit Fotos und Briefen von Sirius' Mutter. Und schließlich der Block, auf dem er vor zehn Tagen – einer Ewigkeit! – eine eigene Liste hatte beginnen wollen, aber nicht über die Worte Tabula Rasa hinausgekommen war. Vorhin hatte er als weitere Stichworte Tarnumhang, Clavicustos und die Namen Isabella Lovegood, Peregrinus GarlickeundArkturius darunter geschrieben. Jetzt fügte er noch Weelibit hinzu.
Seine Aufgaben für die nächsten Tage. Er wollte zumindest ein bisschen Ordnung in das Chaos bringen, das in seinem Kopf, in seinem Leben herrschte. Und dabei würden ihm die bis zur Decke reichenden Regale mit den Büchern der Blacks helfen. Deshalb war er überhaupt noch einmal hierher zurückgekommen.
oooOooo
Seltsame Tage. Vor den hohen, schmalen Fenstern Londoner Regengrau, die fernen Geräusche der Großstadt, vorbeifahrende Autos, gedämpftes Sirenengeheul, Flugzeuge. Und hier drinnen die Stille, die täglich zweimal unterbrochen wurde: Morgens warf eine missgelaunte Eule den Tagespropheten gegen die Haustür und wartete schon gar nicht mehr darauf, dass er sie bezahlte oder ihr gar irgendeinen Leckerbissen mit auf den Weg gab. Und jeden Abend, wenn es dunkel geworden war, kam Hedwig und brachte ihm ein Päckchen mit Essensvorräten und kleine Zettel, auf denen Mr oder Mrs Weasley ihm den – stets unveränderten – Stand der Dinge mitteilten.
Dazwischen lag ein Tag, eine Nacht voller Stille. Nach und nach bekam Harry das Gefühl, auf einer einsamen Insel zu leben, auf der er nur durch Briefchen und Zeitungen eine Verbindung zur Außenwelt aufrechterhielt.
Den Propheten las er täglich vom Leitartikel bis zur letzten Anzeige durch, während er, allein am langen Küchentisch, um den sich früher der Phönixorden versammelt hatte, Mrs Weasleys Essen in sich hineinmampfte. Am stärksten berührten ihn die Anzeigen – da warb etwa Qualität für Quidditch in der Winkelgasse damit, dass der neue Phoenix Booster 99 pünktlich zum Weihnachtsgeschäft in den Laden kommen werde. „Repariert sich selbst im Flug!"
Es gab eine eigene Inseratspalte, in der die verrücktesten Dinge im Tausch gegen eine Karte für das Silvester-Konzert von The Horcrux geboten wurden (Pit Ferocious-Autogramme zum Beispiel und signierte Metallspäne seines Sousaphons schienen begehrte Tauschobjekte zu sein, aber auch ein gut erhaltener, sozusagen antiker Feuerblitz oder eine Abonnement-Karte für die kommende Quidditch-Weltmeisterschaft wurden da angeboten – Harry konnte es nicht fassen.)
Ihm entging nicht die kurze und beinahe versteckte Notiz, wonach Gustaf Cucudi, der Leiter der Mysteriumsabteilung, auf unerklärliche Weise verschwunden und nun in Abwesenheit seines Amtes enthoben worden war.
Er nahm zur Kenntnis, dass die Holyhead Harpies mit einer Schwangerschaftswelle geschlagen waren, und nach Hilary Tibbs und Marala Padmanabhan jetzt mit Katrina Peabody die dritte Spielerin in Folge angekündigt hatte, ab Januar für eine entsprechende Weile leider nicht mehr zur Verfügung zu stehen.
Und er suchte mit Vergnügen das nächste Puzzlestück in der täglich neu gestalteten Anzeige, mit der Weasleys Zauberhafte Zauberscherze für das große, von ihnen organisierte Winkelgassen-Silvesterfest warb (wenn man die Teile für ein komplettes Bild zusammenhatte, konnte man Freikarten gewinnen).
Wenn er mit dem Essen fertig war, faltete er die Zeitung stets mit einem Gefühl von Heimweh zusammen. Und machte sich wieder an seine Arbeit.
In seinen Zimmern war der Verfall noch am wenigsten zu spüren, wenn man von dem Gobelin mit dem Black'schen Familienstammbaum absah. Als er entdeckte, dass die Mäuse nicht nur dahinter wohnten, sondern ihn auch an allen Ecken und Enden anknabberten und die ehrwürdigen Namen zur Auspolsterung ihrer Nester verwendeten, fühlte er um Sirius willen tiefe Befriedigung. Das hätte ihm gefallen.
Seine Freunde fehlten ihm, aber die Stille hier, zwischen dem verblassenden Grüngold der Tapeten, war nicht länger sein Feind. Vor zwei Wochen noch hatte er sich davon erdrückt gefühlt; jetzt half sie ihm, sich zu konzentrieren. Hier saß er auf dem Fußboden, von Bücherstapeln umgeben, die er aus den meterhohen Regalen ringsum geräumt hatte, und suchte sich zum ersten Mal in seinem Leben selbst einen Weg durch das Labyrinth der Bücher – fragend, unsicher, mal mitgerissen, mal gelangweilt, manchmal abgestoßen, nahm falsche Abzweigungen, ließ sich ablenken von Dingen, von denen er bis dahin nie gehört hatte, biss sich hartnäckig durch altertümliche, kaum verständliche Texte, ärgerte sich über fehlende Seiten und Löcher im Papier und kehrte doch immer wieder entschlossen zu seinen Fragen zurück.
Er fing mit der Suche nach dem Buch an, das Hermione ihm empfohlen hatte. Das musste, wie ihm rasch klar geworden war, dasselbe sein, das auch die Harper ihm genannt hatte. Bei ihr hatte es allerdings nicht so geklungen, als würde die Lektüre ihn weiterbringen. Eine Gelegenheit, das selbst herauszufinden, bekam er aber nicht, denn unter den Büchern der Blacks war es jedenfalls nicht zu finden. Und die hatte er am Mittwochabend zum weitaus größten Teil zumindest einmal angesehen (an die obersten Regalreihen, dicht unter der Zimmerdecke, kam er ohne Leiter – oder die Hilfe eines Zauberers – fürs Erste nicht heran).
Die Ausbeute dieser Leserei fiel sehr unterschiedlich aus. Über Tarnumhänge hatte er vor allem eines herausgefunden: Um sie zu zerstören, brauchte es kein geheimnisvolles Maschinchen. Wanda Armiger betonte in ihrem Werk Defensive Bewaffnung im Gegenteil die besondere Empfindlichkeit des Gewebes, das vor allem sehr feueranfällig sei. Weil Harry davon ausging, dass Dumbledore so etwas auf jeden Fall gewusst hatte, konnte das also nur heißen, dass sein Umhang kein gewöhnlicher Tarnumhang war – und das hatte er ohnehin schon geahnt. In den Stunden, in denen er über den Puzzlestücken grübelte, die er da in der Hand hielt, hatte er die Theorie entwickelt, dass Dumbledores Liste die Namen derjenigen nannte, die vor ihm im Besitz jener unbekannten Macht gewesen waren. Was aber war das Einzige, das sein Vater an ihn weitergegeben hatte? Eben der Tarnumhang! Wenn er früher überhaupt über dessen Herkunft nachgedacht hatte, dann war er einfach davon ausgegangen, dass er wohl ein Familienerbstück war. Aber vielleicht traf das ja nicht zu. Vielleicht hatte sein Vater ihn von Peregrinus Garlicke bekommen – vielleicht hatte er vorher all den Leuten auf dieser Liste gehört! Harry fand die Idee zwar etwas gewagt, aber auch sehr überzeugend.
Im Handbuch zeitgenössischer Magier machte er dann eine unerwartete Entdeckung, die ihn in seiner Überzeugung noch bestärkte: Nachdem er sich durch Hunderte von Seiten gekämpft hatte, fand er ganz unten auf einer Seite einen „P. Garlicke, 1869 bis 1971", und über den hatte das Handbuch folgende aufregende Information: „… setzte erstmals den Rostfarbigen Narwalkäfer zur Heilung innerer Erkrankungen ein. Lebte und arbeitete als Heiler in Godric's Hollow." So sehr er, angespornt durch diesen Erfolg, auch weitersuchte – er fand weder Isabella Lovegood noch irgendeinen der anderen Namen von der Liste, soweit diese überhaupt lesbar waren.
Was den Clavicustos betraf, so hatte er schließlich sogar mehr, als er brauchen konnte. In einer Kinderbuchreihe (die ganz bestimmt Hermione damals hier eingeräumt hatte) stieß er auf Frag und lausche: Unser Ministerium. Dieses Buch bestätigte, was Mr Weasleys ihm schon gesagt hatte: Der Clavicustos, der heute noch den Gerichtssaal öffnete, war einmal der Bewahrer der Ministeriumsschlüssel gewesen – „ein uraltes Ehrenamt, das bereits auf den Magischen Rat zurückgeht, aus dem sich unser heutiges Ministerium entwickelt hat", wie die muntere Frauenstimme verkündete, mit der sich Frag und lausche artikulierte.
Einen Clavicustos entdeckte Harry aber auch in dem Wälzer über Wahrsagekunst, den er durchblätterte – hier war das eine bestimmte Figur, nach der man in den Teeblättern oder im Kaffeesatz suchte, und die wiederum entsprach einem gleichnamigen Sternbild. Und zu guter Letzt stieß er in einer gruseligen Sammlung von Zaubertrankrezepten noch auf eine parasitär lebende Schneckenart, die Clavicustos oder auch Clavicustoli genannt wurde …
Schlüsselbewahrer, das schien ja eigentlich ganz verheißungsvoll, zumal Dumbledore geschrieben hatte, dass die geheimnisvolle Macht ihm, Harry, Zugang zu einem Mysterium verleihe … Harry sah durchaus Zusammenhänge – aber letztlich ließen sich die losen Enden dann doch nicht zusammenbringen. Er war doch immerhin ganz sicher niemals Inhaber eines Amtes im Wizengamot gewesen. Sirius musste etwas anderes gemeint haben.
Da es hier erst einmal kein Weiterkommen gab, machte er sich an den nächsten Punkt auf seiner Fragenliste: Arkturius.
Arkturius – eine winzige Signatur auf Dumbledores Maschinchen. Und die schien zum zweiten Mal seine Probleme mit Rons Arbeit in Verbindung zu bringen. Die wenigen Male, die Ron von seiner Ausbildung in der Aurorenzentrale erzählt hatte, hatte Harry ganz genau und nicht ohne Neid zugehört. Er hätte so gern selbst dort … aber gut, dieser Zug war nun mal abgefahren. Auf jeden Fall hatte er deshalb noch sehr genau in Erinnerung, wie sie von jenem nicht näher erläuterten „Zirkel" in der Black-Chronik schließlich auf den Arkturischen Zirkel gekommen waren, mit dem sich die Auroren gerade wieder befassten. Dieser Zirkel interessierte sich angeblich etwas zu sehr für streng verbotene Zeitexperimente – und damit war wiederum die Mysteriumsabteilung in Verdacht geraten. Ein Verdacht, den Harry hätte bestätigen können – bei seinem heimlichen Ausflug in die Abteilung war er ja selbst in ein solches Experiment hineingestolpert.
Laut Ron benannte sich der Zirkel nach demselben Arkturius, von dem Harry ebenfalls in der Mysteriumsabteilung zum ersten Mal gehört hatte.
„Arkturius mit der Perle", murmelte Harry, während er in Großbuchstaben Arkturischer Zirkel auf seinen Block schrieb. „Die Perle des Arkturius – das Dingsbums, das angeblich eine Zeitmaschine war –"
Vermutlich hatte Rons Neuigkeit, die er Harry so unbedingt erzählen wollte, etwas mit dem Zirkel zu tun. Auch wenn man kein Schüler der Aurorenakademie war, konnte es nicht schaden, diese Sache ein bisschen zu verfolgen. Zeit hatte er im Augenblick ja genug.
Als Harry sich daran machte, seine Bücherstapel danach zu durchforsten, spürte er noch einmal eine Woge heißer Sehnsucht nach seinem alten Leben. Eigentlich hätte er jetzt bei diesen Auroren sitzen und irgendwelche Verschwörungen aufspüren sollen …
„Na ja, wahrscheinlich würd ich dann jetzt auch in der Quarantäne-Station die Drachenpocken aussitzen", sagte er zu sich selbst. „Und da ist mir sogar diese Bude hier lieber."
Obwohl die Blacks doch anscheinend seit vielen Generationen dem Zirkel angehörten, gab es hier zu diesem Thema aber kein einziges Buch. Harry las und blätterte stundenlang, bis er endlich in einem finsteren Werk namens Machtspiele tatsächlich ein paar Sätze fand. Er überflog, was er schon von Ron gehört hatte – uralter Geheimbund, der Idee vom reinen Zaubererblut verpflichtet und unter anderem deshalb seit dem Jahr 1982 verboten. Über seine sonstigen Ziele schien wenig bekannt zu sein; man vermutete allerdings eine Reihe von bizarren Plänen, darunter vor allem die systematische Unterwanderung der Muggelwelt und ihre Übernahme durch Zauberer, was durch die Herstellung neuartiger tödlicher Gifte und Waffen, die wie auch immer vorgestellte Kontrolle über die Kräfte der Zaubererwelt sowie entscheidende Korrekturen der Vergangenheit erreicht werden sollte. Harry musste grinsen und schaudern zugleich, als er diese Auflistung las.
Ein Arkturius wurde in diesem Buch nicht einmal erwähnt. Er entdeckte ihn schließlich in einem Werk namens Zauberei im Zwielicht: Historie und Legende berühmter Persönlichkeiten von Merlin bis heute (wobei „heute" Ende des letzten Jahrhunderts gewesen war). Neben Arcturius van der Brag, einem berüchtigten Massenmörder des siebzehnten Jahrhunderts, der sich selbst als Cruciatus-Künstler sah, ließ Harry auch Arktur Bullenberg beiseite (der über seinen Kompositionen für Geisterorchester den Verstand verloren hatte) und fand endlich „Arkturius den Reisenden", dem man neben einigen anderen Geräten vor allem die Erfindung einer Maschine zuschrieb, mit der er sich in der Zeit habe bewegen können. Das war ihm anscheinend so gut gelungen, dass es über seine tatsächlichen Lebensdaten keine gesicherten Kenntnisse gab; man war aber wohl übereingekommen, seine eigentliche Lebenszeit im zwölften Jahrhundert und seine Herkunft irgendwo aus dem Osten anzunehmen. Er musste allerdings weit herumgekommen sein, wie Harry feststellte, als er die winzigen Abbildungen neben dem Text betrachtete. Auf denen war angeblich jene „Perle", der eiförmige Zeitenwandler des Arkturius zu sehen, und wie Bill damals schon gesagt hatte, waren solche Darstellungen anscheinend sogar in altägyptischen Grabkammern gefunden worden. Eine faszinierende Vorstellung.
Mindestens genauso faszinierend fand Harry aber die Information, dass Arkturius, glaubte man den zahlreichen Legenden, nicht nur die Beschreibungen seiner Reisen, sondern auch die Baupläne seiner Geräte in seinen Schriften niedergelegt hatte. Diese Schriften waren jedoch unglücklicherweise noch im zwölften Jahrhundert auf Nimmerwiedersehen verschwunden …
Seitdem flamme das Interesse an dieser Thematik in unregelmäßigen Abständen immer wieder einmal auf, so schrieb der Verfasser von Zauberei im Zwielicht ein wenig abfällig, ganz so, wie das auch bei anderen Wunderdingen wie etwa dem Stein der Weisen, dem Jungbrunnen und dem Elixier des Lebens der Fall sei, und die daraus sich ergebenden, meist völlig planlosen Untersuchungen hätten vor allem zur Folge, dass der Geschichte immer weitere legendäre Einzelheiten hinzugefügt würden.
Der Regen tickte sacht und einschläfernd gegen die Fensterscheiben, aber Harry war wie elektrisiert.
Dieser Arkturius war also wirklich ein Gerätebauer gewesen! Und Dumbledore hatte zumindest ein Gerät von ihm besessen … ob dieser Schriftzug vielleicht auch noch auf anderen seiner seltsamen Maschinchen zu finden war? Harry ließ Zauberei im Zwielicht auf den Teppich plumpsen. Ob vielleicht sogar – aber nein, das war dann wohl doch – obwohl, wieso eigentlich nicht – die Frage musste man sich jedenfalls stellen –
Also – was, wenn diese eine, ganz spezielle Maschine des Arkturius ebenfalls in Dumbledores Büro gelandet wäre – auf welchen seltsamen Wegen auch immer?! Wenn sie dort unerkannt, unentdeckt herumgestanden hätte – seit Jahrzehnten vielleicht – möglicherweise sogar noch immer dort stand?! So etwas zu besitzen, hätte zu Dumbledore gepasst, oder?
Er schluckte und verschluckte sich fast. Halt, Quatsch – das ist totaler Blödsinn – wenn er diese Maschine gehabt hätte, dann hätte er all das nicht einfach geschehen lassen! Hätte er doch nicht, oder?! Nein. Niemals. Unvorstellbar.
Langsam entspannte er sich wieder, und seine Gedanken begannen erneut zu schweifen.
Eine Zeitmaschine … So was könnte ich auch brauchen, dachte er. Eine Zeitmaschine … ich würde zurückkehren – und alles anders machen –
Allerdings – was? Was genau würde ich anders machen? Und wie? Wenn ich das Tabula Rasa nicht mehr verwenden will – was dann –?
Seine Fantasie stürzte sich kopfüber in den schwindelnden Abgrund, der sich dem Verstand öffnet, wenn man ihm die Möglichkeit bietet, die eigene Vergangenheit zu korrigieren –
Es war zu viel, zu verwirrend, ja, irgendwie auch zu verboten. Eigentlich war er fast dankbar, dass er keine solche Maschine zur Verfügung hatte. Und vielleicht hatte es so etwas auch gar nicht wirklich gegeben. Vielleicht war Arkturius ja auch einfach nur ein Erfinder seltsamer Geräte gewesen. Der Autor von Zauberei im Zwielicht schien das Thema jedenfalls mit unüberhörbarer Ironie abzuhandeln –
Aber ganz überzeugt war Harry nicht. Er versuchte sich an den Namen des Mannes zu erinnern, der die Zeitglocke für die Mysteriumsabteilung geschaffen hatte. Der hatte doch angeblich auch eine Zeitmaschine gebaut – war dafür sogar nach Azkaban gebracht worden und dort gestorben. Irgendwas musste also doch wohl an der Sache dran gewesen sein. Wer weiß, vielleicht waren ja Arkturius und dieser Mann – Caducus Fugit, jetzt fiel es ihm plötzlich wieder ein – dieselbe Person! Wenn beide in der Zeit reisen konnten –
Er versuchte den Gedanken zu verfolgen, aber das endete in völliger Verwirrung, und schließlich gab er auf. Und doch pickte auf einmal wieder ein Satz an seinem Bewusstsein, den er schon fast vergessen hatte – und was ist, wenn es nur geht, indem man den Zauber von damals rückgängig macht? Bills Stimme.
Überhaupt – die Stimmen … In der Stille des toten Hauses konnten sie sich im Lauf der Tage wieder vernehmlich machen, all die Stimmen, die in den vergangenen Monaten und vor allem in Hogwarts so rasch an ihm vorbeigerauscht und schließlich untergegangen waren in den Ereignissen.
Da war Harper, die meinte, er müsse sich abfinden. Sie hatte noch ein paar andere Sachen gesagt, aber nichts, das er unbedingt hatte hören wollen. Und nichts, das ihn irgendwie weiterbrachte.
Hagrid, der ihn eigentlich nicht anders behandelt hatte als früher, glaubte immer noch an die alten Autoritäten. Hatte ihm geraten, mit Dumbledore zu sprechen oder mit McGonagall.
Dann war da Dumbledore selbst, dessen Stimme so unerwartet aus den Zeilen eines Briefes heraus erklungen war. Dumbledore, der immer noch mehr über ihn zu wissen schien als er selbst und der die Dinge noch über seinen Tod hinaus über seinen, Harrys, Kopf hinweg zu regeln versucht hatte.
Und dann schließlich, am sonderbarsten und schmerzlichsten von allen, Sirius. Sirius, den er lang gesucht und dann dort gefunden hatte – im Land der Verlorenen, wie er es selbst genannt hatte. Sirius, der ihn für tot gehalten und ihm den Titel eines Ministeriumsbeamten verliehen hatte. Der vielleicht nicht einmal ganz begriffen hatte, dass es Harry war, der vor ihm stand – und nicht dessen Vater.
Hier, in Sirius' Elternhaus, in dem oben noch die Kisten mit seinen Sachen standen, hier, wo sein Name aus dem Stammbaum wie aus der Chronik gelöscht worden war, hatte Harry bisher sorgfältig vermieden, allzu genau über die seltsame Begegnung nachzudenken. Da war etwas nachhaltig Verstörendes dran gewesen, etwas, das ihn frösteln ließ und verunsicherte.
Nein, Sirius hatte irgendwann verstanden, dass er Harry vor sich hatte und nicht James – da war Harry ganz sicher. Aber so wie Harry das Gefühl gehabt hatte, einem ihm unbekannten Sirius gegenüberzustehen, so schien Sirius seinerseits einen anderen Harry gekannt zu haben. Na ja, nicht wirklich einen anderen – auch jener Harry war ja James' Sohn gewesen und Sirius' Patensohn, auch das Leben jenes Harry war offenbar bedroht von – ihm. Und doch waren da Einzelheiten – der Clavicustos, Sirius' Überraschung, ihn lebendig zu sehen, und seine seltsame Aussage, dass Peter immer loyal gewesen sei – bei denen Harry ein unheimliches Gefühl beschlich. Manchmal sagte er sich, dass es vielleicht nur ein Traum gewesen war – oder irgendein Zauber, der ihm das alles vorgegaukelt hatte. Aber das konnte er auch nicht glauben.
Von allen Stimmen war es jedoch eine, die ihn vorantrieb und ermutigte, während er sich in diesen einsamen Tagen durch den Bücherdschungel kämpfte, die ihn bestärkte, wenn er die spärlichen Informationen, die er dabei herausfilterte, ordentlich auf seinem Block notierte – und diese Stimme gehörte Hermione. Gib nicht auf, hatte sie geschrieben, verliere nicht den Mut!
In dieser Woche war allerdings weniger Mut als Geduld gefordert – und davon war nicht mehr viel übrig, als der Zettel, der am Donnerstagabend an die Schüssel mit Lammeintopf gepinnt war, endlich mit fetten, roten Buchstaben ankündigte, dass Ron am Samstag endgültig entlassen werden würde. Der Husten, mit dem Ron den Heiler nach den Pusteln irritiert hatte, war also wohl doch mal vergangen. Harry stürzte sich mit frischer Energie auf den Lammeintopf und spekulierte wieder einmal darüber, was Ron wohl zu berichten hatte. Dann fragte er sich plötzlich, was er seinerseits von seinen Erlebnissen Ron erzählen würde – und musste feststellen, dass er über das meiste eigentlich gar nicht reden wollte.
Aber wie auch immer – übermorgen war seine Zeit als Einsiedler hier jedenfalls vorbei! Samstag – wie ihm plötzlich einfiel, auch der Tag, an dem Hermione von Durmstrang zurückkehren würde –
oooOooo
Irgendwann dämmerte der Samstag dann herauf – ein Tag, der ganz anders werden sollte, als Harry sich das vorgestellt hatte.
Frühmorgens war der ewige Regen in Eisregen übergegangen, und in den Straßen draußen lärmte scheinbar ohne Unterlass das Sirenengeheul. Auch hier am Grimmauldplatz hatte es vorhin einen kleinen Aufruhr gegeben, weil ein Auto gegen den Eisenzaun eines Vorgartens geschlittert war – eine Abwechslung im Einerlei, die Harry von seinem Fenster aus ungesehen verfolgte. Danach wartete er weiter ungeduldig auf Ron und blätterte währenddessen noch einmal in der Black'schen Familienchronik. Wenn Ron über den Arkturischen Zirkel reden wollte, würde er gut vorbereitet sein. Aber Erkenntnisse oder Erleuchtungen hatte er nicht, während er da Seite um Seite zurückblätterte. Nur der kleine Schlüssel, der neben manchen Daten erschien und wie der Abdruck eines Siegelrings aussah, ließ ihn kurz innehalten. Den hatte er fast vergessen gehabt. Ein Schlüssel. Ein Schlüssel hier – ein Clavicustos da … Aber das war wohl wirklich an den Haaren herbeigezogen. Da fehlten alle Zusammenhänge.
Als er gerade wieder einmal gähnend in das Durcheinander um sich herum starrte, krachte es unten an der Haustür, als hätte jemand dagegen getreten. Sekunden später gab die Klingel einen müden Quäkton von sich, und Harry sprang auf. Er war noch nicht im Eingangsflur angekommen, als die Haustür schon geöffnet wurde und eine muntere Stimme hinaufrief: „Hey, Harry! Aufstehen!"
„Fred?"
„George, aber mach dir nichts draus. Ich werd immer gern für Fred gehalten." Der Zwilling mit Schal und Pudelmütze trampelte seine nassen Stiefel im Flur ab, dass die Tropfen nur so flogen. „Mum schickt mich, ich soll dich abholen."
„Hey –"
„Horniger Drachenknorpel, sieht diese Bude aus! Mann, wie hältst du das hier bloß aus?"
„Abholen?"
„Und ein Loch habt ihr auch in die Wand gehauen!", stellte George anerkennend fest. „Aber die Alte ist weg – gute Arbeit!"
„Wieso kommt Ron nicht selbst vorbei? Oh, sag jetzt bloß nicht, dass sie ihn doch nicht gehen lassen!", stöhnte Harry. „Länger warte ich hier nämlich nicht mehr!"
„Tschuldige, war gerade etwas abgelenkt!", sagte George mit einer Lässigkeit, die Harry nicht ganz echt erschien. „Nee, Ron kommt heute Vormittag raus, das steht wohl fest. Aber jetzt geht es um – also, heute Morgen ganz früh ist Bill kurz aufgewacht – sagt Mum. Hat die ganze Station in Aufruhr gebracht damit. Als die Heilerin endlich kam, war er aber schon wieder weg. Na ja. Jedenfalls ist Mum ganz sicher, dass er heute noch richtig aufwacht. Du wolltest wohl unbedingt mit ihm reden. Deshalb schicken sie mich jetzt, um dich abzuholen und ins St. Mungo zu bringen."
„Das ist ja –"
„Ja, das ist toll", sagte George, plötzlich ganz ernst. „Wenn sie Recht behält. Wir können's nur alle nicht richtig glauben. Es ist jetzt fast eine Woche – und die Heilerin – na ja, sie ist nicht gerade 'ne Stimmungskanone."
„Ich hol nur meine Jacke, dann kann es losgehen!" Harry, so urplötzlich aus der zeitlosen Stille seiner Einsamkeit gerissen, stolperte die Treppe wieder hinauf.
„Halt, nicht so hastig, James Pepperleaf!", rief George und kam hinterher. „Ich soll dich dran erinnern, dass du auf jeden Fall einen Schluck Veilchenblau nimmst! Und das hier – Dad meinte, damit siehst du unauffälliger aus."
Harry war stehen geblieben und verzog das Gesicht. „Veilchenblau – na klar. Ist noch genug oben von dem Zeug. Und was ist das da?"
„Ein hübscher kleiner Umhang", grinste George und schüttelte das gute Stück aus. Harry betrachtete das verblasste Schottenkaro und den feinen Ziersaum mit gemischten Gefühlen.
„Hat mal Perce gehört. Wir haben uns alle geweigert, so was anzuziehen, deshalb ist er auch so gut erhalten. Und hier, Mum schickt dir auch die Mütze hier – weil es heute so kalt ist, sagt sie."
oooOooo
Genau eine Viertelstunde später apparierten sie Seite an Seite vor der Backsteinfassade des Kaufhauses Reinig und Tunkunter mitten in London. Nach der Woche Einsiedlertum war die Landung im Samstagsgewühl der Einkaufsstraße geradezu ein Schock. Menschenmassen mit Regenschirmen und schweren Taschen hasteten unter vorweihnachtlichem Lichterschmuck hindurch, von dem es trist und gar nicht weihnachtlich tropfte. Es war kalt und nass und unbehaglich, aber für einen Moment sog Harry diese Atmosphäre tief ein – für einen Moment voller Sehnsucht nach der Freiheit dieser Straßen.
„Komm schon!", rief George und zog ihn mit sich durch das Schaufensterglas, bevor Harry sich auch nur fragen konnte, ob das wohl gelingen würde …
… und sie prallten mitten in einen Schwarm aufgeregter Frauen, die alle die gleichen lachsroten Umhänge trugen und in einem engen Kreis beieinander standen. Nicht freiwillig, wie Harry erkannte, als George und er sich endlich vorbeischlängeln konnten: Sie klebten an den Händen zusammen.
„Wir müssen in den dritten Stock", sagte George und ging an der langen Warteschlange vor der Auskunft vorbei. Harry starrte zu einer Tafel hinauf, die unter dem Leuchter schwebte. Anscheinend machte die Werbung selbst vor dem Krankenhaus nicht Halt, denn darauf war zu lesen: „Die Wunschwetterscheiben auf den Stationen sowie über dem Dachgarten wurden dem St. Mungo-Hospital von Mrs Narcissa Malfoy gestiftet." Als sie den dritten Stock erreicht hatten, kämpfte Harry immer noch mit der Erinnerung an die zerlumpte und halb verhungerte Gestalt, die damals neben Draco in den Thronsaal von Voldemorts Festung getaumelt war.
„Da sind wir", sagte George ein bisschen zu munter.
„Vergiftungen durch Zaubertränke und Pflanzen", stand an der Stationstür. Und darunter: „Chefheilerin: Pippa Padraic. Heiler im Praktikum: zur Zeit keiner."
Sie eilten durch den Korridor auf Mrs Weasley zu, die dort in demütiger Haltung dem Vortrag einer Heilerin lauschte. Die war dünn und sehr groß und hatte, wie Harry fand, etwas von einer schlecht gelaunten, limonengrünen Giraffe an sich.
„Mrs Weasley, es liegt mir wirklich fern, Sie entmutigen zu wollen", sagte sie gerade. „Aber ich beobachte Ihren Sohn jetzt seit einer Woche, und in dieser Zeit ist keinerlei Änderung seines Zustands eingetreten. Wir müssen uns mit dem Gedanken vertraut machen, dass das Lykanthrorevelin ihn – nun, dauerhaft geschädigt hat. Er hätte diesen Trank niemals nehmen dürfen! Wenn Sie meine Meinung dazu hören wollen – ich finde, Sie sollten die Verantwortlichen anzeigen!"
Mrs Weasley kämpfte schon wieder mit den Tränen. „Aber – aber er hat es freiwillig gemacht", flüsterte sie. „Und –"
„Dann wurde er außerordentlich verantwortungslos beraten! Wer verabreicht einem Patienten, der am Latenten Werwolfsyndrom leidet, ausgerechnet auch noch Lykanthrorevelin?! Entschuldigen Sie, aber so etwas will mir nicht in den Kopf!"
„Aber heute Morgen war er doch wach! Ganz bestimmt! Er hat mich angesehen! Ich bin ganz sicher, dass er mich erkannt hat!"
George und Harry waren inzwischen stehen geblieben, aber vorerst streifte der Blick der Heilerin nur gereizt über sie hinweg. „Das ist ja durchaus möglich, Mrs Weasley, ich will Sie ja auch ganz bestimmt nicht entmutigen. Ich möchte Sie nur davor bewahren, sich zu große Hoffnungen zu machen. Ihr Sohn hat keine erkennbaren körperlichen Schäden davongetragen, er sollte eigentlich längst wieder auf den Beinen sein. Dass er es nicht ist, dass er hingegen – soweit wir alle das sagen können – noch immer bewusstlos ist, das deutet leider auf eine Schädigung hin, die wir im Augenblick nicht einmal erkennen können. Im Klartext: Uns fehlt ein Ansatzpunkt für die Behandlung!"
„Guten Morgen", sagte George ziemlich gut gelaunt und lächelte seiner Mutter aufmunternd zu. „Er ist wohl noch nicht aufgestanden, was?"
Mrs Weasley schluchzte auf, und der Blick der Heilerin wurde noch ein paar Grade kühler. „Noch mehr Familie?", fragte sie skeptisch.
„Oh – noch nicht annähernd die ganze", erwiderte George frech und kassierte einen strafenden, wenn auch tränenverhangenen Blick seiner Mutter.
„Mein Sohn, Madam Padraic, und mein – mein Neffe! Er lebt zur Zeit bei uns – er wollte Bill auch einmal –"
„Sie sollten dem Patienten nicht zu viel zumuten, Mrs Weasley. Ich denke auch, dass dieser Krankensaal nicht ganz der richtige Ort für Kinder ist." Madam Padraic, die inzwischen aus ihrem Büro herausgekommen war, musterte Harry mit einem vernichtenden Blick. „Na gut. Ich werde später wieder nach Mr Weasley sehen, und danach möchte ich dann auch noch einmal mit Ihnen sprechen, am besten zusammen mit Ihrem Mann. Lassen Sie mich aber bitte sofort rufen, falls er tatsächlich wieder Reaktionen zeigen sollte!" Und damit eilte sie davon.
„Sie könnte einen tiefgefrieren mit diesem Blick", stellte George fasziniert fest. „Ein echtes Talent! Sie sollte in –"
„Harry, wie schön, dich zu sehen!", schniefte Mrs Weasley und umarmte den verblüfften Harry. „Genau so habe ich dich in Erinnerung!"
„James, Mum!"
„Was meinst du?"
„Dein Neffe heißt James! Wenn du ihn hier Harry nennst, können wir uns das Schrumpfen auch sparen!"
„Oh, ach so – natürlich. Ich bin so –" Seine Mutter wischte sich mit dem Taschentuch die Augen. „Harry, im Moment ist Fleur bei ihm. Er – schläft wieder. Fleur sagt uns sofort Bescheid, wenn er aufwacht."
„Fleur sitzt jetzt seit Sonntagabend an seinem Bett und starrt ihn an", erklärte George mit leicht genervtem Blick. „Aber heute Morgen, als er seinen wachen Moment hatte, war sie gerade eingeschlafen."
„Dann warte ich einfach", sagte Harry und hoffte, dass man ihm die Ungeduld nicht allzu deutlich ansah. „Was ist denn nun mit Ron? Vielleicht könnte ich ihn ja abholen."
„Ron – oh ja, Ron – Fred wollte unten auf ihn warten", sagte Mrs Weasley sichtlich erschöpft. „Heiler Purgatorius sagte aber, er wäre keinesfalls vor elf Uhr mit den Abschlussuntersuchungen fertig."
„Unten?"
„Magische Pestilenzen, zweiter Stock", sagte George. „Immer der Nase nach. Ich sag dir, es ist kein Vergnügen, da zu warten!"
„Ich seh mal nach, es ist ja schon halb elf durch –"
„Wenn Bill inzwischen aufwachen sollte, ruf ich dich sofort!", sagte Mrs Weasley mit Nachdruck.
„Und das meint sie wörtlich so", kommentierte George leise, als seine Mutter in Richtung Krankensaaltür verschwand. „Wird Zeit, dass Bill sich mal 'nen Ruck gibt und Schluss mit dem Blödsinn macht. Sonst dreht Mum wirklich noch durch."
„Tja, also bis später dann", sagte Harry.
„Ich bleib hier, wenn du nichts dagegen hast. Ich find's da unten – ähm – ziemlich unbekömmlich!"
Als Harry einen Stock tiefer vor der Tür der Abteilung „Magische Pestilenzen" stand, wurde ihm klar, was George gemeint hatte. Bereits vor der Glastür war der Geruch nach Knoblauch so stark, dass man unwillkürlich erwartete, ihn in Tropfen von den Wänden rinnen zu sehen. An der Tür prangte ein riesiges Warnschild: „KEIN Zutritt! KLINGELN Sie und nutzen Sie die SPRECHMUSCHELN rechts neben der Tür! Haben Sie GEDULD!" Im Wartebereich vor der Station standen zwar ein paar Stühle, aber nur einer davon war besetzt.
„Hi, James", sagte Fred. Er hatte sein Gesicht hinter einer großen, durchsichtigen Luftblase in Sicherheit gebracht, die sich bewegte, wenn er sprach. „Eleganter Umhang!"
„Hi, Fred", keuchte Harry. „Ist Ron noch nicht raus?"
„Er steckt immer noch in den Entlassungsuntersuchungen. Dieser Heiler ist ein Sicherheitsfanatiker." Freds Stimme klang durch die Blase etwas verschwommen. „Was Neues von Bill oben?"
Harry schüttelte nur den Kopf. Er hatte keinen Atem zu verschwenden. Hier konnte er unmöglich eine halbe Stunde warten. Überhaupt hatte er das Gefühl, nicht länger irgendwo herumhängen zu können und darauf zu warten, dass irgendwas passierte –
Ihm fiel wieder ein, was ihm vorhin in der Eingangshalle schon kurz in den Sinn gekommen war. „Hier gibt's doch auch eine Abteilung für Leute mit Flüchen und so was –?"
„Vierter Stock", gab Fred prompt zurück. „Auf jeden Fall interessanter als hier. Und größtenteils weniger geruchsintensiv, vermute ich. Warum?"
„Wollt's nur wissen", wich Harry aus. „Ich bin dann mal wieder oben."
Aber Sekunden später stapfte er am dritten Stock vorbei und blieb erst vor der fest geschlossenen Glastür im vierten Stock stehen. „Fluchschäden", stand unheilverkündend auf der Tafel daneben. „Chefheiler: Hortense Damage."
Harry zuckte zurück, als von innen an die Scheibe geklopft wurde. Ein Gesicht, das ganz mit grauem Fell bedeckt war, grinste ihn an. Es gehörte zu einer uralten Hexe im geblümten Nachthemd, die ihm freundlich winkte und dann wieder ins Dämmerlicht des Korridors wegtauchte, in dem er schemenhaft noch andere Gestalten erkennen konnte. Keine von ihnen schien sich so ganz normal zu bewegen. Oh Mann, dachte er, will ich da wirklich rein?
Die Tür war eigentlich gar keine, stellte er dann fest. Sie hatte weder Klinke noch Schloss; wie unten bei den Pestilenzen musste man klingeln. Harry betrachtete unentschlossen den Klingelknopf. Was soll ich denn sagen? Vor allem, wenn ich mich nicht verraten will? Und die Harper sagte, ich bin ein Präzendenzfall – also –
„Willst du da Wurzeln schlagen, Junge?", fragte eine schnarrende Stimme neben ihm. Harry hopste vor Schreck zur Seite. Er hatte niemanden kommen sehen oder hören.
„Also, was nun? Klingelst du, oder stehst du nur hier rum?", fragte der kleine Mann im limonengrünen Umhang rüde. Er war noch deutlich kleiner als Harry, hatte ein altersloses, scharf geschnittenes Gesicht mit seltsam gestauchten Zügen, und seine boshaft glitzernden Augen waren erstaunlicherweise von derselben Farbe wie sein Umhang. Das Seltsamste aber waren die unübersehbaren Ansätze von zwei kleinen grünen Hörnern auf seiner Stirn. Unverblümt musterte er Harry von Kopf bis Fuß, und Harry hatte das Gefühl, dass ihn dieser Blick wie ein Messer schälte.
„Ich hab einen Termin bei Heiler Damage", sagte er abweisend und so würdevoll wie möglich.
„Prächtig. Ich werde dich zu ihm bringen. Damit du es dir nicht noch anders überlegst." Der kleine Mann schlug mit seinem Zauberstab gegen die Tür, die daraufhin geräuschlos auseinanderglitt und sie hindurchließ. Harry war es sehr unbehaglich zumute, als er dem energisch ausschreitenden Mann folgte. Der stieß mit dem Zauberstab die nächste Tür auf, und als Harry seinem herrischen Winken gehorchte und eintrat, wusste er, dass sein Instinkt Recht gehabt hatte. Das Zimmer sah auf den ersten Blick wie ein besonders altertümlicher und abschreckender Zahnarztbehandlungsraum aus. Und dann schlug auch noch die Tür mit einem scharfen Knall hinter ihm zu. Der kleine Mann schwang sich auf die Kante des großen Schreibtisches und ließ die Beine baumeln.
„So, und nun will ich deinen Namen hören und weshalb du einen Termin bei mir haben solltest", forderte er Harry auf.
„Äh – James Pepperleaf – entschuldigen Sie", sagte der und errötete. „Ich hätte nicht –"
„Aber du hast. Also, wozu brauchst du einen Heiler, James Pepperleaf? Schlechte Träume? Stimmen im Kopf? Schlafwandeln? Nächtliche Verwandlungen?"
„Äh –"
„Sprachstörungen? Von allem etwas? Und dieses oder jenes mehr?"
„Ich hab Probleme mit dem Zaubern, seit ich einen – äh – verbotenen Fluch ausgesprochen habe", platzte Harry schließlich heraus.
Der Heiler kicherte. „Na, das ist ja ungewöhnlich! Vor allem in deinem Alter. Und was war das für ein Fluch? Wie lautete er? Was sollte er bewirken?"
So, da hatte er sich ja wieder grandios in die Tinte gesetzt. Was sollte er jetzt bloß sagen? Hilfesuchend sah er sich in dem Zimmer um, in dem eine ganze Reihe unangenehm aussehender Dinge verteilt waren – maulkorbähnliche Gesichtsmasken im Schrank hinter dem Schreibtisch, daneben giftgrüne Kleidungsstücke, die verdächtig nach Zwangsjacken aussahen, und vor allem der klobige Behandlungsstuhl mit Gurten und Ketten überall verursachten Harry erhebliche Beklemmungen.
„Also, das sollte ich schon wissen, Mr Pepperleaf, bevor ich mit einer Behandlung beginne!"
„Es war – so eine Art Aufhebezauber", sagte Harry schließlich, ganz erleichtert, dass ihm irgendwas eingefallen war.
„Aufhebezauber? Jetzt lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen – du verschwendest meine Zeit! Was hat er aufgehoben?"
„Äh – so etwas wie – na ja, ein paar verhexte Sachen, schwarze Magie – glaube ich."
Zum ersten Mal wich das unverkennbare, bösartige Vergnügen in den grünen Augen einem Hauch von Interesse. „Soso. Schwarze Magie. Ich hätte ja gewettet, dass du noch nicht einmal Erstklässler bist! Vielleicht einfach ein bisschen klein geraten, was? Na, das trifft auf einige der Besten von uns zu … Gut – weißt du noch, wie der Spruch genau lautete?"
Als wenn er das je hätte vergessen können … Dennoch stotterte er, als er ihn zitieren wollte.
„Halt – halt!", unterbrach ihn Damage hastig – und auch ein bisschen beunruhigt, wie Harry befriedigt feststellte. „Mit dem Aussprechen solcher Dinge ist man besser vorsichtig, hast du das noch immer nicht begriffen? Schreib es auf!"
„Das war in einer anderen Sprache – Aramäisch, glaube ich."
„Heißt das, du hast einen Zauber verwendet, den du nicht einmal verstanden hast? "
„Na ja, ich –" Es ging einfach nicht. Diese Situation war total absurd. Hier war endlich mal jemand, der sein Problem vielleicht wirklich hätte beurteilen können. Als Fachmann. Aber was, wenn dieser Damage von dem speziellen Präzedenzfall schon mal gehört hatte? Vielleicht war er ja unter Heilern schon ein fester Begriff – der Fall Harry Potter?
„Wie war das nun mit dem Spruch – wolltest du einfach mal was ausprobieren, oder was?", fragte Damage ungeduldig.
„Ja. So war's wohl. Aber ich glaube, Sie haben Recht, ich verschwende nur Ihre Zeit. Und meine Freunde warten sicher schon auf mich –"
„Einen Moment, Mr Pepperleaf! So einfach fertigt man mich nicht ab. Ich habe den deutlichen Eindruck, dass du mir etwas Wesentliches verschweigst. Und damit machst du mich ziemlich neugierig. Also. Demonstriere mir dein Problem. Zaubere mir was vor!"
„Mein Problem ist, dass ich nicht mehr zaubern kann", erwiderte Harry voller Sarkasmus. „Ich hab auch keinen Zauberstab mehr. Der ist – verbrannt."
„Scheint ja eine wilde Party gewesen zu sein", sagte Damage und schlug mit einem seiner kleinen Füße gegen eine Schreibtischschublade. Sie sprang auf und präsentierte eine Schachtel mit dünnen, völlig schmucklosen Holzstäben.
„Los, versuch's mit einem von denen!"
„Äh –"
„Simpelstes Modell, Weidengerte – Probestäbe. Reagieren sogar bei Squibs."
„Das hab ich schon mal gehört –"
„Nun mach schon – versuch's mit Lumos!"
Harry schluckte. Sein Mund war wie ausgetrocknet. Dann räusperte er sich und flüsterte: „Lumos!"
Und wie schon einmal passierte – genau gar nichts.
„Hm, das ist – interessant", sagte Hortense Damage fasziniert. „Entweder bist du ein Muggel – oder du hast tatsächlich ein echtes Problem."
„Das ist toll!", rief Harry, der allmählich wirklich wütend wurde. „Eine scharfsinnige Diagnose! Ich hab Ihnen das doch gesagt! Meinen Sie, ich red so was zu meinem Vergnügen?!"
„Oha – da schlummert ja doch zumindest ein bisschen Temperament unter der Oberfläche!", sagte der Heiler spöttisch. „Du hast Recht. Du hast keinen Funken Magie in dir, und du hast mich überzeugt. Das musste ich erst mal klarstellen. Du hast ja keine Ahnung, wie viele Simulanten und Verrückte sich herumtreiben und behaupten, sie wären verflucht worden und könnten jetzt dies nicht mehr und das nicht mehr. Meistens geht es darum, dass sie arbeitsunfähig geschrieben werden wollen. Aber dieser Weidenstab hätte reagieren müssen – ist natürlich kein Probestab, sondern ein hoch sensibler Magiebündler, aber da fallen sie alle drauf rein." Mit einem weiteren Tritt knallte er die Schublade wieder zu.
„Können Sie nun was dagegen machen oder nicht?"
„Du glaubst doch wohl nicht, dass das eine Sache ist, die ich eben mal so heilen kann?"
„Aber man kann etwas dagegen tun? Auch wenn's dauert?"
Die limonengrünen Augen betrachteten ihn gnadenlos. Und auf einmal hüpfte Harry ein Vers im Ohr, ein gemeiner kleiner Vers, einer aus einer ganzen Reihe ähnlicher Verse – „Der Potty ist ein armer Hund, den hext kein Heiler mehr gesund!"
Peeves. Von dem stammte das. Den hatte er letztes Jahr zu einem richtigen Poesie-Sturz inspiriert.
„Red mit deinen Eltern, Junge. Und dann komm mit ihnen wieder her. Könnte ein ganz interessanter Fall werden, aber zuerst muss ich mit deinen Eltern sprechen. Auf den ersten Blick scheint das eine ganz schön üble Sache zu sein, die du dir da eingefangen hast."
Das klang geradezu vergnügt. Harry hätte ihm am liebsten den kleinen dürren Hals umgedreht, um den er ein gepunktetes Tuch gebunden hatte. „Na, dann weiß ich ja wenigstens Bescheid", sagte er böse. Und ging zur Tür – hoffte mit klopfendem Herzen, dass sie nicht verschlossen war oder so – aber sie öffnete sich sogar von selbst. Leider schlug sie so schnell wieder zu, dass er seine Würde vergessen und einen Sprung machen musste, um sich zu retten. Hinter sich hörte er noch ein boshaftes Kichern.
Er war so wütend, dass er beinahe in einen dünnen Mann hineingerannt wäre, der, angetan mit Schlafanzug und Pantoffeln, mitten im vorweihnachtlich geschmückten Gang stand und eine schmale, schwarze Aktentasche in der Hand hielt. Sein Gesicht war in einer Empörung verzerrt, für die er keine Worte zu finden schien.
„Verzeihung!", zischte Harry.
„Oh, Mr Jungbungle – hier sind Sie!", rief da eine so vertraute, so unerwartete Stimme, dass Harry herumfuhr. „Kommen Sie, wir wollten doch heute wieder hinauf ins Atelier gehen, damit Sie an Ihrem Buch weiterarbeiten können!"
Und dann stand Harry, bevor er auch nur noch einen Schritt machen konnte, Neville Longbottom gegenüber. Dessen Blick streifte ihn zunächst nur. Er nahm den Empörten freundlich am Arm, wollte mit ihm weitergehen – und dann, als Harry gerade dachte, er hätte es geschafft, kehrte Nevilles Blick zu ihm zurück und wurde zum ungläubigen Starren.
„Das ist doch – aber das kann doch gar nicht – bist du das, Ha-"
„Pst!", zischte Harry und nickte heftig. „Ja! Ja, aber das ist 'ne Tarnung – ich erklär's dir später!"
„Ich fass es nicht! Also das ist ja – ich kann's nicht glauben!"
„Und du?", fragte Harry gelinde verzweifelt. „Arbeitest du jetzt hier?"
„Heiler im Praktikum. Bei Hortense Damage – du hast ja anscheinend gerade mit ihm gesprochen. Steht bloß nicht draußen auf der Tafel, weil er sagt, dass hier nur einer der Heiler ist. Bist du als Patient hier? Ich mein, das da, hat dir das jemand – angehext?"
„Nein, das ist – ich kann jetzt hier nicht drüber reden, Neville – Hauptsache, keiner weiß, wer ich bin, okay?"
„Äh – aber –"
„Klam blabgu buwalla tacki!", mischte sich Mr Jungbungle auf einmal wutschnaubend ins Gespräch. „Lawiltot si – dut? Dut?!"
„Schon in Ordnung, Mr Jungbungle", sagte Neville, sich wieder auf seine Pflichten besinnend. „Ihre Arbeit, ich weiß! Wir machen uns sofort auf den Weg!"
„Pimbul dutti?! Dutti! Dutti-dutti –"
„Schon gut, schon gut, Mr Jungbungle!" Neville klopfte sacht den Arm im Pyjamaärmel. „Das wird schon alles wieder! Nur noch ein bisschen Geduld, und dann sind Sie ganz sicher zurück an Ihrem richtigen Schreibtisch!"
Harry konnte kaum hinsehen in das verzerrte Gesicht des Mannes. Es war so offensichtlich, dass er sich unbedingt verständlich machen wollte –
„Ich wollte Mr Jungbungle gerade hinauf ins Atelier begleiten – aber danach können wir reden, vielleicht oben auf dem Dachgarten. Komm mit, ich zeig dir den Weg!"
„Atelier?", wiederholte Harry verblüfft. Aber Neville lief schon voraus, seinem Patienten hinterher, der es auf einmal furchtbar eilig hatte. Kurz entschlossen folgte er ihnen. Dachgarten, das klang verlockend normal. Bevor er zu den Weasleys zurückkehren konnte, musste er dringend etwas Abstand zwischen sich und Hortense Damage bringen. „… ist ein armer Hund – ist ein armer Hund –", hopste es in seinem Kopf, während er im Treppenhaus hinter Neville herjagte.
„Das Atelier ist hier im fünften Stock", schnaufte Neville. „Hinter der Cafeteria rechts. Patienten, die für – für länger hier sind, können sich da beschäftigen – malen, lesen, töpfern und so Sachen, weißt du. Manche schreiben auch Gedichte oder – oder Aufsätze oder so was wie Mr Jungbungle, der schreibt an einem Buch." Neville warf Harry einen vielsagenden Blick zu, und Harry nahm an, dass der arme Mann wohl in derselben Sprache schrieb wie er sprach.
Der ganze Flur roch nach Kaffee, frischem Gebäck und Bratfett, und durch die geöffnete Cafeteria-Tür klingelten muntere Weihnachtslieder. Als sie am Kiosk vorbei um die Ecke bogen, kam ihnen eine Gruppe von Patienten entgegen, die von einer jungen Heilerin begleitet wurden. Die meisten waren zwar auch in Schlafanzügen und Morgenmänteln, aber sie trugen fast alle irgendwelche Basteleien mit sich: Bemalte Leinwand, Paletten, eine meterlange Papiergirlande, einen großen Stein, aus dem schon die Hälfte einer erstaunlich lebensnahen Koboldfigur herausgearbeitet war.
„Morgen, Neville!", grüßte die Heilerin fröhlich.
„Morgen, Carla!" Neville wandte sich wieder an Harry. „Die kommen gerade vom Atelier."
Harry nickte, und dann mussten sie den Kopf einziehen, weil ihnen ein Gemälde entgegenflog, auf dem zwei Pinsel hektisch mit der Vervollkommnung eines rot-schwarzen Infernos beschäftigt waren.
„Das ist gut für die Patienten", erklärte Neville und wischte sich einen schwarzen Farbtropfen von der Nase. Mr Jungbungle stürmte eben in den nächsten Korridor hinein und entschwand ihren Blicken. „Ich muss hinterher, Harry! Wenn du da vorne links die Treppe raufgehst, kommst du direkt zum Dachgarten! Ich komm gleich nach!" Als Harry weiterging, hörte er Neville noch rufen: „Ach, und pass mit dem Springbrunnen-Wasser auf! Das ist voller Plinkerlinge!"
Mildes Sonnenlicht ergoss sich über die letzten Stufen der Treppe, die vor einem Vorhang aus schwingenden Schnüren endete. Harry ging hindurch und stand staunend in einem kleinen Park. Weißer Kies knirschte unter seinen Schuhen, die Wege waren von Sträuchern und Blumenrabatten in voller Blüte begrenzt. Er konnte ringsum die Mauerbrüstung sehen, an der sich eine Menge Kletterpflanzen heraufrankten – das war zweifellos das Dach des Kaufhauses Reinig und Tunkunter, aber obwohl sich der Himmel offen über ihm wölbte, hatte die sanfte, milchige Helligkeit nichts mit dem regengrauen Dezembertag zu tun, der jenseits dieser Mauern herrschte. Dann erinnerte er sich wieder an Mrs Malfoys großzügige Spende und empfand neiderfüllte Bewunderung für die, die zaubern konnten.
Aber es war seltsam: Obwohl Harry Gärten und Pflanzen und Brunnen im Allgemeinen ziemlich kalt ließen, kam es ihm hier oben so vor, als streiche eine sanfte Hand über ihn hin und wische Beklommenheit, Ärger und Sorgen ein wenig beiseite. Es roch nach Blumen und Sommer, und die einzigen anderen Besucher waren im Moment zwei kleine Jungen, die mit einem Ball spielten. Ihre kreischenden Schreie verdrängten netterweise die Stimmen von Peeves und Hortense Damage aus Harrys Kopf. Gerade hatte er sich entschlossen, dem Springbrunnen, der mitten in einem wild blühenden Blumenrondell vor sich hinplätscherte, einen Besuch abzustatten und sich die Plinkerlinge anzusehen, als er Neville durch den Schnürevorhang und auf sich zusprinten sah.
„Mann, Harry, ich glaub's ja nicht!", prustete er los, als er schnaufend bei Harry angekommen war. „Du bist's wirklich! Mann, du siehst genauso aus wie damals, ehrlich! Wahnsinn! Wie hast du das bloß gemacht?"
„Veilchenblau", sagte Harry. „Eine Erfindung von Rons Brüdern, du weißt schon, Weasleys Zauberhafte Zauberscherze. Sie meinten, das wär die optimale Tarnung. Aber anscheinend ist sie doch nicht so toll!"
„Doch, die ist der Hammer, wirklich! Ich hätt's nie geglaubt, das ist bloß, weil ich jetzt schon die ganze Zeit auf Fluchschäden arbeite – und da kriegst du einfach 'nen Blick für solche Sachen. Da bist du ständig von so verrücktem Zeug umgeben, dass du deinen Augen sowieso nicht mehr traust." Er nickte zu den Kindern hinüber, einem verblüffend identischen Zwillingspärchen, wie Harry schon aufgefallen war. „Die da sind ein gutes Beispiel."
„Und ich hab gerade noch gedacht, dass wenigstens die ganz normal aussehen!", seufzte Harry.
„Sind sie eigentlich auch – bis darauf, dass es in Wirklichkeit nur einer ist. Irgendwas mit einem Spiegel schiefgelaufen, verstehst du. Jetzt ist er – sind sie zur Beobachtung hier. Damage meint, dass sich das irgendwann wieder auswächst – aber erst mal müssen sich seine Eltern wohl damit abfinden, dass sie jetzt Zwillinge haben." Neville ließ sich auf eine Bank plumpsen, die in einer Rabatte voller Blumen in fettig glänzendem Gelb und Orange stand. „Und jetzt erzähl endlich! Wie geht's dir? Was machst du hier? Wir dachten alle, du bist bei den Muggeln! Wieso die Tarnung?"
„Ähm – Neville, ich kann das im Moment nicht alles erzählen! Später irgendwann, okay? Ich bin eigentlich nur wegen Bill und Ron hier –"
„Ja, ich hab davon gehört", sagte Neville gedämpft. „Mit Ron hab ich schon ein paar Mal durch die Sprechmuschel geredet. Der hat's ziemlich satt hier. Das mit seinem Bruder – das ist wirklich schlimm."
Harry nickte. Unmöglich hätte er jetzt mehr dazu sagen können. So sah er stumm zu, wie Neville mit dem Zauberstab eine Gießkanne herbeirief, die dann hier und da die Blumen wässerte. Die Selbstverständlichkeit, mit der Neville – der gute, alte, ungeschickte Neville – da die Gießkanne dirigierte, machte ihn wieder ganz elend. Neville war kein armer Hund. Neville konnte zaubern.
„Wie ist dieser Damage denn so – als Heiler, meine ich? Ist er – na ja, gut?", fragte er schließlich.
„Hortense Damage ist der beste Fluchschäden-Heiler weltweit!", sagte Neville mit leuchtenden Augen. „Er hat die Station erst im Sommer übernommen, vorher war er jahrelang im Ausland. Ich wollte unbedingt bei ihm arbeiten!"
Harry fühlte, wie ihm das Herz sank. Ein berühmter Heiler. Und auch der war der Ansicht, dass –
„Er ist nicht gerade der Freundlichste, ich weiß", sagte Neville, der Harrys Miene auf seine Weise interpretierte. „Die meisten finden ihn wohl sogar ziemlich bösartig. Und Kinder kann er gar nicht leiden – hat vielleicht was mit seiner Größe zu tun. Ich hatte die ersten Wochen richtig Panik vor ihm. Aber er ist wirklich ganz große Klasse. Seit ich hier bin, hat er schon drei Fälle geheilt, die vorher als unheilbar galten." Er seufzte, und erst jetzt fiel Harry plötzlich wieder ein, dass auch Nevilles Eltern hier Patienten gewesen waren.
„Meine Eltern sind ja auch immer noch hier", sagte Neville, als hätte er Harrys Gedanken gehört, und schickte die Gießkanne zurück. „Damage hat die Sache mit der Nistlingsbeerentherapie aufgenommen, falls du dich erinnerst – Professor Slughorn und Professor Sprout haben Ernst damit gemacht. Meine Eltern werden jetzt seit einem halben Jahr damit behandelt. Bei meiner Mutter scheint es ein bisschen zu helfen. Aber – na ja –"
Betreten schwiegen sie beide, bis Neville schließlich sagte: „Schön hier, oder? Der Dachgarten wird fast ausschließlich von den Patienten gepflegt, weißt du. Ich komm immer hier rauf, wenn ich mal abschalten muss."
„Ich frag mich – sieht man das nicht von unten? Also, die Muggel – wundern die sich nicht über die Pflanzen hier oben?"
Neville schüttelte den Kopf. „Die sehen nur die Werbetafel an der Fassade, für den Burgerschuppen nebenan! Sonst können die gar nichts sehen. Gehen wir mal zum Springbrunnen rüber? Ich hab da gestern einen Rüpelfisch reingesetzt, damit der diese blöden Plinkerlinge kleinkriegt! Irgendein Scherzkeks hat die nämlich da ausgesetzt, und seitdem –"
„Oh Mann! Hier bist du!", zerschnitt eine aufgeregte Stimme den Dachfrieden. „Ich such dich schon seit Stunden!" George stürmte über die Kieswege auf sie zu, und als Harry sein rot angelaufenes Gesicht sah, wusste er, dass die Atempause vorbei war.
„Tschuldigung, ich hab Neville –"
„Wie auch immer – du musst direkt mitkommen, sonst hebt Mum ab und sie behalten sie auch gleich hier!"
„Ist Bill aufgewacht?"
„Und ob! Sorry, Neville", knurrte George und zerrte Harry kurzerhand mit sich. „Und ich wette, der war die ganze Zeit wach, hatte ja immer das Gefühl, dass das nicht ganz echt ist!"
„Was? Wie meinst du das? Hör auf an mir rumzuzerren, ich komm doch schon!"
„Mum ist wieder rein zu Fleur und hat ihr gesagt, dass du da bist und so. Und kaum hatte sie deinen Namen ausgesprochen, schlug Dornröschen die Augen auf!" George klang richtig wütend. „Und seitdem hab ich das ganze Haus nach dir durchsucht –"
„George! George, warte doch mal!" Harry übersprang die letzten Stufen der Treppe, ohne daran zu denken, dass er im Augenblick nicht mehr achtzehn, sondern elf war. Beinahe wäre er hingeschlagen, aber viel mehr machte ihm die Aufregung zu schaffen, die ihn plötzlich überfallen hatte. „Wenn er wach ist, ist das doch gut! Oder?" Oh Mann. Hoffentlich war das wirklich gut. Hoffentlich war da nicht schon irgendwas –
Vor der Cafeteria holte er George endlich ein.
„Klar. Aber leider sagt er nur ein einziges Wort. Und das ist ‚Harry'. Uns hat er nicht mal angesehen", sagte George, während er immer noch im Schnellschritt weiterging. „Fleur heult sich deswegen schon wieder die Augen aus dem Kopf. Mum redet auf ihn ein und alles, kannst du dir ja denken. Aber er glotzt einfach an allen vorbei und sagt nur ‚Harry'!"
Das war auf einmal wie ein Würgegriff um seine Kehle. Es war also nicht gut. Es war also doch was passiert mit Bill – und er, Harry, hatte irgendwas damit zu tun – der Traum fiel ihm ein, in dem Quirrell sich als Bill entpuppt hatte –
Er war völlig außer Atem, als sie endlich die Abteilung im dritten Stock betraten. Dort wurden sie schon erwartet: Vor der Tür des Krankensaals standen Mrs Weasley, Madam Padraic und Fred und sahen ihnen entgegen.
„Er muss unseren Cousin meinen", erklärte Fred gerade. „Wir haben ihn früher oft Harry genannt, wissen Sie, weil –"
„Oh, Harry! Da bist du ja endlich!", rief Mrs Weasley, und Harry hätte beim besten Willen nicht sagen können, ob sie lachte oder weinte. „Komm schnell! Bill ist wach! Und anscheinend will er unbedingt mit dir reden!"
„Der Junge?", fragte Madam Padraic skeptisch und betrachtete Harry wieder wie ein nicht besonders angenehmes Insekt. „Das ist dieser Harry?"
„Genau genommen ist er James", fing Fred unbeirrt wieder an, wurde aber völlig ignoriert. Mrs Weasley nahm Harry beim Arm, öffnete die Tür zum Krankensaal und schob Harry einfach hindurch. „Sprich mit ihm! Bitte! Halt ihn wach –", flüsterte sie beschwörend. „Wenn er nur wach bleibt! Wenn er nur zu uns zurückkommt!"
Dann fiel die Tür hinter ihm wieder zu, und Harry blinzelte überrascht in das helle Sonnenlicht, das durch die großen Spitzbogenfenster am Ende des Raums hereinkam. Wunschwetterscheiben, erinnerte er sich. Sie machten den dunkelgrau gefliesten, strengen Saal mit seinen sechs Betten entschieden freundlicher. An einem Tisch vor dem Fenster saßen zwei Männer und spielten Karten. Auf der Fensterbank entdeckte er überrascht die halb fertige Koboldstatue, die er vorhin im Gang gesehen hatte. Nur in zwei Betten lagen Patienten: Im zweiten Bett auf der rechten Seite schlief ein alter Mann, dessen Gesicht eine sehr ungesunde orangerote Färbung zeigte, und im ersten Bett auf der linken Seite lag Bill.
Harry merkte, dass er schwitzte, und das nicht nur von der Hetzerei durchs Treppenhaus. Er hatte Angst, während er zögernd die paar Schritte bis zum Fußende von Bills Bett ging.
„Hallo", sagte er leise.
Was er erwartet hatte, wusste er nicht einmal – einen tobenden Bill, der eigentlich gar nicht mehr Bill war, vielleicht. Angekettet und knurrend, mit bösen, fremden Augen. Aber er lag da so blass und reglos wie in der Krankenstation von Hogwarts. Sein Gesicht war jetzt ganz ausgemergelt. Um seinen Hals wand sich ein dicker, schlauchartiger Verband aus einem schwarzgelben, seltsam schuppigen Material. Der bewegte sich, wie Harry angewidert feststellte.
Fleur kauerte immer noch auf einem der Hocker, die rings um das Bett herumstanden. Jetzt hob sie ihr verweintes Gesicht, aber sie erwiderte Harrys Gruß nicht, sondern presste die Lippen so aufeinander, dass Harry sich für einen Moment an Tante Petunia erinnert fühlte.
„Bill! Bill, mein Lieber! 'Arry ist 'ier!", sagte sie dann und tätschelte Bills Hand.
Ihr Mann schlug die Augen auf, als hätte er nur auf diese Information gewartet. Harry hielt die Luft an. Jetzt würde es sich herausstellen – er würde es sehen, da war er sicher.
Teebraune Augen, müde und krank, aber unverkennbar Bills Augen. Keine Wolfsaugen. Und ganz sicher nicht Tom Riddles Augen.
Harry war auf einmal so erleichtert, dass er sich auf einen Hocker fallen ließ. In Bills Blick, der seinen Bewegungen folgte, war keine Verwirrung, nicht einmal Benommenheit zu entdecken. Aber es war offensichtlich, dass er sich sehr anstrengen musste, um zu sprechen.
„Harry!", stieß er endlich hervor, so heiser, dass seine Stimme nicht zu erkennen war. Es klang so, als hätte er nicht nur Mühe seine Stimme zu gebrauchen, sondern als fiele es ihm auch schwer, Worte zu artikulieren. „Harry – allein!"
Fleur stand so abrupt auf, dass ihr Hocker umkippte. „Isch warte draußen!", sagte sie bitter – und Bill beachtete sie nicht einmal. Als sie zur Tür ging, schluchzte sie so laut auf, dass der orangerote Schläfer mit einem Ruck aus dem Schlaf fuhr. Auch Harry war etwas geschockt, als Bill seine Frau so einfach übersah.
„Wie geht's dir?", fragte er und kam sich ziemlich blöd vor.
„Dieses Dauergeheule!", rief da der Orangerote von gegenüber erbost, als sich die Tür hinter Fleur schloss. „Ich hör mir das jetzt schon seit Wochen an! Habt ihr jungen Leute eigentlich überhaupt kein Gefühl für Würde und Anstand mehr? Kann man denn hier irgendwann auch mal ungestört schlafen?!"
Bill schien immer noch um seine Stimme, seine Sprache zu kämpfen, seine Finger zerrten an dem Schlauch um seinen Hals, als hindere ihn der am Sprechen, aber er ließ sich kein bisschen bewegen. „Du – weißt – Bescheid!", krächzte er endlich.
Harry zuckte zusammen und saß augenblicklich wieder kerzengerade da. „Was meinst du?"
„Muss nicht – erklären?" Bills Augen baten um Bestätigung. „Damals – in der Todeskammer –? Du hast's gesehen!"
Der Schock war so heftig, dass Harry kaum sprechen konnte. Also doch! Also doch! „Ja! Ich hab's gesehen!", flüsterte er. „Du hast – es – ihn –"
Aber Bill schüttelte den Kopf. Und dann schloss er erschöpft die Augen.
„Bill! Bill! Bleib wach! Red mit mir! Was ist? Was ist damit?" Harry hätte brüllen können vor Hilflosigkeit. Der konnte doch jetzt nicht wieder einschlafen! „Was wolltest du mir sagen?"
„Du, Junge! Kannst du mal Madam Padraic holen? Oder besser noch die Kleine, die immer das Essen bringt? Ich brauch unbedingt mal –"
„Shh!", zischte Harry wütend zu dem Alten hinüber, der jetzt auf der Bettkante saß und seine Beine betrachtete. Deren Orangerot war noch ein paar Grade knalliger als sein Gesicht.
„Also, ein Benehmen ist das!"
„Bill!" Harry rüttelte ihn vorsichtig am Arm. „Wach doch auf!"
„Musst es nehmen! Ich kann nicht", krächzte Bill, ohne die Augen zu öffnen. „Verwahren! Du! Aufpassen!"
„Ich? Aber wie denn? Wo ist es denn? Wer hat es denn?"
„Hauptquartier", kam es kaum hörbar über Bills Lippen.
„Hauptquartier? Am Grimmauldplatz?", flüsterte Harry fassungslos. „Was heißt das? Dort?"
Sollte das etwa heißen, dass Bill es gar nicht bei sich gehabt hatte die ganze Zeit über?! Dass er es am Grimmauldplatz versteckt hatte? Im Hauptquartier – verdammt – das reichte nicht – er musste mehr wissen!
Bill sah aus, als würde er schon wieder schlafen. Durch die schuppige Manschette um seinen Hals liefen jetzt heftige, wellenförmige Bewegungen.
„Nicht einschlafen, Bill!", sagte Harry drängend und gegen seine durcheinander wirbelnden Gedanken ankämpfend. „Du musst mir sagen, wo es ist! Wo im Haus? Und was soll ich damit machen? Ist es wirklich noch gefährlich? Wo im Hauptquartier?"
Der orange gefärbte Alte hatte inzwischen seine Pantoffeln gefunden und schlurfte nun zwischen den Betten hindurch auf die Tür zu. Vor Bills Bett blieb er stehen.
„Was? Is' er wach? Is' er doch noch aufgewacht?", fragte er neugierig. „Haben uns alle schon gefragt, was mit ihm is'! Is' das eigentlich 'ne Schlange, da um seinen Hals?"
„Bill! Wach auf!", drängte Harry, ohne sich auch nur umzudrehen. „Wo ist es?"
„Kinder!", schnaubte der Alte und schlurfte weiter. „Versteh nicht, warum man die hier überhaupt reinlässt!"
„Buch – Salon!", flüsterte Bill, ohne die Augen zu öffnen. „Salon!"
„Im Salon? Im Bücherregal?" Harry wäre beinahe aufgesprungen. Er hatte die Bücherstapel in seinem Wohnzimmer – dem alten Salon – vor Augen. Da! Irgendwo in dem Chaos, in dem er jetzt eine ganze Woche ahnungslos herumgewühlt hatte! „Bill! Bitte!"
„Ani – magi –", murmelte Bill. Zumindest glaubte Harry, dass er so was gesagt hatte.
„Animagi? Hast du Animagi gesagt?"
Harry sah, wie sich seine Augen unter den geschlossenen Lidern bewegten, so als kämpfe er darum, sie zu öffnen und wach zu bleiben, aber es gelang ihm nicht. Auch die Bewegungen in dem Schlauch waren irgendwie beängstigend. Ob man nicht die Heilerin holen musste? Aber da ging die Tür hinter ihm sowieso schon auf, als der Alte hinausschlurfte, und Harry hörte mit einem Ohr das Stimmengewirr draußen im Flur. Nur einen Moment noch! Vielleicht sagte er ja doch noch etwas! Es war so unglaublich, was er da erfahren hatte!
„Bill? Bill?"
Endlose Sekunden starrte er in das Gesicht. Die geschlossenen Augen waren nun ganz ruhig. Bill schlief. Harry sank auf seinem Hocker zusammen wie nach einem anstrengenden Lauf.
„Wir werden uns darüber unterhalten müssen, ob es sinnvoll ist, ihn auf dieser Station zu behalten", tönte die Stimme der Heilerin vom Flur herein. „Ich denke nicht, dass wir seinem Krankheitsbild hier auf Dauer gerecht werden können. Vor allem muss er wenigstens essen und trinken – die Symbionta kann ihn auch nicht auf unbegrenzte Zeit am Leben erhalten. Und auf eine unbestimmte Dauer müssen wir uns wohl doch einstellen, Mrs Weasley!"
Aber er kann zaubern … Er liegt da wie ein Toter, aber er kann noch zaubern –
Er hasste sich für diesen Gedanken, fühlte sich elend und klein –
Und dann war da auf einmal etwas – etwas –
Ein Duft. Als hätte jemand das Fenster dahinten geöffnet und frische Luft eingelassen. Frühlingsluft! Ja, irgendwas Frisches, ein bisschen Süße war auch darin und etwas Prickelndes, Wildes, wie Wein – er kannte diesen Duft! Er war so vertraut – so vertraut wie ein Gesicht in einem Traum, eine Nähe, die urplötzlich glücklich macht –
Rosen? Aber hier standen nirgends Blumen.
Vielleicht eine Heilpflanze? Vielleicht brachte die Padraic da einen Trank an?
Harry wandte endlich den trüben Blick von Bill und drehte sich um. In der Tür standen mit bedrückten Mienen und unsicher, ob sie jetzt hereinkommen durften, die anderen – Mrs Weasley und Fleur, George und Fred –
Und dann sah er sie. An Fred vorbei drängte sie sich durch die Tür, kam mit schnellen Schritten herein, entdeckte ihn und blieb wie angewurzelt stehen. Sie starrte ihn an, als könne sie ihren Augen nicht trauen – und Harry brauchte Sekunden, bis er begriff, dass das weniger an seiner Außergewöhnlichkeit als vielmehr an der Wirkung des Veilchenblau lag.
Er starrte zurück. Er hatte Ginny seit über einem Jahr nicht mehr gesehen. Und sie hatte sich so verändert –
Ihr Haar war wie eine unordentliche Flamme über dem Grün ihrer Jacke. Sie war ganz blass, hatte dunkle Schatten um die Augen, und das konnte nicht nur an der Sorge um Bill liegen, denn auf ihrem Gesicht schien sich ein mürrischer Ausdruck geradezu eingegraben zu haben. Aber vor allem war da eine stumme Traurigkeit, von der sie vielleicht selbst gar nichts wusste. Oder kam ihm das nur so vor, weil sie in seiner Erinnerung immer etwas Strahlendes an sich gehabt hatte?
„Ist er noch wach?" Das war Mrs Weasley, die jetzt an Ginny vorbei auf das Krankenbett zustürmte.
„Wahnsinn, wie er aussieht, oder?", fragte George und meinte damit nicht seinen Bruder, sondern Harry.
Ginny sagte nichts. Aber sie wandte endlich den Blick von Harry. Ohne ein Grußwort fragte sie: „Wie geht es Bill? Ich bin gleich los – wir sind ja erst vor einer Stunde wieder in Hogwarts angekommen – aber was McGonagall sagte – ich musste einfach direkt herkommen."
„Er –" Harry räusperte sich, so sehr krächzte seine Stimme. Seine Kinderstimme. „Er hat kurz mit mir geredet – nichts – nichts Wichtiges, und dann ist er wieder eingeschlafen –" Wie schön, gleich mit einer Lüge loszulegen. Aber eigentlich hörte ihm sowieso niemand zu. Die drei Weasley-Frauen drängten sich schon um das Bett. Fleur umklammerte Bills Hand. Er stand auf und wich unwillkürlich zurück in Richtung Tür. Hier hatte er nichts mehr zu suchen.
„Es macht einen fertig, was?", sagte George leise und verzog das Gesicht. „Soll ich dich zurückbringen?"
„Ach, ich soll dir übrigens von Ron sagen, dass er heut Abend noch bei dir vorbeikommt", warf Fred ein. „Hat 'nen Blick auf Bill geworfen und ist dann sofort ins Ministerium abgedüst. Er ist ja jetzt so wichtig."
„Ach so", murmelte Harry. Es fiel ihm unglaublich schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. Zu viel war passiert in den letzten Minuten. Er sah, wie Ginny sich an das Bett setzte und Bills andere Hand nahm. In ihren Augen standen Tränen.
Er musste jetzt einfach hier raus. Er war hier überflüssig, und er hatte etwas ziemlich Wichtiges zu erledigen. Aber es war schwer, das Zimmer zu verlassen, in dem dieser Duft ihn getroffen hatte und immer noch umschwebte und ein Gefühl in ihm auslöste, das er lange, lange nicht mehr empfunden hatte. Freude.
Irgendwie fühlte es sich wie Freude an.
