1. Versperrter Weg

Die Fahrt nach Irland verlief ereignislos. Ich war niedergeschlagen, denn wir hatten es nicht geschafft, den Torstein rechtzeitig zu entschlüsseln. Aber Anordil und ich wollten versuchen, mit dem geborstenen Stein, den er besaß, ein Tor zu öffnen. Es konnte sein, dass es funktionierte. Aber es blieb gefährlich. Die Magie des Steins war kaum kontrollierbar. Selbst Anordil sah sich nicht in der Lage die möglichen Auswirkungen vorher zu sehen.

Patricks Familie empfing uns herzlich und wir verbrachten ein paar angenehme Tage in Shancahir. Fiona war ebenfalls anwesend. Sie erhielt von uns noch einige Unterrichtsstunden. Schließlich sollte sie so viel wie möglich in der kurzen Zeit, die uns verblieb, von uns lernen. Dann war es soweit. Den Abend zuvor verbrachten wir gemeinsam mit Patricks Familie im „Blauen Drachen", der Schänke des Museumsdorfes. Es hatte sich in Shancahir eingebürgert, dort abends ein Gläschen zu trinken, weil man die Atmosphäre mochte. Dies war insgeheim ein Kompliment an mich. Schließlich hatte ich tatkräftig am Aufbau mitgewirkt.

Ich schaute mir alles ganz genau an und versuchte mir die Bilder einzuprägen. Schließlich war dies unser Abschiedsabend. Die anderen aus dem Dorf, welche die Schänke besuchten, ahnten nichts von unseren Absichten. Die meisten hielten uns für studierte Köpfe aus Dublin. Ein paar von ihnen würden sich sicher über unser plötzliches Verschwinden wundern und darüber nachgrübeln. Wieder andere ahnten vielleicht, dass Anordil nicht von dieser Welt war.

Ich würde Shancahir vermissen, aber ich war begierig darauf nach Mittelerde zurückzukehren. Ich sehnte mich danach, wieder auf dem Boden Mittelerdes zu wandeln und das Tal von Cillien zu sehen. Selbst wenn uns ein großer Krieg bevorstand. Unruhig zählte ich die Stunden, bis zum Ritual.

Spät in der Nacht legten wir uns zur Ruhe. Anordil schloss mich fest in die Arme. Er spürte meine Anspannung. „Sei ganz ruhig, anor nîn", flüsterte er mir ins Ohr, „es ist nicht wichtig, was das Schicksal für uns bereit halten mag. Wir werden den Weg gemeinsam gehen." „Ich bete zu den Göttern, dass du Recht behältst", erwiderte ich genauso leise. Ich kuschelte mich in seine Umarmung, doch der Schlaf wollte sich nicht einstellen. Zu viele Gedanken zogen durch mein Gehirn. Doch plötzlich fielen mir die Augen zu. Die gemurmelten Worte Anordils hatte ich überhört.

Mir war unwohl, als ich am nächsten Tag erwachte. Ein Kloß hatte sich in meinem Magen ausgebreitet. Heute begann das Imbolc-Fest. Am Morgen ging ich ein letztes Mal zum Grab meiner Familie. Leise sprach ich ein Gebet auf Sindarin und verabschiedete mich. Vereinzelt lag weiterhin Schnee auf der Erde. Diesen Winter hielt er sich hartnäckig. Gegen Nachmittag gaben wir Fiona eine letzte Unterrichtsstunde. Dann wurde es für uns Zeit. Sorgfältig legten wir unsere Gewänder und Waffen an. Ich überprüfte dreimal, ob alles an seinem Platze war. Als die Dämmerung hereinbrach, verabschiedeten wir uns von Patrick und seiner Familie.

„Ich wünsche euch den Segen der Götter auf euren Weg", sprach Patrick und drückte uns kurz an sich, „mögen sie euch schützen."„Go raibh maith agat, a Pháidrig - danke, Patrick", antwortete ich auf Gälisch, „ich werde Shancahir vermissen."„Ich werde für euch beten", flüsterte Sinéad leise, „dafür, dass ihr in Mittelerde sicher seid."Leise lächelte ich. Mittelerde und sicher? Was hast du nur für Vorstellungen? „Wir werden unseren Weg gehen", antwortete Anordil, „ganz gleich, was das Schicksal für uns bereit hält."

Sinéad drückte mir noch einen Lederbeutel in die Hand. „Brot, Käse und ein paar Ingwerkekse", erläuterte sie den Inhalt, „damit ihr in den ersten Tagen nicht darben müsst." „Ich danke dir, Sinéad", erwiderte ich, „Freundschaftlich reichte er Ian und Brian die Hand. „Namarië", sagte er zu ihnen, „seid wachsam und behütet eure Familie mit euren Bögen. Die Valar mögen euch ihre Gunst schenken."„Vielen Dank, Anordil", erwiderte Brian, „ich wünsche euch beiden eine sichere Heimkehr."„Go n-éirí do bhóthar leat – gute Reise", sagte Ian auf Gälisch und drückte mich fest, „dies wünsche ich euch beiden von ganzem Herzen. Du warst uns immer eine Schwester. Kehre sicher heim mit deinem Gemahl."„Ich danke euch beiden", entgegnete ich, krampfhaft um meine Haltung bemüht.

Als letztes stand Fiona in der Reihe. In ihren Augen schimmerten die Tränen. Sie fiel mir in die Arme. „Ú-aníron, i vadatham - ich will nicht, dass ihr geht", flüsterte sie auf Sindarin in mein Ohr, „dan iston, i anírach ad. Vae iest nîn govadir gen, Arwen - aber ich weiß, dass ihr zurück müsst. Meine guten Wünsche begleiten dich, Arwen."„Hannon le, Fiona – ich danke dir, Fiona", erwiderte ich, „cuio anann – lebe lang." Selbst ich musste nun mit den Tränen kämpfen. Ich hatte nicht gedacht, dass mir der Abschied so schwer fallen würde. „Berio gen - pass auf dich auf", sagte Anordil, „a ngelio rim, man golthannem gen. Cuio vae - und übe fleißig, was wir dir beigebracht haben. Lebe wohl."Er gab ihr einen sanften Kuss auf ihr Haar. Rasch drehte er sich um und schritt zum Wald. Mit einem letzten Blick auf die Zurückbleibenden, beeilte ich mich ihm zu folgen.

Unseren Weg fanden wir mit traumwandlerischer Sicherheit. Nach weniger als einer Stunde hatten wir die alte Eiche erreicht. Mit beklommenem Gefühl standen wir auf der Lichtung. Gespenstische Dunkelheit umgab uns. Zu Füßen der alten Eiche entzündete ich ein kleines Opferfeuer. Die Flammen tanzten und erhellten flackernd das Rund. Der Platz war bereits geschmückt für das Ritual in der Nacht. Patrick und seine Söhne hatten dies am Nachmittag getan, damit sie uns heute Abend nicht störten. Wenn alles gut ginge, würden wir verschwunden sein, wenn sie für die Imbolc-Feier zur Kultstätte kamen. Sorgfältig arrangierte ich die Opfergaben. Dann nahm ich allen Mut zusammen und rief Brigid an. Mit fester Stimme dankte ich für ihre Güte, bevor ich die Opfergaben ins Feuer gab. Anordil stand neben mir. Seine Hände zeichneten Symbole in die Luft, auf die Erde, in den Wein des Opferbechers und in die lodernden Flammen des Feuers. Allmählich baute sich eine magische Spannung auf. Sie war beinahe greifbar.

‚Was ist dein Begehren', hörte ich die Stimme Brigids mit einem Mal über mir im Geäst der alten Eiche. „Große Brigid, bitte erweise uns die Gnade ein Tor nach Mittelerde zu öffnen", bat ich ehrfürchtig. Für einige Sekunden herrschte Schweigen. Nur das Rauschen des Windes in den Baumwipfeln war zu hören. ‚Ich sehe, dass ein Freund des Waldes an deiner Seite weilt. Ist es dir gelungen die Schrift des Torsteins zu enträtseln?' „Es ist uns nicht gelungen die Schrift dieses Steines zu entschlüsseln. Aber wir haben einen zweiten, dessen Schrift wir lesen können. Doch er ist geborsten", antwortete Anordil leise, „ich bitte trotzdem um die Gunst uns einen Versuch zu gewähren.' ‚Wenn der Stein geborsten ist, so ist das Tor nicht sicher. Vielleicht öffnet es sich, vielleicht auch nicht. Aber es sei euch gewährt, es zu versuchen. Misslingt euer Versuch, seid ihr bis zum nächsten Imbolc in dieser Welt gefangen.' Anordil verbeugte sich vor der Eiche. „Ich danke dir für deine Güte", sagte er ehrerbietig.

Die Eiche wurde durchscheinend. Anordil nahm den geborstenen Torstein und sprach die Worte, die ihn aktivieren würden. Innerhalb der Eiche kam es zu kleinen Lichtblitzen. Ich spürte die Magie, die gewoben wurde. Doch mit einem Mal stieg das magische Potential drastisch an und entlud sich in einem Lichtblitz. Instinktiv schloss ich die Augen. Als ich sie wieder öffnete, war die Eiche wie vorher.

Es gab kein Tor! In Anordils Hand verlor der Torstein seine Leuchtkraft und verlosch endgültig. Pechschwarz zerfiel er langsam zu Asche, die zu Boden rieselte. „Nun denn", flüsterte Anordil, „jetzt werden wir einen weiteren Sonnenlauf warten müssen." Sehnsüchtig schaute ich auf die Eiche. „Wenigstens bin ich dieses Jahr nicht alleine", sagte ich entmutigt. Zärtlich nahm er mich in die Arme. „Wir werden es schaffen, Arwen." Wir gingen ein Stück Richtung Fluss und setzten uns dort schweigend ans Ufer.

Wir verweilten in der Stille der Nacht, bis wir Patrick und seine Leute kommen hörten. Erst dann gingen wir zur Lichtung. Unsere Waffen und die ledernen Beutel legten wir hinter einem der Bäume ab. Wir schürten das nahezu erloschene Opferfeuer hoch und legten neue Ebereschen- und Eibenzweige auf. Als Patrick die Lichtung betrat, sah er uns bedauernd an. Er würde uns aber jetzt nicht ansprechen. Ihm folgten seine Familie und ein großer Teil der Dorfbewohner. Alle waren in festliche keltische Gewänder gekleidet. Wir stellten uns zu Sinéad, Fiona und Eleanor. In unserer elbischen Kleidung fielen wir nicht weiter auf. Eleanor drückte mir mitleidig den Arm.

„Ich hatte zur Großen Mutter gebetet, dass sie euch den Weg bereiten möge", wisperte sie mir zu, „es tut mir leid, dass sie meine Worte nicht erhört hat."Ich nickte dankend. Vorne führte Patrick das Ritual durch. Es wurden weitere Opferfeuer entfacht.

„Willkommen an den Feuern des Imbolc", sprach Patrick, „heute ehren wir die große Brigid, als Hüterin des Wissens, des Feuers und der Fruchtbarkeit." Langsamen Schrittes begab sich Chrystine McMahon an Patricks Seite. Stolz trug sie einen Lichterkranz auf ihrem Haupt und das schneeweiße Gewand der Brigid. In ihren Händen eine geflochtene Schale mit Brot und Butter. Nur Schwangere durften diese Ehre genießen. Denn diese symbolisierten die fruchtbare Erde und damit Brigid. „Mit Freude trägt Chrystine diesmal die Lichter der Brigid", fuhr Patrick fort, „gesegnet sei ihr Kind. Es ist Symbol dafür, dass die Erde ihre Fruchtbarkeit neu entfaltet, sobald die Strahlen der Sonne wärmer werden. Die neue Saat wird Sprießen. Imbolc ist das Versprechen, dass das Frühjahr nicht mehr fern ist."Er nahm die Schale aus Chrystines Händen und stellte sie vor dem Feuer ab. Zwei junge Burschen aus dem Dorf brachten nun den mit Efeu und Stechpalme geschmückten Kopf einer Kuh und deren Euter.

Mit einem gälischen Gebet übergab Patrick die Opfergaben dem Feuer. „Möge Brigid erstarken und uns segnen", ertönte seine Stimme, „sie gebe uns Fruchtbarkeit. Sie mehre unser Wissen. Sie schütze unsere Frauen. Sie erhalte uns das Feuer. In ihr lebe unsere Erinnerung."Dann räumte er den Platz vor dem Feuer. Jeder der Dorfbewohner übergab noch ein winziges, zu einer Sonne geformtes Brot den hungrigen Flammen. Patrick stimmte weitere Gebete an.

Erst spät in der Nacht traten wir den Rückweg nach Shancahir an. Patrick, Chrystine, die den Lichterkranz der Brigid trug, Eleanor und Sinéad setzten sich an die Spitze. Die übrigen Dorfbewohner folgten in lockerer Ordnung. Einige Männer trugen Fackeln und erhellten den Weg. Anordil und ich nahmen unauffällig unser Gepäck wieder auf. Die Bögen fielen nicht weiter auf, da Ian und Brian ihre ebenfalls dabei hatten. Gleichermaßen sah ich ein paar andere Männer aus dem Dorf mit geschulterten Bögen. Die Dunkelheit sorgte zudem dafür, dass unsere Schwerter kaum zu sehen waren.

Schweigend gaben wir uns unseren Gedanken hin. Von Zeit zu Zeit traf uns ein neugieriger Blick. Das Dorf würden wir erst in den frühen Morgenstunden erreichen. Nach einer Weile verlangsamte Eleanor ihre Schritte, bis sie an unserer Seite ging. „Versuche dich nicht zu grämen", flüsterte sie mir auf Jerne zu, „Anordil ist bei dir und ihr werdet die Zeit gemeinsam überstehen." „Ich hoffe es", wisperte ich, „im vergangenen Jahr bin ich nur knapp entkommen. Und die Kirchenmänner werden nicht lockerlassen. Sie wissen, dass ich lebe und sie werden alles daran setzen, mich zu bekommen. Tot wäre ihn lieb, aber lebend noch lieber. Schließlich wollen sie das Geheimnis meines Vaters in die Hände bekommen und vernichten."

Sie nickte schweigend. „Ihr müsst ja nicht mehr nach Oxford gehen", kommentierte sie leise, „du warst nur für zwei Semester eingeschrieben. Es wird dich demzufolge niemand vermissen. Und hier in Shancahir seid ihr sicher. Das Dorf hält zusammen." „Du hast Recht", stimmte ich ihr zu, „nur Professor Lajinski würde uns vermissen. Er versucht weiterhin den Torstein zu enträtseln. Und ich wüsste sonst niemanden, von Anordil einmal abgesehen, dem dies gelingen könnte. Der Professor ist ein Genie in keltischen Sprachen." „So bete zur Großen Mutter, dass er erfolgreich sein wird." Eleanor drückte kurz meinen Arm und beschleunigte ihren Schritt, so dass sie zu Patrick und Sinéad aufschloss. Anordil hatte unsere Unterhaltung mitbekommen. Es hätte mich gewundert, wenn nicht. Schließlich sind Elbenohren äußerst empfindlich. „Or chuiatham idhrind ío caitam - wir werden den nächsten Sonnenlauf überleben", wisperte er mir zuversichtlich auf Sindarin zu, „Eleanor hat Recht. Wir müssen nicht in diese große Stadt. Vielleicht können wir bleiben und Patrick mit seinem – wie heisst das bei euch? – Museumsdorf helfen. Außerdem können wir Fionas Schwertausbildung weiterführen. Bei dem Tempo, dass sie vorlegt, könnten wir dieses bereits in einem Sonnenlauf beenden. Und deine magischen Fähigkeiten können wir ebenfalls weiter ausbilden. Es gibt eine Reihe von Zauber, die du erlernen könntest. Und Shancahir erscheint mir ein sicherer Ort zu sein." „Wir sollten mit Patrick reden", wisperte ich zustimmend.

Nachdem wir Shancahir erreicht hatten, löste sich die Prozession auf. Die Leute verschwanden in Richtung ihrer Häuser. Wir gingen ohne große Eile zu Patricks Haus hinüber. Im Inneren wurden wir umarmt. Bedauernde Blicke wurden uns zugeworfen. Nachdem wir unser Gepäck abgelegt hatten, sprachen wir mit Patrick.

„Auf dem Weg hierher hatten wir Zeit uns darüber klar zu werden, wie wir das Jahr bis zum nächsten Imbolc-Fest überbrücken wollen", sagte ich zu ihm auf Jerne, „ich möchte auf keinen Fall wieder nach Oxford. Außer vielleicht um Professor Lajinski zu besuchen und ihn nach seinen Fortschritten zu fragen."„Und was habt ihr euch vorgestellt", fragte er neugierig. „Wir hatten daran gedacht, dir vielleicht bei deinem Museumsdorf zu helfen", entgegnete ich, „mir hatte die Arbeit in den Semesterferien viel Freude bereitet und ich könnte mir denken, dass es dir Recht sein könnte." Patrick nickte bedächtig. Seine Augen hatten angefangen zu leuchten, als ich das Museumsdorf erwähnte.

„Ja, das wäre eine gute Idee", stimmte er mir zu, „es ist soviel altes Wissen verloren gegangen. - Vielleicht können wir es mit eurer Hilfe rekonstruieren. In Mittelerde werden womöglich einige Dinge genauso gemacht und gefertigt, wie es unsere Vorfahren vor Jahrhunderten getan haben. Ich wäre froh und glücklich, wenn ihr bleiben würdet." Anordil hatte die ganze Zeit geschwiegen. Er strahlte eine Ruhe und Sicherheit aus, die ich dringend benötigte. „Wenn es dir nichts ausmacht, Patrick, würden wir gerne im Wald leben", sagte er mit seiner melodischen Stimme, „die Städte eurer Welt sind nicht für uns gemacht. Außerdem verringert dies das Risiko, dass sich die Männer, die Arwen suchen, in dieses Dorf verirren könnten." „Das ist durchaus ein Argument", stimmte Patrick zu, „es ist zwar ungewöhnlich, aber wenn ihr beiden das wollt, kann ich euch nicht hindern."

In den nächsten Tagen suchten wir im Wald ein geeignetes Fleckchen, wo man es ein Jahr lang aushalten konnte. Wir wurden bald fündig. Wir entschlossen uns, die kleine Höhle zu beziehen, die Luvalaes uns zu unserer Hochzeitsnacht dekoriert hatte. Nach ein paar Tagen hatten wir uns dort häuslich eingerichtet. Patrick besorgte uns die Erlaubnis in dem Wäldchen zu jagen und zu fischen. Im Gegenzug würden wir in seinem Museumsdorf mit Hand anlegen. Dies würde uns zur Genüge beschäftigen.

Nur einige Tage später waren wir mit Patrick auf einem kleinen Rundgang, als wir laute Schreie aus Richtung der Waffenschmiede hörten. Sofort rannten wir los. Als wir ankamen, quollen uns Rauch und Flammen entgegen. Einer der Schmiedegesellen lag hustend vor der Tür. Anordil kniete sich zu ihm nieder. „Was ist geschehen", fragte er rasch. „Einer der Schmelzöfen", hustete der Mann, „ist hochgegangen. – Wohl was falsch gemacht." „Wie viele sind noch drin", rief ich und schaute nach einem Wasseranschluss. Doch den suchte man bei diesen Nachbauten vergebens. Man hatte sich um zu viel Authentizität bemüht.

„Anordil", schrie ich, als ich sah, dass die Flammen immer höher schlugen. Er sagte einige bestimmende Worte in der Sprache der Zauber und vollführte ein paar rasche Handbewegungen. Es dauerte nur Sekunden, bevor ich die Wirkung sah. Schlagartig verloschen die Flammen. Anordil stürmte in die Schmiede hinein und zog einen der Männer heraus. Dreimal durchbrach er die Rauchschwaden und kam mit einem Mann geschultert wieder. Sie husteten und stöhnten vor Schmerz. Rasch untersuchte er ihre Wunden.

„Or chuiathar - sie werden es überleben", flüsterte er auf Sindarin, „sie haben nur Verbrennungen. Die kann ich heilen." Bevor ich ihn hindern konnte, murmelte er die entsprechenden Worte vor sich her. Ich sah, wie die Wunden anfingen zu heilen. Die Männer bekamen davon nichts mit. Sie waren zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Der dicke schwarze Rauch war bis tief in die Lungen gedrungen.

Minuten später kam der Dorfarzt, Kevin McMahon, angerannt. Ihm folgte auf dem Fuß ein Rettungswagen. Kurz untersuchte Kevin die Männer. Die starken Verbrennungen waren einer sonnenbrandähnlichen Rötung gewichen. So wie die Schmiede den Unfallhergang schilderten, mussten sie aber schwerer verbrannt sein. „Keine ernsthaften Verbrennungen", murmelte er überrascht, „nur ein wenig zu viel Rauch und ansonsten nichts." Er sah Anordil merkwürdig an. Dieser tat, als würde er es nicht bemerken. Aber mir entging der musternde Blick nicht. Was mochte Kevin McMahon wohl denken, dachte ich bei mir. Kevin begleitete die Männer ins Krankenhaus. Dort würden sie gründlich untersucht werden. Ich war gespannt darauf, was Kevin am Abend in der Schänke erzählen würde. Schließlich kam er jeden Abend und trank seinen Becher Wein.

„Das war äußerst leichtsinnig", kommentierte ich auf Sindarin, während wir dem Wagen hinter blickten, als dieser abfuhr, „die Männer hätten etwas bemerken können." „Es ging um ihr Leben. Einer von ihnen hätte den Tod gefunden", antwortete Anordil schlicht. „Es hätte weniger auffällig sein können", gab ich zurück, „die Männer in der Schmiede sind nicht das Problem. Sie werden ihre Eindrücke und was sie gesehen haben der Aufregung und dem Schock zuschreiben. - Kevin McMahon ist das eigentliche Problem. Er war äußerst skeptisch, was den Unfallhergang betraf. Er konnte es nicht glauben, dass die Männer nur leicht verletzt waren. Wenn er wieder hier ist, wird er viele Fragen stellen. Kevin ist neugierig. - Annähernd so neugierig wie ein Elb." Was das ganze zusätzlich erschwerte, war, dass Kevin ein erklärter Tolkien-Fan war. Dies erwähnte ich Anordil gegenüber allerdings nicht.

Patrick kam auf uns zu. Er hatte geholfen, die Reste der Schmiede zu sichern. „Bei Cernunnos Hörnern", fluchte er vor sich hin, „musste ausgerechnet die Schmiede Feuer fangen? – Jetzt war die ganze Arbeit umsonst. Wir müssen erneut von vorne anfangen. – Und ich dachte, wir hätten das Rätsel gelöst." „Warte bis die Männer wieder zurück sind", beschwichtigte Anordil, „vielleicht lag nur eine Unachtsamkeit vor. Die Arbeitsabläufe an sich müssten im Großen und Ganzen stimmig sein." „Vielleicht hast du Recht", antwortete Patrick, „nun lasst uns unseren Rundgang fortsetzen. Wir haben viel zu tun." Gemeinsam machten wir uns wieder an die Arbeit.

Gegen Abend kehrten wir in den „Blauen Drachen" ein. Mittlerweile war dieser ganzjährig im Betrieb. Auch die Bewohner von Shancahir gingen gerne dorthin. Viele von ihnen konnte man allabendlich zu einem Gläschen und Plausch antreffen. Der Sohn des alten Wirtes aus Shancahir betrieb den „Blauen Drachen". Ihm halfen ein anderer junger Mann aus dem Dorf und wechselseitig ein paar jungen Mädchen aus Shancahir.

Wir hatten uns just an unseren Tisch gesetzt, als Kevin die Schänke betrat. Er schien jemanden zu suchen. Als er uns erblickte, kam er zu uns herüber. „Euch beide habe ich gesucht", sagte er erfreut. Langsam nahm er Platz. Sekunden später brachte eines der Mädels ihm seinen Wein. „Es wird euch freuen, dass es den Schmieden gut geht", fuhr er fort, „sie haben keine schwerwiegenden Verletzungen davongetragen. Obwohl das äußerst ungewöhnlich ist. Wie sie den Unfall geschildert haben, müssten sie eigentlich schwerste Verbrennungen am Leibe haben. - Aber da ist nichts. Nur ein leichte Rötung. Ich stehe vor einem Rätsel."

Patrick lachte ihn breit an. „Vielleicht solltest du weniger grübeln", schlug er vor, „ab und zu geschehen Dinge zwischen Himmel und Erde, die man sich nicht erklären kann. Nimm' es einfach hin." Ein wenig misstrauisch beäugte er uns. Anordil setzte eine Unschuldsmine auf. Ich tat, als hätte ich nichts bemerkt.

„Ich denke, das werde ich müssen", seufzte Kevin ergeben und schlürfte seinen Wein. „Kevin, der ewige Skeptiker", dröhnte Patrick lachend, „immerzu musst du hinterfragen und heraus finden, warum Dinge sind, wie sie sind. - Akzeptiere einfach ein einziges Mal Gottes Hand." „Es gibt keinen Beweis, dass Gott existiert", konterte Kevin trocken, „warum sollte ich folglich an ihn glauben?" Ich war froh, als die beiden sich in eine pseudoreligiöse Diskussion verstrickten. Nach einer Weile zogen Anordil und ich es vor, unauffällig zu verschwinden.

Aufgrund dieses Ereignisses sprach ich mit Patrick. Ich überredete ihn, eine keltische Heilerstube in Erwägung zu ziehen. Zur nächsten Versammlung nahm Patrick uns schließlich mit. Man traf sich im „Keltischen Krug", der kleinen Dorfschänke von Shancahir in einem Nebenraum. Als wir kamen waren bereits alle anderen da. Es wurden zuerst Belange des Dorfes besprochen. Danach kam das Museumsdorf an die Reihe.

„... wir haben viel zu tun, bevor die Tore erneut geöffnet werden", sagte Patrick, „Anna und ihr Mann haben dazu einen Vorschlag zu machen. – Anna?" Leicht nervös stand ich auf. Ich mochte es nicht so in der Öffentlichkeit zu stehen. „In der letzten Zeit hatten Garret und ich viel Gelegenheit uns mit dem Museumsdorf und den dortigen Gegebenheiten vertraut zu machen. Vieles wurde wunderbar rekonstruiert. Einiges fehlt oder ist in Arbeit. - Was uns auffiel, ist, dass keine Heilerstube vorgesehen ist. Es könnte vielleicht überdacht werden, eine einzurichten. Wir hätten da einige Ideen. Aufgrund unserer Forschungsarbeiten in diesem Bereich und der medizinischen Kenntnisse von Garret könnte eine Rekonstruktion gelingen." Mir schwebte etwas vor wie Rellenas Heilerstube in Esgaroth. Gestern hatte ich mit Anordil darüber gesprochen.

„Das ist gut und schön", warf Kevin McMahon ein, „jedoch müsste die Ausstattung ausschließlich fachlich kompetenten Personen gestattet werden." „Ich hatte nicht vor die fachliche Kompetenz der Anwesenden zu untergraben", sagte ich mit fester Stimme, „doch liegt diese wohl eher in der Führung einer modernen Praxis. - Mein Modell sieht ein zweigeteiltes Haus vor. Vorne könnte eine keltische, vielleicht mittelalterliche Heilerstube eingerichtet werden und dahinter eine moderne Sanitätsstation. Unsichtbar für den Besucher. Aber für den Fall der Fälle. Ich dachte daran, sie, Kevin McMahon, dabei um Hilfe zu bitten." Wohlwollendes Gemurmel begleitete meine letzten Worte.

„Nachdem Anna den Vorschlag dargelegt hat, wollen wir zur Abstimmung übergehen", sagte Patrick an, „wer dafür ist, hebe jetzt die Hand." Konzentriert zählte er die erhobenen Hände. „Wer ist dagegen", fragte er dann. Wiederum zählte er. „Enthaltungen", fragte er erneut. „Das Ergebnis beträgt zweiundzwanzig Stimmen dafür, neun dagegen und vier Enthaltungen", verkündete er das Ergebnis, „damit wäre es beschlossen. - Anna und Garret werden die Ausstattung des vorderen Bereiches der Heilerstube übernehmen. Und Kevin wird sich um die Sanitätsstation kümmern. - Kevin?"

Alle Augen waren auf den Dorfarzt gerichtet. Er war als Skeptiker bekannt und hatte sich bei der Abstimmung dagegen ausgesprochen. „Da ich überstimmt worden bin", erwiderte er trocken, „kann ich nur meine Hilfe anbieten. Ich finde die Idee im Großen und Ganzen gut. Was ich dazu beitragen kann, mit Wissen oder körperlicher Arbeit, werde ich tun." „Damit schließe ich diese Versammlung", Patrick nickte zufrieden, „wer will, kann mit uns noch etwas trinken." Anordil und ich würden uns zurückziehen. Wir hatten für genug Aufregung gesorgt. Als wir die Versammlung verließen, kam Kevin McMahon auf uns zu. Seit dem Vorfall bei der Schmiede beäugte er Anordil mit einer Mischung aus Argwohn und Neugier.

„Ich werde ein Auge auf euch halten", sagte er mit einem leicht warnenden Unterton, „Quacksalber sind mir zuwider." Anordil lächelte ihn gewinnend an. „Eine Herausforderung", sagte er amüsiert, „nun denn, ich werde sie annehmen." „Dies ist keine Herausforderung, sondern eine Warnung", meinte Kevin eisig, „während meiner Ausbildung und in der Zeit danach, habe ich gelernt die Möchtegerndoktoren zu hassen. Sie richten viel mehr Schaden an, als dass sie nützen." Anordil hielt seinem Blick stand. „Nicht jeder, der einen Doktortitel trägt ist ein Arzt", erwiderte er seidenweich, „und nicht jeder der dies nicht tut, ist ein Quacksalber. Lasst euch von meinen Absichten überzeugen und werdet ihr im Gegenzug ein wenig flexibler in eurer Denkweise." Ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen ging er hinaus. Ich folgte ihm. Kevin blieb zurück. Er zitterte. Ob vor Wut oder aus anderen Gründen, vermochte ich nicht zu sagen.

In den nächsten Wochen richteten wir in einem der 8-Pfosten-Häuser eine Heilerstube ein. Das Haus wurde in kleine Räume unterteilt. In einem dieser Räume wurde eine Kräuterstube eingerichtet. Dort wurden Kräuter gelagert und zubereitet. Vorne das erste Zimmer wurde mit Kräutern und Elixieren eingerichtet. Eine Liege, zwei Stühle und ein Arbeitstisch an der Wand vervollständigten die Einrichtung. Eine Feuerstelle war vorhanden.

Anordil ließ sein ganzes Wissen als Heiler einfließen. Er sammelte und bearbeitete die Kräuter. Er bereitete Tränke und Pülverchen. Dabei kombinierte er sein Wissen mit dem, was ich ihm aus meinem Studium über die Kelten und ihre Heilmethoden berichtete. Beim Feinschmied ließ er sich verschiedene Instrumente herstellen. Diese lagen auf dem Arbeitstisch auf einem sauberen Tuch ausgebreitet.

In den zwei hinteren Zimmern wurde eine moderne Sanitätsstation eingerichtet. Kevin war auffallend oft anwesend. Er war es schließlich, der den modernen Teil ausstattete. Misstrauisch beobachtete er Anordil. Es war offensichtlich, dass ihm die Vorgehensweise von Anordil nicht ganz geheuer erschien. Mit Argwohn, aber auch mit Neugier sah er auf jeden Schritt, den dieser machte.

Kevin tat sich schwer damit, die Heilmethoden Anordils zu akzeptieren. Doch mit der Zeit wurde Kevin ein wenig aufgeschlossener. Vor allem, als er bemerkte, dass Anordil tatsächlich einiges von den Heilkünsten verstand. Bei den Arbeiten im Museumsdorf zog ich mir des öfteren kleinere Wunden zu. Ich ließ sie nur von Anordil behandeln.

Einmal hatte ich mir an einem größeren Splitter den Unterarm tief aufgerissen. Ich verbiss den Schmerz, wickelte schnell ein Tuch darum und lief zur Heilerstube. Dort war Anordil mit der Zubereitung einer Paste beschäftigt. Kevin stand neben ihm und schaute misstrauisch zu. Er ließ sich erklären, was hinein kam und was für eine Wirkung die Paste haben würde.

„Garret", sagte ich, als ich eintrat, „ich habe mich verletzt." Anordil, den ich im Beisein der anderen mit Garret ansprach, war blitzschnell bei mir und entfernte das Tuch. „Das hast du prima gemacht", flüsterte er auf Sindarin, „jetzt kann ich die Paste direkt vorführen." Na prima, jetzt war ich Versuchskaninchen. Ich seufzte ergeben.

Anordil wandte sich an Kevin. „Nun Kevin, was würden sie in diesem Fall empfehlen", fragte er ihn ruhig, während er eine Schüssel mit Wasser und ein Tuch holte und meine Wunde säuberte. Kevin beugte sich über meinen Arm und betrachtete diesen kritisch. „In meiner Praxis würde ich es ebenfalls reinigen, die Wundränder mit Jod betupfen und einen Salbenverband mit einer antibiotischen Salbe anlegen." Anordil nickte. „Ähnlich gehe auch ich vor", antwortet er, während er die Wunde abtupfte, „nur, dass ich kein Jod und keine antibiotische Salbe verwende. Ich nehme ein wenig von der Paste, die ich dort zubereitet habe und verstreiche sie dünn auf der Wunde. Danach kommen diese Blätter darüber und es wird mit einem Verband umschlossen. – Übrigens – im Wald kann man anstelle des Verbandtuches ein Stück Rinde nehmen und es mit Lederschnüren befestigen."

Während er erklärte, hatte er ruhig den Tiegel mit der Paste genommen und geschickt ein wenig davon auf meine Wunde gestrichen. Anschließend legte er die Blätter auf und wickelte schnell und sicher Verbandstuch um den Arm. Kevin äugte ein wenig merkwürdig. „Morgen wird der Verband abgenommen, dann wird der Heilungsprozess zu sehen sein", fuhr Anordil fort. „Wir werden sehen", erwiderte Kevin skeptisch, „ich wäre gerne beim Verbandwechsel dabei." Ich nickte zustimmend.

„Sobald du eintriffst, werde ich den Verband abnehmen lassen", sagte ich zu Kevin. „Wie steht es eigentlich mit deiner Tetanus-Impfung", fragte er mich, „wann hast du die letzte bekommen?" Daran hatte ich gar nicht gedacht. Hier wird man ja ständig mit diesen lästigen Impfungen belästigt. „Meine ist noch frisch", antwortete ich rasch, „ich habe letztes Jahr im Krankenhaus eine bekommen." Ob ich das tatsächlich hatte, wusste ich nicht, aber ich vertraute eher Anordils Heilkünsten als irgendwelchen Spritzen. Und da ich durch ihn Elbenblut in mir hatte, war ich mir eigentlich sicher, keine Tetanusspritze zu benötigen.

Kevin sah mich skeptisch an. „Bist du dir sicher", fragte er erneut, „wenn nicht, solltest du mit in die Praxis kommen." Ich schüttelte den Kopf. „Nein, Kevin", lehnte ich ab, „ich bin mir sicher, ich benötige keine." Anordil hatte unserem Dialog schweigend zugehört. Fragend sah er mich an. Ich schüttelte leicht den Kopf. Was er wissen wollte, würde ich später beantworten. Doch jetzt kehrte ich an meine Arbeit zurück. Kevin sah mir zweifelnd hinterher.

Ich schmunzelte. Anordil hatte jetzt keine Magie anwenden können, aber ich war mir sicher, dass seine Paste genauso gut half, wenn auch langsamer. Schließlich war ich nicht das erste Mal verletzt und es war nicht das erste Mal, dass er mich verbunden hatte. Ich vertraute auf die Wirkung seiner Heilmethoden. Seien sie nun magischer Art oder mit Pasten und Kräutern.

Später in unserer kleinen Höhle sah Anordil mich neugierig an. „Nun erkläre mir", hob er an, „was ist dieses Tetanus, von dem Kevin sprach." „Soweit ich weiß, wird durch Verunreinigungen einer Wunde Muskelschmerz, Krämpfe und Atemnot hervorgerufen", antwortete ich nachdenklich, denn ich musste überlegen, was Tetanus eigentlich war, „derartige Krämpfe können bis zum Tod führen. Deshalb wird bei uns dagegen geimpft. Sobald sich jemand ernsthafter verletzt, wird im eine Tetanusspritze gegeben. Dabei wird eine kleine Menge der lähmenden Substanz verabreicht. Diese aktiviert das Immunsystem und verhindert, dass der Körper derart drastisch auf die eindringenden Substanzen reagiert." Er hatte mir aufmerksam zugehört. „Somit ist es für dich nicht gefährlich", sagte er zufrieden, „das Elbenblut in dir verhindert solche Krankheit."

Er warf mir die Kurzschwerter herüber. Trotz meiner kleinen Wunde würden wir ein wenig unsere Kampffähigkeiten üben. Schließlich durften wir nicht einrosten. Sobald wir Mittelerde wieder betraten, mussten wir für den Kampf gerüstet sein. Außerdem lernte ich immer neue Techniken. Anordil war eine Quelle an kampftechnischen Überraschungen. Immer wieder zauberte er eine neue Technik aus seinem Wissensschatz. Und das nicht nur mit den Schwertern, sondern auch mit dem Bogen.

Nach einer Weile hörten wir schweißgebadet auf. Jedenfalls ich schwitzte. Rasch erfrischte ich mich im Fluss. Allerdings musste ich aufpassen, dass der Verband nicht nass wurde. Schließlich wollte ich das Ergebnis nicht verfälschen. Nebenbei fing ich zwei Fische für das Nachtmahl. Diese nahm ich bereits am Ufer aus. Gemüse hatten wir aus dem Dorf mitgebracht. Als ich zur Höhle zurückkam, brannte ein kleines Feuer. Kurze Zeit später brutzelten die Fische über dem Feuer und das Gemüse dämpfte in einem Kessel vor sich hin. Nach dem Essen ließen wir das Feuer ein wenig niedriger brennen.

Der Abend war genau die richtige Zeit um meine magischen Fähigkeiten zu schulen. Anordil erwies sich darin als strenger Lehrherr. Er konnte es äußerst anschaulich vermitteln. Doch es war ermüdend. Länger als eine Stunde konnte ich nicht üben. Wie meist endete es in einer kleinen Rauferei.

Schwer atmend lag ich danach auf den Fellen. Anordil streichelte sacht meinen Rücken. „Lhÿ ú-sîdh dorthatham - die Zeiten werden nicht friedlich bleiben", sagte er leise, „in Mittelerde werden wir lange nicht mehr dermaßen unbesorgt sein können, wie jetzt. Wir sollten diesen Sonnenlauf genießen." „Da muss ich dir zustimmen", erwiderte ich düster. In mir stiegen die Erzählungen Tolkiens auf. Wenn wir nach Mittelerde zurückkehrten, würden wir kurz vor dem Ringkrieg sein. Nur wenige Sonnenläufe trennten uns von dieser dunklen Zeit. In Mittelerde wurde das Jahr 3013 geschrieben. Ich überlegte, ob Gollum bereits in Gefangenschaft war oder nicht. Auf alle Fälle wurde er bereits durch Gandalf und Aragorn gejagt.

„Du bist betrübt", fragte Anordil, „wovor hast du Angst?" Ich sah ihn in seine strahlendblauen Augen. „Du weisst, dass ich dir nichts verraten darf", erwiderte ich betrübt, „ich würde es gerne, aber das Rad des Schicksals muss seinen Lauf nehmen, wie es geschrieben steht." „Du hast düstere Gedanken wegen dem Einen Ring", sagte er leise, „doch sorge dich nicht. Nichts und niemand kann seinem Schicksal entgehen. Selbst der Eine Ring nicht." Erschrocken sah ich ihn an.

Hatte er meine Gedanken gelesen? Woher wusste er, dass ich an den Einen Ring und den Ringkrieg gedacht hatte? „Du hast mir nichts verraten", lächelte er mich an, „aber auf Fionas Tag der Geburt habe ich ein paar junge Burschen belauscht, als sie von dem Einen Ring sprachen. Ich war neugierig, was denn die Menschen deiner Welt von dem verschollenen Ring der Macht wissen konnten. Aus diesem Grunde habe ich gelauscht, obwohl dies eigentlich nicht meiner Art entspricht. Sie sprachen von einer Geschichte – von Gefährten, die einen Ringträger auf seiner Reise begleiteten, um den Einen Ring zu vernichten. Legolas wurde erwähnt und Streicher. Sogar von Gandalf dem Grauen war die Rede. Sie sprachen von einem großen Krieg, der wegen dem Ring ausbrach und vom dunklen Herrscher Sauron. – Sag, ist es wahr? Wird Sauron wieder an die Macht gelangen? Gelangt der Eine Ring erneut in seine Gewalt? Was hat Gandalf der Graue damit zu tun und was passiert in Isengart?" Ich war überrascht. Vor Schreck und Verblüffung sah ich ihn erst ein paar Sekunden sprachlos an.

„Bei Cernunnos Hörnern", brach es aus mir heraus, „die Elben und ihre Neugier! – Dies sind Dinge, die für Mittelerde erst in der Zukunft liegen. Das du jetzt davon weisst, gefährdet den Ablauf der kommenden Ereignisse. Sogar das ich in Mittelerde erschienen bin, verändert bereits das, was erst geschehen muss." Anordil lächelte mich gewinnend an. „Ich gebe dir mein Wort, dass ich nichts davon verraten werde", sagte er ernst zu mir, „und ich verspreche dir, meine Neugier in dieser Hinsicht zu zügeln. Denn du hast Recht. Ich bin ein Wesen aus Mittelerde. Ich darf nichts davon wissen. Und das, was ich jetzt durch Zufall erfahren habe, wird bei mir gut gehütet sein. – Nun schaue nicht mehr derart düster." Ich seufzte. Das Wort eines Elben war bindend. Er würde nicht mehr versuchen, weitere Informationen zu erlangen. Beruhigend nahm er mich in den Arm. „Was auch kommen mag", flüsterte er mir ins Ohr, „selbst Saurons Schergen werden uns nicht mehr trennen können." Zärtlich küsste er mich in den Nacken, bevor er begann meine düsteren Gedanken zu vertreiben.

Am nächsten Tag warteten wir, bis Kevin eintraf. Dann erst nahm Anordil den Verband ab. Er wusch die Überreste der Paste von der Wunde und ließ Kevin einen Blick darauf werfen. „Dass ist ja wirksamer als meine Salbe, die ich verwende", rief dieser verblüfft und untersuchte die nun verschlossene Wunde gründlich. Ich schaute ebenfalls hin. Die Wunde war zwar zu sehen, aber sie war bereits mit einer feinen Zellschicht überdeckt. Man konnte erkennen, dass nicht einmal eine Narbe bleiben würde. Anordil lächelte verschmitzt.

„Nun, Caoimhín", fragte er und verwendete den gälischen Namen für Kevin, „wollt ihr die Paste nicht in eurer Praxis testen?" Kevin sah ihn überrascht an. „Ja, gerne", antwortete er nachdenklich, „vielleicht nicht nur die Paste. – Ich denke, aus uns könnten Freunde werden." Er lächelte Anordil an und reichte ihm die Hand. Das Eis war gebrochen. Und so kam es, dass Kevin des öfteren bei Anordil einen Rat einholte, wenn er nicht mehr weiter wusste. Meist konnte Anordil helfen, schließlich schöpfte er aus knapp viertausend Jahren Wissen. Aber das verrieten wir Kevin natürlich nicht. Aber wir saßen jetzt oft des Abends zusammen und tranken einen Becher Wein.

Auch ansonsten war im Museumsdorf viel zu tun. Insbesondere bei den Handwerkern waren viele Fragen offen. Und es wurde viel experimentiert, bis man einen alten Arbeitsgang wieder rekonstruiert hatte. Wir versuchten, soweit es uns möglich war, mit unserem Wissen zu helfen. Aber oft mussten selbst wir passen und ausprobieren. War das eine Problem gelöst, wartete bereits das nächste auf uns.

Die Wochenenden versprachen dagegen Abwechslung. Jeden Freitag, wenn Fiona kam, zogen wir uns mit ihr in die Wälder zurück. Dort gaben wir ihr intensiven Unterricht im Umgang mit dem Schwert. Mittlerweile war sie außergewöhnlich geschickt geworden. Es würde nicht lange dauern, bis sie es meisterhaft beherrschte. Das musste sogar Anordil zugeben. Und dieser war ausnehmend sparsam, was Anerkennung anging.

Ihr Sindarin wurde ebenfalls ständig besser. Wenn wir zusammen waren, sprachen wir nur Sindarin, damit sie üben konnte. Sie war äußerst neugierig, beinahe schien es als hätte sie Elbenblut, und stellte viele Fragen. Manche konnten wir nicht beantworten, um sie nicht zu gefährden. Sie hatte ein feines Gespür dafür, was sie uns fragen konnte und was nicht. Es gab aber desgleichen vieles, was sie uns erzählte und anvertraute. Dinge, die sie mit Sinéad nicht besprechen wollte. Als Teenager ist man da bemerkenswert empfindlich. Ich wusste es aus eigener Erfahrung. Da waren ein paar junge Männer an ihrer Schule, die ihr den Hof machten. Aber sie interessierte sich nicht im geringsten für sie. Folglich fragte sie uns um Rat, wie sie sich verhalten sollte. Eines Freitags kam sie voller Angst nach Hause. Man hatte ihr aufgelauert und ihr einen gehörigen Schrecken versetzt. Einer der Abgewiesenen hatte ihr gedroht.

„Ich weiß nicht, was ich tun soll, Tante Arwen", flüsterte sie aufgelöst, „meiner Mum will ich nichts erzählen und irgendwie muss ich mir den Typ doch vom Hals halten." „Wir werden nachher eine Lösung finden", sagte Anordil bestimmend, „jetzt geh und begrüße deine Eltern." Fiona ging erleichtert ins Haus. „Wir müssen uns etwas überlegen. Vielleicht ihr sogar einen Zauber beibringen", flüsterte Anordil mir zu, „sie hat das Potential dazu." Ich schaute ihn ernst an. „Ich gebe dir recht", erwiderte ich leise, „es sollte was leicht zu lernendes sein. Etwas, das nicht auffällt." Anordil lächelte diabolisch. „Schmerzen", meinte er zufrieden, „sie wird lernen, wie man Schmerzen zaubert."

Später am Nachmittag trafen wir uns mit ihr auf der Lichtung, wo ich früher mit Ewan gespielt hatte. Dort hielten wir meist unsere Schwertkampfübungen ab. „Jetzt erzähle uns, was geschehen ist", forderte Anordil sie auf. Sie spielte krampfhaft mit dem Griff ihres Schwertes. Sie wirkte unsicher und ängstlich. Dieses Verhalten war ich nicht von ihr gewohnt. Ihre Augen wanderten unruhig hin und her.

„Es gibt da einen jungen Mann an unserer Schule", hob sie an, „er ist zwei Klassen über mir. Frank heißt er und ist ein richtiges Ekelpaket. Niemand, der einigermaßen bei Verstand ist, will mit ihm zu tun haben. Aber er hat ein paar Schläger um sich geschart. – Er denkt, die Mädchen wären Freiwild für ihn. Er pöbelt uns an und wenn sich eine von uns wehrt, wird er handgreiflich. Jede geht ihm aus dem Weg so gut es geht. Jetzt hat er sich in den Kopf gesetzt, dass ich seine neue Gespielin werden soll. Ich habe ihm daraufhin eine Abfuhr erteilt, wie du es mir geraten hattest, Tante Arwen. – Aber er hat sich davon nicht beeindrucken lassen. Letzte Woche auf dem Weg zur Pension hat er mir aufgelauert. Zusammen mit ein paar von seinen Freunden. Er hat mir ein Ultimatum gesetzt, bis wann ich mir meine Antwort überlegen muss. Ansonsten - " Sie schwieg und sprach nicht weiter.

„Ansonsten was", fragte Anordil ruhig. Sie schaute ins Leere. „Er wüsste, wo ich wohne, sagte er, und er würde mich finden. Er würde mir zeigen, was ...", sie brach ab und fing an zu weinen. Ich hatte Fiona bisher nie weinen sehen. Erschrocken nahm ich sie in den Arm. Wut stieg in mir auf. Anordils Augen wurden stahlkalt. „Er wird gar nichts", sagte er gefährlich leise, „wir werden dir an diesem Wochenende ein paar Tricks beibringen, wie du dich erwehren kannst und – einen kleinen Zauber." Fiona sah ihn mit verweinten Augen an.

„Aber Zauber funktionieren doch nur im Märchen", schluchzte sie. Ich schüttelte den Kopf. Anordil nahm ihr Kinn in seine Hand und zwang sie ihn anzusehen. „Glaube mir", sagte er sanft, „auch Arwen konnte es zuerst nicht verstehen, aber es gibt Magie. Und es gibt Menschen, die sie wirken können. Oder Elben, wie du magst. Auch du wirst Magie zu akzeptieren lernen. – Und nun steh auf, wir haben viel zu tun."

Mit einem Ruck zog er sie auf die Beine und reichte ihr das Schwert, das sie vorhin weggelegt hatte. Abrupt griff er sie an. Er gab ihr eine Lektion im Schwertkampf, damit sie sich wieder fangen konnte und ruhiger wurde. Es vergingen nur einige Minuten, bis sie sich unter Kontrolle hatte und konzentriert das Schwert führte. Ich war immer wieder erstaunt, wie schnell sie den Gebrauch desselben erlernt hatte. Wenn der Sonnenlauf vorbei war, würde sie eine Meisterin des Schwertkampfes sein.

Nach einer halben Stunde brach Anordil die Lektion ab. „Jetzt beginnen wir mit Nahkampfübungen", sagte er und lachte leise. Ich kannte dieses Lachen. Mir tat bereits dieser Frank leid, wenn Fiona die Techniken beherrschen würde, denn Anordil brachte ihr die Techniken bei, die ich ebenfalls gewählt hätte. Gemeine, hinterhältige Tricks, die eigentliche jede Frau wissen sollte, weil sie immens weh taten und nicht viel Kraft erforderten.

Gegen Abend hörten wir auf. Fiona schmerzten bereits die Glieder. „Ein heißes Bad wirkt Wunder", lachte Anordil, „komme nach dem Bad zu uns in die Höhle, danach werden wir mit dem Zauberunterricht beginnen." „Ich brauche aber was zu essen", knurrte sie ein wenig ungehalten, „ich verhungere." Finster sah sie Anordil an. „Wir laden dich ein unser bescheidenes Mahl mit uns zu teilen", sagte ich und konnte mich des Lachens kaum erwehren. Ich erinnerte mich ähnlich ausgesehen zu haben, nach den Übungskämpfen. Auch mir stand damals der Frust im Gesicht geschrieben, doch mittlerweile hatte ich mich zu einer recht guten Kämpferin entwickelt.

Es dauerte nicht lange, bis Fiona zu uns in die Höhle kam. Wir hatten uns in der Zwischenzeit ebenfalls gereinigt und hatten die Gelegenheit wahrgenommen zwei Wildenten zu schießen. Ein paar wilde Kartoffelknollen und Wildkräuter fanden sich gleichermaßen. Mit den Wildkräutern füllten wir die Enten und steckten sie über das Feuer, wo sie vor sich her brutzelten. Die Knollen warfen wir in die Glut. Als Fiona kam, brachte sie eine Beerenpastete und frisches Brot mit. Beides war noch warm.

Wir speisten in aller Ruhe. Dazu ließen wir uns ein wenig Wein munden. Nach dem Essen wollte Anordil mit den Zauberübungen beginnen. Doch Fiona verzog schmerzhaft ihr Gesicht. „Ich habe doch gar nicht gezaubert", meinte Anordil überrascht zu ihr. Ich kicherte vor mich hin. „Das ist von vorhin", sagte Fiona gepresst, „ich habe mir wohl eine Muskelzerrung geholt." Oh ja, dass kannte ich gut. Ich hatte wochenlang das Gefühl gehabt, mein Körper bestehe nur aus schmerzenden Muskelfasern.

„Das ist nicht lustig, Tante Arwen!" „Tut mir leid, Fiona", sagte ich mitfühlend und konnte ein Schmunzeln kaum unterdrücken, „doch ich erinnerte mich an meine Kampfausbildung. Ich habe ähnlich gelitten wie du." „Zieh dich aus", befahl Anordil, „und lege dich dort auf das Lager. Ich habe ein Öl, dass dir helfen wird." Fiona sah mich fragend an. „Tue ruhig, wie dir geheißen", sagte ich beruhigend zu ihr. Scheu zog sie sich in den Schatten der Höhle zurück und entledigte sich ihrer Kleider.

„Wie die Mutter, so die Tochter", sagte Anordil leise auf Doriathrin, „sie ist scheu wie ein Reh." „Doch sie hat nicht mein Leid erfahren", erwiderte ich, „sie wird aufgeschlossener sein als ich es war. In zwei Jahren feiert sie Beltaine, dann wird sie bereit sein." Anordil schüttelte den Kopf. Er war anderer Meinung. Aus einer Nische zog er einen kleinen Tonkrug. Von dem Inhalt goss er ein wenig in seine Hände und verrieb es kurz, bevor er anfing Fiona zu massieren. Dabei murmelte einen seiner Sprüche. Nach einigen Minuten war Fiona entspannt und räkelte sich ein wenig. „Nun, Fiona, du darfst dich wieder bekleiden." Rasch schlüpfte sie in ihre Kleider. Jetzt schien sie sich wohler zu fühlen.

„Was wirst du an deinem ersten Beltaine tun", fragte ich neugierig, „wirst du die Liebe erfahren wollen?" Sie schüttelte den Kopf. „Nein, Tante Arwen", erwiderte sie, „ich werde feiern und ausgelassen um die Feuer tanzen, aber ich werde mich nicht hinreißen lassen. Weder werde ich den Beltaine-Wein trinken. Ich werde warten, bis ich einen Mann treffe, mit dem ich mein Leben teilen möchte. So wie du Anordil gefunden hast." Eine leise Sehnsucht schwang in ihrer Stimme. Es war offensichtlich, sie würde jemanden suchen, den sie mit Anordil vergleichen konnte. Sie würde lange suchen, das war klar. Jedenfalls in dieser Welt.

„Es gilt einen Spruch zu lernen", mahnte Anordil. Fiona erwies sich als gelehrige Schülerin. Ich war überrascht über ihr Zaubertalent. Der Spruch funktioniert bei ihr auf Anhieb. Selbst Anordil war erstaunt. „In Mittelerde würde sie eine gute Magierin werden", sagte er zu mir, als wir alleine waren, „ihr Potential ist hoch. Selbst ich kann es spüren und ich bin nicht Celebnên." Stolz sah ich ihn an. „Sie ist meine Tochter", antwortete ich leise, „ich bin gespannt, ob sie den Spruch einsetzt."

Montag früh fuhr sie mit Patrick nach Glendalough. Sie war unruhig, das war ihr anzumerken. Nach dem sie abgefahren waren, meinte Anordil zu mir: „Wie weit ist dieses Glendalough entfernt?" Ich überlegte kurz. Sicher war ich mir nicht mehr. „Etwa acht Meilen", antwortete ich, „weshalb möchtest du das wissen?" Anordil schaute in Richtung in der das Auto verschwunden war.

„Ich möchte zur Sicherheit in Fionas Nähe sein", sagte er leise auf Sindarin, da Sinèad in der Nähe stand, „ich will nicht, dass ihr etwas zustößt." Ich nickte zustimmend, denn ich hatte ebenfalls daran gedacht. „Folglich werden wir uns nachher auf den Weg begeben", antwortete ich. Bis dahin gingen wir ins Museumsdorf. Es gab schließlich viel zu tun. Denn zu Beltaine sollte das Dorf eröffnet werden. Überall war man emsig am Werk.

Gegen späten Nachmittag trafen wir uns in unserer Höhle. Dort kleideten wir uns in die elbischen Gewänder und entschieden uns nur ein Schwert mitzunehmen. Durch die graugrünen Elbenumhänge verschmolzen wir nahezu mit der Landschaft. Rasch liefen wir Richtung Glendalough. Da wir nicht an die Straßen gebunden waren, konnten wir den direkten Weg nehmen.

Nach etwa einer Stunde lag Glendalough vor uns. Wir kamen über das Tal. Schließlich hieß Glendalough „Tal der zwei Seen". Im Tal waren viele frühchristliche Ruinen verstreut. Dies war die Touristenattraktion. Sieben Kirchen und ein Kloster fand man in der Gegend. Der irische Heilige Kevin hatte im Tal von Glendalough gelebt. Aus diesem Grund war es bis weit ins neunzehnte Jahrhundert hinein ein beliebter Pilgerort gewesen.

Am Eingang des Tales erstreckte sich die Stadt und mit ihr das Besucherzentrum. Die bewaldeten Seenufer gaben uns ausreichend Deckung. Sie reichten bis an die Stadt heran. Fiona hatte uns oft ihre Pension beschrieben. Diese lag am Stadtrand und verschwand beinahe im Wald. Wir hatten keine Mühe sie zu finden. Fiona war auch bereits anwesend. Anordil konnte ihre Aura spüren.

„Sie ist immer noch angespannt", sagte er zu mir. „Wir werden in der Nähe bleiben", erwiderte ich, „im Wald ist genug Deckung für uns. Das Wasser aus den Seen ist sauber und Brot hatte ich vorhin eingesteckt." Anordil musterte die Umgebung. „Ein kleines getarntes Feuer dürfte nicht auffallen", meinte er, „keiner von den Menschen wäre in der Lage es zu entdecken, außer er würde nahe daran vorbei gehen." Ich lachte leise, denn wieder hatte er Recht. Wir beobachteten das Haus, bis dort die Lichter verloschen. Anschließend zogen wir uns zurück. In einiger Entfernung zur Stadt schlugen wir unser Lager auf. Heute abend verzehrten wir ein karges Mahl aus Brot und Wasser. Anordil hielt die Nacht Wache.

In der Morgendämmerung schlichen wir zur Pension. Dort konnten wir beobachten, wie die Bewohner allmählich erwachten und ihren alltäglichen Geschäften nachgingen. Fiona verließ mit zwei der Mädchen das Haus und ging zur Schule. Anordil zauberte uns unsichtbar, so dass wir ihnen folgen konnten. Zu unserem Glück wirkten die Zauber hier wesentlich länger, als sie dies in Mittelerde taten. Woran es lag, konnte ich nur vermuten.

In einem der Bäume nahe der Schule versteckten wir uns. Unsere Umhänge tarnten uns für diese Zeit ausreichend. Neugierig konnten wir den geschäftigen Menschen unter uns zusehen. Sie hatten keine Ahnung, dass jemand über ihren Köpfen saß und in aller Ruhe die Schule beobachtete. Nach Schulschluss verließ Fiona das Gebäude alleine und ging zur Pension. Ab und zu sah sie sich um. Ihre Tasche hatte sie ganz fest umklammert. Es tat mir weh, sie dermaßen ängstlich zu sehen. Doch an diesem Tag blieb alles ruhig.

Der folgende Tag verlief ähnlich. Doch Fiona verließ nochmals am späten Nachmittag die Pension. Ich erinnerte mich, dass sie erzählt hatte, dass sie mittwochs Harfenunterricht erhielt und anschließend zu einer Brauchtumsklasse an der Schule ging. Dort wurde Gälisch gesprochen und keltischer Tanz sowie altes Brauchtum vermittelt. Es war bereits dunkel, als sie sich auf den Heimweg machte.

Wir schlichen ihr unsichtbar hinterher. Plötzlich kamen aus der Dunkelheit drei junge Männer auf sie zu. Sie waren nicht wesentlich älter als Fiona. Der rechte war ein schlaksiger, ungepflegter Kerl. Sein blondes Haar hing ihm ungewaschen in die Augen. Anscheinend hatte er seit Wochen keinen Kamm mehr gesehen. Seine Kleidung war schmuddelig und schlackerte um seinen mageren Körper.

Der mittlere schien der Anführer zu sein. Frank, wie Fiona erzählt hatte. Ein arroganter Hüne, der sich seiner Stärke durchaus bewusst war und diese wohl skrupellos einsetzte. Sein Aussehen war um einiges gepflegter, als das seines Kumpanen zur Rechten. Jedoch seine Augen blickten kalt und überheblich. Sein Gesicht besaß harte, grausame Züge. Eine äußerst unangenehme Erscheinung.

Der Kumpan zu seiner linken, war dagegen recht unscheinbar. Wahrscheinlich ein Mittläufer. Emotionslos wie ein Roboter stand dieser neben Frank. Die Augen hingen an dessen Lippen, begierig die Befehle aufzusaugen und auszuführen. Lautlos schwangen wir uns in die Bäume über ihre Köpfe. Dort verharrten wir ohne Regung. Bereit jederzeit einzugreifen.

„N'Abend, Fiona", sagte der in der Mitte arrogant, „ich hoffe für dich, dass du die richtige Antwort für mich hast." Ich sah, wie sich Fiona streckte und tief durchatmete. „Bei Cernunnos Hörnern", antwortete sie mit fester Stimme, „auch wenn die Hölle zufriert, du wirst mich nie und nimmer bekommen. – Du wirst mich stattdessen von nun an in Ruhe lassen. Behellige mich nicht mehr, Frank, oder du wirst es bereuen."

Frank grinste höhnisch. Seine Kumpane prusteten vor Lachen. „Du drohst mir", sagte er gefährlich, „du bist wohl nicht ganz dicht? – Niemand weigert sich, wenn Frank Mallone was haben will. – Auch du nicht. Wenn du nicht freiwillig zu mir kommst, dann hole ich mir eben was ich will. – Schnappt sie euch!" Die beiden setzten sich in Bewegung. Sie lachten siegessicher und voller Vorfreude. Sie hatten Stricke in den Händen. Lässig und überheblich näherten sie sich ihr.

Doch Fiona dachte nicht daran zurückzuweichen. Plötzlich war sie ganz ruhig und sah die beiden berechnend kalt an. „Lasst mich zufrieden", sagte sie ruhig, „ihr werdet es bereuen." Doch die beiden machten keine Anstalten sie in Ruhe zu lassen. Blitzschnell bewegte sie sich zur Seite, als die beiden sie angriffen. Woher sie den kleinen Stock plötzlich hatte, den sie dabei in der Hand schwang, wusste ich nicht, aber sie griff die beiden jetzt ihrerseits an. Gezielt setzte sie die Schwert- und Nahkampftechniken ein. Die Attacke dauerte nicht lange. Keine halbe Minute später lagen die beiden krümmend am Boden und Fiona schickte Frank hinterher, bevor dieser nachdenken konnte.

„Lasst mich zufrieden", hörte ich sie ruhig sagen, „ich habe keine Lust mehr, mich von euch bedrohen zu lassen. Solltet ihr immer noch nicht genug haben, bin ich gerne bereit euch eine weitere Lektion zu erteilen." Sie stieß mit dem Stock erneut zu und jagte ihn kurz in den Solarplexus dieses Fieslings. Ohne eine Antwort abzuwarten, wand sie sich ab und ging.

Ich sah Anordil sprachlos an. „Sie benötigt unsere Hilfe nicht", wisperte er leise auf Sindarin, „wir können uns zurückziehen." „Dem kann ich nur zustimmen", antwortete ich leise. Wir folgten ihr bis zur Pension. Erhobenen Hauptes schritt sie dahin. Sich ihrer Fähigkeiten bewusst. Als wir sie sicher im Haus wussten, entfernten wir uns von Glendalough. Fiona würde uns nicht brauchen. Ich war stolz auf sie.

Nichts ahnend, dass wir sie beobachtet hatten, kam sie Freitagnachmittag voller Stolz nach Hause. „Chen hannon – ich danke euch", sagte sie auf Sindarin und umarmte uns heftig, „keiner von denen wird mich mehr belästigen. Ich habe es geschafft. – Die Tricks, die ihr mir gezeigt habt, waren äußerst effektiv. Aber dieses Zeugs mit der silbernen Nadel habe ich nicht versucht. Er hat sich genauso ohne dies gekrümmt. – Jetzt habe ich meine Ruhe." Dabei kicherte sie leise vor sich hin.

„Es freut mich, dass es dir gelungen ist", sprach Anordil anerkennend, „doch solltest du mit der silbernen Nadel weiter üben. Vielleicht benötigst du diesen Zauber zu einem späteren Zeitpunkt. Dann wird er zumindest sofort für dich verfügbar sein." „Meinst du wirklich", erwiderte sie skeptisch, „ich glaube nicht, dass ich diesen Hokuspokus jemals benutzen werde." „Niemand weiß, was die Zukunft bringt", warf ich ein, „du musst wenigstens darauf vorbereitet sein. Vielleicht sollten wir dir weitere Zauber beibringen."

„Ú-iston - ich weiß nicht", erwiderte sie zaghaft, „mir ist nicht wohl dabei. Vielleicht funktioniert es nicht, wenn ich es brauche. Folglich verlasse ich mich lieber auf meine Schwertfähigkeiten." „Arwen hat Recht", beharrte Anordil, „wir werden dir ein paar kleinere Zauber beibringen. Du wirst damit auf alles vorbereitet sein. Selbst wenn du an diese Art des Kampfes nicht glaubst oder sie für absurd hältst."

Anordil hatte sie durchschaut. Sie hielt das alles für Humbug, obwohl sie gesehen hatte, dass es funktioniert. Nur uns zuliebe würde sie die Sprüche lernen. Nicht, weil sie daran glaubte und sie benutzen wollte. Sie war eher begierig mehr über den Schwertkampf zu erfahren. Aber der Nahkampf hatte es ihr gleichermaßen angetan. Die wenigen Techniken, die wir ihr beigebracht hatten, hatten in ihr den Wunsch nach mehr geweckt. Folglich dehnten wir den Unterricht aus.

Und ich musste neidlos anerkennen, dass sie begabt war. In Mittelerde hätte eine außergewöhnliche Kämpferin aus ihr werden können. Doch ich war erleichtert, dass sie hier in Sicherheit war. Ich hoffte es zumindest. Schließlich berührte der Schatten des Vatikans auch sie. Nicht umsonst versuchten wir alles in unseren Kräften stehende, um sie auf eine mögliche Auseinandersetzung vorzubereiten. Auf eine weitere Einmischung seitens der Göttin Brigid konnte ich nicht zählen. In den Nächten betete ich zu den Göttern, dass Fiona nicht ein weiteres Mal zum Ziel der Kirchenmänner wurde.

Für Fiona aber war dies alles nur ein Spiel. Eine körperliche Übung, um die Geschicklichkeit und Beweglichkeit zu steigern. Ihr war nicht bewusst, dass wir sie auf einen möglichen realen Kampf vorbereiteten. Unbefangen und ohne Zwang lernte sie mit einer Wißbegier, die elbische Maßstäbe hatte. Vielleicht war es gut, dass sie nicht wusste, dass möglicherweise zu einem später Zeitpunkt ihr Leben von diesem Wissen abhing, welches sie sich aneignete.