Entreri duckte sich beinahe spielerisch unter einer horizontal geschwungenen Holzkeule ab. Der stämmige und überraschend große Goblin, der das schmale Ende der Keule umklammerte, grunzte vor Verblüffung, als der Mensch so mühelos unter seinem heftigen Hieb hindurchglitt, und änderte hastig seinen Griff um den Schaft der groben Waffe, um sie wieder über seinen massigen Schädel emporzubringen und auf den seines Gegners niedersausen zu lassen.

Er schaffte nichts mehr davon, denn eine dunkelrote Klinge bohrte sich im selben Moment in seine Brust, in der der Mensch wieder aufgesprungen war. Die schwere Gestalt des tödlich getroffenen Monsters sackte in sich zusammen und landete mit einem dumpfen Schlag auf dem gefrorenen, blutbedeckten Grund. Schnee färbte sich rot.

Entreri richtete sich auf und schaute sich nach seinem nächsten Gegner um, fand aber keinen mehr. Unweit von ihm verstrickte Sevellin Raunir gerade einen weiteren Goblin in ein ziemlich überflüssiges Täuschungsmanöver, das der Calishit aus den Übungsstunden von Heliogabalus so genau kannte, daß er exakt die Zahl der Bewegungen einschätzen konnte, die es dauern würde, bis das Schwert des Blonden dem Goblin den Schädel spalten würde. (Es waren drei.) Etwas weiter hinten standen die Brüder Doubier mit dem jungen Waldläufer Peshel und verschickten ihre Pfeile in alle Richtungen. Jarlaxle war nicht zu sehen; vermutlich hatte er sich Fallide und Jetta angeschlossen, die einige flüchtende Goblins nach rechts hinüber verfolgt hatten. Weit entfernte der Drow sich ja nie von irgendwelchen Frauen. Etwas abseits vom Geschehen stützten, zerrten, schleiften und trugen weitere Soldaten die Verwundeten zurück zu den Mauern.

Im allgemeinen ließ die Armee von Damara sich längst nicht mehr selbst auf Scharmützel mit den wilden Bewohnern Vaasas ein. Die unmittelbare Umgebung des Vaasa-Tors war ohnehin beinahe leergefegt von den Orks, Goblins und sonstigen ungeschlachten Wesen, die die Felsklüfte der Galenas und die Weiten der Tundra sonst als ihr Zuhause betrachteten, und was der Winter an hungrigen oder einfach nur kampfeslustigen Feinden in die Nähe der Befestigungen führte, damit wurden jene Abenteurer, die sich auf Gareths Proklamationen hin hier eingefunden hatten, normalerweise spielend fertig. Es bedurfte schon der Mithilfe von solch hoffnungslosen Möchtegern-Monsterjägern wie denen, die gerade in die Sicherheit der Vaasa-Tore abtransportiert wurden (nach Entreris Einschätzung eine Gruppe verwöhnter Kaufmannssöhne aus Impiltur, die vermutlich gedacht hatten, die hiesigen Orks und Goblins würden sich von ihren blitzenden feinen Waffen so sehr beeindrucken lassen, daß sie schreiend das Weite suchten), damit die zu Hilfe gerufenen Angehörigen der damarischen Truppen sich auch einmal persönlich ins Kampfgetümmel stürzen durften.

Wie nicht anders zu erwarten, waren solche Anlässe bei den sonst zu Kasernendienst verdonnerten Soldaten heißbegehrt, und so hatte sich Entreris Trupp, der zum Zeitpunkt, als ein verwundeter Flüchtling sich ans Tor rettete, gerade Wachdienst hatte, denn auch begeistert an die Rettungsmission gemacht.

Neben Entreri ging Raunirs letzter Hieb wie prophezeit senkrecht auf den Schädel des Goblins nieder, und graue Gehirnmasse verteilte sich auf dem schneebedeckten Boden. Damit war auch der letzte Gegner beseitigt. Zum sichtlichen Bedauern der Soldaten, die sich, ebenso wie der Calishit, sämtlich sehnsüchtig nach mehr Feinden umsahen.

Und tatsächlich gab es noch einen weiteren Goblin. Er hatte freilich längst Fersengeld gegeben und rannte im Zickzack, um seinen Feinden kein Ziel für einen Pfeilschuß zu bieten, einen kleinen Hang hinab und verschwand um einen Felsblock.

Sevellin warf Entreri von der Seite einen unternehmungslustigen Blick zu. "Wo der hinrennt, gibt's bestimmt noch mehr von seiner Sorte."

Der ehemalige Meuchelmörder zögerte fast einen Wimpernschlag lang. "Wir haben nur Befehl, diese armseligen Abenteurer zu bergen."

"Stimmt natürlich", sagte Sevellin mit breitem Grinsen. Der Calishit schnaubte spöttisch, zuckte die Achseln, und die zwei machten sich wie auf Kommando an die Verfolgung des geflüchteten Goblins. Es dauerte nicht lang, ehe die übrigen Mitglieder des Trupps bemerkten, was die zwei vorhatten, und ihnen eilig folgten.

Die Gelegenheit, einmal das Schwert aus der Scheide zu ziehen, hatte sich in den letzten Wochen selten genug geboten.

Der schmale Weg, den der flüchtende Goblin entlang rannte, verlief im Zickzack zwischen scharfkantigen Felsblöcken und über tückische Geröllhalden, über die die Verfolger eher stolperten denn liefen. Dennoch hatten sie ihre Beute beinahe eingeholt, als der Pfad sich unvermutet in einen beinahe kreisrunden Felskessel öffnete, in dem Dutzende von Goblins lagerten. Die Höhlen, die sich in der hinteren Felswand auftaten, mochten noch weitere Massen der kleinen Monster beherbergen.

Entreri fing seinen rasenden Lauf ab mit der ihm eigenen Eleganz und einem halblauten Fluch seines calishitischen Heimatdialekts. Sevellin, dessen lange Beine und jüngeres Alter ihn problemlos hatten mit dem Meuchelmörder mithalten lassen, stoppte zwar ebenfalls, strahlte dagegen übers ganze Gesicht.

"Hierher", brüllte er begeistert über die Schulter zurück. "Schwerter und Pfeile raus, Kameraden, hier sind ganze Horden von den Biestern!" Sprach's und stürzte sich mit wirbelndem Breitschwert ins Gemenge.

--

Es mochten in der Tat an die hundert oder mehr Goblins sein, die in dieser Talsenke lagerten, aber die gut aufeinander eingespielten Soldaten schienen dennoch beschlossen zu haben, kurzen Prozeß mit ihnen zu machen. Zu Entreri und Raunir gesellten sich Karol Dor und Jetta mit ihrer Axt sowie einige weitere Nahkämpfer, die den schmalen Hohlweg blockierten und die hinter ihnen positionierten Schützen abschirmten, die ihrerseits ungehindert ihre Pfeile in alle Richtungen verschickten, und bei der dicht gedrängten Masse an Feinden mußte jeder Schuß treffen. Goblins galten bei den Menschen in allen Ländern, in denen sie ihr Unwesen trieben, als ausgesprochen feige, und diese hier machten dabei keine Ausnahme: Kaum sahen sie die ersten Kämpfer ihrer Front fallen, als ihr eben noch so wütender Angriff auch schon in sich zusammenfiel, und die ersten fingen bereits an, nach Schlupflöchern aus dem Talkessel zu suchen, der für sie so unvermittelt vom Lagerplatz zur Falle geworden war.

Die damarischen Soldaten machten sich so schnell zum Herrn der Lage, daß Entreri es sich leisten konnte, aus der geschlossenen Formation auszubrechen, sich von seinem eigenen Angriffsschwung forttragen zu lassen mitten unter die Feinde und dort so zu kämpfen, wie er es am liebsten und am besten tat: allein.

Und während er sich, zum ersten Mal seit langem, wieder einfangen ließ von diesem Spiel, das er beherrschte wie kaum ein anderer, jenem präzise ausgeführten, eleganten und tödlichen Tanz aus Finte, Attacke und Konterattacke, während rund um ihn verwundete Goblins zu Boden sanken und ihre entsetzten Gefährten zu flüchten versuchten, fragte er sich unwillkürlich, was er hier tat. Wann war er zum Vorkämpfer des Edlen und Guten geworden, zum aufrechten Soldaten, der für einen Paladinkönig in die Schlacht zog? Was hatte ihn dazu gebracht, sein Schwert und seinen Dolch, Waffen, die in ganz Faerun kaum ihresgleichen hatten, gegen diese erbärmlich kreischenden Kreaturen zu wenden? Was gingen ihn diese armseligen, stinkenden Goblins an?

Was wollte er hier?

Die Antwort war klar und war dieselbe wie immer: Jarlaxle. Jarlaxle war es, der ihn durch Bitten, Drängen und Spötteleien zu immer abwegigeren Dingen verleiten konnte, der ihn beinahe mit einem Fingerschnippen zu manipulieren verstand. Aber zum ersten Mal gestand Entreri sich auch ein, daß das nur die halbe Wahrheit war. Der wirkliche Grund, weswegen der Drow ihn so mühelos zu manipulieren vermochte, lag in einer Schwäche Entreris, die der ehemalige Meuchelmörder bisher nie als eine solche gesehen, sondern im Gegenteil stets als seine größte Stärke betrachtet hatte: Seiner Einsamkeit.

Es war für die Goblins rund um Artemis Entreri ein sehr ungünstiger Umstand, daß dem Calishit diese ärgerliche Einsicht gerade jetzt kam. Unangenehme Erkenntnisse steigerten traditionell noch die kalte Wut, die seit fast vier Jahrzehnten das einzige Gefühl war, das er für die Welt noch übrig hatte, und die armen Goblins waren es, die das in diesem Moment zu spüren bekamen. Entreris Waffen arbeiteten mit der tödlichen Präzision einer Maschine und ließen nichts als Leichen und Sterbende zurück. Das Angriffsgeknurr der Goblins ging binnen Minuten von erschrockenem Blöken in entsetztes Quieken über.

Am Ende standen die Frontkämpfer unter den Damarern auf einem Platz, der einem blutgetränkten Schlachthof ähnelte. Goblinleichen stapelten sich um sie her. Ein guter Teil der Gegner mochte zwar noch in oder durch die Höhlen weiter oben im Fels entkommen sein, aber einzelne, viele von ihnen verwundet, mühten sich noch immer, den übermächtigen Angreifern zu entwischen und kletterten und stolperten über die unebenen Gesteinsmassen auf der Suche nach einem sicheren Zufluchtsort. Die Soldaten trieben die wimmernden, zischenden Feinde zielstrebig zusammen, um ihnen den Gnadenstoß zu versetzen. Entreri sah eine lange Weile angewidert zu, dann bemerkte er im Augenwinkel eine Bewegung und fuhr instinktiv herum, das Schwert bereits gezückt.

Der geduckte, zusammengekauerte Goblin, der hinter dem Felsblock zum Vorschein kam, starrte ihn so entsetzt an, daß es keine Frage darüber geben konnte, ob er ihn wiedererkannt hatte. Im Nachhinein war Entreri fast sicher, daß das auch der Goblin gewesen war, den sie zuvor über Stock und Stein bis in diesen Felskessel verfolgt hatten.

Im Wegrennen hatte er schließlich Übung.

"Bitterserrschön, bitterserrschön!" Der Goblin quiekte förmlich, als er mit weit aufgerissenen Augen vor dem Menschen auf die Knie fiel, und raffte dabei sichtlich alle Begriffe zusammen, die er jemals aus der Menschensprache aufgeschnappt und in seinem beschränkten Hirn behalten hatte.

"Oh, halt die Klappe!" sagte Entreri.

"Bitterserrschön!" Zu allem Übel flankte soeben Sevellin Raunir lässig über einen niedrigen Felsblock und schlenderte auf den Meuchelmörder zu.

"He, Entreri, hast du noch einen entdeckt?"

"Bitterserrschön, nix totmachen armer Goblin! Gutt Freund gewest, bitterserr lieb-gut Mensch mit böse Schwert!"

"Man könnte meinen, der kennt dich", staunte Raunir gutgelaunt, während er sich zu dem seltsamen Paar gesellte. Entreri wollte das soeben entschieden von sich weisen, als er - wie konnte es auch anders sein - von einer begeisterten Stimme aus dem Hintergrund daran gehindert wurde.

"Aber, das ist ja Gools!" Jarlaxle tauchte im unpassendsten Moment urplötzlich aus dem Nirgendwo auf, wie das eben so seine lästige Gewohnheit war, klatschte vor Freude in die Hände und schob sich rigoros an Entreri vorbei, um sich lachend zu dem knieenden Goblin hinunter zu beugen. Entreri konnte deutlich sehen, wie der Kreatur beim Anblick des Drow sämtliche Farbe aus dem grünstichigen Gesicht wich. Die restlichen Soldaten wurden angesichts von Jarlaxles enthusiastischem Ausruf natürlich aufmerksam und scharten sich um die kleine Gruppe - teils verblüfft, teils amüsiert. Jarlaxle schien es nicht zu kümmern. "Gools!" begrüßte er den Goblin. "Wie geht es dir denn, mein kleiner Freund?"

"Bitterserr", stammelte der Goblin. "Bitterserr, Drow-Herr nix sein bös mit Gools. Nix machen Hirn von Gools laufen aus Ohren, bitterserr! Gools getan, was soll. Sein gekommt zu Treffpunkt, jeder Tag. Aber Drow-Herr nix gekommt, und ein Tag dann Gools vergeßt, und Gools nicht hingegangt, und..." Er stutzte und sprach langsamer, als werde ihm erst im Reden etwas klar. "... und Gools nicht hingegangt, und trotzdem nix gekommt böse Spinnengottfrau und nix gefreßt Gools und macht Gools Hirn laufen heraus bei Ohren, und... und... du mir angelügt!" Die Empörung über diesen soeben erst entdeckten Betrug reichte aus, um den kleinen Kerl in offener Entrüstung auf die Füße springen zu lassen. Jarlaxle lachte herzlich.

"Aber Gools", hielt er dem Goblin engegen, "wäre es dir denn lieber gewesen, ich hätte tatsächlich einen so entsetzlichen Fluch auf dich gelegt und dir ein so schreckliches Schicksal beschert?" Ein gefährliches Glitzern trat in sein eines sichtbares rotes Auge. "Denn wenn du darauf bestehst, könnte ich das natürlich durchaus noch immer tun..."

"Neineinein!" Die Umstehenden - außer Entreri - brachen in lautes Gelächter aus, als der Goblin, sobald sein Peiniger die Hand ausstreckte und einen Schritt auf ihn zu tat, eilig nach rückwärts außer Reichweite stolpern wollte und dabei vor Schreck und Hast auf den Hosenboden fiel. "Nix böse sein mit Gools, wo Gools so froh wiedersehen lieb-gute Drow und lieb-gute Mensch mit groß-böse Schwert!"

"Keine Angst, mein schreckhafter Freund, ich mache doch nur Scherze", versicherte der Dunkelelf leutselig, packte die Kreatur am Kragen ihres zerfetzten Fellgewands und stellte sie auf die klauenähnlichen Füße. "Wir freuen uns auch sehr, dich wiederzusehen." An die restlichen Soldaten gewendet, setzte er in erklärendem Tonfall hinzu: "Verehrte Damen, werte Herren, ich fürchte, wir sind hier auf einen alten Bekannten gestoßen. Seht Ihr, als Meister Entreri und ich anfingen, uns unter die Abenteurer am Tor zu mischen, da war unser kleiner Gefährte Gools hier als eine Art Spion und Kundschafter für uns tätig - wenn wir ihn auch ab und an zu seinem Glück zwingen mußten." Er warf einen heiteren Seitenblick auf den noch immer zitternden Goblin, während er kurz zusammenfaßte, wie er damals Gools vor Entreris Klinge gerettet und ihn mittels eines kleinen Schauspiels (er hatte dem Goblin vorgemacht, er habe ihn mit einem schrecklichen Fluch der Drow-Gottheit Lolth belegt) und durch das Versprechen reichhaltiger Goldgaben dazu gebracht hatte, sie zu den Verstecken der ortsansässigen Goblins, Orks und sonstiger Monster zu führen. Für deren abgeschnittene Ohren Jarlaxle und Entreri dann die ausgesetzten Belohnungen einstrichen.

"Ihr seid vielleicht Gauner", sagte Fallide bewundernd und blickte von Entreri auf Jarlaxle und weiter auf den - jetzt vorsichtig grinsenden - Gools. Raunir lachte laut.

"Dann stimmte das mit dem Spion tatsächlich? Gerüchte gab's ja schon immer euretwegen", fügte er hinzu. "Ich hatte damals Dienst an den Toren, wißt ihr. Das könnt ihr euch nicht vorstellen, was damals über euch alles getuschelt wurde."

Entreri verzog das Gesicht, aber Jarlaxle lachte mit. "Das will ich doch wohl hoffen, daß man von uns geredet hat. Nun, worauf ich eigentlich hinaus will - liebe Freunde, wäre es wohl möglich, im Falle dieses Goblins eine Ausnahme zu machen und ihn am Leben zu lassen? Zugegeben, er riecht nicht besonders gut, wie das bei seiner Art nun einmal nicht anders zu erwarten ist, und natürlich ist er ein ebenso verlauster Halunke wie alle seine Kameraden, aber immerhin hat er sozusagen, wenn auch aus purer Goldgier, über mehrere Monate für König Gareth gearbeitet. Es wäre gewiß sehr undankbar von uns, diese Dienste nun übel zu vergelten."

Diesmal lachten alle, in erster Linie über die Vorstellung, die kümmerliche Kreatur vor ihnen könnte tatsächlich Gareth Drachenbann irgendwelche Dienste geleistet haben. Gools, der sicher nicht einmal die Hälfte des Gesagten begriffen hatte, sah angesichts der heiteren Stimmung hoffnungsvoll in die Runde und machte unwillkürlich einen zutraulichen Schritt näher zu Entreri hin, der diesen Schritt prompt mit einem drohenden Zucken seiner Schwertklinge beantwortete.

"Also, wenn er nur aus Goldgier bei der Monsterjagd mitgemacht hat", spöttelte Raunir fröhlich, "dann ist euer kleiner Kumpel aus genau demselben Grund hier wie zwei Drittel aller unserer Monsterjäger am Tor." Er zuckte die Achseln und schob sein Breitschwert demonstrativ in die Lederscheide auf seinem Rücken. "Von mir aus laßt ihn laufen."

Die übrigen Soldaten äußerten sich ähnlich, bis zum Schluß nur noch ein grimmiger Meuchelmörder mit gezückten Waffen vor dem Gefangenen stand. Der Goblin sah trübselig zu dem Calishiten hinauf. Sogar seine großen, spitz zulaufenden Ohren hingen traurig abwärts.

"Artemis?" fragte Jarlaxle. Entreri knurrte.

"Ich kann ihn nicht ausstehen", murrte er. Der Drow zuckte die Achseln.

"Es ist deine Entscheidung. Du hast ihn gestellt. Dein Feind, deine Beute." Er wollte sich abwenden, und Gools sah ihm aus entsetzten, vorquellenden Augen hinterher.

"Bitterserr, lieb-gute Drow..."

"Bitte nicht mich", unterbrach Jarlaxle und machte eine dramatische, bedauernde Geste in Richtung seines Compagnons. "Dein Schicksal liegt in der Hand jenes Mannes."

"Bitter-...", wollte der Goblin prompt ansetzen, aber ein einziger Blick des Menschen ließ ihn verstummen.

"Halt die Klappe." Entreri sah Jarlaxle etwas verwirrt an. "Du brauchst ihn noch?" vermutete er, und zwar in der Sprache der Drow, so daß die Soldaten nichts verstanden. Wieder zuckte der Dunkelelf nur die Schultern.

"Ich kann alles und jeden für irgendetwas brauchen, usst'abbil." Wieder das Glitzern der roten Iris, das Entreri daran erinnern sollte, daß dieser Satz durchaus auch für ihn selbst galt. "Aber es gibt nichts, wofür er unbedingt notwendig wäre."

"Das heißt, es ist dir egal, ob ich ihn töte?" In Entreris Stimme lag unvermittelt etwas Lauerndes, aber natürlich erhielt er keine Antwort auf seine unausgesprochene Frage.

"Ich halte das Wohl und Wehe eines Goblins nicht für einen Grund, mich mit dir zu streiten. Ja, es ist mir egal. Tu, was du willst."

Entreri richtete seinen Blick wieder auf den Goblin, der mit leisem Winseln den Kopf zwischen die Schultern zog. Die Soldaten, die zwar das Zwiegespräch ihrer beiden seltsamen Kameraden nicht verstanden hatten, begriffen anhand dieser Reaktion sehr wohl, worum es ging, und traten wieder näher.

"Ach, komm, Entreri", sagte Sevellin.

"Gib dir einen Ruck", ermunterte Fallide.

Entreris Miene wurde immer mißmutiger, je länger er den zitternden Gefangenen anstarrte, aber er schlug nicht zu. Schließlich seufzte er.

"Du bist widerlich", belehrte er den Gefangenen und ließ seine Klingen in ihre Scheiden zurückgleiten. Gools strahlte ihn an und sprang vor Freude auf und ab.

"Ja, Herr, serr, Herr, serr recht hat, Herr. Gools sein lieb-gute Mensch serr serr viel dankerbar..."

"Halt einfach nur den Mund, oder ich schneide dir die Zunge heraus und stopfe sie dir in den Hals." Der Meuchelmörder stakste davon, und Jarlaxle schaute Gools bedeutungsvoll an.

"Er macht keine Witze, weißt du?" sagte er in der kehligen Sprache der Goblins. Gools nickte hastig, und sein dürrer Hals bewegte sich in einem nervösen, trockenen Schlucken. Jarlaxle warf einen nachdenklichen Blick auf seinen Partner, ehe er den Goblin wieder ansah. "Er hat dich am Leben gelassen, aber du weißt, daß er es jederzeit von dir fordern könnte, nicht wahr? Du weißt, daß er ein stärkerer Kämpfer ist als jeder Ork oder Goblin in ganz Vaasa, und daß sein Schwert selbst einem Riesen den Garaus machen könnte?"

"Ja, Herr", beteuerte der Goblin, froh, in seinem eigenen Idiom sprechen zu können. "Ich weiß das sehr gut, Herr."

"Dann denke immer daran, wenn du in Zukunft mit einem von uns beiden verhandelst. Und Gools: Sei morgen ab Mitternacht an dem Ort, an dem wir uns schon früher getroffen haben. Wenn Meister Entreri und ich bis zum Morgengrauen noch nicht dort sind, so darfst du gehen. Aber eher nicht! Oder du wirst sehen, daß der Mensch Artemis Entreri dir das Hirn beinahe ebenso zu zu den Ohren herauslaufen lassen kann wie ein Fluch der Spinnenkönigin."

Der Goblin wurde unter seiner grünlich-violetten Haut noch einmal sichtlich fahl, dann raffte er seinen ganzen Witz zusammen, schnatterte noch ein paar hastige Dankesbezeugungen in Richtung Jarlaxles und machte, daß er fortkam.

Die Soldaten sahen ihm lachend hinterher.

--

Als sie zurückkehrten ans Vaasa-Tor, um ordnungsgemäß Meldung zu machen, fanden sie dort alles in bester Stimmung vor: Die Ausgangssperre war beendet - gerade rechtzeitig zur Feier ihres glorreichen Sieges, wie Jarlaxle in altbekannter Theatralik verkündete.

"Ein glorreicher Sieg über ein paar verlauste Goblins", korrigierte Entreri nüchtern, der schon wieder Anstalten machte, in Richtung jener Treppe zu stapfen, die zu ihrem Schlafraum führte. Jarlaxle schlang ihm in einer gedankenschnellen Bewegung den Arm um die Schulter und drehte ihn zurück.

"Ein Sieg", hielt er dem mürrischen Menschen entgegen. "Und zwar einer, der gefeiert zu werden wünscht." Er zog eine weiße Augenbraue einen Moment amüsiert ein wenig in die Höhe, und Entreri seufzte. Er kannte diesen Gesichtsausdruck.

"Freund Raunir, Freund Peshel, teure Jetta und bezaubernde Fallide", holte der Dunkelelf sich Unterstützung, "was sagt Ihr?"

"Ich sage, Entreri hat uns die Hälfte der Goblins weggeschnappt", spottete Jetta und deutete mit dem Stiel ihrer Pfeife auf den Meuchelmörder. "Ich finde, er ist uns eine Runde schuldig."

"Da hörst du's", kommentierte der Drow und schaute den wie üblich schweigsamen Neuzugang an. "Kelliv Peshel, Ihr kommt doch ebenfalls mit?"

Entreri unterdrückte ein zweites Seufzen, das allzu verräterisch hätte sein können. Natürlich hatte Jarlaxle wie bei allem, was er begann, auch diesmal wieder einen Hintergedanken, neben seinem sicherlich ehrlichen - und offenbar nie erlöschenden - Wunsch nach Amüsement. Ein feuchtfröhlicher Abend in der Taverne mochte genau die richtige Gelegenheit sein, um etwas mehr zu erfahren über den eigentümlichen Neuzugang, der ihrem Trupp seit der Übersiedlung and Vaasa-Tor zugeteilt worden war.

Bisher hatten sie aus dem schweigsamen Waldläufer nicht viel herausgebracht - und das lag sicherlich nicht an Sevellin Raunir oder Jarlaxle, die den jungen Mann beide in unterschiedlicher Manier von allen Seiten bearbeitet hatten, ohne viel herauszufinden. Daß seine Zugehörigkeit zur königlich-damarischen Armee nicht von Dauer sein würde, sondern nur bis zur Erledigung eines nicht näher definierten Auftrags anhalten würde, hatten sie ihm immerhin entlockt. Auch, daß er offenbar eine längere Zeit krank gewesen war und dabei auf irgendeine Weise mit dem sagenumwobenen Kane in Kontakt gekommen war. Aber darüberhinaus stellte der wortkarge Soravier selbst jemanden wie Jarlaxle vor eine echte Herausforderung.

Was Entreri heimlich nicht wenig genoß.

Und so waren es halb Jarlaxles Überredungskünste und halb die Aussicht darauf, daß die Neugierde des Dunkelelfen sich an Kelliv Peshel erneut die Zähne ausbeißen würde, die Artemis Entreri dazu bewegten, sich der Truppe tatsächlich anzuschließen und sich, eingekeilt zwischen die beiden selbsternannten hilfreichen Quälgeister Sevellin Raunir und Jarlaxle, in Richtung "Schlammige Stiefel und Blutige Klingen" schleifen zu lassen. Er bereute es freilich sofort, kaum hatte er einen Fuß über die Schwelle gesetzt und mit jenem raschen, forschenden Blick, der in einem Sekundenbruchteil den gesamten Raum bis ins Detail erfaßte und so typisch für ihn war, das altbekannte Gesicht in der Menge entdeckt.

Um genau zu sein, er war kurz davor, auf dem Absatz kehrt zu machen.

"Da soll mir doch einer nen Goblin braten.

Wie sin' denn die zwei Kerle hier reingeraten?"

Athrogate grinste so breit, als er den Reim von sich gab, daß unter dem buschigen schwarzen Schnauzbart sein ganzes Sortiment großer, schief sitzender und teilweise abgesplitterter gelblicher Zähne einzusehen war. Er hatte sich, als habe er nur auf seine beiden ehemaligen Reisegefährten gewartet, an einem der vordersten Tische plaziert, und zwar so breitbeinig und mit ausgefahrenen Ellenbogen, daß jeder, der an ihm vorbei in den hinteren Bereich der Taverne wollte, fast gezwungen war, gegen ihn zu stoßen. Was Athrogate, wenn er es darauf anlegte, sicher als willkommener Vorwand für eine Kneipenschlägerei dienen würde. Entreri wendete sich, ohne den Zwerg eines Grußes zu würdigen, wortlos und mit Augen, die nur noch schmale Schlitze waren, nach Jarlaxle um. Der Drow hob freilich nur hilflos die Schultern, um anzudeuten, daß er auch keine Ahnung von der Anwesenheit des verseschmiedenden Zwergs gehabt hatte.

"Freund Athrogate!" strahlte er dann, mindestens ebenso breit wie der Angeredete. "Was für eine Überraschung!"

"Ihr kennt Athrogate den Zwerg?" raunte Sevellin Raunir Entreri verblüfft ins Ohr. Der Meuchelmörder sah ihn mißtrauisch an.

"War mit im Zenghyi-Schloß", anwortete er knapp. Raunir nickte, als habe er sich an etwas erinnert.

"Richtig, hatte ich ganz vergessen. Meinen Glückwunsch, daß ihr da wieder rausgekommen seid. Athrogate ist ein harter Brocken." Er legte Entreri kurz eine Hand auf die Schulter, dann folgte er Karol Dor und Fallide an einen anderen Tisch und konnte darum das leise Murmeln des Calishiten wohl nicht mehr hören.

"So hart auch wieder nicht." - Entreri hatte ein (soweit sich das bei seiner üblicherweise steinernen Miene sagen ließ) ausgesprochen mißmutiges Gesicht augesetzt, als er neben Jarlaxle Aufstellung bezog. Er strich sich den dicken Wintermantel über die Schultern zurück, so daß die blanken Griffe seiner Waffen deutlich darunter hevorblitzten, und musterte den Zwerg und dessen bissiges Grinsen so lange, daß es schon an Beleidigung grenzte, ehe er sich schließlich zu einer Art Gruß bereitfand. "He, Häßlicher."

Das zerfurchte Gesicht des Zwergs, oder zumindest der Teil, der zwischen ungekämmtem Haar und ungezähmtem Bart hervorlugte, brachte erstaunlicherweise noch ein paar Falten mehr hervor.

"Das hätt' ich mir ja nie gedacht,

daß der Mensch es so lang macht.

Aber so soll's mir schon auch recht sein.

Am liebsten ist's mir eh', ich schlag ihm selber die Fresse ein."

Jarlaxle lachte leise, als Entreri angesichts der Verse angewidert die Stirn runzelte, und sah amüsiert auf den Zwerg hinunter. "Wir sind mindestens ebenso froh, Euch wiederzusehen, mein Freund. Sagt, seid Ihr schon lange wieder hier? Was führt Euch denn wieder zu den Toren? Kommt, setzt Euch. Auf dieses Wiedersehen müssen wir doch anstoßen." Von der Seite traf ihn, wie nicht anders zu erwarten, ein wahrer Giftpfeil von einem Blick für diese Einladung, aber Entreri begriff natürlich auch, daß der Zwerg, ein Vertrauter Knellicts, kaum zufällig hier war, und fügte sich seufzend in das Unvermeidliche.

"Na, das läßt sich hören, Schwarzer", grunzte der Zwerg, während er einem Gast am Nachbartisch unsanft den Ellenbogen zwischen die Rippen rammte, um ihn zum Aufstehen zu bewegen, den Stuhl des Mannes kurzerhand zu den zwei bereits vorhandenen an den eigenen Tisch zog und den beiden Söldnern bedeutete, sich zu setzen. Der Vertriebene schien kurz zu überlegen, gegen dieses Verfahren zu protestieren, aber angesichts der beiden schweren Morgensterne, die Athrogate selbst in die Taverne mitgenommen hatte, sah er davon ab. Athrogate sah ihn im übrigen nicht einmal an. "Zeit wird's auch für ein kühles Naß", reimte er stattdessen. "Geht doch nix über'n Zwergenbier vom Faß."

Entreri orderte, sobald die Bedienung sich bis zu ihrem Tisch durchgekämpft hatte, prompt ein Glas Rotwein (und das, obwohl er erst am Vortag die Weine hier im Norden als völlig untrinkbar bezeichnet hatte), während Jarlaxle, der Bier ansonsten mied, sich dem Zwerg zuliebe auf einen Krug einließ und sogar die Bezahlung übernahm.

"Zur Feier unseres Wiedersehens", bemerkte er mit leisem Zwinkern, und Athrogate grinste zurück. "Wie ist es Euch denn inzwischen ergangen?"

"Besser als Euch, da möcht' ich aber wetten!" lachte der Zwerg heiser und ließ den steinernen Henkelkrug auf die Tischplatte krachen, daß der Schaum überschwappte. "Ha! Mir sagt keiner, wann ich in der Früh aus den Federn muß. Mich steckt keiner in so 'nen lächerlichen Anzug..." Er nickte in Richtung der grauroten damarischen Armee-Uniform, die beide Männer noch immer trugen.

"Also, ich bin eigentlich mit den Bekleidungsvorschriften bislang recht zufrieden", lächelte der Drow und rückte seinen Hut auf dem kahlen Schädel zurecht. Entreri schnaubte einmal, verbiß sich aber jeden weiteren Kommentar, zumal der Zwerg plötzlich eine ernste Miene aufsetzte und sich mit wild gesträubten Brauen und betont geheimnisvoller Miene halb über den Tisch beugte.

"Kann schon sein, daß du zufrieden bist, Schwarzer. Kann aber auch sein, daß ihr bald wieder abhaut aus der Armee, was? Kann man ja nie wissen. Könnte ja was passieren, was einen praktisch dazu zwingt. Was?"

Entreri starrte sein schwarzbärtiges Gegenüber wortlos an. Jarlaxle dagegen schmunzelte und senkte die Stimme zu einem ebenso verschwörerischen Bühnengeflüster, wie der Zwerg es gebraucht hatte. "Die Zukunft liegt gehüllt in ein Dunkel, das nicht einmal die Augen eines Drow zu durchdringen vermögen", stimmte er zu, dramatisch wie eh und je. "Die einzigen, die solches vermögen, sind Magier, und selbst von ihnen nur die besten und klügsten."

Athrogate zwinkerte, zweimal, ehe er den Sinn des Gesagten erfaßte und sich vergnügt mit der flachen Hand auf den Schenkel schlug. "Magier!" johlte er begeistert. "Das ist gut! Da hast du was gesagt, Spitzohr! Hab ich doch gleich gewußt, daß du einer bist, der einen begreift, was?"

"Ohne mich selbst loben zu wollen", nickte der Drow prompt, "aber ich bin mit meiner Auffassungsgabe ziemlich zufrieden." Er beugte sich ebenfalls nach vorne über den Tisch, dem vor Aufmerksamkeit halb offenstehenden Mund des Zwergs entgegen. "Also, wenn natürlich ein solch unendlich mächtiger Magier an uns ein Interesse hätte und bei Gelegenheit einmal einen Blick in seine große kostbare Glaskugel würfe...", begann er dramatisch und malte dabei mit beiden Händen einen kopfgroßen Ball in die Luft, "... dann bekäme er gewiß Dinge von höchstem Interesse zu sehen."

"Nackte Halblingsmädchen?" kam die hoffnungsvolle Frage, die Jarlaxle vor Verblüffung in seinem Redefluß verstummen und Entreri in ein bissiges Lachen ausbrechen ließ, ehe der Zwerg sich fing und den Gedanken aufgriff. "Ach so. Ja. Interessante Sachen, aber das glaub' ich auch. So interessante Sachen, was vielleicht noch alles kommen kann."

"Das würde ein solch mächtiger Magier dann wissen", wiederholte Jarlaxle und setzte probehalber hinzu: "Und vermutlich würde er es den Betroffenen - also Meister Entreri und mir - dann auch sagen wollen, nicht wahr?"

"Sagen", wiederholte Athrogate. "Sagen. Das ist gut. Ja, das würde er bestimmt."

"Und er würde Wege finden, das zu tun."

"Würde er. Na klar würde er. Aber da kannste wetten, kannste da drauf." Er grinste breit. "Aber sowas macht er am liebsten persönlich, so'n Magier. Wenn er Lust hat. Hat er aber bestimmt. Könnte sogar sein, daß es bald soweit ist." Er atmete kräftig durch, langte wieder nach seinem steinernen Krug und tat einen schier endlosen Zug, angesichts dessen Jarlaxle wie Entreri die Augen aus dem Kopf fallen wollten. Als das Gefäß erneut auf die Tischplatte geknallt wurde, war es leer bis zur Nagelprobe. "Also, bin ich jetzt schon froh, daß wir da drüber geredet haben", erklärte der Zwerg, während er von seinem Stuhl rutschte und seine Waffen schulterte. "Dann schätze ich mal, sehen wir uns ja demnächst öfter." Er nickte Jarlaxle kurz zu und fixierte Entreri mit einem finsteren Blick, ehe er ging. "Hab noch was zu tun. Bin immerhin die Nummer eins hier, was? Und man weiß ja nie, ob sich nicht diese Halbelfe wieder hier sehen läßt..."

Jarlaxle wunderte sich, daß für einen Moment ein leichtes Flackern wie von Besorgnis über Entreris Gesicht ging, beschloß aber, für den Moment nicht weiter darüber nachzudenken. Zumal die Miene des Menschen sofort wieder zu einer höhnischen Maske gefror, sobald der Rücken des Zwergs zwischen den übrigen Tavernengästen verschwunden war.

"Er ist so diskret wie ein Oger", stellte Entreri fest. "Wir hätten eine Bekanntmachung im Thronsaal von Gareth aufhängen sollen, daß wir vorhaben, uns mit seinem Erzfeind zu treffen."

"Da kann ich dir nicht widersprechen", nickte der Drow und nippte, mit einer Miene, in der sich eine Art angewiderte Neugier spiegelte, an seinem Bier. Er nahm einen Schluck und verzog das Gesicht. "Vergorenes Getreide und bitterer Hopfen. Wirklich ein Gebräu für Zwerge. Und ja. Man sollte meinen, jemand wie Knellict hätte mehr Verstand, als uns einen so auffälligen Boten mit einer so unwichtigen Nachricht zu schicken."

Die Lippen des Menschen verzogen sich in einer Art lautlosem Zähnefletschen, das dem Athrogates zuvor nicht einmal unähnlich war, aber ein deutlich besseres Gebiß offenbarte. Jarlaxle nahm an, daß zur Sucht nach Perfektion, die seinen Partner auszeichnete, wohl auch perfekte Zahnpflege gehörte, ließ den amüsanten Gedanken aber angesichts des unheilschwangeren Blicks, mit dem besagter Partner ihn musterte, rasch wieder fallen.

"Gibt es etwas Schöneres, als Lockvogel zu sein?" fragte Entreri. Seine Stimme triefte vor Sarkasmus. Jarlaxle seufzte, mußte ihm aber im Stillen recht geben. Athrogate war nicht grundlos zu ihnen geschickt worden. Das auffällige Söldnerpaar aus Drow und Meuchelmörder, das alleine eine ganze Kompanie von Spitzeln beschäftigen konnte, war vermutlich die beste Ablenkung, die jemand wie Knellict sich wünschen konnte.

Und wenn er ehrlich war, so schätzte der Dunkelelf Jarlaxle es ebensowenig, für fremder Leute Zwecke benutzt zu werden, wie sein menschlicher Partner. Aber wie stets, sah er auch diesmal das Positive an der Situation.

"Es kommt immer darauf an, was man daraus macht", lächelte er. "Wir werden in unserem Gespräch mit unserem mächtigen neuen Freund hoffentlich mehr über seine Pläne erfahren als er über unsere."

"Haben wir denn welche?"

"Aber natürlich. Wir wollen unsere Position verbessern, ehe wir in neue Verhandlungen eintreten."

"Verhandlungen. Mit Knellict?"

"Mit wem es sich gerade anbietet. Komm schon, mein Freund, das System sollte dir doch bekannt sein: Tauschen und Verkaufen. Man gibt, man nimmt. Eine Hand wäscht die andere."

"Auge um Auge, Zahn um Zahn?"

"So ähnlich." Jarlaxle lächelte breit. "Und vor allem: Alles zu beiderseitigem Nutzen."

Er schob seinen Krug entschieden quer über den Tisch und langte stattdessen nach Entreris Wein.