Disclaimer: Wenn ich JKR wäre, hätte ich Kohle. Ich schreibe, weil es mir Riesenspaß macht. Bitte nicht klagen!
Cassie
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Kapitel 24 – Freiheit/Harrys Sicht
Ich glaube nicht an Prophezeiungen. Ich glaube an mich und das, was ich tun kann. Und ja, aus irgendeinem Grund glaube ich Anna, trotz meiner Meinung zum Wahrsagen. Aber ich habe absolut keine Absicht, bald zu sterben.
Und ich habe keine Absicht, unter dem Druck Dumbledores Fluch zusammenzubrechen. Ich habe ihn schon einmal getötet und werde es wieder tun. Und ich tue es so lange er und seine Macht über mich da sind. Ich schätze Freiheit über alles und ich habe sie mit harter Arbeit erworben. Momentan jedoch bin ich nicht frei, denn er hält mich wieder in seinen Klauen und das treibt mich in den Wahnsinn. Mich stört nicht die Tatsache, dass ich ein Problem habe, so sehr wie es mich stört, dass er daran schuld ist. Vielleicht wäre es einfacher für mich zu akzeptieren, dass ich daran schuld bin, denn so würde ich wenigstens etwas dagegen unternehmen können. Wenn etwas in meiner Macht steht, weiß ich, dass ich etwas tun kann. So aber nicht. Und der Gedanke, dass er mich auch aus seinem Grab heraus quält, ist beinahe unerträglich.
Seit Wochen bin ich sehr darauf aufmerksam, ob ich mich magisch erschöpfe oder nicht. Ich versuche, mich zu kontrollieren, es nicht zu tun, denn diese Anfälle werden stärker und schlimmer. Ich fühle mich wie ein Tier im Käfig und es macht mich verrückt. Es ist schwierig meine Würde zu bewahren weil ich mir die ganze Zeit bewusst bin, dass ich Grenzen für mich selbst setzen muss. Ich hasse Grenzen. Ich hasse Käfige. Und mir ist klargeworden, dass meine schlimmste Angst ist, in einem Käfig eingesperrt zu werden und bis zu Ende meiner Tage dem Willen jemandes anderen zu folgen. Denn das tue ich momentan und ich hasse es. Ich folge Dumbledores Willen und bin nicht frei.
Heute aber wird sich all das ändern. Ich werde Antworten bekommen und ich werde Dumbledore dazu zwingen, mich freizulassen. Ich werde ihn für alle Zeiten vernichten. Der dunkle Lord hat es nicht laut gesagt, aber auch ihm ist ziemlich klar, dass wir nicht mit unseren ursprünglichen Plänen für Dumbledore fortfahren können. Nicht nachdem wir die Wahrheit herausgefunden haben. Und ich denke, dass er genauso darauf erpicht ist, ihn zu zerstören wie ich es bin. Im gewissen Sinne sieht er sich in mir und auch wenn er keine Empathie verspürt, kann er sich in mich hineinversetzen. Dazu hat Dumbledore mir, Voldemorts Erben, wieder wehgetan und er wird es nicht weiterhin zulassen. Ich kann schon Wellen von aggressiver und zerstörerischer Energie aus seinen Gemächern spüren, die sich wie Gift durch den Türspalt im Schloss ausbreiten. Heute wird Dumbledore uns büßen – und die Hölle selbst wird sich öffnen. Buchstäblich.
Draco kommt in mein Arbeitszimmer mit seinem Koffer in Hand, den er noch nicht verkleinert hat. Er sieht todernst aus. Er trägt seinen Reiseumhang und einen dicken Pulli darunter.
Ich schicke ihn weg aus zwei Gründen. Erstens, weil ich weiß, dass ich mich auf ihn verlassen kann und dass er seine Arbeit trotz allem gut erledigen wird. Zweitens, möchte ich für eine Weile alleine sein. Ich möchte nicht, dass er mich jedes Mal, wenn ich nicht in unserem Bett schlafe, komisch und mit tausenden Fragen (die er jedoch nie laut stellt) auf seiner Stirn geschrieben anschaut. Ich möchte mich für mein seltsames Benehmen nicht rechtfertigen müssen. Er stellt natürlich keine Fragen, aber ich weiß, was er mich fragen will.
„Ich bin fertig", sagt er leise, da ich noch immer das Buch direkt vor mir anstarre, um meine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.
Ich lege die Feder beiseite und mustere ihn. Tränen glitzern ihm in den Augen und ich hoffe, dass er jetzt nicht weint. Denn ich weiß einfach nicht, was ich tun soll, wenn er weint.
„Gut", sage ich so ruhig wie möglich. „Versuch keinen Kontakt mit mir aufzunehmen – ich werde es tun."
„Ja, ich weiß, das hast du mir schon gesagt", sagt er mit gesenktem Kopf.
Ich sollte ihn küssen. Das löst alle Probleme. Das Weinen, die Traurigkeit und seinen Eindruck, dass ich ihn vernachlässige. Das tue ich nicht – aber momentan habe ich zu viel am Hals um über die Sachen nachzudenken, die er am liebsten hören würde.
Ich stehe auf und lege eine Hand auf seine Wange. Hoffnung schimmert in seinen grauen Augen als er seinen Blick hebt. Da – ich zeige ihm, dass er mir wichtig ist. Obwohl er natürlich weiß, dass er mir wichtig ist und dass ich nicht bissig mit ihm rede weil er mir egal ist, muss man es ihm immer wieder und wieder zeigen, sodass er erneut eine Bestätigung bekommt. Wie ermüdend. Er weiß schon – und wenn ich mich seltsam benehme, weiß er sicherlich, dass es nichts mit ihm zu tun hat. Und trotzdem schaut er mich jetzt mit einem Lächeln an und ist froh, dass ich die Initiative übernommen habe.
Er legt schnell seine Arme um meinen Hals als ich ihn küsse wobei ich spüre, dass sich etwas in meiner Hose bewegt. Bloß nicht jetzt an Sex denken – das brauche ich momentan nicht.
„Geh", sage ich, seinem Hintern einen Klaps gebend. „Du hast mein volles Vertrauen."
„Danke", sagt er, seinen Stab zückend und den Koffer verkleinernd.
Im Türrahmen hält er zögernd inne.
„Viel Glück", sagt er leise.
Aber ich habe mich schon in mein Buch vertieft und habe ihn nicht gehört. Er seufzt und ich schaue erst auf, als die Tür hinter ihm mit einem leisen Klick ins Schloss fällt. So... jetzt bin ich alleine.
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Voldemorts Magie ist heute wie ein zorniges Feuer, das die gesamte Ritualkammer mit Hitze erfüllt. Es lässt sich leicht aus seiner Magie und aus seinen aggressiven Bewegungen schließen, dass auch er mit Dumbledore eine alte Rechnung begleichen möchte. Obwohl Empathie ein fremdes Wort für ihn ist, habe ich ihn seit langem nicht so zornig gesehen. Dies ist auch eine persönliche Beleidigung, dass es Dumbledore gelungen ist, ihn so an der Nase herumzuführen. Er hat gar nichts bemerkt. Er hatte keine Ahnung, was vor sich geht, bis wir zusammen tiefer gegraben und Dumbledores kleines Meisterwerk entdeckt haben. Voldemort ist wütend, weil ihm so was entgangen ist aber auch weil Dumbledore es sich gewagt hat, sich in seine Angelegenheiten einzumischen. Denn wenn er sich in meine Angelegenheiten einmischt, macht er das gleiche mit seinen. Ich bin schließlich sein Erbe.
Als er mir gebieterisch zuwinkt, stehe ich auf und komme auf ihn zu. Ich kann kaum vor der aggressiven Energie und der Macht, die er ausstrahlt, atmen aber er scheint es nicht zu bemerken. An solch einem Ritual habe ich noch nie teilgenommen.
Seine Stimme sinkt zu einem im ganzem Raum hallenden Bass als er anstatt Anubis spricht, wobei mir ein Schauder über den Rücken läuft. Er spricht einen langen Satz auf Latein aus mit solcher Selbstsicherheit und Autorität dass schon bevor er damit fertig ist, sich die Spuren von einer schimmernden Gestalt direkt vor ihm beginnen aufzubauen.
Die Gestalt wächst sehr schnell und bekommt zuerst einen langen weißen Bart. Ich verspüre einen Stich vor Zorn als zwei lichtblaue Augen als letztes erscheinen, nachdem die Gestalt sich umschaut und zum zornigen dunklen Lord blickt, dessen Augen aufblitzen.
„Tom", sagt der ehemalige Vertreter des Lichtes. „Konntest du mich nicht in Ruhe lassen?"
„Nein, konnte ich nicht", zischt der dunkle Lord.
Ich habe fast erwartet, dass er ihn anbrüllt. Aber unter den Umständen ist seine Stimme, obwohl sie viel tiefer als seine normale Stimme ist, ganz ruhig.
„Ich habe nämlich ein paar Fragen, alter Mann", sagt der dunkle Lord, der sich zu all seiner Größe aufrichtet. Seine Haltung spricht ganz deutlich über seine Absichten und dass er heute vorhat, das zu bekommen was er will. Sonst wird die Hölle los sein.
Und da wir schon über den Teufel sprechen, er sitzt in der Ecke direkt hinter Dumbledore und schaut in seiner Schattenform zu, wie der dunkle Lord mit dem Geist Dumbledores redet. Ich habe schon an diesem Morgen ein paar Dämonen in der Eingangshalle gespürt, und Memphisto hat drei mit sich in die Ritualkammer genommen. Sie befinden sich bei dem Eingang. Obwohl sie sich mir nicht gezeigt haben, weiß ich, wo sie sind und dass sie nur auf ein Zeichen Memphistos warten, um sich auf Dumbledores Geist zu stürzen. Ein zorniger dunkler Lord, der Herrscher der Hölle mit einer Dämonenhorde in Begleitung und ein vor Wut rauchender dunkler Prinz. Es ist ein Wunder, dass die Ritualkammer noch nicht explodiert hat.
„Und deswegen ziehst du mich wieder zur Erde?" fragt Dumbledore, der Inbegriff des Bösen. „Ich habe mein altes Leben hinter mir gelassen, Tom. Ich erinnere mich an nichts."
Aber du weißt, mit wem du sprichst. Sehr witzig, Dumbledore.
„Heute wirst du dich jedoch an ein paar Sachen erinnern", erwidert Lord Voldemort kalt.
Ja, ich weiß, dass er nur ein Geist ist. Ich weiß, dass ihm der dunkle Lord einen Körper gegeben hat, der zerstört werden wird so bald wir mit dem Ritual fertig sind. Aber beim bloßen Anblick des Mannes verspüre ich kochend heiße Wut in meinem Magen. Man kann dieses Gefühl nicht Hass nennen, denn ich hasse ihn nicht. Ein Teil von mir versteht warum er all das getan hat. Und das war im Übrigen sehr schwarzmagisch von ihm. Aber der andere Teil von mir ist zornig und will Rache. Im gewissen Sinne bin ich froh, dass er mich bei den Dursleys gelassen hat. Denn ich hatte keine Eltern, die ihre Ansichten auf mich projizieren hätten können. Ich hatte die Freiheit, mein eigenes Moralsystem aufzubauen und da ich die Mehrheit der Zeit alleine war, habe ich schon früh genug gelernt, selbstständig zu sein. Jetzt bin ich froh, dass meine Kindheit so verlaufen ist. Aber was ich ganz und gar nicht schätze, ist sein Einmischen in mein Leben, im Sinne, dass er ein Hindernis, ein Problem für mich erschaffen hat, nur weil er wollte, dass ich den dunklen Lord umbringe. Er wollte sicher sein, dass ich dableibe wo ich bin, dass ich seine eigenen Vorstellungen vom Guten und Bösen lerne und dass ich ihm so sehr vertraue, dass ich ihm in den Tod folgen würde. Und beim Gedanken, dass er für meine heutige Hilflosigkeit und meinen Zustand verantwortlich ist, spüre ich unmenschlich starke Wut.
Der Geist Dumbledores lächelt traurig und schüttelt den Kopf.
„Tom, wann wirst du es lernen?" fragt er leise. „Ja, du kannst viele Sachen mit Macht bewirken – aber Freundschaft und Vertrauen kannst du dich nicht durch Macht erwerben."
Voldemorts Hand zuckt und ich trete aus den Schatten.
„Hallo, alter Mann", sage ich mit vor Wut zitternden Stimme. „Erinnerst du dich an mich?" Ich kann mir ein hämisches Lächeln nicht verkneifen als die lichtblauen Augen sich etwas weiten. Ich spüre eine Welle von Vergnügen und mein Lächeln wird noch breiter.
„Ich bin nämlich derjenige, der dich umgebracht hat", sage ich.
„Hallo, Harry", flüstert Dumbledore. Seine Augen schauen mich mit Bedauern an. „Wie hätte ich dich nur vergessen können? Ich habe eine lange Zeit über dich nachgedacht."
„Wie rührend", erwidere ich sarkastisch. „Und ich habe jedes Mal an dich gedacht, wenn ich mir deine Asche, die ich in meinem Regal aufbewahre, angeschaut habe."
Dumbledores Blick wird etwas sanfter.
„Du bist also auch hier", stellt er unnötigerweise fest. „Was willst du, Harry? Du hast mich schon einmal umgebracht. Ich habe gedacht, dass das für dich genug wäre. Ist es nicht genug? Wolltest du wissen, wie es sich angefühlt hat, zu sterben, sodass du darüber lachen kannst?"
„Eigentlich ist das eine gute Idee", sage ich, eine Hand auf den Altar legend. „Du wirst mir später davon erzählen. Jetzt aber möchte ich dir ein paar Fragen stellen."
„Über deine Vergangenheit?" fragt Dumbledore mit einem Schimmer Hoffnung in seiner Stimme.
Oh ja, der alte 'er spürt Reue und sehnt sich nach seinen Eltern' Scheiß. Was wird er es begreifen?
„Eigentlich, ja", sage ich. „Ich möchte wissen, wann du mich mit dem Fluch belegt hast."
Etwas flackert in den Tiefen der blauen Augen, aber sein Ausdruck verrät gar nichts. Deja vu. Das alte Katze und Maus Spiel. Er wirft mir Brotkrümel hin und ich versuche seine rätselhaften Aussagen zu entwirren. Heute jedoch nicht. Ich habe seine Spielchen satt und ich muss ja nicht mitspielen. Ich bin der dunkle Prinz.
„Ich weiß nicht, wovon du redest, Harry", sagt Dumbledore.
„Hast du es getan, während meine Eltern sich mit Sirius Black und Remus Lupin in der Küche unterhalten haben?" hake ich nach. Meine Stimme wird lauter und mein Ton aggressiver aber ich möchte sie nicht versuchen zu kontrollieren. „Hast du ein hilfloses Baby mit einem Fluch belegt, um sicher zu gehen, dass es nie die Macht der dunklen Magie spürt? Was hast du dir dabei gedacht? Welche Ausrede hast du dir ausgedacht, um mit so was weiter leben zu können? Oder war dein Moralsystem auch eine große Lüge, die du der ganzen Welt erzählt hast?"
Es fühlt sich gut an, all das laut sagen zu können. Dumbledore starrt mich mit einem versteinerten Ausdruck an während der dunkle Lord ihn mit verengten Augen und ohne zu blinzeln anschaut.
„Harry", sagt Dumbledore und schließt kurz die Augen. „Ich weiß nicht, warum du mich hergerufen hast. Aber ich sehe, dass du noch tiefer gesunken bist. Ich kann dir nicht helfen. Ich kann dir jedoch mein letztes Opfer bringen und mich als deinen Zuhörer anbieten. Wenn es dir hilft, wenn du dich besser fühlst, wenn du all das mir laut ins Gesicht sagst, dann werde ich es tun."
Die Mundwinkel Voldemorts zucken und ich starre ungläubig den Geist an. Er weiß, worüber ich rede und noch immer stellt er sich wie ein Heiliger an, der all die Weisheit der Welt besitzt und so großzügig seinem eigenen Mörder gegenüber sein kann.
Ich werde ihn UMBRINGEN.
„Weißt du", sage ich mit einem breiten Grinsen, einen Schritt in seine Richtung machend, wobei meine Ritualrobe raschelt, „einmal wollte ich wirklich alles, was mit dir in Zusammenhang steht, vergessen. Aber das will ich nicht mehr. Ich werde dich und deinen lieben Bruder für alle Zeiten vernichten."
Die lichtblauen Augen spiegeln etwas, was mir sehr gefällt.
„Ja, hast du das gewusst? Gewiss hast du es gewusst. Er hat deinen Platz eingenommen. Er ist zu meinem Feind geworden. Aber der hellen Seite geht es momentan nicht gut. Sie hat schwere Verluste erlitten und ich habe schon viele Mitglieder deines heiligen Phönixorden persönlich umgebracht."
Jetzt bin ich in Schwung gekommen und niemand kann mich aufhalten.
„Die gesamte Welt feiert dich als einen Helden und glaubt, dass du für die Welt nur das beste gewollt hast", fahre ich fort. „Aber ich werde all deine Lügen enttarnen und der Welt zeigen, wer du wirklich warst. Und ich werde auch deinen Bruder umbringen, sowie ich dich umgebracht habe. Du hast schon einmal mein Leben zerstört. Aber ich bin auferstanden. Jetzt werde ich es wieder tun. Der Tod selbst wird mich nicht aufhalten, das zu tun, was ich mir vorgenommen habe. Und sicherlich nicht dein kleiner, jämmerlicher Fluch."
Ich habe unwillkürlich meine Fäuste geballt und mir ist auf einmal sehr heiß geworden, aber ich habe das Ganze meinem Zorn zugeschrieben. Als ich aber in Richtung Voldemorts blicke, stelle ich fest, dass die Flammen aller Kerzen bis zur Decke empor gestiegen sind und dass sie schwarze Spuren auf den Wänden hinterlassen haben.
„Hasst du mich denn so sehr, dass du auch meine Familie umbringen musst?" fragt Dumbledore in die Stille.
Ich richte mich zu meiner vollen Größe auf und presse die Lippen zusammen.
„Du hättest darüber nachdenken sollen, bevor du mein Leben zerstört hast, alter Mann", zische ich. „Du hast dadurch einen Feind erschaffen, der jedoch nicht die andere Wange hinhält. Du hättest das gut bedenken sollen, während du in Hogwarts deine Pläne geschmiedet hast. Denn ich bin ein Feind, der nicht vergibt und nie vergisst. Dafür bist du schon einmal gestorben. Und dein lieber Bruder wird sterben, weil er das Familiengeschäft nach deinem Tod aufgenommen hat."
„Siehst du nicht, was ich verhindern wollte? Genau das!" Dumbledore unterbricht mich. Gut, also habe ich einen Nerv getroffen. „Dass du in die Dunkelheit versinkst und dich darin verlierst. Du hattest so viel Potenzial, Harry. Ich habe es gleich gesehen. Ich habe gewusst, dass du entweder große oder entsetzliche Sachen bewirken wirst. Einmal habe ich schon so was gesehen und zwar in Tom Riddle. Er hatte das gleiche Potenzial, sich eines Tages in einen großen Zauberer zu entwickeln. Aber er hat seine Macht für falsche Sachen benutzt – sowie du es jetzt machst."
„Was falsch und böse ist, liegt im Auge des Betrachters." erwidere ich bissig. „In meinen Augen bist du der Inbegriff des Bösen, Dumbledore. Und dein Bruder kann sich nicht mit dir messen. Dein Meisterwerk zerstört mich. Es wird mich allmählich umbringen, wenn ich nichts dagegen unternehme. Hast du das gewollt? Du wolltest mich auch in den Tod schicken, als du mich bei den Dursleys gelassen hast und als du alles Mögliche unternommen hast, um mich daran zu hindern, mein wahres Ich zu entdecken. Nennt man so was Fürsorge?"
„Ich habe dir schon gesagt, dass es mir leid tut, wegen allem, was ich dir angetan habe", sagt Dumbledore traurig. „Ich habe auch gehofft, dass du den Tod besiegst. Ja, das habe ich dir nie gesagt. Ich wollte, dass du Voldemort umbringst. Aber ich habe auch gehofft, dass du eine Weise findest, um doch am Leben zu bleiben. Dass am Ende das Gute doch gewinnt."
„Und wie bitteschön hast du es dir vorgestellt, wenn vorhergesagt worden ist, dass keiner leben kann, während der andere überlebt?" zische ich aufgebracht.
„Ich habe Hinweise für dich hinterlassen", sagt Dumbledore. „Aber natürlich bist du nie nach Godric's Hollow zurückgekehrt, um das Grab deiner Eltern zu besuchen."
Das Zitat aus der Bibel.
„Ich wollte, dass du den Tod besiegst, Harry", wiederholt Dumbledore seine Worte. „Dass du den Weg findest, um Voldemort umzubringen und am Leben zu bleiben. Und das wäre nur dann möglich, wenn du das Mittel benutzt, um den Todesfluch selbst zu besiegen."
„Wie denn?" frage ich.
Und dann fällt es mir ein. Der Stab, der alle Duelle gewinnt.
„Jetzt verstehe ich", sage ich langsam, den Stab hervorziehend. Dumbledore wirft seinem alten Stab einen melancholischen Blick zu.
„Und zweifelsohne benutzt du ihn jetzt um gute, unschuldige Menschen umzubringen", sagt er leise.
„Denkst du wirklich, dass ich solch einen Stab brauche, um ein guter Kämpfer zu sein?" höhne ich, den Stab wieder in meinem Ärmel verschwinden lassend. „Dann weißt du wohl nichts über mich. Ich brauche keine allmächtigen Stäbe, um mächtig zu sein. Meine Macht ist meine eigene."
„Und ich habe genug von deinem Spielchen und der Rederei", sage ich entschlossen. „Jetzt ist an der Zeit, dass du mir ein paar Antworten gibst. Aber da du es nicht tun möchtest, muss ich dich dazu zwingen."
Ich werfe dem Schatten in der Ecke einen schnellen Blick zu und grinse breit.
„Ich habe dir einen Teil meiner Seele gegeben und meine Treue geschworen", sage ich, die Arme ausbreitend. „Jetzt wird mein Wille verwirklicht werden. Komm, mein Begleiter, Herrscher der Hölle, und besiege meinen Feind!"
Dumbledore schaut sich um und zum ersten Mal seit ich sein hässliches Gesicht erblickt habe, spiegelt es eine Spur Angst. Ich grinse breit als sich der Schatten blitzschnell in Memphisto verwandelt, dessen Hörner beinah bis zur Decke reichen. Seine roten Augen fixieren sich auf den Geist Dumbledores und seine Lippen erstrecken sich zu einem Grinsen, wobei mir ein Schauder über den Rücken läuft.
„Der ehemalige Vertreter des Lichtes", brummt er. „Einmal sind wir uns schon begegnet."
„Was hast du getan, Harry?" flüstert Dumbledore, den Erzdämon anstarrend. „Du hast mich schon einmal umgebracht – bist du so blutrünstig, dass du es nochmal und zwar auf diese Weise tun musst?"
„Du hast keine Ahnung, wie blutrünstig ich bin", erwidere ich trocken. „Und wir beide wissen, dass dies ein Schachmatt ist. Du besitzt keinen Körper mehr und kannst nicht weglaufen. Und ich übergebe deine Seele zu meinem Begleiter und Verbündeten. Bitte, Memphisto."
Ich deute auf den Geist und der Erzdämon grinst breit, eine Hand hebend.
Die Schatten, die bisher am Eingang nur auf sein Kommando gewartet haben, verwandeln sich in Dämonen, die sich zusammen mit Memphisto auf den Geist stürzen. Er schreit – und sein Schrei lässt die Ritualkammer erbeben.
Ich atme tief durch und schaue zu, wie sich Dumbledores Gesicht beginnt zu ändern. Der Schrei hat seine Züge verzerrt; und das Blaue in seinen Augen wird von einer unnatürlichen Schwärze verschluckt. Seine Seele scheint zu versuchen, zu entkommen, aber eine Klaue erscheint aus dem Nichts und drängt sie wieder in den Körper, den der dunkle Lord für sie erschaffen hat. Dumbledores weiße, schimmernde Hand streckt sich aus, bleibt aber mitten in der Luft schweben als auch sein Körper beginnt wie verrückt zu zittern. Er gurgelt – aber auch wenn er etwas gesagt hat, war es etwas unverständliches. Ein Knurren hallt durch die Kammer, das jedoch nicht aus einem menschlichen Hals gekommen ist. Was anderen wie entsetzliche Laute vorkommen würde, ist Musik für meine Ohren. Und während die Dämonen seine Seele auseinandernehmen und in seinen Gedanken herum stöbern, grinse ich breit und bin nicht der einzige. Es ist sehr selten, solch ein breites Lächeln im Gesicht meines Mentors zu sehen, aber das ist keine Freude im gewöhnlichen Sinne. Das sind Triumph und eine Art sadistische Genugtuung, die sein Lächeln in etwas angsteinflößendes verwandeln.
Nach ein paar Minuten – wie viel Zeit ist vergangen? Ich hatte so viel Spaß, dass die Zeit blitzschnell verstrich – erscheint wieder das gut bekannte Gesicht des Herrschers der Hölle und die roten Augen schauen in meine Richtung. Ich habe noch nie solchen Zorn in seinem schwarzen Gesicht gesehen. Und mir wird augenblicklich klar, dass ich die ganze Zeit wusste, was er tat. Ich schaute durch seine Augen und habe kurz vergessen, wer ich bin. Ich war ER... Deswegen hatte ich den Eindruck, dass die Zeit schnell verging. Aber im gewissen Sinne weiß ich genau, was er getan hat und konnte die Macht spüren – die auch kurz meine war – die er benutzte, um Dumbledores Seele zu fesseln und sie dazu zu zwingen, ihm zu gehorchen. Auch wenn ich nie so was von ihm verlangt habe, wird mir jetzt klar, welche Macht er eigentlich besitzt. Und wer weiß, was noch er tun kann? Schließlich ist er der Teufel persönlich.
„Stell ihm Fragen, mein Auserwählter," knurrt der Herrscher der Hölle.
Ich reiße mich schnell zusammen und schüttele den Kopf, als könne das helfen, meinen Kopf zu klären.
„Hast du Harry Potter mit einem Fluch belegt, als er ein Kind war?" frage ich scharf.
Dumbledore atmet tief ein. Als er spricht, ist seine Stimme nur ein heiseres Flüstern.
„Ja."
„Und was sollte dieser Fluch bewirken?"
„Er ist eine Absicherung, dass Harry Potter sich nicht der dunklen Magie zuwendet und beginnt sie zu benutzen."
„Und was passiert, wenn er trotzdem die dunkle Magie verwendet?"
„Seine eigene Magie wendet sich gegen ihn."
Der dunkle Lord und ich wechseln Blicke. Da so viel Zeit vergangen ist und da ich so lange ungestört die dunkle Magie jeden Tag benutzt habe, muss man vermuten, dass sein Fluch entweder viel zu schwach oder dass meine Magie viel zu stark ist. Denn sie wendet sich gegen mich nur wenn ich zu viel dunkle Magie benutze.
„Sag mir, wie ich diesen Fluch loswerde", befehle ich dem Geist.
„Er ist in seine Seele eingebaut", flüstert Dumbledore. „Es gibt keinen Gegenfluch."
Meine Hand zuckt und der dunkle Lord legt seine Hand auf meinen Unterarm, um mich daran zu hindern, etwas unbedachtes zu machen. Aber der Raum um mich herum wird auf einmal sehr dunkel und ich weiß, dass ich kurz davor bin, meine Kontrolle zu verlieren.
„Wie hast du es dir denn vorgestellt?" zische ich. „Dass ich für den Rest meines Lebens mit deinem Fluch lebe?"
„Ja", flüstert Dumbledore.
Memphisto Klaue packt ihn noch grober am Hals und er zieht tief und verzweifelt Luft ein. Ein Sterblicher hätte es nicht tun können; ein Dämon schon. Seelen sind schließlich ihr Spezialgebiet.
„Könntest du ihn entfernen?" fragt der dunkle Lord auf einmal. „Du hast ihn erschaffen und du kannst ihn wieder vernichten."
„Ich habe mir keinen Gegenfluch ausgedacht, weil zu jener Zeit keiner notwendig war", sagt Dumbledore.
„Aber wärst du am Leben könntest du es dann tun?" fragt der dunkle Lord scharf.
„Ja", flüstert Dumbledore.
Der dunkle Lord dreht sich mir zu und nickt. Er möchte ihn beleben. Es ist die einzige Lösung.
„Memphisto", spreche ich den Dämon an. „Wenn wir ihm einen Körper geben, könntest du ihn wieder dazu zwingen, uns weiter die Wahrheit zu erzählen?"
„Wenn er nicht weglaufen kann, ja", sagt Memphisto grimmig. „Ich werde dir helfen, Erbe der Dunkelheit. Tue was du tun musst."
„Setze dich." befielt mir der dunkle Lord, seine Ärmel hochkrempelnd. „Ich werde es jetzt tun."
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Zwei Stunden später verlassen wir endlich die Ritualkammer und seitdem sitzen in meinem Wohnzimmer, während Dumbledore im Speisesaal isst.
Ich schaue auf als die Tür geöffnet wird und eine Gruppe Todesser hinein strömt. Severus und Lucius halten Dumbledore unter den Armen und lassen ihn auch nicht los, als sie sich verbeugen.
„Ihr dürft gehen", sagt der dunkle Lord, der in einem Sessel mir gegenüber sitzt.
Dumbledore schaut mit einer traurigen Miene zu, wie die Todesser mein Wohnzimmer verlassen. Der schwarze Schatten saust an ihm vorbei und gibt ihm einen Schubs, sodass er in einen Sessel fällt. Ich lächele als sich der Schatten in Memphisto verwandelt und bei Dumbledore stehen bleibt. Er ist nicht von Dumbledores Seite gewichen aber es scheint, dass Dumbledore keinerlei Wunsch gezeigt hat, sich aus dem Staub zu machen. Trotzdem kann man nie sicher sein, aus welchem Grund eine ganze Armee Todesser samt Memphisto ihn begleitet haben.
„Siehst du?" frage ich in die Stille. „Ich bin kein Monster. Ich habe dir erlaubt, etwas zu essen bevor wir weitermachen."
Dumbledore sagt nichts dazu und schaut auf seine Hände hinunter.
„Fangen wir an", sagt der dunkle Lord trocken.
Er sieht ein wenig erschöpft aber zufrieden aus. Schließlich hat er gerade mithilfe seines Ringes einer Seele einen permanenten Körper gegeben. Und für das erste Mal ist es wie geölt verlaufen.
„Sag mir, wie wir den Fluch loswerden", befiehlt ihm der dunkle Lord.
Zu meiner großen Überraschung Dumbledore nickt und scheint darüber ernst nachzudenken. Ist es wirklich möglich, dass er mir zum ersten Mal helfen möchte? Dass er zum ersten Mal nicht hinauszögert und gleich zur Sache kommt? Werden die Sterne vom Himmel fallen?
„Der Fluch ist eigentlich Seelenmagie", sagt Dumbledore leise. „Das heißt, normalerweise macht man so was mit dem Körper; aber ich wollte deine Seele damit belegen."
„Ist das nicht etwa dunkle Magie?" frage ich.
Dumbledore lächelt schwach und fährt sich durch das weiße Haar.
„Manchmal kann man eine Linie zwischen der schwarzen und der weißen Magie nur dann ziehen, wenn man die zu Grunde liegenden Absichten in Betracht zieht", sagt der Weißmagier. „Das ist ein Problem, auf das man mit so genannter Hochmagie stößt. Damit meine ich natürlich solche Magie, die nicht viele vermögen und die in keiner Schule unterrichtet wird."
Ich hatte keine Ahnung, dass solche Zauber einen Namen haben, aber in Ordnung. Warum neigen die Weißmagier dazu, immer allem einen Namen zu geben? Ich habe mich immer eher auf mein Gefühl für Magie verlassen und es gemieden, Sachen Namen zu geben. Ich weiß, wie man es macht; also warum soll ich diesem Zauber einen Namen geben?
„Und du denkst, dass dein Fluch eigentlich Weißmagie war weil du gute Absichten hattest", sage ich mit einem hämischen Lächeln. „Ach Dumbledore."
„Ich sehe aber ein, dass ich mich geirrt habe", flüstert Dumbledore. „Ich hatte gute Absichten; aber meine Weißmagie hat sich in Schwarzmagie verwandelt."
„Ist es möglich, dass er es endlich begriffen hat?" frage ich den schweigenden dunklen Lord, der mit den Achseln zuckt.
Dumbledore lächelt wieder schwach.
„Du kannst dich um mich lustig machen so lange du willst", sagt er. „Und ich weiß, dass ihr mir nicht glaubt, wenn ich sage, dass ich dir ehrlich helfen möchte."
„Natürlich glauben wir dir nicht", sage ich bissig. „Und wenn du so weitermachst, werde ich deine Entschuldigungen als eine Beleidigung auffassen und dich foltern. Fahre fort."
„Hätte ich deinen Körper mit dem Fluch belegt, wäre eine der Möglichkeiten, um ihn für alle Zeiten loszuwerden, ihn glauben zu lassen, dass dein Körper tot ist", sagt Dumbledore ernst. „Aber da ich deine Seele damit belegt habe, kommt das nicht in Frage."
„Vielleicht wäre es möglich, diesen Teil deiner Seele einfach herauszureißen", meldet sich der dunkle Lord zu Wort.
Dumbledore schaut ihn verwundert an.
„Ich vergesse, dass du schon viel Erfahrung mit der Seelenzersplitterung hast, Tom", sagt Dumbledore und schüttelt den Kopf. „Ich werde nie aufhören überrascht zu sein, wie bereitwillig ihr solche wertvollen Sachen wie die Seele eines Menschen opfert."
„Die Alternative gefällt mir nicht, also bin ich bereit, meine Seele mit einem Messer kurz und klein zu schneiden, um den Dreck, den du in meine Seele eingepflanzt hast, loszuwerden", erwidere ich eiskalt. Der dunkle Lord nickt mir ernst zu. „Also? Gibt es noch eine Möglichkeit? Kannst du vielleicht den Fluch aritmantisch ausdrücken, sodass wir einen Gegenfluch erschaffen können?"
„So wie es anhört, bist du gut in Arithmantik", sagt Dumbledore und zwinkert mir zu. Mein Magen verkrampft sich und meine Hand zittert. Mein Verstand jedoch zwingt mich dazu, ruhig zu bleiben.
„Ja, das könnte ich tun", sagt er langsam. „Aber ich bin mir nicht sicher, dass man etwas damit anfangen kann."
„Schreib ihn einfach auf", befehle ich ihm, ein Stück Papier vor ihm auf den Tisch legend. „Und überlasse uns die Arbeit."
„Auch wenn es euch gelingt", sagt er, als er anfängt, zu kritzeln, „werde ich den Gegenfluch, falls ihr einen erfindet, durchführen müssen."
„Und warum bitteschön?" frage ich gereizt.
„Weil der Fluch nur auf meine Magie und meine magische Unterschrift reagiert", erwidert Dumbledore einfach.
Aber natürlich. Pflanze ruhig eine Bombe in meine Seele ein und mach es so, dass nur du mich umbringen oder mein Leben retten kannst. Typisch Dumbledore.
Der dunkle Lord zündet nachdenklich seine Pfeife an und lehnt sich zurück in seinem Sessel, während Dumbledore weiter kritzelt. Ab und zu hält er inne und sinkt in seine Gedanken, offensichtlich versuchend sich zu entsinnen, wie er diesen Fluch ausgeführt hat. Es sind schließlich viele Jahre her, seit er es getan hat.
Und auch wenn es ihm gelingt, den Fluch auf Papier zu bekommen, heißt das nicht, dass diese Gleichung dem wirklichen Fluch entspricht. Was wenn er sich nicht gut erinnert? Was wenn er uns absichtlich irreführt?
Beim bloßen Gedanken daran ihm zu erlauben, den Gegenfluch auf mich anzuwenden, wird mir übel. Und ich weiß, dass es dem dunklen Lord genauso geht. Er wird es nur als die allerletzte Möglichkeit erlauben, aber ich weiß, dass er es am liebsten selbst tun würde.
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Eine Stunde vergeht und der dunkle Lord hat schon drei Pfeifen geraucht. Ich ziehe meinen Stab hervor und lasse den Tabakqualm verschwinden. Der dunkle Lord nickt mir geistesabwesend zu. Dumbledore sitzt noch immer über das Papier verbeugt und kritzelt. Er streicht eine Gleichung durch um aufs neue anzufangen. Er schüttelt den Kopf und starrt die Symbole an, sie dabei nicht wirklich sehend. Und ein Teil von mir fragt sich, was er jetzt ausgebrütet hat. Wie wird er versuchen, mich zu vernichten und mein Leben schon wieder zu zerstören?
„Ich denke, ich habe es", sagt er schließlich und unterbricht dadurch das gedankliche Gespräch zwischen mir und dem dunklen Lord.
Wir schauen in seine Richtung und der dunkle Lord nimmt schnell das Papier von ihm entgegen.
Ich stehe auf und schaue ihm über die Schulter auf die Gleichungen hinunter. Etwas davon kommt mir sehr bekannt vor; aber nicht alles. Es gibt ein paar Symbole, die ich noch nie gesehen habe. Voldemorts dünne Lippen wiederum strecken sich zu einem teuflischen Grinsen.
„Ja", flüstert er zu sich. „Ja. Jetzt ergibt alles einen Sinn."
„Nichts ergibt einen Sinn, Meister", sage ich genervt.
„Oh doch", sagt der dunkle Lord zufrieden und schaut hoch zu mir. „Erebus, dieser so genannter Fluch ähnelt dem Zauber, den die schwedischen magischen Behörden benutzen um die Verwendung von dunkler Magie zu verhindern."
Dumbledore schaut höchst interessiert zu ihm, aber wir schenken ihm keine Aufmerksamkeit. Hat er zufällig vergessen zu erwähnen, woher er die Idee hat? Oder hat er gehofft, uns mit seinen Geschichten von der Komplexität des Zaubers einzuschüchtern? Wenn ja, kennt er weder den dunklen Lord noch mich.
„Ja, unsere Diener aus Schweden haben mir davon erzählt", fährt er fort.
„Ich hatte keine Ahnung, dass die Schweden so was benutzen", wirft Dumbledore ein. „Das ist sehr interessant."
Ein Teil von mir möchte ihn am Hals packen und gut zu drücken, sodass ihm die Augen aus dem Kopf fallen, aber der andere Teil weiß sehr wohl, dass wir andere Prioritäten haben. Und ich werde jetzt nicht versuchen herauszufinden, ob dieser Fluch schon zu seiner Zeit in Schweden verwendet worden ist. Momentan ist es vollkommen unwichtig, wie er darauf gekommen ist. Was ich wissen möchte, ist, wie wir diesen Scheißfluch loswerden, Punkt.
„Und ich beschäftige mich damit schon seit Wochen", sagt der dunkle Lord, dessen Augen wie verrückt glitzern.
Ich kenne diesen Ausdruck. Vermutlich glitzern so die Augen von Menschen, die gerade auf eine revolutionäre Erfindung gekommen sind.
„Ja, ja", flüstert Lord Voldemort weiter. „Aber das da, das ist es, wovon er uns erzählt hat."
Er deutet auf den Weißmagier, der aufrecht sitzt und unserem Gespräch schweigend folgt.
„Er alleine hat den Zugriff", sagt der dunkle Lord.
Es gibt ein Aber. Denn Voldemort ist ein Schwarzmagier und hat immer noch einen Trumpf in der Hand.
„Aber das lässt sich auch leicht lösen", meint der dunkle Lord.
Ist es möglich, dass es so einfach ist? Ist es möglich, dass nach all dem Leid und dem Nachgrübeln ich endlich vollkommen frei sein kann? Frei von Dumbledore? Kann dieser Albtraum noch heute enden?
„Ich tue es", meldet sich Dumbledore zu Wort. „Harry, ich möchte dir helfen. Ich habe einen ernsten Fehler begangen und es tut mir leid."
„Ach hat der alte Weißmagier etwa Gewissensbisse?" höhne ich. „Und hoffst du, dass du dadurch alles wieder gutmachen kannst? Ich werde dir nicht diese Chance geben, um deine Seele zu erleichtern, wenn ich das Problem auf eine andere Weise lösen kann. Das ist deine Strafe, Dumbledore."
„Bestrafst du mich noch immer? Ich habe dir vergeben, dass du mich umgebracht hast, Harry", sagt Dumbledore. „Warum kannst du nicht das gleiche tun?"
„Weil ich ein Schwarzmagier bin", erwidere ich sachlich.
Ein Axiom, bei welchem keine Erklärungen erforderlich sind.
„Siehst du nicht ein, dass ich dir ehrlich helfen will? Vertraust du mir nicht?" fragt Dumbledore beinahe verzweifelt.
„Nein", sagen ich und der dunkle Lord zusammen, ihm einen 'denkst du wirklich, dass wir so dumm sind' Blick zuwerfend.
Wäre die Situation anders, hätte ich mich krumm gelacht. So aber denke ich eher an die Lösung des Problems und nicht an Dumbledores Gewissensbisse und seine Reue, die er erst nach seinem Tod verspürt.
„Wir können einen Teil seiner Seele dafür benutzen", sagt der dunkle Lord grinsend.
„Oh ja", sage ich.
Wir beide schauen grinsend in Dumbledores Richtung, der uns überrascht anschaut. Ich weiß, wie der dunkle Lord vorhat, es zu tun und jetzt verstehe ich seine Logik. Schließlich sind solche Sachen mit dunkler Magie machbar und Dumbledore scheint diese Tatsache immer wieder zu ignorieren. Manche lernen ja nie...
„Schön", sagt der dunkle Lord hochnäsig. „Du warst mein Versuchskaninchen und deine Auferstehung hat gut geklappt. Jetzt können wir deine Seele kurz und klein schneiden und Erebus endlich aus deinen Klauen befreien. Wenn es so weit ist, möchtest du ihn umbringen?"
„Ich kann mir nichts angenehmeres vorstellen, Meister", erwidere ich grinsend.
„Gut, also sind wir uns einig", meint der dunkle Lord geschäftsmäßig und steht auf. „Ich schlage vor, dass wir uns für eine kurze Weile ausruhen, bevor wir weitermachen. Erebus, bringe ihn in den Kerker."
Er muss mir nicht sagen, dass ich mich vergewissern soll, dass er nicht weglaufen kann. Aber ich weiß schon, wie ich das erreiche.
Ich packe den Alten am Arm und ziehe ihn auf die Füße. Ich fühle mich überhaupt nicht müde und Aufregung pocht in meinen Adern. Ich werde schon in ein paar Stunden diesen Fluch loswerden und wieder frei. Frei, um mich meiner Arbeit zu widmen. Ich werde wieder der Meister meines eigenen Lebens und meiner Seele sein.
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„Eigentlich, Harry", sagt Dumbledore, der ruhig in einer Zelle sitzt, „habe ich nicht erwartet, dass du so weit kommst. Schließlich hast du die dunkle Magie jeden Tag ohne Pause benutzt."
„Ja, wer hätte das gedacht?" sage ich, mir durchs Haar fahrend.
Ich habe absolut keine Absicht, ihm zu erzählen, was passiert, wenn ich zu viel dunkle Magie benutze. Das ist etwas Intimes. Morgana wie ich es hasse, schwach zu sein.
„Harry", sagt Dumbledore, dessen blaue Augen mich traurig durch die Gitter anschauen. „Ich hätte es mir nie vorstellen können, dass dir mein Zauber so viel Leid verursachen wird. Ich habe dir im Allgemeinen viel Leid verursacht. Und glaub mir wenn ich sage, dass es mir leid tut."
„Du hast nur das getan, was du dachtest, das beste war", erwidere ich. „Im gewissen Sinne hast du immer wie ein Schwarzmagier gehandelt, trotz der Tatsache, dass du nur Weißmagie verwendet hast. Ist dir das klar?"
„Leider", murmelt Dumbledore und senkt den Kopf. „Aber ich wollte verzweifelt die Welt verbessern. Ich wollte verhindern, dass die Dunkelheit die Kontrolle übernimmt. Und genau das habe ich gemacht. Ich habe im gewissen Sinne der dunklen Seite geholfen an die Macht zu kommen.".
„Die Ironie deines Lebens", erwidere ich sarkastisch. „Im Übrigen war das sehr nett von dir."
Dumbledore lächelt schwach und schaut zu seinen Händen.
„Und? Wie geht es dir?" fragt er sanft. „Wie alt bist du überhaupt?"
„Sechzehn", antworte ich. „Ach, alles ist beim alten. Foltern, Kämpfen, Massaker und so. Und eine Menge dunkle Magie."
„Und Draco?" fragt Dumbledore. Er schaut auf meine Hand hinunter. „Du bist nicht verheiratet."
„Nein, noch nicht", sage ich.
Wir plaudern wie Freunde und die Weise, auf die wir miteinander reden, erinnert mich an die Nacht, in der ich ihn getötet habe. Zu jener Zeit lag er auf einem Tisch und war daran gefesselt. Dieses Mal jedoch sitzt er hinter Gittern. Und sowie es zu jener Zeit der Fall war, da ich spüre, dass das Ende nicht so weit ist, bin ich ruhig und kann mit dem Mann reden ohne dass ich mich sehe wie ich ihm die Augen aussteche oder sonst was.
„Ihm geht es gut, er hat sich Heilmagie gewidmet", fahre ich fort. „Er ist zu einem ausgezeichneten Heiler geworden."
„Tatsächlich?" fragt Dumbledore mit erhobenen Augenbrauen. „Wer hätte das gedacht? Da er dein Freund ist, würde man denken, dass du so was nie erlauben würdest."
„Und das ist noch ein Beweis, dass du Schwarzmagier nicht verstehst", erwidere ich. „Wir schätzen Individualität und Draco hat seinen Lebensweg gefunden. Er ist ein dunkler Magier, aber Heilmagie ist ein Teil von ihm. Ein Schwarzmagier strebt vor allem danach, frei von den Erwartungen der Gesellschaft und Normen zu sein. Draco hat all diese Grenzen überschritten und er folgt seinem eigenen Pfad. Und ich respektiere das."
„Auch wenn es um Weißmagie geht?" hakt Dumbledore nach.
„Ja", erwidere ich einfach.
„Du bist sehr weise geworden, Harry", flüstert Dumbledore. „Ein Teil von mir spürt eine Art Verbindung mit dir, weißt du. Ich habe mir dich immer als meinen Schüler vorgestellt und ich habe deine Kindheit mit Nachdenken verbracht, ob du den Weg findest, den Todesfluch zu besiegen. Ich hoffte, dass du einen Weg findest. Und ich habe mich darauf gefreut, dich unterrichten zu können."
„Offensichtlich sind unsere Vorstellungen von den Begriffen Böse und Gute sehr unterschiedlich, Dumbledore", sage ich. „Aber das, was du getan hast, würde jeder Schwarzmagier verurteilen und es das schlimmste, was man tun kann, nennen. Du hast meine Freiheit weggenommen. Du hast versucht, mich zu kontrollieren und die Richtung meines Lebens und meiner magischen Entwicklung zu bestimmen. Im gewissen Sinne hast du dabei wie ein Gott gehandelt, der das Schicksal der Sterblichen bestimmt. Und das ist das schlimmste, was man einem lebendigen Wesen antun kann. Aber es ist etwas, was ein Schwarzmagier tun würde."
„Wie ein Gott?" fragt Dumbledore überrascht. „Ich wollte nur das beste für dich. Ich habe dir nicht wehgetan, sowie du Menschen wehtust."
„In meinen Augen ist die Freiheit von einem etwas, was man über allem schätzen soll. Schmerz ist etwas physisches, aber Freiheit ist etwas geistiges. Wenn du jemandem seine Freiheit wegnimmst, nimmst du ihm dann auch seine Seele und seine Würde weg."
„Hat dir Luzifer das beigebracht?" fragt Dumbledore. „Schließlich ist er dein Begleiter."
„Das musste er nicht", sage ich und richte mich auf. „Der Moment, in dem ich entschieden habe, das so genannte Schicksal und deine idiotischen Prophezeiungen einfach zu vergessen und mein Leben so zu führen, wie ich will, habe ich mich selbst befreit. Siehst du das nicht? Deswegen ist die Prophezeiung hinfällig geworden. Weil ich frei sein wollte. Ich habe meine eigene Zukunft mit meiner Willenskraft geändert."
„Ich habe nicht gedacht, dass so was möglich ist", murmelt Dumbledore.
Wir verfallen in Schweigen aber bald durchbricht ein Wimmern die Stille.
„Wer ist noch hier?" fragt Dumbledore.
„Nun, in der Zelle, in der du gerade sitzest, saß einmal Ronald Weasley", sage ich nachdenklich. „Aber er ist tot."
Dumbledore nickt nur und stellt keine Fragen, wie er gestorben ist.
„Molly Weasley war auch hier", fahre ich fort. Dumbledores Augen weiten sich etwas und er schnieft. „Remus Lupin ist entlassen worden."
„Entlassen worden?" fragt Dumbledore überrascht. „Ich finde es schwer zu glauben, dass du jemanden freilassen würdest."
„Sirius Black und ich hatten eine Abmachung", sage ich mit einem Lächeln. „Er würde eine Mission statt Lupin erledigen und falls er lebendig und erfolgreich zurückkehrt, habe ich ihm versprochen, Lupin unter einer Bedingung freizulassen – dass er zu seinem Rudel geht und da bleibt. Und das hat er getan. Black kam zurück und zeigte mir, dass seine Mission erfolgreich war – und ich habe mich an mein Wort gehalten. Lupin ist entlassen worden."
„Es wundert mich ein wenig, dass du bereit warst, so was zu tun", meint Dumbledore.
„Ich habe dafür etwas sehr wertvolles bekommen", sage ich achselzuckend. „Black hat seine Aufgabe gut erledigt."
„Ach ja, man muss immer etwas für alles bekommen", sagt Dumbledore kopfschüttelnd. „Ist es immer so?"
„Aber natürlich", sage ich ruhig.
„Harry..." fängt er nach einer Weile wieder an. „Oder Erebus. Ist das dein Name jetzt?"
„Ja", sage ich, etwas überrascht, dass er meinen echten Namen benutzen möchte.
„Erebus", wiederholt Dumbledore und nickt. „Glaubst du mir, wenn ich sage, dass ich dir helfen möchte?"
Ich mustere ihn und neige den Kopf zur Seite.
„Vielleicht", sage ich langsam. „Aber ich bin ein Schwarzmagier und du warst einmal mein Feind. Ich werde dir erlauben, mir zu helfen, nur wenn es keine andere Möglichkeit gibt."
Dumbledore nickt nur und wischt sich die Tränen aus dem Gesicht weg.
„Danke", sagt er leise. „Das genügt mir."
„Du sollst dich ausruhen", ist er der Meinung. „Schließlich hast du noch viel Arbeit, die auf dich wartet."
„Oh der dunkle Lord wird all die Arbeit erledigen, nicht ich", sage ich lächelnd. „Und er sitzt gerade auf seiner Terrasse und isst ein Thunfischsandwich."
„Wie kannst du nur das wissen?" fragt Dumbledore verwundert.
„Wir haben eine Verbindung", sage ich achselzuckend. „Er weiß immer, was ich tue und ich weiß immer, was er tut. Wir sind geistig miteinander verbunden."
„Im gewissen Sinne beneide ich ihn darum", sagt Dumbledore traurig. „Dass ich nicht auf seinem Platz bin. Ihr scheint eine sehr starke Verbindung zu haben und was am überraschendsten daran ist, ist dass er dir vertraut und dass du auch ihm vertraust. Wie konntest du so jemanden wie Lord Voldemort dazu bringen, dass er jemandem vertraut und dass er sich jemandem anvertraut, das heißt, dir, weiß ich nicht. Aber es freut mich."
All meine Wut und die Bitterkeit, die ich noch vor ein paar Stunden gespürt habe, sind weg. Und mir wird klar, dass ich ihn nicht wieder umbringen muss, um frei zu werden. Denn ich bin schon frei und dieser Fluch ist nur ein technisches Detail, aus dem ich jedoch ein großes Problem und eine persönliche Beleidigung gemacht habe. Ich habe bisher ziemlich gut funktioniert, obwohl ich mein ganzes Leben lang mit diesem Fluch gelebt habe. Ich denke, dass ein Teil von mir noch immer Angst davor hat, eingesperrt zu werden und dass man meine Freiheit wegnimmt. Und wenn ich nur eine Spur von Bedrohung rieche, raste ich aus und beginne mich verzweifelt dagegen zu wehren. Aber ich habe schon so unglaubliche und keinem bisher gelungene Sachen erreicht. Ich sollte mal eine Pause machen um auf mein Lebenswerk hinunter zu gucken und stolz auf mich selbst zu sein.
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Der dunkle Lord wirft mir einen tadelnden Blick zu, als ich die Phiole in einem Zug ausleere und sie mit einer lässigen Bewegung verschwinden lasse.
„Wie viel von diesem Zeug hast du schon geschluckt?" verlangt er scharf zu wissen.
Dumbledore sitzt gefesselt auf dem Sofa und folgt unserem Gespräch.
„Ist das überhaupt wichtig? Schließlich werde ich jetzt all meine Probleme lösen", sage ich gelassen.
„Vielleicht ist deine Vernachlässigung der einfachen Bedürfnisse deines Körpers nicht der wahre Grund, warum du so tief in der Tinte steckst", sagt der dunkle Lord trocken. „Aber das heißt nicht, dass du deine Gesundheit weiter ignorieren sollst."
„Ich habe das von Euch gelernt, Meister", sage ich lächelnd.
Der dunkle Lord seufzt genervt und schüttelt den Kopf. Dumbledore wirft seinen Augenringen und seinem blassen Gesicht einen Blick zu. Ich wiederum weiß, dass der dunkle Lord schon drei Tage lang kein Auge zugemacht hat und dass er erst vor kurzem etwas gegessen hat. Also ist er nicht derjenige, der mir Predigte über meine Gesundheit halten sollte.
„Ihr werdet euch wundern, was nur eine Tasse heißer Schokolade bewirken kann", meldet sich Dumbledore zu Wort.
„Klappe", knurren ich und der dunkle Lord zusammen.
„Darf ich wenigstens einen Vorschlag machen?" fragt der Weißmagier in die Stille.
Der dunkle Lord lässt seine Hand, in der er seine Berechnung hält, sinken und verengt die Augen.
„Fahre fort." befielt er ihm.
„Ich weiß, dass ihr mir nicht vertraut", sagt Dumbledore.
Ich schnaube und verdrehe die Augen.
„Aber vielleicht könntet ihr mich mit einem Imperiusfluch belegen". sagt Dumbledore. „Ich bin schwach und kann mich nicht dagegen wehren. Schließlich habt ihr mir vor kurzem einen Körper gegeben. Und wenn ihr schon Zweifel habt, kann der Magier, der den Imperiusfluch benutzt, leicht wissen, ob sich sein Opfer dagegen wehrt oder nicht. So werdet ihr das tun können, was ihr wollt, und doch werdet ihr meine magische Unterschrift benutzen können."
Der dunkle Lord und ich wechseln Blicke.
'Vielleicht wäre das der einfachste Weg', meint der dunkle Lord gedanklich.
'Wenn Ihr meint, Meister', erwidere ich skeptisch.
'Ich tue es', denkt der dunkle Lord. 'Er kann mich nicht täuschen. Und falls ich spüre, dass er sich dagegen wehrt, werde ich gleich aufhören und die Hölle aus ihm fluchen.'
'Memphisto könnte Euch dabei helfen', meine ich.
Es ist nicht, dass ich dem dunklen Lord nicht vertraue, aber ich vertraue Dumbledore nicht. Vielleicht glaube ich, dass er endlich begriffen hat, dass er einen Fehler begangen hat, aber das muss nicht heißen, dass er uns helfen möchte.
'Gute Idee', meint der dunkle Lord. 'Rufe ihn.'
„Memphisto", sage ich laut.
Dumbledore verfolgt mit Interesse, wie Memphisto bei meiner Seite erscheint und sich umschaut.
„Ich habe Deja vu", meint der Erzdämon.
„Was auch immer", murmele ich, mich aber dabei wundernd, dass er überhaupt weiß, was das ist. „Der dunkle Lord wird den Weißmagier mit einem Imperiusfluch dazu zwingen, den Gegenfluch auf mich anzuwenden. Ich möchte, dass du ihm dabei hilfst."
„Ein Imperiusfluch? Das hört sich nicht sicher an", behauptet der Erzdämon.
„Vielleicht nicht hundertprozentig sicher", sagt der dunkle Lord. „Aber es besteht immer die Möglichkeit, dass etwas bei der Seelenzersplitterung schiefgeht, da er nicht derjenige sein würde, der es macht, sondern ich. Also wäre der Imperiusfluch eine bessere Option."
„Ich werde alles in meiner Macht stehende tun, um zu sehen, dass alles gut klappt, Vertreter der Dunkelheit", sagt Memphisto.
„Schön", sagt der dunkle Lord und krempelt seine Ärmel hoch. „Leg den Elderstab auf den Tisch, Erebus."
Beinah widerwillig zücke ich den Stab und lege ihn auf den Tisch direkt vor Dumbledore, der mir zunickt, dabei sagen wollend, dass er keinerlei Absicht hat, zu fliehen. Natürlich glaube ich ihm nicht, aber es gibt zwei Schwarzmagier und einen Erzdämon in diesem Raum. Er muss sich darüber im Klaren sein, dass es keinen Ausweg gibt.
„Wenn ich dir 'jetzt' sage, befreie ihn, Erebus", sagt der dunkle Lord.
„Ich verstehe, Meister", sage ich aufstehend.
Der dunkle Lord zückt seinen Stab und Dumbledore schließt die Augen. Der Moment der Wahrheit ist gekommen.
„Imperio", murmelt der dunkle Lord.
Wahrscheinlich benutzt er den Spruch, weil er sicher gehen möchte, dass der Imperiusfluch stark genug ist.
'Jetzt', höre ich seine gedankliche Stimme als sich Dumbledores Augen urplötzlich öffnen.
Ich lasse seine Fesseln mit einer schnellen Handbewegung verschwinden und Memphisto und ich schauen zu, wie Dumbledore aufsteht und den Stab mit einer mechanischen Bewegung in die Hand nimmt. Memphisto verwandelt sich in seine Schattenform und saust auf ihn zu, dabei mit seiner Seele verschmelzend. Dumbledores glasige Augen schauen zu mir. Warum fühle ich mich dabei so unwohl? Warum kann ich den Eindruck nicht loswerden, dass er noch einen Trumpf in der Hand hat?
Als er das nächste Mal den Mund aufmacht und spricht, höre ich die gedankliche Stimme des dunklen Lords und Erleichterung breitet sich in meinem Inneren aus. Er macht es und nicht Dumbledore; und ich vertraue dem dunklen Lord. Eine Klaue erscheint aus dem Nichts und presst hart gegen Dumbledores Brust. Memphisto. Er ist genauso darauf erpicht, dass ich diesen Fluch loswerde, wie ich und der dunkle Lord.
Dumbledore flüstert einen langen Satz auf Latein, der sich wie ein Lied anhört. Und bevor ich die Zeit habe, darüber nachzudenken und zu versuchen, das gerade gesagte zu verstehen, trifft der Zauber mich und ich schnappe nach Luft.
Ich spüre keinen Schmerz und es fühlt sich nicht unangenehm an. Es ist keine dunkle Magie, die wie ein Messer durch alles schneidet und ihren Willen bewirkt. Es ist schon eine lange Zeit her, seit ich Weißmagie gespürt habe und meine eigene Magie scheint überrascht zu sein. Eine Ranke Weißmagie durchdringt meine Seele und macht sich auf die schnelle Suche. Und als ich spüre, dass sie auf etwas stößt, schließe ich die Augen, mich auf Schmerz vorbereitend, auf den großen Schlag, auf solchen Schmerz, den ich einmal gespürt habe, als ich Memphisto einen Teil meiner Seele gegeben habe, den er einfach aus mir herausgerissen hat, sowie man ein Stück Brot mit seinen Fingern abreißt.
Aber der Schmerz kommt nicht. Stattdessen spüre ich wie etwas locker geht und wie ein imaginäres Schloss zu Boden fällt. Das Klirren, das nur ich hören kann, wird von einem Gefühl von Freiheit begleitet, das sich wie eine warme Decke um mich wickelt. Etwas ist verschwunden, aber diesmal ist es eine gute Sache. Meine Zukunft öffnet sich vor mir und scheint sich zu entrollen wie ein grenzenloser, wunderschöner Teppich, der unendliche Möglichkeiten und phantastische Sachen mit sich bringt. Jeder Tag, der auf mich wartet, kommt mir unendlich und voller verschieder Möglichkeiten vor. Das Alte stürzt wie ein altes Haus ein und dahinter sehe ich einen Palast, dessen schwarze und majestätische Türme zum Himmel empor steigen, welche die Symbole der Macht sind, die in diesem Palast lauert und die bisher in einem Käfig eingesperrt worden war. Ich konnte sie manchmal besuchen, aber jetzt kommt sie, in dunkles Licht getaucht und von innen wie ein mächtiges Feuer glühend, durch die hohen Tore heraus. Jetzt kann sie sich der Welt zeigen und gehen, wohin auch immer sie will. Und sie ist meine eigene Macht. Sie war all diese Zeit da und ich hatte keine Ahnung.
Ich keuche auf und gehe in die Knie, sie reibend. Das ist... unglaublich.
Und bevor ich weiß, was ich da tue, beginne ich zu lachen. Ich falle zu Boden und lache weiter, dieses Gefühl von Freiheit genießend; dass alle Wege offen vor mir stehen und dass die Welt unendlich weit ist. Die Welt und all die spannenden Abenteuer, die ich erleben werde, warten nur auf mich.
„Erebus", ruft mir eine Stimme zu. „Geht es dir gut?"
Als ich meine Augen öffne und mich dazu zwinge, mich auf die Realität zu konzentrieren, sehe ich Lord Voldemorts Gesicht vor mir. Seine dunklen Augen schweifen über meinen Körper und ich spüre einen Diagnosezauber, der ausgeführt wird.
„Ja, Meister", antworte ich breit grinsend. „Mir geht es ausgezeichnet."
Die dünnen Lippen strecken sich zu einem schnellen Lächeln und eine Hand wird mir dargeboten.
Ich nehme sie ohne Zögern und werde auf meine Füßen hochgezogen.
Zwei roten Augen wahrnehmend, die mich aus der Ecke genau beobachten, schaue ich in die Augen von Lord Voldemort und mein Grinsen wird noch breiter.
„Es hat geklappt", sage ich aufgeregt.
„Ausgezeichnet", meint der dunkle Lord, der mir die Schulter drückt.
Zusammen drehen wir uns dem Tisch zu, hinter dem Dumbledores regungsloser Körper auf dem Boden liegt. Wir wechseln Blicke.
„Ich denke, er ist in Ohnmacht gefallen", ist der dunkle Lord der Meinung. „Aber er hat seine Aufgabe gut erledigt. Wer hätte es gedacht? Der Alte hat dir eigentlich geholfen."
„Ja", sage ich und komme auf Dumbledore zu.
Der weiße Bart kommt mir wie eine merkwürdige Schlange auf meinem schwarzgrauen Teppich vor und eine faltige Hand scheint etwas unsichtbares zu umklammern. Den Elderstab, der jetzt in der Hand des dunklen Lords ist. Das war sicherlich das erste, was der dunkle Lord getan hat. Er hat ihm den Stab weggenommen. Im Falle eines Falles.
„Was machen wir mit ihm?" frage ich.
„Wir brauchen ihn nicht mehr", sagt der dunkle Lord achselzuckend. „Du kannst ihn ruhig umbringen, wenn du willst."
„Gut", sage ich zufrieden, Dumbledore umdrehend. „Aber bevor ich es tue, möchte ich ihn noch einmal sprechen. Er hat sich als ziemlich kooperativ erwiesen; vielleicht können wir noch etwas aus ihm herausbekommen."
„Wenn du meinst", sagt der dunkle Lord skeptisch.
Er denkt nicht, dass uns Dumbledore noch vom Nutzen sein kann, da er schon seine Aufgabe erledigt hat, und erwartet auch nichts mehr von ihm. Mir ist auch klar, dass er sich ihn nicht weiter anschauen will, aber etwas in mir zwingt mich dazu, ihn zu wecken und mit ihm noch einmal zu sprechen. Das Gespräch, das wir im Kerker geführt haben, hat mich mit der Überzeugung gefüllt, dass Dumbledore doch diesen Fluch bereut hat, wenn auch sonst nichts mehr, und dass er mir vielleicht weiter mit Informationen helfen kann. Ich fühle mich hellwach und voller Energie und als könne ich platzen. Dem dunklen Lord ist nicht zum Reden zumute und ich kann mir gut vorstellen, dass er sich ausruhen will. Er mag der dunkle Lord sein; aber sein Körper verlangt eine Pause und das kann man leicht in seinem Gesicht sehen.
Ich trete gegen den Mann und die lichtblauen Augen öffnen sich langsam. So bald er mich erblickt, lächelt er schwach und stöhnt.
„Hat es geklappt?" fragt er mit heiserer Stimme.
„Ja", sage ich. „Steh auf; ich möchte dich sprechen."
Er stöhnt wieder und setzt sich mühevoll auf. Ich verdrehe die Augen und ziehe ihn ungeduldig auf das Sofa.
„Mein Kopf", murmelt Dumbledore, sich den Kopf reibend. „Dieser Imperiusfluch hat mich fertig gemacht."
Er lächelt in meine Richtung. Ist er froh, dass es geklappt hat? Kann er froh sein? Wieso denn? Er hat gerade dem Feind seines Bruders geholfen und dadurch seinen Tod besiegelt.
„Immerhin war es der dunkle Lord, der den Fluch ausgeführt hat", sage ich, auf einen Sessel plumpsend. „Dumbledore, du weißt, was du gerade getan hast. Warum hast du mir geholfen?"
Die lichtblauen Augen schauen mich traurig an.
„Verstehst du es denn nicht, Erebus?" fragt er. Warum benutzt er meinen Namen? „Ich habe einen ernsten Fehler begangen und ich wollte ihn wieder gutmachen. Das habe ich getan und ich bereue es nicht."
„Du verstehst aber, dass ich vorhabe, deinen Bruder umzubringen?" frage ich weiter.
Ich fasse es einfach nicht.
„Natürlich wünsche ich mir, du würdest es nicht tun. Und ich wünsche mir auch, er würde dich nicht umbringen", sagt er leise. „Aber ich verstehe, warum du es tun musst. Ich kann nicht alle retten, Erebus. So viel ist mir klar geworden. Und vielleicht sollte ich es auch nicht versuchen. Ich habe keinen guten Job bei dir gemacht, oder?"
Gelinde gesagt. Mir wäre es sicherlich besser ergangen, hätte er sich nicht eingemischt.
„Jeder von uns hat seinen eigenen Lebenspfad, dem wir folgen müssen", fährt er fort. „Du hast mir das beigebracht. Und man soll nicht versuchen, jemanden von etwas abzuhalten, was man erleben muss, um eine Lektion zu lernen. Merlin weiß dass ich meine Lektion gelernt habe."
„Auch wenn man dafür stirbt?" hake ich nach.
„Auch dann", erwidert Dumbledore.
„Es hat dir vielleicht gut getan, dass du gestorben bist", stelle ich überrascht fest.
Dumbledore lächelt schwach und zuckt mit den Achseln.
„Wärst du bereit, mir weiter mit Auskunft zu helfen?" frage ich in die Stille. „Wenn nicht, könnte ich dich leicht dazu zwingen."
„Ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie ich dir weiter helfen könnte", sagt Dumbledore.
„Ich möchte etwas über deine Kindheit und deinen Bruder erfahren", sage ich.
Was sagt er? Wie können wir überprüfen, ob er die Wahrheit erzählt?
„Ich verstehe", sagt der alte Weißmagier und seufzt. „Du möchtest deinen Feind besser kennenlernen."
„Genau", sage ich breit grinsend.
„Ja, warum nicht?" sagt er nach einer Pause.
Ich lehne mich zurück und schlage die Beine übereinander. Vielleicht denkt er, dass es unwichtig ist, aber ich muss die Schwächen und die Stärken meines Feindes kennenlernen. Und die Mehrheit davon lässt sich leicht aus der Kindheit von einem schließen.
Ich fühle mich, als träume ich, als ich Dumbledores Geschichte zuhöre und ab und zu etwas aufschreibe, was mir wichtig vorkommt. Und das überraschendste daran ist, dass Dumbledore es offensichtlich Spaß macht, über seine und die Kindheit seines Bruders zu reden.
Nach fünfzehn Minuten jedoch hören wir ein leises Schnarchen und wechseln Blicke. Lord Voldemort ist in seinem Sessel und mit einer halbvollen Kaffeetasse in der Hand eingeschlafen. Dumbledore schaut mit einem seltsamen Ausdruck zu, wie ich ihm die Tasse vorsichtig aus der Hand nehme und eine warme Decke über ihn werfe. Soll er ruhig schlafen – er hat meinetwegen tagelang kein Auge zugemacht und auch wenn ich nur an mich selbst bedacht bin, weiß ich wann man einen Gefallen erwidern soll.
