Die Erkenntnis der Wahrheit

„Hier bist du", Belle berührte Allys Schulter mit einer Hand und die andere drehte sich zu ihr um.

„Meine Mutter hat sich Sorgen gemacht, als du verschwunden bist", führte Belle dann aus und setzte sich neben ihre Freundin auf die kleine Bank im Faradayschen Garten.

„Tut mir Leid. Ich wollte nicht, dass deine Mutter… ich meine, es ist… deine Familie ist so nett… zu nett und ich… meinst du…. meinst du, er ist – er ist – tot, Belle?", Ally hob den Kopf und in ihren Augen stand der Schmerz aus tausenden von Jahren.

Belle schwieg. Schwieg, weil sie es nicht übers Herz brachte, ja zu sagen und ihrer Freundin das letzte Restchen Hoffnung zu nehmen, aber es auch nicht schaffte, ihr so ins Gesicht zu lügen.

„Sechs Monate", murmelte Ally, „sechs Monate ohne auch nur die klitzekleinste Nachricht von ihm. Manchmal denke ich… manchmal denke ich, es wäre einfacher, wenn wir die Wahrheit wüssten… egal, welche Wahrheit. Es ist grässlich, ich weiß, aber diese Ungewissheit, diese vergiftete Wunde, die niemals zuheilen kann, weil die Angst nie weniger wird…" Sie schüttelte den Kopf und kniff dabei die Augen zusammen, als wollte sie die Welt aussperren.

„Aber keine Nachricht ist wenigstens keine schlechte Nachricht", widersprach Belle, „es gibt immer noch Hoffnung, dass dein Bruder noch lebt, irgendwo in einem Kriegsgefangenenlager der Nazis. Ich meine, dass keine Post von ihm kommt, dass muss nichts heißen. Ich glaube nämlich kaum, dass die Nazis sich um diese Kleinigkeiten der Genfer Konventionen scheren. Ich glaube allerdings auch nicht, dass es ihnen völlig egal ist und Walt ist immerhin ein kanadischer Offizier, kein Russe oder so."

„Wie meinst du das?", fragend blickte Ally auf.

Belle zuckte mit den Schultern. „Naja, das ist so ihre verdrehte Idee. Rassenlehre oder so. Juden ganze unten, knapp darüber Slawen und dann die ‚arischen Völker'. Entbehrt jeder Logik, das Ganze, aber dein Bruder ist für sie in der obersten Kategorie einzuordnen. Sie würden ihn nicht einfach so umbringen, verstehst du?"

„Du weißt ganz schön viel darüber", stellte Ally nachdenklich fest, „mein Vater hat dagegen immer darauf geachtet, dass Walt und ich schön davon ferngehalten werden. Nach der Kristallnacht hat er uns erstmal auf die Insel verschifft, damit wir auch ja möglichst wenig mitkriegen."

„Ich habe bis zum Kriegsausbruch mein ganzes Leben in Frankreich gelebt. Allein die geografische Nähe zu Deutschland hat schon gereicht, dass man so einiges von dem mitkriegt, was dort abgelaufen ist. Das war auch einer der Gründe warum wir flüchten mussten, als die Nazis in Frankreich einmarschiert sind", erklärte Belle.

„Meine Großmutter war Jüdin", fügte sie hinzu, als sie merkte, dass Ally nicht ganz verstand, „ich bin damit nach dem Verständnis der Nazis Vierteljüdin und dass es für sie nicht besser als Jüdin zu sein. Dass ist Katholikin bin ist mal überhaupt nicht relevant."

„Du bist katholisch?", erkundigte Ally sich etwas überrascht. Das Thema Religion war bei ihnen vorher nie wirklich zur Sprache gekommen.

Belle nickte, lachte dann. „Auf dem Papier, ja. Du bist Protestantin, oder?"

„Presbyterianerin, ja, auch wenn ich nicht erwarte, dass dir das was sagt", Ally ließ sich von Belles Lachen anstecken und entspannte sich ebenfalls etwas. Natürlich, die Sorge um Walt war da, immer, egal was sie tat und es gelang ihr nur in sehr, sehr wenigen, kurzen Moment, es zu vergessen. Meistens hatte sie sich im Griff, aber Belles Familie zusammen zu sehen hatte sie für einen Moment die Fassung verlieren lassen.

„Manchmal denke ich darüber nach, was mit uns geschehen wäre, wenn wir nicht rechtzeitig aus Frankreich herausgekommen wären", gab Belle nach einigen Augenblicken zu, „wir haben das ja mitgekriegt, wie man den Juden und allen, die von den Nazis als Juden kategorisiert wurden, nach und nach alle Rechte weggenommen hat. Und, man hört Gerüchte, aber… solche Dinge können doch nicht passieren…."

Ally nickte, saß sehr still für einen Moment, bevor sie sprach, ihre Worte mit Bedacht wählend: „James hat mir etwas erzählt, vor ein paar Tagen. Er sagt, die Air Force würde heimliche Aufklärungsflüge über den besetzten Gebieten machen und… man hat Lager entdeckt, draußen in Polen. Konzentrationslager. Nicht die üblichen, in Deutschland, von denen man wusste, in denen die Menschen arbeiten müssen, sondern andere. Lager mit riesigen Krematorien."

Sie verstummte und sah ihre Freundin an, hielt ihren Blick und versuchte mit ihren Augen zu erklären, was sie nicht aussprechen konnte.

Sie hatte Belle nicht alles erzählt, hatte nicht gesagt, dass James diese Aufklärungsflüge geflogen war. Er tat das oft, diese geheimen, gefährlichen Missionen, bei denen er für Tage unauffindbar war, viel öfter als das tägliche Kampfgeschehen, weil er gut war und ja, auch weil er sich freiwillig dazu bereiterklärte, immer und immer wieder.

Er war ziemlich verstört gewesen, als er ihr davon berichtet hatte, von seinen Beobachtungen, hatte sich noch nicht unter Kontrolle gehabt, sonst hätte er es ihr wohl auch nie gesagt, wollte sie immerhin immer schützen, aber er hatte sie gebraucht, dieses Mal.

„Aber… das kann doch nicht sein", murmelte Belle, die Augen ängstlich, schockiert, „niemand kann so grausam sein. Kein Mensch!"

Und dieses Mal war es Ally, die aus Rücksicht die Wahrheit zurückhielt, um ihre Freundin zu schonen.

Denn sie wusste, dass es die Wahrheit sein musste, weil sie sich erinnerte, wie James gezitterte hatte in ihren Armen, unwillkürlich, als er es ihr erzählt hatte, über die Lager, die Baracken, die Züge, die Krematorien und die Menschen, nur kleine Punkte aus hunderten Metern Höhe, als er gesagt hatte, was er gesehen, was er begriffen hatte, weil sie sich erinnerte sich an sein Gesicht im fahlen Mondlicht, an seine Augen.

Aber es war eine Gewissheit, die Belle nicht brauchte, und deshalb zuckte sie nur mit den Schultern. „Vielleicht irren sie sich", stellte sie fest und Belle sah sie an und nickte, dankbar für die Lüge, von der sie wusste, dass es eine war, irgendwo, tief in ihr drin, wie man es immer weiß, wenn man angelogen wird, ohne es zu realisieren, weil man die Wahrheit nicht hören will.

Und dann erschien plötzlich Bea an der Hintertür des kleinen Hauses, Bea, Belles kleine Schwester und rief sie zum Kuchenessen und der kleine Luke schob sich an ihren Beinen vorbei und lief zu seiner Mutter und Belle hob ihn hoch und lachte und dann gingen sie hinein, wo Camille Faraday saß mit ihren Söhnen, mit Edgar und Charles, Charles mit den immer präsenten Krücken, und sie waren freundlich.

Sie waren freundlich, in einer Welt, die für Freundlichkeit nicht viel übrig hatte, die ihnen keine Freundlichkeit gezeigt hatte und deshalb setzte Ally sich und nahm von dem Kuchen, klein und trocken dank Rationierungen, aber immerhin Kuchen und sie vergaß, verdrängte vielleicht, weil es sich so einfacher leben ließ.


„Hallo. Wartest du schon lange?", fragte Ally und berührte kurz seine Schulter, um auf sich aufmerksam zu machen.

Will drehte sich um und lächelte.

„Nein, gar nicht, ein paar Minuten nur", erklärte er dann und deutete auf den Stuhl gegenüber von seinem.

Ally setzte sich und legte ihre Tasche auf dem Tisch ab.

„Ich habe von Lizzies Baby gehört. Madeleine, richtig?", sagte sie, um irgendwie das Eis zu brechen.

Will nickte. „Ja, Maddie. Verrückt, dass meine kleine Schwester Mutter ist. Mutter und Ruby sind beide außer sich, nur dass es bei Mutter Freude ist und bei Ruby… nun, du kennst Ruby."

Ally lachte und dann waren beide still, aber es war eine angenehme Stille, noch.

„Wie geht es dir?", fragte sie dann.

„Gut, gut", versicherte Will, „bin ja schon seit November offiziell wieder hergestellt. Die Verletzung ist verheilt, nur die Narben sieht man noch. Verbrennungsnarben. Man hat mir gesagt, dass die auch nicht mehr weggehen. Aber der Arm ist noch dran und lässt sich einwandfrei bewegen."

Wie zum Beweiß ließ er Arm und Schulter rotieren, an denen er sich im August die Verbrennungen durch eine Handgranate zugezogen hatte, nur Sekunden, bevor er gefallen war und Walt aus den Augen verloren hatte. Er hatte ihn seitdem nicht wiedergesehen.

„Gibt es was Neues?", fragte er und musste nicht erklären, wen er meinte.

Ally seufzte und schüttelte den Kopf.

„Es ist nicht deine Schuld", stellte sie nach einigen Sekunden der Stille fest, weil sie wusste, dass er sich Vorwürfe machte, so gut kannte sie ihn, immerhin.

Will sah auf, sah sie an und sagte nichts, weil er ihr nicht glaubte und weil sie beide wussten, dass es nicht an ihr war, seine Schuldgefühle zu dämpfen. Sie hatte diese Rolle vor langer Zeit abgelehnt.

„Worüber wolltest du mit mir reden?", fragte er dann, um das Thema zu wechseln.

„Cece", kam die Erwiderung und dann erstmal nichts mehr. Wieder Schweigen. Dann holte Ally einmal tief Luft, stärkte sich selber und erklärte ihm ihren Teil.

„Ich wollte dich um einen Gefallen bitten. Ich weiß nicht, ob die das bewusst ist, aber seit du ihren diesen Antrag gemacht hast… naja, sie ignoriert mich nicht, dafür ist sie zu gut erzogen, aber…", sie zuckte etwas hilflos mit den Schultern.

Will runzelte die Stirn. „Aber warum?", wunderte er sich.

„Weil sie weiß, dass du eigentlich mal mich fragen wolltest. Sie hat Angst, zweite Wahl zu sein und noch mehr Angst, dass ich plötzlich irgendwelche bisher tief in mir versteckten Gefühle für dich entdecken könnte und du sie dann sitzen lässt", erklärte Ally ihm ziemlich unverblümt und als er zusammenzuckte, tat er ihr fast Leid.

„Sie hat Angst, dass du immer noch lieber mich heiraten würdest als sie", fügte sie dann hinzu und beobachtete ihn scharf.

Er schwieg und gab mit seinem Schweigen die vielleicht klarste Antwort, die er hätte geben können.

„Hör mal, Will", sie beugte sich über den Tisch näher zu um und legte eine Hand auf seine, „ich weiß nicht, ob du Cece liebst und es ist auch nicht an mir, dich das zu fragen. Ich wollte dich nur darum bitten, dass du ihr nicht mehr wehtust als du musst. Sie für ihren Teil liebt dich sehr, aber wenn du nicht vorhast, diese Hochzeit durchzuziehen, dann musst du diese Sache beenden und das eher früher als später."

Nachdem sie geendet hatte sah Will sie mit zusammengekniffenen Augen an, schweigend, forschend, bis Ally irgendwann irritiert den Stuhl zurückschob und aufstand.

„Wer ist es?", fragte er plötzlich und sie, schon im Gehen begriffen, verharrte und sah ihn an.

„Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst", erwiderte sie und ihre Ungeduld war deutlich in ihrer Stimme.

„Der Kerl, den du liebst", erklärte er grob und lehnte sich zurück, „du hättest dieses Gespräch nicht so lässig mit mir führen können, wenn es keinen geben würde. Also, wer ist es?"

„Du warst immer schon sehr aufmerksam, Will", gab sie nur zurück und lächelte höflich, aber etwas distanziert, „wie dem auch sei, denk darüber nach, was ich gesagt habe. Ich für meinen Teil liebe Cece nämlich wirklich und würde sie ungern verletzt sehen", sie sah ihn an und ihr Blick wurde weicher, „und pass auch auf dich auf, denn du bist einer meiner besten Freunde und ich würde dich ebenfalls ungern verletzt sehen, Will."