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„Gisborne!" Er hatte ihn dicht vor sich entdeckt. Wenn er ihn erwischte, würde er ihn töten, soviel stand für Robin fest. Wie hatte er auch nur für eine Sekunde denken können, Gisborne wäre nicht das Monster für das er ihn immer gehalten hatte. Sein Zorn trieb ihn an und so holte er, wenn auch nur langsam, aber dennoch stetig auf. Wenn er das Tempo halten konnte würde er ihn kriegen. Bitterkeit erfüllte sein Herz, er würde den Schergen des Sheriffs töten. Egal was Marian gesagt hatte. Sie war geblendet von ihren Gefühlen. Kein Wunder, Gisborne liebte sie wirklich. Robin biss die Zähne fest aufeinander, bis es wehtat und zwang sich, sich ganz auf die Jagd zu konzentrieren. Heftig schlug er Äste und Zweige fort. Er war ein gottverdammter Narr und einfach zu gutgläubig. Nicht eine Sekunde hätte er diesem Mistkerl trauen dürfen.

Keuchend ging er in die Knie. Lange würde er nicht mehr laufen können. Schwer stützte er sich auf sein Schwert und zwang sich wieder aufzustehen. Er würde nicht aufgeben. Niemals! Wenn Robin ihn jetzt aufhielt, dann war alles verloren. Hastig stolperte er vorwärts. Er musste sie finden! Es konnte nicht mehr weit sein. Bis zum Schloss war es nur mehr ein kurzer Marsch. Wenn die Bäume hier nicht so hoch wären, könnte er bereits die Türme und die hohe Mauer sehen. Von nun an lief er nicht nur Gefahr den Sarazenen in die Arme zu laufen, sondern auch seinen eigenen Leuten, die ihn für den Mörder von Prinz John hielten. Anspannung machte sich in ihm breit. Unbewusst umklammerte er sein Schwert fester. Seine Atmung ging heftig und ihm brannten die Lungen. Schweiß rann ihm in die Augen und so sah er nicht wohin ihn seine Füße trugen. Er stolperte über eine dicke Wurzel, stürzte und rollte eine kleine Anhöhe hinab. Benommen schüttelte er den Kopf und blickte suchend um sich, nur um kurz darauf direkt auf die Spitze eines Schwertes zu sehen.

Ohne es zu merken, hatte sie den Atem angehalten. Er war hier! Er war ihretwegen gekommen. „Guy!", drang es flehend über ihre Lippen. Sie zerrte an ihren Fesseln und versuchte ihn zu erreichen, doch die Knoten waren zu fest und gaben nicht nach. „Was führt Euch in unser Lager?" Azads Schwert war nur einen Wimpernschlag von seiner Hauptschlagader entfernt. Eine leichte Bewegung von ihm und er würde dem Hals des Mannes vor seinen Füßen einen sauberen, aber auch tödlichen Schnitt verabreichen. „Meine Frau … nehmt mich an ihrer statt!" Guy ließ das nun für ihn wertlose Schwert einfach fallen. Er hatte den Kopf weit zurück in den Nacken gelegt und wartete.

Robin hatte an der Stelle, an der Gisborne abgestürzt war, angehalten und lauschte nun atemlos Gisbornes Worten. Dieser wollte nicht fliehen, um an die Seite des Sheriffs zurückzukehren, sondern er wollte nur Marian befreien und er ging sogar soweit, dass er sich für sie opferte. Robin stützte sich auf sein Schwert und starrte ungläubig in die Tiefe. Das hatte er nicht erwartet. Entschlossen packte er sein Schwert und wollte sich gerade nach unten stürzen, als ihn kalter Stahl im Nacken aufhielt. Langsam hob er die Hände und ließ dabei sein Schwert fallen. „Geht hinab!" Fremdländisch klang die Stimme hinter ihm und so wusste er, dass es sich um einen weiteren Sarazenen handelte. Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen und begann so mit dem Abstieg.

Man hatte sie zu dritt an den Baum gefesselt. Marian saß in ihrer Mitte. Die Sarazenen hatten sich nahe am Feuer niedergelassen und starrten sie wortlos an. „Ihr hättet das Lager nicht verlassen dürfen! Ich hatte es Euch verboten!" Guy knirschte förmlich mit den Zähnen als er diese Worte ausstieß. Tief holte Marian neben ihm Luft. Das durfte jetzt nicht wahr sein. Sie saßen hier alle gefangen zusammen und das einzige das Guy dazu zu sagen hatte, war, ihr Vorwürfe wegen ihrem Ungehorsam zu machen. „Hattet Ihr tatsächlich geglaubt, nur weil Ihr denkt es mir verbieten zu können, lasse ich meinen Vater im Stich?", zischte sie zornig. In ihr kochte die Wut hoch. „Es ist nicht Eure Aufgabe sich darum zu kümmern!" Unbewusst wurde er lauter. Er war beinahe krank vor Sorge um sie geworden und hilflos an einem Baum gebunden, musste er zusehen, wie sie davonritt und nicht wiederkam. „Ach und wessen dann? Eure? Vielleicht muss ich Euch daran erinnern, dass Ihr zu diesem Zeitpunkt nicht in der Lage dazu ward, dieser Aufgabe nachzukommen!" Erbost richteten Guys Augen sich auf Robin. Es war Hoods Schuld gewesen. „Ihr genießt es, Salz in meine Wunden zu reiben!" Seine Augen blieben wieder auf Marian hängen. „Wenn Ihr Euch so dumm und unvernünftig benehmt, dann …" „Dann was? Aus Euch wird niemals eine gute Ehefrau werden!" „Ach, und wie wollt Ihr den Unterschied kennen? Ward Ihr schon einmal verheiratet?" Marian fühlte sich verletzt. Sie war so glücklich und zugleich so besorgt gewesen, als sie ihn so plötzlich gesehen hatte. Sie war kurz davor gewesen ihm zu sagen, was sie für ihn fühlte, da sie dachte, sie beide würden hier nicht lebend rauskommen, aber jetzt … Er machte sie so wütend. „Es ist doch wohl klar, das ich als Mann und Euch um Jahre voraus, eindeutig mehr Erfahrung in allen Dingen des Lebens habe und darum sage ich Euch …" „Könnt Ihr mal eine Pause machen?" Robin hatte genug von dem Gezanke der Beiden. Als er ihrem Wortgefecht lauschte, wurde ihm einmal mehr klar, dass Marian mehr zu Gisborne passte als zu ihm. Sie schienen für einander geschaffen zu sein. „Haltet Euch da raus!" „Halte dich da raus!", kam es gleichzeitig von Guy und Marian.

Nasrin hatte die Arme vor ihrer Brust verschränkt und brütete düster vor sich hin. Ungeduldig klopfte sie mit ihrem Fuß auf dem Boden. Irgendwo dort draußen wartete ihr Vater auf sie und sie saß hier fest mit diesen ungläubigen Barbaren! Innerlich rümpfte sie die Nase. Wie konnte dieser Robin Hood sie nur mit ihnen alleine lassen? Moment mal, sie musste nicht bleiben. Sie war eine Kriegerin. List und Tücke waren ihr nicht fremd. Es musste ihr doch gelingen diese Männer überlisten zu können. Verstohlen musterte sie sie aus dem Augenwinkel. Sie hatte sich entschieden und wusste nun wer ihr Opfer werden sollte. Laut seufzte sie und automatisch richteten sich alle Blicke auf sie. „Ich …", stotterte sie gespielt demütig und wie sie gehofft hatte sprang Alan auf ihr zaghaftes Wort an. „Was wolltet Ihr sagen?" Auffordernd sah er ihr in die Augen. „Es ist mir sehr unangenehm, aber ich …" Unruhig kaute sie auf ihrer Lippe. Alan runzelte die Stirn. Was wollte sie sagen? Er verstand nicht ganz. Doch plötzlich kam die Erkenntnis. „Ihr müsst …?" Seine Wangen färbten sich in dunkelstes Rot. Beinahe hätte er etwas Unverzeihliches laut gesagt. Beschämt richtete Nasrin den Blick demütig zu Boden. John gab Alan einen festen Schlag auf den Kopf. „Du bist und bleibst ein Dummkopf!", schimpfte er ihn grob. „Und nun geleite die Dame an einen geschützten Ort!", befahl er ihm. Schweigend schritt er neben ihr her durch die Bäume. Erst als sie außer Hörweite waren, wagte er es wieder seinen Mund zu öffnen. „Verzeiht mir!", bat er leise und wandte sich ihr zu. „Aber nur, wenn auch Ihr mir vergebt!", verlangte sie und schlug ihn mit einem harten Stück Holz nieder. Kurz blitzte Verblüffung in seinen Augen auf, dann ging er bewusstlos zu Boden. Hastig warf sie den Stock fort und eilte zwischen den Bäumen hindurch davon. Wo nur konnte ihr Vater sein Lager aufgeschlagen haben?

Ein paar mal war er kurz davor laut nach Robin zu rufen, aber Angst hielt ihn zurück. Angst, Robin damit gefährden zu können, oder vielleicht sogar Marian. Angst, dass die falschen Männer aufmerksam auf ihn wurden. Der Sheriff, die Sarazenen und Gisborne, sie alle trieben sich irgendwo im Wald herum und er hatte bestimmt keine Lust auch nur einen von ihnen zu begegnen. Stoisch behielt er die Richtung bei, die sowohl Gisborne als auch Robin genommen hatten. Einige abgerissene und durchschnittene Äste zeigten ihm als stumme Zeugen, dass er auf dem richtigen Weg war. Schließlich erreichte er die Anhöhe auf der Robin zuvor gestanden hatte und die Gisborne hinab gefallen war. Nun war es an Much ungläubig zu blicken. Gisborne, Marian und Robin saßen Seite an Seite, festgebunden mit einem dicken Seil. Drei Sarazenen saßen dicht bei einem Feuer und hielten Wache. Sie alle waren bis auf die Zähne bewaffnet. Er würde es niemals mit ihnen aufnehmen können. Unentschlossen stand er da. Er hatte keine Ahnung was er tun sollte. Wenn er ging, um Hilfe zu holen, konnte es bereits zu spät sein bis er wiederkäme. Blieb er – was würde er gegen diese Übermacht schon ausrichten können? Es war bereits heller Tag. Unmöglich sich unbemerkt anzuschleichen, um die Fesseln die Robin hielten zu lösen. So leise wie möglich zog er sich zurück, um ihn Ruhe nachzudenken.

Eingeschnappt presste Robin seine Lippen aufeinander. Sollten sich doch die Beiden bis in alle Ewigkeiten streiten, wenn ihnen danach zumute war. Er würde sich nie mehr die Mühe machen und zu schlichten versuchen, wenn dies sowenig gewürdigt wurde. Heftig ging Marians Atmung und sanft waren ihre Wangen gerötet. Guy fiel es schwer sie nicht anzusehen. Seine Wut war verbraucht, da sie sich einzig aus der Sorge um sie genährt hatte. „Ich … vergebt mir, ich war von Sinnen vor Sorge um Euch!" Marian hätte ihn zu gerne in die Arme genommen. „Es gibt nichts, was Euch leid tun müsste, Ihr hattet nicht Unrecht mit Euren Worten. Dass wir alle in Gefahr schweben, ist alleine meine Schuld! Mein Vater …" „Sagt nichts! Der Sheriff hat keine Zeit vergeudet, nachdem er unser Verschwinden bemerkt hat!" Stumm schüttelte Marian ihren Kopf. Tränen standen in ihren Augen. „Ich verspreche Euch, alles was in meiner Macht steht zu tun, um ihn zu befreien!", sagte er eindringlich zu ihr. „Ihr würdet gegen den Sheriff handeln, um einen Mann der Euch nichts bedeutet aus dessen Händen zu befreien?" Robins Frage ließ keinen Zweifel übrig für wie absurd er Gisbornes Worte hielt. Das war nicht der Mann den er kannte. Der Gisborne, den das Pech er gehabt hatte kennenzulernen als er aus dem Heiligen Land zurückgekommen war, war ein grausamer Mörder gewesen. Was hatte ihn verändert? Konnte wahre Liebe wirklich so stark sein, um einen Menschen so zu ändern? „Sollen wir wirklich glauben, dass Ihr Euch gegen Euren Herrn erhebt?" Tief holte Guy ein paar Mal Luft und sann dabei über Hoods Worte nach. „Er ist nicht länger mein Herr. Ich schulde ihm nichts mehr. Durch seinen Verrat hat er sein Wort an mich gebrochen." Unglaube sprach aus Robins Blick, doch je länger er in die ernste Miene Gisbornes sah, umso mehr wankte er. Es sah aus als wäre es Gisborne tatsächlich ernst.

Nasrin blickte sich immer wieder achtsam um, aber niemand war ihr gefolgt. Noch hatten sie ihre Flucht nicht entdeckt. Man hatte ihr kein Leid zugefügt, sie musste ihren Vater erreichen und ihm das mitteilen. Es war genug. In ihrem Land war genug Blut für zwei Leben geflossen. Dieses Leid sollte hier nicht fortgesetzt werden. Das war der falsche Weg. Nasrin trug immer noch ihre Waffen. Niemand hatte sich die Mühe gemacht sie ihr abzunehmen. Entweder nahmen sie diese Männer nicht ernst oder sie sahen sie nicht wirklich als Gefangene, aber das war unwichtig. Wichtig war ihren Vater zu finden, bevor dieser etwas Dummes tat, oder vielleicht bereits getan hatte. Angespannt wischte sie sich über die Stirn. Vielleicht hatte dieser Robin es geschafft und war ihrem Vater in die Hände gefallen, wer konnte schon sagen wie so eine Begegnung ausging? Was wenn ihr Vater, erstickt in seinem eigenen Blut, tot auf der kalten Erde lag, fern der Heimat? Fest biss sie sich auf ihre Lippe um ihre Gefühle unter Kontrolle zu bringen. Ihrem Vater ging es bestimmt gut. Sie machte sich einfach zu viele Gedanken. Plötzlich begann sie zu laufen und ehe sie es merkte rannte sie so schnell sie ihre Füße trugen. Sie hielt erst an als sie schlimmes Seitenstechen bekam und ihre Lungen sich anfühlten als würden sie gleich platzen. Schwer atmend lehnte sie sich an einen Baum und schöpfte nach Luft. Nasrin schloss die Augen um besser nachdenken zu können. Dieser Wald war einfach zu groß um hier eine Handvoll Männer zu finden. Es bräuchte ein Wunder, um ihren Vater zu finden.

„Wie kommt Ihr hierher?" Erschrocken riss Nasrin die Augen auf und blickte in die von Much. „Ich … bin Euch gefolgt!", improvisierte sie und hatte Glück. Die Zweifel und das Misstrauen, das zuvor in Much Augen gelegen hatten waren verschwunden. Er glaubte ihr. Einfach so. Welch glücklicher Umstand. Die Sarazenin konnte ihm vielleicht helfen, Robin und Marian zu befreien und das Ganze ohne Blut vergießen zu müssen. „Gut!", rief er leise aus. „Ich könnte Eure Hilfe gebrauchen!" Verschwörerisch trat er dichter an sie heran. Misstrauisch beäugte sie ihn. Was hatte er vor? „Robin ist in den Händen Eurer Leute. Ihr könntet ihm helfen und ihn befreien!", schlug er ihr vor und sah ihr dabei bittend in die Augen. Sie kannten sich kaum und er wusste so gut wie nichts über sie, außer dass sie im Grunde Feinde waren. Vermutlich würde sie ihn gleich auslachen und als einen Narren beschimpfen. Sie war also direkt vor das Lager ihres Vaters gestolpert. „Was erwartet Ihr von mir?", fragte sie Much vorsichtig. Sie würde nichts tun, was ihrem Vater oder einem der Männer mit denen er unterwegs war schaden könnte. „Vielleicht, wenn er Euch sieht und merkt, dass es Euch gut geht. Vielleicht könntet Ihr ihn dann dazu überreden Robin und Marian freizulassen!", forderte er leise und wartete.

Verbissen schwieg er. Er hatte bereits genug verraten. Es war für ihn einfach wichtig, dass Marian ihm glaubte, dass sie nicht aufhörte ihm zu vertrauen. Mittlerweilen war das alles was ihm geblieben war. Der Sheriff hatte ihm den Boden unter den Füßen fortgerissen. Nur diese Männer hier konnten seine Unschuld beweisen, aber er rechnete nicht damit, dass sie ihm helfen würden. Warum auch? Sie würden sich damit nur selbst schaden. Immerhin waren sie es die Prinz John getötet hatten. Aber irgendwie schrumpfte das alles zur Bedeutungslosigkeit zusammen, solange Marian bei ihm war. Sie hatte noch kein Wort gesagt, außer das sie ihn beschimpft hatte. Waren ihr seine Worte egal? War ihr Denken so von Robin Hood eingenommen, das für ihn kein Platz blieb?

„Was heißt das - Sie ist fort?" Little John betrachtete Alan scharf. Auf dessen Stirn hatte sich eine dicke Beule gebildet. „Hast du dich von einem Mädchen niederschlagen lassen?" Hinter Little John brach vereinzelt Gelächter aus. „Die Frau trug Waffen. Mahnte dich dieser Umstand nicht zur Vorsicht?" Alan presste die Lippen aufeinander und schwieg beleidigt. „Brecht das Lager ab! Wir werden uns auf die Suche nach Robin und dem Mädchen machen!", bestimmte Little John und sah noch einmal kopfschüttelnd in Alans Richtung, ehe er davon stapfte.

„Ich werde mit meinem Va… meinen Leuten reden, aber ich denke nicht, dass ich viel für Eure Leute tun kann!", sagte Nasrin fest und schritt los. Sie ging in die Richtung aus der Much gekommen war. Nicht lange und sie stieß auf ihren Vater, seine Freunde und drei Gefangene. Nasrin zog bei Robins Anblick eine Augenbraue in die Höhe, sagte aber kein Wort zu ihm. Stattdessen trat sie vor ihren Vater und senkte vor ihm demütig ihr Haupt. Schweigend betrachtete Azad seine Tochter, dann schloss er sie fest in seine Arme. „Hayatim – mein Leben!", flüsterte er in ihr Haar. Es ging ihr gut und er hatte sie wieder. „Was hat dich nur dazu gebracht die Heimat zu verlassen? Warum tust du mir und deiner Mutter das nur an?" Tränen traten in Nasrins Augen. „Muti Assif – Es tut mir leid!"