Es war beinahe Mittag, als Hagrid zurückkam. Ginny saß neben dem schlafenden Professor auf dem Bettrand und hielt seine Hand, während sie mit der anderen langsam und vorsichtig über seinen Rücken fuhr.
„Hab euch Suppe mitgebracht. Wie geht´s ihm?" erkundigte sich der Halbriese mit gedämpfter Stimme, während er sich eine Tasse Tee einschenkte und den Deckel von einer Schüssel Kürbissuppe nahm. Er füllte eine Portion in einen seiner großen Becher und hielt ihn ihr auffordernd hin.
Das rothaarige Mädchen sah auf. „Naja, er ist ziemlich fertig", gab sie leise zurück. „Ruhiger Schlaf ist was anderes. Das Jahr mit den Carrows hier an der Schule… ich glaube, das Ganze verfolgt ihn immer noch mehr, als er bisher zugegeben hat. Die Erinnerung daran macht ihm Angst, denk ich. Daran haben wir natürlich nicht gedacht. War vielleicht keine so gute Idee, dass er so bald wieder hierher zurückgekommen ist. Es ist alles noch zu frisch."
Seufzend ließ sie eine Hand auf Snapes Schulterblatt ruhen, während sie kurz seine Hand losließ, um ihre Suppe zu trinken. Kaum hatte sie den Becher zurückgegeben, ergriff sie sie allerdings wieder und strich sanft mit dem Daumen über den Handrücken des schlafenden Mannes.
Hagrid nickte nachdenklich. Er war zwar im vergangenen Jahr so wenig wie möglich ins Schloss hinaufgegangen, eigentlich nur zu den Lehrerkonferenzen, aber dennoch war ihm nicht entgangen, dass der neu berufene Schulleiter unter erheblichem Druck gestanden hatte.
„Hat´s nich leicht gehabt", betonte er und sah zu, wie die kleine Ginny Weasley – halt, sie war schon lange nicht mehr klein, langsam wurde sie zu einer jungen Frau – sich darauf konzentrierte, den Tränkemeister zu beruhigen. Hagrid konnte ein schwaches goldenes Schimmern um ihre Finger herum wahrnehmen, eine Art winziger magischer Aura. Monica Lupin schien ihr beigebracht zu haben, mit ihren Händen zu arbeiten. Nicht schlecht!
Er nahm einen großen Schluck von seinem Tee und fuhr fort: „Stand die ganze Zeit zwischen den Stühlen, der Professor, nich wahr? Wusst ja keiner vom Personal, dass er auf unsrer Seite war. Gab ´nen recht kühlen Empfang, als er zurückkam. Und dann noch diese zwei Carrows. Hatten Spaß dran, Kinder zu quälen, denk ich. Gut, dass Sev´rus gleich von Anfang an klargemacht hat, dass sämtliche Bestrafungen über ihn laufen müssen. So konnt er wohl einiges ´n bisschen abschwächen."
Ginny nickte. „Als er uns mit dir in den Verbotenen Wald geschickt hat, zum Beispiel", sagte sie beschämt.
„War ´n schlauer Einfall", entgegnete Hagrid anerkennend. „Die Carrows dachten ja, ich sei höllisch gefährlich, und der Wald erst recht. Hat schon was im Köpfchen, unser Professor, was? Und hat ihm nich mal ´ne Strafe von seinem Boss beschert, das."
Erschrockene braune Augen starrten ihn an. „Er wurde bestraft, wenn einer von uns was angestellt hat? Von Voldemort?"
„Denk schon", meinte der Halbriese ernst. „Hab ihn öfter mal abends gesehn, wie er zum Tor raus is und disappariert. Und nachts oder am frühen Morgen kam er dann zurück. Sah immer ziemlich mitgenommen aus, wie durch ´n Wolf gedreht. War ganz zittrig und alles. Hat sich aber nie was anmerken lassen inner Schule oben. Zäher kleiner Bursche, der Sev´rus, isser immer gewesen. ´n Kämpfer. Schon als Erstklässler."
„Du hast es gewusst?" fragte die junge Gryffindor erstaunt. „Du hast gewusst, dass er gegen Voldemort gearbeitet hat?"
Hagrid zog sich einen Stuhl ans Bett heran und musterte den jüngeren Mann mit Besorgnis. Er schlief wirklich nicht ruhig. Er schien schlecht zu träumen, und seine Finger klammerten sich viel zu fest um die Hand des Mädchens.
„Nee, ich hab´s nich gewusst", gestand er, „hab´s nur geahnt. Hab ihn ´n paarmal im Wald gesehn, abends. Meistens nachdem Schüler irgendwelchen Unsinn angestellt ham. Anfang vom Jahr ging´s ja noch, da war er eigentlich bloß stinksauer. Hat seinen Frust an ´n paar Büschen ausgelassen und so. Na gut, bloß is ´n blödes Wort", fügte er grinsend hinzu. „Wenn Sev´rus echt wütend is, dann kriegt man´s schon ziemlich mit der Angst. ´ne Menge Magie um ihn rum, kannste fast mit ´n Händen greifen. Wie ´ne Gewitterwolke irgendwie… und ´s knistert in der Luft, das kannste nich nur hören, sondern auch spüren. Stellt einem echt die Haare auf, sowas. Kannst dich bloß ducken und hoffen, dass er die Beherrschung nich komplett verliert. Könnt mir denken, dass das echt übel wär… is aber selten, normalerweise hat sich der Junge echt gut im Griff. Is schon beinah unheimlich. Und bestimmt nich grad gesund, könnt ich mir denken."
Bedächtig schenkte er sich Tee nach. Er erinnerte sich sehr deutlich an einige Anfälle von Wut und einer Art hilfloser Frustration, die er aus sicherer Entfernung hatte beobachten können. Die magische Aura, die den jungen Schulleiter umgeben hatte, war wirklich beängstigend gewesen, und er hatte es nicht gewagt sich ihm zu nähern.
„Wurd mit der Zeit aber schlimmer mit ihm", fuhr er fort, während Ginny wie gebannt an seinen Lippen hing. „Paarmal saß er stundenlang einfach da, an ´nen Baum gelehnt, mit dem gleichen Gesicht wie heut Morgen. Wie ´ne Statue. Da hatt ich echt Angst um ihn. Sah gar nich gut aus, so als hätt er tagelang nich geschlafen. Keine Spur mehr von dem harten Schulleiter, hat mich eher an den Erstklässler erinnert, der sich vor seinen Hauskameraden in meiner Hütte versteckt hat. Und zwei oder drei Mal dacht ich, er hätt geheult. Glaub ich zumindest. Und das war schlimmer als alles andere."
„Oh Merlin, Severus", hörte er das Mädchen flüstern. Snape bewegte sich unruhig im Schlaf, und die Kleine strich ihm beschwichtigend übers Haar. Hat sie von ihrer Mum geerbt, dachte Hagrid, die gleiche fürsorgliche Art.
Er seufzte und nahm einen großen Schluck von seinem Tee. „Hat mir ehrlich leid getan, der Junge", bemerkte er traurig. „Hätt ihm gern geholfen, konnt ich ja aber nich. Durft seine Tarnung nich auffliegen lassen. Hätt uns beide in Gefahr gebracht, und die Kinder noch dazu. Und dann musst ich in die Berge verschwinden, sonst wär ich wohl in Askaban gelandet."
„Also hat wirklich niemand die Wahrheit gekannt?" wisperte Ginny unglücklich. „Nicht mal Professor McGonagall?"
„Nee", bestätigte Hagrid dumpf, „wusst keiner. Der arme Junge is ganz allein dagestanden. Konnt ja mit keinem reden, nich mal mit mir. Denk allerdings, er hatte ´nen Verdacht, dass ich´s wusste. War nich ganz so kalt zu mir wie zu ´n andern Lehrern. Aber nich so, dass es aufgefallen wär. Gut, ich bin ja auch nich so oft im Schloss wie der Rest, nich wahr? Wenn wir uns draußen übern Weg gelaufen sind, hat er mich manchmal gegrüßt. Aber bloß, wenn sonst keiner inner Nähe war. War wohl auch besser so."
„Ziemlich sicher, ja." Das rothaarige Mädchen nickte und wandte sich mit gerunzelter Stirn wieder dem Mann im Bett zu, die Hand gegen seine Stirn gepresst. „Hagrid, ich glaub, er hat Fieber."
Vorsichtig beugte sich der Halbriese ein wenig vor und legte seinerseits prüfend die Hand auf Snapes Stirn. Sie war heiß. Viel zu heiß. „Jepp. Stimmt. War zu lang inner Kälte draußen, nehm ich an. Und is noch nich lang her, dasser flachgelegen hat mit der Grippe, oder? Kann man nur hoffen, dasser sich nich gleich wieder was eingefangen hat… Irgendwas in deiner Tasche, was ihm helfen könnt?"
Ginny nickte und ging hinüber zum Tisch, wo sie in ihrer Tasche kramte und schließlich mit einer kleinen Flasche zurückkam. „Fiebertrank. Hast du Saft im Haus? Das Zeug schmeckt unverdünnt einfach nur zum Kotzen. Und ich behaupte jetzt mal, er ist schon dünn genug."
Da hatte sie allerdings Recht. Der Junge hatte eine leichte Ähnlichkeit mit den Thestralen im Verbotenen Wald. Hagrid stand schmunzelnd auf, holte ein Glas und eine Flasche Kürbissaft und sah dem Mädchen dann interessiert bei der Arbeit zu. Sie verrührte zwei Esslöffel des Tranks mit dem Saft und krabbelte kurzerhand zu Snape aufs Bett. Während Hagrid ihn etwas aufrichtete, setzte sie sich hinter den Tränkemeister und hielt ihn mit einem Arm fest an sich gedrückt.
Ungewöhnliche Methode, dachte Hagrid amüsiert, aber effektiv. Die Kleine is nich ungeschickt. Poppy hat Recht, sie wird ´ne gute Heilerin werden. Is mit ´m Herzen dabei und hat was im Köpfchen. Wie Molly. Genau wie Molly.
Ginny bekam den Professor einigermaßen wach, lenkte seine schwindende Aufmerksamkeit immer wieder auf sich und wartete geduldig, bis er das Glas geleert hatte. In leisem, ruhigem Ton sprach sie mit ihm, während sie ihn danach außerdem zu einem Becher Suppe nötigte, und er lehnte sich mit der Andeutung eines Lächelns bei ihr an, bevor er nach und nach wieder einzudösen begann.
„Gut gemacht, Mädel", brummte Hagrid anerkennend, „das hätt er sich nich von jedem gefallen lassen, nehm ich an. Um Poppy macht er jedenfalls immer ´nen großen Bogen, wenn´s irgendwie geht. Da isser irgendwie komisch. Naja, die zwei hatten so ihre Differenzen, weißte."
„Oh, ich weiß nicht so recht, Hagrid", gab die junge Frau zurück und bettete ihren Patienten fürsorglich wieder in die Kissen. „Im Moment ist er dermaßen benebelt, dass er vermutlich nicht mal genau weiß, wo er ist und was mit ihm passiert. Er ist völlig erschöpft, unterkühlt, und er wird krank. Ich schätze mal, er hätte gerade einfach nicht die Energie, sich gegen irgendwas zu wehren." Und mit einem winzigen Grinsen fügte sie hinzu: „Schade eigentlich. Es macht nämlich echt Spaß, mit ihm zu streiten. Er ist ´ne echte Herausforderung, weißt du."
Hagrid gluckste nur und schüttelte den Kopf.
