25. Das Verschwindekabinett

Mittlerweile war es nicht mehr nur schwer die Fassade aufrecht zu erhalten, es war nahezu unmöglich geworden.

Dumbledore wusste etwas, unternahm aber nichts, zweifellos, weil er immer und überall an das Gute und Gerechte im Menschen glauben musste.

Snape wusste etwas, blieb aber im Augenblick erst einmal machtlos, wenn er sich nicht selbst verraten wollte. Außerdem wollte er vielleicht, dass Suzette weiter machte, Draco hilft und er gar nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden müsste. Aber diesen Gedanken verwarf Suzette wieder. Snape war nicht der Typ der sich auf Leistungen anderer ausruhte.

Die Schüler wussten etwas. Es gab Gerüchte und sie war gesehen worden, wie sie mit Draco aus dem Raum der Wünsche gekommen war.

Vermutlich wussten auch schon die Todesser Bescheid, dass sie noch lebte.

Jetzt ging es langsam in die heiße Phase. Bald würde es ernst werden. Bald würde gekämpft werden.

Suzette konnte nicht schlafen, so trieben sie die Gedanken und Emotionen.

In diesen Situationen hatte ihr immer das Synästhesium geholfen, doch das hatte jetzt Draco und er brauchte es mit Sicherheit dringender als sie, das sah Suzette ein.

Doch sie erinnerte sich an etwas, das dieses Gerät ihr gesagte hatte, oder sie sagen ließ, den Text zu einem neuen Lied:

She was a January girl.

Zweifellos, denn sie hatte ja im Januar Geburtstag.

She never let on how insane it was, in that tiny kind of scary house, by the woods...

Das kleine schäbige Haus der Gaunts, der Familie ihres Vaters schoss ihr in den Kopf. Ja, es war beängstigend. Sie hatte jedes Mal ein flaues Gefühl im Magen gehabt, wenn sie es betreten musste.

Mit der Familie ihres Vaters hatte sie sich noch nicht so intensiv beschäftigt, wie mit der ihrer Mutter, die eine Muggel gewesen war und in Südfragreich gelebte hatte.

Ihr Vater war ein Squib gewesen, hatte die reinblütige Familie der Gaunts verlassen und war nach Frankreich geflüchtet, wo er Suzettes Mutter, eine Künstlerin kennen gelernt hatte.

Mit dem schäbigen Holzhaus, das mittlerweile verlassen und verfallen war, konnte Suzette sich nicht identifizieren. Sie kannte keinen, der in diesem Haus gelebt hatte und wollte auch niemanden kennen lernen, denn es war das Haus, aus dem Lord Voldemort selbst stammte.

Black-dove... Black-dove...

Was das nun wieder bedeuten sollte, wusste Suzette nicht. Mit einer schwarzen Taube hatte sie nie etwas zu schaffen gehabt. Ihr Patronus war eine weiße Möwe und ihr Begleiter der Rabe Pip.

So sehr sie sich auch Gedanken machte, sie wollte wieder einen Sinn dahinter entdecken noch einschlafen.

You're not a helicopter, you're not a cop-out either, honey.
Black-dove... Black-dove...
You don't need a space ship. They don't know you've already lived...
On the other side of the galaxy.

Das wiederum stimmte. Suzette brauchte viele Dinge nicht, die andere Menschen und auch Zauberer brauchten. Sie konnte apparieren seit sie fünf Jahre alt war. Es war eine natürliche Ader, die sie für die Magie besaß und die in der modernen Welt einzigartig geworden war.

Auf der anderen Seite der Galaxie? Dafür hingegen braucht Suzette etwas Phantasie, doch sie besaß Selbstkenntnis genug um zu wissen, dass sie nie eine angesehene Hexe war. Sie war verstoßen worden, lebte unter Muggeln, als eine die nicht dazu gehörte und unter den Magiern als eben solche. Sie passte einfach nirgendwo hinein, wie ihr Vater, der als Squib ebenfalls ein Leben zwischen den Stühlen hatte führen müssen.

Ihre Mutter hingegen war ein Freak, ein Hippie, vollkommen fern der Realität.

Schlechte Voraussetzungen für ein Mädchen, das schließlich ziemlich allein gelassen die Welt entdecken musste. Zwar hatte sie eine liebevolle Pflegefamilie gehabt, doch richtig gepasst hatte sie nie irgendwohin.

She had a January world. So many storms not right somehow.

Die Welt im Januar, dachte Suzette und schaute aus dem Fenster. Es war Ende Januar und draußen tobte seit Tagen ein mächtiger Sturm, der nicht aufhören wollte.

Er hatte begonnen, als sie die Austauschschüler nach Hogwarts gebracht hatten, als wehrte sich das Schloss dagegen Muggel zu beherbergen.

All das schien Suzette ein schlechtes, ein sehr schlechtes Vorzeichen zu sein, denn auch die Blutblumen blühten nach wie vor an den Mauern des Schlosses empor.

How a lion becomes a mouse...
Zweifellos eine Anspielung, einen Streich, den ihr Gehirn und ihre Erinnerung ihr wieder gespielt hatte, dachte Suzette.

Stevie Blade, ein Gryffindor war seinerzeit Partner von Suzette in einem von Snape geleiteten Duellierclub.

Suzette kannte sich mit ihren besonderen Kräften, eine Magie, die sich um das hundertfache potenzierte, wenn sie einen Zauberstab und eine Formel benutzte, noch nicht aus und verfluchte den Jungen so stark, dass er bis heute mit einer Art Lähmung im St. Mungo lag.

And I'll give away my black, black dress... black, black dress.
Auch das verstand Suzette sofort. Der schwarze Umhang, den sie als Todesserin getragen hatte. Sie hatte ihn abgelegt, sie hatte dem Dunklen Lord widerrufen und sie hatte sich dadurch in größte Gefahr begeben. Das Dunkle Mal auf ihrem linken Arm jedoch war sich nicht los geworden.

The snakes- they are my kin, are my kin.
Sie stammte aus der Familie der Nachfahren von Salazar Slytherin selbst, der einer der berühmtesten Parselzungen der Geschichte gewesen war. Ihre ganze Familie väterlicherseits hatte dies Gabe inne, nur Suzette hatte sie an sich noch nicht festgestellt. Trotzdem, war sie ins Haus Slytherin gekommen. Schlangen, dachte Suzette, Schlangen sind meine Familie. Vielleicht war es wirklich so!

Der Morgen graute und Suzette hatte die Nacht gut herumgebracht. Sie war nie besonders gut darin gewesen, ihre eigenen Lieder zu deuten. Das hatte Dumbledore immer für sie übernommen, doch dieser Texte fiel ihr leicht. Er schien ihr völlig einleuchtend zu sein, bis auf die stelle mir der schwarzen Taube, die sie sich nicht erklären konnte.

Hier ging es offensichtlich um die väterliche Seite ihrer Familie, die sie nie sonderlich interessiert hatte.

Aber auch die gehört zu mir, gab Suzette zu. Es nutzt nichts sie zu leugnen. Es nutzt nichts zu leugnen, was ich bin und war ich war! Sie starrte auf ihren linken Unterarm.

Das Dunkle Mal war noch immer zu sehen, doch Voldemort rief sie nicht mehr damit. Er hatte sie abgeschrieben, hielt sie womöglich immer noch für tot.

Draco ging es schlecht in dieser Nacht im Krankenflügel. Auch er konnte nicht schlafen, denn es ließ ihn nicht los, dass Goyle so misstrauisch geworden war und das ganze Schloss ein Auge auf ihn gerichtet hatte. Ach was, die ganze Gemeinschaft der Todesser beobachtete ihn!

Zwar hatte Mme Pomfrey es geschafft, ihn wieder vollkommen narbenfrei zusammenzuflicken, doch fast wäre es ihm lieber gewesen, er wäre ehrenhaft im Kampf gestorben.

Jetzt, hier in diesem Krankenbett, verlor er nur noch mehr seiner kostbaren Zeit.

Er musste noch zwei Tage im Krankenflügel bleiben und explodierte fast vor angestauter, zurückgestellte Pflicht, als er zurück in sein Haus geschickt wurde.

In den folgenden Tagen und Wochen schlich er sich täglich in den Raum der Wünsche, um an dem Verschwindekabinett zu arbeiten.

Tatsächlich musste er feststellen, dass er Fortschritte machte. Bald konnte er sich mit Mr. Borgin in der Nocturngasse unterhalten und nach nur ein paar Wochen konnte er kleine Gegenstände hindurchwerfen. Er selbst traute sich allerdings noch nicht hindurchzusteigen.

Dennoch war er spät dran und das Frühjahr schritt voran. Zwar stürmte es immer noch unnatürlich stark um das Schloss und das Dorf herum, doch die magischen Pflanzen in den Gewächshäusern von Professor Sprout erwachten langsam aus ihrer Winterstarre und die geschlossene Schneedecke begann unter dem ständigen Regen zu schmelzen.

Er schrieb Suzette eine Nachricht, in der er sie bat, ihn noch einmal im Raum der Wünsche zu treffen um dem Kabinett den letzten Schliff zu verpassen. Wieder sagte Draco Crabbe und Goyle nicht Bescheid, dass er an diesem Nachmittag noch im Raum der Wünsche zu arbeiten gedachte.

Suzette schrieb eine Nachricht zurück, dass er das Synästhesium mitbringen sollte. Sie wollte es sich noch einmal ausleihen um über die Sache mit der schwarzen Taube nachzudenken.

Zu vereinbartem Zeitpunkt also trafen sich die beiden im Korridor vor dem Raum der Wünsche und traten gemeinsam ein.

Draco sagte: „Wir müssen heute fertig werden. Ich werde noch heute Nacht Nachrichten an die Todesser schreiben und die Sache durchziehen.".

„Heute Nacht?", schrie Suzette überrascht.

„Ja.", sagte Malfoy und bekam wieder Oberwasser, als er merkte, dass Suzette langsam unruhig wurde. Damit hatte sie nicht gerechnet, dass es so schnell gehen würde!

Tatsächlich hatte Suzette die Sache in den letzten Wochen wieder schleifen und alles auf sich zu kommen lassen, ohne sich vorzubereiten oder auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, dass der Tag bald kommen müsste, da Dumbledore ermordet würde.

Suzette probierte das Verschwindekabinett aus, indem sie ein altes zerzaustes Zaubertrankbuch aus dem Regal nahm und hineinwarf. Das würde niemand vermissen.

Es verschwand und Suzette nickte zufrieden: „Sehr gut, Draco! Wie ist dein Plan?".

„Hör zu, Suzette. Wenn wir später hier hinaustreten, sind wir wieder Feinde. Ich weiß aus sicherer Quelle, dass Dumbledore heute Nacht nicht im Schloss sein wird und während dieser Zeit, kann ich weitgehend und ungestört die Todesser einlassen und warten, bis er wiederkommt.".

„Wieso willst du Todesser nach Hogwarts lassen?", fragte Suzette.

„Mein Auftrag, Suzette, geht dich nichts an!", Malfoy rümpfte wiederum die Nase.

„Dein Auftrag ist es Dumbledore zu töten!", zischte Suzette scharf, „Was sollen die Todesser hier?".

„Ich sagte dir doch...", fing Draco an.

„Hör zu! Ich habe die geholfen das Dinge da zu reparieren, ohne zu fragen, was du damit willst! Ich dachte, du wolltest dir was von Borgin und Burkes besorgen. Aber Todesser in die Schule zu lassen... Wen willst du noch umbringen lassen? Willst du hier wirklich einen Kampf provozieren?".

„Ich werde fliehen müssen! Ich werde vielleicht Hilfe benötigen und ich werde ihnen beweisen müssen, dass...", erklärte Draco und starrte plötzlich auf den Boden, „Er will, dass sie dabei sind! Außerdem muss ich ein wenig Chaos ausstreuen, um die Schüler und Lehrer abzulenken!".

„Schon gut, schon gut!", gab Suzette zu, „Ich seh's ein!".

„Hör zu, Suzette, du hast mir geholfen und ich würde dir raten, dass du heute Nacht vielleicht nicht im Schloss sein solltest. Nur um mich zu revanchieren. Ich glaube, dann sollten wir quitt sein.", Draco starrte weiterhin auf den Fußboden.

„Nein, nein ich glaube, ich bleibe!", meinte Suzette und schloss damit das Thema ab, denn Malfoy lag im Grunde nichts daran, dass Suzette sich rettete, er wollte nur fair zu ihr sein. Er wollte nur sein Gewissen nicht noch stärker belasten, in dem er eine Vertraute ins Messer laufen ließ. Sie konnte jetzt selbst entscheiden, was sie tun wollte und er trug keine Verantwortung.

„Na dann los, an die Arbeit!", rief Suzette gespielt freudig aus.

Sie hockten sich vor der Verschwindekabinett und murmelten verschiedene Zauberformel, die zum Schutz der Reisenden und gegen Verstopfungen wirken sollten. Sie legten einen Zauberschild gegen Zersplintern über den magischen Durchgang und nach ein paar Stunden schien das Kabinett vollkommen sicher und benutzbar.

Sie atmeten tief aus, bevor sie in einen lauten, unvorsichtigen Jubel ausbrachen.

Mr. Borgin auf der anderen Seite des Kabinetts rief zu ihnen hinauf, er würde den Todessern Bescheid sagen und auch er klang unglaublich erleichtert dabei.

„Das Synästhesium? Hast du es mir mitgebracht?", fragte Suzette schließlich.

„Oh... ähm... ja!", sagte Draco und zog die Kugel aus einer Tasche unter seinem Umhang.

„Irgendetwas neues damit?", fragte Suzette und zwinkerte.

„Hör bloß auf mit dem Ding!", rief Draco und bedachte es mit einem abschätzigen Blick.

„Komm schon! Einmal noch! Zur Feier des Tages!", stachelte Suzette und grinste.

Draco zögerte und verzog sein Gesicht. Offensichtlich fühlte er sich immer noch nicht so wohl, wie er sich fühlen sollte und das fiel auch Suzette auf.