„So und nun zu dir", forderte Vigilius nach dem Schlachtenbericht seinen Sohn zum Erzählen auf.
Silvius schaute verwundert. „Zu mir? Was ist denn mit mir?"
„Na, was hast du in der Zeit alles erlebt?"
„Ach, wir haben nicht wirklich gekämpft", winkte sein Sohn ab. „Nur eine Schiffsbesatzung gerettet, am Strand etwas aufgeräumt und dann habe ich geholfen die Verletzten zu pflegen. – Ich muss dir dann unbedingt jemanden vorstellen. Jemanden sehr Interessantes." Silvius Augen leuchteten vor Freude, als er das sagte.
Die Augen des Vaters hingegen wurden gross und er sah seinen Jungen amüsiert an.
„Ah ja? Sag jetzt nicht, du hast wen kennen gelernt, Silvius."
„Doch habe ich, sagte ich doch eben", erwiderte sein Junge arglos und guckte noch verwirrter, als sein Vater seufzte. „Einmal musste es ja auch bei dir passieren, bist ja inzwischen alt genug dafür."
„Wie? Was musste passieren? Von was spricht du?"
Vigilius sah seinen überraschten Sohn wissend an. „Na, wie heisst denn die Glückliche? Du kannst es mir ruhig sagen, ich werde gewiss nicht schimpfen."
„Was heisst hier Sie? Es ist ein Er", entfuhr es Silvius, worauf Vigilius sämtliche Gesichtszüge entgleisten. „Ein Er?" Jetzt war der Vater platt und schloss die Augen. „Ein Mann, oh Silvius!"
Dieser schnaufte empört und murrte: „Kannst du mir endlich mal sagen, wo das Problem ist?"
In diesem Augenblick unterbrach ein heiteres Lachen die Zwei. „Ihr seid einfach köstlich, wie ihr aneinander vorbeiredet." Marschall Aurus hatte den Raum betreten und setzte sich nun neben Silvius an das Bett des Herzogs. „Also, noch mal von vorne. Es geht nicht um Freundin oder Freund, Vigilius", begann der Marschall zu erklären.
„Ah nicht?", rief der Herzog erleichtert. Silvius hingegen guckte einen Moment verdutzt, dann brach er in schallendes Gelächter aus. „Meine Güte Dad, du bist wirklich zu komisch."
Vigilius zog einen Schmollmund und nun lachten auch die anderen Patienten, die ihnen zugehörten hatten.
„Würde mich dann bitte mal einer von euch aufklären", murrte der Vater und erntete weitere amüsierte Blicke.
„Also da war das Schiff, das kaputte", begann Silvius.
„Eine holländische Brigg mit belgischer Besatzung", warf Aurus ein.
Silvius stockt kurz und fuhr dann fort: „Die Matrosen wollten mit Rettungsbooten an Land, denn das Schiff lief mit Wasser voll. Aus dem zertrümmerten Bug war auch schon die halbe Ladung ins Meer gefallen."
Ergänzend fügte Aurus hinzu: „Das meiste waren Stoffe und Porzellan aber auch einige Kisten mit Blumenzwiebeln hatte es dabei."
Vigilius hatte interessiert zwischen den beiden hin und her geguckt.
Sein Heerführer musste langsam aufpassen, Silvius liess sich das sicher nicht mehr lange bieten.
„Na ja die Verletzten", versuchte der junge Herzogssohn seine Geschichte fortzuführen.
„Es waren vorwiegend Männer, die wir ...", weiter kam der Marschall nicht mehr.
Denn Silvius warf ihm einen wütenden Seitenblick zu und fauchte: „Erzähle jetzt ich oder erzählen sie? Wenn sie berichten wollen, dann gehe ich jetzt nämlich Holz suchen und helfe Bäume fällen."
Aurus hob beschwichtigend die Hände. „Nein, tut mir leid, ich wollte nicht unhöflich scheinen. Bin wohl übermüdet und werde ich mich jetzt besser zurückziehen."
Als hätte sie es gehört, stand wenig später Ilena MacLachlan neben dem Marschall.
„Kommen sie, ich werde ihnen ein Zimmer zeigen, wo sie ruhen können. Sie haben so viel für uns getan. Dann ist es nur recht, wenn ..." Die beiden Erwachsenen verschwanden zur Türe hinaus und Silvius wandte sich wieder seinem Vater zu.
„Warum musst du Bäume fällen?", nahm Vigilius den Faden wieder auf.
„Ich möchte das Van der Laan mir beibringt, wie man mit einem Schiff fährt", erwiderte sein Junge in einer Kurzfassung, welche die Hälfte der Informationen übersprang.
„Ach so? Und das kann er nur mit einem Baum?", fragte der Herzog dementsprechend verwirrt.
Silvius murrte ungeduldig: „Dad, heute begreifst du wirklich gar nichts. Ich will doch auch Kanalboot fahren können!"
„Da hast du Recht Junge. Du hüpfst mir zu schnell von einem zu anderen. Ich komme nicht mehr hinterher", gestand der Vater und bat Silvius ihm doch erst mal zu sagen, wer dieser Van der Laan war.
„Also Van der Laan, Alain heisst er übrigens, der ist verletzt und aber er hat ... „ plapperte der Sohn drauf los.
„Langsam bitte und der Reihe nach."
„Einer der verletzten Matrosen von dem havarierten Schiff, der heisst Alain Van der Laan und den habe ich gepflegt", folgte Silvius der Bitte. „Wir hatten einige interessante Gespräche und er hat mir von sich zu Hause aus Belgien erzählt. Stell dir vor, die fahren mit Booten über Kanäle zum Einkaufen."
„Aha", machte Vigilius nur. Er sah es schon kommen, das er nun zu Hause auch Kanäle ziehen musste, damit Silvius Kanalfahrten üben konnte. Doch sein Sohn hatte etwas ganz anderes im Sinn.
„Das Holz der gefällten Bäume, die brauche ich um sein Schiff zu reparieren und dann kann er mir zeigen, wie man damit über das Meer fährt."
„Eh Moment", warf der Vater ein. „Du wollstet eben doch nur Kanalboot fahren."
„Ach, das kann ich dann immer noch, wenn ich drüben bin", wischte sein Sohn den Einwand beiseite. „Alain will mir seine Heimat, die Stadt Brügge zeigen und die liegt in Belgien."
Jetzt musste der Herzog leer schlucken, sein Kind wurde flügge und es zog Silvius gleich so weit weg.
„Dad ist etwas nicht in Ordnung? Geht's dir wieder schlechter?", fragte der Junge, als sein Vater eine Weile nur schweigend vor sich hinstarrte.
„Hm? Nein geht schon, muss wohl noch etwas ausruhen, dann wird es schon wieder", murmelte Vigilius und Silvius zog sich daraufhin zurück, um von den Zinnen aus die Ankunft der Seeleute zu erwarten.
Vigilius wälzte sich unruhig auf seinem Lager herum und studierte ständig über die Auswanderungspläne seines Sohnes nach. Sein Junge würde ihn verlassen, hatte er ihm zu wenig geboten? Barg Schottland zu wenig interessante Dinge, dass es Silvius fortzog.
Mitten in seinen trüben Gedanken wurde er von einer weiblichen Stimme angesprochen. „Wollen sie mir erzählen, was ihnen so Sorgen macht?"
Als der Herzog aufblickte, sass Ilena, die Frau seines Freundes, an seinem Bett.
„Ach, etwas Familiäres ist es das mich bedrückt", antwortete er ausweichend.
Die Frau nickte, blieb aber sitzen. „Sprechen sie ruhig, ich werde ihnen zuhören."
So begann Vigilius zögerlich über die Zukunftspläne von Silvius und auch seinem Betrübnis als Vater, verlassen zu werden, zu erzählen. Auch über Möglichkeiten, Silvius mit interessanten Tätigkeiten oder kleinen Reisen in Schottland ihn der Nähe des Elternhauses zu halten, auch darüber sprach der Herzog.
Ilena hörte schweigend zu und lächelte dann. „Ich verstehe ihre Angst Silvius an die Fremde zu verlieren wohl und respektiere auch ihr Bedürfnis ihren Jungen doch noch ein klein wenig länger im Nest behalten zu dürfen. Aber meinen sie nicht, dass Silvius das mit den Angeboten und den Reisen hier im Land schnell mal durchschaut. Ich meine ihr Junge ist klug und wird spüren, das sie ihn mit Ausreden an sich binden wollen und wie er dann reagiert, ist nicht wirklich vorauszusagen."
Die Burgherrin machte eine Pause um das Gesagte wirken zu lassen. Danach gab sie dem Vater einen Tipp. „Lassen sie los und zwar jetzt. Dann wird ihr Kind auch gerne wieder zu ihnen zurückkehren, um ihnen von seinen Abenteuern draussen in der Welt zu erzählen. Wenn sie aber versuchen ihren Jungen festzuhalten, dann wird er trotzdem gehen und nur ungern nach Hause kommen, um sie zu besuchen – Vigilius, je stärker sie Silvius versuchen zu halten, um so sicherer werden sie ihn verlieren."
Vigilius seufzte traurig und Ilena legte ihm mitfühlend die Hand auf die Schulter. „Denken sie darüber nach."
