[A/N:] Eine weitere Begleitgeräusch-Empfehlung, diesmal "November" von Faun.
Flucht nach vorne
Dennoch, es vergehen Tage, bis Krabat das nächste Mal dem Meister unter die Augen tritt. Tage, in denen Krabat immer wieder den Traum vom Fallen träumt. Nie schlägt er auf, doch was es mit den Roten Flocken auf sich hat, findet er in der vierten Nacht heraus. Da träumt er den Traum rückwärts, wacht davon aus, dass ihm eine Gewehrkugel den Hals zerfetzt. Und jetzt ist ihm auch klar, was er da träumt. Obwohl es früh am Morgen ist, springt er von der Pritsche und begibt sich, so schnell er kann, zum Meister.
Er findet die Tür zur Meisterstube verschlossen vor, doch als er klopft, hört er von drinnen Schritte. Der Müller öffnet ihm. Sein Gesicht ist aschfahl, sein Haar zerwühlt, sein Blick unstet. Das Auge gerötet, tiefe Schatten liegen darunter. Es sieht ganz danach aus, als hätte er in den vergangenen Nächten ein ums andere Mal versucht, seinen Schmerz im Wein zu ersäufen. Er lässt Krabat ohne ein Wort zu sagen eintreten, geht selbst schwerfällig zum Bett zurück, setzt sich hinein. Für einige Augenblicke bleibt Krabat in der Tür stehen, überblickt den Raum und die wüste Unordnung darinnen, dann schließt er die Tür leise und geht zum Fenster hinüber, um es zu öffnen.
Die kalte Nachtluft strömt herein, vertreibt die stickige Schwüle und den Alkoholgeruch. Krabat fröstelt leicht, er trägt nur sein Hemd und Unterhosen. Trotzdem bleibt er am Fenster stehen, wartet, bis seine Finger und seine Nase prickeln. Dann schließt er es wieder und dreht sich zum Bett um. Der Meister lehnt am Kopfbrett, halb sitzend, halb liegend, und starrt an die Zimmerdecke.
Zögernd tritt Krabat näher. Er setzt sich auf die Bettkante, wie er es schon so oft getan hat. Blickt auf seine Hände hinunter. Er spürt den Blick des Meisters auf sich ruhen. Dieser Blick beißt ihn im Nacken.
"Warum bist du hier?", fragt der Müller kalt, mit einer Stimme, die so spröde klingt, so verbraucht und alt, dass Krabat sie fast nicht erkennt.
"Weil ich geträumt habe", sagt er fast flüsternd, "weil ich von Jirko geträumt habe."
Jetzt sieht er auf, blickt den Müller an und sieht sein Gesicht versteinern.
"Was?", fragt der barsch.
"Ich träumte, wie er fiel.", antwortet Krabat. Und nach kurzem Schweigen ergänzt er: "Wie ich fiel an seiner Statt. Und wie mir die Kugel den Hals zerriss."
Er hört den Müller schwer schlucken, das Rascheln der Decke verrät ihm, dass sich dessen Hände zu Fäusten geballt um den Stoff spannen.
"Geh! Lass mich allein!", zischt der Meister. Als Krabat sich nicht von der Stelle rührt, erhebt er die Stimme: "Raus hier! Verschwinde!" Der Versuch, zornig und drohend zu klingen, misslingt ihm gründlich. Stattdessen ist deutlich zu hören, wie viel Angst da mit Wut zu verbergen versucht wird.
Noch immer bewegt sich Krabat nicht. Da schnellt der Meister nach vorne. Packt Krabat mit brutaler Kraft an den Schultern und will ihn vom Bett stoßen. Doch Krabat fasst nur die Handgelenke seines Meisters und hält sie in eisernem Griff. Zwingt ihn zur Ruhe. Ruhig sieht er den Müller an. Er fühlt, wie die Spannung im Körper des anderen nachlässt.
"Nein.", sagt er fest. "Nein, ich gehe nicht. Ich werde dich nicht noch einmal davonlaufen lassen."
Zorn glimmt im Auge des Meisters, er reisst sich aus Krabats Griff los. "Du hast nicht über mich zu bestimmen, Bursche." Damit wendet er sich ab, die Arme vor der Brust verschränkt, um mit wütendem Blick aus dem Fenster zu starren.
Krabat wartet. Sie wissen beide, dass es diesmal kein Auskommen gibt. Er hat den Müller an die Wand gedrängt, es bleibt ihm nur die Flucht nach vorne. Es ist eine Frage der Zeit, bis der Meister nachgeben wird. So lange wird er warten.
Draußen dämmert langsam der Morgen herauf, das Zwielicht löst die Nacht ab. Um die Mühle lagern die Morgennebel wie verirrte Gespenster. Der Mond, eine schmale, blasse Sichel nur noch, hängt tief über den Baumwipfeln. Schon bald wird er vom zunehmend heller werdenden Blau des Himmels verschluckt.
Krabat wendet die Augen wieder dem Meister zu. Der sieht ihn nachdenklich an. Er scheint sich beruhigt zu haben, der Zorn ist aus seinem Blick verschwunden.
"Warum?", fragt er schließlich leise.
"Ich habe dir die Antwort bereits gegeben", erwidert Krabat. Und dann setzt er hinzu, während ein warmes Lächeln um seine Lippen spielt: "Deinetwegen, Müller."
Der Müller sieht wieder weg, zum Fenster hinaus, aber er kann nicht verbergen, wie sich Tränen in seinem Auge sammeln. Behutsam legt Krabat ihm die Hand auf die verschränkten Unterarme.
"Was du geträumt hast, Krabat", sagt der Müller, ohne ihm den Blick zuzuwenden, "das plagt meinen Schlaf schon seit Jahrzehnten. Kaum eine Nacht, in der ich ruhig schlafen konnte. Ausgenommen die Nächte, die du an meinem Krankenlager verbracht hast." Er sieht Krabat an. Bitterkeit zeichnet seine Züge, lässt seine Stimme beben als er weiterspricht. "Man sollte meinen, dass man sich nach so vielen Jahren daran gewöhnt..."
"Man kann sich an diese Dinge nicht gewöhnen. Nicht einmal in tausend Jahren. Man kann sie aber zulassen, sie annehmen und von ihnen lernen. Dann schmerzen sie weniger."
"Wie?"
"Ich weiß es nicht", sagt Krabat ehrlich. "Vielleicht, indem man sie teilt." Er ist im Begriff, seine Hand zurückzuziehen, doch sein Meister ergreift sie, hält sie fest mit beiden Händen.
"Ja, vielleicht", die Stimme des Müllers bricht endgültig, als eine einzelne Träne seine Wange hinunterkriecht. Krabat sagt nichts darauf, rückt nur ein Stück näher, um seinen Arm um die Schultern des älteren Mannes zu legen und ihn an sich zu ziehen. Der Meister wehrt sich nicht dagegen, lehnt sich in die Umarmung, lässt endlich die Nähe zu, die er sich jahrzehntelang verweigert hat.
tbc
