Wow. Nach sage und schreibe 13 Jahren kommt hier nun endlich das letzte Kapitel dieser Story. Es ist geschafft. Und ich muss sagen, ich bin erleichtert! Hätte nicht mehr geglaubt, dass ich das noch erlebe... An dieser Stelle allen, die sich durch diese Story gekämpft haben, allen, die so liebe Reviews hinterlassen haben und mich immer wieder motiviert haben, ein neues Kapitel in Angriff zu nehmen - selbst nach jahrelanger Pause - ein ganz, ganz herzliches Dankeschön! Ihr. Wart. Der. Wahnsinn!
So, und hier nun last but not least:
..::..AFTERMATH..::..
„Er sitzt jetzt schon seit Stunden da draußen!" Die Sorge war aus Talas Stimme deutlich herauszuhören. „Vielleicht sollte jemand von uns mit ihm reden."
„Er sagte, er braucht Zeit für sich, Tal." Beruhigend legte Bryan eine Hand auf die Schulter des Rothaarigen. „Lass sie ihm. Er wird schon wieder."
Bryan hoffte inständig, dass das die Wahrheit war. Gut, rein äußerlich ging es Kai um Längen besser. Nachdem Spencer festgestellt hatte, dass Kai tatsächlich lebte - er musste noch dreimal dessen Puls fühlen, bevor Tyson es endlich glaubte - waren er und Tala an seiner Seite geblieben, während die anderen sich auf die Suche nach Boris und seinen Leuten machten. Tatsächlich aber fanden sie keine Spur von ihnen. Die Gewehre der Söldner lagen noch am Boden und als Bryan eines davon aufheben wollte, hatte er sich beinahe die Finger verbrannt, so heiß war es. Aber von den Männern und Boris selbst fehlte jede Spur.
Dranzer hatte sie schließlich aus dem Labyrinth wieder nach draußen geführt, wo sie im Schutz der kleinen Höhle gewartet hatten, bis Luca bei dem miesen Empfang da draußen endlich Mr. Dickenson erreicht hatte. Der hatte ihnen schließlich einen Helikopter geschickt, welcher sie zurück nach Moskau und ins Hotel gebracht hatte. Kai war während dem vierstündigen Flug endlich zu sich gekommen, aber nur kurz. Die Wunde, die das Messer hinterlassen hatte, war bereits verheilt, als Suzaku in ihn „hineingefahren" war - zurückgeblieben war nur eine Brandnarbe in Form des majestätischen Phönix, welche seinen gesamten Bauch vom Hosensaum bis hoch zum unteren Rippenbogen bedeckte. Doch er war immer noch sehr schwach gewesen und schon nach wenigen Minuten, in denen er ziemlich durcheinander schien, wirre Worte vor sich hin murmelte und immer wieder nach Boris' Verbleib fragte, war er wieder eingeschlafen.
Im Hotel angekommen hatten sie ihn schließlich auf Mr. Dickensons Drängen hin von einem Arzt gründlich durchchecken lassen. Luca war ziemlich nervös gewesen, hatte er doch befürchtet, dass der Mediziner irgendwelche Anzeichen für Suzakus Präsenz finden könnte oder - noch viel schlimmer - Suzaku ihn als Bedrohung wahrnehmen und ebenso angreifen könnte, wie er das wohl mit Boris getan hatte. Doch nichts war passiert. Der Arzt hatte nach 15 Minuten verkündet, er könne keine Anzeichen für körperliche Schäden finden. Kai sei wohl einfach nur übermüdet und etwas unterkühlt. Eine warme Decke, etwas Heißes zu Essen wenn er aufwacht und viel trinken, das war seine Empfehlung. Daraufhin hatten sie alle erleichtert aufgeatmet und gewartet.
Bis zum nächsten Morgen hatte es gedauert, ehe Kai aufgewacht war. Inzwischen war das alles vier Tage her. Kai ging es soweit gut - jedenfalls rein physisch betrachtet. Er kam langsam wieder zu Kräften, er schlief nicht mehr den ganzen Tag und konnte sich aus eigener Kraft auf den Beinen halten. Er schien keine Schmerzen mehr irgendwelcher Art zu haben und tatsächlich konnte man zusehen, wie er von Tag zu Tag kräftiger wurde.
Doch Tala machte sich trotzdem Sorgen. Kai war ungewöhnlich still - noch stiller als sonst. Er sprach kaum mit jemandem ein Wort. Tala ertappte ihn immer wieder dabei, wie er starren Blickes in die Ferne sah ohne wirklich etwas wahrzunehmen. Außerdem aß er kaum etwas. Gut, Kai war noch nie ein guter Esser gewesen, aber er rührte wirklich so gut wie gar nichts an. Wenn er morgens zu seiner Tasse Kaffee einen halben Apfel aß, betrachtete Tala das inzwischen schon als Fortschritt.
Luca hatte ihnen gesagt, Kai würde wohl eine Weile brauchen, sich mit Suzaku und der neuen Situation vertraut zu machen, zu „arrangieren" - was immer das bedeutete. Er selbst war Gott weiß wohin verschwunden, um mit den Resten der Bruderschaft die „veränderte Lage" zu besprechen - was immer das bedeutete! Und Kai kapselte sich in der Zwischenzeit von allem und jedem ab! Na toll!
„Also mir reicht's jetzt!", brauste Tala schließlich auf und stürmte nach draußen, wo Kai schon seit geschlagenen vier Stunden auf der Balkonbrüstung der Hotelsuite saß, ein Bein über die Kante baumelnd, das andere an die Brust gezogen, mit dem Rücken an die Seitenwand gelehnt. Er starrte auf den Sonnenuntergang hinter den Dächern Moskaus hinaus und schien mit den Gedanken in einer anderen Welt.
Langsam schob Tala die große Glastür zum Balkon auf, um Kai nicht zu erschrecken. Ebenso vorsichtig schob er sie hinter sich wieder zu. Ohne ein Wort zu sagen lehnte er sich mit verschränkten Armen auf die Brüstung neben Kai und wartete. Er kannte Kai gut genug um zu wissen, dass man Geduld haben musste, wenn man an ihn rankommen wollte. Doch er musste nicht lange warten.
„Du machst dir Sorgen um mich." Eine Feststellung, keine Frage.
Tala nickte nur.
„Das musst du nicht." Erst jetzt löste Kai den Blick von dem gleißenden Farbenspiel aus rot und orange am Horizont, um ihn anzusehen. Als ihre Blicke sich begegneten hätte die Intensität seiner blutroten Augen Tala fast umgehauen.
„Mir geht's gut, Tal. Es ist nur… eigenartig, schätze ich."
„Was meinst Du?" Eigenartig? Was war eigenartig?
„Da ist diese seltsame Macht irgendwo in meinem Innern. Sie ist fremd und gehört eigentlich nicht mir und trotzdem ist sie ein Teil von mir. Ich weiß nur nicht, ob ich sie kontrollieren kann… Das klingt völlig verrückt, oder?"
Tala musste grinsen. „Naja, ein bisschen schon, ja…"
Zu seinem Erstaunen grinste Kai zurück. Dann legte er den Kopf in den Nacken und ließ den Blick mit einem tiefen Seufzer gen Himmel wandern. „Ich weiß auch nicht… wie gesagt - eigenartig eben…"
Er senkte den Kopf wieder und sah Tala direkt in die Augen.
„Ich weiß nur eines: Wenn ich diese Kraft nicht kontrollieren kann, wird sie eine Gefahr sein für jeden, der mir etwas bedeutet. Ich hab lange darüber nachgedacht, und es gibt nur eine Lösung."
„Mir wird nicht gefallen, was du gleich sagen wirst, oder?" Tala hatte so das Gefühl, dass Kai sich erneut von ihm verabschiedete, wie schon so viele Male zuvor.
Wieder ein kurzes Lachen. „Nein. Nein, wahrscheinlich nicht." Er wurde ernst. „Ich muss das erst mal mit mir selbst regeln. Ich höre diese Stimme in meinem Kopf und sie gehört nicht mir. Sie erzählt mir alles mögliche von vergangenen Zeitaltern und alten Mächten und ich verstehe nur Bahnhof. Sie geht in Angriffsstellung bei allem, das sich bewegt - auch wenn das meine Freunde sind - und ich hab nur damit zu tun, ihr klarzumachen, dass von euch keine Gefahr ausgeht. Sie lässt mich Dinge denken, die ich nicht denken will, schürt Gefühle, die nicht von mir ausgehen und überhaupt… Es ist verwirrend!"
Kai hatte sich inzwischen geradezu in Rage geredet. Es war, als könnte er jetzt, wo er erstmal angefangen hatte darüber zu reden, nicht mehr damit aufhören.
„Ich muss das unter Kontrolle bekommen. Und das muss ich allein tun." Wieder bohrte sich sein Blick in Talas Augen. „Im Moment schaffe ich es gerade so, diese ‚Präsenz' oder wie auch immer man das nennen will irgendwie soweit zu unterdrücken, dass ich mich halbwegs auf dich und unser Gespräch konzentrieren kann. Aber das kostet Kraft. Und ich hab keine Ahnung, was passiert, sollte ich die Kontrolle verlieren." Wieder ein tiefer Seufzer. „Deshalb muss ich das allein geregelt kriegen."
„Du gehst also weg." Eine Feststellung. „Wohin willst du?"
„Keine Ahnung. Irgendwohin. Irgendwo, wo es einsam ist. Wo niemand in Mitleidenschaft gezogen wird, wenn etwas schief geht."
Typisch. Tala war nicht überrascht, er hatte sich so etwas schon gedacht.
„Ich kenn da ne nette kleine Hütte mitten in der sibirischen Taiga - einsam, abgelegen, verlassen. Genau, was du suchst."
„Du wirst nicht mitkommen, Tala." Ein scharfer Blick, keinen Widerspruch duldend. Von wegen!
„Ich frage dich nicht um Erlaubnis, Kai. Du sagst selbst, du bist verwirrt und du kannst das nicht kontrollieren. Irgendjemand muss dich im Auge behalten, oder willst du wieder so enden wie damals mit Black Dranzer?" Er sah Kai eindringlich an. Er konnte sehen, wie er bei der Erwähnung des verhassten Bit Beasts kaum merklich zusammenzuckte. Zwar war neben Boris und seinen Leuten auch Black Dranzers Bit spurlos verschwunden, aber was hieß das schon? Er konnte immer noch da draußen sein, frei, unkontrolliert und ungebunden. Und allein die Erinnerung an Black Dranzers schwarze Seele jagte Kai eiskalte Schauer über den Rücken.
„Sieh es ein, du brauchst jemanden der auf dich aufpasst", fuhr er fort. „Ich verstehe ja, dass du die Bladebreakers da raushalten willst, aber ich kann schon auf mich aufpassen, genau wie Bryan und Spence. Wir kommen mit, und wenn du dich auf den Kopf stellst. Ende der Durchsage."
Kai sah ihn lange einfach nur an. Nach einer gefühlten Ewigkeit legte er mit einem tiefen Seufzer den Kopf in den Nacken und richtete den Blick wieder gen Himmel. Fast hätte Tala das leise „Danke" nicht gehört. Er musste grinsen. Kai war stur - aber wenn man wusste, welche Knöpfe man drücken musste, war er manchmal leicht zu beeinflussen. Und das war gut so, denn öfter denn nicht musste man ihn erst zu seinem Glück zwingen.
Eine Woche später reisten die Bladebreakers ab. Während Kai sich noch erholt hatte, hatten sie ihr verschobenes Match gegen die White Tigers nachgeholt und - wenn auch mit einigen Schwierigkeiten - schließlich erneut den Weltmeisterschaftstitel verteidigt. Doch dann war irgendwann der Tag gekommen, an dem sie nach Hause zurückkehren mussten. Und weder Tyson noch Ray noch Max oder Kenny waren sonderlich begeistert gewesen, als Kai ihnen eröffnet hatte, dass er sie nicht begleiten würde. Auf ihre Nachfragen, warum, hatte Kai nur den Kopf geschüttelt und gemeint, das bräuchten sie nicht zu wissen, es sei seine Entscheidung und damit basta. Letztlich hatten sie keine Wahl gehabt, als Kais Entscheidung zu respektieren.
Doch als sie schließlich aus dem Hotel auschecken und sich auf den Weg zum Flughafen machen mussten, war der Blauhaarige nirgendwo zu finden gewesen. Er hatte sich davongeschlichen, wie so oft.
„Abschiede sind nicht seine Stärke", hatte Tala ihnen versucht zu erklären und Ray den Brief in die Hand gedrückt, den Kai ihnen dagelassen hatte.
„Ihr passt gut auf ihn auf, ja?", hatte dieser gefragt. Tala hatte nur genickt.
„Und meldet euch mal, ja? Lasst uns wissen, wie's ihm geht, wenigstens von Zeit zu Zeit." Tyson. Ihm war deutlich anzusehen, dass er Kai nur äußerst ungern hier zurückließ.
„Wir versuchen's", hatte Bryan geantwortet, „aber erwartet euch nicht zu viel. Wo wir hingehen gibt es keinerlei Empfang."
Schweigen machte sich unter der kleinen Gruppe in der Hotellobby breit. Schließlich tauschten sie noch ein paar lose Umarmungen und gute Wünsche aus und dann blieb den Breakers nichts weiter übrig, als in den Bus Richtung Flughafen zu steigen.
„Denkt ihr, er kommt wieder?" In Tysons Blick lag Traurigkeit.
„Keine Ahnung", antwortete Ray nicht minder bedrückt. „Aber ich hoffe es."
„Tala hat dir doch einen Brief gegeben", erinnerte sie Kenny. „Was schreibt er denn?"
„Richtig! Lies vor, Ray!" Max' blaue Augen schimmerten hoffnungsvoll.
Bedächtig faltete Ray den Brief auseinander. Kais feinsäuberliche Schrift erwartete ihn - ordentlich, kantig, etwas ans Kyrillische erinnernd. Damit hatte letztlich alles angefangen. Mit einem Brief von Kai. Doch dieser hier war hoffentlich anderer Natur…
Gespannt begann Ray zu lesen.
„Ich bin nicht gut im Verabschieden…" Ray musste grinsen. Typisch. Kein ‚Hallo', kein ‚liebe Freunde', nichts. Schonungslos zum Kern der Sache, wie immer. Er räusperte sich kurz und begann dann erneut, vorzulesen.
„Ich bin nicht gut im Verabschieden. War ich nie. Vielleicht hatte ich auch nur nie jemanden, von dem ich mich wirklich verabschieden musste oder wollte.
Mich von euch zu verabschieden ist eine grauenhafte Vorstellung. Ich weiß, wie das gelaufen wäre: Umarmungen, sentimentales Gerede und vielleicht sogar die ein oder andere Träne. Wie gesagt: grauenhafte Vorstellung. Deshalb bin ich gegangen - um uns allen diese Gefühlsduselei zu ersparen.
Trotzdem - euch ohne eine Erklärung gehen zu lassen erscheint mir unfair. Erst recht nach allem, was ihr für mich getan habt. Glaubt nicht, ich hätte das vergessen.
Wann habt ihr euch in mein Herz geschlichen? Ich weiß es nicht. Ihr ward einfach da. Ihr seid nicht gegangen, egal wie oft ich euch weggestoßen habe, vor so vielen Jahren. Und irgendwann in all der Zeit habe ich angefangen zu glauben, dass ihr Recht habt: Freunde sind keine Schwäche - sie machen einen stark. Weil sie einem etwas geben, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Und dafür bin ich dankbar.
Doch diesen Kampf muss ich allein ausfechten. Es ist kein Kampf um Leben und Tod, es geht nicht gegen Boris oder einen anderen Teufel - diesmal geht es darum, mich selbst wiederzufinden. Herauszufinden, wer ich bin und welchen Platz Suzaku bei all dem einnimmt.
Er ist in meinem Kopf, rund um die Uhr. Mir schwirren Gedanken in meinem Kopf herum und ich weiß nicht, ob es meine sind oder seine. Jeden Menschen in meiner Nähe betrachtet er argwöhnisch und würde am liebsten alles und jeden verbrennen, der mir zu nahe kommt. Ihn davon zu überzeugen, dass ihr keine Bedrohung seid, hat mehr Kraft gekostet als ich zugeben will.
Ich gehe nicht, weil ich will. Ich gehe, weil ich muss. Weil es zu gefährlich wäre, zu bleiben. Nicht für mich, für euch.
Vermutlich ergibt das alles für euch gar keinen Sinn und ihr fragt euch gerade, ob ich nicht vielleicht verrückt geworden bin. Glaubt mir, diese Frage habe ich mir in letzter Zeit mehr als einmal selbst gestellt. Vielleicht. Vielleicht ist es der erste Schritt zum Wahnsinn.
So oder so, ich muss einen Weg finden, das unter Kontrolle zu kriegen. Und das kann ich nicht, solange ihr hier seid. Ich gehe nicht um meinetwillen. Ich gehe um euretwillen. Um euch zu beschützen. Um sicher sein zu können, dass euch nichts geschieht, dass ich oder vielmehr Suzaku euch nicht verletzen. Ich weiß nicht, ob ihr das versteht. Aber ich hoffe es.
Ich weiß nicht, wie lange es dauert. Aber wenn ich die Kontrolle wiederhabe, über Suzaku, über mein Leben - dann sehen wir uns wieder. Hoffe ich. Bis dahin müsst ihr eine Weile selbst auf euch aufpassen. Versprochen?
Kai."
Es war still im Bus geworden. Noch nie hatte Kai sie so tief in sein Innerstes blicken lassen. Er hatte ihre Freundschaft endlich akzeptiert, hatte endlich begriffen, dass sie keine Schwäche waren. Und das Wichtigste - dieser Brief war kein Abschied. Er war ein Versprechen. Sie würden sich wiedersehen. Irgendwann. Und bis dahin würden sie tun, worum ihr Captain sie gebeten hatte - sie würden auf sich aufpassen. Versprochen! Sie konnten nur hoffen, dass er für sich dasselbe tat.
..::.. THE END ..::..
