Disclaimer und A/N: Siehe erstes Kapitel.


Offenbarungen

Von Thea Potter

Kapitel 25

Hermine wusste noch immer nicht, was sie gegen dieses Haus hatte – aber sie hatte es kaum betreten und wollte nur noch raus. Sie hielt unbewusst die Luft an, sobald sie die Schwelle überschritten hatte; diese muffige Luft hier wollte sie eigentlich gar nicht einatmen. Dies war der Inbegriff eines Geisterhauses, das man verließ und nicht betrat. Was taten sie bloß hier?

Als die Tür hinter ihr zufiel, wurde es dunkel. Stockdunkel. Die Fenster waren von außen mit Brettern zugenagelt, aber es hätte wenigstens ein bisschen Licht hineindringen müssen; stattdessen war es, als hätte jemand auf magischem Wege dem Raum das gesamte Licht entzogen.

Übelkeit kroch ihr den Hals hoch. Hier stimmte etwas nicht, sie spürte es ganz deutlich.

Raus, ich muss hier raus.

„Professor, ich ..."

Sie hielt sich die Hand vor den Mund und ihr wurde schwarz vor Augen. Sie sackte gegen den Türrahmen.

Snape war sofort da; sie spürte ihn neben sich, er hielt sie an den Ellenbogen fest und half ihr, aufrecht zu stehen. Sie hatte ernsthafte Angst, sie würde im nächsten Augenblick auf seine Schuhe kotzen, und versuchte ihn abzuwehren, aber ihre Knie gaben nach.

„Draco!", hörte sie ihn rufen. „Hast du –"

„Oh, ich ... Es tut mir Leid, mir war nicht ..."

„Hör auf zu faseln", fauchte Snape, „und deaktiviere den verdammten Schutzbann!"

Sie hörte Draco etwas murmeln - und fast im gleichen Moment verschwanden der Brechreiz und das schreckliche, gehetzte Gefühl, das sie erst später als blanke Panik identifizieren konnte. Als Kind war ihr einmal nach einer Vergiftung der Magen ausgepumpt worden; jetzt fühlte sie sich an dieses Erlebnis erinnert, nur war das hier viel schlimmer. Sie atmete schwer und versuchte sich zu beruhigen. Übrig blieben dennoch nasse Hände, eine lauernde Übelkeit und das Gefühl, dass ihr Körper neuerdings aus Gummi bestand.

Es war nicht der richtige Zeitpunkt, über das Wie und Warum nachzudenken. Snape war da. Bei ihr. Sie roch und fühlte ihn, sein Körper war ihrem sehr nahe, und seine langen Finger strichen über ihre Arme. Im Schutz der Dunkelheit zog er sie nahe an sich und stabilisierte ihre Haltung; und sie konnte nicht anders, sie lehnte sich gegen ihn und kuschelte unbewusst ihren Kopf an seine Halsbeuge. Sie fühlte sich schlapp und schwer wie ein nasses Handtuch.

„Tief durchatmen", hörte sie ihn sagen.

Das tat sie. Und dann war da ein Glas an ihren Lippen; klares Wasser, mit dem sie die Übelkeit wegspülte. Snape musste das Wasserglas herbeibeschworen haben, sie hatte ihn gar nicht gehört. Sie trank das Glas leer ohne einmal abzusetzen.

„Besser?" flüsterte er so leise, dass sie ihn fast nicht gehört hätte.

„Mmmh", machte Hermine tapfer. Es war gut, dass es so dunkel war; so konnte er nicht sehen, dass ihr Tränen übers Gesicht liefen.

Im Schutz der Dunkelheit strich seine Hand über ihre Haare, und sie spürte einen Finger, der über ihre Wange fuhr. Ganz sanft. Seine Haare kitzelten in ihrem Gesicht. Obwohl es ihr so elend ging, reagierte ihr Körper ziemlich eindeutig auf seine Berührungen; mit heftig klopfendem Herzen und einem konfusen Gefühl in ihrer Körpermitte lehnte sie sich in seine Umarmung hinein. War es das, dachte sie träge, eine Umarmung? Wenn ja, war das klug? Sie bezweifelte es, aber seine Nähe tat ihr so wohl...

„Ähm ... Professor?"

Sie und Snape fuhren erschrocken auseinander; sie hätte Malfoy beinahe vergessen, und offenbar nicht nur sie. Hermine war plötzlich sehr dankbar, dass diese vollständige Finsternis sie umgab. Eilig wischte sie sich über die Wangen.

„Draco, was für ein Idiot kann man sein?" Das war Snapes Stimme, nicht ihre, aber er nahm ihr die Worte aus dem Mund. „Granger wäre fast ohnmächtig geworden! Sie hätte sich fast auf meinen Umhang übergeben!"

Seine harschen Worte versetzten ihr einen Stich, doch zugleich verspürte sie einen Hauch von Erleichterung. Zumindest klang das endlich mal wieder nach Snape, dachte sie.

„Ich hatte den Schutzbann völlig vergessen." Malfoy klang erstaunlich kleinlaut. „Ich war schon so lange nicht mehr mit jemand Neuem hier."

Hermine schluckte und riss sich zusammen.

„Jemand Neuem? Wie ... AU! Mist!"

Sie hatte in der Dunkelheit einen Schritt nach vorn gemacht und war prompt mit dem Knie gegen irgendetwas gestoßen.

„Wie wäre es, ENDLICH, mit Licht?", bellte Snape neben ihr. Sie wollte schon beleidigt zurückkeifen, dass er den Lichtschalter offenbar auch noch nicht gefunden habe, als Malfoy antwortete und ihr klar wurde, dass Snape sie gar nicht gemeint hatte.

„Oh, äh, ja, natürlich."

Dann hörte sie so etwas wie ein Schnipsen und im nächsten Moment war es so hell, dass es in den Augen brannte.

Hermine stand da wie vom Donner gerührt; sie vergaß vor Schreck sich ihr schmerzendes Knie zu reiben. Der Raum, in dem sie sich befanden, war riesig. Sicherlich waren das hier achtzig Quadratmeter oder sogar mehr, und es schien nur der Eingangsbereich des Hauses zu sein; ein offener Korridor führte von diesem Raum zu zwei gegenüber liegenden riesigen Türen aus massivem Holz, hinter denen offenbar weitere Bereiche des Gebäudes lagen. Das war skurril; im Verhältnis zum Außenumriss des Hauses war bereits dieser Raum gigantisch.

Nach der ersten Schrecksekunde bemerkte Hermine, dass sie mit offenem Mund dastand. Daraufhin versuchte sie ein möglichst unbeteiligtes Gesicht zu machen; sie hoffte nur, dass ihre Überraschung nicht allzu offensichtlich gewesen war. Sie ärgerte sich über sich selbst. Fast sieben Jahre Leben in der magischen Welt, und noch immer ließ sie sich von Zauberkünsten beeindrucken wie das elfjährige Muggelmädchen, das sie einmal war.

Snape stand direkt neben ihr. Sie sah ihn verstohlen von der Seite an, und ihr Herz sank, als er ihren Blick nicht erwiderte; im Gegenteil sah er angestrengt an ihr vorbei, und irgendwie ahnte sie, dass das nicht nur daran lag, dass Malfoy neben ihnen stand. Es sah eher aus, als würde er es schon wieder bereuen, dass er ihr eben so ... so nahe gekommen war.

Hör auf damit. Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt für solches Zeug.

„Alles in Ordnung?"

Es hätte sie unendlich beruhigt, wenn die Frage von Snape gekommen wäre – auch wenn ein Teil von ihr immer noch sehr wütend auf ihn war. Aber die Frage kam nicht von Snape. Sondern von Malfoy.

Sie starrte ihn ungläubig an. Der Junge betrachtete sie unbehaglich und mit einer Spur schlechten Gewissens. War das ein Witz? Der wollte sie doch verarschen. Sie hätte fast etwas in dieser Preisklasse erwidert; aber stattdessen nickte sie knapp. Ihr war jetzt einfach nicht danach die Frage zu beantworten, warum Draco Malfoy sich um ihr Wohlbefinden zu sorgen schien. Sie setzte es innerlich auf die lange Liste an Fragen, denen sie sich später widmen würde. Viel später.

„Dieser Schutzbann", fing sie stattdessen an, um sich abzulenken. „Wie wirkt er?"

Die Frage kam ihr leicht von den Lippen; sie wusste, dass sie in diesem Fall ein Recht auf Antworten hatte. Sie sah herausfordernd in Malfoys angespanntes Gesicht und fand Missmut, aber keine Abwehr darin.

„Er verwehrt Fremden den Zutritt zum Grundstück", erwiderte er. „Der Bann wirkt im Umkreis von ungefähr zwanzig Meter rund ums Haus, glaube ich."

Sie nickte; das machte Sinn. Und es funktionierte offensichtlich; sie wäre niemals auf die Idee gekommen sich dem Haus zu nähern, wenn sie allein gewesen wäre.

„Warum hat er nur bei mir Auswirkungen gezeigt?", fragte sie weiter.

„Naja, du bist die Einzige, die noch nie hier war." Seine Stimme klang leicht ungehalten. „Der Schutzbann stellt sich auf die Besucher ein. Wenn du noch einmal herkommen würdest, könnte dir nichts mehr passieren. Vorausgesetzt, du bist in Begleitung eines ... Familienmitglieds."

„Was soll das heißen?" Ah, das tat so gut, endlich einmal wieder Fragen stellen zu dürfen. Sie konnte gar nicht mehr damit aufhören. „Dieser Bann schützt die Malfoys? Bist du für diesen Bann verantwortlich?"

„Nein, Granger, bin ich nicht!" Allmählich schien ihm der Geduldsfaden zu reißen. „Mein Vater hat ihn seinerzeit auf das Grundstück gelegt."

Dein Vater?", rief sie und ballte die Hände zu Fäusten. Sie konnte gar nichts dagegen tun; bei der Erwähnung von Lucius Malfoy reagierte sie wie ein Stier in der Arena.

„Ja, verdammt!", rief Malfoy jetzt offen ärgerlich. „Du stehst in seinem Haus, und glaub mir, wenn mein Vater wüsste, dass du hier bist, würde er -"

WÜRDE ER WAS?", schrie sie zurück. „Mir eine Lektion verpassen, wie er es so gern mit Schlammblütern tut!"

„Aufhören", fuhr Snape in seiner gewohnt autoritären, gedehnten Sprechweise dazwischen. „Ihr Beitrag zur Häuserverständigung ist sehr beeindruckend, aber dieses Gespräch hört sofort auf, habe ich mich klar ausgedrückt?"

Malfoy erwiderte Hermines kampflustigen Blick zornig, sagte aber nichts mehr. Leider, dachte sie; sie sehnte sich regelrecht nach einem Anlass, um auf ihn loszugehen. Sie hatte bereits bewiesen, dass sie ihm auch ohne Zauberstab gewachsen war.

Hör auf damit, er hat dir gar nichts getan. Du bist total angespannt und brauchst etwas um dich abzureagieren. Besorg dir einen Sandsack.

Sie atmete tief durch, das half ein wenig.

Während sie Snape durch den Raum folgten, schaute Hermine sich genauer um. Ein edler, blau-grauer Teppich bedeckte den Boden; die hohen Holzwände waren weiß gestrichen, ein Kronleuchter hing protzig von der Decke. Das Ganze hätte perfekt einen hochnäsigen, typisch Malfoyschen Eindruck hinterlassen können, hätte die Prächtigkeit des Raumes nicht zugleich irgendwie vernachlässigt gewirkt; Staub lag auf abgenutzten Möbeln, und die Porträts hingen schief an den Wänden. Der ganze Raum wirkte irgendwie ... ungeliebt, fand Hermine.

„Es ... es geht dort weiter", murmelte Malfoy und wies auf eine der Türen am Ende des Korridors.

„Ich weiß", erwiderte Snape kühl, „ich war bereits hier. Würdest du jetzt hier warten, bis Miss Granger und ich wieder da sind."

Malfoy blieb abrupt stehen; auf seinem Gesicht zeichnete sich offene Enttäuschung ab.

„Aber ich ..."

Ja?", schnappte Snape.

„Ich würde sie gern kurz sehen", sagte der junge Slytherin leise.

Hermine runzelte die Stirn. SIE? Wer war SIE? Die Anspannung begann ihre Atemwege erneut zu verengen; diese Ungewissheit war absolut nervtötend.

Kurz sehen", spottete Snape. „Mach dir nichts vor. Weder du noch sie seid zu so etwas fähig, ihr fangt doch nur wieder an zu palavern. Nein, kommt nicht in Frage. Du wartest hier. Ich weiß nicht, wie lange es dauert."

Malfoy schwieg und nickte, konnte aber seine Enttäuschung nicht verbergen; es war sehr ungewohnt ein ehrliches Gefühl auf seinem Gesicht zu sehen. Und vielleicht ging das Snape ähnlich; er sah den Jungen einen Moment lang schweigend an, schloss dann leicht entnervt die Augen und machte eine unschlüssige Kopfbewegung.

„Vielleicht später", murmelte er.

Über Malfoys Gesicht zog die Andeutung eines hoffnungsvollen Lächelns, bevor er ohne ein weiteres Wort zurück blieb.

Hermine sah mit gemischten Gefühlen zu, wie er zu einem der staubigen Sessel schlenderte und sich dort hineinlümmelte. Das alles war zu merkwürdig. Sie konnte verstehen, dass Snape sich anders benahm als sonst, aber beim Frettchen ging ihr das über die Hutschnur. Sie stellte fest, dass ein Teil von ihr einfach nicht damit zu Recht kam, dass etwas anders war als sonst.

Sei nicht albern, Mädchen. Du hast so lange darauf gewartet, dass bei den Slytherins etwas in Bewegung gerät.

Ja, dachte sie weiter, das hatte sie - aber im Laufe des letzten Jahres hatte sie aufgehört, darauf zu warten. Sie hatte zu hoffen aufgehört und stattdessen begonnen die Dinge pragmatisch zu sehen: so, wie sie waren. Und Draco Malfoy war nun einmal all die Jahre ein kleines Scheusal gewesen, das drauf und dran war, wie sein Vater zu einem großen Scheusal zu werden. Aber im Augenblick war sie sich nicht mehr sicher; dabei konnte sie nicht einmal verlässlich sagen, warum sie ihrer gewohnten Einschätzung nicht mehr traute. Das Gespräch von vorhin war nicht sehr ... informativ gewesen.

Und Vertrauen erweckend schon gar nicht.

Während Snape und sie vor der einschüchternd großen Holztür stehen blieben, kämpfte Hermine ein unangenehmes Gefühl herunter. Sie fühlte sich in dem ganzen Gebäude immer noch unwohl; auch wenn die Übelkeit inzwischen fast verschwunden war, so war sie trotzdem nicht unbedingt scharf darauf noch einen Raum zu betreten und eine weitere Überraschung zu erleben.

Snape klopfte, und die Tür öffnete sich wie von Geisterhand; sie schwang weit auf und gab den Blick in einen Raum frei, der einen deutlich bewohnteren und freundlicheren Eindruck machte als der Raum davor. Und er war noch größer als das Zimmer, das jetzt hinter ihnen lag. Das gefiel Hermine nicht; sie konnte große Räume sowieso nicht haben, und hier waren zu viele Möbel und tragbare Trennwände überall, es war ja überhaupt nicht klar, wer sich hier alles versteckte.

Du wirst paranoid, meine Liebe.

„Besuch, wie erfreulich!" Es war eine helle Frauenstimme, die durch den Raum schwebte. „Kommen Sie nur, kommen Sie herein!"

Neugierig drehte Hermine den Kopf zu allen Seiten. Wo war die Frau, der diese Stimme gehörte? Sie fand ihre Antwort, als sich ein großer Ohrensessel zu drehen begann, der seitlich am flackernden Kaminfeuer stand. In dem Sessel saß eine blasse, dünne alte Frau und lächelte Hermine und Snape freundlich an.

„Severus!", sagte sie. „Das ist eine wahrhaftige Überraschung. Und eine junge Dame hast du auch mitgebracht, wie schön."

Hermine wusste, sie sollte jetzt irgendetwas tun, etwa die Hand ausstrecken und sich vorstellen. Aber sie stand nur da und schaute. Die alte Frau machte ungeachtet ihres hohen Alters einen unbestreitbar aristokratischen, fast einschüchternden Eindruck; und dabei war sie noch nicht einmal aufgestanden. Die Farbe ihrer Haare lag irgendwo zwischen einem schönen hellen Altersgrau und einem ... wohlbekannten Weißblond.

Sie war Lucius Malfoy wie aus dem Gesicht geschnitten.

t.b.c.