-.-.-.-.-.-.-. ANM.: Da es ist nicht möglich ist, auf das Review eines Gastes innerhalb der Review-Funktion zu antworten, stelle ich das mal an den Anfang des aktuellsten Chaps. Erst einmal vielen Dank für die lieben Worte (das gilt für alle beiden Gäste), ich freue mich sehr, wenn es den Lesern gefällt! Beim letzten Feedback wurde angemerkt, dass die nicht vorhandenen Absätze/Trennlinien den Lesefluss beeinträchtigen, was ich vollkommen nachvollziehen kann. Diese FF ist mehr aus Gewohnheit der letzten Jahre bei online, sonderlich viele Reaktionen bekomme ich hier nicht – dementsprechend ‚schluderig' bin ich beim Aktualisieren (Schande über mein Haupt) und die Trennlinien, die ich für meine Haupt-FF-Plattformen nutze, übernimmt das Prog hier irgendwie nicht. Jedenfalls habe ich mir dann doch mal die Mühe gemacht, das zu ändern. Also viel Spaß mit den Absätzen, das Lesevergnügen sollte damit gesteigert sein (zu den Grammatikfehlern: die Story ist gebetat, selbstverständlich nicht von einem professionellen Lektor, also entschuldigt bitte, wenn sich hier und da doch ein paar Fehler eingeschlichen haben!) – eure Canonbury/Picadelly -.-.-.-.-.-.-.-.-.

Überstunden für alle

Mit einem gewaltigen Hechtsprung setzte Luciana den Rückwärtsgang ein und sprintete den Weg zurück Richtung Janus-Thickey Station. Das Treppenhaus war keine Option, da der Eingang ausgerechnet neben den Fahrstühlen liegen musste und die ambulante Abteilung lag jetzt, zur Zeit des Schichtwechsels, wie ausgestorben vor ihr – was gleichermaßen eine gute oder verdammt schlechte Sache sein konnte, denn kostbare Minuten für die Warnung der Patienten konnte sie in keinem Fall verschwenden (obwohl sie eh der Gedanke beschlich, dass die Todesser ein ganz bestimmtes Ziel vor Augen hatten, daher war es wahrscheinlich besser, wenn ihnen niemand in die Quere kam). Bei der nächsten Biegung setzte sie eine weitere Vollbremsung ein, umhüllte ihre Faust mit dem dicken Wollstoff ihres Mantels und zerschlug das dünne Glas des Feueralarms (eine der wenigen Sicherheitsvorkehrungen, die die Magier hier zustande gebracht hatten), doch nach Betätigung des kleinen Hebels ertönte nicht, wie erwartet, ein lautes Klingeln oder ein anderes, schrilles Geräusch, sondern es passierte – rein gar nichts. Schnaubend setzte sie ihren Weg fort, zückte im Laufen ihren Zauberstab und öffnete schon von weitem die Tür zur Station mit einem Alohomora, knallte diese, nachdem sie hindurch gelaufen war, hinter sich zu und versiegelte sie mit dem ersten Schutzzauber, der ihr in den Sinn kam.

„Luciana?", hörte sie Hermes Stimme rufen, ein paar Meter den Gang hinunter. „Was machst du da?"

„Todesser", schnappte sie nach Atem ringend und drehte sich zu ihm um, „sie waren grad noch beim Fahrstuhl, drei habe ich gesehen, können aber noch mehr sein."

„Das ist wirklich nicht witzig", bemerkte Hermes perplex. Er war stocksteif stehengeblieben und trotz seiner Worte war ihm der pure Horror ins Gesicht geschrieben.

„Sehe ich amüsiert aus?!", fragte sie barsch; ihnen blieb nicht einmal das klitzekleinste Zeitfenster für Diskussionen. „Verständige das Ministerium, die Auroren, irgendeine Sondereinheit – und spar dir den Sicherheitsdienst zu rufen, die Todesser wären nicht so weit gekommen, wenn der ein Problem gewesen wäre."

Hermes stand noch immer im Gang, rührte sich keinen Millimeter und starrte sie aus panisch geweiteten Augen an.

„PRONTO!"

Endlich kam Bewegung in seine Glieder und er rauschte Richtung Heilerzimmer davon, Luciana beeilte sich derweil in den Gesellschaftsraum zu laufen, in dem gerade so ziemlich jeder Patient saß, der noch halbwegs alleinständig gehen oder sich aufrecht halten konnte. Beinahe hätte sie genauso laut herumkrakelt, wie sie es gerade eben erst bei Hermes getan hatte, doch glücklicherweise fiel ihr noch rechtzeitig ein, dass das Wörtchen ‚Todesser' in Kombination mit bedenklich aufrührendem Verhalten ihrerseits mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer Massenpanik geführt hätte. Vor allem bei diesen speziellen Herrschaften. Dementsprechend abrupt verlangsamte sie ihre Schritte, um bloß keinen Aufruhr bei den Patienten auszulösen (schnelle Bewegungen waren hier bei keinem Dauerbewohner gerne gesehen) und trat zügig, aber nicht zu hastig, auf den Tisch zu, an dem gleich zwei Heiler die Köpfe zusammengesteckt hatten.

In der nächsten Minute versuchte sie betont ruhig und mit neutraler Miene Heiler Denebola, der bis gerade den Tagesreport mit Madame Graul durchgegangen war, die Sachlage zu erläutern – natürlich schenkte ihr der betont faktenbezogene Mann zunächst keinerlei Glaube und faselte irgendwas von ‚vorzüglichem Sicherheitspersonal, gerade in diesen Zeiten' und dass dieser geschmacklose Scherz ‚Konsequenzen' für sie haben würde, bis ihn ein lauter Knall an der Eingangstür eines Besseren belehrte.

„Madam Graul, Mrs Fridgemoore, bringen Sie die Patienten auf ihre Zimmer, so schnell und geordnet wie möglich", sagte er laut und deutlich; trotzdem war ihm dabei nicht anzumerken, dass die Lage verdammt unrosig aussah. „Versiegeln Sie die Zimmer, von jedem Patienten." Ein zweiter Knall - von der anderen Station drangen Schreie zu ihnen heran – was sogleich für die Massenpanik im Gesellschaftsraum sorgte, welche sie eigentlich hatte verhindern wollen. Luciana griff nach je einem Arm von Mr und Mrs Longbottom, die keinen Meter von ihr entfernt gesessen hatten und gerade gleichzeitig aufgesprungen waren und animierte sie mit einem ziemlich miesen Vorwand (nämlich, dass ihr Sohn auf ihrem Zimmer warten würde – das würde sie niemals nie irgendjemandem beichten) einen Schritt schneller zu machen – da es funktionierte, heiligte hier der Zweck die Mittel …

Auf den Gängen war derweil ein heilloses Durcheinander ausgebrochen, zwei der Patienten lagen bereits gestürzt auf dem Boden, Lockhart flitzte mit wehender Lockenpracht an der Szenerie vorbei und war so schnell in seinem Zimmer verschwunden, dass Madam Graul nicht einmal dazu gekommen war, ihm seinen Namen vollständig hinterher zu rufen. Zwischen all dem panischem Geschrei und unkoordiniertem Herumgelaufe, war es eine verdammt schwierige Aufgabe, gleich zwei Menschen, die sie zudem auch noch ein bis anderthalb Köpfe in der Körpergröße überragten, rechts und links an den Ellenbögen fixiert zu irgendeinem Ziel zu bugsieren – wenigstens hatten es Hermes, der in all dem Chaos zwischenzeitlich wieder aufgetaucht war, und Heilerin Fridgemoore vollbracht, die beiden Gestürzten wieder aufzurichten und es konnte im Schneckentempo den viel zu schmalen Gang weitergehen.

Für diese Art ‚Evakuierung' (die keine war, dafür bräuchte man ja so etwas wie Mindestanforderung der Breite von Fluchtwegen und vor allem Notausgänge – aber da es bei Magiern offenbar nie zu Notfällen kam, weil sowas gab es ja nur bei ‚Muggeln' - blieb dieses Hintertürchen auch geschlossen) hätten sie mindestens das doppelte an Arbeitskräften auf der Station gebraucht, um alle rechtzeitig in die vermeintliche Sicherheit zu bringen. Hinter ihr knockte Denebola einen besonders laut kreischenden Patienten mit rot sprühenden Funken aus der Spitze seines Zauberstabs aus und warf ihn in der nächsten Sekunde kurzerhand über seine rechte Schulter, während er gleichzeitig Mrs Huffington an die Hand nahm und beide in den nächstbesten Raum verfrachtete – die Tür flog mit einem Scheppern ins Schloss, dann versiegelte er sie mir einem Zauber und schnappte sich gleich die nächsten beiden Patienten. Luciana richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Weg vor ihrer Nase, zog ihre beiden Schützlinge an ein paar Herrschaften vorbei, die verwirrt im Gang umherschauten und nur hin und wieder einen Fuß vor den anderen setzten.

Das Longbottom Ehepaar und sie schafften es auf das Zimmer am Ende des Flurs, bevor es Flüche hagelte – was wohl bedeuten musste, dass die Todesser den Stationseingang noch immer nicht durchbrochen hatten (dabei war sie nicht gerade ein Schutzzauber-Ass – was eine Ausnahmesituation nicht alles aus einem herausholen konnte).

Gleich nachdem die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen war und sie das Ehepaar auf einem der zwei Betten abgesetzt hatte, wiederholte sie die magische Verriegelung und schickte einen Patronus auf den Weg zum Grimmauldplatz – für alle Fälle, sie konnten alles an Verstärkung gebrauchen, was auf die Schnelle zusammen zu trommeln war. Danach begann die Nervenzerreißprobe des Wartens. Von Mr und Mrs Longbottom hörte sie keinen einzigen Mucks – sie verhielten sich glücklicherweise vorbildlich pflegeleicht, hielten einander die Hände, während sie gebannt auf die Tür starrten, hinter der dumpf lautes Rufen und krachende Geräusche zu hören waren. Es dauerte noch ein paar Minuten, dann hallte der markerschütternde, hohe Freudenschrei von Bellatrix durch den Flur bis in das Zimmer (unverkennbar, die Frau hatte ein sehr eigenwilliges Organ), worauf Luciana ihre gerade festgestellte Vorbildlichkeit der zwei Patienten in ihrem Rücken über den Haufen werfen musste. Der Schrei hatte das Ehepaar in derartige Panik versetz, dass ihr letztendlich keine andere Wahl blieb, als sie mit zwei präzise gezielten Petrificus Totalus bewegungsunfähig zu machen. Ab da stand sie in einem absolut geräuschlosen Raum, hinter ihr zwei zu Salzsäulen erstarrte Patienten und vor ihr eine Station voller Todesser.

Was ihr auch gleich den Moment Zeit verschaffte, um sich überhaupt einmal Gedanken darum zu machen, was die Anhänger des Schwarzen Führers in dem Hospital, genau auf dieser Station, verloren hatten. Ihr kam sehr schnell das Päckchen in ihrer Manteltasche in den Sinn, der seltsame Mr Smythe und die Tatsache, dass dieser erst heute eingeliefert worden war und zufälligerweise einen Horkrux im Schlepptau gehabt hatte. Den die Todesser mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit für den Boss auftreiben sollten - und was sie bei dem Patienten gar nicht mehr finden konnten, wobei der Herr sowieso bis mindestens übermorgen auf der ambulanten Station untergebracht war, da schienen Voldemort und seine Anhängsel nicht ihre Hausaufgaben gemacht zu haben. Ja, oder es ging hier doch um etwas ganz anderes was – nein, diese Option kam nicht wirklich in Frage.

Noch mehr Schreie, ein Knallen, wie von einer Holztür, die aus den Angeln gerissen wurde, nicht weit den Gang hinunter. Verdammt, sie hatte nicht den blassesten Schimmer, was sie jetzt tun sollte. Sie saß in der Falle, selbst die Fenster waren magisch versiegelt und das von einem speziell geschulten Sicherheitszauberer, ergo, nicht mal eben wieder aufzuheben – Bellatrix hatte sie gesehen und nach ihrem Blick zu urteilen, auch gleich wiedererkannt. Die Dame würde sicherlich keine Ruhe geben, bis sie Luciana gefunden hatte, vor allem, wenn die Frustration darüber größer werden würde, den Manschettenknopf nicht aufspüren zu können – oder noch schlimmer, Lunte riechen, wer diesen entwendet haben könnte?

Sie wiederholte den Versieglungszauber, auch, wenn dies nicht bedeutete, die doppelte Wirkung erzielen zu können, aber tatenlos hier herumstehen und darauf warten, dass ihr gleich die Tür in ihren Einzelteilen um die Ohren fliegen würde, nein, dazu hatte sie einfach nicht die Nerven. Es vergingen weitere, quälende Minuten, in denen der Lärm draußen nicht abzunehmen schien, immer wieder erzitterte der Boden zu ihren Füßen, selbst die Wände vibriertem bei jedem zweiten oder dritten Knall und die Schreie und Rufe schienen von Sekunde zu Sekunde immer näher und näher zu kommen. Als das gerahmte Foto ihres Klassenkameraden neben ihr von einem der Nachttische rutschte und das Glas des Rahmens zu ihren Füßen zerbrach, kam ihr die Idee, zumindest den Horkrux in Sicherheit zu bringen. Vielleicht unter einer Latte einer der Betten? In den Schränken würden die Todesser sicher zuerst suchen – oder in einer der vier Öllampen, die an den Wänden ringsherum hingen? Nein, die waren zwar verrußt und blickdicht, trotzdem wäre aufgefallen, wenn eine davon nicht brennen würde. Aber der Papiertuchspender, der neben dem Eingang hing, darauf würde doch niemand so schnell kommen – was allerdings auch für die Mitglieder im Orden galt und wenn sie die nächste Stunde nicht überleben, oder noch schlimmer, nach langer, quälender Folter nie wieder einen geordneten Gedanken zusammen bekommen sollte, es auch niemandem verraten könnte. Auf der anderen Seite war das Seelenstück von dem Schwarzen Führer noch immer besser in den Händen einer Hilfskraft des St.-Mungo aufgehoben, die für die Auffüllungen der Papiertücher zuständig war, als bei jemandem, der, strenggenommen, ohne jeden Zweifel in die Gummizelle neben dem Heilerzimmer gehörte.

Klopf Klopf Klopf

Luciana hielt in ihrer Bewegung inne und wagte für einen Moment nicht einmal mehr zu atmen. Ihr Blick wechselte von dem Papierspender zu der Tür und wieder zurück – wann war es so still dort draußen auf der Station geworden? War sie so sehr in Gedanken versunken gewesen, dass ihr diese Veränderung nicht einmal aufgefallen war? Hätte sie, wenn sie aufmerksamer gewesen wäre, mitbekommen können, was passiert war? Vielleicht hatten die Todesser alle überwältigt und herausbekommen, wo Mr Smythe untergebracht war, durchsuchten gerade sein Zimmer und einer war dazu verdonnert worden, die Idioten zu finden, die bei Klopfzeichen Türen öffneten? Wieviel Zeit war vergangen, von dem Moment, seit sie von den Aufzügen zurückgerannt war und jetzt?

Klopf Klopf Klopf

„Hallo?" Ein Mann, direkt vor dem Zimmer. „Hier Auror Shacklebolt, von der Aurorenzentrale des Ministeriums." In der ersten Sekunde machte sich automatisch ein Gefühl von Erleichterung in ihr breit, doch dieses schlug schnell in Misstrauen um. Mit zusammengezogenen Brauen versuchte sie in Gedanken einen Stimmenabgleich zu machen, aber durch die geschlossene Tür war das kaum möglich. „Diese Tür ist magisch versiegelt, bitte treten sie davon weg, damit wir sie öffnen kö-„

„Welche Farbe hat Dumbledores Lieblingsspitzhut?", unterbrach ihn Luciana und brachte vorsorglich ihren Zauberstab in Position. Am besten sie verließ nie wieder ohne Schusswaffe das Bett, denn damit hätte sie sich wesentlich sicherer gefühlt – was hatte Snape den Dementorenbabies noch einmal so effektiv um die Ohren gehauen? Secto- Sectum – nein, vor allem unter Druck würde ihr das Wort nicht einfallen und wenn sie nur den Bruchteil einer Sekunde haben könnte, um zu reagieren, sollte sie nicht experimentieren.

„Luciana, bist du das?"

„Welche Farbe?", fragte sie mit Nachdruck und umschloss das Elfenbein ihres Stabs noch eine Spur fester.

„Violett", sie atmete erleichtert auf, „mit kleinen Zauberstäben drauf, ich glaube dazwischen waren noch Sterne und –„

Schon bei dem Wort ‚Zauberstäben' hatte sie für einen Moment die Augen geschlossen, einmal tief durchgeatmet, ein Dankeschön an das Schicksal ausgesendet, welches anscheinend zur Abwechslung ein klein wenig Erbarmen mit ihr gezeigt hatte (oder mit den Longbottoms, wie auch immer man es sehen wollte) und nahm dann den Schutzzauber von der Tür. Shacklebolt stand, mit zwei Männern in seinem Rücken, welche ihr völlig unbekannt waren, im Gang und lächelte ihr schief entgegen.

„Dumbledores Hut, hm?"

„Wir sollten dringend ein Sicherheitswort ausmachen", bemerkte sie kühl und verließ das Patientenzimmer der Longbottoms.

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Die Janus-Thickey Station war nicht wiederzuerkennen. Innerhalb der gerade einmal zwanzig Minuten (wie Luciana mit einem Blick auf eine der Uhren im Gesellschaftsraum gesehen hatte), waren die Gänge und mindestens sechs der Patientenzimmer dem Erdboden gleichgemacht worden und auch die übrigen Flure und der Gesellschaftsraum waren nicht von der zerstörerischen Wut der Todesser verschont geblieben. Der Putz rieselte noch von den Wänden und Decken, lange nachdem eine ganze Horde von Auroren und Ministeriumsmitarbeitern eingetroffen war, die jeden Quadratmillimeter der Ebene vier untersuchte und sämtliche Mitarbeiter ins Kreuzverhör nahm. Nicht einmal die Patienten blieben von der Fragerei verschont, selbst diejenigen nicht, die ganz offensichtlich kaum in der Lage waren, überhaupt eine verständliche Artikulation zu Stande zu bringen.

Ihre eigene Vernehmung wurde von Shacklebolt geführt (zum Glück, der Tag war schon bescheiden genug gelaufen), allerdings konnte sie dabei nicht einmal die Hälfte von dem erzählen, was vorgefallen war und vor allem warum es die Todesser riskiert hatten, in ein Gebäude mit einem der höchsten Sicherheitsstandards der Zaubererwelt einzufallen, da noch ein griesgrämig dreinblickender Auror namens Savage hinter dem Ordensmitglied in dem zum Verhörraum umfunktionierten, verschlossenen Heilerzimmer stand und sie diesen garantiert nicht in die Horkrux-Angelegenheit einweihen würde.

Dass es bei dem Überfall nicht zu schweren Verletzungen gekommen war (am schlimmsten hatte es doch tatsächlich Lockhart erwischt, da er es irgendwie vollbracht hatte, beim Versuch mit einer Kommode den Eingang zu seinem Zimmer zu verbarrikadieren, sich von einer ihrer Schubladen vollständig ausknocken zu lassen), hatten sie Heiler Denebola zu verdanken. Dieser hatte nicht nur sichergestellt, dass jedes einzelne Zimmer mit einem Zauber verschlossen worden war, sondern hatte sich nebenbei noch den vier Angreifern in den Weg gestellt, so lange, bis die Verstärkung aus dem Ministerium eingetroffen war – welche übrigens schon zu dem Zeitpunkt alarmiert worden war, als die Todesser auf der Apparierplattform des Hospitals aufgetaucht waren, offenbar hatte die Rezeptionistin doch einmal bewiesen, nicht völlig unberechtigt einen monatlichen Gehaltsbeutel überreicht zu bekommen. Letztendlich mochte die Aktion des Chefheilers vielleicht sehr mutig und heroisch gewesen sein, allerdings würde es sich wohl erst in den Morgenstunden des nächsten Tages zeigen, ob er diese Aktion mit bleibenden Schäden bezahlen musste, oder die Nacht überhaupt überstehen würde – so zumindest der letzte Stand, über den Luciana noch informiert worden war.

Nach stundenlangem Durcheinander, haarkleinen, nicht ganz wahrheitsgemäßen Berichten und einigen Unterlagen, die sie noch für das Ministerium ausfüllen musste, blieb ihr am Ende nichts anderes übrig, als den langen, nicht magischen Weg zurück zum Grimmauldplatz anzutreten. Sie hatte es natürlich nicht geschafft, in der verabredeten Zeitspanne einer halben Stunde zwischen siebzehn und siebzehn Uhr dreißig zurückreisen zu können (selbstverständlich war das Hauptquartier des Ordens nicht rund um die Uhr am St.-Mungo angeschlossen worden, Sicherheit ging vor), zudem hatte das gesamte Hospital sowohl die Apparierplattform, als auch die Kamine bis aufs Weitere doppelt und dreifach versiegelt. So traf sie mit einem Taxi weit nach zweiundzwanzig Uhr vor der schwarz lädierten Eingangstür ihres temporären Zuhauses ein und musste noch geschlagene weitere fünf Minuten warten, bis der Taxifahrer sich endlich bequemt hatte, seine Sandwichpause zu beenden und sie ungesehen in einem Hauseingang verschwinden konnte, der für nicht-Eingeweihte (und nicht-Magier generell) gar nicht sichtbar war.

Die Tür wurde von einer sehr aufgewühlt wirkenden Hermine Granger aufgerissen, gleich, nachdem Luciana gerade dazu angesetzt hatte, den zweiten Klopfversuch zu starten – im nächsten Augenblick war ihr gesamtes Sichtfeld von braunen Locken versperrt, während ihre Klassenkameradin es sich scheinbar zum Ziel gesetzt hatte, auch das letzte Quäntchen Sauerstoff aus Lucianas Lungen zu quetschen.

„Uuuffff – Granger, du erdrückst mich!"

„Wir haben uns alle solche Sorgen gemacht!", rief Granger aufgebracht und entließ sie endlich aus dem Klammergriff – Luciana nutzte die Gelegenheit und huschte an ihr vorbei ins Haus hinein. „Alle Schülerpraktikanten sind evakuiert worden, ich habe ihnen gesagt, dass wir in eine Klasse gehen und dass ich bleiben würde, bis die Lage wieder unter Kontrolle ist, aber sie wollten nichts davon hören!"

„Das ist ja echt rührend Granger, aber damit hatten die nicht ganz Unrecht …"

„Was ist denn überhaupt passiert?", überging sie den Kommentar und warf einen schnellen Seitenblick in das Zimmer rechts von Luciana, welches sperrangelweit offenstand und in dem sie, aus ihrer Perspektive, die roten Haarspitzen von Ronalds Hinterkopf in der Mitte des Raumes erahnen konnte. „Es gab so viele Gerüchte, aber keiner konnte wirklich sagen, was genau los war und dann wurde noch der Anti-Feuer-Zauber im gesamten Gebäude ausgelöst", ah, soviel zu Feueralarm – wenigstens hatte der Rest des Krankenhauses die Aktivierung mitbekommen. „Oh und die anderen warten in der Küche, Ordenssitzung." Diesen Satz hatte Granger nur missmutig hinten angefügt und wie sie ihre Klassenmitsitzerin kannte, aus reinem Pflichtbewusstsein, weil man ihr dies aufgetragen hatte. Wahrscheinlich wäre es ihr, Potter und Ronald wesentlich lieber gewesen, wäre Luciana erst einmal zu ihnen gestoßen, damit sie den Bericht über den heutigen Vorfall aus erster Hand erfahren können würden und zur Abwechslung hatte sie sogar Verständnis dafür. Daher vollbrachte es Luciana in äußerst beschleunigtem Redeschwall, Granger in unter einer Minute auf dem Weg von dem Eingang bis zum Ende des Flurs einen groben Überblick von dem Todesserangriff zu verschaffen - natürlich erwähnte sie auch hierbei den Horkrux mit keinem Wort.

Am Absatz der Treppe verabschiedete sie sich von Granger und versprach ihr eine ausführlichere Erzählung der Ereignisse am Frühstückstisch (wohl eher Mittagessen; wenn das hier vorbei wäre, bräuchte sie mindestens zwölf Stunden ununterbrochenen Schlaf), lief die Stufen herunter und hielt an der verschlossenen Tür einen Augenblick inne, um einmal tief durchzuatmen, bevor sie sich dem nächsten Chaos an diesem, nicht enden wollenden Tag, stellte.

Kaum, dass sie den Raum betreten hatte, verstummten sämtliche Gespräche, die noch vor einer Sekunde auf sie eingeprasselten waren und bevor sie einen Überblick von den anwesenden Personen bekommen konnte, wurde sie auch schon in die nächste Umarmung gerissen. Remus – interessant, sie hätte schwören können, dass Mrs Weasley als erstes zu einer Attacke dieser Art angestürmt gekommen wäre. Negativ, denn diese stand mit geröteten Augen vor dem Spülbecken und schrubbte vehement mit einer Bürste (Ausrufezeichen, mit eigenen Händen, kein Zauberstabgefuchtel!) eine riesenhafte Pfanne aus – was sie übrigens nur zwischen der Achsel von Remus hindurch erspähen konnte, denn dieser renkte noch immer jeden Wirbel einzeln in ihrem Rücken ein (es knackte ganz fürchterlich), oder wie auch immer man diesen Oktopusgriff bezeichnen sollte.

„Sie haben nicht einmal Tonks gesagt, wie die Lage aussieht", murmelte Remus missmutig in den Kragen ihres Mantels. „Keiner ist ins St.-Mungo gelassen worden, auch nicht Dumbledore."

Als der letzte ihrer Rückenwirbel in seiner Ursprungsposition geschoben schien, entließ er sie mit einem „Schön, dass du wohlauf bist" aus der Umarmung, schenkte ihr ein schiefes Schmunzeln und machte sich daran, ihr eine Tasse Kaffee vom Küchentresen zu holen. Luciana lief währenddessen zu ihrem Platz, zog ihren Mantel aus und den Schal vom Hals und ließ sich dann mit einem Seufzen auf den Stuhl fallen. In der ganzen Zeit war es weiterhin unheimlich still geblieben und nachdem sie dankend den Kaffee von Remus angenommen, einen Schluck getrunken hatte und darauf in der Runde blickte, bemerkte sie erst, dass sie von ausnahmslos jedem angestarrt wurde. Nun ja, sicher nicht das erste Mal in bei einer Ordenssitzung, aber die Mischung aus Ungläubigkeit und unterdrücktem Wissensdurst war schon … gewöhnungsbedürftig.

Zeit für eine kurze Bestandsaufnahme: Shacklebolt war noch nicht eingetroffen (logisch, dieser hätte dem Orden andernfalls mitteilen können, dass der Todesserangriff eigentlich halb so wild gewesen war und niemand das Zeitliche gesegnet hatte – oder wenigstens noch nicht), dafür saß Tonks mit mausgrauem Haar neben Remus, wobei die Farbe sehr langsam einem schmutzigen Dunkelblond wich (Bedeutung: zwar kein Depri-Schwarz, aber noch lange nicht ihr ‚alles-ist-shiny-Pink'). Bill neben Luciana hatte ihr gerade zur Begrüßung einen Rückenklapser verpasst, auf der anderen Seite des Tisches ging die Starrrunde mit Hestia Jones und Dädalus Diggel weiter, Mr Weasley, der sich nervös an der zerschlissenen Krempe seines Ärmels zu schaffen machte und vielleicht zwei Meter rechts von ihr Black und Moody (der, seit Dufftown, den Hausbesitzer ganz besonders im Auge behielt und aus diesem Grund seinen Stammplatz gegenüber aufgegeben hatte – Luciana fand diese Maßnahme ein wenig übertrieben). Am Kopf des Tisches warf ihr Dumbledore einen prüfenden Blick über die Halbmondbrille zu, worin ein klein wenig Ungeduld stand (wahrscheinlich wäre es hier jedem am liebsten gewesen, sie hätte schon im Türrahmen mit der Berichterstattung begonnen), zu seiner Linken schüttete sich Doge gerade ein wenig Schwarztee nach und zu seiner Rechten … hatte Snape ernsthaft einen Aschenbecher vor seiner Nase stehen? Tatsache, auch, wenn sie gerade keinen Glimmstängel in seiner Hand erkennen konnte (was Luciana in diesem Augenblick auf die Idee brachte, selbst eine Zigarette in ihren Mundwinkel zu stecken und diese anzuzünden). Dies war übrigens das einzige Anzeichen dafür, dass irgendetwas nicht stimmen konnte, denn er hatte (von dem Keksdebakel im letzten Jahr abgesehen) noch nicht einen Krümel Tabak in diesem Haus konsumiert, jedenfalls zu keiner Gelegenheit, bei der sie hätte Zeuge davon werden können; seine Miene war so unlesbar wie eh und je, obwohl seine Kiefermuskulatur mit jeder Sekunde stärker und deutlicher hervortrat, die sie damit verbrachte, schweigend in die Runde zu sehen. Und die armen, schiefen Beisserchen hatten ohne jeden Zweifel schon genug ertragen müssen.

„Professor Dumbledore", sprach sie den alten Zauberer an und kramte dabei in den Tiefen ihrer Manteltasche, „bevor ich hier irgendwelche Vermutungen anstelle und es deswegen noch später wird als es sein muss, werfen Sie doch bitte einen Blick hier drauf." Damit schmiss sie das golfballgroße Knäuel aus Papiertüchern vom Ende bis zum Anfang des Tisches, wo der Schulleiter das Päckchen aus der Luft fing – besser so, als am Ende vollkommen unnötig zugeben zu müssen, einen ihrer Patienten bestohlen zu haben. Wenn es kein Horkrux sein sollte (es war einer, ganz sicher), brauchte hier niemand wissen, von wem sie den Gegenstand hatte ... In der Runde waren die Augen derweil immer größer geworden und ihr gegenüber begann das erste Gemurmel hinter vorgehaltenen Händen. Was immer noch besser war, als dieses nervenzerreißende Schweigen und beäugt werden.

Dumbledore fischte in aller Seelenruhe jedes Papiertuch einzeln von dem Ballen und schien sich kein bisschen daran zu stören, dass das ein oder andere Ordensmitglied vor Spannung schon das Atmen eingestellt hatte. Als das letzte Papiertuch auseinander gefaltet vor dem Schulleiter lag und nun das kleine Stück Schließmechanismus für Hemdärmel zum Vorschein gekommen war, wanderten beide Brauen von ihm ein Stück weit in die Höhe. Es folgte eine genaue Betrachtung und jedes andere, anwesende Mitglied des Ordens versuchte ebenso einen besseren Blick auf den Manschettenknopf zu erhaschen. Die Inspektion schloss der alte Zauberer mit einer vorsichtigen, beinahe andächtigen Berührung auf den eingelassenen, dunkelgrünen Stein ab, dann fixierte er Luciana mit einem sehr schwer zu interpretierenden Blick über die paar Meter Distanz an.

„Ist es das was ich denke?", fragte sie nach einem Moment der Stille.

„Gewiss", antwortete Dumbledore und schlug gleich alle Lagen Papiertücher wieder über den Knopf, bevor er diesen beiläufig in einer der Taschen seiner Roben verschwinden ließ. „Bleibt nun die Frage zu klären, wie du in den Besitz dieses Horkruxes gekommen bist."

Trotz ihrer beinahe sicheren Vermutung atmete sie erleichtert auf – wenn der Patient wider Erwartens nun doch der Meinung sein sollte, seine Sprache wiederzufinden, hätte sie sich nicht ganz umsonst auf den Pfad des Kleinkriminellen begeben.

„Heute Morgen ist ein neuer Patient auf die Station gekommen. Er ist vom St.-Aurora ins St.-Mungo verlegt worden, angeblich, weil er in den letzten Monaten sehr gute Fortschritte gemacht haben soll. Der Manschettenknopf befand sich unter seinen Privatsachen – ich konnte ihm das Teil abziehen, ohne, dass es ein Mitarbeiter mitbekommen hätte, aber er hat es gesehen. Nur so als Info."

„Wie lautet sein Name?", fragte Snape, bevor Dumbledore zum Sprechen ansetzen konnte.

„Smythe", antwortete Luciana, „Satoru Smythe. Geboren siebenundzwanzig, in Japan. Ich könnte Ihnen noch ein paar Details aus seiner Krankenakte nennen, aber ich glaube kaum –„

„Das ist unmöglich", unterbrach Snape sie barsch und sah dabei aus, als habe sie ihm mit der bloßen Faust kräftig ins Gesicht geschlagen – was totalem Snape-Mimik-Neuland entsprach.

„Ich kann Ihnen auch nur das sagen, was in seiner Akte stand, Sir", sagte Luciana kühl und verschränkte ihre Arme vor der Brust – bevor Snape jedoch weiter wettern konnte (was er garantiert getan hätte, wenn seine fleckig rote Gesichtsfarbe und die pochende Ader auf der Stirn als Hinweise zählen konnten), hob Dumbledore neben ihm beschwichtigend beide Hände.

„Wie sah der Mann aus, Luciana?", erkundigte er sich dann mit betont ruhiger Stimmlage.

„Alter Mann, kaukasisch, trotz seines Geburtsortes, ziemlich üble Brandnarben auf der rechten Körperhälfte", Snapes Nasenflügel bebten, seine Hände hatte er auf dem Tisch zu Fäusten geballt, „blaue Augen, das Rechte erblindet."

Dumbledore warf einen kurzen, besorgt wirkenden Seitenblick auf Snape, doch dieser war viel zu sehr beschäftigt, Luciana mit seinen Blicken aufzuspießen. Der Herr sollte wirklich lernen, dass der Überbringer ungeliebter Nachrichten nicht der Schuldige war, vor allem, wenn sie nicht einmal den blassesten Schimmer hatte, was die Information über Mr Smythe eigentlich zu bedeuten hatte.

„'Da ist keiner lebend rausgekommen', eh?", knurrte Moody plötzlich ein paar Plätze neben ihr – zumindest war sie nicht die Einzige, die in diesem Moment ziemlich auf dem Schlauch zu stehen schien. Keiner außer den drei Herren vor Kopf und Moody schien etwas mit dem Namen anfangen zu können. Die ersten Stimmen wurden laut, als Dumbledore sich zu Snape wandte, um ihm irgendetwas leise und für alle anderen unverständlich zuzuflüstern, selbstverständlich klingelte es ausgerechnet in diesem Moment in ihrer Manteltasche. Luciana überlegte einen Augenblick den Anruf ihres Paten gar nicht erst entgegenzunehmen, allerdings würde sie damit lediglich sein paranoides Hirn auf Hochtouren stimulieren und im schlimmsten Fall einen Sondereinsatz seiner Sturmtruppen provozieren, die sich am Ende noch gewaltsam Zutritt zu dem am besten mit Schutz- und Verschleierungszaubern ausgestattetem Ordenshaus verschaffen würden …

„Ja?", nahm sie mit genervtem Tonfall ab, nachdem sie das Miniaturhandy mit einem Schlenker ihres Zauberstabs auf Normalgröße hatte anschwellen lassen; glücklicherweise hatte sie den Hörer noch nicht ganz zu ihrer Hörmuschel geführt, denn bei der Lautstärke, mit welcher Gabriel sogleich auf seinen eigenen Apparat einschrie, war keinerlei Lautsprecherfunktion von Nöten, damit jeder im Raum jedes Wort einzeln verstehen konnte – insofern das Mobiltelefon die Übersteuerung überhaupt in verständliche Artikulation umwandelte.

„Jetzt halt mal für zwei Sekunden den Rand, bis ich rausgegangen bin, Ordenssitzung!", rief Luciana dazwischen, während sie sich schon von ihrem Stuhl erhoben und den halben Raum durchquert hatte.

Mrs Weasley war mittlerweile bei dem letzten Teller ihrer aggressiven Handspülaktion angekommen und visierte argwöhnisch das Telefon in Lucianas Hand an – unterdessen hatte ihr Pate ihre Aufforderung selbstverständlich ignoriert und wetterte munter und unaufhörlich weiter … am besten sie würde gleich morgen ihr Konto plündern und für die anstehenden Weihnachtsfeiertage eine einsame Insel buchen, auf der ihr keine Menschenseele mit irgendeinem Mist auf den Senkel fallen könnte … obwohl, bei ihrem Glück würde ihr eine ominöse Kokosnuss auf den Kopf plumpsen, die sich am Ende als Horkrux Numero dreihundertzwanzig herausstellen würde. Gleich, als sie den Gedanken an Urlaub wieder verbannt hatte, schnitt sie gerade noch mit, dass Gabriel mit einem harschen „Der Kamin ist für fünf Minuten auf, ich erwarte dich in einer!" aufgelegt hatte.

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Eigentlich hätte Luciana die Gelegenheit beim Schopfe packen und den Luxus ihrer eigenen, heimischen Matratze in Anspruch nehmen können, doch nach einem einstündigen Vier-Augen-Gespräch mit Gabriel (da sie sich erdreistet hatte, nicht schon vom St.-Mungo aus ein Statusupdate zum Angriff auf die Station via Mobiltelefon bei ihm abzuliefern) und nachfolgender Vorstandssitzung der UOWV (Topthemen: der mysteriöse Mr Smythe und seine kleine Box-Sammlung), die erst um drei Uhr in der früh zu einem langersehnten Ende gekommen war, hatte sie vollkommen übernächtigt den Kamin im Sangues in Anspruch genommen, damit sie ihrem quietschfidelen, übermotivierten Paten hatte entfliehen können. Tatsächlich hatte sie es nicht einmal mehr die Treppe hinauf in den ersten Stock geschafft und war gleich auf dem Sofa im Kaminzimmer eingeschlafen, obwohl sie am nächsten Morgen hätte schwören können, in der Nacht keinen Gedanken an eine Wolldecke verschwendet zu haben, mit welcher sie erwacht war.

Mit zerknautschtem Gesicht und fahrig gebundenem Zopf schlurfte Luciana durch den Eingang der Küche, in der gerade das Mittagessen aufgetischt worden war.

„M'gen", murmelte sie unverständlich; dabei war ihr Hirn gerade einmal soweit hochgefahren, dass es mehrere Rotschöpfe, Grangers Lockenkopf, Harrys Brille und ein, zwei mehr Personen im Raum ausmachen konnte. Die gewöhnungsbedürftige Lautstärke der unterschiedlichen, gleichzeitig laufenden Gespräche in dem vollgestopften Raum machte es für sie solange unmöglich, verständliche Worte aufzuschnappen, bis sie sich einen Kaffee gekocht und diesen zur Hälfte ausgetrunken hatte.

„Luciana", sprach sie Mrs Weasley vorsichtig an, „bist du sicher, dass du nicht einen Happen essen magst?"

Mit einem Seitenblick auf den dritten Nachschlag eines Kartoffel-Gemüse-Eintopfs, den Ronald gerade auf seinen Teller lud, nickte sie.

„Ich bin seit zehn Minuten wach, geben Sie mir eine Stunde", nuschelte sie und schien Mrs Weasley fürs erste zufrieden gestellt zu haben.

„Hat dich Steinhardt wenigstens ein wenig ausschlafen lassen, mh?", kam es seitlich von ihrem Platz – ah, Remus saß auch mit am Mittagstisch, gut zu wissen.

„Darauf hab ich's nich ankommen lassen, du weißt wie er die Sache mit ‚unkonventionellen' Schlafzeiten hält", und das, wo er mit tausenden von Vampiren zu tun hatte. „Die Couch im Kaminzimmer ist übrigens bequemer, als sie aussieht. Ach so, danke, Mrs Weasley, für die Decke."

Mrs Weasley, die gerade den Teller ihres Mannes und den eigenen in die Spüle gestellt hatte, schaute verwirrt zu ihr rüber.

„Du hast im Kaminzimmer geschlafen?", fragte sie und nicht einer im Raum schien von davon gewusst zu haben.

„Zwei Meter vom Kamin bis zu einem Schlafplatz, um halb vier in der Früh unschlagbar", antwortete Luciana und entzündete einen Glimmstängel, als auch endlich Ronald die letzten zwei Löffel Eintopf in seiner Fressluke hatte verschwinden lassen.

„Kingsley und Severus haben sich um fünf Uhr morgens die Klinke in die Hand gegeben", sagte Mr Weasley seufzend und zitierte damit anscheinend einmal mehr eins der ‚Muggelsprichwörter' aus seinem gesammelten Werk, das er von seiner Frau zum letzten Weihnachtsfest geschenkt bekommen hatte – und mit dem er dauerhaft anzutreffen war, „und wann Dumbledore in den letzten Wochen Schlaf gefunden haben soll, ist mir noch immer ein Rätsel, er ist heute erst nach dem Frühstück gegangen." Seine Frau und auch Remus nickten und wechselten dabei bedeutungsschwere Blicke – was auch immer das zu bedeuten haben mochte.

„Im Tagesprophet steht, dass sie nur einen der zwei Todesser identifizieren konnten", mischte sich plötzlich Potter ein. „Vielleicht wusste Shacklebolt mehr und Dumbledore hat auf ihn gewartet?"

Einen der zwei toten Todesser, die Kleinigkeit hatte Potter versäumt zu erwähnen – Bellatrix und ein Maskierter hatten es offenbar irgendwie geschafft, der knapp zwei Dutzend Mann starken Einheit der Aurorenzentrale zu entkommen, die anderen beiden hatten weniger Glück gehabt. Shacklebolt hatte sich maßlos darüber aufgeregt, dass seine Kollegen keine Gefangenen gemacht hatten und während des Kampfes etwas überschwänglich vorgegangen waren … Eine Schande, dass es nicht diese Lestrange-Hexe getroffen hatte.

„Gut möglich", sagte Black und schien einmal mehr begeistert von dem schier endlosen Mutmaßungstalent seines Patensohns. „Und er hat sicher auf mehr Informationen über den Besitzer des Horkruxes gewartet, Mr Smy-„

„Wer hilft mir heute bei der Weihnachtsdekoration?", schnappte Mrs Weasley dazwischen und nahm Luciana somit glücklicherweise die Aufgabe ab, Blacks großes Plappermaul zu stopfen – allerdings sahen Potter, Ronald und auch Granger nicht danach aus, als sei die Sache mit dem Horkrux oder dem Patienten Neuigkeiten für sie, dementsprechend hatte Black wohl schon heute Morgen ganze Tratscharbeit geleistet. Was auch immer, solange sie sich nicht mit den Konsequenzen herumplagen musste.

Ginevra (die sie erst jetzt bemerkte, wann war bitte der jüngste Weasley-Spross im Grimmauldplatz eingetroffen?) und Granger sprangen sofort auf den Vorschlag an, für ein wenig Weihnachtsstimmung zu sorgen und selbst Black und Potter zeigten sich nicht weiter ambitioniert, irgendwelche Theorien über das Wissen oder die Pläne einiger Ordensmitglieder aufzustellen. Ihre Hoffnung, nun eine weitaus ruhigere Küche und eine zweite Tasse Kaffee genießen zu können, wurde allerdings in dem Moment zerschlagen, als das Goldene Trio mit Ginevra und Black im Schlepptau in den ersten Stock liefen, um in der Besenkammer die Kisten mit der Deko zu besorgen, da Mrs Weasley irgendwann, nachdem sie den Tisch vollständig abgeräumt hatte, neben ihrem Platz stehen blieb.

„Du kannst dir mit Hermine und Ginny das Kaminzimmer vornehmen", bemerkte sie in einer Tonlage, als sei das schon beschlossene Sache. „Die Jungs übernehmen die Flure, bis auf dem im Erdgeschoss, da sollte eine weibliche Hand ran."

„Ehm – eigentlich muss ich noch das Protokoll für die Sitzung gestern fertig machen und –„

„Papperlapapp", wurde sie unterbrochen, die offensichtliche Empörung über Lucianas Aussage untermalte Mrs Weasley zudem mit in die Hüfte gestemmten Armen. „Dein Patenonkel kann sich bis nach den Feiertagen gedulden", nein, konnte er nicht, „und ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie sehr es dir letztes Jahr gefallen hat, Weihnachten in einem ordentlich geschmückten Haus zu verbringen. Also komm schon, Kindchen, auf, auf!"

Luciana erhob sich mit einem wehleidigen Seufzen, warf noch einen letzten, hilfesuchenden Blick zu Remus (der blitzschnell Mr Weasley in ein Gespräch verwickelte) und verließ ebenfalls die Küche in Richtung des ersten Stockwerks. Dabei hatte Mrs Weasley gar nicht mal unrecht – in der Weihnachtszeit im letzten Jahr hatte sie sich vor Begeisterung ob all der festlichen Stimmung gar nicht mehr einkriegen können, aber bei all dem, was in der Zwischenzeit geschehen war, hinterließ diese, schon jetzt sehr aufgesetzt wirkende Feierlaune, einen sehr faden Beigeschmack. Auch wenn sie es niemals vor irgendwem zugegeben hätte, langsam brachte sie etwas mehr Verständnis für Gabriel und seine Antipathie für diese Jahreszeit auf. Immerhin schien es dem Schwarzen Führer bislang am Allerwertesten vorbeizugehen, dass zum ‚Fest der Liebe' keine Überfälle, Entführungen und Mordanschläge gehören sollten. Vielleicht würde er sogar so weit gehen, gerade die Gelegenheit beim Schopfe zu packen und ein, zwei seiner Pläne zu genau dieser Zeit in die Tat umzusetzen, wenn erstens keiner damit rechnete und zweitens fast jeder Zuhause bei seiner Familie war?

Im ersten Stockwerk angekommen, hatte sich Luciana mit all diesen Gedankengängen die Stimmung derart selbst verhagelt, dass sie gesichtsausdruckstechnisch beinahe nicht mehr von dem grimmigen Hauselfen der Blacks zu unterscheiden war, dem man gerade aufgetragen hatte, gleich zwei der affig schweren Dekorationskisten ins Erdgeschoss zu bringen. Black war dabei auf die glorreiche Idee gekommen, Kreacher eine Weihnachtsmütze auf den Kopf zu setzen, was ein Gesamtbild abgab, aus dem Albträume gemacht waren.

„Du musst dir übrigens nicht alles von ihm gefallen lassen", bemerkte Luciana, nachdem sie die überfüllte Kammer verlassen hatte, dann zog sie mit ihrer freien, linken Hand dem tattrigen Hauself die Mütze vom Kopf und schmiss diese in einen der beiden offenen Kartons, von welchen sie ihm auch gleich einen abnahm (die Teile waren fast so breit wie Kreacher hoch war, dazu war er nicht einmal auf die Idee gekommen, ein wenig magische Hilfe beim Schleppen anzuwenden und als er bei der dritten Stufe mächtig ins Wanken gekommen war, hatte sie den Anblick nicht mehr ertragen können).

„… wenn die Herrin ihn so sehen könnte, garstige kleine Schlammblüter und Blutsverräter, Abschaum … so gehen sie ein, Tag ein Tag aus, das ehrenvolle Haus meiner Herrin, was würde sie nur sagen, wenn …", murmelte Kreacher sein nicht enden wollendes Mantra aus Verwünschungen und Beleidigungen neben ihr, aber schien ohne die Kopfbedeckung nicht mehr ganz so motiviert, jedem einzelnen Bewohner des Hauses im Schlaf die Kehle aufzuschlitzen. Selbstverständlich ging er mit keinem Wort auf ihre Bemerkung ein, Luciana war sich nicht einmal sicher, ob er nach all den Jahren alleine in dem Haus (bis auf das kratzbürstige Portrait seiner längst verstorbenen Herrin, welches ihm unentwegt die unsinnigsten Aufgaben auftrug, wenn die Vorhänge mal wieder nicht das Gemälde verdeckten), überhaupt noch eine einzige Tasse im Schrank hatte.

Im Kaminzimmer stellte der Hauself die Kiste in seinen Armen mit einem Scheppern auf dem Holzdielenboden ab, warf Granger, die ihn ganz besonders mitleidig musterte (was sie fast ständig tat und dabei nicht zu bemerken schien, dass dies seine Schimpftirade in wirklich beunruhigende Bahnen lenkte), einen sehr angewiderten Blick zu und schlurfte dann in gebückter Haltung brabbelnd aus dem Raum. Wahrscheinlich um sich irgendwo auf die Lauer zu legen und die Hausbewohner auszuspionieren, so, wie er sonst den Großteil seines Tages verbrachte.

Luciana und Granger (Ginevra war oben bei den Jungs geblieben; anscheinend war sie, wie ihre Mutter, ebenfalls der Meinung, dass die männliche Fraktion nicht in der Lage war, eigenständig den Dekorateur zu spielen) machten sich zunächst schweigend daran, das viele Lametta, die Zuckerstangen und Sterne aus Glas sowie allen möglichen, undefinierbaren Kram in einer halbwegs geordneten Reihenfolge auf dem Boden zu verteilen, bevor Granger mit Eifer begann, ihre Wingardium-Leviosa-Skills in ungeahnte Bestform zu bringen. Im Gegensatz zu Luciana, die mit ihren Gedanken noch immer bei Mr Smythe, seiner kleinen Sammlung in der Kiste und dem Todesser-Angriff war und in diesem Augenblick überlegte, ob sie (insofern sie Mrs Weasley entwischen konnte), einen kleinen Abstecher zum St.-Mungo machen sollte, um dort nach dem Zustand von Heiler Denebola zu fragen.

„Ich denke Harry hat eingesehen, besser niemanden vom Ministerium zu warnen, du weiß schon, wegen der Vielsafttrank-Sache", sprach Granger plötzlich in den stillen Raum hinein und lotste eine Santa-Figur mit abgebrochener Nase auf den Kaminsims.

„Ja, wahrscheinlich weil Dumbledore ihn sich vorgenommen hat", meinte Luciana – dabei war sie ziemlich sicher, dass es genauso abgelaufen sein musste. Immerhin hatte sie Dumbledore letzte Woche, gleich bei der ersten Gelegenheit, für ein knappes Vier-Augengespräch auf die Seite gezogen und ihm gesteckt, dass Potter, zur Abwechslung, kurz davor gewesen war, eine mittelschwere Katastrophe herbeizuführen.

„Er hat ihm ins Gewissen geredet, ja." Die nächste silberfarbene Girlande wurde von Granger via Zauberstabwink um die Vorhangstange geschlängelt – das Zimmer glich mehr und mehr einer abstrakten Mischung aus Ramschladen und einem nachgebauten Resident Evil Setting. „Aber er war ganz und gar nicht begeistert. Bei den Denkariumsstunden treten Dumbledore und er auch auf der Stelle, das muss alles sehr frustrierend sein."

„Sie treten auf der Stelle?", fragte Luciana überrascht – bisher hatte sie gar nicht mehr darüber nachgedacht, dass Potter zusammen mit dem Schulleiter eine sehr anschauliche Erinnerungstour durch den Lebenslauf des Schwarzen Führers unternahm. Allerdings war ihr Schädel auch ohne diese Zusatzinformation zum Bersten gefüllt und dauerbeschäftigt.

„Harry meinte, dass Dumbledore alle möglichen Erinnerungen von verschiedenen Leuten über du-weißt-schon-wen gesammelt hat, aber da gibt es wohl eine Lücke."

„Eine Lücke …"

„Eine große Lücke, wenn du mich fragst. Von Anfang der fünfziger, bis Ende der sechziger. Keiner scheint so recht zu wissen, wo du-weißt-schon-wer all die Jahre war und was er in der Zeit angestellt hat."

„Wir gehen mal nicht davon aus, dass er eine Karriere als Handlungsreisender eingeschlagen hat." Granger lächelte schief, wobei Luciana selbst bei diesem Flachwitz wohl keinerlei Regung gezeigt hätte. Nein, sie war heute wirklich nicht in Top-Form. „Mit anderen Worten, Dumbledore hat keine Ahnung, wo die anderen Horkruxe sein könnten, geschweige denn, was es für Gegenstände sind."

„Ja, ich denke das ist das Problem."

„Nein, das Problem ist wohl eher, dass der alte Kauz all die hübschen Details vom Schwarzen Führer mit einem sechszehnjährigen Schüler teilt und sich davon anscheinend den großen Durchbruch verspricht, anstelle mal eine große Denkariumsvorführung zu veranstalten und wenigstens die Kompetentesten im Orden einzuweihen", Granger warf ihr einen scharfen Blick zu. „Remus, Shacklebolt, Charlie, Snape, Bill, sogar Tonks – ich spreche nicht von mir. Wenn er meint, mit diesen Erinnerungen das Seelenpuzzle zusammen zu bekommen, dann sicher nicht Mithilfe von Mr Branding. Nichts für ungut."

Die nächsten drei Sterne flogen mit rasanter Geschwindigkeit auf die Wand zu und anstatt an dem Kronenleuchter hängenzubleiben, durchbohrten ihre Spitzen die Tapete und blieben dort stecken. Mh, vielleicht sollte sie vor Granger ihre große Klappe etwas in Schach halten.

„Luciana, Harry hat in den letzten Jahren sehr viel durchgemacht, wenn man genau sein möchte, schon seitdem er ein Baby ist." Luciana atmete tief durch – okay, diese Schimpftirade plus eingefügter Belehrung hatte sie selbst herbeigeführt, glücklicherweise war sie diese Art von Monolog seit über einem Jahrzehnt von ihrem Paten gewohnt, dementsprechend einfach stellte sie ihre Ohren für die folgende halbe Stunde auf Durchzug. Irgendwann war auch das letzte Lametta-Band im Raum verteilt und im Flur stellte Granger endlich ihren Lobesgesang auf Potter ein, nachdem Mrs Weasley zu ihnen gestoßen war und sie sich daranmachten, auch den Flur in einen einziges, blinkendes und glitzerndes Weihnachtskabinett zu verwandeln.

Gegen Abend, als das erste Mal ein kleines Zeitfenster offen geworden war, um sich möglicherweise ungesehen aus dem Staub Richtung St.-Mungo machen zu können, fielen die Zwillinge ins Haus ein und drückten der bisherigen, schon an der Stückzahl eigentlich unübertreffbaren Dekoration noch eine ganz eigene ‚Weasley-Note' auf. Was nichts anderes zu bedeuten hatte, als dass sie jeden, wirklich ausnahmslos jeden Türrahmen mit einem Mistelzweig ausstatteten (der sich auf das turtelnde Paar mit stinkendem, kaum abwaschbarem Bundimun-Sekret erbrechen würde, sobald es zu einem Aufeinandertreffen von Mündern kommen würde), die Weihnachtsmützen, welche überall auf Tischchen, Schränken und Sideboards verteilt lagen, so verzauberten, dass sie einem die Haare für mindestens zwölf Stunden in Neonfarben einfärbten und die Weihnachtskugeln am Baum in der Küche in einem unbemerkten Zeitraum mit täuschend gleich aussehenden vertauschten, die in unregelmäßigen Abständen immer wieder kleine Minikugeln auf dem Küchenboden verstreuten, auf denen man wunderbar ausrutschen und sich das Genick brechen konnte. Zu diesem Anlass änderte Luciana ihre Pläne und begleitete die Zwillinge auf Schritt und Tritt durch das Haus, unter dem Vorwand ihnen ‚helfen' zu wollen, damit sie nicht selbst in den nächsten Tagen Opfer einer dieser vielen kleinen Scherze und Juxe (Anschläge, tödliche Fallen) werden würde.

Die Freude über Dädalus Diggel, der den Kampf mit dem selbstklebenden und schlingendem Lametta vom Kamin verloren hatte und dementsprechend glitzernd und farbenfroh die Küche zum Abendbrot betrat, währte nicht lange, da zwei Schleiereulen genau diesen Zeitpunkt wählten, die Spätausgabe der magischen Zeitung auf dem Tisch abzuwerfen – das Titelblatt zierte Madam Graul, die panisch in einer Dauerschleife in die Kamera des Fotografen blickte und mit einer Hand einen Patienten am Weglaufen hinderte, während sie offenbar mit einem Reporter sprach. Bevor Luciana die Überschrift ganz erfassen konnte, zwickte ihr der federreiche Postbote vehement in die Hand. George neben ihr übernahm es, die paar Knuts in das Säckchen am Bein der Eule zu stopfen, dann verschwand das Federvieh so schnell, wie es gekommen war.

„Was, schon wieder das St.-Mungo?", schnappte Fred, doch da war sie schon in dem Artikel vertieft.

Terror im St.-Mungo

- Zweiter Einbruch in 24h -

Die Abteilung für Fluchschäden und Zauberunfälle des St.-Mungos, London, hat kaum einen Tag nach dem Todesseranschlag (wir berichteten auf der Titelseite in der heutigen Morgenausgabe) aufatmen können, als in den frühen Mittagstunden das zweite Mal gewaltsam in die Station eingebrochen wurde.

Laut Mr Dimford, Leiter des hausinternen Sicherheitsdienstes, haben sich zwanzig Unbekannte gegen elf Uhr dreißig Ortszeit Zutritt über den scharf bewachten Besucherzugang verschafft und innerhalb von Minuten sämtliche Wachen und eine Einheit der Aurorenzentrale überwältigt, die seit Freitagabend als zusätzliche Schutzmaßnahme auf allen Ebenen des Hospitals verteilt waren. Was danach im Einzelnen geschehen ist, lässt sich nur schwer zusammenfügen, da derzeit davon ausgegangen werden muss, dass das Personal, wie auch einige Patienten, mit einem Vergessenszauber belegt worden sind. Madam Graul (Titelbild) beklagt jedoch den Verlust eines Patienten, der in ein paar Tagen in die Janus-Thickey Station als Langzeitpatient aufgenommen werden sollte. Da es sich um einen bettlägerigen Zauberer mittleren Alters handelt, gehen die Heiler nicht davon aus, dass der Mann selbstständig das Krankenhaus verlassen haben könnte. Aus datenschutzrechtlichen Gründen ist das St.-Mungos leider nicht dazu befugt, dem Tagespropheten Auskunft über Name und Herkunft des Patienten zu erteilen, am Ende des Artikels finden Sie jedoch eine Vermisstenanzeige mit passender Personenbeschreibung.

Luciana brauchte weder den Artikel zu Ende lesen, noch einen Blick auf die Vermisstenanzeige werfen, um zu wissen, wen man ein paar Stunden nach der Todesserattacke aus der Station entführt hatte. Dazu war es für sie kein großes Rätsel, wer dafür verantwortlich war. Es gab nur eine Art von Personengruppe, die lautlos und ungesehen ein Gebäude voller Zauberer stürmen konnte und spurlos in rekordverdächtiger Geschwindigkeit wieder von der Bildfläche verschwand. Die Zeitung landete mit einem Knall auf dem Tisch, ihr Stuhl ratschte hart über den Boden, als sie in einer fließenden Bewegung aufstand, ihr Handy aus der Hosentasche zog, es vergrößerte und die Schnelltaste drückte – bevor eine Stimme an der anderen Seite der Leitung zu hören war, hatte Luciana die Küche verlassen und war die halbe Treppe auf dem Weg zum Kaminzimmer hinauf gestampft.