25. Bis der Sturm endet
Nach einem weiteren Besuch unter dem Wasserfall und einem weiteren geleerten Seifenflakon trocknen wir uns gegenseitig ab, suchen unsere Sachen zusammen und ziehen uns in unser Quartier zurück, wo Chili uns maunzend willkommen heißt. Sie hat sich der Länge nach quer über das Lager ausgestreckt, und obwohl das Bett nicht gerade klein ist, ragen ihre großen Pranken an jeder Seite ein Stück darüber hinaus.
"Mach dich nicht so breit, Süße", kommandiere ich liebevoll, "geh woanders schlafen!"
Chili grinst ihr breites Katzengrinsen, zeigt die perligen Reihen ihrer schneeweißen Zähne, erhebt sich geschmeidig und lässt sich demonstrativ auf der linken Seite des Bettes nieder, legt den breiten, schweren Kopf auf die ausgestreckten Vorderläufe und beobachtet uns aufmerksam aus ihren hellgoldenen Augen, wartet ab, ob sie damit durchkommt.
Resigniert zucke ich die Achseln und blicke zerknirscht zu Rurik hinüber, der die Szene mit amüsiert erhobener Braue verfolgt.
"Hast du etwas dagegen, wenn sie mit im Bett schläft? Ich weiß, ich habe sie furchtbar verwöhnt..."
"Solange sie nicht darauf besteht, sich zwischen uns zu legen, kann sie von mir aus schlafen, wo sie will - der Platz wird schon reichen", antwortet er. "Ich werde mich bestimmt nicht mit einem ausgewachsenen Pirscher anlegen - eine Wildkatze reicht mir völlig", fährt er fort und schenkt mir ein vielsagendes Lächeln, bei dem mir schon wieder ganz warm wird.
Chili, die ganz genau weiß, dass sie gewonnen hat, rollt sich zufrieden schnurrend auf den Rücken, streckt sich lang aus, hält uns ihren flauschigen weißen Bauch entgegen und verlangt, gekrault zu werden. Lächelnd lege ich mich zu ihr und tue ihr den Gefallen, woraufhin sie sich noch länger macht und genussvoll alle Viere von sich streckt. Rurik lässt sich neben mir nieder, legt einen Arm um mich und streichelt mit der anderen Hand Chilis weichen Pelz, die ihr Schnurren daraufhin noch eine Nummer lauter stellt.
"Ich bin froh, dass sie dich gern hat", bemerke ich lächelnd, während ich mich hochrecke, um eine von Chilis dicken Tatzen zu kitzeln.
"Ich auch", entgegnet er. "Ich vermute, meine Chancen bei dir wären gleich Null gewesen, wenn sie mich abgelehnt hätte."
"In der Tat... Leuten, die Chili wirklich ablehnt, gehe ich aus dem Weg. Ihre Menschenkenntnis ist absolut unfehlbar. Ihre normale Haltung gegenüber anderen Menschen ist eine Art wachsame Gleichgültigkeit, aber es kommt vor, dass sie jemanden partout nicht leiden kann, das ist für mich dann Grund genug, auf Abstand zu gehen", erkläre ich. "Noch seltener passiert es allerdings, dass sie jemanden wirklich ins Herz schließt – so wie dich."
Sein Lächeln wird noch eine Spur weicher. "Ich bin froh, dass du sie hast, Tari."
Ich lasse Chilis Tatze los und drehe mich zu ihm um, zupfe vorsichtig eine meiner langen Haarsträhnen vor, die sich dabei unter meiner Schulter eingeklemmt hat.
"Wie meinst du das?"
"Es beruhigt mich zu wissen, dass sie an deiner Seite ist und dich beschützt, wenn ich gerade nicht bei dir sein kann", antwortet er und versenkt seinen warmen Blick in meinen, streicht mir zärtlich ein paar lange, feuchte Mähnenfransen aus der Stirn.
"Ja, das tut sie...", murmle ich nachdenklich. "Schade, dass du nicht auch einen hast."
"Einen was?"
"Einen Pirscher. Oder einen Wolf... einen absolut unbestechlichen Freund, mit Reflexen, die hundertmal besser sind als deine eigenen, der dich beschützt, wenn ich nicht in deiner Nähe bin."
Er lacht leise, dreht sich auf den Rücken und zieht mich mit hoch, so dass ich der Länge nach auf ihm liege und meine Mähne über seine breite Brust flutet. Chili maunzt protestierend, weil sie nun niemand mehr krault. Ich verschränke die Arme auf Ruriks Brust, lege mein Kinn darauf und schaue zu ihm hoch.
"Warum lachst du? Ich war oft genug mit dir zusammen in der Schlacht, um zu wissen, dass du unverschämtes Glück hast, dass du überhaupt noch lebst", sage ich leise und drehe den Kopf, um meine Wange an seine Brust zu schmiegen, genieße die Wärme seiner Haut, ziehe mit dem Finger sanft die Linie der bösartigen breiten, blassen Narbe nach, die sich von seinem Schlüsselbein hinab quer über seine Rippen zieht. Alles in mir krampft sich zusammen, als ich daran denke, was für furchtbare Schmerzen ihm diese Verletzung, die ihn vor Jahren beinahe das Leben gekostet hat, bereitet haben muss.
"Mich würde es auch beruhigen, wenn du einen Tiergefährten hättest, der immer an deiner Seite wäre – und der schnell genug ist, dass du ihn nicht einfach abhängst, so wie du es mit uns bisweilen tust", fahre ich fort und muss grinsen, obwohl ich es durchaus ernst meine. Mit den Fingerspitzen folge ich dem Geflecht bläulicher Adern, das durch die Haut seines muskulösen Arms schimmert, einige hauchfein, kaum auszumachen in dem diffusen Licht, andere dick wie Taue. Ich lege meine Lippen darauf, fühle sein Lebensblut darin fließen.
Wie verletzlich sind wir doch, wie zerbrechlich... wie schmal ist die Grenze zum Tod, nicht breiter als die Schneide einer Dolchklinge, wie wenig ist nötig, um das Leben eines jeden von uns zu nehmen in dieser Zeit des Krieges und des Blutvergießens... mir wird kalt.
"Du machst dir viel zu viele Sorgen, Tari", erwidert er und streichelt mein Haar, lässt seine Finger hindurchgleiten, wickelt sich eine lange Strähne um den Finger. "Ich bin nie allein. Es sind immer genug Männer hinter mir, denen ich absolut vertraue."
"So wie Vael zum Beispiel?" Ich rutsche soweit hoch, bis meine Lippen seine Wange berühren.
"Ganz besonders wie Vael", entgegnet er und dreht den Kopf, so dass sein Mund nur wenige Millimeter von meinem entfernt ist. Mit Gewalt ignoriere ich das Feuer, das schon wieder durch meine Adern lodert, will das Thema weiter verfolgen und mich nicht ablenken lassen.
"Der Mann ist mir unheimlich", erkläre ich und ziehe die Brauen zusammen. "Ich möchte ihm nicht allein im Dunkeln begegnen. Ist er in Cantha ausgebildet worden?"
"Ja, natürlich. Hier in Tyria gibt es keine Meister, bei denen man die Künste der Assassinen erlernen kann."
"Wie lange kennst du ihn schon?"
"Viele Jahre. Wir haben an der Akademie von Drascir zusammen studiert. Schon damals hat er davon geträumt, nach Cantha zu reisen und sich im Kloster von Shing Jea zum Assassinen ausbilden zu lassen. Eines Tages hat er es wahrgemacht... er war mehrere Jahre weg, kam kurz vor dem Großen Feuer zurück."
"Ist das alles, was du über ihn weißt?"
"Das ist die Kurzfassung. Er ist mein Adjutant, Tari, und ein Freund. Du hast wirklich keinen Grund, argwöhnisch zu sein. Du kannst ihm vollkommen vertrauen."
"Und es kommt dir nicht komisch vor, dass es jemandes größter Traum ist, sich zum Meuchelmörder ausbilden zu lassen? Nicht mal ein kleines bisschen? Wie muss jemand beschaffen sein, der solche Wünsche hat?", entgegne ich und runzle zweifelnd die Stirn.
Rurik seufzt leise – wahrscheinlich gehe ich ihm auf die Nerven mit meiner misstrauischen Fragerei, überlege ich flüchtig, während er mich auf den Rücken rollt und seinen Oberkörper über meinen legt.
"Das sind doch semantische Spitzfindigkeiten", erwidert er, nachdem er mich mit seinem Gewicht in den rauhen Dolyakfellen, die das Bett bedecken, festgenagelt hat, und streichelt mit den Fingerspitzen behutsam über die Linie meiner Augenbrauen, um seine Hand dann über meine Schläfe hinweg in meine Haare gleiten zu lassen. "Vael tut, was getan werden muss. So wie ich, und so wie du. Er tut es nur lautloser, schneller, effizienter. Aber das Ergebnis ist das gleiche."
"Assassinen begehen Auftragsmorde", beharre ich, "dafür werden sie ausgebildet. So viel weiß sogar ich. Was für eine Art Mensch wünscht sich, ein Auftragskiller zu werden? Tut mir leid, ich finde das irgendwie... abartig."
Rurik seufzt erneut, und ich frage mich, ob ich den Bogen möglicherweise gerade etwas überspanne.
"Haarspalterei, Tari", entgegnet er, die aufkeimende Ungeduld in seiner Stimme ist nicht zu überhören. "Wie viele hast du getötet? In meinem Auftrag? Im Auftrag des ascalonischen Volkes?"
"Das ist was anderes...", setze ich an, doch er legt einen Finger auf meine Lippen.
"Schsch. Tod ist Tod, ob dein Pfeil ihn bringt oder ein heimlicher Dolch. Du kannst Vael vertrauen, er würde niemals etwas tun, was mir schadet. Oder dir, Tari. Reicht mein Wort dir nicht?"
Zeit, klein bei zu geben, denke ich seufzend, ich will mich nicht mit ihm streiten, dafür bin ich viel zu froh, wieder bei ihm zu sein. "Doch... in Ordnung. Wenn du es sagst. Trotzdem ist mir nicht wohl in seiner Nähe... ist dir nicht aufgefallen, wie er mich heute nachmittag angesehen hat? Als ob er mich mit seinen Blicken aufspießen wollte." Ich winde mich unbehaglich unter Ruriks Gewicht, das mir allmählich die Luft abschnürt. Er stützt sich auf die Ellbogen, um mich nicht zu erdrücken, und lacht leise.
"Das ist alles, was du ihm vorwirfst? Dass er dich angesehen hat? Das müsste ich ihm eigentlich übelnehmen, aber wie könnte ich das", seine Stimme wird leise und rauh, sein Blick versenkt sich warm und zärtlich in meinen, "ich kann ja selbst die Augen nicht von dir lassen."
Ich setze zu einer Antwort an, aber ich komme nicht weit, denn er erstickt alles, was ich eventuell noch zu sagen hätte, in einem sanften Kuss, der rasch drängend und fordernd wird. Sofort lodern die Flammen des Verlangens wieder zwischen uns auf. Mit einem Knie drückt er sanft, aber mit Nachdruck meine Beine auseinander, gleitet dazwischen und drängt mir entgegen, ich spüre seine neu angefachte Erregung. Meine Augen schließen sich, während meine Hände über die angespannten, harten Muskeln seines breiten Rückens streicheln, ich lasse mich berauschen von der seidigen Glätte seiner Haut, von seiner Wärme, seiner Nähe, dem raschen Schlag seines Herzens. Ich schlinge die Beine um ihn, öffne mich für ihn, und keuche leise auf, als er sich mit mir vereinigt. Die ganze Welt, inklusive Vael und aller Assassinen dieser Erde, ist vergessen, versunken im Ozean der Leidenschaft, der uns davonträgt, uns auf eine andere Ebene des Seins transportiert, auf der es nur noch uns beide gibt, verschmolzen zu einer einzigen Existenz.
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Chilis dunkles, tiefes Grollen, welches das ganze Bett vibrieren lässt, weckt mich aus tiefem Schlaf. Mit einem Ruck fahre ich hoch, entgleite dadurch dem festen Griff von Ruriks Armen, auf dessen Brust ich eingeschlafen war. Er ist sofort hellwach.
"Was ist los, Tari?"
Ich betrachte aufmerksam meine neben mir liegende Pirscherin, die, jeden Muskel angespannt, knurrend auf die Tür blickt.
"Es kommt jemand", erkläre ich, setze mich auf, reibe mir den Schlaf aus den Augen und fahre mit den Fingern durch meine verwirrte, schweißverklebte Mähne.
"Wirklich? Ich kann nichts hören... leg dich wieder hin." Er zieht mich wieder herunter auf seine Brust, streichelt meinen Rücken.
"Ich höre auch nichts, aber Chili. Wir sollten aufstehen", entgegne ich bedauernd. Sanft lasse ich meine Fingerspitzen durch seine Brusthaare gleiten, die im matten Licht der Bergkristallampen wie Fäden aus gesponnener Bronze schimmern. "Ich würde auch lieber noch liegenbleiben..."
"Wie spät mag es sein? Hier drin verliert man jedes Zeitgefühl."
"Etwa eine Stunde nach Tagesanbruch", entgegne ich und versuche schweren Herzens, mich wieder aufzusetzen.
"Und woher weißt du das?", fragt er lächelnd.
"Ich weiß es eben", erwidere ich schulterzuckend, während Chilis Grollen an Intensität zunimmt. "Als Waldläufer lebt man im Einklang mit der Natur, der Tag- und Nacht-Zyklus fließt in unserem Blut, völlig egal, wo wir uns befinden, und sei es noch so tief unter der Erde."
Ich winde mich aus Ruriks Griff, pelle mich aus den Decken und schlüpfe rasch in das Beinkleid meiner Rüstung. Nun hämmert es endlich an der Tür, ich drehe mich zu Rurik um, der sich inzwischen ebenfalls aufgesetzt hat und jeder meiner Bewegungen mit den Augen folgt, und werfe ihm einen "siehst du, was habe ich gesagt"-Blick zu, während Chili mit drei langen, geschmeidigen Sätzen bei der Tür ist.
Ich ziehe mir schnell das Oberteil meiner Rüstung über, gehe zur Tür und schiebe den Riegel zurück, öffne sie und lasse Chili den Vortritt. Wer auch immer draußen steht, wird sich erst mit ihr auseinandersetzen müssen.
Vor der Tür steht Vael, der, mit knapp drei Zentnern Katze konfrontiert, vorsorglich einige Schritte zurücktritt, was ihn allerdings nicht daran hindert, mich von meiner zerzausten Mähne bis hinunter zu meinen nackten Füßen eingehend zu mustern.
"Grüße, Tari Calenardhon", sagt er mit knappem Nicken und fährt fort, seine tiefdunklen Augen interessiert über meine Rundungen gleiten zu lassen, was mich eher belustigt als verärgert, dennoch kann ich eine leichte Gänsehaut nicht abschütteln. Ich beobachte gespannt Chilis Reaktion auf ihn, aber sie zeigt nichts als ihre übliche gespannte Wachsamkeit, keine Spur von ausgeprägter Antipathie. Immerhin, denke ich erleichtert. Dann kann er zumindest kein ganz schlechter Kerl sein.
"Was kann ich für Euch tun, Vael?"
"Darf ich eintreten?", fragt er und macht einen Schritt auf mich zu.
"Nein", entgegne ich liebenswürdig, während Chili sich vor mir aufbaut und probehalber einen Reißzahn aufblitzen lässt.
"Nun gut", erwidert Vael und weicht wieder einen Schritt zurück, eine Spur von Ärger flammt in den nachtschwarzen Augen auf. "Dann richtet Prinz Rurik aus, dass er sich zu einer taktischen Besprechung im Quartier von Brechnar Eisenhammer einfinden möge. Es eilt."
"Aye, das werde ich", antworte ich mit höflichem Nicken, bedeute Chili, wieder hereinzukommen und schließe die Tür.
Ich wende mich zu Rurik um, der in seine Hosen aus weichem, schwarzem Leder gestiegen ist und sich mit der Verschnürung abmüht.
"Lass mich das machen", sage ich lächelnd und trete zu ihm. "Das war Vael", fahre ich fort, während ich geschickt die Knoten knüpfe.
"Ich weiß, ich habe alles gehört. Du hättest ruhig etwas verbindlicher sein können, Tari."
"Ich wüsste nicht, wo ich es an Verbindlichkeit hätte fehlen lassen", entgegne ich und zucke die Achseln, lasse angelegentlich meine Fingerspitzen sanft über seine harten Bauchmuskeln gleiten und lächle, als ich höre, wie er zischend den Atem einzieht.
"Du hättest ihn hereinbitten können", erwidert Rurik und hält meine streichelnden Finger fest, angelt nach seiner Tunika.
"Wenn wir noch nicht mal aufgestanden sind? Das schien mir nicht sehr passend", erkläre ich mit vielsagendem Blick auf das zerwühlte Bett.
Lächelnd folgt er meinem Blick. "Vermutlich hast du recht", entgegnet er und schlüpft in seine hohen schwarzen Stiefel, während mich meinem Gepäck zuwende, meine Haarbürste herausfische und mit dem Entwirren meiner Mähne beginne.
Er stellt sich hinter mich, so dass mich die Wärme seines Körpers einhüllt, nimmt mir die Bürste aus der Hand und zieht sie vorsichtig durch meine Haarpracht, mit langen, sanften Strichen, bis mir die langen Strähnen locker und wie poliertes Mahagoni schimmernd um die Schultern fallen. Er dreht mich zu sich um und zieht mich an sich, streichelt zärtlich mit den Fingerspitzen über meine Wange und meinen Hals, versenkt seine Augen in meine.
"Du bist so wunderschön", flüstert er rauh, "und du bist das Beste, was mir je passiert ist. Ich bin so unbeschreiblich glücklich mit dir."
Ich schlucke hart und schließe die Augen, Rührung schnürt mir die Kehle zu. "Ich liebe dich so sehr", wispere ich, lege die Arme um ihn und presse mein Gesicht an seinen Hals. Für eine kleine Weile stehen wir so, eng aneinandergeschmiegt, bis er sich schließlich mit einem leisen Seufzer des Bedauerns aus meinen Armen löst. Er nimmt meine Hände in die seinen, küsst sanft meine Fingerspitzen.
"Ich muss gehen, Tari. Wo finde ich dich nachher?"
"Das kommt darauf an, wie lange du brauchst", überlege ich. "Ich gehe jetzt erstmal nach draußen vor das Tor, damit Chili ein bisschen jagen kann. Dann muss ich einen Langbogen kaufen, ich werde also die örtlichen Waffenschmiede aufsuchen... und danach werde ich nach Alesia und dem Rest meines Trupps Ausschau halten. Dazu brauche ich nur sämtliche Bierschänken abzuklappern, in einer davon werde ich zumindest Stephan finden", fahre ich grinsend fort. "Und vielleicht bekomme ich dort auch einen Becher Chai, den könnte ich jetzt gut gebrauchen."
"Noch ungenauer geht es nicht?", erwidert er und lächelt. "Dieser Ort ist riesig, Tari, wenn wir keinen Treffpunkt ausmachen, werde ich dich nie finden."
"Gut... wir könnten uns natürlich hier treffen, aber ich habe wenig Lust, stundenlang allein hier herumzusitzen, wenn deine Besprechung länger dauert... aber ich habe eine Idee. Ich werde dir Chili mitgeben, sie weiß immer, wo ich bin, und wird dich zu mir führen. Ich kann auch später mit ihr jagen gehen, oder ich besorge ihr zehn Pfund Dolyakgulasch aus einer der Garküchen."
Rurik hebt zweifelnd eine Braue. "Wird sie denn mit mir kommen?"
"Natürlich wird sie das. Du tust ihr eigentlich sogar einen Gefallen, wenn du sie mitnimmst, weil sie das Gewühl hier in den Höhlen hasst wie die Pest, und ich muss mich jetzt leider ins Getümmel stürzen, um alles zu besorgen, was ich brauche. Nimm sie ruhig mit, sie hat dich gern und sie wird auf dich aufpassen – und du kannst dich fast wie ein Waldläufer fühlen, also fast wie ein vollständiger Mensch", grinse ich frech.
"Du bist ziemlich unverschämt, Tari Calenardhon, hat dir das schon einmal jemand gesagt?", entgegnet er lächelnd und zieht mich neckend an den Haaren.
"Oh, viele", erwidere ich und strahle ihn an, stelle mich auf die Zehenspitzen und stehle noch schnell einen Kuss.
Dicht nebeneinander gehen wir durch den Gang nach draußen, zunächst ins Freie zur Straße hin, damit Chili ihre Katzengeschäfte erledigen kann. Noch immer wütet und heult der Blizzard mit ungebrochener Kraft, man kann kaum die Hand vor Augen sehen. Allmählich habe ich wirklich die Nase voll von Schnee, Eis und Sturm, denke ich missmutig, während Chili diskret hinter einem Kistenstapel verschwindet.
"Es sieht nicht so aus, als würde das bald aufhören", kommentiere ich mit kritischem Blick in den dunkelgrauen, schneeverhangenen Himmel.
"Ich werde heute versuchen, neue Informationen der Wetterkundigen einzuholen", entgegnet Rurik. Der Sturm zerrt an seinem bronzefarbenen Haar, während er mit zusammengezogenen Brauen in das Unwetter starrt. "Wir können nicht weiterziehen, so lange dieser Sturm tobt."
Nachdem Chili zu uns zurückgekehrt ist, gehen wir wieder hinein in den Stollen und begeben uns zur Großen Halle. Hier trennen sich unsere Wege, ich muss hinunter in die Halle, die sich zu dieser frühen Stunde gerade erst mit Menschen und Zwergen zu füllen beginnt, während Rurik mit Chili an seiner Seite die Empore der oberen Ebene entlangeilt, um in einem der zahlreichen davon abzeigenden Seitengänge zu verschwinden. Ich hatte Chili gar nicht erklären müssen, dass sie ihn begleiten soll, sie tat es von sich aus, als hätte sie jedes Wort unseres Gesprächs vorhin genau verstanden. Eine Welle unsagbaren Glücksgefühls durchströmt mich, während ich den beiden, die ich mehr als alles andere auf der Welt liebe, versonnen lächelnd hinterherschaue. Dwayna, Melandru, Balthasar – ich danke euch, bete ich stumm, ihr habt mich wahrhaft gesegnet!
Unten in der sich allmählich füllenden Halle bleibe ich zunächst stehen, um erneut die gigantische marmorne Drachenstatue zu bestaunen. Ich bewundere die feine Handwerkskunst, die dieses Meisterwerk geschaffen hat und frage mich, wann der Bildhauer wohl gelebt haben mag, und was sein Vorbild für dieses riesige Ungeheuer gewesen ist, oder ob er es in all diesen wundersamen Details allein seiner Fantasie nachgebildet hat. Erst nachdem ich mehrfach angerempelt werde und ein paar ärgerliche Kommentare einstecke, weil ich "dumm im Weg herumstehe und Maulaffen feilhalte", wie mir eine beleibte Flüchtlingsfrau liebenswürdig zublafft, während sie mich mit ihrem gewaltigen Vorbau resolut zur Seite schiebt, kann ich mich losreißen und setze meinen Weg fort. Von den Seitenarkaden der Halle zweigt eine Vielzahl an Gängen ab, die in weitere, ähnlich ausgebaute Höhlen führen, von denen dann ebenfalls wieder weitere Gänge abzweigen - es ist ein gewaltiges Labyrinth, das immer größer zu werden scheint, je tiefer man vordringt. Um nicht endlos viel Zeit mit mühseliger Sucherei zu verschwenden, frage ich einen der Händler, die ihren Stand in der Großen Halle selbst haben, nach dem örtlichen Waffenschmied und erfahre, dass es gleich sieben davon gibt. Ich lasse mir zu jedem eine genaue Wegbeschreibung geben, die so verwirrend ist, dass ich die Hälfte sofort wieder vergesse.
Nach und nach klappere ich jeden Waffenschmied ab, lasse mich von einem zum nächsten schicken, frage mich, wie viele Meilen ich wohl schon zurückgelegt habe, nachdem ich Gang um Gang und Höhle um Höhle erkundet und mich durch das immer dichter werdende Gewühl geschoben habe. Mir bricht allmählich der Schweiß aus, die Wärme hier unten und die wenig erbauliche Erfahrung, keinen Schritt tun zu können, ohne in unfreiwilligen Körperkontakt mit wildfremden Leuten zu geraten, macht mich hochgradig nervös. Ich bin heilfroh, dass ich Chili nicht dabei habe. Dieses Gedränge hätte ihre Laune für mehrere Tage auf den Gefrierpunkt sinken lassen.
Endlich erreiche ich den Stand des siebten und damit letzten Waffenschmieds in einer der abgelegeneren, kleineren Höhlen. Wie alle anderen, so ist auch dieser Stand dicht belagert von Menschen und Zwergen, und wie alle anderen auch, so hat auch dieser keine Langbögen in der Auslage.
Ich schlängele mich vorsichtig nach vorn, bemüht, keinem auf die Zehen zu treten, und winke dem Inhaber des Standes, einem knorrigen, stämmigen Zwerg von maximal vier Fuß Größe, dessen gewaltiger, rostfarbener Bart über eine speckige Lederschürze bis hinunter auf seine Oberschenkel fällt, um ihn auf mich aufmerksam zu machen.
"Was kann ich für Euch tun, kleine Lady?", fragt der Zwergenschmied mit tiefer, knarrender Stimme, während seine flinken, blaugrauen Augen mich von oben bis unten abschätzend taxieren. Kleine Lady ist gut, denke ich und bekomme beinahe einen Lachanfall.
"Habt Ihr Langbögen im Angebot, Meister Schmied?", frage ich höflich, immer noch bemüht, ein Kichern zu unterdrücken.
"Langbögen? Nein, kleine Lady. Lohnt sich nicht, welche vorrätig zu haben, die werden viel zu selten verlangt. Sie sind zu lang für unsereins, versteht Ihr", entgegnet er und lacht knatternd. "Aber ich hätte ein oder zwei Hornbögen und ein gutes Sortiment an Kurzbögen, wartet mal", ergänzt er und macht Anstalten, unter seinem Auslagentisch zu verschwinden, doch ich winke dankend ab.
Enttäuscht lasse ich den Kopf hängen, denn das ist ziemlich wortgetreu die gleiche Antwort, die ich von den anderen Waffenschmieden auch bekommen habe. Süße Melandru, das darf doch nicht wahr sein! An allen anderen Waffen herrscht geradezu ein Überangebot, aber ausgerechnet das, was ich brauche, ist hier partout nicht zu bekommen.
Resigniert schweifen meine Augen über den Auslagentisch, blicken flüchtig auf Kurzschwerter, Schilde, diverse Ein- und Zweihandstäbe samt dazugehörigen Foki und Tschakren, mustern mit sehr mäßiger Neugier das variable Angebot an Kurzbögen, und bleiben an einer etwa dreißig Zentimeter langen, schwarz lackierten Messerscheide hängen, aus der ein mit feinem schwarzem Seidenband umflochtener Griff herausragt.
"Darf ich mal sehen?", frage ich den Händler und greife nach dem Messer, als dieser nickt.
Die Scheide ist schlicht und unverziert, aus ganz glatt poliertem Holz, und mit einer dicken Schicht blauschwarzen Lacks überzogen. Neugierig ziehe ich die breite Klinge blank und staune - sie ist aus feinst damasziertem, bläulich schimmerndem Stahl geschmiedet. Fasziniert wende ich die leicht konkave Klinge im matten Licht der Bergkristallampen hin und her. Sie ist tiptop gepflegt, nicht ein Körnchen Rost klebt auf ihr. Die unzähligen Lagen dutzendfach gefalteten Stahls sind so fein, dass selbst meine scharfen Augen Mühe haben, sie zu erkennen. Der mehrere Millimeter breite Rücken der Klinge kontrastiert mit einer rasiermesserscharfen Schneide, parallel zu ihm verläuft auf einer Seite eine sauber geschliffene, mäßig schmale Hohlkehle. Die Spitze verbreitert sich in elegantem Bogen zur Schneide hinab, an der sich eine helle, gewolkte Härtelinie entlang zieht, deren Ausläufer bis hoch zur Mitte der Klinge reichen. Insgesamt mag die Klinge von der Spitze bis zum Griff etwa zwanzig Zentimetern messen. Ein schwarz brüniertes, eisernes Stichblatt, auf einer Seite mit dem fein durchbrochenen Muster zweier Blüten verziert, trennt die Klinge vom Griff. Drei kleine, untereinander stehende Schriftzeichen, die ich nicht entziffern kann, sind tief in eine Seite der Klinge nahe des Griffs eingelassen.
"Vorsichtig, kleine Lady, das ist so scharf, damit könnt Ihr Euch rasieren", warnt der Schmied und lässt ein meckerndes Lachen hören, während ich so verliebt mit der Fingerspitze über die Härtelinie der Schneide streichle, dass ich ganz vergesse, ihn zu fragen, ob er glaube, ich hätte das nötig.
Was für ein wunderschönes Stück, denke ich, ein richtiges kleines Kunstwerk....
Tari, was willst du mit einem Dolch, mahnt meine innere Stimme der Vernunft, du brauchst einen Langbogen!
Es gibt hier keine Langbögen, verteidige ich mich, außerdem habe ich keine Nahkampfwaffe mehr, seit ich mein Schwert an der Jakbiegung habe stehenlassen, und diese kleine Schönheit hier ist genau der richtige Ersatz dafür.
Natürlich verliert die Stimme der Vernunft diesen kleinen Zweikampf. Wie immer.
"Wieviel verlangt Ihr für diesen Dolch?"
"Zwanzig Platinbarren, kleine Lady, ein ganz spezielles Angebot, nur für Euch."
Ach du Schreck. Mir sinkt das Herz. Meine gesamten Ersparnisse aus zweieinhalb Jahren bei der Ascalon-Vorhut belaufen sich auf gerade mal sechzehn Platinbarren und ein paar Goldstücke. Also muss ich mein wenig geübtes Geschick im Feilschen unter Beweis stellen, um am Ende nicht vollkommen pleite dazustehen – aber ich muss diesen Dolch haben. Unbedingt.
Ich baue mich vor dem Zwergenschmied auf, stemme die Fäuste in die Seiten und schüttele entrüstet meine Mähne.
"ZWANZIG? Ihr wollt zwanzig Platinbarren für diesen mickrigen kleinen Zahnstocher? Mit dem Ding kann man ja nicht mal einen Fisch ausnehmen! Ich zahle Euch sieben, und damit tue ich Euch schon einen Gefallen!"
"Wollt Ihr mich ruinieren? Dieser Dolch wurde vom größten canthanischen Meisterschmied aller Zeiten gefertigt und hat einst dem Kaiser selbst gehört, Ihr glaubt gar nicht, was ich alles in Bewegung setzen musste, um ihn zu bekommen - und Ihr bietet sieben!" In übertriebener Verzweiflung rauft sich der Zwerg sein sich lichtendes Haupthaar. "Neunzehn Platinbarren und kein Goldstück weniger - aber nur, weil Ihr es seid!"
Und so geht es hin und her, der Zwerg bricht fast in Tränen aus, verweist auf seine Frau und seine zwölf Kinder, die ich offensichtlich an den Bettelstab zu bringen gedenke, während ich ihn empört des Wuchers und der unlauteren Bereicherung an einer redlichen, aber armen ascalonischen Soldatin bezichtige. Mittlerweile hat die Menge einen kleinen Kreis um uns gebildet und verfolgt interessiert unser verbales Duell. Schließlich einigen wir uns auf vierzehn Platinbarren, die ich - noch immer lautstark grummelnd über einen solch unverschämten Preis - aus meiner Geldbörse fische und in die schwielige Hand des Schmiedes abzähle. Danach schnappe ich blitzschnell den Dolch, stopfe ihn in den Schaft meines rechten Stiefels und mache mich durch das dichte Gewühl davon, ehe er es sich anders überlegt.
Während meine innere Stimme der Vernunft wieder zum Leben erwacht und gnadenlos auf mich eindrischt, weil ich fast meine gesamten Ersparnisse für einen Dolch ausgegeben habe, den ich eigentlich gar nicht brauche, klappere ich eine Bierschänke nach der anderen ab, bis ich endlich hinter einem großzügig angelegten, von Zwergen und Flüchtlingen umlagerten Getränkestand in einer der größeren Nebenhallen das leuchtende Weiß von Alesias Rüstung aufblitzen sehe. Endlich! Inzwischen ist meine Kehle staubtrocken von der Wärme hier und der ganzen Rennerei durch die Höhlen und Gänge. Mittlerweile dürfte es bereits Mittag sein, und ich hatte noch nicht mal einen Chai.
"Alesia!", rufe ich und winke ihr zu, als sie aufblickt. Lächelnd winkt sie zurück, während ich raschen Schrittes näherkomme. Ich sehe Stephan, Orion und Dunham neben ihr stehen. Stephan und Orion winken ebenfalls, Dunham wirft mir einen vernichtenden Blick zu und schaut anschließend Löcher in die Luft.
"Grüße, Tari! Lässt du dich auch nochmal blicken!" Stephan knallt seinen Bierkrug auf den niedrigen Schanktisch und seine Pranke auf meine Schulter, so dass ich hustend in die Knie gehe.
"Hätte nicht gedacht, dass du heute überhaupt aus dem Bett kommst – übrigens, du eierst!", fährt er fort und brüllt vor Lachen über seinen Witz, dessen Pointe mir einstweilen noch entgeht. Orion und Alesia fallen kichernd ein, während Dunham mit indigniert gerümpfter Nase tut, als wäre ich nicht da.
"Ich tue was?" Begriffsstutzig hebe ich eine Braue.
"Na, du eierst", Stephan geht zur Verdeutlichung ein paar o-beinige Schritte, wobei er so übertrieben mit den Hüften wackelt, dass sich alle erneut vor Lachen biegen. Außer Dunham, natürlich.
"So wie 'ne Frau eben eiert nach 'ner anstrengenden Nacht", feixt Stephan, begleitet von der nächsten Lachsalve.
Ich laufe dunkelrot an und muss kichern, während ich mich mit dem Hinterteil gegen den fleckigen Schanktisch lehne.
"Neidisch?", frage ich und grinse von einem Ohr zum anderen. Dunham neben mir erleidet einen Hustenanfall.
Stephan lacht dröhnend. "Auf wen - auf deinen Schatz? Bestimmt nicht - ich wette, der arme Kerl ist voller blauer Flecken, bei deinen vielen spitzen Knochen." Die breiten Finger seiner Riesenpranke drücken mitleidig an meinem Schlüsselbein herum.
"Der gute Stephan, reizend wie immer" entgegne ich und rolle grinsend die Augen. "Gibt's hier keine feschen Schankmädchen, die deinen entwaffnenden Charme zu schätzen wissen?"
"Keine Schankmädchen. Nur Zwerge, so wie der da." Stephan stößt einen tieftraurigen Seufzer aus und deutet auf den langbärtigen Zwerg, der hier das Bier zapft und nun endlich gesehen hat, dass ich nach ihm winke.
"Du tust mir richtig leid", kommentiere ich teilnahmsvoll, nachdem ich einen Chai bestellt habe. "Wenn wir erst in Kryta sind, wirst du bestimmt für alle Entbehrungen vollstens entschädigt. Die Krytanerinnen sollen ja sehr rassig sein - und von oben bis unten tätowiert", setze ich kichernd hinzu.
"Das sieht man eh nicht im Dunkeln", erwidert Stephan, wischt sich den Bierschaum vom Mund und rülpst diskret. "Hauptsache, es ist ordentlich was dran."
"Typisch." Grinsend puste ich in meinen heißen Chai, greife nach dem bereitstehenden Honig und lasse so viel hineinlaufen, dass die dunkle, aromatisch duftende Flüssigkeit beinahe über den Rand des schlichten Bechers aus glasiertem, rötlichem Ton schwappt.
Dunham unterdessen schenkt mir noch einen angeekelten Blick, wendet sich dann Alesia zu, murmelt etwas wie "schlechte Luft hier" und stolziert von dannen - nicht ohne meine Freundin vorher mitten auf den Mund geküsst zu haben. Ich unterdrücke einen Aufschrei des Entsetzens und lasse beinahe meinen Chai fallen, kann aber nicht mehr verhindern, dass die Flüssigkeit über den Becherrand schwappt und einige glühendheiße Tropfen im Ausschnitt meiner Rüstung landen. Ich wische sie hektisch mit den Fingern weg, bevor ich den Chai in sicherer Entfernung auf dem Schanktisch abstelle. Entgeistert packe ich Alesia am Arm.
"Habe ich das eben richtig gesehen? Oder leide ich unter Halluzinationen? Du lässt dich von dem küssen? Von dem?!"
"Warum denn nicht?" Schulterzuckend blickt Alesia zu mir hoch. "Da ich die letzte Nacht mit ihm verbracht habe..."
"Du hast was?! Stephan, halt' mich fest, sonst falle ich in Ohnmacht!"
Grinsend tut Stephan, wie ihm geheißen und packt mich bei den Schultern.
"Du warst mit dem im Bett? Mit diesem großmäuligen Schnösel?", frage ich entsetzt, um sicherzustellen, dass ich mich nicht verhört habe.
Stephan kichert. "Vermutlich ist sein Mundwerk nicht das einzige an ihm, das groß ist."
Alesia grinst und nickt. "In der Tat, so ist es. Er ist gar nicht so schlecht, weißt du. Na ja, ein bisschen faul vielleicht, aber man kann ja nicht alles haben. Wenn du willst, leihe ich ihn dir gern mal aus, Tari", fügt sie kichernd hinzu.
"Danke, kein Bedarf", winke ich hustend und würgend ab. "Davon abgesehen, dass ich bestens versorgt bin – diesen Fatzke kannst du mir nackt auf den Bauch binden, da würd' ich lieber warten, bis die Stricke verfaulen. Und mach' nie wieder solche Andeutungen, wenn ich noch nicht gefrühstückt habe." Ich schüttele mich demonstrativ, so dass meine Mähne nur so fliegt. "Gütige Melandru, was für Abgründe... Warum ausgerechnet den? Da wäre ja Orion noch besser gewesen!"
"Oh, vielen Dank", kommentiert dieser trocken.
"Alles schon versucht", grinst Alesia. "Aber Orion bevorzugt Frauen mit Haaren, nicht wahr, mein Lieber?"
Orion nickt gewichtig. "Mit schönen Haaren, Tari. Nicht, dass du dir irgendwelche Schwachheiten einbildest." Mit spitzen Fingern hebt er eine meiner langen Haarsträhnen an, in der sich schon wieder die ersten Knoten gebildet haben.
"Keine Angst, du bist völlig sicher vor mir. Wie schon gesagt, ich bin bestens versorgt", entgegne ich lachend und zupfe ihm meine Haarsträhne aus der Hand, während ich versuche, den Gedanken daran, dass meine beste Freundin ausgerechnet mit Dunham, diesem erbärmlichen Weichling, das Lager teilt, irgendwie aus meinem Hirn zu bannen.
"Wo hast du übrigens Chili gelassen, Tari? Du bist doch sonst nie ohne deine Katze anzutreffen." Alesia winkt dem Schankwirt und bestellt noch einen Chai sowie etwas Brot und Käse, Stephan ordert noch ein Bier.
"Bemüht, das Thema zu wechseln, wie?", flachse ich. "Kann ich verstehen. Das ist wirklich die härteste Nummer, die du dir je geleistet hast, Alesia."
"Leider nicht ganz", antwortet sie und grinst vielsagend, "aber bisweilen muss man Kompromisse eingehen, nicht wahr?"
Als Antwort greife ich an meine Kehle und gebe Geräusche von mir, als müsste ich mich auf der Stelle übergeben. Alesia kichert gutmütig.
"Also, wo ist Chili? Hast du sie allein in deinem Quartier zurückgelassen?"
"Nein, das hätte ihr nicht gefallen, und auf meine Einkaufstour wollte ich sie auch nicht mitnehmen. Dieses Gedränge hier ist ihrer Laune nicht zuträglich. Stattdessen habe ich sie Rurik ausgeliehen, sie begleitet ihn zu einer taktischen Besprechung. So ist allen gedient - Chili ist nicht alleine, Rurik hat die beste Beschützerin von ganz Tyria und ich konnte in Ruhe die Waffenschmiede abklappern, ohne mich um eine schlechtgelaunte Katze kümmern zu müssen."
"Wann ziehen wir eigentlich weiter?", fragt Orion. "Du sitzt ja sozusagen an der Quelle, Tari - gibt es etwas Neues?"
Schulterzuckend greife ich mir ein Stück Käse. "Es geht weiter, sobald der Blizzard abgeflaut ist. Melandru weiß, wie lange das noch dauert. Ich war heute früh draußen, da sah es nicht so aus, als wollte es überhaupt jemals aufhören zu schneien und zu stürmen." Ich knabbere vorsichtig an dem Käsestück und verziehe das Gesicht. "Schmeckt irgendwie streng, oder? Bist du sicher, dass der noch gut ist?"
"Das ist Dolyak-Käse, Tari. Der schmeckt immer so", antwortet Alesia. "Die nächste Station wäre der Signalfeuerposten, richtig? Dann sind wir schon fast in Kryta."
"Ja, stimmt", entgegne ich und lasse das Käsestück unauffällig unter den Schanktisch fallen, nehme mir stattdessen ein Stück Brot, das offenbar vom Vortag stammt, und kaue mit mäßiger Begeisterung darauf herum.
"Wenn Ihr den Signalfeuerposten erreicht, habt Ihr das Schlimmste hinter Euch", mischt sich der Schankwirt ein, der unser Gespräch mitbekommen hat, während er den Tisch mit einem schmuddeligen Lappen abwischt.
"Wieso? Was meint Ihr?" Neugierig beuge ich mich vor und schaue auf den Zwerg herunter, dessen aufmerksame braune Augen zwischen uns vieren hin und her huschen.
"Vorher müsst Ihr durch das Frosttor", antwortet er, während er seinen Blick auf mich fixiert.
"Ich weiß. Und?"
"Wir Deldrimor-Zwerge können Euch eine sichere Passage nur durch die Gebiete gewährleisten, die wir kontrollieren, aber die Reise durch das Frosttor liegt in Eurer eigenen Hand."
"Gebiete, die Ihr kontrolliert? Wie meint Ihr das?", frage ich und ziehe die Brauen zusammen. Die Art und Weise, wie der Zwerg diese Worte betont hat, gefällt mir überhaupt nicht.
"Der einzige Weg nach Kryta führt durch einen langgestreckten Canyon, der vom Steingipfel beherrscht wird. Mit denen wird es keine Verhandlungen geben. Ihr Anführer, Dagnar Steinhaupt, steht auf Kriegsfuß mit unserem König Jalis Eisenhammer – seinem Cousin."
"Der Anführer des Steingipfels ist der Cousin von König Jalis?" Gütige Melandru, das wird ja immer besser.
"In der Tat. Die Welt ist klein, hm? Dagnar betrachtet das Volk der Menschen als Schmutzfleck. Er glaubt, sie würden uns zerstören. König Jalis sieht die Dinge anders. Er denkt, das jedwede Allianz, die er schließen kann, das Königreich der Zwerge nur stärken wird."
"Sehr vernünftig", stimme ich zu.
"Indem er Euch sicheres Geleit zugestanden hat", fährt der Zwerg fort und wringt den schmutzigen Putzlappen über einem kleinen Blecheimer aus, "hat König Jalis unmissverständlich klargemacht, dass er den Steingipfel bis zum bitteren Ende bekämpfen wird. Dagnar würde eher sterben, als einem Zug menschlicher Flüchtlinge zu erlauben, seine Berge zu überqueren. Sein Auge wird ohne Zweifel auf dem Frosttor ruhen."
"Was hat es denn so Besonderes auf sich mit dem Frosttor?"
"Es ist der Schlüssel zur Überquerung der Zittergipfel nach Kryta hinein. Das Frosttor bewacht den Weg über den Borlis-Pass. Es wird durch drei große Kettenmechanismen betrieben. Der Steingipfel wird alles tun, um Euch daran zu hindern, es zu öffnen. Das wird keine leichte Aufgabe, das kann ich Euch versprechen. Das wird nicht ohne Blutvergießen abgehen."
"Ich danke Euch", nicke ich ihm zu, nachdem ich merke, dass keine weiteren Informationen mehr kommen werden. Ich ordere eine Runde Zwergenbier für uns vier – ich glaube, ich brauche etwas Stärkeres als Chai. Ich schaue meine Kameraden an, die stirnrunzelnd meinen Blick erwidern.
"Damit habe ich nicht gerechnet", bricht Orion schließlich das Schweigen, "das wir uns noch weiter mit dem Steingipfel prügeln müssen. Ich hatte gehofft, dass wir dieses Pack hinter uns gelassen hätten."
"Ich auch", nicke ich. "Nun kann ich mir auch ungefähr vorstellen, worum es bei Ruriks taktischer Besprechung geht, zu der er so eilig in aller Frühe gerufen wurde..." Nachdenklich starre ich in mein Bier, das der Wirt gerade vor mir abgestellt hat. Schließlich erhebe ich den überschäumenden Humpen und stoße mit den anderen an.
"Auf Kryta!", intoniert Stephan, und wir anderen fallen ein, während wir unsere Bierkrüge gegeneinander knallen lassen, dass der Schaum nur so fliegt. Auf eine sichere Reise, wohin auch immer, setze ich in Gedanken hinzu und nehme einen tiefen Schluck. Gütige Melandru, ist das Zeug stark... mein Kopf fängt sofort an zu schwimmen, ich klammere mich an der Kante des Schanktisches fest.
"Du bist wohl aus der Übung, wie?", witzelt Stephan, dem das sofort auffällt. "Du trinkst zu wenig, Tari, das wird nochmal dein Untergang sein. Wie willst du gegen den Steingipfel bestehen, wenn du nicht mal anständig saufen kannst?"
"Und ich Dummchen habe immer gedacht, dafür müsste ich vor allem anständig schießen können", grinse ich und nehme noch einen Schluck. Mir wird noch ein bisschen schummeriger.
"Hier, Stephan", ich halte ihm meinen halb geleerten Bierkrug entgegen, "hilf mir mal damit. Wenn ich noch mehr trinke, finde ich am Ende nicht mehr in mein Quartier zurück."
Stephan schüttelt traurig den Kopf und nimmt den Krug entgegen. "Es wird noch ein schlimmes Ende mit dir nehmen, Tari", prophezeit er düster, schüttet den Inhalt in sich hinein und bestellt beim Schankwirt gleich den nächsten Humpen.
"Puuhh", mache ich und fächele mir mit der Hand Luft zu. "Mir wird's hier zu warm, ich muss hier raus, nach draußen, sonst ersticke ich noch. Kommt jemand mit?"
"Raus in den Blizzard? Freiwillig? Spinnst du?" Orion tippt sich an die Stirn, die anderen pflichten ihm bei.
"Das halbe Bier war wohl wirklich zu viel für dich, wenn du auf solche Ideen kommst", kommentiert Alesia. "Bist du überhaupt in der Lage, allein den Weg zu finden?"
"Sieht aus, als bräuchte ich das nicht", entgegne ich lächelnd, als ich sehe, wie die Traube aus Menschen und Zwergen, die uns umgibt, hastig eine Gasse freimacht, um Chili durchzulassen, die in geschmeidigem Trab auf mich zu steuert. Sie richtet sich auf die Hinterhand auf und legt mir ihre riesigen Tatzen auf die Schultern, um mir mit Inbrunst das Gesicht abzuschlecken. Die Leute um uns herum vergrößern den Abstand, beginnen zu tuscheln, und nicht alle Bemerkungen, die ich aufschnappe, sind sonderlich freundlich. Anscheinend ist man es hier nicht gewohnt, dass drei Zentner schwere Raubkatzen durch die Hallen und Gänge streifen, überlege ich, während ich lachend versuche, Chili abzuwehren, bevor ihre rauhe Zunge mir die Haut von den Wangen raspelt.
"Hallo, meine Schöne... bist du allein gekommen? Oder hast du jemanden mitgebracht? Geh doch mal beiseite, ich seh gar nichts..." Ich zause den weichen Pelz an ihren Flanken und versuche, an ihr vorbei zu schauen. Als Chilis Wiedersehensfreude endlich soweit abflaut, dass sie von mir ablässt, sehe ich Rurik in ein paar Metern Entfernung stehen, der sich die Szene mit vor der Brust verschränkten Armen betrachtet. Er lächelt zwar, aber mir fällt sofort die tiefe Falte zwischen seinen dunklen Brauen auf – er ist beunruhigt, und ich kann mir denken, warum... mit einer kaum merklichen Kopfbewegung bedeutet er mir, mich zu verabschieden und mit ihm zu kommen.
"Bis zum nächsten Mal, meine Lieben", ich boxe Stephan in die Rippen, drücke Alesias Arm und nicke Orion zu, "ich muss weg. Stephan, lass noch ein bisschen Bier für die Einheimischen übrig, und Alesia... bei den Göttern, such dir einen anderen Liebhaber!"
"Gut, dass du kommst, ich wollte gerade los", erkläre ich, nachdem Rurik mich bei der Hand genommen hat und mich durch das Gedränge hinter sich herzieht. "Ich muss unbedingt kurz nach draußen – wahrscheinlich muss man ein Zwerg sein, um sich hier unter dem Berg länger als ein paar Stunden wohlzufühlen."
"Du willst raus in den Blizzard? Ist das dein Ernst?" Rurik wird etwas langsamer und wirft mir mit erhobener Braue einen zweifelnden Blick zu.
"Du klingst fast wie dieses Weichei Orion", entgegne ich grinsend, was mir einen indignierten Blick einträgt. "Natürlich ist das mein Ernst", fahre ich fort, "ich bin Waldläuferin und kein Maulwurf, ich kann mich nicht stundenlang im Inneren eines Berges aufhalten, ohne echtes Licht und ohne frische Luft. Außerdem muss Chili mal raus. Sie muss sich auch noch ihr Frühstück erjagen."
"Hast du eigentlich deinen Langbogen bekommen?", fragt er, während wir eine kleinere, etwas weniger dicht frequentierte Halle betreten.
"Nein. In diesem ganzen Kaff ist kein einziger Langbogen zu kriegen. Aber ich habe etwas anderes, sehr Hübsches...", ich steuere eine der Seitenwände an und suche ein leeres Plätzchen direkt unter dem matten, warmen Licht einer Bergkristallampe.
"Schau mal. Ist der nicht schön?" Ich ziehe den Dolch in seiner schwarzen Lackscheide aus meinem Stiefel und lege ihn in Ruriks Hand.
"Du hast dir einen Dolch gekauft?" Mit irritiertem Kopfschütteln blickt er auf mich herab. "Was willst du denn damit?"
Ich zucke die Schultern. "Ich habe keine Nahkampfwaffe mehr, weil ich mein Schwert an der Jakbiegung vergessen habe. Und wenn mir doch mal ein Feind zu nahe auf die Pelle rückt, brauche ich etwas, um mich zu verteidigen. Mit Pfeil und Bogen kann ich da nicht viel ausrichten."
"Ich dachte, für solche Fälle ist Chili zuständig?" Rurik zieht die Klinge blank, wendet den schimmernden Stahl im matten Lampenschein hin und her.
"Das ist ein canthanischer Tanto", murmelt er. "Ein wirklich schönes Stück, ich kann verstehen, dass du ihn haben wolltest – ich frage mich, wie der hier in die Zittergipfel kommt... Erstklassige Arbeit, der Damast ist so fein, dass man die Lagen kaum erkennen kann... vermutlich war es ursprünglich ein Langschwert, das auf Dolchlänge gekürzt wurde, man sieht es an der Krümmung der Klinge... du solltest ihn Vael zeigen, der könnte dir auch sagen, was die Schriftzeichen bedeuten. Wie viel hast du dafür bezahlt?" Er schiebt die Klinge zurück in die Scheide und gibt mir den Dolch zurück.
"Tja, das ist der Haken daran... leider war er ziemlich teuer..."
"Wie viel, Tari?"
"Vierzehn Platinbarren", erkläre ich zerknirscht und stopfe den Tanto zurück in meinen Stiefelschaft.
"Du gibst vierzehn Platinbarren für etwas aus, was du eigentlich nicht brauchst?" Rurik zieht die Brauen so hoch, dass sie beinahe seinen Haaransatz berühren.
Ich zucke entschuldigend die Achseln. "Ich konnte nicht anders."
"Du musst völlig verrückt sein."
"Tu nicht so, als ob dir das neu wäre", grinse ich, während er wieder meine Hand nimmt und mich weiter voran zieht.
Bald haben wir die große Freitreppe erreicht, die aus der Großen Halle auf die Balustrade hinaufführt. Entschlossen marschiere ich auf den Stollen zu, der ins Freie führt, Rurik fügt sich seufzend in sein Schicksal und folgt mir.
"Hat Chili sich anständig benommen?", frage ich, als wir draußen vor dem Tor im Sturm stehen. Rurik steht hinter mir, hat die Arme um mich gelegt und mich eng an sich gezogen, während wir Chili hinterherschauen, die nur noch gerade eben als ein rasch kleiner werdender dunkelgoldener Punkt im Schneegestöber wahrzunehmen ist. Trotz der Eiseskälte genieße ich die frische Luft und atme tief ein, verbanne den Mief der Höhlen und unterirdischen Gänge aus meinen Lungen.
"Das hat sie, auch wenn es etwas... anstrengend war, dass sie niemanden näher als drei Schritte an mich herangelassen hat."
"Brave Katze", lächle ich zufrieden. "Sie ist die beste Leibwächterin von ganz Tyria."
Ich drehe mich zu ihm um, lege die Arme um seinen Hals und schaue zu ihm hoch. Er lächelt, senkt den Kopf und zieht mich in einen warmen, leidenschaftlichen Kuss. Ich überlege kurz, ob ich ihn daran erinnern soll, dass Chili mir vor ein paar Minuten gründlich das Gesicht gewaschen hat, entscheide mich dann aber dagegen – ein bisschen Eigennutz muss sein.
"Du hast schlechte Nachrichten mitgebracht, nicht wahr? Ich sehe es dir an", sage ich leise, nachdem unsere Lippen sich voneinander gelöst haben, und ziehe mit der Fingerspitze die steile Falte zwischen seinen Brauen nach. Er nickt nur, lässt meinen Blick los und schaut in die Ferne, während sich seine Miene zunehmend verfinstert.
"Das Frosttor?"
Er nickt, schaut wieder zu mir herunter. "Woher weißt du...?"
"Der Zwerg, der das Bier ausgeschenkt hat, wusste ziemlich gut Bescheid, und er war recht gesprächig. Er hat uns erzählt, dass das Frosttor fest in der Hand des Steingipfels ist. Und dass Dagnar Steinhaupt persönlich sein Auge darauf gerichtet hat."
"Nicht nur das. Dagnar ist schon da. Jalis' Späher haben ihn gesichtet. Ein- oder zweihundert Mann Verstärkung soll er auch mitgebracht haben."
"Ein- oder zweihundert? Gütige Melandru..." Beunruhigt suche ich seinen Blick, aber er starrt schon wieder hinaus in die wirbelnden Schneeflocken, die Brauen grimmig zusammengezogen. "Wie sollen wir denn mit denen fertig werden, wenn wir den ganzen Flüchtlingszug am Hals haben?"
"Sie werden sich entlang des Weges verteilen, Tari. Sie stehen ja nicht alle auf einem Haufen. Wir werden es schon schaffen." Er taucht seinen Blick wieder in meinen und lächelt, aber das Lächeln erreicht seine Augen nicht.
"Vielleicht sollten wir umkehren... nach Ascalon zurück gehen", überlege ich leise.
"Umkehren? Aufgeben? Ganz sicher nicht!" Seine Stimme klirrt vor Schärfe, seine Augen bohren sich blitzend in meine. Oh je, das hätte ich wohl nicht sagen sollen.
"Wir sind so weit gekommen, wir werden jetzt nicht wieder zurückkriechen. Wir schaffen es, Tari. Hab keine Angst", fügt er in weicherem Ton hinzu. "Wir haben einen Plan ausgearbeitet, der funktionieren müsste. Du solltest dir deinen hübschen Kopf nicht über solche Dinge zerbrechen."
"Meinen hübschen dummen Kopf, meinst du?" Mit aufkeimendem Ärger wische ich mir die Mähnenfransen aus dem Gesicht, halte sie im Nacken zusammen, damit der Wind sie nicht sofort wieder in meine Augen weht.
Er seufzt und schüttelt unmerklich den Kopf, pflückt meine Hand aus meinem Haar und legt sie an seine Wange, küsst meine Handfläche. "Ich meine nichts dergleichen. Glaubst du wirklich, ich würde den Rest meines Lebens mit dir verbringen wollen, wenn ich dich für dumm hielte? Kennst du mich so schlecht?"
Er vergräbt seine Hand in meiner Mähne, hält meinen Hinterkopf in eisernem Griff und fängt meine Lippen mit den seinen ein, küsst mich hungrig und verlangend. Eine heiße Welle des Begehrens schießt durch meine Venen, und plötzlich kann ich es kaum noch abwarten, endlich wieder mit ihm allein zu sein, in der Wärme und Abgeschiedenheit unseres Quartiers. Wie schafft er es bloß immer wieder, dass jeder klare - und vor allem jeder kritische - Gedanke einfach aus meinem Hirn verschwindet, einfach ertränkt wird in dem überwältigenden Bedürfnis, ihm ganz nahe zu sein?
Später, als wir in unserem Quartier eng ineinander verschlungen unter den dünnen Decken liegen, warm, schläfrig und erschöpft von unserer Liebe, wünsche ich mir einerseits, dass der Blizzard, der uns hier festhält, niemals enden möge, dass ich diese Momente, in denen ich glücklicher bin als jemals zuvor in meinem Leben, in der Zeit festfrieren, sie in einer Endlosschleife immer wieder erleben könnte. Auf der anderen Seite jedoch blicke ich voller Vorfreude und Spannung in eine Zukunft, die ich an der Seite des Mannes verbringen darf, den ich so sehr liebe, wie ich es nie für möglich gehalten hätte.
Noch zwei weitere Tage schenkt uns der Sturm, Tage, an denen wir jede freie Minute miteinander verbringen, uns besser kennenlernen, während unsere Liebe in die Tiefe wächst, und drei weitere märchenhafte Nächte voller Wärme, Zärtlichkeit und lodernder Leidenschaft, in denen wir eng umschlungen miteinander einschlafen und genau so am nächsten Morgen wieder aufwachen. Während dieser Zeit wird das Band zwischen uns so stark, dass wir uns beinahe wortlos verständigen könnten, wenn es nicht so schön wäre, sich leise Worte der Zärtlichkeit ins Ohr zu flüstern....
Doch am frühen Nachmittag des zweiten Tages lässt zunächst der Schneefall nach, und dann verziehen sich auch die dicken Wolken, machen strahlendem Sonnenschein und blassblauem Himmel Platz. Am Morgen des folgenden Tages werden wir weiterziehen. Schon in der Nacht werden die Dolyaks angeschirrt und die Wagen bereitgemacht werden, um die mittlerweile gut ausgeruhten Flüchtlinge durch das Frosttor zu bringen. Das wird die härteste Etappe, aber am Abend werden wir schon am Signalfeuerposten sein, und von da aus ist es nur noch ein Katzensprung nach Kryta, wo für uns alle ein neues, besseres Leben beginnen wird.
