Kapitel 24: Gemeinsam

Im Tempel beobachtete Jack inzwischen seit zwei Tagen mit einem gewissen Unbehagen, wie sich immer mehr von den Hybriden versammelten. Logan hatte im Zuge seiner Abmachung mit Valene Boten zu anderen Gruppen der Gegend geschickt, um eine möglichst große Horde zusammenzuführen, bevor sie den Angriff auf Golds geheimes Camp wagten. Viele waren seinem Aufruf bereits gefolgt, und es trafen beinahe stündlich mehr ein. Logan hatte eine Frist bis zum heutigen Sonnenuntergang gesetzt, der in etwa drei Stunden sein würde - länger wollte er nicht mehr warten.

Das kam Jack sehr gelegen, denn er war es mehr als leid, hier herumzusitzen, zumal er sich unter den Hybriden immer noch unwohl fühlte. Zugegeben, sie hatten die Menschen verhältnismäßig gut behandelt, seit Val und Kermit mit dem kleinen Wildfang Ylva zurückgekehrt waren, aber er wurde das Gefühl nicht los, dass manche dieser Kreaturen der Ansicht waren, Logan hätte sie besser zum Abendessen verspeisen sollen, als mit ihnen ein Bündnis zu schließen. Zum Glück schien Logans Position als Anführer dieses bunt gewürfelten Rudels jedoch außer Frage zu stehen. Ob gewaltige Bären, kletternde Affen oder fliegende Krähen - die Völker dieser Welt schienen allesamt großen Respekt vor dem grimmigen Wolfsmenschen zu haben. Selbst der Stamm der stolzen Löwenmenschen, dessen Anführer ein stattlicher Hüne war, der sogar Logan noch überragte, orientierte sich an ihm.

"Gut, dass sie auf unserer Seite sind, was?" sprach Peter Jacks Gedanken aus, während er sich neben ihn auf die umgestürzte Säule im Vorhof hockte.

"Ja, aber wie lange noch?"

Jack konnte nicht vergessen, wie grausam Logan Peter bei ihrer Ankunft gefoltert hatte, und es fiel ihm auch nicht so leicht zu verzeihen, wie Peter es anscheinend konnte. Logan hatte schon einmal seine Meinung über sie geändert, woher konnten sie also wissen, dass er es nicht wieder tun würde, wenn sie ihren Plan durchgeführt hatten und falls sie erfolgreich waren? Hatte er ihre Freundschaft wirklich akzeptiert oder ließ er sich bloß Zeit, bis seine Armee groß genug war, um es nicht nur mit Gold aufzunehmen, sondern mit allen Menschen, die in seine Welt eingedrungen waren?

"Du solltest lernen, den Instinkten deiner Schwester zu vertrauen", meinte Peter. "Val weiß, was sie tut. Und sie hat Recht: Wenn wir diesen Leuten helfen, gewinnen wir starke Verbündete."

"Ich hab auch Instinkte", entgegnete Jack.

"Und die sagen dir, dass wir Logan nicht trauen können?"

Jack antwortete nicht. Wenn er ehrlich war, spürte er tief drinnen, dass Logan in Ordnung war; er wollte nur noch nicht aufhören, es dem Kerl übelzunehmen, wie er sie zuvor behandelt hatte. Peter konnte das gut verstehen. Er hatte selbst Jahre gebraucht, solche Gefühle zu beherrschen. Hitzköpfigkeit, Wut, Rachedurst - alles brauchte seine Zeit, bis man es zu überwinden lernte, und nicht jeder hatte den Vorteil, in einem Shaolin-Tempel aufgewachsen zu sein, wo man täglich an dieser Beherrschung arbeitete, oder Kwai Chang Caine zum Vater zu haben. Peter lächelte bei sich. Er war schon den ganzen Tag gut gelaunt. Sein Vater hatte mit ihm in Kontakt gestanden, seit Lobo ihn vor ein paar Tagen aufgesucht hatte, und bald würde er hier im Tempel zu ihnen stoßen. Wenn Paps erst bei ihnen war, konnte nicht mehr viel schiefgehen. Gemeinsam hatten Peter, sein Vater und ihre damaligen Freunde es schon mit Feinden aufgenommen, die viel gefährlicher waren als Commander Gold. Apropos alte Freunde, das erinnerte ihn an etwas ...

"Sag mal, Jack, hast du Kermit gesehen?"

"Nicht mehr seit heute Mittag. Wieso?"

"Ich weiß nicht. Er wirkte etwas gereizt."

"Findest du? Ich dachte, das wäre bei dem der normale Dauerzustand."

"Das sagt der Richtige." Peter lachte kurz. "Aber im Ernst, wenn du Kermit erst mal so lange kennst wie ich, dann lernst du, die Abstufungen seiner Gereiztheit einzuschätzen, und heute ist er knapp am Limit. Vielleicht sollte ich mal mit ihm reden."

"Mach das, aber denk dran: Wenn jemand auf hundertachtzig ist, hat er keine Lust auf mystisches Kauderwelsch. Also rede lieber Klartext - falls du noch weißt, wie das geht."

Peter grinste. "Danke für den Tipp."

Er fragte sich durch, bis er auf Ylva traf, die ihm sagte, dass der Mann mit den vier Augen in der Kammer ihres Vaters sei, wo die menschlichen Gäste immer noch ihr Schlafquartier hatten. Dort fand er Kermit dann auch. Er saß auf einer Steinplatte und neben ihm lagen seine Desert Eagle samt Zielfernrohr, ein Messer, Munition und ein halbes Dutzend Rauchkugeln, die er nach und nach in seinen Hosen- und Manteltaschen verstaute.

"Was wird das, wenn es fertig ist?" fragte Peter.

"Wonach sieht's denn aus?"

"Naja, ich würde sagen, es hat was von einer Ein-Mann-Armee, die sich auf einen Kampf gefasst macht", sagte Peter. "Aber dafür ist es noch reichlich früh. Wir brechen doch erst auf, wenn es dunkel wird."

"Ich werde nicht mitkommen."

"Wie bitte? Du bist nie der Typ gewesen, der sich vor einem Kampf drückt, sondern du rennst eher darauf zu - und genau das scheinst du mir gerade auch zu tun, wenn ich mir das Arsenal hier so ansehe. Was hast du vor?"

Kermit druckste noch etwas rum, also setzte Peter sich ruhig ans andere Ende der Steinplatte und hakte noch einmal nach.

"Hey, komm schon, alter Freund - ich bin's. Ich weiß genau, dass dich irgendwas bedrückt. Spuck's schon aus, was wurmt dich?"

Endlich bekam Kermit die Zähne auseinander. "Ich hab meine Pflicht vernachlässigt, Peter. Ich hab Leute, die mir was bedeuten, im Stich gelassen."

"Wie bitte? Du?"

Peter konnte sich das kaum vorstellen. Er kannte wenige Menschen, die pflichtbewusster waren oder bereitwilliger alles stehen und liegen ließen, um anderen zu helfen, als den brummigen Ex-Söldner, der hier neben ihm hockte. Mit Mühe versuchte er zu verstehen, wie Kermit das meinte.

"Reden wir hier vielleicht von Phoebe und David?"

Kermit nickte. "Unter anderem ja. Es war meine Aufgabe, sie zu beschützen, und was hab ich getan? Ich hab sie einfach zurückgelassen, dabei hatte Sheridan mich ausdrücklich gebeten, auf sie aufzupassen."

"Das mag sein, aber dadurch ist doch niemand zu Schaden gekommen. Sie sind in Eden in Sicherheit, das weißt du, andernfalls hättest du sie ja auch nicht verlassen. Val hat dich dringender gebraucht, und ich bin dir sehr dankbar, dass du ein Auge auf sie hattest."

"Ich bin ja auch froh, dass ich ihr helfen konnte. Trotzdem hab ich dabei auch mein Wort gebrochen. Das hab ich noch nie getan, Peter, schon gar nicht einem Freund gegenüber."

"Eine merkwürdige Freundschaft, wenn ich das mal anmerken darf." Peter schmunzelte ein wenig. "Wie bist du eigentlich an ihn geraten?"

"Sheridan? Oh, das ist 'ne lange Geschichte. Wenn er danach gefragt wird, sagt er grundsätzlich, ich hätte ihm das Leben gerettet, aber es steckt noch viel mehr dahinter."

"Aha?"

"Ich hab ihn vor vielen Jahren bei einem Söldnereinsatz im Amazonas kennengelernt - damals, als ich noch sehr viel weniger Skrupel und dafür mehr Geld hatte. Es war reiner Zufall, dass sich unsere Wege kreuzten. John war ... Sagen wir, er war im Auftrag der Regierung unterwegs."

Peter zog verwundert eine Augenbraue hoch.

"Also ich gebe zu, ich weiß nicht viel über ihn, aber heißt es nicht, er sei bis vor ein paar Jahren bloß ein Handelsvertreter gewesen?"

"Handelsvertreter?" Kermit lachte trocken. "Das ist die offizielle Story, ja, und von mir wirst du auch nichts anderes hören. Jedenfalls sind wir uns dort begegnet und wie gesagt, ich hab ihm das Leben gerettet. Aber gleichzeitig hat er mich davor bewahrt, den wohl dämlichsten Fehler meines Lebens zu begehen. Er hat mir damals gezeigt, dass es auch anders geht, also verdanke ich ihm mindestens genauso viel wie er mir. Ich hab's erst nicht glauben wollen, als er vor einigen Jahren auf einmal Präsident wurde. Als er mich dann auch noch aus heiterem Himmel anrief und mir den Job als sein Leibwächter anbot, konnte ich einfach nicht Nein sagen."

"Das muss eine ziemliche Umstellung für dich gewesen sein, vom ewigen Einzelgänger zur Rund-um-die-Uhr-Begleitung."

"Das kann man wohl sagen, und manchmal hab ich mich auch schon gefragt, was ich mir dabei gedacht habe. Die drei treiben mich ziemlich oft in den Wahnsinn, aber ..." Kermit nahm kurz die Brille ab und zwickte sich am Nasenrücken. "Aber wenn ich ehrlich bin ... John ist ein verdammter Sturkopf, Phoebe muss ständig alles und jeden bemuttern, und David ist ein nervtötender Neunmalkluger, aber trotzdem ..."

"Du hast sie gern."

"Ja", sagte Kermit leise.

Peter lächelte. "Siehst du, ich hab doch immer gewusst, dass die Nummer mit dem Herz aus Stein bei dir nur Show war. Du machst dir also Sorgen um sie, das ist doch völlig normal. Aber ich glaube wirklich, Phoebe und David sind in Sicherheit, da wo sie jetzt sind, während es für uns bald sehr gefährlich werden wird. Du wirst hier immer noch dringender gebraucht, und ich glaube, das weißt du auch. Also was ist noch?"

Kermit setzte die Brille wieder auf und zuckte etwas ratlos mit den Schultern.

"Ich glaube ehrlich gesagt, langsam wird mir das einfach alles zu viel. Ständig geh ich irgendwelche Verpflichtungen ein, immer muss ich mich für das Leben von irgendwem anders verantwortlich fühlen. Ich weiß langsam nicht mehr, wo ich anfangen soll. Auf der einen Seite John und Phoebe und David, auf der anderen du und Val, dann noch meine Schwester Marilyn und ihre Brut, Karen, Janet ..."

"Karen? Meinst du etwa Karen Simms? Die Vizepräsidentin?"

"Ja."

"Bist du denn auch ihr Leibwächter?"

"Nein, natürlich nicht. Das mit Karen ist was anderes."

"Jetzt machst du mich aber neugierig."

"Da ist nichts weiter. Wir sind nur Freunde."

"Aber klar doch. Meilenweit von zu Hause, um Welten von ihr getrennt, machst du dir Gedanken, wie sie ohne dich klarkommt, und fühlst dich schuldig, weil ihr nur Freunde seid. Ich verstehe." Peter lächelte verschmitzt. "Du bist wirklich ein ziemlicher Geheimniskrämer. Seit Monaten sind wir jetzt schon zusammen unterwegs und du hast keinen Ton darüber verloren, dass zu Hause jemand auf dich wartet."

"So ist es auch nicht. Es ist nur ..."

"Ja?"

Kermit brummte. "Manchmal wär's schön, wenn es so wäre."

Das Lächeln verging Peter wieder. Kermit sah wirklich bedrückt aus, so hatte er ihn noch nie erlebt. Der Begriff Midlife Crisis schoss ihm durch den Kopf, auch wenn er so gar nicht zu dem sonst so selbstbewussten und zielstrebigen Profi zu passen schien, der hier neben ihm saß. Er versuchte, sich in seinen alten Freund hineinzuversetzen. Inzwischen Mitte vierzig, war Kermit immer der klassische Einzelgänger gewesen; sein Leben lang hatte er anderer Leute Schlachten geschlagen, hatte eigentlich nie etwas nur für sich selbst getan; er schien niemanden zu brauchen, ließ aber auch niemanden so richtig an sich ran. Peter und sein Vater kannten ihn wohl besser als sonst jemand, und doch konnte niemand so richtig behaupten, Kermit zu kennen - dafür behielt er viel zu viel für sich. Doch Peter wusste, dass Kermit unter der manchmal abweisenden Fassade einen weichen Kern verbarg; die dunkle Sonnenbrille war da quasi symbolisch für den ganzen Mann. Er rückte vorsichtig etwas näher und legte ihm eine Hand auf die Schulter.

"Es ist nie zu spät, alter Freund. Ich weiß, das ist nicht dein Ding, aber wenn du Gefühle für sie hast, solltest du's ihr sagen. Aber warte damit bitte noch, bis die Sache hier vorbei ist, okay? Du hast von uns allen wohl die meiste Erfahrung mit Aktionen wie der, die uns heute Nacht bevorsteht. Wir brauchen dich."

"Dann will ich euch nicht enttäuschen."

Kermit sah ihn kurz an, dann füllte er seine Taschen und stand abrupt auf. Er prüfte noch einmal seine geliebte Desert Eagle.

"Ich hab auch Janet Fraiser was versprochen", sagte er noch. "Gold hat immer noch ihre Schwester. Ich hab Janet mein Wort gegeben, dass ich sie da raushole."

"Und das wirst du auch", sagte Peter voller Überzeugung. "Du hast noch nie jemanden im Stich gelassen, der dich brauchte."

Jetzt musste selbst Kermit etwas schmunzeln. "Ja ja, schon gut, ich hab's kapiert. Schluss mit der Melancholie. Lass uns was in die Luft jagen."

Peter lachte. "So gefällst du mir schon viel besser. Das ist wieder der gute alte Kermit, den ich kenne und liebe."

"Jetzt reicht es aber, Caine." Kermit warf ihm einen gespielten Drohblick zu. "Wenn du wen zum Kuscheln brauchst, geh deine hübsche Freundin suchen."

"Das hab ich auch vor. Kommst du mit?"

Mit einem schiefen Grinsen sagte Kermit: "Oh yeah."

Sie fanden Valene und Jack auf dem Vorhof des Tempels, wo einige der Hybriden ihrer Ungeduld mit ein paar Trainingseinheiten und Demonstrationen ihrer Kraft abhalfen. Valene schnaufte etwas schwer, grinste Peter und Kermit aber gut gelaunt an, während Jack hinter ihr mit den Augen rollte, gleichzeitig aber einen gewissen Stolz nicht verbergen konnte.

"Was hast du jetzt wieder angestellt?" fragte Peter misstrauisch.

"Och, ich hab nur ein paar von diesen prahlerischen Großmäulern bewiesen, dass eine Menschenfrau im Kampf durchaus mit ihnen mithalten kann."

Sie brach ab, verbeugte sich leicht und lächelte, als ein junger Löwenmensch an ihr vorbeikam und ihr mit mürrischem Blick ein anerkennendes Nicken schenkte.

"Das ist Azmer", flüsterte Valene den beiden Neuankömmlingen zu. "Der jüngere Bruder von Haidar."

"Und Haidar ist wer?"

"Der König der Löwen", scherzte Jack und zeigte verstohlen auf den riesigen Hybriden.

Auch Valene schaute ihn an - immer wieder gern, denn abgesehen von der übermäßigen Körperbehaarung war Haidar ein ausgesprochen attraktiver Mann. Er war groß und strotzte vor Kraft, und mit seinen langen blonden Haaren und dem hellen, zeitlosen Gesicht erinnerte er sie an den nordischen Donnergott Thor, nur dass der wohl keine gelben Augen besessen hätte. Peter bemerkte amüsiert, dass Valenes Wangen eine entzückende rötliche Farbe annahmen, wenn sie den unnahbaren Hünen ansah.

"Du scheinst ihn ja sehr zu mögen. Muss ich mir Sorgen machen?"

Valene knuffte ihn in die Rippen. "Nein, ganz sicher nicht. Haidars Herz gehört immer noch seiner Geliebten, die er vor Jahren schon verloren hat. In der Beziehung haben er und Logan wohl einiges gemeinsam, vielleicht verstehen sie sich darum auch so gut. Nur dass Haidar nie erfahren hat, was aus seiner Frau geworden ist; sie verschwand einfach spurlos. Er ist nie drüber hinweggekommen ... Ehrlich, Peter, diese Männer scheinen unglaublich treuherzig zu sein, auch wenn sie nach außen hin gern hartgesotten und kaltherzig erscheinen würden."

"Da kenn ich noch einen", bemerkte Peter leise. Dann fragte er: "Woher weißt du das denn schon wieder alles? Hast du dich mit dem Alpha-Löwen zum Kaffee getroffen?"

"Ich wünschte, es gäbe hier irgendwo Kaffee! Nein, Haidar hat bisher kaum ein Wort mit mir gewechselt, aber sein Bruder war ziemlich gesprächig, zumindest bevor ich ihn zum Duell herausgefordert und aufs Kreuz gelegt habe."

Peter lachte. "Du bist wirklich unmöglich, Kleines."

"Ich fasse das mal als Kompliment auf."

"Das solltest du auch."

Er legte den Arm um sie, und Valene schmiegte sich an ihn. Jack streckte seine langen Beine durch und richtete sich ächzend auf.

"Also ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sagen würde, aber ein bisschen kann ich diese Tiermenschen tatsächlich verstehen. Das Rumwarten macht einen irre. Ich weiß nicht, wann ich mir das letzte Mal so sehr den Sonnenuntergang herbeigesehnt habe ... Was ist denn nun wieder los?"

Während er sprach, war einer der Wolfsmenschen, die Logan als Wachen in den Wald geschickt hatte, eilig auf allen Vieren auf den Vorhof gelaufen. Er war einer von der Sorte, die mehr Tier als Mensch waren, selten aufrecht gingen und eine beinahe tierische Kopfform besaßen. Ein lautes Heulen aus seiner Kehle ließ den Anführer sofort aus dem Tempel herbeieilen. Ylva kam mit ihrem Vater heraus, hörte sich das Geknurre des Boten kurz an und wollte dann lospreschen.

"Halt. Du bleibst schön hier."

Logan schnappte sich seine Tochter und wollte sie wieder hineinbringen, aber Ylva trat energisch um sich und knurrte, bis er sie wieder losließ.

"Was ist nur in dich gefahren?"

Valene griff auf einmal Peters Hand und drückte sie fest. Ihre Augen waren starr auf den Waldrand gerichtet.

"Ich glaub das nicht ..."

"Was glaubst du nicht? Was spürst du?"

Valene sagte nichts, sie lächelte nur. Die Männer sahen sich verdutzt an, einschließlich Logan, bis Peter mit einem Mal etwas bewusst wurde. Er atmete hörbar auf.

"Paps! Paps ist hier."

Eine Falte bildete sich zwischen Logans Augenbrauen, als er diese Aussage zu verstehen versuchte.

"Du meinst ... deinen Vater?"

Peter nickte, und kurz darauf erschien auch schon Lobo, der freudig zu ihm gelaufen kam. Hinter ihm folgten erst die Menschen und dann Logans Leute, die vier Pferde am Zügel führten und ihre neuen "Gäste" argwöhnisch im Auge behielten. Caines Pferd Jing trottete frei neben ihnen her, denn er hatte weder Zügel noch Zaumzeug, an dem sie ihn hätten festhalten können. Jacks Herz schlug höher, als er Sam bei den Neuankömmlingen erblickte - ihm war bis zu dieser Sekunde gar nicht bewusst gewesen, wie sehr er sie vermisste. Auch ihr stand die Wiedersehensfreude deutlich ins Gesicht geschrieben. Die beiden liefen aufeinander zu, und jegliche Warnrufe von den misstrauischen Hybriden fielen auf taube Ohren, während Sam ihre Arme um Jacks Hals schlang.

"Gott sei Dank! Ich hab mir solche Sorgen um dich gemacht, Liebling." Sie küsste ihn innig und strich über sein Gesicht. Dabei berührten ihre Finger die langen Schnitte, die immer noch auf seiner Wange prangten. "Du liebe Güte, wie ist das denn passiert?"

"Ist jetzt nicht so wichtig", wich er aus. "Aber wie kommt ihr hierher?"

"Mr. Caines Wolf hat uns geführt." Es war Phylip Morgan, der seine Frage beantwortete. "Ein faszinierendes Tier." Er schaute an Jack vorbei zu den Hybriden, die sich vor dem Tempel versammelt hatten. "Faszinierend ..."

"Wir sind nicht zum Sightseeing hier, Morgan", mahnte MacKay mürrisch. "Einen Kaffeeklatsch können Sie später mit diesen Kreaturen abhalten - wenn Sie lebensmüde sind."

"Vorsicht", warnte Jack. "Die verstehen jedes Wort."

Peter ging inzwischen auf seinen Vater zu und umarmte ihn herzlich. Er nickte John eine Begrüßung zu und sah dann zu Valene, die gerade den Sechsten im Bunde fest an sich drückte.

"Jason! Was bin ich froh, dich hier zu sehen. Aber wie kommt's, dass du frei bist? Wie hast du Golds Camp verlassen können? Was ist mit ..."

Valene zeigte wortlos auf ihren Hinterkopf. Jason antwortete ihr nicht. Er schien im Moment überhaupt nicht in der Lage sein, irgendetwas zu sagen. Nachdem auch Ylva ihn mit Inbrunst umarmt hatte, richtete er sich wieder auf und es machte den Eindruck, als würde er seine ganze Kraft brauchen, um seine Emotionen im Griff zu halten. Valene schaute in seine müden Augen, und statt Freude und Erleichterung über seine Befreiung schlugen ihr nur Frustration und Sorge entgegen.

Logan musterte die fremden Menschen interessiert: Peters Vater, bei dem sein Instinkt gleich die immense Stärke hinter dem ruhigen Auftreten wahrnahm; den hochgewachsenen Mann mit den grauen Stoppeln, der die aufrechte Haltung und das selbstbewusste Auftreten eines Anführers an den Tag legte; den seltsam gekleideten Mann mit den gelockten Haaren, der gerade verzückt eine der verzierten Säulen in Augenschein nahm; den etwas kleineren Mann, der in gereiztem Tonfall mit beachtlicher Geschwindigkeit auf ihn einredete; die hübsche Menschenfrau mit den dunklen Haaren, deren Kopf an Jacks Schulter lehnte; und den erschöpften jungen Mann, dessen Hand Ylva immer noch umklammert hielt. Valene stellte sie alle vor, und Logan sah Jason weiterhin zweifelnd an.

Ausgerechnet dieser ausgezehrte, sorgenvoll dreinblickende Jüngling sollte es gewesen sein, der Commander Gold getrotzt und sich auf die Seite der Hybriden geschlagen hatte, obwohl er sich damit selbst zu Gefangenschaft, Sklaverei und Folter verurteilt hatte? Wenn das stimmte, musste er innerlich viel mehr Kraft besitzen, als es nach außen den Anschein hatte. Doch das schien wohl generell eine Eigenschaft dieser Menschen zu sein, wie Logan immer mehr bewusst wurde.

"Ihr habt einen weiten Weg hinter euch", stellte er fest. "Und die Sonne steht tief. Lasst uns hineingehen und uns setzen. Wir sollten bereden, wie wir heute Nacht vorgehen werden."

Gegen diesen Vorschlag hatte ganz sicher niemand etwas einzuwenden. In der Feuerstelle am Ende der großen Halle loderten bereits Flammen, die wohltuende Wärme und ein angenehmes Licht verbreiteten. Zwischen den bunt bemalten Säulen lagen Felle aus, auf denen es sich die Menschen und die Anführer der Hybriden-Stämme bequem machten. Logan holte die Karte hervor, die Braden Valene gegeben hatte, und legte sie im Großformat mit Stöcken auf dem steinigen Boden nach. Als er damit fertig war, wandte sich der große Wolfsmensch an Jason, der heftig zusammenfuhr, als er angesprochen wurde - offenbar war er in Gedanken gerade ganz woanders gewesen.

"Du bist der Einzige von uns, der sich an diesem Ort auskennt", sagte Logan. "Beschreibe ihn uns, so gut du kannst."

Jason schaute erst Logan an und sah dann etwas unsicher in die Runde. Er war nie gut darin gewesen, vor großen Versammlungen zu sprechen, und hier fiel es ihm noch schwerer. Logan musterte ihn kritisch, und die Blicke der anderen Hybriden waren größtenteils abschätzig und zum Teil sogar feindselig. Da spürte er Vals Hand auf seiner. Wärme breitete sich von dieser Berührung erst in seinem Arm, dann im ganzen Körper aus. Er zog Kraft daraus. Mit heiserer Stimme setzte er an.

"Das Camp ist zweigeteilt ..."

Er beschrieb den Aufbau des Camps so detailliert wie möglich. Immer wieder fielen Rückfragen, auf die er einging, so gut es ihm möglich war. Kermit hörte besonders aufmerksam zu und fragte immer wieder nach Einzelheiten. Der erfahrene Söldner in ihm war damit beschäftigt, sich einen geeigneten Angriffsplan zu überlegen.

"Wir haben aber immer noch ein gewaltiges Problem", gab Peter nach einer Weile zu bedenken. "Diese Chips, die den Gefangenen eingesetzt wurden ... Gold hat damit die Kontrolle über alle die, die wir befreien wollen, oder nicht?"

"Das ist richtig." Jason rieb sich unbewusst den Hinterkopf. "Commander Gold und alle Wachen haben in ihren Kommunikationsgeräten eine Funktion, um jeden dieser Chips anzusprechen."

"Und was passiert dann?"

"Sie lösen unerträgliche Schmerzen aus - oder schlimmer noch, eine Säure wird freigesetzt ..."

Kermit wandte sich an MacKay. "Haben Sie zufällig ein Kommunikationsgerät dabei? Ich würd's mir gerne mal ansehen, vielleicht kann ich einen Signalstörer bauen, der verhindert, dass die Wachen die Chips aktivieren."

MacKay reichte ihm das spinnenähnliche Gerät, das er am Handgelenk trug. Kermit borgte sich Jacks Taschenmesser und begann, daran herumzuschrauben. Jason schüttelte jedoch den Kopf.

"Das wird nicht genügen. Wenn dir das gelingen sollte, könnten die Wachen die Gefangenen zwar nicht mehr so leicht kontrollieren, aber das Camp wäre für sie immer noch eine Todesfalle. Die Chips sind so programmiert, dass sie die Säure auch dann freisetzen, wenn wir ... ich meine, wenn die Gefangenen eine unsichtbare Grenze überqueren. So sind sie für immer an diesen Ort gebunden."

"Wie kann jemand nur so grausam sein?" hauchte Sam bestürzt.

Kermit hingegen konzentrierte sich weiter auf das Praktische und hinterfragte: "Aber dir wurde doch auch so ein Ding eingesetzt. Wie kommt es dann, dass du das Camp verlassen konntest?"

Es war dieselbe Frage, auf die Valene immer noch keine Antwort bekommen hatte. Auch dieses Mal sagte Jason nichts dazu, doch Caine gab eine Erklärung ab.

"Ich habe Jasons Chip deaktiviert, bevor es dazu kam."

"Dann ist Jason diese Bombe in seinem Kopf jetzt los?"

Diese Frage verneinte Caine. "Man könnte sie nur chirurgisch entfernen. Doch sie kann jetzt nicht mehr gezündet werden."

"Kannst du mir zeigen, wie du das gemacht hast, Paps?" fragte Peter eifrig. "Dann können wir den anderen Gefangenen auf dieselbe Weise helfen ..."

"Aber wenn es so viele sind, könnt ihr euch doch unmöglich um alle gleichzeitig kümmern, oder?" gab Sam zu bedenken.

"Sie hat Recht." Kermit schaute von dem Gerät in seiner Hand auf. "Wir brauchen eine andere Lösung - eine, die alle Chips im selben Moment unschädlich macht. Wie wird dieser Grenzbereich gesteuert? Es muss doch eine Art Hauptcomputer für die ganze Technik geben. Hast du eine Idee, wie sie das machen, Jason?"

"Ich hab nichts dergleichen gesehen, aber wenn Gold sowas wie eine Zentralsteuerung hat, dann bestimmt in seinem Labor. Das liegt hier, unter seinem Haus."

Sein Finger zitterte etwas, als er einen Kasten in den Dreck auf dem Boden malte, der Golds Haus darstellen sollte. Dort war Lia, oder zumindest war sie es gewesen, als er sie an dem Morgen verlassen hatte. Wo sie jetzt sein mochte, wagte er sich nicht auszumalen. Jason schluckte schwer und konzentrierte sich mit Mühe darauf, die unterirdischen Räume zu beschreiben, die er in Golds Keller gesehen hatte.

"Es gibt da unten noch viel mehr Türen. Ich weiß nicht, was sich dahinter verbirgt, ich hab nur den einen Laborraum gesehen, die Küche und das Bild einer Überwachungskamera aus einem Operationssaal."

"Das Labor werde ich mir vorknöpfen", entschied Kermit. "Peter, Val - kann ich auf eure Unterstützung zählen?"

"Aber sicher doch."

"Jeder Zeit, alter Freund."

"Mein Bruder und ich werden euch begleiten."

Der Löwenmensch Haidar schaute die Menschen eindringlich an. Es war klar, dass seine Worte nicht nur ein Angebot der Hilfe darstellten, sondern dass es aus seiner Sicht bereits beschlossene Sache war. Valene hatte sicher nichts dagegen. Sie wünschte sich nur, er würde noch etwas mehr sagen, denn seine Stimme war, wie sie jetzt feststellte, ebenso angenehm wie sein Anblick. Peter lehnte sich zu ihr rüber und flüsterte ihr zu.

"Vorsicht, Schatz, du wirst schon wieder rot."

Valene stieß ihm den Ellenbogen zwischen die Rippen und bemühte sich, sich auf das weitere Gespräch zu konzentrieren. Kermit und John fachsimpelten inzwischen eifrig mit Logan und den anderen Anführern über Strategie. Neben ihr erhob sich Jason leise und verließ unauffällig die Halle. Valene flüsterte Peter noch kurz zu, er solle sie hinterher einweihen, dann schlich sie ihm hinterher, durch die verwinkelten Gänge, die einem Labyrinth glichen, bis nach draußen auf den Vorhof. Dort hockte Jason auf der liegenden Säule, die so ein beliebter Sitzplatz geworden war, und schaute in den Himmel. Sein Anblick war beängstigend. Er war kreidebleich und machte den Anschein, als könne er jeden Moment umkippen.

"Darf ich mich zu dir setzen?"

Er fuhr herum, wie aus einem Traum gerissen, schaute verdattert zu ihr auf, nickte dann aber. Valene nahm Platz, ließ sich jedoch Zeit, bevor sie wieder etwas sagte. Schließlich holte sie das Lederband hervor, das sie unter ihrem Pullover trug, nahm den Ring ab und reichte ihn Jason.

"Ich nehme an, den möchtest du gern wiederhaben."

Jason betrachtete das Schmuckstück wie ein Relikt eines fast vergessenen Lebens, ehe er es zögerlich entgegennahm. Er probierte den Ring an, doch er hielt nicht mehr; seine Finger waren zu sehr abgemagert.

"Könntest du vielleicht noch eine Weile darauf aufpassen?" bat er. "Ich will ihn nicht verlieren."

"Gerne."

Valene hängte ihn wieder um. Dann sah sie Jason nachdenklich an.

"Du siehst völlig erschlagen aus, wenn ich das mal so sagen darf. Ich weiß gar nicht, wie du dich überhaupt noch auf den Beinen hältst, oder warum du es versuchst. Du solltest reingehen und dich aufs Ohr hauen. Wann hast du überhaupt das letzte Mal richtig geschlafen?"

"Ich glaube, das ist schon eine ganze Weile her." Er schüttelte den Kopf. "Aber ich kann nicht. Ich werde erst wieder ein Auge zu tun, wenn wir das alles hinter uns gebracht haben."

"Das hast du doch schon. Für dich ist es vorbei, Jason. Du hast mehr als genug durchgestanden, und jetzt hast du dir Ruhe verdient. Niemand würde es dir verübeln, wenn du wochenlang nur noch schlafen würdest."

"Nein, es ist noch nicht vorbei", entgegnete Jason. "Ich muss zurück ins Camp, und zwar so bald wie möglich ... auch wenn es vielleicht schon zu spät ist."

"Wovon redest du? Zu spät für was?"

"Lia."

In Valenes Kopf arbeitete es. Lia? So hieß doch die Katzenfrau, deren Akte Kermit auf dem Laptop gefunden hatte. Bisher hatten sie angenommen, dass sie zu den Bösen gehörte, wegen Davids Vision. Doch Jason schien ernsthaft um sie besorgt zu sein. Valene musste zum ersten Mal wieder an das denken, was sie Heiligabend miterlebt hatte, und ihr wurde so einiges klar. Sie begann zu begreifen, warum er sich über seine Freiheit nicht freuen konnte, warum er sich trotz seiner Erschöpfung nicht ausruhen wollte oder konnte und warum er aussah, als ob er gleich losheulen würde.

"Ich verstehe; du machst dir Sorgen um sie. Aber das musst du nicht. Ich verspreche dir, wir werden sie befreien und bringen sie in Sicherheit - hierher, zu dir."

"Du verstehst gar nichts!" platzte es aus ihm heraus. "Wenn ihr jetzt etwas zustößt, wird es ganz allein meine Schuld sein!"

"Deine Schuld?" Das verstand Valene wirklich nicht. "Das musst du mir erklären."

"Das ist nicht so einfach."

"Versuch es wenigstens. Nur dann kann ich dir helfen."

Jason bemühte sich, sich zu beruhigen und ihr zu erklären, warum er sich für Lias Schicksal so verantwortlich fühlte. Anfangs fiel es ihm noch schwer, ihr von Lias Vergangenheit zu erzählen - von dem jahrelangen Missbrauch durch Salem, dem toten Kind, wie Gold mit ihr umgegangen war - doch mit der Zeit wurde es immer leichter, darüber zu reden. Schließlich erklärte Jason ihr auch, was Gold Lia angedroht hatte, sollte Jason sich ihm noch einmal in irgendeiner Weise widersetzen.

"Ich habe Lia zwei Dinge versprochen", sagte er abschließend. "Ich hab ihr versprochen, dass ich sie mitnehmen würde, wenn ich aus dem Camp fliehe, und dass ich nicht zulassen würde, dass ihr jemals wieder jemand wehtut. Ich habe sie in beiden Punkten betrogen, Val. Darum kann ich erst wieder an Ruhe denken, wenn ich sie da rausgeholt habe. Ich muss mit euch gehen! Ich muss ihr beweisen, dass meine Versprechen nicht bloß leere Worte waren. Das hat sie schon zu oft erlebt. Verstehst du es jetzt?"

Valene nickte sofort, redete aber ernste Worte mit ihm: "Du musst dir eins bewusst machen, Jason: Wenn wir dorthin zurückgehen, wird es eine Schlacht geben - eine erbitterte, blutige Schlacht ohne Kompromisse, bei der es mit hundertprozentiger Sicherheit Tote geben wird - und du bist nun wirklich kein Krieger. Wenn es hart auf hart kommt und du ins Gemenge gerätst, wirst du keine zehn Sekunden überleben. Ich kann dich verstehen, wenn du trotzdem mitkommen willst - ich verstehe, dass du dich Lia gegenüber verpflichtet fühlst - und ich will dich auch nicht davon abhalten zu tun, was du für richtig hältst. Andererseits kannst du gar nichts mehr für Lia oder für irgendwen tun, wenn du tot bist, und falls ihr etwas an dir liegt, würde sie das auch bestimmt nicht wollen."

"Trotzdem ..."

"Lass mich bitte ausreden", überging Valene seinen Protest. "Wenn es nach mir ginge, würdest du hier bleiben und dich nicht schon wieder in Gefahr begeben, aber die Entscheidung liegt bei dir. Falls du mitkommst, bestehe ich allerdings darauf, dass du mir etwas versprichst: Du bleibst dicht bei mir, und zwar die ganze Zeit, damit ich immer ein Auge auf dich haben kann. Und du tust, was ich dir sage, wenn ich es sage - sofort, ohne Diskussion. Wenn ich sage, du sollst dich verstecken, dann kommst du erst wieder raus, wenn ich dich hole. Und wenn ich sage, du sollst abhauen, dann nimmst du die Beine in die Hand und läufst, so schnell du kannst. Das sind die Bedingungen. Bist du damit einverstanden?"

Ein schwaches Lächeln umspielte Jasons Lippen. "Ja, Ma'am. Danke."

Grinsend sagte Valene: "Dann kannst du gleich jetzt anfangen. Los, geh wieder rein und leg dich eine Weile hin. Wir haben noch mindestens ein Stündchen Zeit, bevor es losgeht. Falls du wider Erwarten doch einschläfst, werde ich dich rechtzeitig wecken, versprochen."

Gehorsam erhob er sich von der Säule und ging zurück in den Tempel. Dabei kam er an Jack vorbei, der auf der Suche nach seiner Schwester war und den jungen Mann im Vorbeigehen eines zweifelnden Blickes würdigte. Jack betrat den Vorhof, setzte sich zu Valene und legte den Arm locker um ihre Schultern.

"Na, alles okay bei dir, Schwesterchen?"

"Bei mir schon. Bei Jason bin ich mir da noch nicht so sicher."

"Hm." Jack runzelte die Stirn. "Der Junge kann einem echt leidtun. Wie's aussieht, hat er verdammt viel mitgemacht, und das gerade für so ein Weichei ..."

"Musst du immer so gemeine Worte gebrauchen?" fuhr Val ihren Bruder an.

Er hob abwehrend die Hände. "Hey, ist ja gut. Kein Grund, die Krallen auszufahren. Ich mein ja nur - er ist nicht der Typ, der sowas leicht verpackt. Ich rechne es ihm durchaus an, dass er das durchgestanden hat, zumal er anscheinend trotzdem seinen Prinzipien treu geblieben ist."

"Was ihn wohl kaum zum Weichei macht, oder?" entgegnete sie bissig.

"Ja ja. Trotzdem. Ich will nicht sagen "Ich hab's ja gleich gesagt", aber ich halte es nach wie vor für einen Fehler, dass wir ihn mit in diese Welt gebracht haben. Wer weiß, ob er sich von der ganzen Sache je wieder erholen wird."

"Wenn du wüsstest, wie oft ich mir schon gewünscht habe, dass wir ihn nicht zum Mitkommen überredet hätten ... Aber Peter hat Recht. Womöglich wäre er dann wirklich längst tot. Und ihm wäre einiges entgangen."

"Du meinst die wunderbare Erfahrung, ein tödliches Säuredings in seinem Kopf zu haben? Gefangenschaft, Zwangsarbeit ...?"

"Nein. Ich rede von Liebe."

"Was?"

Jack gaffte sie verdutzt an. Valene nickte.

"Er ist verliebt. So schrecklich seine Erfahrungen in Golds Minencamp auch gewesen sind - ich denke, ausgerechnet dort hat er einen Grund gefunden, um weiterzuleben. Ich weiß nicht, ob ihm das selber schon so bewusst geworden ist, aber er denkt nicht mehr zuerst an seine eigenen Sorgen, sondern an sie. Und ich glaube ehrlich gesagt auch nicht, dass das nur eine vorübergehende Schwärmerei ist. Ich spüre etwas bei ihm, wenn er von ihr spricht ... wie bei dir, wenn du an Sam denkst. So wie jetzt. Du solltest zu ihr gehen."

Er schüttelte den Kopf. "Ich lasse dich hier draußen nicht allein."

"Ich werde nicht allein sein", erwiderte sie mit einem wissenden Lächeln. "Geh schon. Ich bin sicher, Sam würde die letzten Stunden vor der Schlacht sehr viel lieber mit dir verbringen als in Gesellschaft einer Horde Hybriden, die seit Jahren keine Frau mehr gesehen haben. Oder ist dir etwa nicht aufgefallen, wie diese eine Gruppe Geparden-Männer sie schon den ganzen Abend anstarrt?"

Das Argument zog. Jack kehrte schnellen Schrittes in den Tempel zurück, und Valene atmete ein paarmal tief durch und sog die erfrischend kalte Luft ein, ehe zum dritten Mal ein Mann neben ihr Platz nahm. Ohne sich nach ihm umzusehen, lehnte sie den Kopf an seine Schulter. Peter legte die Arme um sie. Keiner von beiden sagte ein Wort. Es genügte, dass sie zusammen waren.

18