25. Kapitel
Milton Manor, Cornwall –der Tag der Ankunft Part II
Der kühle Empfang ihrer zukünftigen Schwiegermutter erstaunte Elizabeth zwar über alle Maßen, aber sie ließ sich davon keineswegs ins Bockshorn jagen und beschloß, der gestrengen Dame Zeit zu lassen, sich an sie zu gewöhnen. Elizabeth ahnte, daß Mrs. Thornton ihren Sohn abgöttisch liebte und es sicherlich schwer für sie war zu akzeptieren, daß sie in seiner Gunst nicht mehr alleine an erster Stelle stand, für ihn sozusagen nur noch die zweite Geige spielte. Sie hatte durchaus Verständnis dafür. Elizabeth war jedoch optimistisch, daß sich alles mit der Zeit von selbst geben würde, spätestens im Sommer, wenn sie ebenfalls eine Thornton wurde. Und wenn erst einmal der erste kleine Thornton unterwegs sein würde, mußte doch auch Frau Schwiegermamas Herz weich werden, nicht wahr? Wer konnte schließlich einem Enkelkind, dem ersten noch dazu, widerstehen? Elizabeth hatte keine Ahnung, wie falsch sie mit dieser Hoffnung auf ein besseres Zusammenleben lag.
„Ich zeige Dir jetzt am besten Deine Räume, Elizabeth," sagte Thornton, legte seine Hand auf ihren Arm und nickte seiner Mutter zu. Doch Mrs. Thornton war damit nicht einverstanden.
„Ich muß mit dir reden, John. Eines der Mädchen kann Miss Bennet in ihr Zimmer bringen." Ihre Stimme duldete keinen Widerspruch und jeder andere hätte sofort einen Rückzieher gemacht, aber ihr Sohn schaute sie bloß an. „Später, Mutter. Ich möchte Elizabeth gerne selbst ihre neue Heimat zeigen. Ich gehe davon aus, es ist alles bestens für sie vorbereitet." Er lächelte seiner Verlobten aufmunternd zu und bot ihr höflich seinen Arm. „Komm, Liebes," sagte er und ließ eine sprachlose und innerlich vor Wut schäumende Helena Thornton zurück.
Elizabeth holte tief Luft und folgte Thornton durch die große Eingangshalle zu den Treppen, die in die oberen Geschosse führten. Die Privaträume der Thorntons lagen im ersten Stock und auch Elizabeth würde dort Quartier beziehen. Thornton selbst hatte die Räume für sie ausgewählt und dafür gesorgt, daß alles renoviert und teilweise neudekoriert wurde – Elizabeth sollte später ihre Gemächer ganz nach ihren eigenen Wünschen einrichten, so sie das wünschte.
„So, Miss Bennet, dies ist ihr neues Zuhause, herzlich willkommen auf Milton Manor!" sagte Thornton mit einem Lächeln, öffnete die Tür zu einem hellen, luftigen Salon und ließ sie eintreten. Nun ja, hell und luftig wäre es wahrscheinlich, wenn die Sonne scheinen würde – aber die hübsche, freundliche Einrichtung des Raumes entschädigte für das trübe, ungemütliche Wetter und die dicken, grauen Wolken, die über dem Land lagen. Elizabeth gefiel ihr neues Refugium auf Anhieb. Sogar ihr Gepäck war schon gebracht worden und wartete nur darauf, in den großzügig bemessenen Schränken und Kommoden verstaut zu werden. Staunend ging sie im Zimmer auf und ab, strich über die edlen Hölzer der Möbel, erfreute sich an den hellen Farben der Stoffe, bewunderte die Bilder an den Wänden. Sogar an ein Bücherregal war gedacht worden und sie entdeckte zu ihrer Freude die Werke einiger ihrer Lieblingsautoren. „Danke, John, es ist ein ganz wundervoller Raum, vielen Dank," sagte sie leise und trat an ein Fenster, eher ein kleiner Erker, der zu einer Art Aussichtsecke umgebaut worden war. Eine Bank lief an der Wand längs und war mit einem dicken, bequemen Polster bedeckt. Elizabeth bekam große Augen, denn von hier aus hatte sie einen exquisiten Ausblick auf die Küste und das dahinterliegende Meer. Ein gemütlicher, geschützter Ort hinter Glas, an den man sich mit einem Buch zurückziehen oder einfach nur bei schlechtem Wetter das stürmische Meer beobachten konnte. Sie wußte instinktiv, daß dies hier ihr Lieblingsplatz werden würde, ihre eigene, kleine Oase, ihr persönlicher Rückzugsort.
Thornton war zu ihr hingetreten und sah ebenfalls nach draußen. Er liebte diesen Ausblick, stundenlang hätte er hier stehen und den Wellen zuschauen können, die unermüdlich mit all ihrer Macht an die Küste brandeten. Es wurde ihm niemals langweilig, dieses Naturschauspiel zu beobachten und seine eigenen Räume wiesen natürlich ebenfalls zur Meeresseite hin. Aber jetzt war Elizabeth hier, und das war entschieden besser, als aus dem Fenster zu starren.
Sie schaute lächelnd zu ihm auf und er erwiderte ihren Blick zärtlich. „Ich freue mich, daß es dir gefällt, Elizabeth. Wenn du irgendetwas an deinen Räumen ändern möchtest, brauchst du es nur zu sagen. Du sollst dich schließlich hier wohlfühlen."
„Danke. Ich bin sicher, ich werde mich hier außerordentlich wohlfühlen." Trotz deiner Mutter, die mich offenbar ablehnt," fügte sie im stillen hinzu. Aber ihre Miene verriet nichts von ihrem aufgewühlten Gemütszustand. Die Nähe Thorntons jedoch beruhigte sie und tat ihr gut. Er hatte den ersten kleinen Machtkampf mit seiner Mutter für sich entschieden und damit auch für sie selbst. Ja, er stand auf ihrer Seite.
Elizabeth hatte das starke Bedürfnis, ihm hier und jetzt ihre aufrichtige Zuneigung zu zeigen. Sie drehte sich zu ihm hin, stellte sich auf die Zehenspitzen und küßte ihn sanft auf den Mund. Thornton starrte sie für einen Augenblick verblüfft an, aber im Gegensatz zu heute vormittag, wo er keine Gelegenheit gehabt hatte, ihren ebenso überraschenden wie höchstwillkommenen Kuß ordnungsgemäß zu erwidern, zögerte er nun keinen Moment. Liebevoll zog er seine immer noch lächelnde Braut an sich und hieß sie auf seine ganz eigene, sehr intime Art und Weise willkommen. Die beiden waren so sehr vertieft in ihre zärtliche Umarmung, daß sie die schwarzgekleidete Gestalt nicht bemerkten, die gerade aus dem Haus getreten war und in diesem Moment zufällig nach oben blickte. Wenn Blicke hätten töten können, von Elizabeth Bennet wäre nicht allzuviel übrig geblieben.
Die beiden Liebenden konnten sich nur sehr zögernd voneinander losmachen. Ihre Lippen lösten sich zwar, schon allein aus nachvollziehbaren Gründen der Notwendigkeit des Atemholens, aber ihre Blicke ließen einander nicht los. Beide hatten den gleichen schamlosen Gedanken: Warum bloß mußten sie bis zum Sommer warten, bis ihre Verbindung endlich offiziell wurde?
„Komm, Liebes," sagte Thornton schließlich leise. „Ich zeige dir jetzt noch dein Schlafzimmer." Elizabeth errötete zart bei dem Wort „Schlafzimmer", folgte ihm jedoch zu der Verbindungstür, die ihren hübschen, gemütlichen Salon von ihrem privaten Schlafgemach trennte. Thornton öffnete die Tür und ließ sie eintreten, folgte ihr aber nicht sondern blieb abwartend an der Schwelle stehen. Elizabeth wand sich fragend zu ihm um und Thornton lächelte verlegen. „Ich kann dein Schlafzimmer nicht betreten, Elizabeth, es wäre äußerst unschicklich. Erst wenn wir...du verstehst."
„Oh." Elizabeth wurde rot. Natürlich, wie dumm von ihr. Sie konnte selbstverständlich keinen Mann in ihr Allerheiligstes lassen, noch nicht einmal ihren Verlobten. Erst als ihr Ehemann würde er diesen Raum betreten. Ein Schauer der Erregung überlief sie. Ihr Ehemann. Das hörte sich irgendwie aufregend an. Neugierig schaute sie sich um und auch hier gefiel ihr, was sie sah. Der Raum war geschmackvoll und genauso freundlich eingerichtet wie ihr Wohnzimmer. Sie drehte sich um und lächelte unschuldig. „Dann hoffe ich, es wird bald Sommer, Mr. Thornton!"
Bevor Thornton etwas erwidern konnte – er war für einen Moment tatsächlich sprachlos – klopfte es an die Tür von Elizabeths Wohnzimmer und auf sein eher heiseres „herein" betrat ein junges Mädchen den Raum. Sie knickste höflich und stellte sich als Emma vor, von Mrs. Thornton persönlich als Miss Bennets neue Zofe auserwählt.
Elizabeth schaute Thornton fragend an und dieser runzelte ein wenig unwillig die Stirn. Er hätte es bevorzugt, wenn die zukünftige Herrin von Milton Manor ihre eigene Wahl bezüglich ihrer persönlichen Zofe getroffen hätte. Aber Elizabeth lächelte dem Mädchen freundlich zu. „Ich freue mich, dich kennenzulernen, Emma," sagte sie. Sie fand es nicht so schlimm, daß ihre Schwiegermutter in spe eine Zofe für sie ausgesucht hatte, im Gegenteil. War das nicht sogar ein Zeichen ihres guten Willens? Elizabeth war davon jedenfalls fest überzeugt. Sicher würde Mrs. Thornton sich bald daran gewöhnt haben, daß ihr einziger Sohn wieder heiraten wollte.
„Soll ich dann gleich ihre Sachen auspacken, Miss?" fragte Emma hilfsbereit und Elizabeth nickte dankbar. „Oh ja, sehr gerne. Danke, Emma."
„Ich kann dir in der Zwischenzeit den Rest des Hauses zeigen, wenn du magst," unterbrach Mr. Thornton. „Es sei denn, du möchtest dich jetzt gerne ein bißchen ausruhen nach der langen Reise."
Elizabeth schüttelte den Kopf. „Oh, ich bin nicht im geringsten müde. Können wir nachher noch ans Meer gehen? Bitte?"
Thornton lachte. „Natürlich, Elizabeth. Alles, was du willst."
Die beiden verließen leise plaudernd das Zimmer und Elizabeths neue Zofe blieb zurück, um die Habe ihrer neuen Mistress sorgfältig aus den Truhen in die Schränke und Kommoden zu räumen. Sie war so überaus sorgfältig mit Elizabeths Sachen, daß sie sogar sämtliche Schriftstücke, Briefe und was sonst noch persönlicher Natur war, genauestens studierte, sich so gut es ging einprägte, um später ihrer „wahren" Herrin, Mrs. Thornton, auf deren ausdrücklichen Befehl sie das alles tat, ausführlich darüber berichten zu können.
Elizabeth ahnte von diesen hinterhältigen Machenschaften selbstverständlich nicht das geringste. Sie verbrachte mit Mr. Thornton einen vergnüglichen Nachmittag. Er zeigte ihr zunächst den Rest des Hauses, seine eigenen privaten Räume und die seiner Mutter ausgenommen, und stellte sie anschließend dem Personal in aller Form vor. Die Anzahl an Bediensteten war nicht so hoch wie auf Pemberley, trotzdem tat sich Elizabeth schwer damit, die ganzen Namen zu behalten. Aber wichtig für sie war natürlich vor allem die Haushälterin, eine Mrs. Dixon. Sie trafen sie in der Küche an, wo sie gerade strikte Anweisungen für das Abendessen gab.
Elizabeth mochte die beleibte, auf den ersten Blick etwas einschüchternd wirkende Dame auf den ersten Blick.
„Freut mich sehr, ihre Bekanntschaft zu machen, Mrs. Dixon."
Die Haushälterin betrachtete ihre zukünftige Herrin mit einem offenen Blick aus ihren grauen, klaren Augen und ihr gefiel die junge Frau, die offenbar das Herz ihres normalerweise so schweigsamen, scheuen Masters erobert hatte. Ein kurzer Seitenblick auf Mr. Thornton bestätigte ihr diese Vermutung – er sah richtiggehend entspannt und gelöst aus. Seine Augen ruhten liebevoll auf seiner Verlobten und Mrs. Dixons mütterliches Herz schmolz wie Butter in der Sonne bei diesem so ungewohnten Anblick.
Mrs. Dixon lächelte. „Ganz meinerseits, Miss Bennet. Herzlich willkommen hier. Es ist sehr schön, sie hier zu haben." Sie tauschten noch einige Allgemeinheiten aus und mit der Bitte Thorntons, im Salon gleich Tee zu servieren, verließ das junge Paar die Küche.
Die Haushälterin sah den beiden lächelnd, aber auch ein wenig sorgenvoll nach. Miss Bennet machte einen frischen, sehr sympathischen Eindruck und so wie sie es anhand ihres kurzen Gesprächs beurteilen konnte, würde sie eine passable Herrin von Milton Manor abgeben. Mr. Thornton jedenfalls schien sehr verliebt in die junge Frau zu sein, was hier nach dem tragischen und vielbeweinten Tod von ihrer geliebten Mrs. Margaret keiner mehr für möglich gehalten hatte. Eine neue Frau für ihren Herrn, die er wirklich lieben konnte? Das konnte sich keiner auch nur im entferntesten vorstellen. Daß er wahrscheinlich eines Tages wieder heiraten würde, um wenigstens einen Erben zu haben, keine Frage, aber man hatte nicht unbedingt damit gerechnet, daß echte Zuneigung, vielleicht sogar wahre Liebe im Spiel sein würde. Aber wer die beiden zusammen sah, ließ sich gerne eines besseren belehren.
Mrs. Dixon freute sich aufrichtig für ihren Herrn. Sie hatte ihre Stellung bei den Thorntons als junges Mädchen einen Monat vor seiner Geburt angetreten, hatte ihn und später seine Schwester aufwachsen sehen. Als er Miss Hale geheiratet hatte und danach mit ihr hierher nach Cornwall gezogen war, hatte er sie als Haushälterin nach Milton Manor mitgenommen. Sie, und nicht seine Mutter, war an seiner Seite gewesen in der Nacht, als er Margaret und sein Kind verlor. Sie hatte ihm beigestanden in seiner tiefen Trauer, sie war es gar gewesen, die ihm langsam wieder Mut gemacht hatte. Selbst als Mrs. Thornton kurze Zeit später nach Milton Manor zog, hatte diese nicht viel Trost für ihren eigenen Sohn übrig gehabt. Es schien gar, als wäre ihr sein Leid gleichgültig, was Mrs. Dixon ihr niemals würde verzeihen können. Sie sah die Verzweiflung, die tiefe Trauer in seinen blauen Augen noch viel zu deutlich vor sich. Oh nein, ihr Verhältnis zu Mrs. Thornton war nicht gerade freundschaftlich zu nennen. Mrs. Dixon liebte diesen jungen, vom Schicksal bereits so bestraften Mann praktisch wie einen eigenen Sohn. Wenn es einer verdient hatte, eine liebende Ehefrau zu finden, dann er. Und sie hoffte und betete, daß Mrs. Thornton mit der Zeit lernen würde, ihre neue Schwiegertochter wenn schon nicht zu lieben, so doch wenigstens respektieren zu können. Insgeheim hatte sie jedoch sehr, sehr starke Zweifel an der Erfüllung ihres Wunsches. Glücklicherweise machte Miss Bennet nicht den Eindruck, sich leicht unterkriegen zu lassen.
Nach einer kurzen Teestunde, der Mrs. Thornton demonstrativ fernblieb, erinnerte Elizabeth Mr. Thornton an sein Versprechen, mit ihr noch einen kleinen Spaziergang zur Küste zu machen. Das Wetter war nicht gerade besser geworden, aber es war trocken, wenn auch kalt und sehr windig. Sie packten sich warm ein und marschierten, die Köpfe tief in ihre Mäntel vergraben und sich, Seite an Seite tapfer gegen den Wind stemmend, in Richtung Meer. Mrs. Thornton, die sich in ihre Privatgemächer zurückgezogen hatte, stand am Fenster ihres Salons und schaute ihnen mit ausdrucksloser Miene hinterher.
