Kapitel 25

-Erwartung-

Ich musste den Anblick dieser Augen jeden einzelnen Tag der kommenden Wochen ertragen. Sein Gesicht war so gut wie jeden Tag auf der ersten Seite. Er war so blass und dünn, er sah nicht mehr aus wie er selbst. Ich seufzte und legte die Zeitung entschlossen verkehrt herum auf den Tisch. Als ich mich umsah, kam Severus auf mich zu. Er sah aus, als würde er jede Sekunde einen Mord begehen.

„Was ist denn mit dir los?"

„Dumbledore ist ein Irrer." Er lehnte sich gegen die Balustrade meines Balkons, die Arme verschränkt.

„Sag bloß. Darauf wäre ich ja nie gekommen."

„Weißt du, wer der nächste Lehrer in Verteidigung gegen die Dunklen Künste werden soll?"

„Du wohl nicht."

„Haha. Manchmal bist du ja so witzig. Er würde mir diesen Job niemals geben, schon weil er zu viel Angst hätte, mich auf die ein oder andere Art nach einem Jahr zu verlieren. Stattdessen hat er eine Wahl getroffen, die in mir den Wunsch weckt, jetzt sofort zu kündigen..."

„Dann lass mal hören."

"Remus Lupin."

"Moony?" Ausgerechnet die Person, von der Sirius vorgegeben hatte, sie als Spion zu verdächtigen? „Warum um alles in der Welt denn den?"

„Vielleicht denkt der Alte, dass Potter die lieben alten Freunde seines Vaters um sich gebrauchen könnte."

„Sei nicht albern. Harry wird sich noch nicht mal an ihn erinnern können. Was hat Lupin denn in den letzten Jahren getrieben?" Ich hatte nie Kontakt zu ihm gesucht. Warum auch?

„Keine Ahnung. Sicher irgendetwas Nichtsnutziges. Wo er doch- weißt du überhaupt, was er ist? Haben dir das deine teuren Freunde und Liebhaber je erzählt?"

„Was hätten sie denn erzählen sollen? Was ist Remus, außer einem Freund von Sirius?"

„Schlimmer als das, sollte man meinen."

„Was also?"

„Ein Werwolf."

„Machst du Witze?" Ich war völlig entgeistert.

„Das tue ich nie. Ist dir nicht aufgefallen, dass er jeden Monat angeblich krank war?"

„Er war jetzt kein enger Freund von mir. Ich hab ihn vielleicht alle zwei Monate getroffen, wenn es hochkommt."

„Nun, er ist jedenfalls einer. Und dein Freund Black hier-" er drehte die Zeitung wieder um und tippte auf das Bild „wollte mir mal einen amüsanten Streich spielen und hat mich zu diesem Biest gelockt, als er verwandelt war. Zum Glück hat Potter rechtzeitig kalte Füße bekommen und ihn gerade noch aufgehalten. Sonst wäre ich schon lange tot."

„Lily hat mir so was mal erzählt. In eurem sechsten Jahr, richtig? Aber sie hat gesagt, dass keiner je rausgefunden hat, was in der Nacht wirklich los war. Nur, dass sie ewig nachsitzen mussten. Sie wollten dich einem Werwolf ausliefern? Das kann doch nicht wahr sein."

„Dumbledore hat mir das Versprechen abgenommen, es nie jemandem zu erzählen." Seine schwarzen Augen glitzerten.

„Ein Mann, ein Wort, hm?"

Er beugte sich zu mir, griff die Armlehnen meines Stuhls und sprach nur Millimeter von meinem Gesicht entfernt.

„Du bist meine Frau und ich denke, dass ich dir vertrauen kann. Lass es mich wissen, falls ich daneben liegen sollte." Zorn funkelte in seinen Augen als er sich wieder aufrichtete. „Ich werde das nicht zulassen. Lupin ist eine Gefahr für die Schüler. Und beste Freunde, die sie doch alle waren- wer sagt, dass Lupin Black nicht helfen wird, an Potter ranzukommen? Wir haben die ganze Geschichte niemals aufgeklärt. Wer sagt, dass Black und Lupin nicht immer schon zusammen gearbeitet haben? Nachdem Black festgenommen worden ist, war von dem ominösen Spion auf einmal keine Rede mehr."

„Dumbledore vertraut ihm. Er wird wohl seine Gründe haben, oder?"

„Das weiß man bei ihm nie so genau."

„Du könntest ihm eine Chance geben."

„Jetzt klingst du schon wie Dumbledore. ‚Er ist keine Gefahr, Severus. Er war die ganze Zeit auf unserer Seite. Ich wollte dich übrigens bitten, den Wolfsbanntrank für ihn zu brauen.' Unfähig, wie er ist, kriegt er das natürlich selber nicht hin."

„Hey, der Trank ist ganz neu und nach allem, was ich gehört habe, unglaublich schwer zu brauen."

Severus grinste. „Ach was?"

„Außer für dich. Ich weiß- es gibt nichts, was du nicht hinkriegst. Außer aus Askaban flüchten."

Er sah mich verächtlich an. „Ich habe immer und tue es noch: an meinen Fähigkeiten hart arbeiten. Das ist der Grund, warum ich all diese Dinge kann. Ich bin nicht mit meinen Freunden rumgelaufen und habe andere Leute erniedrigt. Wenn er das auch hätte bleiben lassen, könnte er das heute auch alles selber. Jetzt muss ich wieder für seine Unfähigkeit einspringen. Er verbringt seine Schulzeit damit, mich zu ärgern und ich soll ihm jetzt helfen. Es sieht so aus, als müsste ich mich um die Belange eines jeden einzelnen Rumtreibers kümmern."

„Trauriges Schicksal. Blagen und Zaubertränke wohin man sieht. Fühl dich doch geschmeichelt- du hast das Richtige getan. Jetzt braucht er dich."

„Was ist heute eigentlich los mit dir? Deine Kommentare sind nicht wirklich hilfreich."

„Alles, was ich sagen will, ist, dass du Dumbledores Entscheidung nicht wirst ändern können. Und zum jetzigen Zeitpunkt zu kündigen, ist für dich keine echte Option. Also warum beklagst du dich? Du solltest zufrieden sein. Zwei von ihnen sind tot, einer praktisch hilflos ohne dich und der vierte auf der Flucht. Du hast gewonnen, sie haben verloren. Lupin ist jetzt der Bittsteller, der auf dich angewiesen ist und dich braucht. Steh einfach über den Dingen."

„Ich will aber nicht gebraucht werden. Und am allerwenigstens von einem von denen."


Woche um Woche verstrich, aber Sirius wurde nicht gefunden. Adhara war bereits seit zwei Monaten in Beauxbattons. Severus und ich waren uns einig gewesen, dass wir die dortige Direktorin, Madame Maxime, wegen Sirius nicht würden warnen müssen. Ich war glücklich, dass Severus es ebenso gesehen hatte, wie ich. So musste ich weiterhin keinem Außenstehenden erzählen, dass Sirius Adharas Vater war. Ich wollte das niemals irgendjemandem erzählen müssen.

Mein einst so lebendiges Haus war jetzt sehr ruhig, ohne meinen kleinen Wildfang. Kein Gelächter, kein Chaos, keine Gute-Nacht-Geschichten und auch kein Kuscheln mehr bis Weihnachten. Ich seufzte.

Aber wenigstens war ich durch ihre Briefe versichert, dass sie ihre neue Schule liebte. Sie hatte auch dort wieder zahllose Freunde gefunden und liebte den Zauberunterricht. Auch die Lehrer berichteten, dass sie sehr begabt und lernwillig war. Mein Finger streichelte über das Bild von ihr, das auf meinem Schreibtisch stand. Sie hatte mir niemals Probleme bereitet. Mein kleiner Liebling. Ihr Lächeln war so lieb. Aber diese Augen. Ich sah hinüber zu der heutigen Zeitungsausgabe, die darüber berichtete, dass Black irgendwo in der Nähe von Hogsmeade von einem Muggel gesichtet worden war und natürlich hatten sie wieder sein Foto dazu veröffentlicht. Es waren exakt die gleichen Augen. Rasch schob ich die Zeitung zur Seite. Sie war meine Tochter.


In diesem Jahr verfiel ich an Halloween in eine trübe Stimmung. Ich saß zu Hause und betrachtete das flackernde Kerzenlicht der drei Kerzen auf meinem Tisch. Ich dachte an Lily, an James, an mein altes Leben. Jede Kerze flackerte symbolisch für eine dieser Erinnerungen. Severus würde heute nicht zu mir kommen, er musste in der Schule bleiben. Mit dem Flackern ließ ich all die alten Erinnerungen durch meinen Kopf tanzen. Die wilde Jugend. Ich lächelte. Es war eine großartige Zeit gewesen. Egal, was danach auch passiert war. Heute vor zwölf Jahren.

Einem plötzlichen Impuls folgend griff ich nach meinem Mantel. Obwohl es eine stürmische Nacht war, nahm ich die Kerzen mit mir und begab mich nach Godric's Hallow. Irgendwie war es mir Bedürfnis, die Lichter zu Lily und James zu bringen. Als ich an ihren Gräbern stand und die Kerzen dort aufstellte, brach ich heftig in Tränen aus. Ich hatte seit Ewigkeiten nicht mehr geheult und ließ den Tränen einfach freien Lauf. Kalt liefen sie über mein Gesicht und erlösten mich von meinem Kummer. Wie wäre es wohl mit uns allen weitergegangen, wenn Sirius nicht gewesen wäre. Es hätte alles so gut sein können. Als ich mich beruhigt hatte, blies ich die dritte Kerze aus, die mein altes Leben repräsentiert hatte. Das war jetzt Geschichte. „Ich hoffe, es geht euch gut, Lily und James, wo auch immer ihr sein mögt." Ich verließ den Friedhof.


Ich kam erst früh am nächsten Morgen nach Hause. Nachdem ich den Friedhof verlassen hatte, war ich zum allerersten Mal seit dem Tod von James und Lily bei ihrem Haus. Das zerstörte Gebäude bot einen furchterregenden Anblick.

Bathilda Bagshot hatte mich dort gefunden, als ich die Ruine anstarrte. Sie hatte sich noch an mich erinnern können und mich zu sich eingeladen, wo wir ein paar ihrer grässlichen süßen Liköre getrunken hatten. Wir hatten über die alten Zeiten geredet und geweint, bis wir keine Tränen mehr gehabt hatten. Ich war sehr müde, aber doch hatte ich mich schon lange nicht mehr so friedvoll und ausgeglichen gefühlt.

Ich war überrascht, als ich Severus bei meinem Haus sah um diese Tageszeit. Er wartete ganz offensichtlich auf mich. Mein Puls beschleunigte. Es musste etwas passiert sein. Er hatte Sirius gefunden und ihn getötet!

Severus packte mich sofort beim Handgelenk und zog mich grob zu sich.

„Wo bist du gewesen?" zischte er, seine schwarzen Augen bohrten sich in meine.

"In Godric's Hallow." Warum um alles in der Welt war er so wütend?

„Ich habe mir Sorgen gemacht!"

"Wenn ich gewusst hätte, dass du kommst, hätte ich dir auch Bescheid gesagt." Ich wollte seinen Ärger dämpfen.

„Hast du dich mit ihm getroffen?"

„Wem?"

„Black!" Er packte mich so fest, dass es wehtat.

„Bist du verrückt geworden?"

„Ich hatte Angst, dass Black auch hier gewesen sein könnte."

„Auch?" Ich war verwirrt, Severus starrte mir immer noch direkt in die Augen.

„Er war heute Nacht in Hogwarts."

„Was?" Ich musste mich auf einen klatschnassen Stuhl setzen.

„Er wollte sich anscheinend im Turm der Gryffindors verstecken, aber das Portrait, das dort den Eingang überwacht, hat ihn ohne Passwort nicht eingelassen. Er hat es zerstört und ist wieder abgehauen."

„Nein." Es war also wahr, er wollte Harry töten.

„Wir haben das ganze Schloss abgesucht, aber er ist verschwunden."

„Aber wie ist das möglich? Ich dachte, dass Dementoren die Schule bewachen?"

"Wir haben keine Ahnung. Nun, ich hätte da eine, aber die will Dumbledore nicht hören."

„Lupin."

„Exakt. Ich wollte mich nur versichern, dass es dir gut geht, aber als du nicht auf meine Versuche, dich zu erreichen, reagiert hast, bin ich hergekommen. Ich musste schließlich wissen, ob du umgebracht worden bist oder nur besoffen." Er war immer noch sehr gereizt.

„Weder noch." Ich ignorierte seine Provokation. „Wie kann er denn in Hogwarts einbrechen? Dort ist doch kein Hineinkommen."

„Wir wissen es nicht. Und ich bedaure es wirklich zutiefst, dass er nicht geblieben ist. Ich hätte ihn zu gerne fertig gemacht. Heute ist es genau zwölf Jahre her, dass er…" Er brach ab, atmete tief ein und sah mich an.

„Du bist also dort gewesen. Ich habe mich schon gewundert, warum deine Augen so geschwollen sind." Er lächelte.

„Ja, ich bin etwas sentimental geworden und habe ihre Gräber besucht und dann das Haus und dann habe ich Bathilda getroffen…" Eine neue Träne formte sich in meinem Auge. Severus zig mich an sich und begann, mich zärtlich zu küssen.


Severus musste auch in diesem Jahr über Weihnachten in Hogwarts bleiben, aber er würde an Sylvester bei uns sein. Adhara hatte zu Weihnachten einen Besen bekommen und war vor Freude vollkommen außer sich gewesen. Sie liebte Fliegen. Sie überlegte sogar schon, sich im kommenden Schuljahr für das Quidditch Team der Schule zu bewerben. Ich wusste nicht, wo sie das herhatte. Sirius war kein großer Quidditch Spieler gewesen. Er hatte es gemocht, aber nicht selber gespielt. Er hatte Motorräder geliebt. Ich konnte mich noch lebhaft an seine Unzahl von verhexten Motorrädern erinnern, die er besessen hatte. Ich schüttelte meinen Kopf bei dem Gedanken an seine Begeisterung für diese Teile.

„Was ist denn, Mama?" fragte Adhara.

„Ach nichts." Ich seufzte. „Ich bin bloß ein bisschen sentimental, weil es Weihnachten ist und ich dich so schrecklich vermisst habe."

„Wirklich? Ich finde, dass du irgendwie schon die ganze Zeit so besorgt wirkst. Und Severus benimmt sich auch so komisch."

„Tut er das?" Besser wir sprachen über ihn als über mich.

„Ja. Er hat die ganze Zeit so schlechte Laune."

"Weißt du, er ist sehr gestresst. Er arbeitet viel zu viel."

Adhara sah mich skeptisch an, bohrte aber nicht weiter nach.

„Glaubst du, dass sie diesen Mann auch mal fangen?" fragte sie stattdessen und deutete auf die Zeitung, auf deren Titelseite erneut das Bild von Sirius prangte. Mein Magen zog sich zusammen. Wie hatte ich vergessen können, sie wegzuräumen?

„Die meisten Mädchen in der Schule finden ihn total cool. Ich auch. Das muss schon toll sein, wenn man aus dem Gefängnis ausbricht und dann auf der Flucht alle zum Narren hält."

Ich war schockiert. „Was bitte soll denn an einem Gefängnisausbruch cool sein? Er hat dort gesessen, weil er zig Menschen ermordet hat! Wie kannst du sagen, dass so jemand cool ist?" Ich brüllte den letzten Satz fast.

„Mama? Was ist denn los mit dir?" Adhara wich von mir zurück. Ich hatte war wirklich zu laut geworden.

„Tut mir leid, Schatz. Aber du warst noch nicht einmal geboren, als dieser Mann seine Verbrechen begangen hat. Es waren schreckliche Zeiten damals. Ich habe viele Freunde verloren. Und ich kann es nicht fassen, dass du und deine Freundinnen so einen Verbrecher jetzt verehren als wäre er so eine Art Filmstar. Er ist ein Massenmörder und nichts anderes."

„Hat er Freunde von dir umgebracht?" Ihre Augen weiteten sich erschrocken. Seine Augen. Ich musste meinen Atem zügeln. Ich brauchte Feuerwhisky! Meine kleine Tochter hielt ihren Vater für einen anbetungswürdigen Rebellen.

„Indirekt." Ich war auf ein solches Gespräch nicht vorbereitet.

„Erzähl mir davon."

Ich griff nach einem Glas für den Feuerwhisky.

„Das kann ich nicht. Es tut mir leid, aber das kann ich nicht. Es ist zu schmerzhaft für mich." Mir fiel die Unterhaltung mit Severus ein, in der wir besprochen hatten, ob ich ihr die Wahrheit sagen sollte. Was, wenn einer ihrer Freundinnen die Ähnlichkeit auffiel? Nein, er nicht einmal mehr wie er selbst aus, von Adhara ganz zu schweigen.

„Aber Mama! Er hat Freunde von dir umgebracht? Ich dachte, er hätte Muggel getötet."

„Macht das etwa einen Unterschied?" Das wäre jetzt zu viel für mich.

"Ich wusste nicht, dass du Muggel-Freunde hattest. Erzähl mir von ihnen. Wo hast du sie getroffen?"

Merlin sei Dank, ich hatte sie nur falsch verstanden. „Nein, Schatz. Diese Muggel waren nicht meine Freunde. Aber hat Freunde von mir verraten, sodass sie getötet worden sind."

„Wie kann man denn jemanden so verraten, dass er getötet wird? Das verstehe ich nicht."

„Stell dir vor, du spielst Verstecken und jemand sagt dem Sucher, wo die Verstecke sind."

„Aber das wäre ja total unfair."

Ich musste unweigerlich lachen. „Ja, Schatz. Genau das ist es. Insbesondere, wenn der Sucher nicht nur hinter dir her ist, sondern hinter deinem Leben. Und genauso war es damals. Er hat sie verraten an jemanden, der sie töten wollte und vor dem sie sich versteckt hatten. Also bitte denke niemals, dass ein solcher Mann cool ist."

„Aber warum tut jemand so etwas? Warum will man denn andere Leute umbringen?"

„Ich weiß es nicht Adhara. Ich habe das auch nie begriffen."

„Ich auch nicht. Vielleicht kann Severus mir das erklären. Er kann Sachen immer so erklären, dass ich sie verstehe."

„Warum gehst du jetzt nicht ins Bett, Schatz? Es ist schon spät."

Sie verließ den Raum und meine zitternden Hände fanden die Whiskyflasche. Das war knapp gewesen. Was hatte ich auch erwartet? Sie hatte ja keine Ahnung. Sirius Black. Er ist dein Vater. Ja, er war auch mal ziemlich cool. Deine dumme Mutter hat nur leider nicht mitbekommen, dass er ein Todesser war. Dumme Mutter. Du willst ihn kennenlernen? Nun, keine Ahnung, wo er steckt. Aber mach dir nichts draus, er weiß ohnehin nicht, dass du existierst. Ich muss wohl die Gelegenheit verpasst haben, es ihm zu sagen. Übrigens solltest du dich auch beeilen- dein Stiefvater wird ihn nämlich umbringen. Ich lachte bitter.

Der Alkohol brannte in meiner Kehle. Ich lehnte meine Stirn gegen die kühle Fensterscheibe, draußen war es klirrend kalt. Warum hätte er gewollt haben sollen, dass James und Lily getötet werden? Ich war ehrlich zu Adhara gewesen- ich hatte wirklich keine Ahnung. Der Himmel war fast schwarz. Wie wäre das Leben für Adhara und mich gewesen, wenn er nur ehrlich zu mir gewesen wäre. Hatte er mir nicht von dem Orden erzählt, weil er gar nicht wirklich dazu gehörte? Ich versuchte krampfhaft, mich an die Gespräche mit ihm von damals zu erinnern. Hätte ich damit leben können? Mein Ehemann war immerhin auch ein Todesser gewesen. Nein, es hätte mich nicht interessiert, solange ich bei Sirius hätte bleiben können. Vielleicht hatte er das Thema auch nur so oft angeschnitten, weil er mich dazu bringen wollte, zuzugeben, dass ich die Dunklen Künste in Wirklichkeit liebte? Hätte er mir dann die Wahrheit über sich offenbart? Hätte er mir dann womöglich auch gesagt, was er vorhatte? Warum hatte er mir gesagt, dass er der Geheimniswahrer sein würde, er hätte doch behaupten können, dass es jemand anders war? Hatte er denn wirklich erwartet, aus der Sache rauskommen zu können, wenn Dumbledore doch wusste, dass er der Geheimniswahrer war? Wahrscheinlich hatte er das. Niemand hätte ahnen können, dass Harry überleben würde. Aber wie hätte er mir das erklären wollen? Nie? Hatte ihn das überhaupt jemals interessiert?

„Sirius. Hast du jemals an mich gedacht?" flüsterte ich, sodass das eisige Fenster beschlug.


Am nächsten Tag war Severus da. Ich erzählte ihm von dem Gespräch, das ich in der Nacht zuvor mit Adhara geführt hatte.

„Beruhige dich. Natürlich liest sie in der Schule die Zeitung. Aber sie hatte doch keine Ahnung.

„Als sie mich gefragt hat, was er meinen Freunden getan hat…soll ich ihr alles über James und Lily erzählen?"

„Nein, ich denke, dass ist nicht notwendig. Sie wird ohnehin bald das Interesse an dieser Angelegenheit verlieren. Du weißt, wie kleine Mädchen sind."

„Ich hasse ihn." fauchte ich wütend. Konnte er nicht einfach verrotten? „Habt ihr denn immer noch keine Spur von ihm?"

„Wir glauben, dass er Harry an Weihnachten einen Besen geschickt hat."

„Was? Einen Besen! Was soll das denn? Möchte er sich bei Harry für den Mord an seinen Eltern mit Weihnachtsgeschenken entschuldigen?"

„Wir untersuchen ihn eher auch Zauber und Flüche." Er seufzte. „Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit, um nach ihm zu suchen. Er scheint ja für das Ministerium unaufspürbar zu sein. Wenn ich mehr Zeit hätte, hätte ich ihn sicher schnell gefunden, aber ich habe ständig Verpflichtungen an der Schule."

„Was ist mit Lupin? Könnte er da auch mit zu tun haben?"

„Nein, der hatte seine Vollmond-Problemchen an Weihnachten. Merlin, wie ich die ganze Band hasse!" raunzte er aggressiv.


Im Februar erhielt ich einen alarmierenden Brief von Severus. Ich hatte ihn seit Neujahr nicht mehr gesehen.

"Meine Prinzessin,

letzte Nacht ist Sirius Black mit einem Messer bewaffnet in den Schlafsaal von Harry Potter eingedrungen. Offenbar hat er das falsche Bett erwischt und versucht, Ronald Weasley zu töten, der glücklicherweise aufgewacht ist und so laut geschrien hat, dass Black flüchten musste. Der Vollidiot von Longbottom ich habe Dir ja bereits von diesem außergewöhnlich dämlichen Kind berichtet) hatte anscheinend sämtliche kommenden Passwörter von dem Portrait erfragt, sie aufgeschrieben und dann herumliegen lassen. Großartig. Wenn ich nur gewusst hätte, dass er kommt…

Wie die Dinge nun stehen, werde ich die Schule wohl nie wieder verlassen können. Wir müssen die Schüler, insbesondere Harry, bewachen. Black scheint ein sehr lebhaftes Interesse daran zu haben, das Werk zu vollenden und auch Harry zu töten.

In Liebe, Severus"

Ich stöhnte. Wenigstens konnte ich mir sicher sein, dass er nicht hinter mir oder Adhara her war. Er war ausschließlich auf Harry fixiert und allem Anschein nach auch ununterbrochen in England geblieben.

Als ich im Bett lag, fragte ich mich plötzlich, warum. Hatte er mich vergessen? Interessierte es ihn einfach nicht, was aus mir geworden war? Oder konnte er mich einfach nicht finden, so wie Severus ihn nicht finden konnte? Und warum dachte ich überhaupt darüber nach? Ich sollte froh sein, dass er nicht hinter mir her war. Stattdessen war ich enttäuscht. Mir war wirklich nicht zu helfen.


Clot war gerade bei mir zu Besuch, als der Brief eintraf, in dem Severus mir mitteilte, dass er Harry dabei erwischt hatte, wie er sich nach Hogsmeade geschlichen hatte. Die Details sollen an dieser Stelle mal unter den Tisch fallen- man kann sich leicht vorstellen, was er so geschrieben hatte.

Clot amüsierte sich königlich über Severus Schreibstil.

„Er ist immer so witzig, wenn er sich wirklich über jemanden aufregt."

Ich zog eine Augenbraue hoch. „Dieses Mal kann ich ihn wirklich nur zu gut verstehen."

„Natürlich hat er Recht. Aber trotzdem…"

„Wie kann Harry nur so dumm sein? Sirius ist ein mächtiger Zauberer und er ist fest entschlossen, Harry zu töten. Wie kann er nur so unvernünftig sein?"

„Er ist wohl wie sein Vater, denke ich. Wenn ich so zwischen den Zeilen lese, scheint Severus da ja ähnlicher Ansicht zu sein." Clot kicherte vergnügt.

„Ich bin mir nicht sicher, ob James so dermaßen unvernünftig gewesen wäre."

"Jetzt machst du dir aber was vor, Sadra. Natürlich wäre er das gewesen Besonders im Doppelpack mit Sirius."

"Aber er muss doch auch etwas von Lily in sich haben. Er kann doch nicht ein hundertprozentige Kopie von James sein." Ich seufzte frustriert. Harry machte es keinem von uns mit dieser Aktion einfacher.

„Offensichtlich ja schon. Aber warum regt Severus sich auch über Remus so auf?"

"Er denkt, dass Lupin womöglich mit Sirius zusammenarbeitet."

"Er? Auf gar keinen Fall!" rief sie aus.

"Das ist genau dieselbe Antwort, die ich dir gegeben hätte, wenn du früher mal behauptet hättest, dass Sirius ein Todesser ist." versetzte ich.

„Aber Sirius war doch schon immer der ambitionierte Typ. Wahnsinnig talentiert, gutaussehend, abenteuerlich und ungezügelt. Das ist doch genau die Art von Mensch, die etwas so vollkommen Unerwartetes im Schilde führt. Remus ist so bodenständig."

„Über den kommst du wohl nie hinweg, hm?"

„Ich mochte ihn wirklich gut leiden. Aber- glaubst du ernsthaft, dass er ein Todesser ist? So wirklich und in Echt?"

„Nein." Ich seufzte wieder. „Das tue ich nicht."

„Glaubst du, dass Sirius nach dir suchen wird, nachdem Harry sich dann demnächst endgültig selbst ans Messer geliefert hat?"

„Diese Frage habe ich mir ehrlich gesagt auch schon gestellt. Aber ich glaube, dass es ihn schlicht und ergreifend nicht interessiert, was aus mir geworden ist. Er hat mich niemals wirklich geliebt."

„Doch, das hat er. Ich stimme da Dumbledore voll und ganz zu. Er hat dich geliebt."

„Warum schreibt er mir dann nicht einfach ein paar Zeilen?" Ich musste lachen.

„Vielleicht, weil er deinen neuen Nachnamen noch nicht kennt." Clots Stimme war eisig.

„Clot, er sucht nicht nach mir. Er will Harry töten und ich habe keine Ahnung, was er anschließend für Pläne haben mag, wenn er nicht vorher getötet wird. Aber sie werden nichts mit mir zu tun haben."

„Ich wäre mir da nicht so sicher, wenn ich du wäre."