So, fertig mit dem nächsten Kapitel - wie üblich entschuldige ich mich dafür, dass ihr warten musstet, und bedanke mich für die ... ähm ja, zwei Reviews. Würde mich freuen, wenn das wieder ein bisschen mehr würden.
Und nun viel Spaß beim Lesen! Lasst mich bitte wissen, wie es euch gefallen hat ;-)
Die Ruhe vor dem Sturm
Es war, als wäre Harry nur ein Zuschauer dessen, was sich ereignete; im einen Moment stand er neben sich, starrte Luna an, konnte nur starren. Sein Hirn war wie leergefegt, doch umso deutlicher drang das Echo seiner Gedanken in seinen Ohren: Sie darf nicht springen!
Dann, im nächsten, knallte er auf harten Steinboden, schürfte sich zu viel Haut auf und japste nach Luft, als er es irgendwie schaffte, sich den Ellbogen in die eigenen Rippen zu stoßen. Luna landete auf ihm, presste ihm die Luft aus den Lungen, und seine Rippen schmerzten noch mehr; doch Harry konnte sich nicht mies fühlen ob der Erleichterung, die durch seine Blutbahnen strömte, ihn so wunderbar von innen wärmte. Ganz im Gegensatz zum kalten Boden, und Harry keuchte, als Luna grob von ihm hochsprang wie von einer Matte und auf das Geländer zustürzte.
Aufzustehen kam ihm nicht in den Sinn – dauerte zu lang – er zückte den Zauberstab und schrie entsetzt – ‚darf nicht springen!' – den ersten Zauberspruch, der ihm einfiel der Menschen schweben ließ. „Levicorpus!"
Eine Sekunde danach wurde Luna kopfüber in die Luft gerissen und baumelte herum als schüttelte ein Riese ihre Knöchel, umklammerte dabei ein Blatt Pergament, als hinge ihr Leben davon ab. Harry nahm sich einen Moment zu verschnaufen, stemmte sich schwer atmend auf die Ellbogen und wuchtete seinen Körper auf die Füße; die Schmerzen im Knie ignorierte er geflissentlich.
Lunas Gesicht färbte sich rosa, als ihr Blut aus den Beinen in den Kopf floss, doch Harry kam sich nicht einmal sonderlich gemein vor, als er das Mädchen da oben baumeln ließ – argwöhnisch musterte er Luna, doch der erwartete Ärger blieb aus. Statt ihn wütend anzublitzen – obwohl Harry nicht einmal wusste, ob Luna das konnte – sah sie ihn aus verwirrten Glubschaugen an, als wisse sie nicht, ob er bei Sinnen sei.
„Wenn du mir versprichst nicht zu springen", keuchte er, wischte sich mit der freien Hand Schweiß von der Stirn, „dann setz ich dich auf deine Füße zurück!" Eigentlich eine klare Aussage, doch Luna blickte nur verwirrter drein, blinzelte und legte den Kopf schief, was kopfüber lustig ausgesehen hätte, wäre die Situation nicht so ernst.
„Wovon redest du?" fragte sie mit einer Mischung aus Neugier und Faszination in der Stimme, die so ganz anders anmutete als der Ärger, den Harry erwartet hatte. Dann hellte sich ihre Mine auf, und Luna lächelte ihn verträumt an, schüttelte den Kopf. „Ich bringe mich nicht um, ich wollte ungestört Papas Brief lesen!"
Oops; mit hochrotem Kopf – der sogar Lunas Konkurrenz machte – beeilte sich der Junge der lebte, die blauäugige Hexe auf den Boden zurückzuholen. „Liberacorpus!"
Stammelnd und nach Worten suchend entschuldigte er sich, starrte nur zu Boden; wurde noch röter – ihm war so heiß, dass seine Ohren brannten –, als Luna sich auf die Zehenspitzen stellte und ihm einen Kuss auf die Wange drückte, sich bedankte, dass er sich Sorgen um sie machte. Die aber nicht nötig seien. „Papa schreibt, dass er sich verstecken kann, und ich bin froh, dass er nicht geschrieben hat, wo. Wenn das Ministerium die Eulen untersucht ... ist das sicherer. Er schreibt auch, ich soll mir keine Sorgen machen, er hätte genug weiße Haare für uns beide! Ich wette, er zieht alle paar Tage um. Seine Zeitschrift kann er natürlich nicht mehr veröffentlichen. Das find ich schade, aber mir ist es lieber, als dass er das Risiko eingeht, sich finden zu lassen."
Das alles brach in einem einzigen Schwall aus ihr heraus, und Harry hatte Mühe, ihr zu folgen, wie sie so verträumt auf den Brief in ihrer Hand starrte, bevor sie ihn liebevoll faltete und in ihre Roben gleiten ließ; was er jedoch heraushörte was wichtig war, dass Luna nie daran gedacht hatte zu springen, und aus einem Impuls heraus schloss er die verblüffte junge Hexe fest in die Arme, schickte ein stummes Dankgebet gen Himmel. Er würde sie über das Wochenende mit zu sich – und Ron und Hermine – ins Hauptquartier nehmen, wo er mit Sirius trainieren würde; sie sollte davon abgelenkt werden, dass Mr. Lovegood vermisst wurde! Ein angenehmes Kribbeln breitete sich in seiner Magengegend aus, als Luna schließlich seine Umarmung erwiderte.
Sie kamen gerade zum Mittagessen im Hauptquartier an – eigentlich war es beinahe fünfzehn Uhr am Nachmittag. McGonagall nickte anerkennend, hatte Harry es doch endlich geschafft, einen Portschlüssel zu beschwören, auch wenn dieser noch wackelte, dass einem schlecht wurde. Mit der Routine würde sich die Fluglage verbessern, erklärte die Lehrerin knapp und war verschwunden, kaum dass sie überprüft hatte, dass an ihren Schülern noch alles dran war. Die vier bekamen gerade noch mit, wie sie irgendetwas von „viel zu jung" murmelte, und den Kragen ihrer Robe hochschlug.
Harry, Ron, Hermine und Luna mussten nur ihrer Nase folgen, um zu den anwesenden Ordensmitgliedern zu finden, und gerade Harrys Nase dankte dem Zauberer, dass er schon in Hogwarts gespeist hatte; was auch immer es war – es sah nach Eintopf aus – roch fürchterlich. „Wirklich ein Jammer, dass sie es bis morgen nicht schaffen werden, die Versorgung wieder auf Vordermann zu bringen", klagte Ron wehmütig, dachte so offensichtlich an den Kastanienpudding, den er vor gerade mal einer Stunde in sich hinein geschlichtet hatte, dass Hermine ihn mit ihrem Ellbogen in die Seite boxte. Harry unterdrückte ein Grinsen, das genauso gut eine Grimasse hätte werden können, und schwang sich neben Sirius auf die alte Holzbank; mit leisem Kribbeln in seinem Magen registrierte er, dass Luna sich neben ihn setzte, während Hermine Ron zwischen George und sich selbst einzwängte.
Sirius hatte kaum Zeit, grüßend zu nicken und die Serviette auf den Tisch zu legen, mit der er sich die Mundwinkel abgetupft hatte, als Luna ihn auch schon mit Fragen überhäufte. Was das für Tabletten seien, die neben seinem Teller lagen aber nicht neben denen der anderen Ordensmitglieder, wieso er so eine übelriechende Flüssigkeit trank, sprudelte es aus ihr heraus. Wie der Schokoriegel ins Bild passte, den auch keiner der anderen verspeiste. „Smethwycks Diät", knurrte Harrys Pate nur schulterzuckend und kippte das Glas mit der giftgrünen, zähflüssigen Substanz hinunter; ein Glück, dass er von Merlin noch den Matsch-Trank gewöhnt war, dachte Harry und schnitt nun wirklich eine Grimasse. Vor Wochen wäre ihm selbst von dem Geruch schlecht geworden.
„Wenn Fleur nur nicht auch noch den Eintopf hätte anbrennen lassen", beschwerte George sich grunzend und schüttelte den Kopf. Harry vermutete, dass das etwas mit Bills Ordenseinsatz heute nacht zu tun hatte – der gesund und munter mit am Tisch saß und keinen Grund zur Sorge bot; mutmaßte weiter, dass der einzige Grund, weshalb Sirius sich an die verschriebene Diät hielt, sicherlich war, dass sie funktionierte. Froh, dass sein Pate sich auf dem Weg der Besserung befand, warf er Luna den charmantestem Blick zu, zu dem er imstande war und bat das Mädchen, ihm doch aus dem Küchenzelt ein Glas Wasser zu holen.
Als Luna nicht mehr zu sehen war konnte er Sirius endlich fragen, was ihm seit dem Morgen auf der Zunge lag. „Weißt du irgendetwas von Xenophilius Lovegood?" Er hatte keine Ahnung, was Sirius ihm gleich verraten würde; deshalb war es besser, Luna außer Reichweite zu schicken.
Abwägend warf Sirius seine Serviette auf den Suppenteller, blickte Harry prüfend von der Seite an, als hätte er keine andere Frage erwartet. Bei jedem anderen, und zu jedem anderen Zeitpunkt hätte Harry sich darüber aufgeregt, so ein offenes Buch zu sein; nicht bei Sirius' verstehender Mine, und nicht jetzt – er machte sich zu viele Sorgen um Luna. Zu seinem Verdruss schüttelte Sirius den Kopf, zuckte mit den Achseln.
„Nachdem was Lovegood veröffentlicht hat, war es nur eine Frage der Zeit!" erklärte er, legte eine Hand auf Harrys Schulter und drückte kurz zu, ließ die Finger einen Moment verweilen, „Dumbledore ist sicher, dass sie ihn noch nicht erwischt haben. Wenn dir das ein Trost ist ..." Dann griff er nach dem Schokoriegel vor sich auf den Tisch, riss die Verpackung auf und brach ein Stück ab, das er sich in den Mund stopfte. „Dumbledore versucht, ihn aufzuspüren", fuhr Sirius dann fort, als er geschluckt hatte, und klopfte Harry noch einmal auf den Rücken, „damit er ihn ins Hauptquartier in Sicherheit holen kann – irgendwo liegt noch ein Zettel von Moony mit dem Geheimnis rum."
Sirius' Gesichtszüge verhärteten sich, und auch Harry knirschte mit den Zähnen beim Gedanken an Remus, der noch immer im Koma lag, vielleicht zwanzig Meter entfernt in einem der Krankenzelte, und dem Harry nicht helfen konnte, so sehr er das auch wollte. Ihm gefiel es nicht, auf Smethwyck vertrauen zu müssen, von dem Harry nicht einmal wusste, ob er den Duellierlehrer aufwecken wollte. Was, wenn Smethwyck wirklich der Zauberer war, der den Orden ausspionierte? Remus hätte keine Chance! Wie gut, dass Dumbledore Andromeda Tonks abgestellt hatte, auf Remus aufzupassen; wobei im Moment Snape diesen Job übernahm, befand sich Andromeda doch auf einer Mission.
Luna kam zurück, in der Hand ein Glas Kürbissaft das sie vor Harry abstellte und das dieser nie bestellt hatte, und vorsorglich wechselte er das Thema.
„Wie geht's eigentlich Moody?" erkundigte er sich bei Sirius und zog die Brauen hoch; am Tisch war nichts zu sehen von dem alten Kauz, und von seinem Besuch bei Madam Pomfrey am Vormittag – wie hatte die Hexe geflucht, ihn schon wieder behandeln zu müssen, und „er solle doch verflixt nochmal auf seine Füße aufpassen" – wusste Harry, dass Moody keines der Betten in Hogwarts mehr hütete. Dennoch musste er mit einem Schaudern daran denken, was McGonagalls Patronus auf Dumbledores Schreibtisch verkündet hatte.
„Moody?" hakte Sirius nur nach, ging sofort auf das Ablenkungsmanöver ein und konnte sich ein amüsiertes Grinsen nicht ganz verkneifen, „Dem geht's gut genug, um schon wieder auf einem Ordenseinsatz unterwegs zu –"
Porzellan klapperte und zerbarst in unzählige Teile, und Harry schreckte hoch. George sprang von seinem Platz auf und fegte auf das große Holztor zu, das in die kleine Höhle vor dem Hauptquartier führte und gerade mit einem lauten Knall ins Schloss fiel; ein Krug, den er dabei umstieß, folgte der großen Suppenschüssel auf den Boden und zerbrach. Auch Harry sprang hoch, war Sirius bereits dicht auf den Fersen und bedeutete Luna, am Tisch sitzen zu bleiben, schickte Hermine zu der blonden Ravenclaw. Käseweiß im Gesicht schloss Ron zu Harry und seinem Paten auf, stieß fast in die beiden, als sie abrupt stehen blieben; sie konnten alle drei nur starren.
Fred wurde von George gestützt, hing mehr an der Schulter seines Zwillings als dass er stand, und Andromeda griff hastig nach der ‚Erste Hilfe'-Ausrüstung, die ihr von irgendwo gereicht wurde, öffnete diese routiniert und fingerte das Desinfektionsmittel und eine große Menge an Binden und Pflastern heraus. Langsam ließ George seinen Bruder auf ein unbequemes Feldbett sinken, das Harry schnell beschworen hatte, und der Junge der lebte eilte zusammen mit Ron an Freds Seite. Mit fliegenden Fingern versorgte Andromeda die klaffende Wunde in Freds Kopf – der mit dem Gesicht voller Blut abstoßend aussah, doch nach dem Stillen der Blutung und einem eilig ausgeführten Blutersatz-Zauber kehrte eine gesunde Farbe in Freds Wangen zurück. Verbunden sah sein Kopf gar nicht mehr schlimm aus, und während George und Ron ihren Bruder in ein Krankenzelt bugsierten, damit dieser sich hinlegen konnte, wandte Harry sich Sirius und Andromeda zu, die leise miteinander redeten; es war keine fünf Minuten her, dass sein Pate ihm berichtet hatte, dass Moody unterwegs war – der nicht mit Andromeda und Fred zurückgekehrt war, und Harrys Inneres zog sich zusammen.
„Moody ist auf einer anderen Mission unterwegs", erwiderte Sirius auf eine entsprechende Frage hin knapp, nahm sich kaum die Zeit, Harry anzusehen, der besänftigt aufatmete; Andromeda fuhr fort, machte Harrys Erleichterung rasch zunichte: „Wir haben allerdings Heiler Smethwyck verloren."
Eisige Stille senkte sich über das Hauptquartier, durchdrang selbst die abgebrühtesten Mitglieder des Phönixordens, und Harry fröstelte – verloren klang endgültig, doch Andromeda zuckte müde mit den Schultern, nahm Freds Platz auf dem eben beschworenen Feldbett ein. „Weasley hat sich dazu hinreißen lassen, auf einen Todesser loszugehen, der alleine Wache hielt – ihm geht immer noch der Schock über Jordans Verlust zu nahe. Dummerweise hatte der Todesser Gesellschaft, die uns in den Rücken gefallen ist – Smethwyck ging sofort bewusstlos nieder, wir konnten nichts für ihn tun. Sie haben ihn sofort, naja."
Erschöpft zuckte Andromeda mit den Schultern, schloss dann die Augen und rieb sich die Schläfen, als habe sie Kopfweh – ließ offen, ob ‚naja' mit ermordet oder entführt gleichzusetzen sei. Abrupt erhob sie sich, schnappte nach dem ‚Erste Hilfe'-Rucksack und verschwand im Krankenzelt, murmelte etwas von Dumbledore, und ‚hätte Weasley nie', bevor die Zeltplanen sich vor den Eingang des Zeltes zurückdrängten.
Nicht, dass das Abendessen einen von ihnen interessiert hätte, aber Poppy Pomfrey bestand darauf, dass Sirius und Fred, der schon ganz erholt aussah wenn man seinen Verband ignorierte, sich setzten; Dumbledore hatte auf Smethwycks Verlust damit reagiert, sofort nach Hogwarts aufzubrechen und die Krankenschwester ins Hauptquartier zu holen. Hatte ihr im Prinzip keine Wahl gelassen, denn sie brauchten Ersatz, auch wenn dieser nicht zum Orden gehörte, und dies auch nicht wollte.
Während die übrigen aßen, ging Pomfrey also die Aufzeichnungen des Heilers durch, war nach Sirius' Diät mittlerweile zu einer Methode gekommen, die Smethwyck entwickelt hatte, um Lupin aufzuwecken, und die vielversprechend klang, auch wenn Poppy sich nicht sicher war, ob sie qualifiziert genug sei, sie erfolgreich durchzuführen. Möglich (wenn auch nicht wünschenswert), dass sie dafür den gefangenen Heiler Smethwyck brauchen würden. ‚Soviel also zu der Theorie, dass Smethwyck der Verräter ist', knurrte Harry sich selbst an, ‚fangen wir wieder von vorn an ...'
Ohne großen Appetit (auch wenn sein Magen knurrte) stocherte Harry in dem Nudelauflauf herum, den Molly Weasley vor ihnen allen abgestellt hatte, und der glücklicherweise überhaupt nicht verbrannt roch. Ihm gegenüber saß Ron, und als sich ihre Blicke trafen zuckte der Rotschopf nur mit den Achseln und schaufelte sich eine Gabel Gemüse in den Mund; Harry beneidete Luna, die rechts neben ihm saß und sich kein bisschen an dem faden Auflauf störte, der irgendwie nach nichts schmeckte.
Mit tiefem Seufzen lud Harry sich seine Gabel voll, nahm dann einen tiefen Schluck aus dem Glas Kürbissaft, das Andromeda vor ihm und allen anderen am Tisch abgestellt hatte, und zwang den Brei hinunter. Dann stand er auf, um sich mehr Saft zu holen.
Harry war noch keine zwei Meter weit gekommen, da schoss eine eisige Kälte durch seinen Körper; das leere Glas glitt durch seine zitternden Finger wie Wasser und fiel zu Boden, zerbarst. Der Junge der lebte bekam davon nichts mit, als ein zweiter Anfall seinen Körper schüttelte, Kälte ihn sich aufbäumen ließ. Unangenehm warme Finger von irgendwo langten nach ihm, und mit einem gellenden Schrei, der in seinen Ohren nachhallte, sackte Harry in sich zusammen.
Durchdringende Kälte, die die Wärme aus ihm sog, zäh wie Wasser, und das Gefühl zu treiben. Undeutlich drangen Stimmen an seine Ohren, wurden dann wieder von dem schwarzen Vorhang geschluckt, der ihn einhüllte. Müde stöhnte er auf, drehte den Kopf; zuckte zusammen, als eine Flamme in seinem Innern aufloderte, schrie während sich das Gefühl zu brennen in ihm breit machte. Er fuhr hoch, stemmte sich gegen Finger, die ihn zurückhalten wollten und konnte doch nicht verhindern, dass sie ihn in ein weiches Bett zurückdrängten. Panisch schlug Harry die Augen auf.
Drei Menschen beugten sich über ihn, und allein die Tatsache, dass Sirius und Severus Snape sich in einem Zelt befanden und nicht aufeinander losgingen, ließ Harry vermuten, dass es schlimmer um ihn stand, als er hören wollte. Möglich, dass dies aber auch an Madam Pomfrey lag, die anscheinend Anstandsdame genug war, um die beiden sich so verhassten Zauberer in Schach zu halten.
„Was ist passiert?" stammelte Harry und versuchte den unangenehmen Gedanken zu verdrängen, dass dieser Zauberstab, der auf seinen Kopf deutete und sich gerade zehn Zentimeter vor seiner Nase befand, Snape gehörte; er stemmte sich auf die Ellbogen hoch und wartete einen Moment, bis das Schwindelgefühl nachließ, das dafür sorgte, dass sich Snapes fettige Haare um Sirius' besorgte Mine drehten. Irgendwie war ihm noch immer kalt.
„Trinken Sie das, Mr. Potter!" wies Poppy Pomfrey ihn an, ohne auf seine Frage einzugehen, und hielt ihm einen dampfenden Becher vor die Nase; ein Seitenblick auf Sirius, der viel zu ernst nickte mit eindringlichem Blick in seinen silbergrauen Augen, und Harry wuchtete sich in eine sitzende Position, griff nach der Tasse und nahm kleine, vorsichtige Schlucke von einer Flüssigkeit, die sich angenehmerweise als heiße Schokolade herausstellte und einen Teil seiner inneren Kälte vertrieb.
Während er langsam seinen bunten Becher leerte, murmelte Snape unverständlich Beschwörungen vor sich hin, malte mit seinem Zauberstab durch die Luft und öffnete hin und wieder die Augen, um den Stab neu zu positionieren, wenn er einen Zauber beendet hatte und zu einem anderen überging; Sirius vermied es angestrengt, Snape anzusehen, öffnete aber kein einziges Mal den Mund um den verhassten Schulkameraden zu unterbrechen. Er musterte Harry besorgt, während Madam Pomfrey dem Schüler hin und wieder eine Tasse mit verschiedenen, übelriechenden Flüssigkeiten reichte und ihn anwies, in einem Zug auszutrinken.
Nach und nach verschwand die Kälte, wich innerer Leere, und kurz darauf verflüchtigte sich auch diese; Harry fühlte sich ... ungemütlich, aber wesentlich besser. Snape und Pomfrey erhoben sich, verließen wortlos das Zelt, und Sirius nahm neben Harry auf dem Krankenbett Platz, legte eine Hand schwer auf die Schulter des Patensohnes. „Wie fühlst du dich?"
Das war eine Frage, die Harry wirklich nicht sofort beantworten konnte, und er ließ sich in seine Kissen zurückfallen, dachte über sein Befinden nach; ihn verwirrte – beunruhigte traf es besser –, was sich eben ereignet hatte. „Ging mir schon besser", erwiderte er also nur, mied den Blick seines Paten und starrte auf die Zeltplane, die ihn von den anderen Patienten isolierte, „und vorhin war mir kalt, sehr kalt ..." Bisher hatte er diese Kälte eigentlich nur mit Dementoren in Verbindung gebracht, und für einen Moment überlegte er, ob dies eine Nachwirkung des Dementoreffekts sein könnte, unter den Nellie Volgonttomb ihn gesetzt hatte – auch wenn dies schon eine Weile her war. Sirius zog auf eine entsprechende Frage hin die Stirn kraus, starrte eine volle Minute durch Harry hindurch und zuckte dann mit den Achseln. „Ich hab noch nie gehört, dass Formidilo langfristig Nachwirkungen haben soll!" Aufmerksam musterte er Harry, und dem jungen Zauberer war Sirius' intensiver Blick fast unangenehm; eine Nachwirkung des eben Erlebten, und Harry zwang sich, das Gefühl zurückzudrängen, konzentrierte sich darauf, mehr in Erfahrung zu bringen. „Wieso war mir so kalt?"
Auch diesmal zögerte Sirius, bevor er auf die Frage einging, suchte nach Worten; zuckte abermals mit den Schultern, und seine Mine verdüsterte sich. „Schwarze Magie", warf er nur in den Raum, stand auf und lugte an der Plane vorbei, die Harrys Bett umspannte. Anscheinend war niemand zu sehen, und er kehrte ans Bett zurück, setzte sich wieder.
„Das war ein verdammt üblicher Fluch, der da ausgelöst worden ist", setzte er sein Patenkind flüsternd in Kenntnis, wirkte ehrlich besorgt, und das besorgte Harry. „Snape ist der Meinung, dass irgendetwas in deinem Kürbissaft gewesen ist, etwas, das dem Fluch zum Durchbruch verholfen hat. Er konnte ihn unterbinden", allein die Tatsache, dass Sirius seiner Gewohnheit zuwider nicht abfällig von dem verhassten Kollegen sprach, unterstrich den Ernst der Lage, „denkt aber, dass das nur vorübergehend funktioniert. Sorg also dafür, dass du in der nächsten Zeit nicht allein bist." Damit wir sofort Hilfe holen können, wenn du wieder zusammenbrichst, dieser Nebensatz hing unausgesprochen in der Luft, verbreitete eine unangenehme Atmosphäre als befänden sich doch Dementoren in der Nähe, und Harry schluckte. Sah, dass Sirius schluckte, und das veranlasste ihn zu einem Nicken.
„Dumbledore wird nachher nach dir sehen, zusammen mit Snape. Sie wollen wissen, was das für ein Fluch ist, damit sie dich endgültig davon befreien können, nicht darauf beschränkt sind, nur die Symptome zu lindern." Wieder nickte Harry, war nicht überrascht, und als Sirius aufstand und dem Patensohn bedeutete, zu versuchen zu schlafen, fügte sich Harry, in der Hoffnung, dass es ihm nach einer ordentlichen Mütze Ruhe besser gehen würde.
Als Harry diesmal die zu schmalen Stufen hinunterschritt, um nach links in das kleine Büro mit den zwei Schreibtischen abzuzweigen, befanden sich weder Natasha noch der blonde Mann in dem vollgestellten Raum; einer der Computer war an, doch Voldemort ignorierte den Bildschirmschoner mit dem fliederhaarigen Mädchen und öffnete leise die private Tür mit dem Milchglasfenster.
Er passierte die kleine Diele mit den Türen zu einer winzigen Küche und zur Toilette, in der sich diesmal niemand übergab, und hielt auf eines der beiden Zimmer zu, die an den Hausflur anschlossen, und in dem reger Betrieb herrschte. Harry erschrak bei all den bekannten Zauberern, denen Lord Voldemort ohne Probleme in den Rücken hätte schießen können. Zum Glück hielt er den Zauberstab locker an seiner Seite, dachte offenbar nicht daran, ihn zu benutzen.
In einem der beiden schmalen Betten lag Natasha Toleen, bleich um die Nasenspitze und mit einem feuchten Waschlappen auf der Stirn. Neben ihr saß Tonks, im Gegensatz zu Natasha nicht mehr im Nachthemd, und drückte beruhigend den Arm der Freundin, während Smethwyck auf der anderen Seite des Bettes saß und Natasha untersuchte; Bellatrix Lestrange und ihr Gatte beaufsichtigten den Heiler, dass er mit seinem Zauberstab, der ihm nach der Behandlung sicher wieder abgenommen würde, auch wirklich nichts machte außer Natasha zu untersuchen.
Etwas abseits saß der blonde Mann aus seinem letzten Traum dieser Art auf Tonks' Bett, wie Harry an dem quer darüber liegenden Schlafanzug erkannte (in den weder dieser Zauberer noch Smethwyck hineingepasst hätten).
„Na, Heiler, konnten Sie die Diagnose bestätigen?" erkundigte sich Voldemort, verschränkte die Hände hinter dem Rücken und zog die Mundwinkel hoch als er beobachtete, wie sowohl der Heiler auf dem Bett als auch Tonks und der Blonde zusammenzuckten; Bellatrix und Rodolphus standen gleich ein bisschen strammer, doch Harry spürte, dass er sich weit mehr über seine Gefangenen amüsierte.
Als er sich einigermaßen erholt hatte, nickte Smethwyck wachsam und behielt den dunklen Lord argwöhnisch im Auge, während er zusammenfasste: „Ich musste die Untersuchung unterbrechen, weil ihr wieder schlecht wurde, aber ..."
– „Still!" zischte Voldemort aggressiv, lächelte schon wieder belustigt, als Smethwyck erschrocken aufsprang, obwohl er wirklich viel zu bleich wirkte, als könne er auf den Füßen bleiben. Mit einem beherrschten Lachen wandte Voldemort sich um und verschwand mit wehenden Roben aus dem Raum.
Ein Blick auf die Uhr zeigte Harry, dass es Samstag, neun Uhr morgens war; es hätte genauso gut mitten in der Nacht sein können, im Hauptquartier bekam man das nicht mit. Durch die hochgewickelten Planen im Eingang des Krankenzelts drang das Licht der künstlichen, rund um die Uhr konstant gehaltenen Höhlenbeleuchtung, und Harry warf die Bettdecke zurück, schlüpfte in seine Turnschuhe und hievte sich auf die Beine; von seinem Zusammenbruch am Abend zuvor hatte er anscheinend nichts zurückbehalten – Snape hatte, so ungern er das zugab, wohl gute Arbeit geleistet. Ihm war weder schwindlig, noch fühlte er die unangenehme Kälte in sich aufsteigen.
Als Harry an der dem Ausgang am nächsten gelegenen Nische vorbeischlurfte blieb er betreten stehen, schob die Zeltplane zur Seite und warf einen langen Blick auf Remus, der sich seit Wochen nicht gerührt hatte. Poppy Pomfrey war gerade dabei, Smethwycks allmorgendliche Zauber zu verrichten – die den Duellierlehrer ernährten, mit Wasser versorgten, kurz: am Leben hielten; und die seine Blase entleerten und gegen das unvermeidliche Wundliegen halfen, das sonst längst eingesetzt hätte. Erst als Harry einen Schritt näher trat, wurde er von der Heilerin bemerkt, doch er starrte nur den Freund an, und Pomfrey ignorierte Harry taktvoll, bis der Zauberer den Mund aufmachte, fragte, was er viel zu oft hatte fragen müssen: „Wird er wieder aufwachen?"
Zu seinem Verdruss zögerte Madam Pomfrey eine volle Minute, in der Harry Gelegenheit hatte, Remus' viel zu blasse, gräuliche Wangen zu mustern; die geschlossenen Augen lagen viel zu tief in dunkel umrandeten Höhlen, und die grauen, fettigen Haare unterstrichen noch Remus' Bleichheit. Unter der weißen Bettdecke hob und senkte sich langsam Remus' Brustkorb, das einzige Lebenszeichen, das der Professor von sich gab. Mit einem deutlichen Kloß im Hals griff Harry nach den Fingern von Remus' rechter Hand – erschrak darüber, wie kalt diese Finger waren – und beugte sich zum Gesicht des Freundes vor. „Ich hab Tonks gesehen – ihr geht es soweit gut", flüsterte er so leise in Remus' Ohr, dass die Heilerin ihn nicht verstehen konnte, dann drückte er kurz die Hand des Werwolfs und wandte sich wieder Pomfrey zu. Er wusste nicht, ob sein Freund ihn verstanden hatte – ihn überhaupt verstehen konnte; ihm blieb nichts übrig als zu hoffen.
„Ich verstehe immer noch nicht ganz, was Smethwyck da ausgeheckt hat", gestand Pomfrey, deutete vage auf die auf einem nahen Hocker liegenden Aufzeichnungen, „aber ich werde auf keinen Fall aufgeben!" Das war, was Harry hören wollte, und er nickte knapp und ließ Remus mit Madam Pomfrey alleine, schlich aus dem Krankenzelt. Dabei stieß er beinahe mit einer Eule zusammen, die den Tagespropheten und eine Ausgabe des Vollmondmagazins an den Frühstückstisch brachte und die beiden Zeitungen in eine Schüssel Obst fallen ließ.
„Morgen", murmelte Harry, als er sich zwischen Luna und Hermine setzte, mit einem Tonfall der klar machte, dass es keiner wagen sollte, sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Hungrig schnappte er nach einer Mango, nahm auch das Vollmondmagazin an sich; ein Stoß seines Zauberstabs entfernte Schale und Kern der süßen Frucht, und während Harry hineinbiss, suchte er die Titelseite der Zeitung nach interessanten Schlagzeilen ab.
DEFENSUS ABSOLUTOS NACH HINTEN LOSGEGANGEN
lesen Sie, was Verfasserin Paige Paper tief erschüttert hat
Der ‚Defensus absolutos' ist leider gefährlicher, als Minister Lockhart zuzugeben bereit ist.
Gemäß den Empfehlungen des Ministeriums hat eine Familie mit Namen Crockford den flächendeckenden Defensiv-Zauber ‚Defensus absolutos' über ihre Villa gesprochen. Als Todesser diesen implodieren ließen, schlug der zusammenbrechende Schutzzauber Doris Crockfords Schwiegervater k.o., auch die drei Kinder befinden sich im St. Mungo's.
Außer der Mutter Doris schaffte es keiner der Anwesenden, rechtzeitig den Kamin zu erreichen, und Craig Crockford musste seine Frau anbetteln, ihre Angehörigen im Stich zulassen – hätte sie sich innerhalb des kollabierenden Schutzes befunden, hätten sie ihren noch nicht geborenen Sohn verloren. Craig konnte aufgrund seiner guten gesundheitlichen Verfassung dem implodierenden ‚Defensus absolutos' widerstehen, wurde nur leicht verletzt und brachte die bewusstlosen Kinder und seinen Vater in Sicherheit.
Moralisches Dilemma:
Hätten sie den Zauber nicht gesprochen, wären sie gefangen gewesen in den Anti-Apparations-Schilden und hätten auf die Todesser warten müssen.
Was man auch tut, es drohen schwere Schäden. Gibt es denn keine bessere Option?
„Eine gute Frage!" erklärte Luna verträumt, und Harry erschrak – er hatte nicht bemerkt, dass die blonde Hexe über seine Schulter sah und mitlas. Der Junge der lebte merkte, wie seine Wangen warm wurden, und er reichte Luna die Zeitung, die das Mädchen erfreut entgegen nahm. „Steht im Tagesprophet irgendetwas über eine Doris Crockford?" erkundigte er sich dann bei Hermine, die in der anderen Zeitung blätterte, und überlegte gleichzeitig, woher er den Namen kannte; schließlich gab er auf, nahm ihn als bekannt hin und war nicht überrascht, als Hermine bloß mit dem Kopf schüttelte. Der Bericht war nicht unbedingt Lektüre, die er im Tagesprophet,der direkt dem Ministerium unterstellt war, erwartete.
Das ‚moralische Dilemma', das diese Paige Paper ansprach (und von dem Harry zugeben musste, dass er keine Ahnung hatte, wie man es lösen konnte), war sicherlich nicht, was Lockhart gedruckt sehen wollte, nachdem er den Zauber allen groß und breit nahegelegt hatte; nachdenklich kippte er den Rest seines wässrigen Kaffees hinunter.
Harry hatte die Tasse kaum wieder abgestellt, als ein Blitz in seinen Kopf einschlug, und er riss die Hände an seine Schläfen, presste die Fäuste dagegen, doch nichts half. Der Tisch drehte sich vor seinen Augen, und Harry schmeckte Galle. Die Bröcklein, die vor ihm lagen, hatten kaum mehr Ähnlichkeit mit der Mango, die er eben verspeist hatte, und ein weiterer Würgreiz schüttelte Harry, obwohl sein Magen längst leer sein müsste. Hände von irgendwo, und Harry schrie auf, als Finger seine Haut verbrannten, obwohl er die Hitze eigentlich willkommen hieß; ihm war so entsetzlich kalt.
Ein grüner Lichtblitz zischte durch die Luft, verfehlte Dumbledore um Haaresbreite, während Voldemort sich schäbbig lachte. Harry stand unter seinem Tarnumhang und verfluchte den Umstand, dass er von der Ganzkörperklammer seines Schulleiters gefangen gehalten wurde, nicht eingreifen konnte. Aber als Sechstklässler war es ihm unmöglich, einen solch mächtigen Fluch zu brechen.
Etwas blitzte auf, ein gelber Schild des schwarzen Lords lenkte einen Fluch in den nahen Wald, der so mächtig war, dass die ersten Bäume zu Asche zerfielen, und Voldemort knurrte, bleckte die Zähne und war schon wieder obenauf. „Legilimens!" zischte er, und Harry zuckte zusammen, als Voldemort wieder versuchte, in Dumbledores Gedanken einzudringen, den weißhaarigen Zauberer zu zermürben. Zwei volle Minuten ging das geistige Duell, dann schrie Voldemort wie am Spieß und wich zurück, und Dumbledore nutzte die Chance, seinen Gegner zu attackieren.
Neugierig durchwühlte Harry Sirius' Schublade, suchte nach dem Kästchen, das sein Pate ihm beschrieben hatte, unwissend, dass Harry dieses Schmuckkästchen schon gesehen hatte – damals kurz nach Sirius' Rückkehr, kurz bevor Remus seine Fassung ob des unerwarteten Wiedersehens verloren hatte. Dankbar dachte Harry daran, dass weder sein Verteidigungs- noch sein Duellierlehrer je davon erfahren hatten, dass Harry unter dem Tarnumhang stand und lauschte, während er endlich fand, was er suchte.
Er nahm den unglaublich glatten, symmetrischen marmornen Stein aus der Schatulle und in die Finger, drehte ihn langsam und vorsichtig, begutachtete seinen Fund von allen Seiten.
„Versprich mir, dass du ihn immer bei dir behälst!" hatte Sirius verlangt, „das ist wichtig für dein Training!"
Harry hatte dem Wunsch seines Paten nachgegeben, und so ließ er nun den runden Stein, der nach Monaten immer noch glühte als hätte er eine innere Lichtquelle mit einer Wärme, die direkt sein Herz traf, in seinem Kästchen in seinen Umhang gleiten. Der zweite Gegenstand nach der roséfarbenen Kette, den er nicht mehr weggeben würde.
„Verdammt, mach endlich was!" schimpfte eine Stimme, und Harry stöhnte leise auf, drehte den Kopf und wagte doch nicht, die Augen zu öffnen. Zitternd zog er die Bettdecke über seine Nase – er fror erbärmlich und wünschte sich, zurück in den Schlaf fliehen zu können, aus dem ihn die beiden Streithähne an seinem Krankenlager geweckt hatten.
„Halt die Klappe!" Harry gab sich nicht einmal die Mühe zu versuchen, die Stimmen auseinander zu halten, geschweige denn zu erkennen, von wem sie stammten. Dankbar, diesmal nicht im Traum in Voldemorts Gedanken eingedrungen zu sein, sondern lediglich Erinnerungen wiedererlebt zu haben, drehte er sich auf die Seite und verbannte die Streithähne aus seinem Kopf. Verbot sich, einmal mehr darüber nachzudenken, was Voldemort vor zehn Monaten in Dumbledores Kopf gesehen haben könnte, dass er derart die Fassung verloren hatte. Es dauerte keine zwei Minuten, bis Harry wieder im Traumland weilte.
„WAS! Und wieso sagst du das jetzt erst?" Die alarmierte Stimme seines Paten schlug Harry entgegen, kaum dass Madam Pomfrey ihn entlassen und er daraufhin aus dem Krankenzelt geflohen war – verdrängte jeden Gedanken des Schwarzhaarigen daran, sich sofort auf die Suche nach jemandem zu machen, der ihm sagen konnte – und würde – was mit ihm los war. Sirius' Tonfall beschleunigte Harrys Schritte, und der Gryffindor eilte um die nächste Zeltecke, hinter der Altair Pepples an dem großen Holztisch saß, mit einer vergessenen Schüssel Eintopf neben sich, und entschuldigend mit den Schultern zuckte ohne jedoch Sirius' Blick auszuweichen, der aufgesprungen war, um sich vor dem Freund aufzubauen.
Jones und Dung taten als hätten sie nichts mitbekommen, sammelten ihr angetrocknetes Besteck ein und verschwanden in Richtung Feldküche – ließen die beiden Ordenskollegen so offensichtlich allein, dass Harry eine Grimasse schnitt. „Komm erst mal wieder runter", erwiderte Pepples in einem verteidigenden Tonfall und zog die Brauen zusammen, verschränkte die Arme vor der Brust, „ich war bis vorhin überhaupt nicht hier, seit du mit deiner Sorge um Harry beschäftigt bist! Ich konnte dir nicht eher erklären, dass Lupin dem Spion gefolgt ist! Lockhart kontrolliert alles!"
Ein Argument, das saß, und Sirius runzelte die Stirn und vergrub die zu Fäusten geballten Hände tief in seinen Robentaschen, ließ sich neben Pepples auf die unbequeme Holzbank fallen. Nachdenklich starrte er Löcher in das benachbarte, ockerfarbene Zelt, und da für Harry außer Zweifel stand, dass die beiden Erwachsenen – zu deren Gruppe er sich immer noch nicht so ganz zählen wollte – ihn sowieso schon bemerkt hatten, zuckte er mit den Achseln und setzte sich auf Sirius' andere Seite, gerade als sein Pate die Ellbogen auf die Oberschenkel stützte und die Stirn gegen die Fäuste sinken ließ.
„Wer hat ihn gefunden?" erkundigte sein Pate sich langsam bei Pepples, öffnete die Augen wieder und seufzte, „Wenn die uns sagen, wo Sie Remus aufgelesen haben, dann haben wir unseren Spion!"
Überrascht horchte Harry auf. An den Ordensspion hatte er in den letzten Stunden keinen Gedanken verschwendet, und die überraschende Aussage, es würde nur noch Minuten dauern, bis sie hinter die Identität des Verräters kamen, ließ seinen Magen einen Freudensprung machen – wenn denn die Zauberer, die Remus nach dem Entwischen des Spions und Tonks' Verschwinden gefunden hatten, zur Zeit im Hauptquartier waren.
„Arthur Weasley und Diggory", erwiderte Pepples nach kurzem Nachdenken, und wie schnell Harry auch aufsprang, Sirius war schon fast außer Sichtweite verschwunden. Der Gryffindor schmunzelte – Rons Vater wäre auf alle Fälle im Hauptquartier.
Moody, Pepples und Sirius ließen sich Zeit – seit zwei Stunden nahmen sie jeden Quadratzentimeter von Andromedas Zelt auseinander, suchten nach allem was irgendwie auffiel, ob magisch oder nicht.
Typisch, dass die Spionin gerade zum Zeitpunkt ihrer Enttarnung nicht anwesend war – Harry mochte wetten, dass sie sich längst bei Voldemort eingenistet hatte und Murphy sich auf dem Boden kugelte vor lachen.
Gerade flog der Teddy mit dem abgetrennten Kopf und dem Wolfsschwanz, der vor Monaten mit der Post gekommen war, auf den Haufen untersuchter Dinge vor Andromedas Zelt, ein Zelt das Harry nur so flüchtig von innen gesehen hatte, dass er im Prinzip nicht wusste, wie es aussah. Entfernt erinnerte er sich an ein paar Photos, die vermutlich nicht mehr als Tarnung gewesen waren. Wenn einer zum Dunklen Lord überläuft, ist ihm nichts oder niemand mehr wert. So oder ähnlich hatte Hagrid sich einmal ausgedrückt, und Harry seufzte.
Ron neben ihm schüttelte angewidert den Kopf, und er wollte es dem Freund gleichtun. Selbst diese zwei Stunden hatten nicht ausgereicht, damit Harry den Schock ob der Identität des Spions verdauen konnte – zum Henker, doch nicht Andromeda! Hatte er nicht gestern erst erfreut daran gedacht, dass Andromeda auf Remus aufpasste? Auf den Mann, mit dem ihre eigene Tochter ihre Zukunft planen wollte? Der wegen seiner Schwiegermutter in spé, die sie vielleicht nie werden würde im Koma lag – dass Tonks verschollen war, dies nicht miterleben musste war in diesem Moment vielleicht ... oder eigentlich war es doch schlecht. Vermisst war immer schlecht, und Tonks wusste von dem Verrat ihrer Mutter – wusste es, seit sie und Remus vor Wochen aufgebrochen waren. War vielleicht sogar wegen ihrer Mutter vermisst – Schande, was für eine Schauspielerin Andromeda doch war! Ihr Kummer über Tonks Verschwinden hatte viel zu echt gewirkt – selbst jetzt er wollte glauben, dass nicht alles gespielt war, Andromeda wenigstens noch Gefühle für ihre Tochter hegen konnte. Wo auch immer Tonks war, Harry tat sie im Moment besonders leid.
Sich noch immer den Kopf über Andromeda zermarternd bemerkte Harry nicht, wie ein Schatten über ihn fiel. Erst als Hermine ihn anstupste und er aufsah, erblickte er Snape, der sich vor ihm aufgebaut hatte mit den Händen in den Hüften und ihn außer sich vor Zorn anblitzte.
„So Potter, da sind Sie also schon wieder zusammengebrochen", bemerkte er knapp, ohne den üblichen Hohn in der Stimme, und auch ohne diesen kalten Blick lief Harry eine Gänsehaut den Rücken runter – die leise Stimme ließ den Zaubertranklehrer viel bedrohlicher erscheinen, als es sein Getobe und Gezeter tat. Snape musste brodeln vor Ärger, und der Gedanke, dass er selbst Ziel dieses Gebrodel war, schien alles andere als beruhigend. Dabei wusste Harry nicht einmal, was er angestellt haben sollte. Krank zu sein war kein Verbrechen, oder?
„Tun Sie nicht so unschuldig!" zischte Snape daraufhin ohne mehr als seine Lippen zu bewegen, „Halten Sie uns für Idioten, Potter? Halten Sie mich für einen Idioten? Ihrem ach so werten Paten mag es vielleicht nicht aufgefallen sein – er wird es nicht sehen wollen, aber mir machen Sie nichts vor." Die bedrohliche Stimme des Zaubertranklehrers wurde immer leiser, und je ruhiger Snape wurde, desto unheimlicher wurde Harry. Er traute sich kaum, zur Seite zu sehen, den fragenden Blicken Hermines und Rons zu begegnen, die sicher wissen wollten, was er denn Schlimmes angestellt hatte – Harry selbst wollte es wissen, aber mehr als ein Stirnrunzeln wagte er nicht unter Snapes Blick.
„Der Sohn des großen James Potter – Lily Potters Sohn, nicht zu fassen!" höhnte Snape kalt, machte dann „Oh!", als er Rons steinerne Mine bemerkte, „Ihrem sogenannten besten Freund haben Sie also verschwiegen, dass Sie mit schwarzer Magie herumgespielt haben?!"
– „Dass er mit WAS?" schrieen Hermine und Ron im Chor entsetzt auf, und auch Harry wollte schreien, nur dass ihm die Wörter im Hals stecken blieben. Das ist eine Lüge! Wehrte sich alles in ihm gegen diese Verleumdung – wie konnte Snape es wagen! Er hatte nie, nie mit schwarzer Magie gezaubert! Das eine Mal in der Mysteriumsabteilung ausgenommen, und der Cruciatus – für den er sich irgendwie doch schämte, auch wenn Lestrange es verdient hatte – war ihm nicht einmal gelungen.
„Ich verwende keine schwarze Magie!" stellte Harry so langsam und deutlich klar, wie es unter diesen Umständen möglich war – er merkte wohl, wie seine Stimme zitterte, aber daran war nichts zu ändern. Seine kalte Wut, dass Snape überhaupt wagte eine solche Behauptung aufzustellen ...
„Sie halten mich wirklich für einen Idioten!" erwiderte sein Gegenüber ungerührt, „das, oder Sie sind noch arroganter als Ihr werter Vater – wenn Sie nicht mit schwarzer Magie zaubern wie sollte dann dieser zweite Zusammenbruch ..." Harry wollte zurückzucken, als Snape seinen Zauberstab auf ihn richtete – Hermine und Ron hatten ihre bereits gezückt und wollte sich vor Harry drängen. Aber der Gryffindor hielt seine Freunde zurück – das hier ging nur Snape und ihn etwas an, doch Harry hatte noch nicht einmal Hand an seinen Zauberstab gelegt, als Snape ihm den Ärmel seines Umhangs abriss und mit dem Zauberstab auf Harrys Oberarm deutete, der sich daraufhin an einer Stelle schwarz färbte.
„Da!" triumphierte der Lehrer, „da ist die Quelle schwarzer Magie, der Sie ihre Krankenzeltaufenthalte verdank-"
– „Ist das nicht die Stelle, wo Andromeda dich mit ihrem Fingernagel erwischt hat?" wurde Snape von einer Stimme unterbrochen, die zu leise war, als das man ihr etwas derartiges überhaupt zutrauen würde. Luna trat aus den Schatten des angrenzendes Zeltes, die Augen starr auf Harrys Oberarm gerichtet.
Snape war vergessen, mit einem Mal wurde Harry kalt. Sehr kalt, und diese Kälte hatte ausnahmsweise nichts mit der schwarzen Magie zu tun, der er ausgesetzt war. In seinem Kopf drehte sich alles, sprang zwischen Andromeda und dunkle Magie hin und her, und er konnte nicht anders als zu denken, dass das Absicht gewesen sein musste. Dass Tonks' Mutter ihn sozusagen vergiftet hatte. Zweifellos auf Voldemorts Befehl, doch das machte es nur noch schlimmer.
Harry merkte kaum, wie Luna seine Hand nahm und ihn zurück ins Krankenzelt führte, dem er kaum entkommen war, er nahm Snapes Zauberstab einfach hin, der über seinen Oberarm glitt und hin und wieder in seine Haut brannte, er goss die Tränke die ihm der verhasste Slytherin gab einfach hinunter. Andromeda hatte ihn vergiftet. Mit dunkler Magie. Was ...
Irgendwann fegte Sirius an sein Lager, und Harry – der mittlerweile die Anweisung bekommen hatte, sich hinzulegen, krallte seine Hand fester um Lunas Finger, war so dankbar für ihre Anwesenheit, die seiner Freunde, für Sirius. Mit der Zeit drangen ihre Gespräche, Fetzen davon wieder zu ihm durch – er hatte Voldemort zu oft überstanden, um sich davon in die Knie zwingen zu lassen. Er würde kämpfen. Er musste. Irgendwann schlief Harry ein.
Am Dienstag darauf kam Sirius nach Hogwarts zurück. Er sollte sich noch schonen, aber nichts sprach dagegen, wieder zu unterrichten. Er erhielt die Anweisung, mit Bellatrix „nicht zu spielen, sondern sie einfach rauszuwerfen", und Harry war froh über den Beistand des Paten. Snape arbeitete noch an einer Methode, die schwarze-Magie-Quelle zu entfernen, und Harry hoffte, dass der verhasste Lehrer dies bald schaffen würde – ihm wurde täglich kälter.
Der folgende Freitag begann für Harry wie so viele Morgen. Sein Pate saß in Sorge um ihn am Frühstückstisch und schaufelte Rührei mit Speck in sich hinein, als der fast kopflose Nick aufgelöst in die Große Halle schwebte und vor dem Lehrertisch lospolterte, Bellatrix Lestrange habe die Hogwartsgründe betreten; er habe keine Ahnung, wo sie sich derzeit befinde, hätte aber diesmal die Graue Dame dazu abgestellt, ihr zu folgen.
Es gab nicht mehr viele Schüler, die sich dafür interessierten, wirklich nicht. Zu oft hatte sich dieses Schauspiel schon ereignet, und an den einzelnen Tischen begannen sich Wetten aufzutun, wie lange Professor Black diesmal brauchen würde, seine verhasste Cousine wieder vor die Tür zu werfen. Die meisten frühstückten nicht einmal mehr.
Auch Sirius hatte offensichtlich nichts Ungewöhnliches erwartet, und wie Harry sich eingestehen musste, war er im Nachhinein selbst überrascht. Andererseits hätte man damit wirklich nicht rechnen können.
Es war nicht so ungewöhnlich, dass Bellatrix mit Sirius Verstecken spielte. Selbst die letzten Lehrer hatten die Große Halle längst verlassen, belehrten ihre Schüler oder korrigierten Aufsätze, als Sirius die Todesserin schließlich im höchsten Turm des Schlosses aufgabelte und gerade fünf Sekunden zu spät kam um zu verhindern, dass sie eine der gestohlenen Rosé-Kugeln aus ihrer Hand und in die Abwassersysteme des Schlosses fallen ließ.
Ein Tunnel tat sich auf zur zugehörigen Bleu-Kugel, die ein Todesser in einen Ozean geworfen hatte. Es dauerte nicht lange, und eine gewaltige Fontäne eiskalten Salzwassers schoss aus den Toiletten in die Luft. Die Kugeln würden die Passage zwei Stunden offen lassen.
