Das Schiff der Verdammten
Kapitel XXIV
Spinalonga, Griechenland, Palast des Poseidon
Krack,
Mit einem bersten segelte die morsche Tür in den dunklen Raum hinein. In dem durch die Tür herein fallenden Licht stand sie, Lara Croft, Archäologin, Abenteurerin und Wissenschaftlerin. Ihre Neoprentaucherkleidung war an einigen Stellen eingeschnitten und entblößte einen Hauch von nackter Haut. Ihre Füße waren unbekleidet und ihr Haar noch feucht vom Salzwasser. Automatisch suchten ihre Finger die Waffen an ihren Hüften, entfernten sich aber wieder, als ihr einfiel, dass sie die Waffen gar nicht bei sich trug.
Aber es war auch nicht notwendig sie zu benutzen. Außer einem Skelett auf dem Kapitänsessel war hier nichts zu finden. Und das Skelett bewegte sich nicht mal. Zögernd setzte Lara Croft einen Schritt nach vorne. Der Taucheranzug schmiegte sich elegant um ihre Schenkel und betonte auf unauffällige Weise ihre weiblichen Kurven. Lara war hier, um die Träne der Sirenen aus Kekrops Schiff zu bergen und sie war entschlossen, dieses auch zu bergen. Im Moment beschäftigte sie aber nur eine Frage. Wo war Alexia Foster und was für ein Ziel verfolgte der Vermummte.
An der Oberfläche rappelte es in der Kiste. An Board der Shaherettin erwachte das Leben. Die Kiste wurde von innen aufgestoßen und ein blonder Schopf lugte aus der Kiste. Blaue Augen huschten vorsichtig von rechts nach links und wieder zurück. Dann erst richtete sich die Frau zu ihrer vollen Größe auf.
Ihr Name war Alexia Foster und sie besaß Macht. Die Macht des Windes war ihr gegeben und sie war hier, um hinter die Wahrheit zu kommen. Ihr Partner Corban Frys spielte ein doppeltes Spiel und sie war nicht eingeweiht worden. So weit sie es in Erfahrung bringen konnte, war die Aufgabe von Frys in diesem Spiel eine simple. Er war der Verkäufer für einen Mann namens Broker.
Der Diamant an ihrer Halskette glomm für eine Sekunde auf und ihr Körper erhob sich, von unsichtbaren Winden getragen, in die Höhe und sie schwebte auf die Frachtraumtür zu. Ihre Augen wirkten milchig, so als wäre sie geistig gar nicht anwesend. An einem Hüfthalfter war eine Beretta befestigt und Alexia war entschlossen diese auch zu benutzen, wenn es sein musste. Sich ausnutzen lassen würde sie nicht. Frys würde notfalls zur Rechenschaft gezogen werden müssen. Doch das war mittlerweile alles einkalkuliert. Sie würde sich selbst nicht enttäuschen und das war das wichtigste. Alexia brauchte das Artefakt und sie war gewillt alles dafür zu tun.
Vorsichtig nahm sie die Kette von ihrem Hals und band sie sich um den Arm, dann ballte sie die Hand zur Faust. Durch ihre Finger würde sie die Kraft des Windes nun nach außen hin bündeln können. Ihre Finger umspielten den Knauf der Beretta und ein Lächeln lag auf ihren Lippen. Dann öffnete sie die Tür des Frachtraumes vorsichtig und trat hinaus in die warme, griechische Sonne. Es würde ein wundervoller Tag werden.
Lara bemerkte die Falle erst, als es schon fast zu spät war. Unter ihrem Fuß gab der Boden nur wenige Millimeter nach, es erinnerte mehr an sich biegenden Holzboden, als an eine wirkliche Tretfalle. Lara wusste nicht, was sie tun sollte, also warf sie sich zu Boden. Und genau dies rettete ihr Leben. Aus allen vier Wänden schoss ein Holzbolzen und bohrte sich in die Wand gegenüber. Nur der Bolzen, der aus Richtung der Eingangstür gekommen war, schlug krachend in den Schädel des Skeletts.
Nun wusste Lara, warum der Mann dort gestorben war. Nach Kekrops Verbannung hatte Poseidon das Schiff wohl mit einer Reihe von Fallen und Mechanismen ausgestattet, so dass niemand den Kristall und Kekrops erreichen würde. Lara würde interessieren, was Athene als Gegenleistung für Kekrops getan hatte? Hatte sie ihm noch mehr Unsterblichkeit geschenkt? Eine heilige Waffe?
Lara hatte keine Ahnung, wollte sich aber auch, wenn sie zu sich selbst ehrlich war, nicht viele Gedanken darüber machen. Früher oder später würde sie wahrscheinlich eh auf Kekrops treffen, wenn es ihm denn bis jetzt noch nicht gelungen war Freiheit zu erlangen. Vorsichtig richtete sie sich schließlich auf und sah sich weiter in der kleinen Kapitänskajüte um. Sehr viel auffälliges bemerkte sie nicht.
Das Schiff war so vollkommen anders, als alle, die sie bisher gesehen hatte. Und es war auch vollkommen anders, als alle Piratenschiffe aus den Fernsehfilmen. Das lag nicht nur daran, dass die antiken Griechen eine vollkommen andere Weltanschauung hatten, sondern auch an verschiedenem Baustil.
Schließlich erkannte Lara eine Karte der bis dahin bekannten Welt. Das Papier war größtenteils verschimmelt und hatte sich aufgelöst. Früher war dies wahrscheinlich eine geeignete Tarnung für die Tür dahinter gewesen. Doch mit den Jahren war von der Karte nur noch wenig übrig geblieben. Vorsichtig schritt Lara hinüber und betrachtete sich die Karte genauer. Doch sie sah keine hervor gehobenen Begriffe oder andere Hinweise, die sie vielleicht hinter dieser Karte und der Tür erwarten würden.
Klasse, wäre Alister jetzt bloß zu erreichen. Er hätte bestimmt eine Antwort...oder wenigstens Zip. Dann wäre es wenigstens nicht so Totenstill...
Schließlich entschied Lara dich für den einfachsten Weg: Der lautete in ihrem Fall...einfach weiter gehen.
Mit einem eleganten Tritt zerbarst auch diese Tür, durch die Jahrhunderte Morsch geworden, und Lara ging in Deckung. Doch als keine weiteren Fallen hinter der Tür zu warten schienen, machte sie sich seufzend auf den Weg, nichts ahnend das sie aus der Finsternis beobachtet wurde.
Corban Frys blickte nervös zu dem Mann, der sich selbst nur der Broker nannte. Er wusste nicht wieso, aber allein an dem Auftreten des Mannes war die Macht und die Kraft der Person zu erkennen. Der Speer des Schicksals ruhte nun wieder vertrauensvoll in den Armen eines der Söldner und der Broker stützte sich auf seinen Gehstock.
Was Corban allerdings ahnte war, dass die Macht dieses Mannes nicht nur von seinem Geld her rührte. Außerdem vermutete Frys, dass der Gehstock weniger ein Zeichen für Schwäche, sondern eher ein Zeichen für Ruhe und Eleganz war. Alles an dem Auftreten des Brokers schien Frys so vollkommen echt und real.
„Wie lange hat sie noch?", wollte Maxwell wissen. Frys taxierte seinen Sohn mit einem finsteren Blick. Seine Aufgabe hatte er gut erfüllt, aber nun erkundigte er sich innerhalb von fünf Minuten zum dritten Mal nach der verbliebenen Zeit für Lara Croft. Hatte er etwa Mitleid mit ihren Freunden?
Frys ahnte schon, dass sein Sohn kein geeigneter Nachfolger für das Frys'sche Imperium war. Gelangweilt lehnte Maxwell an einem der Kristall Stalagmiten, die aus dem Boden ragten und blickte hinüber zu Kekrops Schiff. Auch Frys fühlte sich gelangweilt. Warum hatte der Broker ihr eine reelle Chance von dreißig Minuten eingeräumt? Selbst wenn die Croft auf diesen Verrückten treffen würde, dürfte es nicht so lange dauern ein Artefakt aus einem Schiff zu bergen. So viele Orte es zu verstecken gab es nicht und so wie der Broker vermutete, würde der Kristall auf einer Art Präsentierteller liegen, auf einem Podest erhoben und angestrahlt. Falls die Griechen denn Scheinwerfer gehabt hätten.
„Ich geh mir mal die Beine vertreten.", hörte er Maxwell erneut sprechen. In den letzten sechs vergangenen Minuten war Maxwell der Einzige aus der Gruppe gewesen, der überhaupt ein Wort gesprochen hatte.
Der Broker blickte schweigend auf eine Taschenuhr und die Söldner waren allesamt angespannt. Sie alle bemerkten die Veränderung deutlich, die in dem Raum vor ging, seit Lara Croft das Becken und das Schiff betreten hatte. „Mach das.", sprach schließlich der Broker mit dieser entschlossenen aber sanften Stimme. Eigentlich hatte sich Frys den Broker immer vollkommen anders vorgestellt, aber da hatte er ihn nur von Telefongesprächen gekannt. Dennoch war er stolz einer von den Mitarbeitern des Brokers sein zu dürfen.
Während Frys seinem Sohn nachsah, wie dieser die Stufen hinab zur tieferen Ebene schritt, bemerkte er etwas anderes. Einen huschenden Schatten. Nur einen einzigen Augenblick, direkt unter der Kristallbodenfläche. Dann waren die Schemen auch schon verschwunden. Frys schauderte.
Der Gang endete nach wenigen Metern. An den Wänden hingen einige Fackeln, die in einem nicht vorhandenen Windhauch flackerten und den Gang in spärliches, rötliches Licht tauchten. Der Gang endete nicht wörtlich vor einer Wand, sondern darin, dass irgendwann einfach der Holzboden aufhörte. Stattdessen klaffte dort ein riesiges Loch, welches bis hinab ins Wasser reichte. Wenn sie dort hinabfallen würde, könnte sie die ganze Strecke wieder von vorne laufen und so viel Zeit blieb ihr mittlerweile auch nicht mehr.
Doch natürlich schien sich Poseidon auch hier eine möglichunmögliche Variante zum Voranschreiten gedacht zu haben. Zwei Stockwerke tiefer erkannte Lara einen Querbalken, der ihr Gewicht tragen durfte. Sie ging davon aus, da sie nicht vermutete das die Grundfassade dieses Schiffes jemals verfaulen würde.
Von diesem Balken aus konnte sie wundervoll eine Stange erreichen, die nur wenige Meter scheinbar vollkommen deplaziert aus der Schiffswand ragte. Danach konnte Lara noch einen Sims erkennen, doch weiter reichte der Fackelschein nicht. Da sie ihren Magnethaken nicht dabei hatte und auch nirgends eine Möglichkeit sah, sich bis zu dem Balken abzuseilen, blieb ihr wohl nur ein Weg.
„Beten und springen. Ich hasse solche Passagen.", was Lara beruhigte war die Tatsache, dass sie wenigstens nicht sterben würde, wenn sie ins Wasser knallte. Das hieß schon mal, dass von diesem Sprung nicht direkt alles abhing. Außer vielleicht das Leben deiner Freunde, echt Lara...das ist wirklich eine große Erleichterung. Dann schluckte sie ein letztes Mal und sprang.
Sie hatte die Kraft ihrer Füße wundervoll eingeschätzt, denn nur wenige Augenblicke später stand sie mit beiden Füßen zwei Stockwerke weiter unten und sah starren Blickes hinüber zu der Querstrebe an der Wand.
Ein Blick über die Schulter machte ihr deutlich, dass es tatsächlich der einzige Weg war. Also sprang sie, schwang ihren Körper einmal herum und ließ dann los, segelte durch die Luft und erwischte mit den Handflächen den hölzernen Sims. Mühelos hievte sie ihren Körper hinauf und blickte sich weiter um.
„So weit, so gut.", war alles was sie dazu sagen konnte. Ab und an half es, die Stille zu durchbrechen, in dem Lara mit sich selbst sprach. Eigentlich wäre es für sie optimal gewesen, wenn sie einen imaginären Freund hätte. Vom Sims führte ein weiterer Balken tiefer in den Bauch des Schiffes. Es gab wohl nicht viele Räume im Inneren des Schiffes, was Lara mit einer Mischung aus Schreck und Freude erkannte. Einerseits ersparte ihr dies ewige Suchen und langwierige Stöbereien, andererseits hieß dies auch, dass sie nun nur noch damit zu kämpfen haben würde, nicht in die Tiefe zu stürzen.
Mit viel Geschick balancierte Lara über den Balken und blickte sich derweilen nach dem Kristall um. Sie konnte ihn nicht finden, aber das war eigentlich auch zu erwarten gewesen. Ihr Weg führte weiter über ein altes Seil, welches aber wie durch Zauberei –was Lara auch vermutete- nicht riss. Sie schwang hinüber zu einem weiteren Sims und von dort führten, ähnlich der Säulenpassage in der Eingangshalle, weitere Simse weiter in das Schiff hinein und immer tiefer zum Wasser hinab.
Schließlich endete Laras Weg abrupt. Es gab keinen weiteren Sims mehr, den sie noch nutzen konnte. Auch keine Balken, keine Seile und keine Querstreben. Stattdessen hörte Lara irgendwo das Geräusch von Metall, dass immer wieder fiel und hinaufgezogen wurde. Dann sah Lara, wie es weiterging.
Die Wand vor ihr zu ihrer Linken nicht zu Ende geführt worden und sie sah mattes Leuchten an die Innenwand des Schiffrumpfes geworfen. Sie musste also gegen die Wand des Schiffrumpfes springen, von dort aus möglichst schnell wieder abspringen und dann würde sie in einem neuen Gang landen. Also tat Lara dies. Sie nahm einwenig Anlauf und sprang dann ab. Mit den Füßen voraus landete sie auf der schrägen Innenseite und drohte bereits abzurutschen, als sie sich erneut zu voller Größe ausstreckte und durch die Luft jagte. Sie sah den Gang bereits vor sich, das matte Leuchten der Fackeln und den roten Teppich auf dem Boden.
Doch dann erkannte sie noch etwas anderes. Von unten sauste etwas blitzschnell heran und es hatte scharfe Zähne und glühende Augen. Nur um wenige Millimeter verfehlte der zuschnappende Kiefer Laras Knöchel und die Abenteurerin landete ungeschickt auf dem Boden. Der Kopf jagte zurück in die Tiefe, allerdings nur für wenige Sekunden, denn daraufhin kam er wieder zurück und fixierte Lara aus glühenden, gierigen Augen.
Der Schädel erinnerte an eine Moräne allerdings wirkte diese mehr wie eine Hundeschnauze. Im ersten Moment hätte Lara mit der Hydra persönlich gerechnet, aber da der Kopf und der Hals viel schlanker war, als sie selbst einst gelesen hatte, verwarf sie diese Idee. Ein unbekanntes Seeungeheuer also. Auch nicht besser. Verdammt!
Sie hatte nicht mal Pistolen, um sich wehren zu können. Also blieb Lara nur eine einzige Möglichkeit. Schreiend sprang sie auf die Beine und rannte tiefer in den Gang hinein, möglichst schnell weg von dem Seeungeheuer. Der Kopf zog sich zurück, aber Lara ahnte schon, dass es dabei nicht bleiben würde.
Anscheinend versuchte das Monster ihre Theorie auch noch zu bestätigen, in dem es wie aus dem Nichts plötzlich durch den Holzboden schoss und Lara nur in letzter Sekunde noch darüber hinweg sprang und somit ihre Flucht fortsetzen konnte. Der Kiefer verfehlte sie erneut.
Wenige Meter später bog der Gang nach links und endlich erkannte Lara auch den Ursprung des Geräusches von vorhin. Eine Art Walze wurde in dieser Sekunde hinaufgezogen und knallte dann einige Augenblicke später auf eine Eisenplatte. Eine nette Falle, Poseidon. Lara kam eine Idee.
Das Seeungeheuer hievte in diesem Moment den gesamten Körper und den überdimensional langen Hals in den Gang hinein. Nun gab es für Lara kein Entrinnen mehr. Ein dämonisches Fauchen entstieg der Kehle dieser Höllenkreatur und sie setzte Lara nach. Ähnlich einer Schnappschildkröte, schien sich der Hals auch zu strecken und holte Lara beinah auf. Im letzten Moment warf sich Lara zu Boden und vollführte eine Taucherrolle, um noch unter der herauf fahrenden Walze hindurch zu kommen.
Das Seeungeheuer schaffte es auch. In diesem Moment segelte die Walze erneut herab und die Eisenstacheln und das gesamte Gewicht der Walze legte sich auf den Hals des Seeungeheuers und bohrte sich tief in das Fleisch. Lara lehnte an der dahinter liegenden Tür und beobachtete, wie der Kopf des Seeungeheuers nur wenige Meter vor ihrem Gesicht inne hielt und der mächtige Kiefer zuschnappte.
Ein Atem der an eine Mischung aus verfaultem Fisch und Schimmelentferner erinnerte, schlug Lara entgegen und benebelte kurz ihre Sinne. Doch schon bald hatte sie sich wieder gefangen und richtete sich auf. Ein letzter Blick auf das Seeungeheuer zeigte ihr, dass die Kreatur tot war. Dann stieß sie die schwere Eichentür auf und trat in den nächsten Raum hinein. Sie kam nicht drum herum zu Lächeln, als sie sah wo sie sich befand: In der Schatzkammer. Sie war aber nicht alleine, doch davon ahnte Lara bis zu diesem Moment noch nichts.
Der Broker blickte auf die Taschenuhr. Noch acht Minuten.
Fortsetzung folgt:
