Kapitel 25

„Was wollt ihr?", fragte sie einer der beiden Wachmänner, die vor dem riesigen Anwesen der Grays, Caliga Hall, standen.
„Das hier ist Privatgrund. Wir dulden hier keine Eindringlinge."
Arthur warf Sam einen genervten Blick zu.
„Befehl vom Sheriff. Er will, dass ich mich mit ein paar Leuten auf dem Grundstück unterhalte. Ich bin sein neuer Hilfssheriff, wie du siehst.", gab er zurück, der belustigte Unterton in seiner Stimme entging Sam nicht uns sie musste schmunzeln.
Der Wachmann beäugte sie kritisch. „Hilfssheriff? Leigh muss betrunken gewesen sein, als er dich ernannt hat. Na schön, kannst reinkommen, aber rede nicht mit mir."
Er wandte sich Sam zu. „Und wer bist du?"
Arthur schnaubte. „Meine Begleitung. Vielen Dank die Herren."
Sie ritten durch das gemauerte Tor, auf ein großen Haupthaus zu. Sam pfiff leise durch die Zähne.
„Meine Güte, die müssen aber Geld haben."
Arthur nickte, hielt sein Pferd vor der Treppe an und sprach einen jungen dunkelhäutigen Mann an, der gerade die Veranda kehrte.
„Hey, ähm, kann ich mich mal kurz mit Ihnen unterhalten?", fragte er ihn, sogar relativ freundlich, für seine Verhältnisse. „Ich versuche, was über die Geschichte von dieser Gegend herauszufinden und…"
„Da fragen Sie den Falschen. Versuchen Sie es mal bei Master Beau. Ich glaube, der ist da drüber beim Holzlager. Der Junge hat alle Zeit der Welt.", unterbrach der Arbeiter ihn und wandte sich wieder seiner Arbeit zu.
Arthur warf Sam einen überraschten Blick zu und gemeinsam ritten sie um das Haupthaus herum, steuerten auf ein kleines Häuschen zu, an dem eine Menge Holz gelagert war.
Sam ließ ihren Blick bewundernd über das Anwesen schweifen, das Grundstück war riesig und sehr gepflegt. Sie folgten einem kleinen Weg und Arthur schwang sich aus dem Sattel, als er einen jungen Mann hinter dem Schuppen sitzen saß.
Sam blieb auf ihrer Stute und beobachtete ihn.
„Habe ich dich nicht beim Büro des Sheriffs gesehen?", fragte Arthur ihn und der Mann sah von seinem Buch hoch, welches er in den Händen hielt.
Sam musste beinahe lachen, Beau Gray war vielleicht genauso alt wie sie, braune Löckchen, gute Kleidung, er war so überhaupt gar nicht ihr Typ. Neben Arthur sah er beinahe lächerlich aus.
„Entschuldigen Sie, mein Freund.", sagte Beau, aus seinen Gedanken gerissen.
„Wir sind Freunde?", gab Arthur trocken zurück und Sam musste leise lachen.
„Noch nicht, aber kann ja noch werden."
„Möglich."
Beau Gray musterte Sam, dann wandte er sich wieder Arthur zu, der sich breitbeinig vor ihn gestellt hatte. „Wir kriegen hier nicht viele Reisende zu sehen. Und plötzlich taucht hier eine ganze Reihe mysteriöser, auffällig freundlicher Yankees auf.", sagte er misstrauisch.
Arthur zuckte mit den Schultern. „Ach was?"
„Weshalb sind Sie hier?", fragte er sie beide.
„Wir suchen bloß Arbeit.", gab Arthur unschuldig zurück.
Beau lachte. „Naja, irgendwas suchen Sie sicher. Keine Sorge, bei mir ist Ihr Geheimnis sicher."
Sam hob eine Augenbraue. „Was für ein Geheimnis?", fragte Arthur zurück, seine Stimme war bedrohlich tiefer geworden.
Beau hob die Hände, dann flüsterte er beinahe: „Ich habe selbst ein Geheimnis."
„Bist du insgeheim normal?", fragte Arthur ihn sarkastisch und Sam konnte sich das Lachen nicht verkneifen.
„Wie bitte?", sein Blick glitt fragend zwischen ihnen hin und her.
„Nicht so wichtig.", winkte Arthur ab.
„Die Sache ist die, es ist mir egal, ob Sie uns alle umbringen. Und die Braithwaites.", sagte Beau und legte sein Buch zur Seite.
Sam spannte sich an, als er ein paar Schritte auf sie zu machte, Arthur folgte ihm.
„Ich will überhaupt niemanden umbringen.", seine Hände waren erhoben und er warf ihr einen ungläubigen Blick zu. Was zum Teufel waren das für seltsame Menschen?
„Ich liebe sie, wissen Sie.", sagte Beau leise und sah sich ängstlich um.
„Du liebst wen?", fragte Arthur ihn verwirrt.
„Penelope. Aber es ist unmöglich.", gab Beau zu und warf Sam einen hilfesuchenden Blick zu.
Arthur sah ihn an, dann wanderten seine Augen zu Sam. „Liebe ist halt kompliziert."
Ihr blieb der Atem im Halse stecken, fassungslos sah sie ihn an. Was?
„Sie ist eine Braithwaite. Ich bin Beau Gray, Sohn von Tavish Gray, Neffe von Leigh Gray, dem Sheriff, der Enkel des alten Murdo Gray. Wir Grays sind dem Staat gegenüber loyal und wir bringen schon so lange Braithwaites um, dass niemand mehr genau weiß, wieso. Außer aus blinder Loyalität und Dummheit."
Oh, sie ahnte in welche Richtung das ging, eine moderne Auflage von Romeo und Julia, super.
„Ich soll irgendwelchen Unsinn gegenüber loyal sein und sie… Sie ist einfach erstaunlich, sie ist wie eine Frau aus der Zukunft. Sie ist wie morgen, wenn morgen ein schöner Tag wird."
Meine Güte, der Junge war völlig auf den Kopf gefallen, Sam schüttelte den Kopf.
„Tja, tut mir leid, dass du so in der Klemme steckst.", gab Arthur zurück und kam auf sie zu.
„Würden Sie mir helfen?", fragte Beau und lief ihm hinterher.
„Ich will nicht in irgendwelche Fehden reingezogen werden. Kommt mir unpassend vor.", antwortete er und wandte sich seiner Stute zu.
Sam sah ihn tadelnd an. „Arthur, komm schon.", sagte sie leise, was er mit einem grimmigen Blick quittierte.
„Ich bezahle Sie auch, ich habe Geld. Wir Grays, wir haben immer Geld. Kein Hirn, verstehen Sie, aber Geld.", rief Beau ihm hinterher und Arthur drehte sich um.
Sam musste grinsen, sie mochten den Typen irgendwie, er war lustig, wenn auch nicht der Hellste.
„Also, wenn das so ist."
„Ich weiß, sie sitzt gern draußen im Pavillon am Rand des Braithwaite-Anwesens.", sagte er, wandte sich ab und kramte in seinem Buch, bis er einen Brief ans Tageslicht beförderte.
„Bringen Sie ihr diesen Brief und dieses Armband. Bitte?", hoffnungsvoll überreichte er Arthur die beiden Sachen, dieser nickte nur, steckte sie in die Tasche und stieg auf sein Pferd.
„Passen Sie auf ihre Wachen auf, die sind noch gemeiner zu Fremden als unsere!", rief er ihnen noch hinterher, als sie im Schritt auf den Ausgang zusteuerten. „Auf Wiedersehen und viel Glück!"
Sam wandte sich im Sattel um und winkte ihm kurz zu, dann sah sie zu Arthur hinüber der sich kopfschüttelnd umsah.
„Ich fass es einfach nicht. Wo sind wir hier bloß gelandet?", fragte er sie leise, während sie den Wachen zunickten und zwischen den Feldern hindurchritten.
„Ich find's irgendwie niedlich. Romeo und Julia von Rhodes.", gab sie amüsiert zurück.
„Du hast Romeo und Julia gelesen?", fragte er sie überrascht.
„Du nicht?"
„Doch, aber…"
„Was?"
Er sah sie unschlüssig an. „Bin bloß überrascht, das alles."
„Ach, und dass der grimmige, böse Outlaw, die größte Liebesgeschichte aller Zeiten gelesen hat, ist nicht seltsam?", gab sie feixend zurück, ihr Blick glitt über die Landschaft.
Arthur schnaubte neben ihr. „Ich bin überhaupt nicht grimmig."
Sam warf ihm einen eindeutigen Blick zu.
„Na gut, ein bisschen vielleicht.", gab er dann zu und grinste.
Wenn er sie so anlächelte, wirkte er wirklich gar nicht grimmig und böse, aber wenn sie sich im Kampf befanden, oder er Leute bedrohte, konnte er verdammt furchteinflößend sein und das wusste er auch.
Arthur seufzte laut, hob seinen dunkel Hut an und fuhr sich mit der freien Hand durch die kurzen Haare, die inzwischen schon wieder etwas länger geworden waren, die Zügel lagen über dem Sattelknauf. Sam beobachtete ihn von der Seite und er sah sie an, setzte den Hut wieder auf.
„Was?", fragte er sie.
„Nichts. Deine Haare sind schon wieder ganz schön lang."
Er hob eine Augenbraue. „Mhm. Keine Zeit sie schneiden zu lassen."
„Ich kann das machen.", gab sie zurück.
„Ha, auf keinen Fall.", er sah sie perplex an.
Sam wandte den Blick ab und bremste ihre Stute, da sie die Einfahrt von Braithwaite-Manor erreicht hatten. „Ich kann das."
Arthur hielt neben ihr. „Sicher?"
Nickend sah sie sich um, wieder so ein riesiges Grundstück, eine lange Einfahrt mit großen Bäumen, rechts und links erstreckten sich die Felder, das weiße Haupthaus lag am Ende des Weges.
„Okay, aber wehe ich seh danach scheiße aus.", grummelte er und deutete auf einen kleinen weißen Pavillon auf der rechten Seite des Grundstücks, welches direkt am Flat Iron Lake lag.
„Da, das muss das Ding sein, welches Beau meinte."
„Ein Pavillon.", sagte sie amüsiert.
„Was auch immer. Komm, wir lassen die Pferde da drüber im Wald und schleichen uns vom Wasser aus an."
Sie ließen die Pferde zurück und gingen langsam am Ufer entlang, die Sonne strahlte heiß vom Himmel und der See sah wirklich verlockend aus.
Sam folgte Arthur, der zielstrebig auf den Pavillon zusteuerte, die Wachen bemerkten sie zum Glück nicht.
Eine junge blonde Frau saß an einem Gartentisch, ein Buch und einen Fächer in den Händen, überrascht sah sie hoch, als sie sich näherten.
„Sind Sie Penelope Braithwaite?", fragte Arthur sie, als sie die Stufen hochgingen.
„Äh, ja, das bin ich.", gab sie unerschrocken zurück, die blauen Augen wanderten zwischen Sam und Arthur hin und her.
Sam musterte sie, sie war hübsch, das blaue Kleid stand ihr gut, die Haare waren ordentlich frisiert, sie sah eben aus, wie man aussah, wenn man reich war.
„Ich habe einen Brief für Sie und ein Geschenk.", sagte Arthur neben ihr, während er die Sachen von Beau aus seiner Tasche holte und vor ihr auf den Tisch legte.
Penelope Braithwaite lachte leise, sie musterte Arthur. „Einen Brief und ein Geschenk? Dabei kennen wir uns doch nicht mal."
Sam schnaubte.
„Nun ja, es ist ja nicht von mir, es ist von, äh…", er sah sich um und Sam beendete seinen Satz. „Beau."
Penelopes Gesichtsausdruck veränderte sich sofort, dümmlich grinsend nahm sie den Brief in die Hand. „Oh, er ist so…"
„Seltsam?", fiel Arthur ihr trocken ins Wort und Sam musste lachen.
„Nun ja, er ist ein wenig seltsam, aber auch so menschlich. Unsere Familien stecken im Mittelalter fest, oder ich weiß nicht, sind Höhlenmenschen oder so was.", sagte sie abfällig, schenkte ihnen Eistee ein und bot ihn ihnen an, Arthur nahm ein Glas, Sam lehnte dankend ab.
„Beau ist anders. Aber wenn sie es herausfinden, bringen sie ihn um und verbannen mich an irgendeinen furchtbaren Ort wie… Ohio. Waren Sie schon mal in Ohio, Sir?"
„Nein."
Arthur setzte sich, doch Sam lehnte sich hinter ihm an das Geländer, verschränkte die Arme vor der Brust.
„Ich auch nicht, aber mein Onkel hat eine Fabrik dort. Er war das schwarze Schaf der Familie, weil er weggegangen ist, aber jetzt dulden sie ihn, weil er ein scheußlicher Snob ist.", fuhr Penelope fort.
„Familien sind… sind, sie sind wirklich komisch. Haben Sie eine Familie, Sir?", fragte sie ihn und Sam musste sich das zweite Schnauben wirklich verkneifen, während Arthur abwinkte und ihr einen schnellen Blick über die Schulter zuwarf, bevor er antwortete: „Nein, kann ich nicht behaupten."
„Sie tolerieren ihn wegen des Geldes. Aber mich, mit meinen hochfliegenden Ideen, können sie nicht ausstehen."
Sam schmunzelte, warum bloß?
Arthur stand auf, setzte das Glas auf dem Tisch ab und stellte sich neben sie, dann gab er an Penelope gewandt zurück: „Das klingt ganz schön kompliziert, ich… Ich weiß nicht recht, was ich sagen soll."
Unschlüssig sah er Sam an, seine blauen Augen musterten sie fragend, doch sie schüttelte nur den Kopf.
„Es gibt nicht viel zu sagen, außer, dass ich hoffe, sie verrotten alle."
Überrascht sahen sie die kleine Braithwaite an, doch sie ruderte direkt zurück. „Das meine ich nicht… Naja, vielleicht ein bisschen.", ein kleines Lächeln umspielte ihre Lippen.
Sie stand auf, griff in ihr Buch und zog einen Brief heraus, was hatten sie nur alle mit ihren Büchern und den Briefen?
„Hier, würden Sie das Beau geben, wenn Sie ihn wiedersehen?", fragte sie leise, natürlich an Arthur gewandt.
Arthur verdrehte die Augen, nahm den Brief aber letztendlich an. „Klar."
„Danke.", sagte sie und ging zu ihrem Tisch zurück, während Arthur und Sam auf demselben Wege das Grundstück wieder verließen, auf dem sie gekommen waren.
An ihren Pferden angekommen atmete Sam einmal tief durch.
„Gott, sind die alle dämlich hier. Wenn man sonst keine Probleme hat, als Familienstreitigkeiten und komische Onkel, wäre mein Leben echt einfach.", machte sie ihrem Ärger Luft, während sie ihre Stute zwischen den Ohren kraulte.
Arthur trat hinter sie, schlang seine kräftigen Arme um ihre Mitte und drückte sie an sich, seine Lippen liebkosten leicht ihren Hals.
„Was denn? Ist doch gut, macht unsere Arbeit leichter.", raunte er in ihr Ohr, während sie sich in seinen Armen zu ihm umdrehte.
Seine blauen Augen musterten sie vergnügt.
„Sie hat nicht einmal mit mir gesprochen, nur mit dir.", gab sie genervt zurück und legte ihre Hände auf seine Oberarme.
„Mhm. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, du bist eifersüchtig."
Sam schnappte empört nach Luft. „Oh nein. Ich hasse es nur, wenn man mich wie Luft behandelt, Cowboy.", gab sie zurück und versuchte ihre roten Wangen zu verbergen.
Amüsiert hob er ihr Kinn an und sah ihr in die Augen. „Du bist eifersüchtig."
Sie schnaubte ergeben und verdrehte die Augen. „Schön."
Leise lachend beugte er sich hinab und küsste sie, sanft und langsam. Als seine Zunge über ihre Unterlippe fuhr, er sie zwischen die Zähne nahm und leicht hineinbiss, hatte sie schon wieder völlig vergessen worüber sie sich gerade unterhalten hatten.
„Du brauchst nicht eifersüchtig sein.", murmelte er an ihren Lippen.
Ach ja, das wars gewesen.
Sam ließ ihre Hände in seinen Nacken wandern und stellte sich auf ihre Zehenspitzen, damit sie ihm noch näherkam, presste ihren Körper gegen seinen.
Arthur löste sich viel zu schnell von ihr und sah auf sie hinab. „Lass und zurückreiten, sonst mach ich noch was Dummes."
„Was Dummes?", fragte sie neugierig zurück, während sie aufsaßen.
Er nickte nur.
„Was denn?"
„Herrgott Frau, dich in diesem verfluchten Wald zu nehmen, zum Beispiel.", gab er grummelnd zurück, grinste sie an, nachdem er ihr fassungsloses Gesicht gesehen hatte und galoppierte voran.
Dafina schoss ihm automatisch hinterher, während Sam immer noch versuchte ihre Gesichtszüge unter Kontrolle zu bringen.