Täuschungen 26 Geschäftiges Treiben

Die nächsten zwei Tage flogen nur so an ihnen vorbei, sie waren angefüllt mit emsiger Betriebsamkeit und konzentriertem Tun.

Hermine und ihre Mutter kamen an den Abenden erst spät aus Edinburgh zurück, beide mit müden, entzündeten Augen, einem riesigen Durst von all den staubigen Pergamenten und Büchern und der erschöpft gemurmelten Aussage, dass es noch viel, sehr viel zu tun gäbe. Er nötigte den beiden ein Abendessen auf, ließ seiner Frau ein Bad ein und steckte sie dann ins Bett, er hatte noch nicht einmal das Licht gelöscht, da war sie schon eingeschlafen.

Jean schaffte es wenigstens noch mit ihren Enkelinnen zu reden und ihnen immer wieder aus dem alten Muggelsagenbuch vorzulesen, das die Großmutter von Professor Jennings geschrieben hatte. Beide Mädchen konnten nicht genug von den Mondmenschen bekommen, hingen mit großen Augen an Jeans Lippen und fragten ihr ein Loch in den Bauch, als die Geschichte am Mittwoch mal wieder zu Ende war. Nur das Mitleid mit ihrer gähnenden Großmutter und die mahnenden Blicke ihres Vaters erreichten es schließlich, dass sich Jean endlich in ihr Gästezimmer schleppen durfte.

Er selbst war bei Prof. Jennings gewesen, die ihn mit ihrem Reiseumhang auf dem Arm und einer dicken Büchertasche neben sich kurz angebunden verkündete, sie sei auf dem Weg nach Italien, da gäbe es in der Universität von Turin eine große Sammlung mit Artefakten aus Afrika, zudem beherberge die Fakultät für Alte Runen dort einige Literatur, die sie noch für ihre Übersetzungen benötige. Sie beabsichtige aber am Donnerstag um 20:00 Uhr zur Besprechung zurück zu sein, stellte sie gnädig in Aussicht. Bei Merlin, diese Frau glich einem Wolf, der Blut geleckt hatte, oder vielleicht eher einem Wal, der Plankton geortet hatte. Nichts würde sie davon abhalten dieses Rätsel zu lösen, soviel war sicher!

Danach hatte er ein langes Gespräch mit Kingsley, der sich als Erstes ausführlich nach Hermine erkundigte und mit dem er einige wichtige Details besprach. Unter anderem eine Frage, die ihn schon seit ein paar Tagen beschäftigte.

Indem er ein wenig geistesabwesend in seinem Tee herumrührte fragte er, „Ihr habt die gesamte Ausrüstung und auch sonst alles Inventar der Expedition überprüft."

„Sehr richtig, sowohl zu Beginn, als auch bei deren Rückkehr!", ergänzte Kingsley.

„Und ich gehe recht in der Annahme, dass sich unter den ganzen Dingen kein unendlich großes Vermögen befand", erkundigte sich Severus mit erhobener Augenbraue.

„Natürlich nicht, außer, es war so klein, dass es nicht ins Gewicht fiel, denn wir haben die gesamte Expedition auch gewogen.

„Dann hatten sie noch nicht angefangen irgendetwas in Gold zu verwandeln, denn Gold ist sehr schwer", murmelte der Tränkemeister.

„Ich würde an ihrer Stelle auch dort nicht damit begonnen haben, sondern ich hätte, wenn ich denn den Zauber geknackt hätte, das Trankrezept oder den Öffnungszauber etc. in meinen Aufzeichnungen notiert, denn dies kann kein Ministerium der Welt so genau kontrollieren."

„Hm", überlegte Severus, „das wäre zwar sehr klug, aber für uns natürlich fatal!"

„Allerdings!", seufzte Kingsley und trat an das Fenster um seinen Blick über das spätsommerliche London schweifen zu lassen.

„Ich hätte aber wenigstens einen Probelauf gestartet, ein Experiment, damit ich mich von dem Erfolg des Trankes oder des Spruches hätte überzeugen können, denkst Du nicht?"

Der Zaubereiminister drehte sich abrupt herum und schaute Severus mit tief gefurchter Stirn an, „Das frag ich mich sowieso schon die ganze Zeit! Wie stellst Du Dir die Sache eigentlich genau vor?"

„Was meinst Du?", verstand Severus die Gedankengänge seines Freundes gerade nicht.

„Nun, stell Dir vor, Dir ist es gelungen den Öffnungszauber zu aktivieren. Was glaubst Du, geschieht dann?", Kingsley sah ihn fragend an.

„Ich weiß nicht", Severus stand ebenfalls auf und ging einige Schritte, „vielleicht tut sich eine Öffnung auf, durch die ich eintrete und dort auf…"

„Ja, genau!", unterbrach ihn Kingsley aufgeregt, „auf was oder auf wen wirst Du treffen?"

„Auf diese komischen Mondmenschen wahrscheinlich", schlug Severus vor.

„Aber die erwarten doch jemand anderen, nämlich eine ‚gar mächtige Frau'", widersprach Kingsley.

„Die haben doch noch die Broomberry."

„Ich weiß nicht, also für mich geht die nicht als ‚gar mächtige Frau' durch", bezweifelte der Zaubereiminister.

„Vielleicht war da auch gar nichts mehr, alle ausgestorben", spann Severus den Faden weiter.

„Dann hätte es aber sicherlich lange gedauert, bis sie irgendetwas gefunden hätten oder?", gab Kingsley weiter zu bedenken.

Severus schaute ihn prüfend an, „Du denkst, dass sie den Öffnungszauber noch nicht aktiviert haben?", fasste er zusammen.

„Richtig, ich mag mich irren, aber ich habe im Gefühl, dass sie noch nicht zu ihrem Ziel gelangen konnten. Warum auch immer!"

Das brachte Severus wieder zu seiner These mit dem temporären Zauber,

„Ich habe im Buch von Professor Jennings Großmutter den Satz gefunden: ‚Alles braucht seine Zeit, lasst den Mond das Werk vollenden.' Das könnte doch darauf hindeuten, dass sie warten müssen!"

„Wie lange denn", grübelte Kingsley, „einen Monat?"

„Vielleicht, aber vielleicht auch länger!", sinnierte Severus, „Wissen wir eigentlich etwas über den momentanen Aufenthalt der Expeditionsteilnehmerinnen und –teilnehmer und was sie so tun?"

Kingsley grinste breit und fischte umgehend ein Pergament aus seinem vollgepfropften Schreibtisch „Ich habe sie gestern für eine Stunde von unseren besten Auroren überwachen lassen, Slide, Hide und die anderen irischen Wissenschaftlerinnen und Mitarbeiter von Slide-Industrie sind in Irland, die anderen befinden sich auch in ihren jeweiligen Ländern."

„Sehr gut!", lobte Severus, „Wir müssen das aber auch weiterhin im Auge behalten, wenn etwas an diesem Zeitfaktor dran ist oder sonst noch etwas fehlt, dann werden sie es wieder versuchen oder wenigstens alle zusammenkommen", war sich Severus sicher.

„Ich hoffe zwar einerseits, dass wir recht mit dieser These haben", überlegte Kingsley, „aber mir macht der Gedanke dabei Angst, dass sie vielleicht dafür nochmals Hermines Hilfe benötigen."

Severus nickte grimmig, dieser Aspekt hatte ihn auch schon erschreckt, „Du denkst an die Prophezeiung", er stand auf und strich sein Haar zurück, „wir müssen auf jeden Fall sehr gut auf sie aufpassen!"

„Soll ich einen Auror abstellen?"

„Nein, das führt nur zu Aufsehen", schüttelte Severus nachdenklich den Kopf, „Ich habe sowieso schon Sorge, dass wir mit unseren ganzen Nachforschungen auf uns aufmerksam gemacht haben, wir müssen das dezenter, unauffälliger angehen!"

„Dann solltet Ihr beide auch schnell wieder Eure Arbeit aufnehmen, denn ich habe schon zwei Ministeriumsangestellte, die Kinder in Hogwarts haben, in der Mittagspause darüber sprechen hören, dass Du beurlaubt seiest und Hermine auch noch nicht an die Uni zurückgekehrt wäre."

„In der Tat", nickte Severus, „obwohl ich jede Minute benötige um alle Bruchstücke dieses gigantischen, grauenhaften Puzzles zusammenzutragen."

„Verstehe ich, aber Slide ist nicht dumm, lass ihn nicht misstrauisch werden!", warnte Kingsley.

„Aber wie können wir Hermine unauffällig schützen?", der Gedanke, dass ihr noch einmal Gewalt angetan würde, brachte sein Herz dazu, ihm bis zum Hals zu schlagen.

„Ich könnte sie mit einer Apparationssperre belegen lassen", schlug der Zaubereiminister vor, „und wir sollten ihr einen Notfallportschlüssel geben, der es ihr ermöglicht in Gefahrsituationen sofort an einen sicheren Ort zu gelangen."

„Das sind ausgezeichnete Ideen, leite sie bitte in die Wege, ich werde mit Hermine sprechen!", nickte Severus doch etwas beruhigter.

Nach diesem Gespräch führte ihn sein nächster Weg zur Aurorenzentrale, wo Harry Potter und auch Ron Weasley über einem Stapel Akten gebeugt zu finden waren.

„Meine Herren, ich möchte, dass Sie sich das hier ansehen und mir ihre Meinung dazu sagen, kennen Sie jemanden und Sie, Mister Potter, können Sie sich an Orte oder sonst etwas erinnern oder etwas anderes identifizieren", er reichte dem jungen Mann eine kleine Glasflasche.

„Hermines zerstörte Erinnerungen?", fragte Harry mit zusammengezogen Augenbrauen.

„Ja", nickte Severus.

„Die Farbe verheißt nichts Gutes!", murmelte Ron und schleppte schon das schlichte Denkarium heran, das in einem der vollgestopften Regale hinter dem Schreibtisch stand.

„Nein, das tut es nicht!", bestätigte Severus düster.

„Hat Hermine es schon gesehen?"

Severus Blick wurde kalt und hart, „Ja!"

„Komplett?"

„Ja!", der Ton in der Stimme ihres Tränkemeisters sagte alles, daher sparten sich die beiden auch jede weitere Frage und beugten sich über den Rand der Schale, in den sie die grau-schwarzen Schwaden geschüttet hatten.

Als sie nach einer halben Stunde wieder auftauchten, konnte sich Severus gut ein Bild davon machen, wie er und Kingsley ausgesehen hatten. Bleich und die Augen voller Schrecken und Wut standen die beiden Freunde vor der Schale und Harry wischte sich fahrig über die nasse Stirn, als er sich langsam zu Severus herumdrehte. „Es fehlen Sequenzen nicht wahr?"

„Ja, sie werden verstehen, dass ich es meiner Frau ersparen möchte, dass noch mehr Menschen zusehen, wie diese Schweine über sie herfallen und ihr Gewalt antun!", knirschte Severus und war fast so blass wie Ron, der sich zittrig auf den nächstbesten Bürostuhl setzen musste.

„Das werden sie büßen", nuschelte er vor sich her und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

Severus konnte seine Reaktion gut verstehen, dennoch mahnte er, „Mister Weasley, Mister Potter, wir sollten in einer solchen Situation nicht unser Herz sprechen lassen, sondern unsern Verstand und da ich trotz aller gegenteiliger Erfahrungen annehme, dass sie beide einen besitzen, vertraue ich darauf, dass sie ihn auch benutzen werden!"

„Warum wird kein Wort gesprochen und warum hat man das Gefühl der Unwirklichkeit?", erkundigte sich Ron ohne auf die Mahnung seines Tränkemeisters einzugehen.

„Das hängt an dem Reorganistionsnebel", erklärte Severus, „Ereignisse finden immer auf mehreren Ebenen statt, auf der Sachebene, auf der Gefühlsebene, auf der visuellen und eben auch auf der auditiven Ebene und mein Trank kann nur die visuellen Tatsachen zurückbringen und die leider noch nicht einmal alle, der Zauber ist sehr stark und so irren die anderen Spuren losgelöst in Hermines Geist und würden dafür sorgen, dass sie ohne Anbindung an die tatsächlichen Fakten langsam aber sicher wahnsinnig würde."

„Wie geht es ihr?", fragte Harry leise.

Bei Merlin, was sollte er darauf antworten? Er entschied sich für ein neutrales, „Nun, den Umständen entsprechend, würde ich sagen."

„Also beschissen!", spie Ron aus und schlug mit der flachen Hand auf die Schreibtischplatte.

„So könnte man es sagen", gab Severus zu, „aber sie hält sich wie immer tapfer und versucht mit ihren Methoden dem ganzen Unheil zu begegnen."

„Sie vergräbt sich in Arbeit!", erkannte Harry sehr richtig.

„In der Tat, sie meint das würde ihr helfen ihre Gedanken zu ordnen."

„Mir würde es helfen diesen Kreaturen genüsslich den Hals herum zu drehen!", knirschte Ron und Severus konnte ihm noch nicht einmal widersprechen.

„Ich hätte nicht gedacht, dass diese Broomberry da drin hängt", Harry schüttelte ungläubig den Kopf, „sie wirkte immer so zerstreut und etwas hilflos, hatte vor allem und jedem Angst und hat dennoch für jeden kleine Dienste übernommen."

„Was waren das für Dienste", horchte Severus auf.

„Sie brachte Tee für die ganze Gruppe und half bei den Mahlzeiten", überlegte Harry, „Auf Hermine hatte sie immer ein besonderes Auge, sie brachte ihr immer heiße Schokolade am Abend, damit sie besser schliefe."

„Verdammt!", riefen Severus und Ron zur gleichen Zeit, „Da hat sie bestimmt etwas beigemischt!"

Harry starrte die beiden einen Augenblick an und schlug sich dann auf die Stirn, „Natürlich! Dass ich da nicht selbst drauf gekommen bin!"

„Allerdings!" knurrte Severus. Dieser Idiot!

„Und wie gut, dass Du ihr nicht zu sehr auf den Zahn gefühlt hast, letzte Woche!", ergänze Ron, „Wir wären aufgeflogen!"

„Kannten Sie sonst noch jemanden von diesen Gestalten?"

„Außer Hide?", Harry dachte angestrengt nach, „Nein, den einen konnte ich nicht erkennen, aber die Kerle habe ich nie gesehen!"

„Das dachte ich mir!", sah sich Severus bestätigt, dann zückte er seine Uhr und stand erschrocken auf, es war schon viel zu lange hier, „Meine Herrn, ich möchte Sie gerne am Donnerstag um 20:00 Uhr zu einer weiteren Besprechung in Hogwarts einladen. Vielleicht ist es Ihnen möglich etwas Genaueres über Hide und die Broomberry herauszufinden."

„Wird erledigt, Professor", Ron stand schon auf und schnappte sich seinen Umhang, „vielleicht erfahren wir auch irgendwie, wer die anderen waren."

„Das wäre sehr gut", stimmte Severus zu, kramte in seiner Tasche und zog ein weiteres Glasfläschchen hervor, „Ach, Mister Potter, dies hier und die Erinnerung dort in der Schale sollten Sie auch Ihrer Frau zeigen, es könnte helfen, wenn alle auf dem gleichen Stand sind." Er schenkte dem Weltenretter einen intensiven Blick und der nickte verstehend.

„Das sehe ich auch so, Professor!"

„In den nächsten Tagen werden Hermine und ich auch wieder unterrichten, Kingsley und ich sind uns einig, dass wir kein weiteres Aufsehen erregen sollten, also seien Sie mit Ihren Nachforschungen so diskret als möglich!"

„Hat diese dicke Professorin schon etwas herausgefunden?", wollte Ron noch wissen und zog hinter den dreien die Bürotüre zu.

„Nein, sie ist zu weiteren Forschungen heute nach Italien appariert, sie will Donnerstag zurück sein."

„Na dann!"

„Auch Ihnen einen erfolgreichen Tag, die Herren!", antwortete Severus und nickte den beiden kurz zu, bevor er eilig zu den Kaminen in die Einganghalle schritt.