Anmerkung:
Liebe Alle,
ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich glaube, das war die längste Pause, die es bei "Ein bisschen wie Sterben" zwischen zwei Kapiteln je gab – und ich hatte schon etliche lange dabei. Es tut mir unwahrscheinlich Leid, dass ich euch erneut monatelang habe warten lassen.
In den vergangenen acht Monaten war sehr viel los bei mir. Die Chancen stehen allerdings gut, dass es ab Herbst noch sehr viel stressiger werden wird. Deswegen will ich diese Geschichte bis dahin definitiv fertig geschrieben haben. Das nächste Kapitel ist in Arbeit, das übernächste ist schon seit Ewigkeiten zur Hälfte fertig und vor dem letzten drücke ich mich ein wenig, ehrlich gesagt. Abschiednehmen ist nicht unbedingt leicht.
Ich hoffe, da draußen gibt es noch jemanden, der sich für diese Geschichte begeistern und interessieren kann.
Mein Dank gilt, wie immer, allen Reviewern, allen stillen Mitlesern, all denen, die die Geschichte auf ihren Favoritenlisten haben. Ihr seid großartig und ich hoffe, dass euch das neue Kapitel gefallen wird.
Danach werden in der Tat nur noch drei Kapitel folgen und dann ist die Geschichte beendet. Ich bin gespannt, wie viele eurer offenen Fragen bis dahin beantwortet werden.
Ich wünsche viel Spaß beim Lesen und entschuldige mich für acht lange Monate Pause.
Zwölfte Vorlesung
Die Nacht war kurz und relativ schlaflos und beinahe bist du froh, als du den Wecker ausstellen kannst, weil du dann nicht länger versuchen musst, dich unruhig in deinem Bett hin- und herzuwälzen und nach Schlaf zu suchen, den du sowieso nicht finden kannst. Du schlurfst nach nebenan ins Badezimmer und ziehst dir deinen Morgenmantel über, als du erstaunt bemerkst, dass du Gänsehaut am ganzen Körper hast. Ein Blick in den Spiegel verrät dir, dass du so aussiehst, wie du dich fühlst – auch wenn das eigentlich keine Überraschung sein sollte, nach einer Nacht, die hauptsächlich von Kopfschmerzen und wirren Träumen geprägt war.
Dein Hals fühlt sich unangenehm eng und rau an beim Schlucken und hinter deiner Stirn scheint unermüdlich ein Hammer zu arbeiten, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, deinen Schädel zum Dröhnen zu bringen. Gratulation, denkst du stumm, das gelingt ihm wunderbar. Scheinbar hat sich dein kompletter Körper gegen dich verschworen, denn deine Nase verweigert gnadenlos ihren Dienst und lässt dich kein bisschen Luft holen. Stattdessen musst du den Mund zu Hilfe nehmen und das Geräusch, das dabei herauskommt, ist kein allzu nettes.
Du wickelst den Morgenmantel fest um dich, ehe du deinen kleinen Notfallschrank öffnest und nach diesem Trank suchst, den Millicent dir bei der letzten Erkältung da gelassen hat, mit einem strengen Blick und dem nicht gerade Hoffnung schürfenden Kommentar „Aber wirklich nur dann trinken, wenn sonst alles versagt hat!", den du bereits damals geflissentlich ignoriert hast. Wenn es dir schlecht geht, geht es dir schlecht und dann wird dich so ein kleiner Heiltrank sicher nicht umwerfen. Als du das Fläschchen gefunden hast, setzt du dich trotzdem vorsichtshalber lieber auf den Badewannenrand und stützt dich mit einer Hand an der Wand ab, während du den Kopf in den Nacken legst und blasslila Medizin schluckst.
Viel ist nicht übrig gewesen und du musst bis einhundertdreiundfünfzig zählen, bis du spürst, wie langsam die Wirkung einsetzt. Du kannst freier atmen, deine Mandeln protestieren nicht mehr bei jedem Schlucken und dein Kopf fühlt sich wesentlich leichter an als noch wenige Minuten zuvor. (Eine Stimme, die sich gefährlich wie die Millicents anhört, schärft dir ein, trotzdem mal einen Heiler aufzusuchen, wenn sich dein Zustand in den nächsten Stunden nicht konstant verbessern wird, aber du bist dir noch nicht sicher, ob du auf sie hören willst oder nicht. Das Semester ist beinahe vorüber, in all deinen Vorlesungen und Seminaren ist die heiße Schlussphase eingeläutet worden, deine Sprechstunden quillen über vor Studenten, die du bisher kaum einmal zu Gesicht bekommen hast, und du kannst und willst es dir schlichtweg nicht erlauben, ausgerechnet jetzt krank zu werden.)
Du hebst den Kopf ein bisschen und schneidest deinem Spiegelbild eine Grimasse. „Guten Morgen, alter Mann", brummst du dir zu, „Wollen wir doch mal sehen, ob wir dich mit ein bisschen Kaffee wieder aufpäppeln können." Du wuchtest dich vom Badewannenrand wieder in die Höhe, schließt deinen Notfallschrank und stolperst den Flur entlang, denn der Trank hat dir vielleicht ein paar der Erkältungssymptome genommen, jedoch nichts gegen deine Müdigkeit ausrichten können.
Die Küche hat an diesem Morgen nur einen kalten, unfreundlichen Gruß für dich übrig, sie straft dich mit eisiger Nichtbeachtung und du bist froh, deinen Zauberstab direkt auf dem Tisch liegen gelassen zu haben, sodass du jetzt nach ihm greifen und ein wenig Wärme in den Raum hexen kannst. Das Gleiche versuchst du mit deiner Caffètiere und dem Espressopulver und beinahe bist du stolz, dass du nur drei Anläufe brauchst, bis Wasser und Pulver im jeweils richtigen Behälter gelandet sind. Den Herd stellst du sogar mit der Hand an und neben dem Waschbecken steht deine abgespülte Tasse vom Vortag, die extravagant funkelnde, die Draco dir mit einem äußerst gehässigen Lächeln vorletztes Weihnachten überreicht hat, als kleine Rache für ein, wie er fand, unangebrachtes Geburtstagsgeschenk deinerseits.
(Fandest du nicht. Aber dich hat er nicht gefragt.)
Ächzend lässt du dich auf einem deiner Stühle nieder und überlegst, ob das nun Alterserscheinungen sind oder nur die Nachwirkungen deiner sich anbahnenden Grippe, die du gewaltsam und mit Hilfe von Millys Wundermitteln unterdrückt hast. (Für Ersteres bist du eigentlich noch zu jung, findest du, doch du hast ein wenig Sorge, dass du auch in dieser Hinsicht nicht gefragt werden wirst.) Du zauberst dir ein Kännchen Milch aus dem Kühlschrank und lässt deinen Zauberstab darauf gerichtet, um die Milch langsam zu erwärmen und etwas aufzuschäumen. Wenn du schon krank bist, dann willst du wenigstens Milchschaum auf deinem Espresso haben.
Draußen ist es noch dunkel und ein Blick auf die Uhr verrät dir, dass du dir Zeit lassen kannst für dein mageres Frühstück. Wirklichen Hunger verspürst du sowieso nicht, aber dich beschleicht die leise Ahnung, dass du heute fürs Anziehen länger benötigen wirst als sonst, weil du deinen Körper, der sich offensichtlich gegen dich verschworen hat, erst dazu wirst überreden müssen, dir wieder zu gehorchen. Das Fauchen und Zischen der Caffètiere holt dich aus deinen trüben Gedanken und du wechselst den Zauberstab vom Milchkännchen zu deinem Herd. Deine Finger zittern, aber du hast Glück und alles landet dort, wo es landen soll, nämlich in deiner Tasse anstatt auf dem Küchenboden. Das Zuckerschälchen steht bereits neben dir und du löffelst genügend in deinen Kaffee, um beim ersten Schluck zu denken, dass es vielleicht einen Tick zu süß ist, doch dein Körper kann den Zucker ganz gut gebrauchen.
Auf dem Tisch stapeln sich um dich herum diverse, zur Hälfte ausgelesene Zeitungen und ein paar Fachmagazine auf Französisch, für die du bisher weder genügend Zeit noch Lust aufbringen konntest, obwohl du genau weißt, dass es wichtig ist, den internationalen Stand der Dinge zu kennen und Verknüpfungen zu deinen Kollegen im Ausland herzustellen (und obwohl du monatlich wirklich genügend Galleonen für die Zeitschriften ausgibst, sodass du sie auch lesen könntest, damit es sich wenigstens lohnt). Daneben liegen ungefähr zwei Dutzend geöffnete Briefe, die hauptsächlich von Studenten stammen, die es nicht in deine Sprechstunde geschafft haben und die sich nun erkundigen, ob du nicht vielleicht außer Montags auch noch Donnerstags ein bisschen Zeit erübrigen könntest.
Eigentlich könntest du nicht, aber du weißt, dass du vermutlich trotzdem „Ja" sagen und Lancelot um eine zweite Sprechzeit in der Woche bitten wirst. Es freut dich schließlich, wenn so viele Studenten sich in deine Kurse einschreiben und bei dir Arbeiten abgeben möchten. Du würdest dir nur wünschen, es wäre weniger zeitintensiv.
Du frühstückst gezuckerten Milchschaum und schließt die Augen, während du dir selbst einredest, dass Millicents Medizin schon helfen wird und du am Nachmittag sicher keine Beschwerden mehr haben wirst. (Der sachliche, nüchterne Wissenschaftler in dir – und ja, den gibt es – würde dir dafür am liebsten einen Schlag auf den Hinterkopf verpassen und dich daran erinnern, dass du Geschichte studiert hast und kein Heiler geworden bist. Doch was Selbstdiagnosen angeht, überschätzt du dich sowieso regelmäßig. Einmal mehr oder weniger macht da keinen Unterschied.)
In Gedanken gehst du noch einmal durch, was du für deine heutige Vorlesung geplant hast, welche Texte du deinen Studenten zum Durcharbeiten gegeben hast und welche Punkte dir in deiner Vorbereitung besonders wichtig erschienen sind. Im Prinzip, findest du, hast du das gesamte Semester über auf das hingearbeitet, was du nun in aller Deutlichkeit zur Sprache bringen wirst: Wie präsent Vorurteile waren, noch immer sind und welchen Schaden sie anrichten können. Du freust dich auf die Sitzung (vielleicht nicht ganz so sehr wie auf die, die nächste Woche noch auf dich wartet, zum krönenden Abschluss sozusagen, bevor du deine allerletzte Vorlesung in diesem Kurs halten wirst), du magst die Texte, die du ausgewählt hast, die Personen, die in ihnen sprechen, die Wahrheit, die in ihnen steckt.
Der Kaffee schmeckt schwer und süß auf deiner Zunge und schafft es trotzdem, dich ein wenig in die Höhe zu heben und dir die Erkältung aus den Knochen zu locken. Natürlich kann ein Milchkaffee keinen verordneten (vorzugsweise nicht von Millicent, vielen Dank auch, wenn du schon krank bist, willst du nicht auch noch ihren Ermahnungen lauschen müssen) Heiltrank oder einen Tag im Bett, beladen mit Kissen und Decken und Wadenwickeln und albern gemusterten Strickschals, ersetzen, aber dann wiederum hast du von diesen Dingen sowieso immer nur gehört wie von Legenden und hast sie niemals selbst erlebt. Und für den Anfang ist der Milchkaffee wirklich nicht schlecht. Den Rest wird dein Arbeitsalltag erledigen.
Trotz des Kaffees brauchst du wie vermutet lange, bis du angezogen bist. (Vielleicht, überlegst du, war der blasslila Trankrest doch nicht genug, um die bleierne Müdigkeit aus deinen Gliedern verschwinden zu lassen.) Am Ende wird es eine dunkle Hose und ein beiger Pullover aus irgendeinem weichen, sündhaft teuren Material, das sich der Körpertemperatur anpasst und hoffentlich dafür sorgen wird, dass dir den Tag über nicht kalt werden wird. Du schlingst dir heute mal einen karierten Schal um den Hals und schlüpfst in deine gefütterten Winterschuhe, ehe du dir deinen Mantel überziehst und ein letztes Mal überprüfst, ob du alles Wichtige für den heutigen Tag in deine Tasche gepackt hast.
(Du hast. Trotz Erkältung und geschwollenen Mandeln und ständigem Schniefen und Husten funktioniert die Routine, die du dir über Jahre hinweg antrainiert hast, noch immer. Irgendwie tröstet dich das ein bisschen.)
Auf dem Weg zur Uni musst du exakt siebzehn Mal niesen und deine Finger sind kalt und starr gefroren, trotz der Handschuhe, die du extra angezogen hast und die an der Innenseite mit Schafswolle benäht sind. Zwischen Eingangstür und Cafeteria niest du weitere drei Mal und fängst dir etliche mitleidige Blicke von Studenten und Kollegen ein (wobei es dich, ehrlich gesagt, wundert, dass niemand eine Tür aufreißt und fragt, wer draußen auf dem Flur für solchen Lärm sorgt, denn das Niesen hallt erstaunlich laut an den Wänden wider). „Krank?", erkundigt sich auch Sidonie und in ihrem Blick liegt ehrliches Mitgefühl. Sie trägt einen dicken Schal um den Hals, der farblich perfekt auf ihre Haare abgestimmt ist, und du musst ein bisschen lächeln. „Geht schon", erwiderst du tapfer, „Nur eine Erkältung." Du bestellst dir trotzdem einen Kamillentee, obwohl dir normalerweise von dem Geruch alleine bereits übel wird, und vertreibst dir die Zeit, bis Sidonie den passenden Teebeutel gefunden hat, damit, zu überlegen, um wie viele Nuancen ihre Haarfarbe seit der vergangenen Woche dunkler geworden ist. Mittlerweile sehen ihre Haare aus wie der Sommernachthimmel, satt und blau und weich. („Einmal quer durch den Regenbogen", hat sie dir fröhlich geantwortet, als du Sidonie mal gefragt hast, wie viele Farben sie denn eigentlich ausprobieren möchte.)
„Lassen Sie es sich schmecken", meint Sidonie und zieht die Nase kraus, während sie dir deine Teetasse reicht, „und gute Besserung!" Du zählst ihr ein paar Münzen ab und sagst „Schönen Tag noch!", ehe du in Richtung deines Büros verschwindest. Hinter dir weht der Geruch von Kamille durch die Gänge, aber deine Nase scheint sich nicht großartig um den blasslila Trankrest zu kümmern, denn sie ist beinahe wieder komplett dicht und fast bist du dankbar dafür, weil sich der Tee dann vielleicht ein bisschen besser ertragen lässt.
Du hast noch eine Viertelstunde, ehe du in deinem Hörsaal sein musst, und du nutzt die kurze Zeit, um deine Tasche ein wenig zu entrümpeln und alles, was du nicht brauchst, in deinem Büro zu lassen, genau wie Mantel, Handschuhe und Schal. Das Feuer im Kamin flackert bereits, als du zur Tür hereinkommst, und selten ist dir dein Büro so behaglich vorgekommen wie in diesem Moment. Du lässt dich auf deinem gemütlichen Stuhl nieder, nippst an heißem Kamillentee (und verziehst das Gesicht, weil deine Hoffnung natürlich unbegründet war und der Tee genauso ekelhaft schmeckt wie du es befürchtet hast, doch egal, vielleicht hilft er ja) und schaust der Uhr dabei zu, wie sie kontinuierlich tickt.
Nach sieben Minuten klopft es an deine Tür (zweimal lang, zweimal kurz – nicht, dass es von Bedeutung wäre) und Osburga trällert „Guten Morgen", während sie beschwingt hereinkommt und dich dann mit kritischem Blick mustert. „Morgen", nickst du ihr zu und nutzt den Moment, um deine halb ausgetrunkene Tasse mit verdrießlichem Gesichtsausdruck so weit von dir wegzuschieben wie nur möglich. „Bist du ansteckend?", will Osburga wissen und zwinkert dir zu, „Falls ja, dann bitte umarme mich doch mal besonders herzlich." Du ziehst die Augenbrauen in die Höhe. „Wieso?", fragst du verwirrt, denn Osburga ist niemand, die ihre Veranstaltungen freiwillig ausfallen lassen würde. Sie winkt ab, lässt sich auf einen Stuhl dir gegenüber fallen und erzählt etwas von einem langweiligen Kongress, den sie am Wochenende besuchen soll und auf den sie nur bedingt Lust hat.
Du zuckst die Achseln. „Ist 'ne ganz normale Grippe", meinst du, „Im Anfangsstadium, glaube ich. Wenn du einen Kongress verpassen willst, suchst du dir wohl besser jemanden mit etwas Gefährlicherem." Sie lacht und reicht dir einen Packen Papier, den sie mitgebracht hat. „Hier", sagt sie, „Meine Planung für das nächste Semester. Lancelot hat doch darum gebeten, dass wir diesmal unsere Kollegen auch rechtzeitig über die Kurse informieren, die wir gerne anbieten würden. Das sind meine. Wer weiß, vielleicht hast du Lust, nochmal Altenglisch bei mir zu belegen." Sie grinst und du gibst ein trockenes „Haha" von dir, das sich mit Erkältungsreibeisenstimme offenbar wahnsinnig komisch anhört, denn Osburga prustet los, während du kurz den Stapel durchblätterst, den sie dir in die Hand gedrückt hat. Sieht aus, als hätte Osburga einiges vor, findest du.
„Achja", fällt dir dann noch etwas ein, „Du meintest doch, ich solle Bescheid geben, wenn ich mal wieder prominenten Besuch erwarte." Osburga, die bereits wieder im Begriff war zu gehen, bleibt abrupt stehen und schaut dich an. „Und?", macht sie gedehnt, „Wer kommt diesmal? Hast du Harry Potter überzeugen können?" Du lehnst dich ein bisschen zurück und lächelst. „Nein!", stößt Osburga verblüfft hervor und starrt dich überrascht an, „Tatsächlich?" Du nickst. „Tatsächlich", bestätigst du, „Allerdings erst nächste Woche, du hast also noch etwas Zeit, um dich auf den Trubel vorzubereiten. Meine Studenten wissen es übrigens nicht und dabei würde ich es auch gerne belassen. Wäre also gut, wenn du die Neuigkeit für dich behalten könntest."
Osburga lacht. „Keine Sorge", meint sie fröhlich, „Hauptsache, ich bin live dabei, wenn Harry Potter durch die Uni marschiert und kann beobachten, wie unsere Studenten darauf reagieren. Und jetzt erstmal gute Besserung, mein Lieber." Sie schenkt dir ein mütterlich-besorgtes Lächeln und zieht deine Bürotür hinter sich ins Schloss. Du schaust auf die Uhr und stellst fest, dass du dich durchaus mal auf den Weg in deinen Hörsaal machen könntest, wenn du pünktlich mit der Vorlesung beginnen willst. Deine halbvolle Teetasse schaut dich zwar vorwurfsvoll an, doch du ignorierst sie gekonnt und nimmst stattdessen nur deine Tasche mit, als du dein Büro verlässt.
Vermutlich, denkst du, werden deine Studenten heute frühzeitig gewarnt, dass du dich im Anmarsch befindest, denn die Lautstärke (und Häufigkeit) deines Niesens erreicht eine neue Dimension, während du den Gang entlang läufst und hektisch nach einem Taschentuch kramst, damit du auf dem kurzen Weg nicht die gesamte Studentenschar und all deine Kollegen ansteckst. Erneut hagelt es mitleidige Blicke von allen Seiten und du schwankst zwischen dem Bedürfnis, dich ein bisschen darin zu sonnen, und dem Wunsch, „Es ist nur eine Erkältung!" zu brüllen, auch wenn du glaubst, dass sich das schniefend und hustend nicht sonderlich beeindruckend anhören würde.
Deine Studenten scheinen ebenfalls ein wenig Mitgefühl mit dir zu verspüren, denn sie sind mucksmäuschenstill, als du den Hörsaal betrittst, was zur Folge hat, dass man dein „Guten Morgen" (was albern klingt, mit verstopfter Nase) sogar verstehen kann. Dann niest du zur Begrüßung dreimal hintereinander und die erste Reihe rückt kollektiv ein wenig zurück. Du kannst es ihnen nicht verübeln und irgendwie amüsiert es dich auch ein bisschen. Du legst deine Tasche auf dem Pult ab, drehst dich um, damit du dir (geräuschvoll) die Nase putzen kannst und verfluchst innerlich Millicent, weil es ganz eindeutig ihre Schuld ist, dass der angeblich ach so wirkungsvolle Trank eben nicht seine erhoffte Wirkung entfaltet.
„Wie Sie zweifellos feststellen können, hat mich eine kleine Erkältung erwischt", verkündest du und ziehst eine Grimasse, „Das soll uns jedoch nicht davon abhalten, heute gemeinsam die Vorlesung zu bestreiten, die, wie Sie ja sicher dem Lehrplan entnommen haben, unter dem schönen Titel In den Köpfen der Menschen – Vom Umgang mit Vorurteilen steht." Du machst eine kleine Atempause und tust so, als hättest du nicht gehört, dass Gwendolen Hopkins schnaubend „Kleine Erkältung … na klar. Kann hier wer im Notfall Erste Hilfe leisten?" gemurmelt hat. Wie schön, dass sich deine Studenten um deine Gesundheit sorgen.
„Ich gehe davon aus", fährst du jedoch fort und bist fest entschlossen, dich durch nichts aus der Ruhe bringen zu lassen, „dass Sie natürlich allesamt wie immer bestens vorbereitet sind und die Texte, die ich Ihnen für die heutige Sitzung habe zukommen lassen, gründlich gelesen und analysiert haben. Wir beschäftigen uns heute ausführlich mit einem Thema, das wir, mal mehr, mal weniger, im Laufe des Semesters eigentlich ständig gestreift haben. Daher denke ich, dass Sie keine größeren Schwierigkeiten mit den Texten gehabt haben. Sollten Sie mir in dieser Hinsicht widersprechen wollen, wäre genau jetzt der richtige Moment."
Du wirfst einen auffordernden Blick in die Runde und wartest ab, ob jemand die Hand hebt. Allerdings rührt sich nichts, abgesehen davon, dass du erneut niesen musst und dir ungefähr ein Dutzend Studenten synchron „Gesundheit!" wünscht. Du winkst ab und sagst mit einem schwachen Lächeln, „Das ist nett gemeint, aber glauben Sie mir, wenn Sie jeden Nieser kommentieren wollen, dann kommen wir heute überhaupt nicht mehr zum Thema." Immerhin funktioniert dein Humor noch, stellst du düster fest, das wird vielleicht helfen, wenn dir bis zum Nachmittag der Kopf dröhnen wird und wenn du losziehen wirst, um Millicent von ihrem hohen Heilerross herunterzuzerren und sie zu zwingen, dir etwas Vernünftiges zu verschreiben.
„Keine Fragen also", stellst du überflüssigerweise fest und öffnest deine Taschen, um deinen Stapel an Unterlagen und Notizen hervorzuholen. Du setzt dich auf dein Pult und glättest mit der Hand ein Eselsohr, das das obere Blatt abbekommen hat. „Wunderbar. Dann würde ich vorschlagen, wir gehen chronologisch vor und beginnen mit dem Lexikoneintrag zum Thema Werwolf. Möchte jemand freiwillig?" Stephen Hart meldet sich und du nickst ihm sofort zu, erleichtert, dass dir jemand für die nächsten paar Minuten das Reden abnehmen wird. (Vielleicht hättest du deine halb ausgetrunkene Tasse Tee lieber mit in den Hörsaal genommen, anstatt sie lieblos in deinem Büro stehen zu lassen, es hätte deinem Hals sicher gut getan, wenn auch nicht deiner Stimmung.)
Stephen erwidert deinen Blick und legt los. Anders kannst du beim besten Willen nicht beschreiben, was gerade passiert (und es sind diese Momente, denkst du, überrascht und hilflos und grenzenlos glücklich zugleich, es sind genau diese Momente, die dich daran erinnern, warum du diesen verdammten Beruf überhaupt einmal gewählt hast, es sind diese Momente, die dich daran erinnern, dass deine Entscheidung zur Hölle nochmal gut war – und du versuchst, nicht darüber nachzudenken, dass du viel zu viel fluchst –, es sind diese Momente, die dich wieder glauben lassen, dass du etwas richtig gemacht hast in deinem Leben, neben all der Fehler, die du zweifellos begangen hast).
Er braucht keine Notizen, weder seine eigenen noch den Artikel, auf den er sich bezieht. (Und du bist so stolz, dass du glaubst, gleich platzen zu müssen.) „Wie Sie bereits erwähnt haben", sagt er mit ruhiger Stimme, „handelt es sich bei dem ersten Text um einen Artikel aus dem Lexikon der Zauberei, genauer gesagt aus der 391. Auflage, also einer relativ neuen. Der Artikel bietet einen guten Überblick darüber, was gemeinhin unter einem Werwolf verstanden wird, wie die Ansteckung von statten geht, welche physischen Beschwerden mit der Verwandlung einhergehen und mit welchen Problemen Werwölfe in der Gesellschaft jahrhundertelang zu kämpfen hatten und noch immer zu kämpfen haben. Der Artikel verweist außerdem darauf, welche Verbindungen es zwischen dem Dunklen Lord und Werwölfen gab, aber auch darauf, dass seit dessen Sturz hart daran gearbeitet wird, die soziale Stellung von Werwölfen aufzuwerten."
(Mehr hättest du gar nicht unbedingt erwartet, schließlich ist es eben ein Lexikoneintrag, und du wärst zufrieden gewesen, hätte Stephen Hart an dieser Stelle abgebrochen, doch er tut es nicht, stattdessen holt er tief Luft und fängt erst so richtig an und hier, genau hier, setzt dein Staunen ein, deine Begeisterung und deine Freude.)
„Der Artikel", spricht Stephen weiter, „führt darüber hinaus verschiedene Querverweise auf weitere Artikel an, die man vielleicht nicht unbedingt mit Werwölfen in Verbindung gebracht hätte und ich glaube, ohne mich dabei überaus weit aus dem Fenster lehnen zu wollen, dass genau diese Querverweise viele Menschen erstaunen würden – würden sie sich die Mühe machen, überhaupt erst einmal einen Artikel über Werwölfe zu lesen, geschweige denn, weitere Recherche zu betreiben und allen Querverweisen zu folgen, die in diesem Artikel angesprochen werden."
(Du kannst beobachten, dass offenbar ein paar seiner Kommilitonen bereit sind, entrüstet aufzumerken und zu widersprechen, aber ein scharfer Blick genügt, um sie dazu zu bringen, weiterhin Stephen Hart zuzuhören. Empören können sie sich später, findest du. Für den Moment sollen sie still sein und lauschen, denn du bist neugierig, was dein Student zu sagen hat.)
„Der erste Querverweis", verkündet Stephen gerade und schaut noch immer nicht nach unten, um seine Notizen zu Rate zu ziehen, „ist der zu Lykanthropie, was als wissenschaftlicher Ausdruck für Werwolfkrankheit beschrieben wird. Menschen sind ziemlich gut darin, sich wissenschaftliche Ausdrücke auszudenken, die zum Einen gefährlich und verwirrend klingen und zum Anderen nicht einmal ansatzweise ausdrücken können, was sie bedeuten sollen. Oder wie viele von euch sprechen fließend Altgriechisch?" Er zieht die Augenbrauen in die Höhe und wirft einen Blick in die Runde, den du schlichtweg nur provokant nennen kannst (und der dich begeistert und zugleich amüsiert) ((und du denkst, dass Stephen Hart auch ein bisschen Glück hat, dass er seine Vorlesung bei dir hat, denn Osburga würde eiskalt die Hand heben)).
„Habe ich mir gedacht", fährt Stephen geradezu gelassen fort, als sich keiner seiner Kommilitonen rührt. Stattdessen sitzen sie auf ihren Stühlen wie Kaninchen vor der Schlange, manche merklich irritiert, aber ein Großteil, wie du erfreut feststellst, neugierig und interessiert. „Natürlich", lenkt er ein, „wissen wir alle, was Lykanthropie bedeutet, allerdings nur, weil wir bereits vorher wussten, was Werwölfe sind und dass man die Krankheit, unter der sie leiden, Lykanthropie nennt. Ansonsten wäre es nur ein Name, der wichtig klingt und von einer Krankheit berichtet, die man vermutlich lieber nicht bekommen möchte.
Der zweite Querverweis ist der zum Wolfsbanntrank. Dazwischen findet sich allerdings ein Abschnitt, der sich mit der Verwandlung in einen Werwolf befasst, der uns kurz mitteilt, dass sie zu bestimmten Zeiten, nämlich in Vollmondnächten, passiert, dass sie schmerzhaft ist und dass die betroffene Person dabei ihr menschliches Bewusstsein zurücklässt, sodass der Wolf, das Triebhafte, die Führung übernimmt. Das klingt nicht nett und vermutlich haben wir beim Lesen allesamt gedacht: Gut, dass ich das nicht durchmachen muss. Aber wir bekommen keine Details. Weshalb nicht? Ist das, was weggelassen wird, nicht ebenso wichtig wie das, was wir erfahren? Sagt uns schmerzhaft nicht bereits alles, was wir wissen müssen? Es tut weh, es ist unangenehm, im Artikel ist von Kopfschmerzen und Lichtempfindlichkeit in den Tagen vor der Verwandlung die Rede – in Ordnung, denken wir, darunter können wir uns etwas vorstellen, wir verstehen es."
Er macht eine kurze Pause und du erwischst dich selbst dabei, dass du ihm derart gespannt lauschst, dass du sogar deine geschwollenen Mandeln vergisst, wenigstens für den Moment. „Wirklich?", fragt er dann leise, „Verstehen wir es? Können wir es überhaupt verstehen? Wie denn? Ist gerade zufällig ein Werwolf unter uns, der uns kurz erzählen könnte, was die Verwandlung mit ihm anstellt? Nein? Schade." Es bleibt still im Hörsaal.
„Es gibt keinen Querverweis zu den Schmerzen, kein Zitat von jemandem, der diese Qual Monat für Monat durchleidet. Wieso nicht? Ich glaube, es gibt dafür mehrere Gründe. Ob wir es uns eingestehen wollen oder nicht: Werwölfe haben noch immer keinen allzu leichten Stand in unserer Gesellschaft und es könnte unter Umständen schwierig sein, genau diesen Aspekt unterzubringen, da er uns daran erinnert, dass Werwölfe ebenso menschlich sind wie wir, dass sie Schmerzen erleiden und keineswegs Vergnügen daran haben, sich in Bestien zu verwandeln, wie es ihnen die Gesellschaft so gerne vorgeworfen hat. Es ist eine unbequeme Wahrheit und vermutlich wollen wir nicht gerne an sie erinnnert werden.
Natürlich", hebt er die Stimme, „darf man auch nicht vergessen, dass es sich hierbei um einen Lexikoneintrag handelt. Er soll sachlich und nüchtern sein, er soll informieren und nicht Mitleid erregen. Trotzdem darf er auf Quellen hinweisen, die uns die Möglichkeit bieten, tiefer in die Materie einzusteigen – und das tut er, wenn auch indirekt. Hat jemand hier Haarige Schnauze, menschliches Herz gelesen?" Erneut sieht er sich um und vereinzelt gehen ein paar Hände in die Höhe (auch deine), aber du kannst seinem Gesicht ablesen, dass es längst nicht so viele Hände sind, wie Stephen es sich gewünscht hätte.
„Ich habe vor ungefähr sechs Jahren zum ersten Mal reingeblättert", erzählt er, „und ich dachte, so schlimm kann es schon nicht werden. Natürlich hatte ich von Werwölfen bereits gehört, Schauermärchen und Erfolgsgeschichten, wir hatten in der Schule mal darüber geredet und zu Hause auch und ich dachte, ernsthaft, ich wäre ganz gut informiert und dass mich nichts in diesem Buch überraschen oder schocken könnte. Ich habe es innerhalb eines Tages und einer Nacht verschlungen und zum Glück waren Ferien, denn man konnte mich für den Rest der Woche zu nichts gebrauchen. Ich habe kaum noch geschlafen, ich habe ständig Abschnitte nochmal gelesen, ich habe mich durch tausend Zeitungsartikel und diverse Schulbücher gegraben, aber nirgends stand etwas, das mich auch nur ansatzweise so entsetzt hat wie dieses Buch.
Es ist schonungslos. Es ist offen und ehrlich und nach den Beschreibungen der Verwandlung ist mir schlecht geworden. Ich hatte vorher eigentlich nie wirklich darüber nachgedacht, wie es den Werwölfen selbst mit ihrer Krankheit erging; irgendwie hatte ich immer angenommen, dass sie es eben als ihr Schicksal erdulden würden, dass es ihre Pflicht war, darauf zu achten, niemandem aus ihrer Umgebung zu schaden, nachdem sie sich diese Krankheit eingefangen hatten. Hinterher habe ich mich für mich selbst geschämt.
Der menschliche Körper gewöhnt sich nicht an Schmerz", sagt er leise, „Jede Verwandlung tut jeden Monat mindestens genauso weh wie die im Monat zuvor. Und das wird sie auch für den Rest des Lebens tun. Werwölfe werden nicht sonderlich alt. Das liegt nicht nur daran, dass sie am äußeren Rand der Gesellschaft leben und in den allermeisten Fällen keine Arbeit haben, also auch kein Geld verdienen, sondern auch daran, dass sie lange Zeit gejagt wurden und dass ihr Körper schlicht und ergreifend kaputt geht, wie ein Gegenstand, den man zu oft und zu unbedacht benutzt. Die Verwandlung strengt sie an, unter Anderem auch, weil viele Werwölfe gegen sie ankämpfen, natürlich vergeblich, und dabei ihre Kraftreserven aufbrauchen. Und wisst ihr, weshalb noch?"
Er schluckt (und du tust es ihm nach, weil du dir vorstellen kannst, worauf er hinauswill.) „Weil sie sich selbst verletzen", gibt er die Antwort auf seine rhetorische Frage, „Wir erfahren es im Interview mit Madam Pomfrey explizit in Hinblick auf Remus Lupin, aber dieses Verhalten ist noch für viele weitere Werwölfe belegt. Nicht alle von ihnen haben früher in Rudeln gelebt und ihre tierische Ader genossen, ganz gleich, was uns die Schauergeschichten glauben lassen wollen. Die meisten von ihnen sperren sich ein, wenn der Vollmond naht, damit sie niemanden verletzen können, weil sie es sich nicht verzeihen könnten, wenn sie in ihrem Mondwahn jemandem etwas antäten, der unschuldig ist. Aber der Wolf in ihnen will verletzen und beißen, kratzen und sich austoben, und wenn sonst niemand da ist, dann macht er das eben an sich selbst. Und viele von denen, die trotz aller Sicherheitsvorkehrungen ausbrechen und am nächsten Morgen feststellen, was passiert ist, leiden darunter."
(Oder bringen sich um, denkst du, doch du sagst es nicht laut. Stephen Hart, glaubst du, weiß es auch so.)
„Der Wolfsbanntrank", kommt er schließlich zu netteren Aspekten des Themas zurück, „ist die bisher einzige, effektive Möglichkeit, Werwölfen zu helfen. Die Einnahme des Tranks ermöglicht es ihnen, wie der Artikel korrekt ausführt, ihr menschliches Bewusstsein zu behalten und selbst in ihrer Gestalt als Werwolf den Blutdurst unterdrücken zu können. Was für uns vielleicht normal klingt, war für die Werwölfe – und die Forschung – eine bahnbrechende Entdeckung. Ich glaube, niemand von uns kann nachvollziehen, was es bedeutet, jeden Monat für eine Nacht vollständig zu verlieren, wer man eigentlich ist – und was man dann empfindet, wenn jemand kommt, der eine Lösung dafür hat."
Er schaut rasch zu dir und meint „Ich denke, auf den Wolfsbanntrank werden wir gleich beim zweiten Artikel noch genauer zu sprechen kommen, deswegen möchte ich jetzt gar nicht weiter auf ihn eingehen, sondern mich lieber dem nächsten Querverweis widmen: dem Anti-Werwolf-Gesetz, das eng verbunden ist mit einem Namen, für den ebenfalls ein Artikel vorliegt, dem Namen Dolores Umbridge." Eigentlich hattest du vor, an dieser Stelle kurz etwas zu sagen (etwas Aufmunterndes, vielleicht, etwas, das zum Ausdruck bringt, wie gut dir Stephens Redebeitrag gefällt), aber stattdessen musst du so laut niesen, dass Julianna Shaw erschrocken zusammenzuckt. Du murmelst hastig „Entschuldigung" und versteckst dich hinter deinem Taschentuch.
Stephen Hart lässt sich jedoch auch von deiner Erkältung nicht aus der Ruhe bringen, sondern spricht weiter, den Kopf hoch erhoben. „Das Anti-Werwolf-Gesetz trat 1993 in Kraft und wurde von Dolores Umbridge ins Leben gerufen. Es handelt sich bei Umbridge um eine unter den Ministern Fudge und Scrimgeour leitende Ministeriumsangestellte, die für ihre rassistische Einstellung bekannt war, was ihr von großem Nutzen war, als das Zaubereiministerium schließlich von den Todessern eingenommen wurde. Ihr Hass richtete sich gegen alle, die keine Reinblüter waren, unter Anderem Zauberer und Hexen mit gemischtem Familienhintergrund, aber auch gegen diejenigen, die von Umbridge als Halbmenschen oder Menschen zweiter Klasse, wenn nicht sogar als Tierwesen bezeichnet wurden, was in ihren Augen vermutlich eines der schrecklichsten Beschimpfungen war, mit der man eine Hexe oder einen Zauberer beleidigen konnte.
Dass Umbridge eine nicht unwesentliche Rolle auch in der Geschichte Hogwarts' gespielt hat, als sie kurzzeitig als Großinquisitorin und Direktorin offiziell die Leitung übernahm, ist heute nachgewiesen und auch das von ihr eingesetzte Inquisitionskommando spiegelt ein düsteres Kapitel wider, ebenso wie die Tatsache, dass sie nicht davor zurückschreckte, Dementoren auf Harry Potter und seinen Cousin loszulassen, in dem irrsinnigen Glauben, damit dem Ministerium und der gesamten magischen Gesellschaft einen Gefallen zu tun.
Sie war die treibende Kraft hinter dem Anti-Werwolf-Gesetz, das es Werwölfen noch schwerer machte als zuvor, sich in die Gemeinschaft der Hexen und Zauberer zu integrieren. Durch das Gesetz wurde es für Werwölfe nahezu unmöglich, eine Anstellung – und sei sie auch noch so nieder oder schlecht bezahlt – zu finden, was sie natürlich nach und nach in den Ruin trieb. Werwölfe wurden nun offen an den Rand der Gesellschaft gedrängt, sie wurden sozusagen offiziell ausgestoßen und als Störfaktor der 'normalen' Hexen und Zauberer verstanden, deren ungestörtes Leben es mit allen Mitteln zu bewahren galt."
Du schließt kurz die Augen und für einen Moment befürchtest du, dass dir schlecht wird (und so ganz klar ist es nicht, ob das mit deiner Erkältung zusammenhängt oder mit der Erinnerung an eine Frau, deren bloßer Name dafür sorgt, dass sich dir der Magen umdreht). Als Stephen weiterspricht, klingt seine Stimme mühsam beherrscht, vor Wut vermutlich, und belegt.
„Selbstverständlich kann man nicht mit Sicherheit sagen, was passiert wäre, wenn Umbridge und die Todesser weiterhin an der Spitze geblieben wären, doch die Säuberungsaktionen, mit denen sie gegenüber Muggelstämmigen bereits begonnen hatte, geben uns eine bittere Ahnung von dem, was uns vielleicht bevorgestanden hätte. Umbridge schreckte vor nichts zurück, Werwölfe waren in ihren Augen Tiere, die es auszurotten galt, wenn man sie nicht züchtigen konnte. Wir können von Glück sprechen, dass sie keine Gelegenheit bekam, weitere ihrer Pläne in die Tat umzusetzen, und dass Kingsley Shacklebolt nach seinem Amtsantritt 1998 das Anti-Werwolf-Gesetz für nichtig erklärte.
Das Werwolf-Register besteht zwar weiterhin, wird jedoch in der jüngsten Zeit vermehrt dafür genutzt, Werwölfe zu kontaktieren und ihnen Hilfe anzubieten, etwa bei der Suche nach einer Wohnung oder einer Arbeit. Das Werwolf-Fangkommando wurde, natürlich, nach der Schlacht um Hogwarts ebenfalls aufgelöst und an seiner Statt wird nun das Werwolf-Unterstützungsamt gefördert, ein Amt, das unter den vorherigen Ministern jahrelang angepriesen wurde, sollten doch einmal Stimmen laut werden, die forderten, dass etwas für die Werwölfe getan werden sollte; allerdings auch ein Amt, das hauptsächlich aus heißer Luft bestand und nur den Umstand verschleiern sollte, wie gering das Ansehen von Werwölfen in der Gesellschaft tatsächlich war. Seit Shacklebolts Amtsantritt hat sich das geändert und das Werwolf-Unterstützungsamt trägt seinen Namen mittlerweile zurecht.
Welche Rolle dem Zaubereiministerium dabei zukommt und zukam, muss ich wohl kaum erwähnen", fügt Stephen Hart hinzu, „Ich gehe davon aus, dass wir alle wissen, dass diejenigen, die Macht ausüben, sie in aller Regel auch behalten wollen und dafür unter Umständen zu Mitteln greifen, die wir nicht gut heißen können. Das Zaubereiministerium hat über Jahrzehnte, wenn nicht sogar Jahrhunderte, hinweg erheblich dazu beigetragen, dass die Angst vor Werwölfen geschürt wurde und dass die Bevölkerung sich gegen sie stellte.
Dass etliche Werwölfe daher die erste Chance ergriffen, die sich ihnen nach der ewigen Unterdrückung bot, sollte niemanden verwundern. Der Dunkle Lord lockte sie, mit Versprechen von besseren Positionen in der Gesellschaft, mit Verheißungen von Rache. Er war, ähnlich wie bei den Riesen, der erste Zauberer, der überhaupt mit denen sprach, auf die die Zauberer und Hexen der Regierung so gerne verächtlich herabblickten, wie kann man ihnen da also verdenken, dass sie ihm Glauben schenkten? Wenn sich viele Werwölfe während des Kriegs gegen die Zauberer und Hexen gestellt haben, dann haben wir das nur uns zuzuschreiben, auch wenn es glücklicherweise danach aussieht, als würden wir endlich einmal aus unseren Fehlern lernen."
Stephen verstummt und du blinzelst ihm kurz zu, ein Kompliment, das du vor seinen Kommilitonen gerade nicht aussprechen willst, weil du das Gefühl nicht los wirst, dass da ein bisschen mehr in seiner Rede drin steckt als er zeigen möchte, dass es da um Herzblut geht, um Wut im Bauch und um einen Gerechtigkeitssinn, der dir imponiert, und das würdest du ihm lieber persönlich sagen, nicht mit so vielen Zuhörern um euch herum. „Danke", sagst du stattdessen schlicht und nickst in seine Richtung, „Es ist schön zu sehen, dass Sie sich nicht nur mit den Texten befasst haben, die ich Ihnen geschickt habe, sondern dass Sie darüber hinaus noch Ihre eigene Recherche geleistet haben."
Stephen nickt zurück und zum ersten Mal, seit er den Mund geöffnet hat, geht sein Kopf wieder nach unten. Du kannst beobachten, dass er eine Mappe aufklappt und einen Stapel Blätter hervorzieht, also hattest du Recht mit deiner Vermutung und er hat tatsächlich vollkommen frei und ohne seine Notizen gesprochen. Das gefällt dir, weil es zeigt, dass er in der Lage ist, seinen Kopf zu benutzen, auch wenn ihm nichts anderes zur Verfügung steht (und eigentlich sollte das ja auch reichen). Du willst gerade darum bitten, die zweite Anlage zu besprechen, als dir dein Körper vehement in Erinnerung ruft, dass es ihm überhaupt nicht gut geht und dass du dich gefälligst um ihn kümmern sollst. Du niest dreimal nacheinander und verziehst genervt das Gesicht.
„Entschuldigung", schniefst du, „Ich fürchte, das werden Sie heute ein wenig über sich ergehen lassen müssen. Ich schlage vor, wir machen direkt mit dem nächsten Text weiter, das schont meine Stimme und reizt Ihre grauen Zellen hoffentlich zu weiteren Höhenflügen an. Mister Hart hat ja bereits einen glänzenden Start hingelegt, vielleicht möchte sich da jemand anschließen?" Du kannst sehen, wie sie alle für einen Moment zögern, ehe schließlich ein Ruck durch Trystan Bickerton geht. Eigentlich willst du „Bitte, legen Sie los" sagen, aber dann übermannt dich ein Hustenanfall und du machst einfach nur eine wedelnde Handbewegung in seine Richtung, die ihn grinsen lässt, aber die er richtig interpretiert.
Im Gegensatz zu Stephen zieht Trystan ein beschriftetes Pergament hervor und wirft einen kurzen Blick darauf, ehe er beginnt. (Und es stört dich nicht, nicht im Geringsten, solange sie gut vorbereitet sind und fleißig mitdenken, ist dir die Arbeitsweise deiner Studenten eigentlich egal.) „Beim zweiten Text handelt es sich um einen Artikel aus dem Fachmagazin Zaubertränke heute, genauer gesagt um einen Artikel vom 13. Januar 2009", erläutert Trystan die Eckdaten, „Die Informationen, die darin behandelt werden, sind also mittlerweile knappe sechs Jahre alt, was wir im Hinterkopf behalten sollten."
„Unbedingt", unterbrichst du ihn kurz, „Schön, dass Sie darauf hinweisen. Ich vermute, anhand Ihrer Einleitung, dass Sie noch ein wenig Recherche betrieben haben, um den aktuellen Stand der Forschung miteinzubeziehen." Trystan nickt dir zu, während einige andere Studenten eher so aussehen, als würden sie sich fragen, ob du dieses Level an Eigenständigkeit tatsächlich von ihnen erwartest. (Tust du. Zumindest in deinen kühnsten Träumen.) „Wunderbar", freust du dich, „Das weiß ich zu schätzen. Allerdings ist mir auch klar, dass Sie alle keine ausgebildeten Tränkemeister sind, ebenso wenig wie ich, deshalb würde ich vorschlagen, ich lasse Mister Bickerton erst einmal seine Analyse zu Ende führen und füge dann gegebenenfalls noch einige Erklärungen an, damit auch diejenigen unter Ihnen, die Zaubertränke heilfroh abgewählt haben, mitdiskutieren können." Vereinzelt erklingt Gelächter.
„Der Artikel gibt anfangs einen kurzen Überblick über den Wolfsbanntrank", beginnt Trystan nun mit seinen Ausführungen, „Erfunden wurde er zu Beginn des 20. Jahrhunderts vom Tränkemeister Damocles Belby, der dafür verschiedene Ehrungen und Preise erhalten hat. Der Trank bewirkt, vereinfacht gesagt, dass während der Verwandlung in einen Werwolf das menschliche Bewusstsein erhalten bleibt und die Kontrolle übernimmt anstatt sie an den Werwolf zu verlieren. Das bedeutet, dass der Werwolf enorm an der blutrünstigen Gefährlichkeit einbüßt, für die er jahrhundertelang geächtet und verfolgt wurde.
Trotz seiner positiven Auswirkungen, hat der Trank jedoch einige Nachteile. Vernachlässigbar sind hierbei, wie uns der Artikel mitteilt, die geschmacklichen Komponenten. Der Wolfsbanntrank hat demnach offenbar eine bittere Note, die wohl nicht sehr angenehm schmeckt. Weitaus bedeutender sind allerdings die Probleme in der Herstellung. Gemäß der offiziellen Klassifizierung der Internationalen Gilde der Alchimisten gehört der Wolfsbanntrank zu den Höchst komplexen Tränken, sodass ihn nur wenige Tränkemeister herstellen können. Für den normalen Zauberer oder die normale Hexe ist das nicht möglich, ebenso wenig wie für die meisten Werwölfe."
Du nickst bestätigend, unterdrückst deinen verdammten Hustreiz und denkst daran, wie Draco fieberhaft geübt hat, um endlich den Wolfsbanntrank brauen zu können. Die Erinnerung in deinem Kopf ist so lebendig, als wäre es erst gestern gewesen, dass er sein halbes Labor in die Luft gesprengt hat.
„Der Artikel gibt darüber hinaus einige Beispiele an, wie versucht wurde, die Verteilung des Trankes an möglichst viele Werwölfe innerhalb kürzester Zeit zu organisieren", fährt Trystan fort, „Allerdings scheiterten diese Versuche allesamt. Da der Trank stets neu gebraut werden muss und sich nicht konservieren lässt, wurde er außerdem in seiner Herstellung sehr teuer, weil man Monat für Monat eine Vielzahl teilweise seltener und exotischer Kräuter besorgen musste. Und obwohl etliche Tränkemeister für wenig bis gar keine Bezahlung an dem Trank arbeiten, ist es dennoch für die meisten Werwölfe unmöglich, sich den doch sehr exklusiven Wolfsbanntrank zu leisten.
2009 wurde auf der Alchimistenversammlung schließlich entschieden, ein Projekt ins Leben zu rufen, wie man es in diesem Ausmaße noch nie gestartet hatte. Tränkemeister und Kräuterkundler verschiedenster Länder begannen, miteinander zu arbeiten und ihr Wissen zusammenzutragen, um eine bessere Vorgehensweise zu ermöglichen. Der Artikel spricht davon, dass geplant wurde, spezielle Gewächshäuser zu errichten, in denen jeweils exakt die klimatischen Bedingungen herrschen sollten, um jeder der benötigten Pflanzen ein gutes Wachstum zu ermöglichen. Dafür wäre es notwendig, die strengen Einfuhrkontrollen magischer Kräuter zu lockern und Experten diverser Fachgebiete für das Projekt zu verpflichten."
Trystan raschelt kurz mit seinem Notizblatt und dreht es um. Praktischerweise entscheidet sich dein Körper genau während dieser kurzen Pause, dich erneut niesen zu lassen. Du grummelst leise vor dich hin, ziehst dein zerknäultes Taschentuch zum wiederholten Mal aus der Hosentasche und putzt dir die Nase, während dein Student gelassen darauf wartet, dass du ihm wieder deine Aufmerksamkeit schenkst. „Entschuldigung", brummst du und nickst Trystan zu, „Machen Sie nur weiter. Ich lausche ganz gebannt." Hinten in der letzten Reihe kichert jemand, doch du beschließt stoisch, es zu ignorieren.
„Da der Artikel mittlerweile sechs Jahre alt ist, habe ich ein bisschen recherchiert, wie es mit dem geplanten Projekt weitergegangen ist", verkündet Mister Bickerton dann in die Stille hinein, „Tatsächlich wurden die finanziellen Mittel bewilligt und auch die Gesetzeslage wurde leicht verändert, sodass es einfacher wurde, Kräuter aus dem Ausland zu importieren und in Großbritannien anzubauen. Allerdings musste man mit dem tatsächlichen Import noch ein wenig warten, da zuerst die Gewächshäuser gebaut werden mussten. Dafür wurden Spezialisten beauftragt, die in den zahlreichen Gewächshäusern jeweils ein ganz spezielles Klima entstehen ließen, das den Heimatbedingungen der Pflanzen nachempfunden war. Die Kräuter stammten unter Anderem, wie auch im Artikel erwähnt, aus Litauen, Bolivien, Marokko und Indien, aber auch aus zahlreichen weiteren Ländern. Manche der Pflanzen sind derart empfindlich, dass bereits geringste Temperaturabweichungen ihr Wachstum negativ beeinträchtigen können."
Du erinnerst dich nicht nur an einen fluchenden Draco, der sein Labor wieder herrichten musste, sondern auch an hitzige Debatten zwischen Kräuterkundlern und Wetterhexen, die sich nicht darauf einigen konnten, wer nun Schuld an dem Frost im Gewächshaus Nummer Fünf hatte, der ein gesamtes Beet mühsam und per Hand eingegrabener Fenchelpflanzen hinweggerafft hatte. Du dachtest, Neville Longbottom würde einen Nervenzusammenbruch erleiden, als er dem Tagespropheten ein Interview geben musste.
„Wenn ich an dieser Stelle kurz einhaken dürfte", meldest du dich zu Wort und siehst Trystan fragend an, der dir jedoch sofort zunickt, „Danke sehr. Ich weiß nicht, inwiefern die meisten von Ihnen mit Wetterzaubern vertraut sind. Es handelt sich dabei um einen höchst selten betretenen Pfad der Magie, der nur von sehr wenigen Hexen gemeistert wird. Die Bezeichnung Wetterhexe kommt dabei nicht von ungefähr; tatsächlich gibt es nur sehr vereinzelt einen Zauberer, der auf diesem Gebiet brilliert. Dass wir in das Wetter nicht aktiv eingreifen können, ist Ihnen vermutlich bekannt. Man kann sich das Chaos schließlich leicht ausmalen, wenn jeder einzelne von uns je nach persönlichem Geschmack das Wetter verändern könnte. Das ist also nicht möglich. Es ist allerdings möglich, in einem begrenzten Rahmen eine Art kleines Klima zu erschaffen, das man nach Wunsch verändern kann. Und genau das hat man für das Projekt getan. Wetterzauber sind nachwievor ein kaum erforschtes Gebiet; selbst die meisten Wetterhexen können nicht erklären, woher sie ihre Kräfte haben. Fest steht jedoch, dass sie über diese Kräfte verfügen. Exkurs Ende." Du grinst (vermutlich nicht gerade überzeugend, mit rot geschnäuzter Nase) und übergibst Trystan wieder das Wort.
„Abgesehen von Kräuterkundlern und Wetterhexen waren selbstverständlich auch viele Tränkemeister involviert", nimmt er den Faden wieder auf, „Das Projekt wurde großzügig von Zaubereiministerien verschiedener Länder finanziell unterstützt, sodass eine jahrelange Forschung ermöglicht wurde. Soweit ich weiß, ist der aktuelle Stand der Dinge, dass es mittlerweile gelungen ist, sämtliche benötigten Pflanzen innerhalb Großbritanniens einwandfrei anzubauen und eine Konservierung des Tranks für immerhin knapp 60 Tage zu ermöglichen.
Das bedeutet außerdem, dass die Herstellung des Trankes, zumindest aus Sicht des Konsumenten, billiger geworden ist, da alles, was teuer ist, durch die finanzielle Hilfe der Ministerien abgedeckt wird. Dadurch wird es weitaus mehr Betroffenen ermöglicht, sich den Trank zu leisten und sich bei Vollmond in einen ungefährlichen Werwolf zu verwandeln. Da allerdings erst verhältnismäßig wenig Zeit vergangen ist, lässt sich offiziell noch nicht eindeutig belegen, dass sich die Verbesserung des Trankes positiv auf die Lebensqualität von Werwölfen auswirkt, aber die Statistiken des Werwolf-Unterstützungsamtes zeigen bereits recht deutlich, dass im Vergleich zu den Vorjahren eine Steigerung festzustellen ist und dass es für Werwölfe nicht länger utopisch ist, eine Anstellung zu finden."
Trystan verstummt und du findest, er hat seine Sache sehr gut gemacht. Gerade deswegen tut es dir auch Leid, dass du sein ziemlich euphorisches Ende wieder ein wenig zurechtrücken musst. „Danke", nickst du ihm erst einmal zu, „für die ausführliche Analyse und auch dafür, dass Sie sich die Mühe gemacht haben, noch über den Artikel hinaus zu recherchieren. Natürlich haben Sie Recht und die Statistiken sprechen ebenfalls eine klare Sprache, aber wir dürfen nicht vergessen, dass sich Vorurteile nicht von heute auf morgen einfach so abschütteln lassen. Kinder, die jetzt gerade aufwachsen, werden in einer Gesellschaft aufwachsen, in der man Lykanthropie zwar nicht heilen, doch wenigstens in den Griff bekommen kann. Sie werden keine Veranlassung sehen, einen Werwolf anders zu behandeln oder zu beurteilen als andere Hexen und Zauberer.
Aber was ist mit dem Rest?", hebst du deine Stimme an und schaust in die Runde, „Was ist mit der Generation Ihrer Großeltern oder Eltern? Was ist mit den Menschen, die in ihrer Kindheit möglicherweise ständig befürchten mussten, von umherstreifenden Werwölfen – und die gab es gerade bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts häufiger als Sie vielleicht denken – angegriffen zu werden? Glauben Sie, dass all diese Hexen und Zauberer sich so einfach überzeugen lassen, dass ein Trank einem Werwolf seine Gefährlichkeit nimmt? Es gibt genügend magisch begabte Menschen, die aus ihren Vorurteilen gegenüber der Tränkekunst keinen Hehl machen und sagen, dass sie einem Trank nicht einmal so weit vertrauen würden, wie sie ihn spucken könnten. Wie überzeugt man jemanden davon, dass Werwölfe unter ihrer Krankheit leiden, dass es ihnen ebenfalls lieber wäre, sie müssten nicht befürchten, einmal im Monat jemand Unschuldigen zu infizieren oder gar zu töten?"
Du hältst kurz inne, weil du dir die Nase putzen musst, und du nutzt den Moment, um dich umzusehen. Die meisten deiner Studenten erwecken den Anschein, als würden sie angestrengt über deine Worte nachdenken. (Oder zumindest hoffst du das.) „Wenn ich könnte", sprichst du weiter, nachdem du dein Taschentuch wieder verstaut hast, „würde ich für jeden, der seine Zweifel und Ängste und Vorurteile hat, ein Treffen mit einem Werwolf arrangieren, damit er selbst merken kann, dass auch jemand, der an Lykanthropie erkrankt ist, ein Mensch ist. Aber ich kann niemanden zwingen. Ich kann nur versuchen, Sie alle zum Nachdenken anzuregen und zu hoffen, dass sich unsere Gesellschaft weiterhin so verändern wird, dass sie toleranter wird."
Es ist still, dann hebt dieser Philosophiestudent, Bo Turner, die Hand und wartet brav, bis du ihn aufrufst. „Ja, bitte?", lächelst du und bist gespannt. Er hat die Stirn in Falten gelegt und spielt mit seiner Schreibfeder, während er redet. „Ich versuche mich mal kurz als Advocatus Diaboli", meint er, „Klar bin ich gegen Ungerechtigkeit und hätte gerne, dass jedem die gleichen Chancen offen stehen, aber meistens funktioniert das in der Realität nicht. Nur, damit das Argument mal angebracht wurde: Was ist mit den Werwölfen, die eben nicht so sind, wie Sie es beschreiben? Was ist mit denen, die sich nicht etwa freiwillig gemeldet haben, um als Versuchskaninchen für das Projekt zu dienen? Was ist mit denen, die sich den Trank nicht leisten können oder wollen? Die weiterhin keine Arbeit finden, daher frustriert sind und sich aufregen über die anderen Hexen und Zauberer, die ihnen ihr gesamtes Leben verbauen? Was ist mit denen, die in der Vollmondnacht losziehen anstatt sich einzusperren? Kurz: Was ist mit denen, die genau so sind, wie es uns die Vorurteile glauben lassen möchten?"
„Gutes Argument", stimmst du ihm zu, „und eines, auf das ich keine exakte Antwort geben kann. Genauso wenig wie ich jemanden zwingen kann, ab morgen nur noch an das Gute in jedem Menschen zu glauben, kann ich auch keinen Werwolf dazu zwingen, sich in die Gesellschaft zu integrieren. Ich kann allerdings versuchen, es ihnen schmackhaft zu machen, zu zeigen, wie viele Vorteile daraus zu ziehen sind, dass sie willkommen sind, sich einzugliedern, dass die Zeiten vorüber sind, in denen man sie jagen und umbringen wollte. Ich denke, wir stecken mitten in einem Umbruchszustand und wir werden hoffentlich in den nächsten paar Jahren sehen können, dass die ganzen Bemühungen nicht vergeblich waren. Gibt es von Ihrer Seite aus noch weitere Meinungen, die sich jetzt konkret auf den Artikel beziehen?"
Du willst die Diskussion nicht im Keim ersticken, doch du möchtest auch nicht, dass euch die Zeit davon läuft und ihr am Ende nur drei Texte besprochen habt. Normalerweise würdest du sagen, egal, dann holt ihr das eben in der nächsten Woche nach, aber für die nächste Woche hast du Harry Potter eingeladen und du bist dir ziemlich sicher, dass keiner deiner Studenten noch Interesse daran haben wird, eure verbliebenen Anlagen zu besprechen, wenn sie stattdessen den Held der Zaubererwelt mit Fragen löchern können.
Allerdings meldet sich sowieso niemand, was du nickend zur Kenntnis nimmst. „In Ordnung. Dann würde ich vorschlagen, wir machen direkt weiter mit der dritten Anlage. Wer will?" Diesmal gehen ein paar Hände in die Höhe und du entscheidest dich schließlich für das erste Mädchen in der heutigen Vorlesung. „Miss Shaw", rufst du sie auf, „Bitte." Ihre Wangen werden ein klein wenig rot, aber du bemerkst, dass ihre Stimme nicht länger zittert, wenn sie mit Reden beginnt und du findest es schön, im Laufe eines Semesters mitzuerleben, wie deine Studenten mutiger und selbstbewusster werden.
Julianna Shaw sitzt relativ weit vorne und du kannst von deinem Pult aus beobachten, dass sie mehrere Seiten eng beschriebenes Pergament vor sich liegen hat. „Bei der dritten Anlage handelt es sich um ein Interview", fängt sie an, „und zwar mit Madam Pomfrey, die über mehrere Jahrzehnte hinweg in Hogwarts als Heilerin angestellt war. Allerdings wird aus dem Interview nicht ersichtlich, wann es geführt wurde und zu welchem Anlass."
Du brichst in unkontrolliertes Husten aus und wedelst mit den Händen, um deinen Studenten zu signalisieren, dass es dir gut geht, auch wenn es gerade überhaupt nicht so klingt. „Entschuldigung", sagst du dann mit kratziger Stimme, „Ich wollte Sie nicht unterbrechen. Aber da ich das nun sowieso getan habe, kann ich Ihnen auch gleich mitteilen, dass das Interview im Herbst 2012 stattgefunden hat und zwar im Rahmen eines Projekts, das sich mit den verborgenen Helden des Zweiten Dunklen Kriegs befasst. Verschiedene Mitarbeiter und Studenten unseres Instituts verfassen dafür kurze Beiträge, die dann, hoffentlich jetzt diesen Winter, als Sammelband erscheinen werden."
Julianna nickt dankbar und greift nach ihrer Feder, um sich eine rasche Notiz zu machen, ehe sie mit ihrer Analyse nun tatsächlich beginnt, während du dich anstrengst, deinen Hustenreiz zu unterdrücken. „Madam Pomfrey beschreibt, wie sie die Zeit empfunden hat, kurz bevor Remus Lupin als der vermutlich erste Werwolf als Schüler nach Hogwarts kam. Dann geht sie dazu über, ihre eigenen Aufgaben in Bezug auf Mister Lupin zu erläutern und ihr Verhältnis zu schildern, bevor sie sich noch über Mister Lupins Leben nach der Schule äußert", fasst Miss Shaw die einzelnen Stationen des Interviews knapp zusammen.
„Sie schildert, dass die Ankündigung Professor Dumbledores, einen Werwolf als Schüler zuzulassen, vom Lehrerkollegium mit großem Aufruhr begrüßt wurde", geht Julianna als Nächstes auf die Details ein, „Dafür zählt sie verschiedene Gründe auf: Zum Einen die Tatsache, dass Werwölfe zur damaligen Zeit noch als weitaus gefährlicher eingestuft wurden als heute, zum Anderen daraus folgend die Angst der Lehrer, dass ihre übrigen Schüler bedroht waren und dass sie ihre Pflicht und Verantwortung, die sie den Kindern gegenüber hatten, möglicherweise nicht einhalten könnten.
Professor Dumbledore hatte diesen Zweifeln allerdings etwas entgegenzustellen, nämlich eine Idee, die, wie ich finde, sehr deutlich zeigt, wie stark er seine Ziele verfolgte, und ich denke, dass Toleranz und Chancengleichheit ziemlich weit oben auf seiner Prioritätenliste standen." An Miss Shaws Mundwinkeln zieht bei diesem Satz ein kleines, feines Lächeln und du erwischst dich dabei, wie du es automatisch erwiderst. (Und natürlich hat sie Recht, absolut und vollkommen.)
„Madam Pomfrey spricht davon, dass er einen detaillierten Plan ausgeklügelt hatte, den er seinen Kollegen unterbreitete und der scheinbar keine wesentlichen Sicherheitslücken barg. Die Reaktionen der übrigen Lehrer fielen offenbar gemischt aus. Madam Pomfrey erwähnt Verblüffung, Unglaube, Empörung. Aber, wie wir wissen, gelang es Professor Dumbledore, sein Kollegium zu überzeugen, auch wenn es ihn wohl bei manchen große Mühe kostete. Er ließ einen magischen Baum, die Peitschende Weide, am Rand des Verbotenen Waldes pflanzen, deren Äste wild und gefährlich um sich schlugen, sobald sich ihr jemand näherte. Von der Stelle aus, an der sie gepflanzt wurde, wurde ein Tunnel gegraben zu einem kleinen Haus, das weiter außerhalb gebaut wurde und das dem Werwolf in Vollmondnächten als Unterschlupf dienen sollte", schildert Julianna Dumbledores Plan und dreht ihr erstes Pergament um.
„Die Hütte sollte verhindern, dass der Schüler in seiner Werwolfsgestalt nach draußen auf das Schulgelände ausbrechen konnte, wo er möglicherweise Andere gefährdet hätte, und die Peitschende Weide wiederum sollte verhindern, dass neugierige Schüler den Eingang zum Geheimgang entdecken würden. Außerdem wurde die Hütte mit Möbelstücken ausgestattet und mit diversen Zaubersprüchen belegt, die verhindern sollten, dass der Werwolf die Wände oder Fenster zerstören und somit die Hütte verlassen konnte. Professor Sprout wurde mit der Aufgabe betraut, die Peitschende Weide zu züchten, was ihr, wie ich finde, meisterlich gelang."
Vereinzelt wird hastig ersticktes Gelächter laut und es scheint, als könnten sich die meisten deiner Studenten nur allzu deutlich an den verrückten Baum aus ihrer Schulzeit erinnern. Julianna Shaw lässt sich davon allerdings nicht aus der Ruhe bringen, sondern fährt mit ihrer Analyse fort (und dir gefällt, wie sie vorgeht. Sie fasst zusammen, doch sie lässt auch ihre eigene Meinung durchschimmern, aber stets so, dass man unterscheiden kann, was Madam Pomfrey gesagt hat und was deine Studentin denkt.).
„Der Trick an der Peitschenden Weide war, dass man eine bestimmte Wurzelknolle drücken musste, um den Baum zum Erstarren zu bringen, und das konnte logischerweise nur jemand tun, der den passenden Zauberspruch wusste und der die Knolle kannte. Ich gehe davon aus, dass Professor Sprout dieses Wissen vermutlich nur an Professor Dumbledore, die Hauslehrer und Madam Pomfrey weitergab, um zu verhindern, dass es zufällig jemand herausfinden würde", spekuliert Julianna und du kannst ihr nur zustimmen, denn du denkst das Gleiche.
„Madam Pomfrey wiederum fiel die Aufgabe zu, den Schüler am Abend der Vollmondnacht durch den Geheimgang in die Hütte zu begleiten und ihn am nächsten Morgen wieder abzuholen. Sie sagt ein wenig früher im Interview bereits einmal, dass sie glaubt, dass sie und ihre Kollegen sich kaum Gedanken darüber gemacht haben, wie es eigentlich dem Jungen gehen würde, und auch hier, als sie über ihre Aufgabe spricht, erwähnt sie, dass sie absolut nicht wusste, was auf sie zukommen würde. Sie sollte zwar in ihrer Funktion als Heilerin zur Stelle sein, um sich um etwaige Verletzungen zu kümmern, aber, so klingt es zumindest, es würde trotzdem der erste Werwolf sein, mit dem sie es zu tun bekäme.
Die Vorstellung, von der sie erzählt, ähnelt stark dem Klischee, das man von Werwölfen meist im Kopf hat: Hünenhaft, verroht, jemand, der Ärger machen, der sich prügeln und duellieren würde. Allerdings gibt sie schonungslos zu, vollkommen daneben gelegen zu haben mit dieser Idee. Im Gegensatz zu Professor Dumbledore hatte das Kollegium am ersten Abend noch keine Ahnung, welcher der neuen Schüler der Werwolf war, da Professor Dumbledore ihnen ermöglichen wollte, die Neulinge unvoreingenommen kennenzulernen, was ich übrigens für diplomatisch sehr geschickt halte", lächelt deine Studentin kurz und du sitzt auf deinem Pult und nickst und freust dich einfach darüber, wie leicht es ihr mittlerweile zu fallen scheint, vor ihren Kommilitonen und vor dir zu sprechen.
„Madam Pomfrey lernte ihn dann nach dem ersten Abendessen kennen und aus dem Interview lässt sich deutlich ablesen, dass es für sie ein großer Schock war, dass der angeblich so verrohte Werwolf ein schmächtiger, höflicher Junge war, der ihr gegenüber erstklassige Manieren bewies und eher den Anschein erweckte, als wäre es ihm unangenehm, ihre Dienste in Anspruch nehmen zu müssen. Sie spricht es zwar so direkt nicht aus, aber ich denke, er hat sie beschämt", schlussfolgert Julianna vollkommen richtig, „Immerhin hatte sie nicht gerade ein blumiges Bild von ihm im Kopf und die Realität belehrte sie eines Besseren.
Sie geht anschließend dazu über, über den ersten Vollmond zu berichten, an dem sie Remus Lupin begleitet hat. Madam Pomfrey erwähnt, dass sie glaubte, die erste Nacht würde die schlimmste werden, da sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht einschätzen konnte, was passieren würde, weil die Situation für sie absolut neu war. Sie spricht offen darüber, dass sie Angst davor hatte, einen Fehler zu begehen oder Remus zu spät in die Hütte zu geleiten. Das finde ich, für die Charakterisierung von Madam Pomfrey, verblüffend und schön. Sie hätte auch behaupten können, dass sie furchtlos und tapfer durch den Geheimgang gelaufen ist, schließlich war niemand von uns dabei und hätte ihr widersprechen können, aber stattdessen gibt sie zu, dass sie dem Frieden nicht so recht traute. Das macht es leichter, sich mit ihr zu identifizieren, mit ihr zu sympathisieren."
Du siehst, wie vereinzelt ein paar deiner Studenten nicken und lächelst kurz. Das Interview wurde damals geführt, um Recherche zu Remus Lupins Hintergrund zu betreiben, doch du findest, dass man Poppy Pomfrey durchaus auch als verborgenen Helden bezeichnen kann.
„Professor Dumbledore hatte den Abend offenbar gut geplant", spricht Miss Shaw weiter, ohne bemerkt zu haben, dass ihre Kommilitonen in den Reihen hinter ihr ihr zugestimmt haben, „Wir erfahren, dass er ein Päckchen mit Essen für Mister Lupin hatte vorbereiten lassen und dass Madam Pomfrey und ihr Schüler sich aus dem Schloss schlichen, während alle Anderen in der Großen Halle beim Abendessen saßen. Dadurch war die Chance um einiges geringer, von neugierigen Schülern beobachtet zu werden. Allerdings kann ich gut nachvollziehen, dass Madam Pomfrey dennoch nervös war und ich schätze, dass nicht jeder der vielen Abende während Mister Lupins Schulzeit derart glimpflich verlaufen ist.
Madam Pomfrey berichtet, dass sie versuchte, sich selbst und auch Mister Lupin abzulenken, indem sie beinahe ununterbrochen plauderte, bis sie in der Hütte angelangt waren. Dort ließ sie ihren Schüler zurück, um erst am nächsten Morgen zurückzukehren. Sie verbrachte die Nacht am Fenster der Krankenstation, gemeinsam mit Professor Dumbledore, um das Schulgelände im Auge zu behalten, sollte etwas schiefgehen. Nach Sonnenuntergang machte sie sich erneut auf den Weg, um Mister Lupin Frühstück zu bringen, ihn zu verarzten und ihn wieder unbemerkt in die Schule zu schleusen.
Man kann ihrer Beschreibung entnehmen, wie geschockt sie gewesen sein muss, Mister Lupin an jenem Morgen zu sehen. Sie berichtet von zerrissenen Kleidern, von Schrammen und Blut an seinem ganzen Körper, und davon, dass er erschöpft schlief. Sie sagt auch, dass sie erleichtert war, dass er nicht mitbekommen hatte, wie sehr sie sich erschreckt hatte, immerhin war es ihr erster unmittelbarer Kontakt mit einem Werwolf und mit den Nachwehen einer Vollmondnacht, während Mister Lupin die Verwandlung schon häufiger hinter sich gebracht hatte."
Sie wird kurz ein wenig leiser und sortiert das Pergament, an dem sie sich orientiert hat, nach hinten, um stattdessen auf ein nächstes zu schauen. Miss Shaw schluckt und du kannst es verstehen. Du magst das Interview, weil es so ehrlich und gnadenlos ist, aber das macht es stellenweise auch schwer zu verdauen. Obwohl du die Personen kennst, die sprechen und über die gesprochen wird, obwohl manche von ihnen seit Jahren tot sind, erwischst du dich dennoch manchmal dabei, wie du Mitleid hast mit dem kleinen, schmächtigen Jungen, der einmal Remus Lupin gewesen ist.
„Madam Pomfrey erklärt, in gewisser Hinsicht, dass jeder Vollmond der schlimmste gewesen ist", hebt Julianna ihre Stimme dann wieder an, „Ich denke, gerade sie als Heilerin hat sich in der Situation sehr verloren und hilflos gefühlt, weil sie zwar nach dem Vollmond die Wunden verarzten, jedoch nicht verhindern konnte, dass sie überhaupt entstanden. Sie bestätigt das, was wir heute in der Vorlesung auch bereits angesprochen haben: Dass Werwölfe sich selbst verletzen, wenn niemand sonst da ist. Außerdem erwähnt sie, dass Mister Lupin verständlicherweise in der ständigen Angst lebte, dass seine Mitschüler sein Geheimnis lüften könnten, da er ihnen jeden Monat neue Lügen erzählen musste, die wohl offenbar auch nicht unbedingt überzeugend waren.
Im Interview wird deutlich, dass Madam Pomfrey die genauen Hintergründe zwar nicht kennt, allerdings davon ausgeht, dass Mister Lupin nach seiner Infektion damit zu kämpfen hatte, etwaige frühere Freundschaften zu halten. Zur Zeit seiner Kindheit dürften die Vorurteile gegenüber Werwölfen auch noch bei weitem massiver gewesen sein als heute, es ist also gut möglich, dass er und seine Eltern regelrecht in Isolation lebten und dass er dachte, als Werwolf keine wahren Freunde mehr finden zu können.
Seine Klassenkameraden aus Gryffindor waren jedoch offenbar der Ansicht, sie müssten die besten Freunde werden, und nahmen sich seiner an, berichtet Madam Pomfrey. Die Entscheidung, ob er seinen neuen Freunden von seiner Krankheit erzählte oder nicht, wurde Mister Lupin allerdings abgenommen, da sie es wohl von alleine herausgefunden hatten. Wir erfahren, dass Professor Dumbledore sich anschließend mit ihnen zusammensetzte, um ihnen noch einmal bewusst zu machen, wie wichtig es war, dass niemand davon erfuhr, da davon auszugehen war, dass die restlichen Schüler und ihre Eltern die Situation sicher nicht derartig auf die leichte Schulter nehmen würden wie Mister Lupins Freunde."
Du hörst gebannt zu (und hoffst, dass dich niemand dabei beobachtet, wie du hastig die Nase hochziehst, weil du keine Lust hast, schon wieder nach deinem Taschentuch zu kramen und Juliannas Vortrag zu unterbrechen) und erinnerst dich daran zurück, wie das Schloss vor Gerüchten nur so gesummt hat, als damals herausgekommen ist, dass es durchaus einen Grund hatte, dass sich Professor Lupins Irrwicht in etwas verwandelt hatte, das aussah wie eine Kristallkugel und das in Wirklichkeit ein blasser Vollmond war.
„Mister Lupin selbst hat offenbar recht panisch und erschrocken reagiert, als seine Freunde ihn damit konfrontierten, dass sie die Wahrheit kannten. Ich denke, das ist nur allzu verständlich. Madam Pomfrey sagt es ja auch: Wahrscheinlich hat er in dem Moment darüber nachgedacht, ob er die Schule verlassen muss, ob es bereits alle wissen, ob er seine Zukunft schon jetzt begraben kann. Stattdessen haben seine Freunde den Mund gehalten und sind weiterhin zu ihm gestanden. Öffentlich bekannt wurde seine Lykanthropie erst Jahre später, als er als Lehrer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste nach Hogwarts zurückkehrte, was, wie Madam Pomfrey erzählt, natürlich die Idee von Professor Dumbledore gewesen war.
Mister Lupin scheint, wie die meisten Werwölfe, Probleme gehabt zu haben, eine Arbeit nicht nur zu finden, sondern auch zu behalten. Und Professor Dumbledore hatte seinerseits damals Probleme, Lehrer für diesen speziellen Posten zu finden, sodass er ihn schließlich Mister Lupin anbot. Es wird jedoch klar ersichtlich, dass sich Mister Lupin trotz allem seinen Stolz bewahrt hat und die Stelle wohl nicht angenommen hätte, wenn sie auf ihn wie ein Almosen gewirkt hätte, was Rückschlüsse auf Mister Lupins Charakter zulässt und ihn als jemanden zeigt, auf den die Gesellschaft zwar herabblicken mag, aber der sich weigert, diese Meinung über sich selbst ebenfalls anzunehmen."
Du denkst, dass sie natürlich Recht hat (und du denkst, dass du es damals nie gesagt hättest, aber dass er wirklich ein ziemlich guter Lehrer war), doch du denkst auch an Interviews und Gespräche, die du mittlerweile, Jahre nach dem Krieg und Jahre nach Remus Lupins Tod, geführt hast und du denkst daran, wie ihr, zu so vielen, auf knarzigen Holzstühlen in einem winzigen Pub gesessen und rauchigen Feuerwhiskey getrunken habt und wie Harry erzählt hat, dass sich Remus Lupin für nicht gut genug hielt, um sich Nymphadora Tonks aufzubürden wie eine Last. „Wir sind nicht immer golden", hat Harry gesagt und seine Stimme war dunkel (vom Whiskey und von den Erinnerungen, denkst du), „Das glauben nur die Anderen."
„Während seiner zweiten Zeit in Hogwarts hatte Mister Lupin nun jedoch den Vorteil, jeden Monat den Wolfsbanntrank einnehmen zu können, der speziell für ihn von Professor Snape zubereitet wurde. Madam Pomfrey spricht davon, dass Mister Lupin den Trank als Erleichterung empfand, auch wenn es ihm offenbar nicht behagte, auf jemanden angewiesen zu sein oder in jemandes Schuld zu stehen. Dennoch nahm er den Trank zu sich und scheint Professor Snape für die Hilfe dankbar gewesen zu sein, immerhin ermöglichte ihm der Wolfsbanntrank, sein menschliches Bewusstsein während der Vollmondnacht zu behalten, sodass er sich nicht länger selbst verletzen musste. Das Interview endet schließlich mit einer ähnlichen Feststellung, wie wir sie gerade ebenfalls gemacht haben: Nicht alle Werwölfe sind von Grund aus derart höflich wie Mister Lupin, doch das gilt ebenso für Hexen und Zauberer im Allgemeinen. Und der Umkehrschluss ist ebenfalls wahr: Nicht alle Werwölfe sind böse, genauso wenig wie es alle übrigen Menschen sind. Man muss den Einzelnen betrachten, nicht die Masse."
Sie verstummt und plötzlich ist die Unsicherheit wieder da in ihrem Gesicht. (Verblüffend, denkst du, wie sich ihre Schüchternheit offenbar stets von selbst ausschaltet, sobald sie zu reden beginnt.) „Danke", sagst du und hältst kurz die Luft an, weil du das Gefühl hast, gleich niesen zu müssen, doch es tut sich nichts. „Danke für Ihre sehr gute Analyse, Miss Shaw", lächelst du ihr zu und versuchst, ihr die Selbstsicherheit wiederzugeben, die sie gerade eben, vor wenigen Sekunden, noch hatte. Sie erwidert dein Lächeln, ehe sie den Kopf senkt und ihre Notizen ordnet.
Dann, plötzlich, heftig und mit Verspätung, kommt der Nieser doch und dein Pult wackelt ein bisschen gefährlich. Du kramst hektisch nach deinem Taschentuch und putzt dir die Nase, während du „Tschuldigung" murmelst und dir in Gedanken ausmalst, wie viele unschöne Namen du Millicent an den Kopf werfen wirfst für ihren nicht gerade hilfreichen Trank (und ja, du bist recht großzügig im Übersehen der Tatsache, dass nur noch ein winziger Rest übrig war), und „Unfähige Tränkepfuscherin" ist noch der netteste davon. Deine Studenten sehen dich jedenfalls aus großen Augen an und vermutlich hoffen einige, dass die Vorlesung ein wenig kürzer ausfallen wird als sonst, aber du bist noch nicht durch mit deinem Pensum für die heutige Sitzung, egal, wie häufig du dabei niesen musst. „So", fängst du dich wieder, „Ich würde vorschlagen, dass wir die Anlagen 4 und 5 direkt zusammen besprechen, da sie thematisch zum Teil aufeinander aufbauen. Wer möchte?"
Die Vorstellung, gleich zwei Texte analysieren zu müssen, gefällt deinen Studenten wohl nicht unbedingt, denn es herrscht einen Augenblick lang absolute Stille, ehe das obligatorische Papierrascheln einsetzt, während jeder nach seinen Notizen kramt. „Niemand?", schniefst du und die Erkältung kitzelt offenbar deine abgebrühte Dozentenseite hervor, denn du fügst „Wenn sich kein Freiwilliger findet, habe ich auch kein Problem damit, selbst einen Freiwilligen zu finden" hinzu. Allerdings bleibt es dir erspart, dich absolut unbeliebt zu machen, denn Gwendolen Hopkins hat, wie es scheint, Mitleid mit dir und hebt ihre Hand. „Nur zu", nickst du und ziehst deine eigenen Texte hervor.
„Bei Anlage Nummer 4 handelt es sich um eine Kurzmeldung des Tagespropheten vom 15. Juni 1942", beginnt Miss Hopkins nach einem kurzen Blick auf ihr Pergament, „Der Zauberergemeinschaft wird hierbei mitgeteilt, dass es in Hogwarts zu einem tragischen Vorfall gekommen ist, der ein Todesopfer zur Folge hatte. Bei dem Opfer handelt es sich um ein vierzehnjähriges Mädchen namens Myrtle Grey, die einer Muggelfamilie entstammte und dem Haus Ravenclaw angehörte. Die Meldung spricht von Unfällen und Vorkommnissen, ohne jedoch konkret darauf einzugehen, was eigentlich passiert ist und was den Tod von Myrtle Grey verursacht hat.
Professor Dippet, der damalige Schulleiter, wird zitiert und zeigt sich zutiefst bekümmert über den Vorfall. Er verspricht, dass die Sicherheit der Schüler oberste Priorität hat und dass den Schülern keinerlei Gefahr drohe. Er und die übrigen Lehrer hätten alles getan, um diese Sicherheit zu gewährleisten, so Dippet. Gegenüber dem Tagespropheten betont er, dass er persönlich dafür Verantwortung tragen werde, dass etwas Derartiges nicht mehr geschehen könne. Das Ganze klingt, auch wenn man den nächsten Text nicht gelesen hat, relativ verworren; alles ist sehr vage und diplomatisch ausgedrückt, so, als wüsste Professor Dippet ganz genau, was passiert ist und wäre nicht gewillt, es der Öffentlichkeit mitzuteilen. Dass es sich dabei um Unfälle gehandelt hat, von denen einer schließlich ein tödliches Ende hat, scheint ebenfalls nicht sonderlich plausibel, denn wie könnte er bei Unfällen, die unberechenbar sind, ein Versprechen abgeben, dass sie enden werden?"
Gute Fragen, denkst du, und Gwendolen Hopkins ist nicht die Erste, die sie stellt, aber damals, in den Vierzigern, gab es beim Tagespropheten nicht sonderlich viele Reporter, die offen eine Authoritäts- und Respektperson wie den Schulleiter von Hogwarts in Frage gestellt hätten. (Ironischerweise, denkst du, gibt es jedoch Beweise dafür, dass an anderer Stelle Dippets Aussage durchaus bezweifelt wurde; und ironischerweise hatte der Tagesprophet später keine Skrupel, über sämtliche angeblichen Entgleisungen und Fehlentscheidungen Albus Dumbledores zu berichten und ihn dennoch in den Himmel zu loben, wenn er mal wieder die Zauberergemeinschaft gerettet hatte. Versteh einer die Presse, du tust es jedenfalls meistens nicht.)
Gwendolen raschelt mit ihren Blättern und fährt dann fort, einen kurzen Abriss zu Anlage Nummer 5 zu geben. „Bei dem anderen Text handelt es sich um ein Interview mit Rubeus Hagrid, in dem auf seine Beziehung zu Albus Dumbledore sowie seine eigenen Erfahrungen mit Rassismus und Vorurteilen eingegangen wird", fasst sie es in aller Kürze zusammen. „Die meisten von uns kennen Hagrid, vermute ich", beinahe alle deine Studenten nicken und du erwischst dich ebenfalls dabei, „aber für diejenigen, die nicht nach Hogwarts gegangen sind: Rubeus Hagrid wurde 1928 geboren, als Sohn eines Zauberers und einer Riesin. Er kam nach Hogwarts, erlebte in seinem zweiten Schuljahr den Tod seines Vaters mit und wurde knapp ein Jahr später beschuldigt, für die Öffnung der Kammer des Schreckens und demzufolge für den Tod von Myrtle Grey verantwortlich zu sein.
Ich schätze", und Gwendolen sieht dich fragend an, „dass das Interview, ähnlich wie das mit Madam Pomfrey, für ein bestimmtes Projekt geführt wurde. Ist das korrekt?" Du räusperst dich hastig. „Ja, das stimmt", antwortest du, „allerdings nicht für einen Sammelband, sondern für eine Abschlussarbeit, die ein Student hier am Historischen Institut vor wenigen Jahren verfasst hat. Er hat über die Verfolgung von Riesen bis in unsere Zeit geschrieben. Sollten Sie Interesse an dem Thema haben, kann ich Ihnen nur empfehlen, sich die Abschlussarbeit in der Bibliothek einmal auszuleihen. Autor ist Elfric Langley."
Gwendolen scheint sich eifrig kritzelnd den Namen zu notieren, ehe sie weiterspricht. „Das Interview beginnt damit, dass Hagrid nach seiner schlimmsten Erinnerung gefragt wird. Interessant ist hierbei, dass wir bei seiner Geschichte damit rechnen können, dass er wohl keine sonderlich angenehme Kindheit gehabt haben kann und auch später etlichen Anfeindungen ausgesetzt gewesen sein muss, doch er erwähnt bei seiner schlimmsten Erinnerung nichts davon. Als erste gibt er den Tod seines Vaters an, was vermutlich jeder von uns nachvollziehen kann und was wir wahrscheinlich als 'vollkommen menschlich' beschreiben würden. Als zweite schlimmste Erinnerung kommt Hagrid auf seinen Aufenthalt in Azkaban zu sprechen, der zu einer Zeit stattgefunden hat, als dort noch Dementoren als Wächter eingesetzt wurden, sodass davon auszugehen ist, dass er ihnen ständig ausgesetzt war, also dazu gezwungen wurde, alles Schlimme, was ihm je widerfahren ist, erneut zu durchleben.
Weiterhin erzählt Hagrid von seinem dritten Schuljahr, in dem diese mysteriösen Vorfälle stattfanden, zu denen sich Professor Dippet im Tagespropheten nicht weiter äußern wollte. Hagrids Äußerungen können wir jedoch entnehmen, dass in der Schule das Gerücht umging, die Kammer des Schreckens sei vom Erben Slytherins geöffnet worden, der nun durch Hogwarts streife, um die Schule von all denen zu reinigen, die es nicht würdig seien, Magie zu erlernen – so, wie es Slytherin seinerseits angedroht hatte. Aber Salazar Slytherins Ansichten zu Reinblütern und Muggelstämmigen sind wohl ein Thema für sich." Gwendolen verzieht das Gesicht zu einer Grimasse, als wolle sie sich bei dir dafür entschuldigen, dass sie jetzt nicht näher darauf eingeht.
„Richtig", hakst du daher kurz ein, „Damit könnte man ein komplettes Semester füllen. Wenn es Sie interessiert, dann machen Sie sich eine Notiz, möglicherweise kommen wir nachher noch einmal auf diesen Punkt zurück, doch für den Moment würde ich vorschlagen, bei Hagrid und den Riesen zu bleiben. Das dürfte uns ebenfalls genügend Gesprächsstoff liefern."
„Hagrid berichtet von merkwürdigen Dingen und Angriffen, dass niemand genau wusste, was eigentlich passierte und wie, nicht einmal Dumbledore, woran wir bereits erkennen können, dass Professor Dumbledore für Hagrid eine wichtige Bezugsperson darstellte. Hagrid selbst sagt, dass er von alldem damals nicht viel verstand – dennoch wurde er von Professor Dippet als Verantwortlicher beschuldigt, nachdem Tom Riddle, der spätere Lord Voldemort, Hagrid dabei erwischt hatte, dass dieser insgeheim eine Acromantula in der Schule aufzog, was natürlich streng verboten war."
Gwendolen hält kurz inne, um ihr Blatt zu wenden, und diesmal bist du es, der eine leichte Grimasse zieht, denn das Interview ist so typisch Hagrid, dass es dich immer wieder amüsiert. Natürlich hatte er nicht gedacht, dass eine Acromantula gefährlich sein könnte. Natürlich hatte er das Ei unbedingt ausbrüten wollen. Manche Dinge, denkst du, ändern sich wohl nie und du willst gar nicht wissen, was für Kreaturen heute alle im Verbotenen Wald leben, um die sich Hagrid heimlich kümmert.
„Es ist klar ersichtlich", findet Miss Hopkins, „dass Hagrid davon ausging, dass seine Acromantula, Aragog, niemandem etwas zuleide tun würde, während Riddle erstens wohl anderer Ansicht war und zweitens einen Schuldigen brauchte, der den Verdacht von ihm selbst ablenkte. Schließlich wissen wir heute, dass Riddle der Verantwortliche für die Angriffe war. Professor Dippet glaubte Riddle und selbst Hagrid sagt, dass man ihm das nicht wirklich vorwerfen konnte. Riddle war Vertrauensschüler, hatte gute Noten und es ist bekannt, dass er bei seinen Lehrern – abgesehen von Dumbledore – beliebt war. Von sich selbst hingegen zeichnet Hagrid kein allzu strahlendes Bild. Für Dippet muss alles gepasst haben: Es gab einen Schüler, der heimlich ein gefährliches, magisches Wesen in Hogwarts aufzog und es gab die Angriffe. Er zog die für ihn richitge Schlussfolgerung und verwies Hagrid von der Schule.
Als Konsequenz wurde Hagrids Zauberstab zerbrochen und ihm wurde somit verboten, weiterhin Magie zu betreiben. Er äußert sich dazu nicht weiter und sagt über sich, dass er noch nie ein Händchen für komplizierte Sprucharbeit gehabt habe, aber dennoch wird er den Rauswurf wohl nicht auf die leichte Schulter genommen haben. Er hatte nach dem Tod seines Vaters kein Zuhause außer Hogwarts und aus diesem sollte er nun vertrieben werden. Professor Dumbledore machte sich jedoch für ihn stark und bewirkte, dass Hagrid als Gehilfe des Wildhüters bleiben durfte. Wir können von Dippet halten, was wir wollen, doch an dieser Stelle fällt auf, dass er sich Dumbledore beugte und seine Einwilligung gab. Er mag Hagrid nachwievor für den Verantwortlichen für die Angriffe gehalten haben, aber er ließ zu, dass Hagrid auf dem Schulgelände blieb. Meiner Ansicht nach spricht das deutlich dafür, dass Dippet vordergründig wohl gegen Hagrid aufzubringen war, letztenendes allerdings daran glaubte, dass er dennoch eine zweite Chance verdiente."
„Wenn ich Sie da kurz unterbrechen darf", hustest du mitten in ihren Monolog, „Sie sind nicht die Erste, die über diese Ungereimtheit stolpert. Hagrids eigene Aussagen können uns in dieser Hinsicht nur bedingt weiterhelfen, da er natürlich voreingenommen ist, schließlich ist er selbst beteiligt. Und weder Professor Dippet noch Professor Dumbledore hat sich zu Lebzeiten je zu diesem konkreten Vorfall geäußert. Es gibt jedoch eine ganze Reihe von Publikationen, die sich intensiver mit Armando Dippet befassen und die ich Ihnen ebenfalls nur wärmstens empfehlen kann. Ich fürchte nur, wir werden das Rätsel um Dippets paradoxes Verhalten in unserer heutigen Sitzung ebenfalls nicht lösen können."
Gwendolen Hopkins schaut dich an und sagt „Interessant" mit der Tonlage von jemandem, der fasziniert ist und sich herausgefordert fühlt. Du grinst ein bisschen und verkneifst es dir, ihr zu sagen, dass du durchaus bereit bist, Abschlussarbeiten zu diesem Thema anzunehmen. Sie hat immerhin noch ein bisschen Zeit, bis es soweit ist. Du deutest mit den Augen zu ihren Notizen und sie spricht hastig weiter. „Nachdem der frühere Wildhüter in Ruhestand gegangen war, bot Dumbledore Hagrid den freien Posten an, den dieser seitdem bekleidet hat. Etliche Jahre später wurde Hagrid auch zum Lehrer für Pflege Magischer Geschöpfe, was er ebenfalls Dumbledore zu verdanken hatte.
Hagrid macht deutlich, dass ihm durchaus bewusst war und ist, dass es genügend Hexen und Zauberer gab, die seine Anstellung nicht guthießen und ihn nicht für fähig genug hielten, um als Lehrer zu arbeiten. Gleichzeitig sagt er, dass man auf derartige Meinungen gar nicht erst hören soll und gibt im gleichen Atemzug zu, sicher nicht alles richtig gemacht zu haben – erneut etwas, was sicher die meisten von uns als 'typisch menschliche Eigenschaft' beschreiben würden. Wir machen eben Fehler. Aber wir versuchen auch, aus ihnen zu lernen.
1995 wurde schließlich durch einen von Rita Kimmkorn verfassten Artikel im Tagespropheten bekannt, dass Hagrid keinesfalls einfach nur große Knochen hatte oder in einen Wachstumstrank gefallen war, sondern dass es sich bei seiner Mutter um eine Riesin handelte, was für Aufruhr in der magischen Gemeinschaft sorgte. Allerdings finde ich, dass es so klingt, als wäre Hagrid beinahe betroffener von den zitierten Äußerungen einiger seiner Schüler gewesen, dass er ihnen Angst gemacht habe und dass sein Unterricht gefährlich sei, als von seiner 'Enttarnung' als Halbriese."
Du hebst diesmal die Hand, weil du sie nicht schon wieder unterbrechen möchtest, du aber wirklich gerne etwas dazu beitragen würdest. Gwendolen Hopkins legt den Kopf schief und sieht dich durch ihre Brillengläser hindurch an. „Ich habe eine Theorie dazu", sagt sie, „Darf ich zuerst? Und wenn Sie anschließend noch etwas hinzufügen möchten, nur zu." Du musst lachen (und dann atemlos husten) und nickst.
„Ich glaube, dass Hagrid vermutlich immer aus der Menge herausgestochen ist", erklärt Gwendolen, „Ganz gleich, welche Erklärung sich alle Anderen gemacht haben, irgendwer hat bestimmt schon einmal an Riesenblut gedacht und Hagrid selbst kannte ja natürlich die Wahrheit. Ich denke, dass er sich bereits in sehr jungem Alter gegen Anfeindungen wehren musste. Vermutlich war er schon als Kind wesentlich größer und stärker als alle seine Altersgenossen und lernte daher sehr früh, mit schrägen Blicken Anderer klarzukommen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass seine Eltern in absoluter Abschiedenheit gelebt hatten, also muss irgendwer sowieso mitbekommen haben, dass seine Mutter eine Riesin war. Trotzdem wird es jahrelang nicht publik. Wieso? Auf den ersten Blick sehe ich zwei Gründe. Erstens: Alle hatten Angst, sei es vor Hagrid oder vor seiner Mutter, und blieben deswegen stumm. Zweitens: Sie kümmerten sich nicht darum. Jeder, der Hagrid kennt, weiß, dass er ein gutherziger Mensch ist und ich gehe davon aus, dass er das als Kind ebenfalls war. Demzufolge finde ich es nicht weiter verwunderlich, dass ihn die Beschuldigung, er wirke furchteinflößend auf seine Schüler und gefährde sie, derart betroffen gemacht hat."
Sie zwinkert dir zu und du übernimmst das Wort. „Hagrid erzählt im Interview, dass Dumbledore nach dem Artikel viele Briefe bekam von ehemaligen Schülern, die ihm ziemlich offen drohten, sollte er es wagen, Hagrid zu entlassen. Dem können wir entnehmen, dass es diesen Hexen und Zauberern ebenso ging wie Sie es gerade geschildert haben; dass sie Hagrid als jemanden kennengelernt hatten, der sich um sie sorgte und auf den man sich verlassen konnte. Unter diesen Briefen waren auch genügend von ehemaligen Nachbarn, von Menschen, die in der unmittelbaren Umgebung von Hagrid und seinem Vater gelebt hatten, und die exakt das Gleiche berichteten. Allerdings", und hier hebst du deine Stimme, „können wir Hagrids Fall leider nicht als absolutes Beispiel hernehmen. Wer ihn kannte, vertraute ihm und vergaß, dass er keine vollkommen menschliche Herkunft hatte. Das bedeutet jedoch nicht, dass sich deswegen prompt das Vertrauen der Zauberergemeinschaft zu sämtlichen Riesen vergrößerte. Man hörte noch immer genügend Horrorgeschichten, die sich teilweise als nur allzu wahr herausstellten und die verhinderten, dass man die Riesen in die Gesellschaft integrierte. Hagrid ist ein Einzelfall und in vielerlei Hinsicht ein Sonderfall. Bitte vergessen Sie das nicht."
„Aber sind es nicht die Sonderfälle, die uns zum Nachdenken bringen?", will Gwendolen wissen, „Gäbe es Hagrid nicht, würde dann überhaupt irgendwer einen Gedanken an die Riesen verschwenden und sich möglicherweise für sie einsetzen?" Du zuckst mit den Achseln. „Schwer zu sagen", musst du zugeben, „Hagrid ist in der magischen Gemeinschaft aufgewachsen, er hat sich – meistens jedenfalls – ihren Gesetzen unterworfen, hat mit Zauberern und Hexen zusammengelebt und zusammengearbeitet. Wenn Sie das von den Riesen verlangen würden, würden sie wahrscheinlich immer lieber verzichten und stattdessen in Kauf nehmen, weiterhin gejagt zu werden. Wir können ihnen unsere Gesetze nicht aufzwingen, aber wir können versuchen, eine Schnittmenge zu finden."
„Ich bin wirklich kein Experte, was Riesen anbelangt", beginnt Gwendolen, „Deshalb die Frage an Sie: Wie war der historische Verlauf, was das Verhältnis zwischen Riesen und Zauberern angeht?" Du atmest tief aus und musst gestehen, dass du ebenfalls nicht gerade ein Spezialist auf diesem Gebiet bist. „Elfric Langley", sagst du, „Der könnte Ihnen konkrete Antworten geben. Aber ich versuch's mal. Riesen sind von Natur aus sehr, sehr groß und sehr, sehr stark. Sie verfügen über eine dicke, beinahe ledrige Haut, die wie eine Art Schutzschild fungiert, da viele Zaubersprüche an ihr abprallen, ohne die Riesen zu beeinflussen. Jahrhundertelang lebten Riesen und Menschen einträchtig nebeneinander, soweit ich weiß jedoch niemals miteinander. Ihre Interessensgebiete waren zu unterschiedlich. Riesen interessieren sich nicht für Zauberei und Flüche. Irgendwann gab es einen Wandel. Fragen Sie mich jetzt nicht nach den genauen Hintergründen, ich glaube, es hatte etwas mit einem speziellen Stück Wald oder Gebirge zu tun, das traditionell den Riesen gehörte und dass die Zauberer nun für sich beanspruchten. Von diesem Moment an folgten Kriege und Angriffe, immer wieder. Die Riesen verteidigten sich, so gut sie konnten, aber sie waren den Zauberern von der Anzahl her stets weit unterlegen. Riesen bekommen nur sehr selten Kinder und sind daher vom Aussterben bedroht. Und die Zauberer drängten sie immer weiter zurück, in entlegenere Gebiete. Sie verwehrten ihnen vieles, was die Riesen in früheren Zeiten für selbstverständlich erachtet hatten. Dass sie sich schließlich gegen die Zauberer stellten, sollte uns wirklich nicht überraschen."
„Und Voldemort hat sich das zu Nutzen gemacht", überlegt Gwendolen, „Es ist genau, wie Hagrid sagt: Die Situation ist ähnlich wie bei den Werwölfen. Er hat eine Gruppe angesprochen, die von den Zauberern seit Jahrhunderten unterdrückt wurde, und hat ihr versprochen, ihr wieder mehr Macht und Einfluss zu schenken. Und viele haben sich ihm deshalb angeschlossen, sei es, weil sie ihm tatsächlich geglaubt haben oder, weil es schlimmer wohl nicht mehr werden konnte.
Dumbledore zuliebe versuchte Hagrid, als Botschafter zu den Riesen zu gehen und sie davon zu überzeugen, dass sich die Situation für sie bessern würde, doch er hatte von Anfang an einen schlechten Stand, weil ihn die Riesen nicht als ihresgleichen ansahen. Für sie war er ein Ausgestoßener, einer, der sie freiwillig verlassen hatte, um unter Zauberern zu leben, einer, der sich für etwas Besseres hielt, dabei beweist gerade Hagrid in seinem Interview, dass er von Vorurteilen weitestgehend frei ist. Er hat sich für den Orden des Phönix eingesetzt und hat es sich nicht nehmen lassen, öffentlich für Muggelstämmige zu kämpfen. Das Interview endet mit seiner Hoffnung, dass eines Tages all diese Vorurteile verschwinden."
Gwendolen Hopkins verstummt, auch wenn du ihrem Gesicht ablesen kannst, dass sie vermutlich noch ein gutes Dutzend an Kommentaren hätte, das sie gerne loswerden würde. (Sie gehört definitiv zu denen, auf deren Klausur du dich freust.) „Danke", schniefst du, „für Ihre ausführliche Analyse und auch dafür, dass Sie sich nicht gescheut haben, stellenweise eigene Meinungen und Theorien zu äußern. So, meine Damen und Herren, dann fehlt uns noch ein Text, ehe ich Sie entlasse." Du glaubst, irgendwo ein Gemurmel („Und ehe Sie 'nen Heiler aufsuchen, ist ja kaum mitanzusehen") hören zu können, ignorierst es jedoch großzügig. „Wer möchte?", fragst du stattdessen in die Runde.
Und Alasdair MacLaine hebt die Hand, als habe er nur darauf gewartet, dass ihr endlich zu diesem Text kommen werdet. Du grinst (und malst dir aus, wie es wohl in der nächsten Woche sein wird, wenn ihr nicht nur über Harry Potter reden werdet, sondern wenn Harry Potter höchstpersönlich in deinem Hörsaal sitzen wird. Vermutlich solltest du Millicent Bescheid geben und sie als Heilerin vorsorglich dabei haben, um all diejenigen wieder aufzupäppeln, die beim Anblick des Helden der Zaubererwelt in Ohnmacht fallen.) und nickst ihm zu.
„Der letzte Text", sagt er und rückt seine Goldbrille zurecht, „ist ein Interview mit Harry Potter, geführt zu einem nicht näher bestimmten Zeitpunkt." (Er fragt nicht nach und du beschließt, es dabei bewenden zu lassen.) „Er spricht dabei über seine eigenen Erfahrungen mit Vorurteilen und Anfeindungen, aber auch über seine Freundschaft mit Hagrid und Remus Lupin sowie über Lord Voldemort. Das Interview setzt in seinem zweiten Schuljahr ein, als die Kammer des Schreckens erneut geöffnet wurde und es wiederholt zu Angriffen kam.
Mr Potter selbst beschreibt die Situation als verwirrend, er war plötzlich in der Lage, eine Stimme zu hören, die aus den Wänden der Schule zu kommen schien und die außer ihm niemand wahrnehmen konnte. Weder er noch seine Freunde hatten eine Antwort auf dieses Rätsel und in diese Zeit fielen die ersten tätlichen Übergriffe, nicht nur auf muggelstämmige Schüler, wie man es wohl erwartet hätte, sondern auch auf Andere, sogar auf die Katze des Hausmeisters.
Ich möchte an dieser Stelle kurz zum Ende des Interviews springen", verkündet dein Student, „um auf die Tatsache einzugehen, dass Harry Potter ein Parselmund ist." „War", korrigierst du automatisch, „Er war ein Parselmund. Harry Potter verlor diese Fähigkeit, als Lord Voldemort und sämtliche seiner Horkruxe zerstört wurden." Etliche deiner Studenten sehen dich an, als hätten sie diese Information bis eben nicht gewusst und beugen sich eifrig über ihre Notizen, um das festzuhalten. Alasdair MacLaine nickt und sagt „Natürlich."
„Aber bitte", meinst du dann, „Ich wollte Sie nicht unterbrechen. Und machen Sie den Sprung ruhig, das Ende des Interviews passt auch ganz gut zum Anfang."
„Harry Potter erzählt, dass während seines zweiten Schuljahres Stimmen laut wurden, dass er der Erbe Slytherins und somit verantwortlich für die Angriffe sei", spricht Alasdair weiter, „Außerdem wird von Seiten des Interviewenden kurz erwähnt, dass es darüber hinaus auch diverse Zeitungsartikel gab, die an der geistigen Gesundheit sowohl Albus Dumbledores als auch Mister Potters zweifelten, was uns allerdings ein wenig vom Thema abbringen würde. Wir haben ja bereits in früheren Sitzungen darüber gesprochen, dass gerade der Tagesprophet seine Loyalität gerne mal umverteilte und dass das Ministerium stellenweise versuchte, Harry Potter und Professor Dumbledore lächerlich zu machen, sodass ihnen niemand glauben würde, dass Lord Voldemort tatsächlich zurückgekehrt und die Bedrohung durch ihn erneut höchst real war.
Harry Potter als Erben Slytherins zu vermuten ist eigentlich ein ziemlich lächerlicher Gedanke und gründete offenbar einzig und allein auf der Tatsache, dass er in der Lage war, Parsel zu sprechen, also mit Schlangen zu kommunizieren – eine Fähigkeit, für die Salazar Slytherin bekannt war und die über die Jahrhunderte hinweg immer seltener wurde, was vermutlich dazu beitrug, dass Menschen, die die Sprache beherrschten, mit Misstrauen und Skepsis betrachtet wurden und es nahelag, ihnen eine Verbindung zu Slytherin zu unterstellen.
Auch ein Harry Potter war davor nicht gefeit und fand sich mit dem Vorwurf konfrontiert, für die Angriffe auf seine Mitschüler verantwortlich zu sein. Soweit ich weiß – auch wenn das im Interview nicht angesprochen wird –, wurden diese Vermutungen jedoch weniger, nachdem auch Hermione Granger angegriffen worden war, da sich wohl kaum jemand vorstellen konnte, dass Mister Potter seiner besten Freundin Schaden zufügen würde. Die Tatsache bleibt allerdings bestehen, dass aus einer Fähigkeit, die irgendwann vor Jahrhunderten einmal zwar nicht häufig, aber auch nicht überaus selten gewesen sein muss, eine Fähigkeit wurde, die explizit als böse und negativ beschrieben wurde einzig aufgrund der Tatsache, dass ein Zauberer, der ebenfalls als böse galt, sie beherrscht hatte. Ich weiß leider nur wenig über Parsel und konnte auch nicht wirklich viel herausfinden, aber ich habe mich gefragt, ob die Vorurteile auch heute noch so sehr greifen?"
Er sieht dich fragend an und wartet geduldig ein dreifaches Niesen ab, ehe du ihm antwortest. „Parselmünder sterben aus", erwiderst du ihm, „Das klingt hart, aber es ist eine Tatsache, zumindest in unseren Breitengraden. Anders als beispielsweise Animagi müssen sich Parselmünder nicht registrieren lassen, was es erschwert, offizielle Zahlen zu erheben. Das Stigma, das an der Fähigkeit, Parsel zu sprechen, klebt, ist auch heute noch vorhanden, sodass es nicht weiter verwundert, dass sich kaum jemand öffentlich dazu bekennt. Nachdem herausgekommen war, dass Harry Potter ein Parselmund war, gab es ein paar ältere Hexen und Zauberer, die sich ebenfalls zu Wort meldeten. Von diesen sind mittlerweile nur noch zwei am Leben und keiner von ihnen hat Nachkommen, sodass wir damit rechnen müssen, dass Parsel früher oder später vermutlich aussterben wird. In anderen Ländern ist die Situation teilweise gleich, teilweise auch sehr verschieden; es gibt sogar Kulturen, in denen Parselmünder sehr geachtet werden. Allerdings nicht in der britischen."
„Danke. Mister Potter geht darauf ein, dass wir häufig etwas, das unbekannt ist, fürchten oder verteufeln", kehrt Alasdair zum Interview zurück, „Ich glaube zwar, dass das mittlerweile eine allgemein vertretene Ansicht ist, wollte aber dennoch noch einmal darauf hinweisen, weil es, wie ich finde, auf alles passt, was wir in der heutigen Sitzung bisher besprochen haben. Die meisten von uns sind nun einmal keine Werwölfe, keine Riesen, können kein Parsel. Die meisten von uns gehören dem an, was wir Norm nennen, und diejenigen, die aus dem Raster fallen, haben demzufolge immer einen schwierigeren Stand in der Gesellschaft, weil es etwas an ihnen gibt, worauf wir Anderen achten, sei es nun im positiven oder negativen Sinne.
Wir erfahren, dass Harry Potter und seine Klassenkameraden offenbar mehr über die mysteriöse Kammer des Schreckens herausfinden wollten und daher Nachforschungen anstellten. Gleichzeitig war Mister Potter zufällig in den Besitz eines Buchs gelangt, das sich als Tagebuch von Tom Riddle herausstellte, der kein Anderer war als Lord Voldemort, was Harry Potter allerdings nicht wusste. Er sagt selbst, dass er mit den Informationen, die ihm das Buch gegeben hat, sonst vollkommen anders umgegangen wäre, was nicht weiter verwunderlich ist.
Das Tagebuch ermöglichte es ihm, eine vergangene Erinnerung – nämlich die Riddles – zu besuchen und die Nacht mitzuerleben, in der der angebliche Verantwortliche für die damaligen Angriffe bei der ersten Öffnung der Kammer des Schreckens gefasst wurde. Potter geht darauf ein, dass Riddle über enorme Fähigkeiten verfügte, was Manipulation anbelangte. Dummerweise wusste Potter zu dem Zeitpunkt, zu dem er die Erinnerung miterlebte, nicht, wer Tom Riddle wirklich war, sodass die Manipulation auch bei ihm funktionierte und er exakt so reagierte, wie Riddle es geplant hatte.
Er zeigte Mister Potter, wie Riddle und Professor Dippet aufeinander trafen und ließ Potter mitbekommen, dass es sich bei Riddle offenbar um einen Waisen handelte, der üblicherweise die Sommerferien in Hogwarts verbrachte, was dieses Jahr nicht möglich war, da durch die Angriffe die Sicherheit der Schüler nicht gewährleistet werden konnte. Die Parallelen zu Harry Potter selbst sind deutlich zu erkennen: Er wuchs ebenfalls als Waise auf und von dem, was wir über seine Kindheit wissen, darf man annehmen, dass er sich wohl auch gewünscht hätte, während der Sommermonate in der Schule bleiben zu können. Potter sagt im Interview, dass er davon ausgeht, dass Riddle die Erinnerung an dieser Stelle beginnen ließ, damit Potter mit ihm Mitleid hatte und ich denke, wir können hinzufügen, dass bis zu einem gewissen Grad auch eine Art Identifikation mit Riddle stattfand, sodass Mister Potter geneigt war, dessen Handeln nachzuvollziehen und in gewisser Hinsicht auch gutzuheißen."
Du versuchst zwar verzweifelt, es zu unterdrücken, aber dein Körper hat sich mittlerweile endgültig gegen dich verschworen und lässt dich fünfmal in Folge derart laut niesen, dass die gesamte erste Reihe synchron zusammenzuckt und auf ihren Stühlen leicht nach oben hüpft. „Tschuldigung", murmelst du zum gefühlt hundersten Mal und wirfst einen gequälten Blick auf deine Armbanduhr. Deine Vorlesungszeit beträgt noch gut fünfzehn Minuten und du hast die Hoffnung, dass Alasdair den Großteil der Zeit für seine Analyse benötigen wird, sodass du heute nicht mehr allzu viel reden musst und stattdessen umgehend zu Millicent flohen kannst, um dir einen Trank zu besorgen, der dich für den Rest des Tages schlafen und erst dann wieder aufwachen lässt, wenn diese Erkältung vorüber ist.
„Kein Problem", antwortet dein Student und mustert dich mit gerunzelter Stirn, „Aber Sie sollten vielleicht mal einen Heiler aufsuchen." Vereinzelt wird Gekicher laut, das du normalerweise mit einem genervten Blick kommentiert hättest, und du wedelst ungeduldig mit der Hand. „Hab' ich fest vor", schniefst du, „Machen Sie sich mal keine Sorgen." Das wird ja immer besser, denkst du düster, jetzt fangen schon deine Studenten an, sich wie besorgte Mütter zu verhalten. Da kannst du dir ungefähr vorstellen, wie es nachher bei Milly werden wird. „Reden Sie einfach weiter", meinst du matt, „Und hören Sie erst auf, wenn Sie fertig sind."
„Jedenfalls", setzt Alasdair wieder an, „berichtet Harry Potter davon, dass er in der Erinnerung miterlebte, wie Riddle Hagrid dabei erwischte, wie dieser seine Acromantula freiließ, was den Rückschluss nahelegte, dass das Tier für die Angriffe verantwortlich sei und dass somit Hagrid der Schuldige war, der bestraft werden musste. Da sogar Mister Potter, der Hagrid zu seinen engsten Freunden zählt, geneigt war zu glauben, dass dieser – ob absichtlich oder zufällig – Schuld hatte, ist es wohl nachvollziehbar, dass auch alle Anderen, Professor Dippet eingeschlossen, diese Meinung teilten.
Die Freundschaft zwischen Harry Potter und Hagrid, so ungewöhnlich sie uns vielleicht scheinen mag, ist jedenfalls eine, die weit zurückreicht. Hagrid war der erste Kontakt, den Mister Potter zur Zaubererwelt hatte; er war derjenige, der ihm erklärte, dass er ein Zauberer sei, der ihm von seinen Eltern erzählte. Sie trafen sich auch während Mister Potters Schulzeit weiterhin und man kann dem Interview entnehmen, dass sich diese Freundschaft während der Jahre noch intensivierte. Dementsprechend betroffen zeigt sich Potter darüber, dass es Riddle gelungen war, Misstrauen zwischen den beiden Freunden zu säen, wenn auch nur vorübergehend.
Potter und Hagrid waren nicht nur Freunde, sondern später auch Lehrer und Schüler. Mister Potter erwähnt, dass diese Situation für ihn merkwürdig war, da es ihm schwerfiel, die Tatsache auszublenden, dass einer seiner besten Freunde ihn unterrichtete. Er beschreibt, dass er stets mitlitt, wenn im Unterricht etwas nicht nach Plan lief, was er bei seinen übrigen Kursen in dieser Form nicht erlebte. Trotz allem sagt er aber auch, dass es ihm nie an Respekt gegenüber Hagrid mangelte.
Dadurch dass Mister Potter unter Muggeln aufgewachsen ist, muss es im Laufe seines Lebens viele Situationen gegeben haben, in denen er gemerkt hat, dass er gewisse Dinge nicht versteht, die für manche seiner Mitschüler, die aus Zaubererfamilien stammten, offensichtlich waren. Ähnliches gilt wohl für den Moment, in dem bekannt wurde, dass Hagrids Mutter eine Riesin war. Während wir deutlich herauslesen können, dass Potter offenbar nicht verstehen konnte, wo genau nun das Problem lag, nahm sein Freund Ronald Weasley das Ganze wohl ernster auf, da ihm bewusst war, wie die Zauberergemeinschaft zu Riesen im Allgemeinen stand.
In seinen nächsten Sätzen betont Mister Potter genau das, was wir vorhin ebenfalls bereits angesprochen haben: Hagrid ist eine Art Sonderfall. Diejenigen, die ihn kannten und mochten, ließen sich durch seine Herkunft nicht beirren und änderten auch ihr Verhalten ihm gegenüber nicht. Diejenigen, die ihn nicht mochten, fühlten sich dadurch, dass er von einer Riesin geboren worden war, vermutlich in ihrer Abneigung bestätigt, doch Potter macht mehr als deutlich, dass man immer etwas findet, worüber man sich abfällig äußern kann, wenn man für jemanden Antipathie empfindet.
Allerdings wird in Potters Interview auch deutlich, dass Hagrid seiner Ansicht nach doch mehr unter den Anfeindungen gelitten hat als wir gerade eben in Hagrids eigenem Interview besprochen haben. Eine klare, eindeutige Antwort werden wir darauf wohl nicht finden, aber ich denke, dass für Hagrid beides eine Rolle gespielt hat: Die Tatsache, dass seine Herkunft, die allgemein als etwas Negatives galt, plötzlich öffentlich bekannt wurde und die Vorwürfe, er würde seinen Schülern Angst einjagen. Vielleicht hat er sich für seine Mutter nicht unbedingt geschämt; vielleicht hat er es nur als schamvoll betrachtet, weil die Gesellschaft ihn glauben machen wollte, dass es genau das ist.
Jemand, der wie Harry Potter nicht in dieser Welt aufgewachsen ist, ist in der Lage, einen anderen Blick auf sie zu werfen, ähnlich wie Hermione Granger, deren Engagement für Hauselfen Potter im Interview ja auch anspricht, genau wie die Tatsache, dass ihr gemeinsamer Freund Ron Weasley das nicht nachvollziehen konnte, da er damit groß geworden war, dass es nun einmal die Pflicht von Hauselfen war, für ihre Familien zu sorgen und verschiedene Dienste zu erledigen, während Granger das Ganze eher als Unterdrückung, Versklavung und Ausbeutung betrachtete.
Potter weist allerdings auch darauf hin, dass es nahezu egal ist, in welchem Umfeld man aufwächst, Vorurteile und Klischees finden sich überall, sei es bei Muggeln oder in der Zauberergemeinschaft. Es gibt stets Punkte, über die der soziale Status eines Menschen definiert wird; bei Zauberern war es über Jahrhunderte hinweg der Blutstatus, bei Muggeln Hautfarbe oder auch Religion. Mister Potter gibt an, dass er sich wünschen würde, dass wir unseren Blick für derartige Vorurteile schärfen würden, dass wir hinsehen würden anstatt uns abzuwenden und nichts dagegen zu unternehmen. Nur, weil etwas bereits seit Jahrhunderten existiert und als Tradition gilt, muss es deswegen nicht unbedingt gut sein, und man kann und sollte es dennoch hinterfragen, denn vielleicht ist es längst verstaubt und überholt.
Er sagt, dass es manchmal jemanden von außerhalb braucht, der uns auf Missstände überhaupt erst aufmerksam macht, und ich denke, das ist etwas, was uns als Historiker ebenfalls beschäftigen sollte. Wir stecken logischerweise immer in der Zeit fest, in der wir leben, und müssen uns daher ganz besonders anstrengen, um die Umstände, die derzeit herrschen, objektiv betrachten zu können, falls es uns überhaupt möglich ist, aber das vielleicht nur am Rande."
Du nickst wohlwollend, hütest dich jedoch davor, Mister MacLaine zu unterbrechen. Dafür gefällt dir sein Monolog viel zu gut (davon, wie sehr dein Hals mittlerweile schmerzt, mal ganz zu schweigen).
„Im Interview wird außerdem kurz darauf eingegangen, dass Klischees und Vorurteile einen wahren Kern in sich tragen, doch ich denke, dass das jedem von uns bewusst ist. Stereotypen sind ebenfalls nie aus der Luft gegriffen, sondern stellen überspitzt etwas dar, was jeder von uns kennt. Ähnliches gilt für die Klischees, mit denen beispielsweise Riesen und Werwölfe beladen sind, wie wir heute ja bereits mehrfach gehört haben", weist Alasdair noch einmal auf seine Kommilitonen hin, die vor ihm bereits die anderen Texte besprochen haben.
„Zum Ende des Interviews berichtet Potter noch von seiner Beziehung zu Remus Lupin, den er als Lehrer in Hogwarts erlebte, der seinerzeit jedoch auch mit Potters Eltern befreundet war und mit dem Potter später im Orden des Phönix zusammenarbeitete, sodass man durchaus sagen kann, dass das Verhältnis der beiden zueinander ebenfalls sehr persönlich war. Mister Potter ist ja auch Patenonkel von Lupins Sohn", ergänzt dein Student kurz die Informationen, die im Text selbst bereits gegeben wurden.
„Potter lobt Lupins Herangehensweise als Lehrer, was sich mit vielen Meinungen anderer Schüler deckt und was dadurch widergespiegelt wird, dass offenbar einige Schüler vehement protestierten, als klar wurde, dass Lupin nicht nach Hogwarts zurückkehren würde, nachdem bekannt wurde, dass er ein Werwolf war", kramt Alasdair noch ein paar Details hervor, die du deinen Studenten nicht gegeben hast und über die du dich freust, da sie zeigen, dass er eigenständig Recherche betrieben hat. „Mister Potter berichtet außerdem, dass Lupin seiner Ansicht nach verletzt war, als Ron Weasley ihn aufgrund seiner Lykanthropie nicht länger in seiner Nähe haben wollte, ebenso wie die Tatsache, dass der damalige Geheimniswahrerwechsel der Potters möglicherweise damit zu tun hatte, dass das Vertrauen seiner Freunde in Lupin abgenommen hatte.
Harry Potter spricht desweiteren das an, was wir ebenfalls festgestellt haben: Dass Verallgemeinerungen nicht funktionieren. Es gibt gute Werwölfe und gute Zauberer, aber auch böse Werwölfe und böse Zauberer. Allerdings gibt es nur sehr wenige unter uns, die sich in einer ähnlichen Situation wie Potter befanden und denen es möglich war, sich mit einem Halbriesen und einem Werwolf anzufreunden, ehe irgendein Vorurteil greifen konnte. Ich möchte damit nicht sagen, dass wir alle nichts für unsere Vorurteile können, aber ich glaube, dass Potter in dieser Hinsicht unwahrscheinlich viel Glück hatte. Er wusste kaum etwas über Vorurteile der magischen Welt und er hatte die Möglichkeit, jemanden erst einmal als Person kennenzulernen, ehe er die vollkommene Wahrheit über sie erfuhr. Ich glaube, dass das nur den Wenigsten unter uns vergönnt ist.
Gleichzeitig nimmt auch Potter den Wolfsbanntrank als eine einmalige Chance wahr, die Lebensumstände von Werwölfen entscheidend zu verbessern und ihnen eine Integration in die magische Gemeinschaft zu ermöglichen und zu erleichtern. Unsere Gesellschaft scheint sich, glücklicherweise, vorwärts zu bewegen und die alten Vorurteile nach und nach am Wegrand zurückzulassen. Wir können nur darauf hoffen, dass es in den nächsten Jahren so weitergehen wird, und bis dahin ist es, denke ich, unsere Aufgabe, unsere eigenen Denkmuster genaustens zu überprüfen und zu hinterfragen – und keine Angst davor zu haben, zuzugeben, dass wir möglicherweise falsch gelegen haben. Wenn Harry Potter zugeben kann, dass der Dunkle Lord ihn dazu gebracht hat, einem seiner besten Freunde zu misstrauen, warum sollten wir dann nicht zugeben können, dass wir gedacht haben, Werwölfe wären blutrünstige Kreaturen, die sich sehnlichst wünschten, sich nicht nur an Vollmond zu verwandeln, um mehr Opfer zu erzielen?"
Er verstummt und der Saal ist still, abgesehen von deinem angestrengten Atmen. „Danke", sagst du und schielst auf die Uhr. Noch zwei Minuten. „Gibt es von Ihrer Seite aus etwas hinzuzufügen?" Du schaust die Reihen entlang, doch die Diskussionslust, die du vorhin noch auf einigen Gesichtern gelesen hast, scheint verblasst, oder zurückgedrängt. Stattdessen wirken deine Studenten nachdenklich und Alasdairs Worte hängen über euch wie eine Gewitterwolke, die aufzubrechen droht. „In Ordnung", nickst du, „Dann würde ich vorschlagen, Sie machen sich bis zur nächsten Sitzung ein wenig Gedanken darüber, welche Vorurteile Sie im Alltag eigentlich mit sich herumtragen. Und seien Sie dabei nicht zu hart zu sich selbst; wir haben alle Vorurteile, nur sind manche weitaus weniger gravierend als andere.
Außerdem", und du grinst, trotz deiner Erkältung, weil die Vorfreude auf die Gesichter deiner Studenten in der nächsten Vorlesung so unwahrscheinlich groß ist, „würde ich Sie bitten, sich auf unsere nächste Sitzung noch einmal sehr gut vorzubereiten. Wie Sie wissen, ist es unsere letzte reguläre Vorlesung, da ich die letzte Woche gerne nutzen würde, um eine kleine Zusammenfassung zu liefern, um offene Fragen Ihrerseits zu beantworten und um mit Ihnen eine Diskussion zu führen. Für nächste Woche erwarte ich jedoch Ihre volle Konzentration. Glauben Sie mir, Sie werden es nicht bereuen."
Deine Abschlussrede wird dadurch getrübt, dass du niesen musst und deine Studenten dir kollektiv „Gesundheit" wünschen. Diesmal hörst du laut und deutlich, wie jemand „Merlin! Das ist ja kaum mitanzusehen, ich schnappe ihn mir gleich und flohe ihn höchstpersönlich zu meinem Heiler" sagt, aber auf dich wartet ebenfalls deine persönliche Heilerin und du bist gespannt, was für eine Predigt Millicent dir halten wird (und du bist sicher, die Sätze „Spinnst du eigentlich?" und „Warum, bei Mungos krummen Zehennägeln, wartest du immer, bis es so schlimm ist?" und „Du hast es nicht anders verdient, wenn du so wenig auf deine Gesundheit achtest" und „Eigentlich sollte ich dich leiden lassen" werden fallen, eventuell sogar mehrmals).
„Bis nächste Woche", sagst du in die Runde, rutschst von deinem Pult und räumst deine Sachen zusammen. Deine Studenten strömen aus dem Hörsaal und mindestens fünfmal wünscht dir jemand „Gute Besserung". Du kannst es gebrauchen.
tbc.
