Kapitel 24 – Verzweiflung

Bei Felicitas und Dimitri stellten sich die Nackenhaare auf, als sie den Schrei, der offenbar quer durch das ganze Schloss gehallt war, hörten. In beider Augen war Furcht und Schrecken zu lesen, als sie sich anblickten.

Sarah war noch immer nicht erwacht, doch langsam ahnte Liz, dass in diesem Schloss nicht einmal mehr annähernd alles beim Alten war.

"Hören Sie, Dimitri, ich schlage vor, dass ich nachschauen gehe, was hier los ist. Und woher der Schrei kam. Und Sie bleiben hier bei Sarah. Wenn sie wieder zu sich kommt, wird sie uns hoffentlich sagen können, was geschehen ist."

Es war weniger ein Vorschlag als eine Anweisung gewesen und der Angesprochene verstand durchaus, dass Liz schon wissen würde, warum sie so redete und handelte, immerhin war sie mit diesem Schloss mehr als vertraut. Trotzdem hielt er sie zurück, bevor sie aufstehen konnte, um den Raum zu verlassen.

"Bei allem, was Recht ist, Sie sollten nicht alleine gehen. Selbst wenn Sie sich hier gut auskennen, auch mit den Sitten und Gepflogenheiten – da draußen scheint es nicht mehr sicher zu sein und ich möchte nicht, dass Sie sich in Gefahr begeben."

Für einen Moment blickten sich beide schweigend an, bis Dimitri bewusst wurde, wie seine Aussage wohl geklungen haben musste und er noch rasch "Das würde nur zusätzlich Unruhe ins Schloss bringen." hinzusetzte.

"Ich schätze Ihre... Besorgnis, aber irgendjemand muss bei Sarah bleiben. Sie ist völlig fertig und wir sollten es ihr nicht zumuten, dass sie vielleicht alleine ist, wenn sie aufwacht", argumentierte Liz und begab ich schließlich zur Tür. Noch bevor Dimitri Einspruch erheben konnte, war sie verschwunden.

Eine Mischung aus Besorgnis, Angst und Verzweiflung lag auf seinen Gesichtszügen, als er langsam den Kopf schüttelte.

Völlig ahnungslos davon, was im Schloss gerade geschah, hatten Karola und Koukol sich in eine kleine Hütte am Rande des Gartens zurückgezogen, um ihren Planungen Gestalt zu geben. Ausgerüstet mit Papier und Stiften machten sie sich eifrig daran, Pläne und Skizzen zu zeichnen, die genauestens darüber Auskunft geben sollten, wie der Garten später aussehen würde, wenn sie erst einmal fertig waren. Außerdem halfen ihnen die Visualisierungen, später nicht zu übereifrig zu arbeiten und sich dabei ins Gehege zu kommen.

Die Zeichnungen halfen den beiden auch gleichzeitig, sich besser zu verständigen. Jetzt, da sie die Gedanken des anderen praktisch vor sich sahen, erleichterte das Vieles, besonders Karola begriff noch besser, was Koukol meinte.

Außerdem bemühte sich Karola, mehr über ihren neuen Freund herauszufinden. Obwohl sie wusste, dass es wohl ein Ding der Unmöglichkeit war, so ging ihr doch die Frage nicht aus dem Kopf, ob man dem buckeligen Diener des Grafen nicht helfen konnte. Auch mit ihrem zu ihrem Bedauern sehr begrenzten Wissen ahnte sie, dass das keine natürlichen Missbildungen waren, an denen Koukol zu leiden hatte. Irgendetwas hatte ihn erst zu dem gemacht, was er heute war.

„Ooo… Hooole Sch… Schti-ft", kam es da von dem neben ihr Stehenden. Die Stimme riss sie so unerwartet aus ihren Gedanken, dass sie etwas zusammenzuckte und nicht sofort nachvollziehen konnte, wohin Koukol verschwunden war.

Also folgte sie ihm kurzerhand, überrascht, welchen Vorsprung ihr Freund trotz der kurzen Zeit schon hatte. Die Winkel und Ecken, die der Weg nahm, war zudem für das doch etwas größere Mädchen nicht leicht zu bewältigen.

Wenn der Buckelige seine Verfolgerin bemerkt hatte, so reagierte er aber trotzdem nicht auf sie, denn er lief starr und zielgerichtet weiter, ohne sich umzuwenden.

Mit einem Mal war er verschwunden und es schien, als sei er geradewegs durch eine Wand gelaufen. Verwundert tastete sich Karola an dieser entlang, als plötzlich ein Stück daraus nachgab und sich wie eine Drehtür bewegte, so dass sie etwas unsanft auf der anderen Seite landete.

Ein düsterer Gang lag vor ihr und Koukol war noch immer nirgends zu sehen. Dennoch lief sie weiter, tiefer hinein in die unbekannte Dunkelheit, voller Überzeugung, ihren neuen Freund dort zu finden. Irgendwo musste er schließlich sein.

Ihr Weg, der Gang, den sie entlang lief, erweckte immer mehr den Eindruck, einfach endlos zu sein, und letztlich hielt das junge Mädchen inne.

„Koukol?", rief sie leise, „Koukol, bist du hier irgendwo? Bitte zeig dich!"

Ihr Ersuchen blieb ungehört; alles, was ihr antwortete, war der Hall ihrer eigenen Worte.

Nach einer kurzen Weile weiteren Wartens machte sie kehrt und lief in die Richtung, aus der sie gekommen war. Wenigstens hoffte sie das. Zweifel überkamen sie, als ihre Füße bereits anfingen zu schmerzen und sie nach wie vor nichts als Schwärze umgab…

Im Schlafgemach des Grafen war wieder Ruhe eingekehrt. Ohrenbetäubende Ruhe; man hätte ein Staubkorn zu Boden sinken hören können, in dem Raum, in dem nicht einmal ein Atmen zu vernehmen war.

Von Krolock saß apathisch in einem großen Ohrensessel. Nachdem er einen Krug mit Blut gefunden und seinen Durst vorerst gestillt hatte, war auch seine Aggressivität wie gestillt. Alles, was er jetzt noch empfand, war Schmerz, Trauer, Leere.

In seinen Erinnerungen, auch wenn sie schleierhaft waren, regte sich das Bild einer Sarah, die ihn angsterfüllt ansah und dann panisch – auf sein Drängen hin – den Raum verließ.

Er hatte sie erschreckt. Verjagt. Sie musste ihn für ein Monster halten – jetzt erst Recht.

Obgleich er geahnt hatte, dass seine zeitweilige Rückverwandlung zum Menschen nicht nur positiv sein konnte, so hatte er doch nie vermutet, dass das, was ihm beinahe wie ein Segen erschien, ein Fluch werden würde. Denn ging es so weiter wie bisher, würden zwar einerseits seine menschlichen Momente länger werden, auf der anderen Seite könnte dies aber auch die vampirischen Ausbrüche verstärken und früher oder später wäre er nicht mehr in der Lage, sich wenigstens so weit zu beherrschen, dass niemand verletzt wurde.

Die einzige Möglichkeit, die anderen zu schützen, wäre, sie aufzuklären über das, was vor sich ging. Doch wenn seine Vampire davon erfuhren, dann würde das seine Stellung als Schlossherr und Oberhaupt der Vampire erheblich schwächen. Und das konnte er nicht riskieren; damit würde er jeden Menschen auf diesem Schloss noch mehr in Gefahr bringen.

Woran er momentan denken wollte, war sein Sternkind und wie es ihr ging. Doch wagte er es nicht, sie zu suchen; er wollte nicht die Furcht und Abscheu in ihren Augen sehen. Nichts könnte er weniger ertragen als die Ablehnung der Frau, die er liebte. Seine Angst, dass sie ihn nun nicht mehr sehen, keinen Kontakt mehr zu ihm haben wollte und das Schloss vielleicht sogar verlassen könnte, war überwältigend.

Die stillen Tränen, die über seine Wangen rannen, ließen seine blasse Haut beinahe wie Porzellan erscheinen.

Kaum zurück, hatte Professor Abronsius sofort zu einer Lehrveranstaltung gerufen. An der Vorlesung sollten so viele Studenten und auch Dozenten wie möglich teilnehmen, weshalb er sich die Aula reservieren ließ. Obgleich der Leiter der Universität dem Wissenschaftler den großen Saal nur zähneknirschend überließ, konnte er keine plausiblen Argumente finden, warum Abronsius nicht dort vortragen sollte.

Entgegen aller Erwartungen war der Raum reich gefüllt, als der Professor ihn betrat und bereits an dieser Stelle fühlte er sich bestätigt. Mochten die Banausen, die sich ständig über ihn lustig machten, doch sehen, wie weit sie mit ihren Lästereien kamen. Die Wahrheit und die Logik siegten am Ende doch immer.

"Werte Kollegen und Studenten", begann er seine Rede überschwänglich, "was ich Ihnen heute zu berichten habe, wird die Wissenschaft auf einen neuen Weg leiten. Zusammen mit meinem jungen Studenten und fleißigen Assistenten Alfred Fahlland war ich in Transsylvanien und habe dort eine bahnbrechende Entdeckung gemacht." Er pausierte einen Moment, um die Spannung zu steigern und sicher zu sein, dass auch wirklich aller Aufmerksamkeit auf ihm ruhte. Als das leise Gemurmel, das hier und da zu vernehmen war, schließlich verstummte, fuhr er fort: "Es gibt blutsaugende Lebenstote, so genannte Vampire." Er ließ die Nachricht, von der er glaubte, dass sie alle sprachlos gemacht hatte, nachdem eine Totenstille im Saal herrschte, erst einmal wirken; erst dann referierte er weiter. "Ich entdeckte ein Schloss, den Unterschlupf der Vampire, und ich sprach sogar mit dem Grafen, der offensichtlich nicht nur Herr über das Schloss, sondern auch über die Lebenstoten ist. Das ist der Beweis all meiner Theorien."

"Haben Sie uns denn einen Beweis mitgebracht?", erklang da eine Stimme irgendwo aus dem Zuschauerraum.

Mit gerunzelter Stirn blickte der Professor in das Publikum und für den Bruchteil einer Sekunde war er verunsichert. Richtig, daran hatte er gar nicht gedacht. Er war so euphorisch gewesen und so ohne Beweise aufgebrochen. Ausgerechnet er!

Andererseits, fiel ihm da ein, warum sollte man die Blutsauger aus ihrer gewohnten Umgebung, in der sie sich sicher fühlten, holen? Besser wäre es doch, zu ihnen zu gehen und sie in ihrem Lebensraum zu erforschen.

"Dazu sah ich keine Veranlassung. Solche Geschöpfe sollte man in ihrer natürlichen Umgebung erforschen. Und da sie sehr lichtempfindlich sind, wäre es ohnedies schwierig geworden, sie gut erhalten hierher zu schaffen."

Ja, diese Argumente klangen schlüssig. Zumindest für ihn. Der Großteil der im Saal Anwesenden hielt den Professor nach wie vor für einen Spinnen, auch wenn es keiner zeigte. Nie würden sie es wagen, zu widersprechen. Wenigstens nicht ihm gegenüber.

Nur in einer hinteren Ecke des Raumes stand eine kleine Gruppe, die Abronsius' Ausführungen Glauben schenkte. Obgleich sie nicht in allem mit ihm einer Meinung waren. Was machte es schon für einen Unterschied, wenn diese kaltblütig mordenden Blutsauger schaden nahmen? Je weniger es von ihnen gab, desto besser war es. Sie hatten nicht erwartet, dass der kauzige alte Mann sich großartig darum kümmern würde, das Problem der Vampire auszumerzen, sollte er auf ein solches treffen. Aber dafür gab es auch zum Glück sie.

Eine engagierte Gruppe junger Vampirjäger, deren nächste Klassenfahrt von diesem Augenblick an feststand: Eine Erlebnisreise zum Schloss des Vampirgrafen nach Transsylvanien…