Bist du fertig, Lee? Hast du schon zu Ende gepackt?"

Leah wandte sich erschreckt um.

Harrys Gesicht zeigte eine ziemlich ungeduldige Miene.

„Wir treffen uns in zehn Minuten vor McGonagalls Büro", sagte er bestimmt und ging zurück zu seinem Tisch.

Oh je!

Schnell stand Leah vom Frühstückstisch auf und machte sich umgehend auf den Weg zum Slytherin Schlafsaal.

Natürlich hatte sie noch nicht gepackt…

Sie hatte es heute Morgen machen wollen, aber dummerweise hatte sie verschlafen…

In Eile kippte sie ihre Schultasche auf dem Boden aus und schob die Bücher unsanft unter ihr Bett.

Dann lief sie zu ihrem Kleiderschrank und packte Schlafanzug, Unterwäsche, Jeanshosen, Pullover und T-Shirts in die Tasche, die sich langsam immer mehr ausbeulte.

Ungeduldig zauberte sie ihre Kleidung klein, um noch fünf Bücher, Pergament, Feder und ihr Fotoalbum oben drauf legen zu können.

Am Ende war die Tasche dann doch ganz schön eng, trotz des Kleinzauberns, aber sie hatte sowieso keine Zeit mehr sich darum zu kümmern.

Mit einem Schlenker ihres Zauberstabes brachte sie mehr oder weniger Ordnung in ihren Schrank, aus dem sie die Kleidung einfach nur so raus gezogen hatte.

Sie schnappte sich ihre Tasche (die unglaublich schwer war…) und stolperte mehr, als ging, die Treppe zum Gemeinschaftsraum hinunter.

Gestern hatten die Weihnachtsferien angefangen und dementsprechend leer war auch der Gemeinschaftsraum, da ein Großteil der Slytherins zu Gesellschaftlichen Anlässen bei ihrer Familie erwartet wurde.

Nur ein einziger Junge saß im Gemeinschaftsraum.

Blaise.

Auch wenn sie wieder einmal zu spät war, konnte sie den Blick einfach nicht von ihm wenden.

Blaise sah auf und blickte ihr geradewegs in die Augen.

Beide starrten sich an, als hätten sie sich eben das erste Mal gesehen.

Es war fast wie damals im Krankenhaus, als er wissen wollte, ob es ihr gut ging, aber wegen Harry kein Wort sagen konnte.

Aber diesmal konnte sie ihn nicht einfach anlächeln und ihm klarmachen, dass es ihr gut ging. Es war einfach nicht so.

Sie hatte schon so oft gelogen, aber bei Blaise… das konnte sie nicht… und das wollte sie auch gar nicht.

Schließlich war er immer noch ihr Blaise, oder? Oder nicht? Sie wusste es nicht mehr…

Leahs Augen blickten ihn traurig an, mehr nicht.

Sie war nicht wütend auf ihn.

Sie wollte es. Sie versuchte es. Aber es ging nicht…

Sie konnte ihm nicht böse sein… sie konnte sich einfach nicht vorstellen, dass er sie freiwillig versucht hatte zu hintergehen… und sie wusste, wie schwer es sein konnte sich gegen seine Eltern aufzulehnen… sie hatte immer das getan, was ihre Mutter gesagt hatte, aus Angst sie zu enttäuschen, aber auch aus Liebe zu ihr.

Trotzdem war Leah enttäuscht von ihm- und traurig.

Blinzelnd drehte sie sich schnell um und wollte gerade durch die Geheimtür nach draußen verschwinden, als ein leises „Warte" sie aufhielt.

Ihr Herz klopfte hart gegen die Brust, während sie sich wie in Zeitlupe umdrehte.

„Fröhliche Weihnachten."

Leah starrte ihn verblüfft an.

Das war das letzte was sie erwartet hätte, aber ihr Herz machte trotzdem einen plötzlichen Satz und ein Lächeln hüpfte über ihre Lippen.

Es war mehr als sie erwartet hatte und es tat gut als er ihr zaghaftes Lächeln erwiderte.

Es fiel zwar etwas schief aus, aber es war einfach nur schön, wenigstens ansatzweise den alten Blaise wieder zu sehen.

Am liebsten wäre sie zu ihm gelaufen und hätte ihn umarmt, doch ihre Intuition sagte ihr, dass das kein guter Plan gewesen wäre.

Also wünschte sie ihm nur ebenfalls ein fröhliches Weihnachten und drehte mich schnell um und verschwand nach draußen.

Rasch blinzelte Leah die nervigen Tränen weg und beeilte sich mit der schweren Tasche zu Professor McGonagalls Büro zu kommen.

Natürlich kam sie zu spät, aber die Schlange vor dem Büro der Professorin, in deren Kamin gerade fleißig nach Hause gefloht wurde, war so lang, dass Harry, Ron, Hermine und Ginny auch noch gar nicht dran waren.

Dafür musste Leah sich allerdings deren endlose Fragereien nach ihrem Verbleib und ihrem Lächeln erklären, doch zu ihrem Glück waren sie dran, bevor Leah auch nur eine davon beantworten konnte.

Rasch verabschiedeten sich die drei von Hermine, die die Ferien bei ihren Eltern verbringen würde und dann ging es auch schon los durch die endlose Welt des Flohnetzwerkes.

Staubig und verrußt kamen sie alle vier nacheinander hustend im Kamin des Grimauldplatzes an.

„Meine Lieben", rief Molly Weasley entzückt und sprang vom Küchentisch auf, um sie zu begrüßen.

Sie drückte erst Ginny, dann Ron und Harry fest an sich. „Wie schön, dass ihr hier seid!"

Dann stand sie Leah gegenüber, die als letztes aus dem Kamin geklettert war und lächelte sie warm an. „Wirklich, ich freue mich so euch alle endlich wieder hier zu haben!"

Sie umarmte nun auch Leah fest.

Leah wurde rot, so viel Wärme und Vertrautheit war sie nicht gewohnt.

Harry grinste sie an.

Er kannte die ganze Prozedur anscheinend schon länger und hatte sie schon öfter über sich ergehen lassen müssen.

„Was meinst du mit alle, Mum", fragte Ginny, während er sich auf einen der Stühle fallen ließ.

Ihr Bruder setzte sich neben sie. „Krieg ich ein zweites Frühstück, Mum?"

Harry verdrehte lächelnd die Augen und auch er und Leah setzten sich an den langen Tisch.

Molly reichte ihnen Teller mit Rührei und Schinken, die anscheinend nur auf sie gewartet hatten.

Dann erst antwortete sie auf die Frage ihrer einzigen Tochter.

„Nun eben alle." Sie strahlte fröhlich. „Fred und George wollen heute Nachmittag den Laden schließen und sind über Weihnachten hier, genauso wie Charlie, er ist gestern Abend angekommen und Bill ebenfalls."

Das mussten die anderen Weasley Kinder sein, denn Molly schien unendlich glücklich darüber alle ihre Kinder einmal beisammen zu haben.

„Ist Schleim auch da", wollte Ginny wissen.

„Nenn sie nicht immer so", rügte Molly, ohne es jedoch richtig ernst zu meinen. „Aber ja, Fleur ist auch hier."

„Fleur?" Fragend sah Leah Ginny an.

„Fleur ist Bills Verlobte. Sie ist…", begann Harry zu erklären, doch Ginny unterbrach ihn mit einem lauten Seufzer.

„Sie ist grauenhaft", murrte sie.

„Ginevra Molly Weasley, sag so was nicht über die Verlobte deines Bruders", schimpfte Molly, doch Leah sah ihr nur zu gut an, dass sie ihrer Tochter am liebsten Recht geben würde.

Am Nachmittag kamen die Zwillinge an und das obwohl sie mit den ganzen Weasleys, Harry und Leah elf Leute waren, fanden trotzdem alle bequem darin Platz.

Wenn Leah überlegte, dass früher nur ihr Vater, ihre Großeltern und ihr Onkel hier gewohnt hatten, schauderte es sie regelrecht.

Das Haus, oder viel mehr die Villa, war viel zu groß für so wenige Leute.

Die hohen Räume und die langen Korridore wirkten alleine ziemlich Angst erregend und gemütlich waren die verschnörkelten Zimmer und die Eingangshalle, in der oft genug die alte Mrs. Black in ihrem Gemälde hinter dem Vorhang herum schrie, auch nicht unbedingt.

Trotzdem…

Leah zog es immer wieder in die verwaisten Zimmer und Gänge.

Es war ein Schwarzmagier Haus, ein Haus das früher von Todessern nur so gewimmelt hatte… aber es war auch das Haus der Blacks. Ihrer Familie. Ihres Vaters.

Mit jeder Minute die sie länger im Grimauldplatz Nr. 12 verbrachte, konnte sie verstehen, wie bedrückend und schrecklich die Erziehung hier gewesen sein musste.

Alles war unglaublich dunkel und kalt gehalten, in dieser Umgebung konnte unmöglich Liebe und Frohsinn aufkommen…

Außer natürlich man wohnte zusammen mit den Weasleys hier.

Denn die schafften wirklich alles zum Leben zu bringen.

„Und, gefällt dir das Haus?"

Ertappt drehte Leah sich um und blickte geradewegs in das Gesicht von Remus Lupin.

Der hagere Mann lächelte ihr zu.

„Ich wusste nicht, dass du schon hier bist, sonst wäre ich runter gekommen", entschuldigte sie sich.

Remus winkte ab und sah an ihr vorbei, auf den Wandteppich, den sie sich zu vor angesehen hatte.

„Oh, den kenne ich gut. Wir haben 'ne Party bei James gemacht als Sirius davon gestrichen wurde", erzählte er und musterte den Black'schen Stammbaum genauer. „Tonks steht überhaupt nicht drauf, Andromeda hatten sie anscheinend schon vor Tonks Geburt weg gesprengt."

Er deutete auf eine angesengte Stelle im Teppich neben den Schwestern Narcissa und Bellatrix.

Leah folgte seiner Hand, die auf weitere schwarze Flecken des Black'schen Stammbaums wies und hörte ihm zu, wie er Erklärungen dazu abgab.

In jeder Generation schien es mindestens einen ausgestoßenen und enterbten Black zu geben, manchmal sogar zwei, wie es in der Generation ihres Vaters der Fall war.

Überall konnte sie die Nachnamen ihrer Klassenkameraden aus Slytherin lesen.

Wie Remus ihr erzählte, tauchten sogar die Weasleys an einer Stelle auf, doch sie waren ebenfalls weggesprengt worden.

Und dann blickte sie direkt auf die Linie Narcissa Blacks, die in Draco Malfoy endete.

Bestickt auf dem Wandteppich war es etwas ganz anderes, als nur rein theoretisch zu wissen, dass sie miteinander Verwandt waren...

Nun ja... Irgendwie um zehn Ecken war sie anscheinend mit fast jedem aus ihrem Haus verwandt...

Nur die Zabinis ließen sich beim Besten willen nicht auf dem Teppich finden und Leah fragte sich instinktiv warum.

Allerdings wollte sie Remus nicht fragen, also lauschte sie weiter seinen Erklärungen und folgte ihm schließlich auch, als er sie in einen langen Korridor voll mit uralten Gemälden brachte.

„Die Ahnengalerie", sagte er leise, wie um die Bilder der alten Blacks nicht zu stören.

Auf einem von ihnen sah Leah das Portrait aus Dumbledores Büro wieder, das sie damals mehr oder weniger verpetzt hatte.

„Sein Name ist Phineas Nigellus, oder", fragte sie Remus und trat näher, um Phineas' Lebensdaten zu betrachten.

„Ja, er war Schulleiter in Hogwarts. Aber das ist schon Urzeiten her. Sirius sagte immer, er war wahrscheinlich der schrecklichste und gefürchteteste Schulleiter aller Zeiten", erklang eine Stimme von weiter hinten.

Leah wandte sich um und ihr Gesicht hellte sich Augenblicklich auf.

„Tonks!"

Tonks umarmte Leah herzlich, winkte Remus allerdings nur zögerlich zu.

Er nickte und wandte seinen Blick dann schnell wieder ab. Dabei hätte Leah schwören können, dass sich sein Gesicht ebenso erhellt hatte, wie ihres, als er Tonks hatte näher kommen sehen.

Verwirrt blickte sie von Tonks zu Remus und wieder zurück.

Noch vor einem halben Jahr war Tonks Remus nur so in die Arme gesprungen als sie ihn gesehen hatte- und jetzt?

Irgendetwas ging zwischen den beiden vor, aber sie hätte nicht sagen können, was genau das war...

Sie wanderten noch eine ganze Weile zu dritt durchs Haus und sowohl Tonks als auch Remus erzählten ihr eine ganze Menge zur Black Geschichte, beide schienen sich außergewöhnlich gut damit auszukennen.

Bei Tonks konnte Leah, das noch gut verstehen, schließlich war sie ebenfalls eine Black, wenn auch eine enterbte.

Aber bei Remus... aber vielleicht lag es einfach daran, dass Sirius ihm immer viel erzählt hatte... obwohl sie nicht glaubte, dass jemand der diesem Haus so schnell er konnte entkommen war, viel darüber erzählen wollte.

Schließlich verabschiedete sich Remus, er wollte nachsehen ob Arthur schon da war, da er etwas mit ihm zu besprechen hatte, und ließ Leah und Tonks allein im Westflügel zurück.

Langsam machten sich die beiden auf den Weg zurück in die Küche, um nach dem Abendessen zu sehen.

Tonks konnte sich ihre sorgenvollen Blicke dabei nicht verkneifen.

Schließlich fragte sie: „Und wie geht's dir?"

Kurz dachte Leah über diese Frage nach. Einerseits besser, andererseits aber auch schlechter… Einiges hatte sich zum besseren gewendet, aber anderes… Sie konnte nicht sagen welche Seite überwog.

„Gut, denke ich", antwortete sie letztendlich.

Tonks blickte sie scharf an.

„Und was bedrückt dich dann?"

Leah seufzte.

„Es ist doch nicht etwa wieder Draco Malfoy? Oder diese Mädchen aus deinem Jahrgang? Du solltest sie einfach ignorieren, weißt du", begann Tonks, doch Leah unterbrach sie.

„Nein, das habe ich geklärt."

‚Mehr oder weniger', fügte sie in Gedanken hinzu.

„Es ist wegen…", sie zögerte, „Nun ja wegen Blaise." Sie hatte sich wieder getraut, es jemandem gesagt. Das war gut, oder?

Tonks nickte verstehend. „Er hat dich enttäuscht, richtig? Werde nicht rot, ich sehe es in deinen Augen. Und er macht dich traurig, aber du kannst nicht wütend auf ihn sein."

Leah starrte Tonks verblüfft an.

„Woher weißt du das?"

Tonks blickte zu Boden.

„Wer kennt denn nicht die Leidensgeschichten von unglücklich verliebten?"