~Kapitel 25~

Auf einmal schwangen die Türen des Operationssaals auf und ein Arzt in grüner Krankenhauskleidung trat genau auf die beiden Wartenden zu. Lilah sprang auf und Angel stellte sich schnell neben sie. „Ms… McIntyre?" Lilah schüttelte mit ihrem Kopf und sprach hektisch: „Nein, Morgan. Aber ich bin die Schwester." Sein Blick fiel auf Angel. „Und Sie sind?" „Angel!" antwortete der Vampir hastig. „I-ich bin ihr Freund… also Lilliana's." Er versuchte hinter den Arzt zu zeigen, welcher verstehend nickte.

Er holte sich noch Lilah's Einverständnis, dass auch Angel, als Nichtfamilienmitglied, alles mithören durfte und begann dann: „Also Ms Morgan, Mr äh Angel, mein Name ist Dr. Whaldon, ich bin Oberarzt der pränatalen Chirurgie. Lilliana hat viele Prellungen und oberflächliche Wunden erlitten, diese waren aber ein geringes Problem und konnten gut versorgt werden. Auch die Platzwunde am Kopf konnten wir mit wenigen Stichen nähen. Allerdings müssen wir noch untersuchen, ob sie vielleicht eine Gehirnerschütterung davon getragen hat. Viel mehr Sorgen hat uns die Blutung in ihrem Unterleib gemacht. Die Patientin hat enorm viel Blut verloren, aber wir haben sie stoppen können. Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass Ms McIntyre durch die Anstrengung des Überfalls eine Fehlgeburt erlitten hat. Daher kam auch das viele Blut. Die inneren Organe sind soweit unbeschädigt, nur konnten wir den Fötus leider nicht mehr retten."

Er ließ das Gesagte erstmal wirken, dann fuhr er fort: „Es tut mir sehr leid." Dabei sah er vor allem Angel an, da er vermutete, dass dieser wohl der Vater war. „Ms McIntyre selbst geht es den Umständen entsprechend. Sie ist derzeit stabil aber noch sehr schwach. Wir müssen abwarten, wie sich ihr Zustand im Laufe der Nacht verändert, aber die Prognose steht gut." Er lächelte die beiden an und man konnte zusehen, wie sie sich aus einer Verkrampfung lösten. „Können wir zur ihr?" Der Arzt nickte. „Aber nur kurz. Sie schläft noch von der Narkose, aber auch allgemein braucht sie jetzt viel Ruhe um sich zu erholen und um wieder zu Kräften zu kommen." Diesmal nickten die Anwältin und der Vampir und Dr. Whaldon brachte die beiden in Lilliana's Zimmer.

Das Bild, was sich ihnen bot, werden sie wohl nie vergessen: Eine blasse, kraftlose, schlafende Lilliana, umgeben von Geräten und Schläuchen, die zu ihrem Arm und Oberkörper führten. Lilah ging vorsichtig Schritt für Schritt näher und griff dann sanft nach Lilliana's eiskalter Hand. Angel tat es ihr gleich und stellte sich auf die andere Seite ihres Krankenbetts.

Er strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht. Zwischen seiner und ihrer Körpertemperatur gab es kaum Unterschiede. Instinktiv hörte er dem gleichmäßigen, immer noch schwachen Puls Lilliana's zu. Scheinbar eine Minute später kam eine Schwester ins Zimmer und wechselte einen der vielen Injektionsbeutel aus und schlug den beiden vor, nach Hause zu gehen, sich selber ein wenig auszuruhen und am nächsten Tag wiederzukommen.

Lilah kämpfte mit sich, die Schwester beruhigte sie und musste der Anwältin versprechen sofort anzurufen, wenn sie wach wurde oder sich sonst irgendwas veränderte. Die Krankenschwester widersprach angesichts Lilah's Ton nicht und so verabschiedeten sich die beiden von Lilliana und verließen das Krankenhaus. Beide liefen schweigend nebeneinander her und Angel fuhr Lilah zurück zu ihrem Appartement.

Er checkte kurz die Umgebung, um zu sehen, ob die Wachtruppen noch da waren. Er fand jedoch niemanden. Er teilte Lilah dies mit und verabschiedete sich dann auch von ihr. „Angel?" Er drehte sich noch einmal zu ihr um. „Danke!" Lilah versuchte sich an einem Lächeln, jedoch kam nur eine verzogene Grimasse heraus. „ Ähm, wir sehen uns bestimmt morgen…. Im Kra… bei Lilliana…" Angel verstand und nickte, ebenso an einem Lächeln versucht, bevor er endgültig verschwand.

Lilah betrat ihr Appartement und ließ sich erschöpft auf ihre Couch fallen. Erst jetzt, wo sie so da lag, bemerkte sie, wie müde sie wirklich war. Trotzdem war an Schlaf nicht zu denken. Sie schaltete den Fernseher ein, aber sie sah nicht hin. Ihr ging es hauptsächlich darum, dass es nicht so still war, in ihrem Wohnzimmer.

Schnell machte sie sich noch ein Sandwich und einen doppelten Scotch on the rocks. Beim Essen dachte sie über den heutigen Tag nach. Sie wusste, dass sie irgendetwas unternehmen musste. Heute war so viel passiert: ihr immer im Hinterkopf herumschwirrendes „Worst Case Scenario", von welchem sie dachte, dass es nie eintreffen würde. Ihre noch verbleibende Familie, jemand den sie wirklich liebte, wurde durch die Firma in Gefahr gebracht.

Lilah hatte den Vertrag damals so wie er war, mit allen Risiken, unterschrieben, in dem Glauben, dass es nie soweit kommen würde. Immerhin, ihre Mutter war sicher in einem Pflegeheim, mit ihrer Schwester hatte sie nur spärlichen Kontakt und nie eine richtige Ahnung, wo sie sich aufhielt, sie selbst hatte keine eigene Familie, keinen Freund und keine Kinder. Das bedeutete für die aufstrebende Anwältin kein Risiko. Dass sich das mal ändern würde oder zumindest die Möglichkeit bestünde, daran dachte sie nicht.

Nun würde sie handeln müssen, aber wie? Wenn sie ihren Job bei Wolfram und Hart aufgäbe, müsste sie sich einigen Konsequenzen stellen, mit denen sie nicht wirklich leben konnte, geschweige denn wollte. Es gab nur zwei Extreme: sie würde kündigen und die Kanzlei würde ihr jede weitere berufliche Zukunft verbauen oder sie würde ein halbes Jahr später rein zufällig bei einem Gasbrand in ihrem Appartement umkommen – dabei hatte sie noch nicht einmal einen Gasherd. Außerdem gab es noch jede Menge Dinge in der Mitte, mit welchen sie sich lieber nicht befassen wollte. Sie seufzte und schenkte sich den mittlerweile fünften doppelten Scotch ein.

Angel schlurfte langsam und nachdenklich ins Hyperion. Er hoffte, dass keiner mehr da sein würde. Er trat ein und sah, dass er sich, natürlich, getäuscht hatte. Cordelia, Gunn, Wesley und Lorne saßen in der Lobby und betrachteten den betretenen Angel. Keiner wagte es etwas zu sagen, obwohl keiner wusste, was los war.

Angel hatte weder nach dem Kampf noch vom Krankenhaus aus angerufen und so rechneten alle mit dem Schlimmsten. Der Vampir setzte sich auf einen Bürostuhl und atmete einmal tief durch, bis auch ihm einfiel, dass die anderen noch total uninformiert waren. „Sie haben Lilliana angegriffen, sie liegt im Krankenhaus." Alle Blicke waren auf ihn gerichtet.

„Wolfram und Hart, sie wollten sie irgendwo festhalten, um unser Baby zu untersuchen." Er erzählte ihnen, ein wenig bruchstückhaft, was passiert war, seit er das Hotel verlassen hatte. Er schloss mit dem Satz: „Lilliana hat... das Kind verloren, sie ist noch sehr schwach und muss wohl noch einige Zeit im Krankenhaus bleiben."

Cordy war sofort an seiner Seite, und legte ihm den Arm um die Schultern, auch die anderen rückten näher und erkundigten sich, ob sie etwas tun konnten. Er schüttelte mit dem Kopf. „Nein… ähm danke Leute, aber ich glaub ich wär jetzt lieber ein wenig alleine." Er erhob sich und verschwand im Handumdrehen in seinem Zimmer. Die anderen konnten ihm nur mitleidig hinterher sehen. Als er außer Sichtweite war, schauten sich die vier an und man konnte in jedem einzelnen Augenpaar erkennen, dass sie gern etwas für ihren Chef und Freund getan hätten.

Angel saß in seinem dunklen Zimmer vorm Fenster und starrte grübelnd hinaus. Er war wütend. Auf sich, dass er nicht eher herausgefunden hatte, was vor sich ging. Dass er nicht gleich vorgeschlagen hatte, dass er sie abholt. Dass er sie überhaupt so lange alleine gelassen hatte. Und natürlich auch auf Wolfram und Hart.

Diesmal waren sie eindeutig zu weit gegangen. Ihm wäre es egal gewesen, wenn sie ihn angegriffen hätten, wenn sie ihn irgendwo festgehalten und gefoltert hätten – aber dass sie es auf Lilliana abgesehen hatten! In ihm brodelte es und er überlegte. Er musste etwas tun, aber er konnte weder Holland noch Lindsey töten, auch wenn ihm gerade sehr danach war. Allerdings würde er ihnen damit auch noch geben, was sie wollten.

Der Vampir sprang auf und schmiss seinen Tisch gegen die gegenüberliegende Wand. Es folgten noch ein paar weitere Möbelstücke, bis er sich wieder einigermaßen beruhigt hatte. Die anderen in der Lobby hörten den Lärm und beschlossen, ihm noch ein wenig Zeit zum beruhigen zu lassen, da es wohl keine gute Idee wäre, Angel in diesem Ausbruch zu unterbrechen.

TBC