25. Bittersweet Mistletoe II

AN: Hier die Übersetzung eines Teiles der Eingangsbemerkung der Autorin Kyly: Eines der bisher dunkelsten Kapitel. Leser seit gewarnt. Es kommt Gewalt, Blut, Dunkelheit und Schmerz. Wenn ihr damit nicht umgehen könnte, geht lieber in sichere Gewässer!

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Als er, noch über die Verschwendung seiner Zeit grummelnd von der Lehrerversammlung zurück kam, war sie gegangen. Langsam ging er zu dem Sessel, auf dem sie für gewöhnlich ihre Notizen für ihn hinterließ.

Ein gelbliches Pergament lag auf dem Sitz. Auf ihm stand nichts außer einem Wort in ihrer sauberen Handschrift.

„Lucius."

Er stieß einen Fluch aus. Sie hatten darauf gezählt, dass selbst Todesser ihr Weihnachtsfest ungestört verbringen wollten. Sie hatten allerdings nicht die Auswirkungen bedacht, die ein harmonisches Weihnachten mit der Familie auf Lucius haben würde.

Severus wollte sich nicht vorstellen, in welcher Stimmung sich Lucius befand, um sich mit Hermine zu treffen. Seine arrogante, besonnene Frau Narcissa, die ihn hasste und ignorierte seit er als verurteilter Todesser ihren Platz in der Gesellschaft verloren hatte. Sein Sohn, dem es, obwohl er es versuchte, an dem gewissen Enthusiasmus mangelte, den ein Todesser so dringen brauchte wie einen guten Mantelhersteller.

Angst durchzog ihn, Panik bei dem plötzlichen Gedanken daran sie zu verlieren. Was, wenn Lucius durchdrehen würde? Was wenn...

Reiß dich zusammen!

Zähneknirschend verlangsamte er seinen Atem und zwang die Panik aus seinen Gedanken. Er weigerte sich sogar über die Konsequenzen dieses Angriffs nachzudenken. Er würde nicht seine Kernlektion, den Vortrag vergessen, den er die letzten paar Wochen lang wieder und wieder in Hermine hineingehämmert hatte.

Sorge dich nicht um andere Leute. Jedenfalls nicht so sehr, dass sie deine Arbeit stören. Mach deine Arbeit und denke an nichts anderes. Wenn es nichts gibt, das du tun kannst, dann höre auf, dich darum zu kümmern. Kümmere dich anstelle dessen um die Dinge, die du bewerkstelligen kannst.

Er hatte es nie schwer gefunden an dieses Mantra zu glauben und daran festzuhalten. Jeden von sich fernzuhalten und sie mit seinem beißenden Sarkasmus und seiner Arroganz fortzustoßen war nie schwierig gewesen. Er hatte nicht verstanden, warum Hermine diese Lehre ablehnte. Bis jetzt. Nun genügte schon der Gedanke an ihren Tod um ihn...

Erbärmlich. Hör auf zu jammern und fang an zu arbeiten.

So fing er an zu arbeiten, war jedoch nicht in der Lage den Gedanken an einen ähnlichen Abend vor zwei Monaten zu unterdrücken, als er sich um Hermine gesorgt hatte und versucht hatte es nicht zu sein.

Dieses Mal würde er sich von der Poesie fernhalten.

Er stellte die Banne seiner Räumlichkeiten darauf ein, ihn in dem Moment zu benachrichtigen, wenn sie sein Büro betrat und ging die zwei Stockwerke zu seinem Labor hinauf, wo er anfing zu hacken, zu wiegen und zu brauen, als hinge die Welt davon ab.

Die Stunden vergingen. Er bemerkte, wie das Licht draußen schwand, zündete die Lampen an und weigerte sich eine Pause zu machen, oder auch nur in seiner Konzentration nachzulassen, ganz so, als könnte seine Arbeit irgendwie verhindern, dass sie verletzt wurde.

Der Eingangsalarm ließ ihn hochfahren. Er schaute auf und sah die Dunkelheit, die eingefallen war während er gearbeitet hatte. Die Wendeltreppe herabsteigend, konnte er ihre schimmernde Gestalt sehen, als sie den Durchgang durch den Wandteppich durchschritt.

Sie sah furchtbar aus. Die Kleidung unordentlich, das Haar wirr. Trotzdem waren es ihre Augen, die ihm Angst machten. Groß und dunkel. Wie Tunnel die in die Tiefe führten. Er hatte so einen Ausdruck der Geistlosigkeit nur einmal während ihrer ersten Halluzination gesehen. Sie brannten im Kontrast zu ihrer Haut, die so weiß war, dass sie fast durchsichtig erschien.

„Verdammt", flüsterte er. Dann überbrückte er den Abstand zwischen ihnen und versuchte sie hinüber zum Sofa zu führen. Sie schrak vor seiner Berührung zurück.

„Ich konnte die Stufen zum Gryffindorturm nicht hinaufsteigen", erklärte sie, ihre Stimme war nicht mehr als ein hysterisches Gestammel. „Ich habe es versucht, aber es tat zu sehr weh. Also bin ich hergekommen. Ich brauche nur eine Dusche und mein Bett und der Schmerz wird aufhören. Es tut mir leid, dass ich dich störe, ich werde..."

„Es war gut, dass du hergekommen bist", unterbrach er sie und fragte sich, warum sie das Gefühl hatte, sich entschuldigen zu müssen. „Was ist passiert?"

„Nichts", flüsterte sie und ihr Blick traf nicht seine Augen.

Sanft berührte er ihr Kinn und zwang ihr Gesicht nach oben, traf ihren Blick. Ein Wimmern entkam ihrer Kehle und in ihrem Blick sah er den chaotischen Tanz des Wahnsinn.

Sie taumelte weg. „Nichts. Gar nichts...", ihre Stimme erstarb wie das Rascheln eines trockenen Blattes.

„Lüg mich nicht an, Hermine", ermahnte er sie sanft. „Bist du verletzt? Blutest du irgendwo?"

Sie nickte mit gesenktem Kopf. Sein Herz zog sich bei ihrem Anblick zusammen.

„Hat Lucius dich verletzt?"

Noch ein Nicken, so winzig, dass es fast seiner Aufmerksamkeit entgangen wäre.

Er seufzte. „Ich werde dich nach oben tragen und wir werden dich näher anschauen", sagte er, platzierte einen Arm um ihre Schulter und griff nach ihren Beinen.

„Nein!"

Ihr Schrei schmerzte in seinen Ohren, als sie krampfhaft versuchte, sich seiner Berührung zu entziehen, stolperte und auf ihre Knie fiel.

„Fass mich nicht an! Tu mir nicht weh, ich werde auch artig sein!"

Grauen erfasste ihn. Sie hatte ihn wieder verlassen, war in ihrer eigenen privaten Hölle ohne Zutritt gefangen. Was um Himmels Willen hatte der verdammte Bastard Lucius ihr angetan?

Er fiel neben ihr auf seine Knie, versuchte ihren Blick zu treffen, sie zu beruhigen, aber sie wollte ihn nicht ansehen. Ihre Bewegungen wurden immer panischer. Sie würde sich selbst in einen Anfall hineinsteigern. Mit der Zeit wurde die immer blasser und ihre Bewegungen fahrig wie die eines Betrunkenen. Sie verlor Blut und sie hatten nicht die Zeit für eine Panikattacke.

„Hermine Granger", zischte er. Zorn über das was ihr angetan worden war ließ seine Stimme eiskalt werden. „Du wirst mich sofort ansehen. Hebe deinen Kopf verdammt noch mal! Sieh mich an!"

Langsam senkte sie ihre Hände, die sie vor ihrem Gesicht verschlossen hatte. Langsam hob sich ihr Kopf von ihrem Schoß, wo sie sich selbst vor ihm versteckt hatte.

„Ich bin nicht Lucius Malfoy, Hermine!". Aufgrund ihres verängstigten, kleinen Gesichts nahm er die Schärfe aus seiner Stimme, artikulierte seine Worte jedoch sorgfältig und präzise. Sie musste das hier verstehen.

„Sieh mich an! Wer bin ich?"

Ihre Augen suchten seinen Körper nach Erkennungsmerkmalen ab. Sie hob eine zitternde Hand zu seinem Gesicht, zuckte aber zurück als hätte sie sich verbrannt, bevor sie ihn berühren konnte.

„S ...Severus?"

„Richtig. Ich bin Severus Snape", sagte er, suchte ihren Blick und sendete ihr durch ihre Verbindung Ruhe zu. „Ich werde dich nicht verletzten, Hermine. Ich werde deine Wunden versorgen. Du kannst dich von mir berühren lassen."

„Nein... nein", protestierte sie schwach. „Du solltest mich nicht anfassen. Ich bin dreckig! Gott, ich bin so dreckig, dass ich nie wieder sauber werde. Du kannst nicht wissen, was er mir angetan hat, was ich getan habe..."

Ein Schauer durchzog sie und ihre Augen schlossen sich, als sie gegen die Erinnerungen ankämpfte.

„Hör sofort damit auf, Hermine!", befahl er streng. „Du hast deinen Job erledigt. Ich hätte das selbe gemacht. Und nun werde ich dich nach oben tragen, während du mir genau erzählst wo du verletzt bist."

„Ich kann nicht..."

„Hermine, vertraust du mir?"

Er wusste, dass die Frage riskant war. Wenn sie ihm bis jetzt nicht vollständig vertraute, würde es dazu führen, dass sie sich weiter zurückziehen würde. Aber er war nun wirklich besorgt. Er konnte sehen, wie sich die Vorderseite ihres Rockes durch ihr Blut immer weiter verdunkelte und ihr fahriges Verhalten ließ auf einen schlimmen Schock schließen, den sie erfahren hatte.

„Vertraust du mir?"

„Ja... ja."

Erleichterung durchflutete ihn. „Dann wirst du es zulassen, dass ich mich um dich kümmere, Hermine. Ich werde dich nun hochtragen. Ich werde dich nicht verletzen."

Ihr gesamter Körper versteifte sich, als er sie berührte. Dennoch machte sie keine Anstalten ihn aufzuhalten und er nahm sie hoch in seine Arme.

„Erzähle mir, was geschehen ist, Hermine. Es tut mir leid, Liebes, ich weiß das es hart ist, aber ich muss wissen, was er dir angetan hat."

Er hielt normalerweise nicht viel vom Verhätscheln und die Idee irgendjemanden Liebes zu nennen hätte ihn noch vor einem Monat empört. Doch nun konnte er die Tapferkeit nicht vergessen, mit der sie vor einer Ewigkeit in Albus Büro gegen ihn gekämpft hatte. Konnte ihren Schmerz nicht vergessen, als er sie hintergangen hatte. Das leuchtende Gold ihrer Augen, als sie die Messer in den Schein des Feuers gehalten hatte. Die Leere, die diese Augen nun ausfüllte.

Er trug sie die Wendeltreppe nach oben, fühlte, wie sich ihr Mund gegen das weiße Leinen seines Hemds bewegte, doch nur Bruchstücke erreichten seine Ohren.

„...so peinlich..."

„Kein Grund vor mir peinlich berührt zu sein. Ich habe viel schlimmere Dinge getan und ich werde es keinem anderen erzählen. Bitte."

„Er hat mich zu einer kleinen Hütte gebracht", fing sie gehorsam an und er merkte, wie sehr sie daran arbeitete die Kontrolle über die Emotionen, die sie nun bestürmten, zu bekommen. „Er hat mich einmal vergewaltigt und ein zweites Mal... und dann hat er..."

Sie weinte nun, schluchzte tonlos in seine schwarzen Roben, während sie versuchte den Schmerz aus ihrer Stimme zu verbannen und dennoch konnte er ihn bis auf die Knochen spüren.

„Und dann hat er ein Messer genommen und hat...hat..."

Er wusste, was Lucius nur zu gerne mit Messern machte. Er hatte es gesehen. Weihnachten musste ihn auf die Spitze gebracht haben und da hatte er es an ihr ausgelassen. Sein Griff um ihren schmalen Körper wurde fester als rot glühender Zorn in ihm aufstieg. „Er wird dich hier nicht verletzen, Hermine", flüsterte er in ihr Ohr. „Keiner wird dich nun verletzen. Ich werde es nicht zulassen. Ich verspreche es. Glaubst du mir?"

„Er hat gesagt, dass er mich nun markiert hat", wimmerte sie gegen seine Schulter. „Er hat gesagt, dass ich nun ihm gehöre. Ich bin seine persönliche Schlampe. Er hat gesagt, dass er wiederkommt und mich finden wird, wenn ich böse bin."

„Er lügt, Hermine. Er lügt."

Gott, wie er sich wünschte, dass der Bastard genau jetzt hier wäre. Er würde ihm ohne zu zögern den Bauch aufschlitzen. Er würde ihn töten, für das was er ihr angetan hatte...seiner...

„Wenn er herkommt, Hermine, werde ich ihn töten. Ich schwöre dir, ich werde ihn töten. Glaubst du mir?"

Sie fühlte sich schwer in seinen Armen an, wie ein totes Gewicht und Angst spülte die heiße Wut hinweg.

„Rede mit mir, Hermine! Schlaf nicht ein. Glaubst du mir?"

Ihre Antwort war kaum verständlich, eher eine unbeholfene Bewegung ihres Körpers in seinem Arm, „Ja..."

„Das ist gut. Rede weiter, Liebes. Wie lange ist es her, seit er dir das angetan hat? Wie bist du zurück gekommen?"

Er hatte die Tür zu ihrem Raum erreicht. Er stieß sie mit einem gemurmelten Spruch auf, durchquerte den Raum und legte sie vorsichtig und sanft auf das Bett. Er hastete zu dem Schrank wo sie die Tränke und Bandagen aufbewahrte und riss ihn auf.

„Wie lange, Hermine? Rede mit mir!"

Kleidung raschelte, als sie sich auf dem Bett bewegte. Ihr Gesicht war nun weißer, als die Bettwäsche.

„Zwanzig Minuten... halbe Stunde...Ich bin ohnmächtig geworden... Als ich wieder zu mir gekommen bin, war er gegangen."

Er wählte einen blutbildenden Trank. Etwas gegen die Schmerzen. Aber er wagte es nicht ihr einen Schlaftrank oder irgendetwas zu geben, dass die Schmerzen vollständig von ihr nahm. Sie musste spüren, was in ihrem Körper vor sich ging, um ihn, wenn nötig zu alarmieren.

Er spürte, wie die Dunkelheit seine Seele durchflutete. Schmerzhafte, zornige Gedanken... aber er unterdrückte sie. Später. Im Moment brauchte sie ihn. Er würde sie nicht hängen lassen und seine persönlichen Dämonen jagen. Er würde sie retten.

„Er ist nun weg, Hermine. Er ist weg. Trink das. Es wird dir helfen."

Sie war mittlerweile zu schwach, um ihren Kopf zu heben, doch er half ihr und sie trank ihre Tränke gehorsam.

„Aber er ist immer noch da", protestierte sie schwach. „Ich kann immer noch seine Hände spüren, die mich verletzen, seine Finger, die auf meiner Haut brennen", plötzlich warf sie ihren Kopf zurück und schrie vor Schmerzen. „Seine Hände sind über all auf mir! Oh Gott, es brennt so!"

Er verlor sie. Der Trank wirkte nicht schnell genug und wenn sie ihm nun entgleiten würde,gäbe es keine Rückkehr mehr für sie. Sie musste sich nur noch für ein paar Minuten mehr zusammenreißen, bis er sie geheilt hatte.

„Hermine". Keine Reaktion. „HERMINE! Verdammt nochmal Mädchen, antworte!"

Ein Zittern ging durch ihren Körper. Er benutzte seinen Zauberstab um ihren Mantel und die Schuluniform wegzuschneiden und enthüllte blutgetränkte Unterwäsche.

„Hermine!"

Er ließ einen Diagnosespruch über ihren Unterleib laufen, wissend, was er zu erwarten hatte. Die Bestätigung verursachte ihm dennoch Übelkeit.

„Miss Granger! Die Zutaten einer Brandsalbe! Hören Sie auf zu faulenzen und antworten Sie mir sofort." Seine scharfe Lehrerstimme holte sie aus ihrem Halbschlaf zurück. Ganz und gar diejenige, die stets den Lehrern gehorchte, rasselte sie sie Zutaten herunter, die sie schon im Schlaf aufsagen konnte.

„Eine Basis aus Aloe und Bienenwachs", stöhnte sie.

„Das ist richtig. Schneller, Miss Granger. Ich habe nicht die ganze Nacht Zeit", grollte er während er die Heilsprüche anwendete und verzweifelt betete, dass es nicht zu spät war. Die inneren Blutungen hatten ihren Bauch aufgebläht und die Bettwäsche war mit roter Feuchtigkeit durchtränkt.

„Zerstoßene Blätter der Eisblume... Seegrasextrakt... Eukalyptus..."

Er brauchte fünf Minuten, um das Blutbad aus zerfetztem Gewebe und Venen zu heilen, das Lucius' Messer angerichtet hatte, während er die ganze Zeit Hermines schwacher Stimme zuhörte, wie sie das Rezept für die Salbe präziser wiederholte, als es einer ihrer Kameraden im besten Gesundheitszustand hinbekommen hätte. Er wollte schreien, wollte vor Schmerzen und Frustration heulen, aber er hielt seine Stimme kurzangebunden und unter Kontrolle. Seine Hände arbeiteten mir der stetigen Effizienz eines Tränkemeisters, während die Verzweiflung seinen Geist verdüsterte.

Dann, nach ungefähr einer Stunde gaben ihm die Sprüche die Bestätigung, auf die er gehofft hatte. Sie würde leben. Der Effekt der Tränke trat ein und ihr Gesicht bekam wieder etwas Farbe. Langsam kehrte wieder etwas Realitätssinn in ihre Augen zurück.

Severus erinnerte sich daran zu atmen. Seine Nüstern füllten sich mit dem zurückgebliebenen Gestank aus Blut Schweiß und Angst. Er ging zum Fenster hinüber und öffnete es. Die frische Luft half ihm, die letzten Fetzen der Panik aus seinem Kopf zu vertrieben und mit einem Schwung seines Zauberstabes reinigte er sie und ihr Bett von den Spuren ihrer knappen Rettung.

Er fühlte sich plötzlich wie ein müder, alter Mann und ging zum Kamin hinüber, um ein Feuer zu entfachen. Dann stellte er einen Sessel neben ihr Bett und ließ sich in ihn sinken. Er fühlte sich wacklig, aber erleichtert.

Sie würde leben.

Schwäche überkam ihn und er hielt seinen müden Kopf in seinen Händen. Sie hatten Glück gehabt, aber die Gefahr war noch nicht ganz vorüber. Während er nach den tiefen Quellen seiner Kraft suchte, die ihn für so viele Jahre hatten weiterspionieren lassen, richtete er sich auf und untersuchte kritisch ihr Gesicht.

„Hermine."

Während er sie nicht angesprochen hatte, waren ihre Augen zugefallen. Nun öffneten sie sich langsam wieder und er konnte ihren Kampf sehen. Wie schwer doch ihre Augen und wie verführerisch doch der Schlaf war. Trotzdem kämpfte sie so tapfer und starrköpfig wie sie war gegen die gefährlichen Tiefen an.

„Kannst du mich hören, Hermine? Weißt du wo du bist?"

Sie stöhnte, doch er konnte sehen, wie sie gegen den Schock kämpfte, der ihren gesamten Kreislauf befallen hatte. Sie benutzte den Schmerz und kanalisierte ihn, um etwas Kontrolle über ihren Körper zu bekommen. Ihre Augen wurden klarer und ein Funken des Wiedererkennens trat in sie.

„Severus." flüsterte sie genau so, wie sie es vor der Ewigkeit von zwanzig Minuten gemacht hatte. Er lächelte sie warm an. Es war etwas, dass ihm mittlerweile ganz leicht gelang, obwohl er in seinem Leben nie viel gelächelt hatte.

„Wie fühlst du dich?" fragte er langsam

„Ich ... mir ist kalt und ich fühle mich... dreckig."

„Du hast eine Menge Blut verloren. Die Kälte sollte in einigen Minuten nachlassen. Entspanne dich einfach und atme tief durch."

Aber die Kälte schien nicht ihr dringendstes Problem zu sein.

„..Dusche..." krächzte sie.

Und trotz ihrer vollkommenen Schwäche, begann sie sich aufzurichten. Nur das kleine Stöhnen, das ihren zusammen gebissenen Zähnen entschlüpfte, ließ den verwunderten Severus eingreifen.

„Du darfst dich nicht bewegen", erklärte er ihr und drückte sie sanft zurück in die Kissen. „Ich habe deine Wunden geheilt, aber dein Fleisch ist noch immer empfindlich. Jede Bewegung könnte dich wieder verletzen." Seine Worte schienen sie wieder daran zu erinnern was geschehen war, da sie sich nun wieder verspannte und zu einem geschützten Ball zusammenrollte.

„Sei vorsichtig Hermine". Er musste sie wieder aufhalten. „Bewege dich nicht."

Dennoch streckte sie die, vor Schwäche zitternden Finger aus, und begann ihre Haut mit mitleiderregendem Erfolg von den Erinnerungen zu reinigen. Rauf und runter, rauf und runter. Während er sie geheilt hatte, hatte er reinigende Sprüche angewandt, aber das war anscheinend nicht genug. Sie musste sich selber von seiner Berührung und dem Dreck, dem er sie ausgesetzt hatte, befreien.

Er erinnerte sich an die Nächte, als er sich, in dem Versuch die Hände, die Schmerzen und die Gesichter, die um Gnade gewinselt hatten, verschwinden zu lassen, wund gescheuert hatte...

„...Dusche.."

Er wusste nicht, ob es eine gute Idee war. Sie brauchte nicht noch mehr Hände auf sich, aber es war der einzige Weg, der ihm im Moment einfiel, um ihr zu helfen sauber zu werden. Er kniete sich neben ihrem Bett hin, während er eine Schüssel mit warmem Wasser und einen Schwamm heraufbeschwor.

„Entspann dich Hermine", sagte er ihr. „Ich werde dir helfen, seine Hände verschwinden zu lassen."

Sie zischte, als der Schwamm sie berührte. Ihre mit Panik gefüllten Augen schossen zu seinem Gesicht.

Er ließ sofort alle Schilde um seinen Geist herum fallen, stellte sicher, dass alle seine Intentionen und vor allem sein Wunsch ihre zu helfen offen vor ihr lagen. Er sandte ihr beruhigende Gedanken der Sauberkeit und Wärme und Friedens über ihre Verbindung, während er den Schwamm nicht einen Zoll bewegte.

Endlich entspannte sie sich in seine Berührung und wiederum staunte er über das Vertrauen, das sie ihm schenkte.

Seine Bewegungen waren langsam, als er sie wusch, und er gab sich Mühe alle Bereiche ihres Körpers auszulassen, die sie erschrecken oder an seine Hände erinnern könnten. Als er sie in der Luft schweben ließ, um ihren Rücken zu waschen durchlief sie ein Schauer.

„... wie schlimm..."

„Sehr schlimm", antwortete er. Er kannte sie gut genug, um nicht zu lügen. „Er hat dich beinahe umgebracht. Wenn du nur ein paar Minuten mehr gebraucht hättest, dann wäre es zu spät gewesen."

Sie schüttelte sich, und schloss ihre Augen, versteckte sich vor der äußeren Welt. Er konnte sehen, wie sie sich entzog, und er hörte kaum ihr müdes Flüstern.

„...schade..."

„Sag das nicht Hermine. Ich bin froh, dass du rechtzeitig wieder da warst."

Als er fertig war sie zu waschen, fing sie an zu zittern und er trocknete ihren Körper schnell mit einem Spruch. Ein Wedeln seines Zauberstabes ließ sie in ihrem Pyjama gekleidet zurück. Er zögerte einen Moment, entschied sich aber dann mit seinem „Hermine - Säuberungsprogramm" fortzufahren. Er rief eine Haarbürste aus dem Badezimmer herbei, legte ihren Kopf vorsichtig auf das Kopfkissen und fing vorsichtig an, ihre Locken zu kämmen.

Er hatte noch nie das Haar einer Frau gekämmt. Es war beruhigend, die Bürste durch diese schweren, seidigen Locken gleiten zu lassen, die seit einiger Zeit nicht mehr gekämmt worden waren. Er sah das Hermine ihre Augen geschlossen hatte und dass langsam die Schmerzensfalten aus ihrem Gesicht schwanden.

„Meine Mutter hat das immer gemacht, als ich klein war", flüsterte sie und ihre Stimme erstarb.

Nach einem Moment der Überlegung entschied er sich für einen einfachen geflochtenen Zopf. Es sah ein wenig verdreht aus, aber es schien akzeptabel, dafür, dass er es das erste Mal getan hatte. Vorsichtig richtete er ihr Kissen und breitete das Laken über ihr aus. Er dachte, dass sie eingeschlafen war, aber als er von dem Stuhl aufstand, öffneten sich ihre Augen wieder.

„Danke, Severus."

„Gern geschehen, Hermine. Versuche nun zu schlafen. Ich werde dich nicht alleine lassen."

Sie seufzte und er wartete, bis sich ihre Augen wieder geschlossen und sich ihre Lippen im Schlaf leicht geöffnet hatten, bevor er zu ihrem Schreibtisch hinüber ging. Da gab es noch eine Sache, die er tun musste, bevor er der Erschöpfung nachgeben konnte.

Draco musste gewusst haben, wohin sein Vater gegangen war. Er musste mittlerweile verzweifelt sein. Severus rief ein Pergament und eine Feder herbei und kritzelte schnell eine Nachricht in der Handschrift eines heranwachsenden, nicht sehr sorgfältigen Schülers.

„Lieber Draco,

die Löwin, die Du mir geschickt hast ist großartig! Sie hat ein wenig auf der Reise gelitten, aber jetzt, wo ich sie ein bisschen gekämmt habe, wird sie sich gut erholen. Ich werde sie beschützen.

Hab ein schönes Weihnachtsfest! Wir werden uns in Hogwarts sehen,

Mit freundlichen Grüßen, Dein

Elrond."

Seine Eule kümmerte sich um den Brief und er schloss das Fenster hinter sich, als er ein Rascheln der Bettwäsche hörte. Er drehte sich um und fand sie immer noch schlafend vor. Aber aller Frieden schien sie verlassen zu haben. Hände klammerten sich in das Bettzeug, der Kiefer war fest zusammengepresst und ihr Rücken wölbte sich in Krämpfen. Hermine war das Abbild des stummen Leidens.

Seine alten Freunde, die Albträume, waren wieder da und so wie es aussah, waren sie gekommen, um zu bleiben. Ohne ein bewusstes Zutun brachten ihn seine Füße an ihre Seite. Er nahm ihre kalte, schlaffe Hand in seine und erinnerte sich, wie seine Anwesenheit sie schon einmal beruhigt hatte.

Möglich, dass ihre Erinnerungen zu stark waren, oder dass sie schon zu weit weg war, um noch von der Berührung seiner Hand erreicht zu werden, auf jeden Fall hörten ihre unruhigen Bewegungen nicht auf. Er runzelte die Stirn. Die Zuckungen mussten aufhören, die kaum verheilten Wunden würden sonst aufreißen.

So fand die stille Mitternachtsstunde Hogwarts Zaubertrankmeister vor, wie er an dem Bett eines Schülers seine Schuhe und die Robe auszog. Vorsichtig hob er sie von dem Kissen und kletterte hinter sie.

Er war so außerhalb seiner Rolle, als er ihren Kopf an seine Brust zog , dass sogar Albus sich an einem seiner Zitronendrops verschluckt hätte.

Aber ihre Bewegungen verebbten langsam. Die Albträume verschwanden und sie lehnte sich ohne wach zu werden in die Berührung und den Trost des warmen Körpers, der sie unterstützte.

Ein kleines Lächeln, selbst in ihrem Schlaf müde und erschöpft, wölbte ihre Lippen nach oben, und er lächelte zurück. Ein seltsame Wärme erblühte in seiner Brust, während er Hermine Granger beim Schlafen zusah.

Er hatte gedacht, dass er sich bei der Nähe nicht wohl fühlen würde, dass er den Kontakt verabscheuen würde. Er kein Mensch der Berührungen und jeder, der seine persönlichen Bereich in der Vergangenheit betreten hatte, hatte es bitterlich bereut.

Aber das hier war anders. Das war Hermine

Und als sein Blick wieder auf ihrem, nun wieder friedlichen Gesicht lag, realisierte er plötzlich etwas so stark, dass ihn nur die Disziplin eines Spions von einer physischen Reaktion abhielt.

Irgendwann innerhalb dieser letzten Wochen des Redens, Forschens und Kämpfens war sie mehr für ihn geworden, als nur ein wichtiges Teil in diesem Spiel. Sogar mehr als ein Partner oder Freund.

Sie war zu dem Mittelpunkt seines Lebens geworden.

Er wusste nicht wie es geschehen war, dass sich eine know-it-all mit buschigem Haar, die zwanzig Jahre jünger war als er, in sein Herz und seinen Geist geschlichen hatte und da geblieben war.

Alles was er wusste, war, dass sein Schwur sie zu beschützen, erst etwas, das einen Vorteil für den Orden sichern sollte, ihm einen neuen Weg in seinem Leben gegeben hatte. Und dass er das kleine Wunder, das gerade in seinen Armen schlief, beschützen würde. Egal was passieren würde. Sogar mit seinem Leben, sollte es notwendig sein.

Ohne sich dessen bewusst zu sein, strichen seine langen, schlanken Finger durch ihr Haar und er ließ die schweren Locken durch seine Finger gleiten. So schlief Severus Snape mit Hermine, die er in seinen Armen hielt und sich an ihn lehnte, ein.

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AN: So im nächsten Kapitel dann Hermines Reaktion auf Severus Verhalten.

Und wiedereinmal danke an meine nette Beta für ihre Arbeit.

LG wati