Kapitel 24: nichts als bittere Erinnerungen

Kit wusste nicht, wie lange er mit Jude zusammen auf den Boden des Badezimmers gesessen hatte. Er hielt sie einfach nur in den Armen und ließ sie weinen. Irgendwann wurde ihr Schluchzen leiser und er spürte wie sie anfing zu zittern. Liebevoll rieb er ihre Arme und küsste immer wieder ihre Stirn.

„Komm, wir müssen aufstehen. Du bist schon eiskalt."

Langsam stand Kit auf und zog Jude mit sich. Er legte seinen Arm um sie und führte sie vorsichtig an Emerson vorbei, der immer noch auf dem Boden lag.

„Ist…..ist er tot?" fragte Jude und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.

Kit warf einen hasserfüllten Blick auf das Monster namens Emerson und schüttelte den Kopf.

„Ich weiß es nicht, ich glaube nicht."

Er brachte Jude aus dem Badezimmer und schloss dann die Tür von außen ab. Zwar glaubte er nicht, dass er so schnell wieder aufstehen würde aber er wollte auf Nummer sicher gehen. Er führte Jude ins Wohnzimmer und ließ sie auf der Couch Platz nehmen. Schnell holte er ihr eine Decke und legte sie ihr um die Schultern. Bis jetzt war er noch nicht einmal dazu gekommen, sie zu fragen ob sie verletzt war. Er nahm neben ihr Platz und sah sie mitfühlend an.

„Judy? Bist du verletzt?"

Jude schluckte und blickte nach unten. Sie wollte nicht, dass er sich noch mehr Sorgen machte aber ihre Hand schmerzte schrecklich und sie wusste, sie konnte es nicht verstecken.

„Es ist meine linke Hand…..sie tut weh."

Bis jetzt hatte Jude sie versteckt, indem sie die Arme vor sich verschränkt hatte.

„Lass mich mal sehen." Vorsichtig zog er ihre Hand hervor und sobald er sie erblickte, schnappte er nach Luft. Ihre Finger waren in einer unnatürlichen Haltung gekrümmt und die Haut war vom Handrücken an bis zu ihren Finger abgeschürft. An einer Stelle ihres Zeigefingers, war ihre Haut so zerfetzt, dass er bis auf ihren Knochen blicken konnte. Wieder hatte er den Drang abermals auf Emerson einzuschlagen „In Ordnung, hör zu Judy! Ich bin gleich wieder da, ich werde jetzt die Polizei und einen Krankenwagen rufen." Doch kaum war Kit aufgestanden, spürte er Judes Hand auf seinen Unterarm.

„Nein…bitte Kit….keinen Krankenwagen." Bittend sah sie ihn an.

„Judy, dass muss behandelt werden. Ich glaube deine Finger sind gebrochen und du hast eine offene Wunde, die sich nicht entzünden darf. Du musst zu einem Arzt."

Doch Jude schüttelte nur heftig den Kopf „Nein, nein, nein. Bitte Kit, ich will nicht ins Krankenhaus….nicht hier."

Jetzt verstand Kit erst, was Judes Problem war. Sie wollte nicht hier zum Arzt, weil sie wusste wie die Leute sie hier behandeln würden. Sie hatte schon so viel durchgemacht und Kit wollte ihr nicht noch mehr zumuten.

„Fein, ich werde jetzt zuerst die Polizei rufen und wenn Sie hier waren, dann fahr ich dich in ein anderes Krankenhaus." Mit einem leichten Lächeln sah er sie an „Alles wird wieder gut Judy."

Kit ging zum Telefon und alarmierte die Polizei, während er Jude nie aus den Augen ließ. Ihr Blick war die ganze Zeit über auf den Flur gerichtet. Kit nahm an, sie befürchtete Emerson könnte sich befreit haben. Er betet inständig, dass Jude dieses Erlebnis verarbeiten würde. Sie war eine unglaublich starke Frau, das wusste er schon bevor er sich in sie verliebt hatte aber wie viel konnte ein einzelner Mensch ertragen? Am liebsten hätte Kit sofort die Koffer gepackt, hätte sich mit Jude zusammen ins Auto gesetzt und wäre mit ihr nach Boston gefahren. Er liebte dieses Haus einst so sehr, aber nun lagen nur noch bittere Erinnerungen hier.

Nachdem er die Polizei alarmiert hatte, ging er wieder zu Jude und setzte sich neben sie.

„Sie werden in etwa 10 Minuten hier sein."

Jude starrte noch immer in Richtung Flur, langsam aber nur ganz langsam hatte sie das Gefühl wieder richtig klar im Kopf zu werden. Erschrocken sah sie zu Kit „Wo sind die Kinder? Ich habe sie nicht gesehen? Oh Gott, sag bitte sie haben nichts davon gesehen? Sind sie im Bett? Wir können sie nicht allein lassen." Jude wollte schon aufspringen und zu den Kinderzimmern rennen, als Kit sie zurück hielt.

„Jude, beruhige dich. Sie sind bei Lana in Boston. Keine Sorge, sie sind in Sicherheit."

Jude fiel ein Stein vom Herzen und sie atmete erleichtert auf, es wäre ein Alptraum wenn die beiden etwas von dem was hier geschehen war mitbekommen hätten.

„Gott sei Dank." Seufzte Jude und lehnte sich wieder an Kit. Mit ihrer unverletzten Hand zog sie die Decke enger um sich. Sie hatte das Gefühl, die dreckigen Hände von Emerson noch auf ihrem Körper zu fühlen. Er hatte sie berührt….überall. Sie fühlte sich so dreckig und abstoßend, sie wollte nichts lieber tun als sich unter eine kochend heiße Dusche stellen und all den Dreck von ihrem Körper waschen. Doch nicht einmal das war in diesen Moment möglich. Mit zweifelhaften Blick, sah sie zu Kit. Verspürte er nicht den gleichen Ekel? Er hatte gesehen was Emerson getan hatte. Was wäre, wenn er nun ebenso abgestoßen von ihr wäre, wie sie es selbst war. Sie würde es ihm nicht verdenken.

Es vergingen nur wenige Minuten, als Kit die Sirenen der Polizeiautos hörte. Er bereitete sich mental auf die Fragen der Polizisten vor, die noch nie gut auf ihn zu sprechen waren. Doch noch viel mehr Sorge hatte er, dass die Fragen die sie stellen würden, Jude wieder aus den Ruder werfen würden. Noch bevor sie das Haus betraten, nahm er Jude Gesicht zwischen seine Hände.

„Wir schaffen das zusammen Judy. In Ordnung? Ich bin hier." Er gab Jude einen kurzen liebevollen Kuss und ging dann zur Tür. Als er sie öffnete, erblickte er 5 Polizisten, die auf ihn zukamen. Alle kannten Kit und keiner von ihnen, hatte jemals einen freundlichen Blick für ihn oder seine Familie übrig gehabt.

Das würde schwerer werden, als er dachte.