Ich bin deine Tante
Heaven begab sich nach dem Besuch im Krankenflügel in ihre Wohnung. Dort angekommen öffnete sie die Fenster, damit etwas von der warmen, reinen Luft in ihre Räume gelangen konnte, während sie ihr Projekt weiter ausarbeiten wollte. Sie holte die Bücher aus ihrem Regal und legte sie auf den Schreibtisch. Dann nahm sie Pergament aus einer Schublade und begann mit der Feder in der Hand das oberste Buch durchzublättern und machte sich hier und da Notizen. So verfuhr sie auch mit den anderen Büchern. Plötzlich klopfte es an ihrer Tür und riss sie aus ihrer Konzentration. Vor Schreck hätte sie beinahe die Feder fallen lassen.
Sie erhob sich und öffnete die Tür. Da stand Melchior. „Hallo Heaven, ich wollte dich fragen, ob wir bei dem schönen Wetter draußen einen Spaziergang machen wollen?", meinte Melchior. „Ich denke es sollte nichts dagegen sprechen, wenn ich einfach einmal nichts mache und mit einem guten Freund über die Ländereien schlendere", stimmte sie zu. Er lächelte leicht.
„Es freut mich und ich staune immer wieder, dass du dich so sehr um das Wohlergehen der Schüler kümmerst. Woher weißt du so viel über die psychischen Probleme dieser Kinder? Es interessiert mich, warum du überhaupt so viel Fachliteratur darüber besitzest", fragte Melchior.
„Naja, du musst wissen, ich hatte es nicht immer leicht in meinem Leben. Meine Mutter ist bei meiner Geburt gestorben, mein Vater einige Jahre später. Zum Glück haben sich meine zwölf Jahre ältere Schwester und ihr zukünftiger Mann um mich gekümmert. Meine Schwester war achtzehn als mein Vater starb und somit in der Welt der Zauberer volljährig. So war sie berechtigt, sich mir anzunehmen. Leider mussten auch die beiden viel zu früh sterben. Anschliessend wurde ich von einem alten Zauberer-Ehepaar adoptiert, welches sich in die Muggelwelt zurückgezogen hat. Schon wieder sollte ich kein Glück haben. Die beiden starben bei einem Autounfall. Nach dieser Tragödie habe ich meine besten Freunde Adam und Paul kennengelernt. Ich muss am Tag nach dem Unfall furchtbar ausgesehen haben. Ich kam aus dem Krankenhaus, hatte die ganze Nacht durch geweint und hatte gebetet, dass die beiden überleben. Um ein Uhr nachts überbrachte man mir die Nachricht, dass die Ärzte meinen Adoptiveltern nicht mehr helfen konnten. Ich war am Ende. Ich wollte vergessen wer ich war und meine ganze schreckliche Vergangenheit hinter mir lassen. Adam und Paul haben sich völlig selbstverständlich um mich gekümmert und haben sich um mich bemüht. Dank und mit ihrer Hilfe habe ich es geschafft, langsam wieder Fuss zu fassen, das Leben in die Hand zu nehmen und über all die fürchterlichen Ereignisse hinweg zu kommen. Genau das möchte ich bei unseren Schülern auch erreichen. Sie sollen lernen, ihre Vergangenheit zu akzeptieren und ebenfalls die Fehler, die sie gemacht haben. Nur so werden sie wachsen und ihre Zukunft meistern können", erzählte Heaven.
Melchior war über den Bericht seiner Kollegin völlig schockiert. „Das ist grausam, es tut mir aufrichtig leid, dass ich so unglaublich neugierig war. Ich kann jetzt verstehen, warum du dich so sehr um die Schüler bemühst", meinte er betroffen. „Ich komme heute damit klar, ich rede zwar immer noch nicht gern darüber, aber es war mir wichtig, dass ich ehrlich zu dir bin", erwiderte sie. Sie verließen das Schloss und betraten die Ländereien. „Außerdem hat eine meiner Freundinnen sich damals dafür entschieden, magische Therapeutin zu werden. Ich habe ihr vor einigen Tagen geschrieben und warte auf eine Antwort", meinte Heaven. Melchior nickte nur.
Schweigend gingen sie nebeneinander her, bis Heaven abrupt stehen blieb. „Ich muss ihm unbedingt erzählen wer ich bin", murmelte sie, aber Melchior hatte sie verstanden. „Wem musst du was erzählen?", wollte er - neugierig wie er war - von ihr wissen. „Harry", erwidert sie auf die Frage. „Harry? Harry Potter?", fragte er erstaunt. „Ja genau der Harry", sagte Heaven. „Und wer genau bist du?" „Ich bin seine Tante, Lily war meine Schwester. Bitte versprich mir, dass du keinem davon erzählst!" „Hoch und heilig versprochen. Ich glaube es nicht, du bist Lily Potters Schwester und Harry Potters Tante, das ist nicht zu fassen", staunte Melchior. „Ich muss es ihm jetzt sofort sagen! Da vorne sitzt er", sagte sie und deutete auf Harry, der zusammen mit Hermine auf einer Bank am See saß.
„Harry, könnte ich dich einen kurzen Moment sprechen?", fragte sie, als sie neben ihm stehen blieb. Melchior hatte sich unauffällig ins Schloss zurückgezogen. „Alleine?", wollte er wissen. „Es sind persönliche Informationen, aber du kannst gerne bleiben, Hermine", antwortete sie, als sich Hermine schon erhoben hatte und gehen wollte. Hermine setzte sich wieder. „Harry, erinnerst du dich noch als ihr - du und Hermine - das letzte Mal bei mir gewesen seid? Ich wollte dir etwas Wichtiges erzählen. Du hast mich gefragt, ob ich neben deiner Mutter gewohnt habe. Das habe ich nicht - ich habe im gleichen Haus gewohnt. Lily war meine große Schwester. Harry, ich bin deine Tante", erzählte Heaven.
„Ich… nein, das kann ich nicht glauben", flüsterte Harry und seine Stimme zitterte. „Doch Harry, es ist wahr", meinte Heaven. Harry schüttelte verständnislos den Kopf. „Harry, sie hat die gleichen Augen wie du, sie hat das gleiche Lächeln und sie hat dasselbe große Herz. Ich habe es schon damals bemerkt, als ich sie das erste Mal gesehen habe. Doch Harry es muss die Wahrheit sein", mischte sich Hermine ein. Harry schluchzte auf. „Das… das… ich bin überwältigt. Du bist meine Tante?", stotterte Harry. „Ja Harry, ich bin deine Tante, Tante Heaven. Aber um Gottes Willen, das hört sich ja an, als wäre ich steinalt, bitte nenne mich einfach nur Heaven, wenn wir alleine sind", sagte sie.
„Nimmst du mich bitte in den Arm? Ich komme mir zwar vor wie ein kleines Kind, aber ich kann es einfach nicht glauben", fragte Harry leise. „Natürlich", sagte Heaven sanft und schloss den schwarzhaarigen, jungen Mann in ihre Arme. Beruhigend streichelte sie ihm über den Rücken. „Harry, ich bleibe bei dir, wir sind eine Familie auf immer und ewig", flüsterte sie. „Danke", murmelte er. Hermine konnte ihre Gefühle nicht mehr unter Kontrolle halten und schluchzte leise auf. „Das ist so wunderschön. Harry, das habe ich mir immer für dich gewünscht. Jetzt hast du endlich eine nette, echte und liebenswerte Verwandtschaft", meinte sie leise. „Hermine, du gehörst auch dazu! Du wirst immer meine Schwester bleiben", sagte er und schloss Hermine in eine Umarmung.
Als die drei gemächlich ins Schloss zurückkehrten, lag eine tiefe Ruhe und Glückseligkeit auf ihren Gesichtern. Die Sonne strahlte über die Ländereien und die Natur leuchtete in ihren wunderschönsten Farben.
In der Eingangshalle begegnete sie Severus Snape. „Schönen guten Tag Herr Kollege", trällerte Heaven ihm fröhlich entgegen. „Schön?", brummte dieser grimmig zurück und ging weiter, ohne den drei glücklichen Menschen groß Beachtung zu schenken.
