Teil 25 - Hundstag Nachmittag

Hermine kümmerte sich um ihre eigenen Angelegenheiten im Zaubertränke-Raum und genoss den Luxus studieren zu können, ohne unter Druck zu stehen, ihre duale Identität aufrecht zu erhalten. Mit einem Auge wachte sie über ihrem neuesten Versuch den genauen Grund ihres Dilemmas herauszufinden. Auch wenn sie wusste, dass ihre Situation nicht ewig andauern würde - die Alraunwurzeln würden irgendwann reifen -, so war sie genauso wie Snape daran interessiert, die frustrierende Mixtur zu einer Liste von Zutaten, einer Brau-Anleitung und einer leicht verständlichen Formel reduziert zu sehen. Dies konnte sich vielleicht irgendwann als nützlich erweisen, ja, aber mehr als das; sie wollte es vor allem wissen.

Es war gerade einer dieser Momente, in der ihre Nachforschung die Phase von auf kleiner Stufe für 24 Stunden köcheln lassen erreicht hatte und so nur sehr wenig Aufmerksamkeit verlangte. Der grössere Teil ihres Verstandes war gerade mit der letzten Ausgabe von Artis Auriferae beschäftigt, und sie hoffte, dass sie damit fertig war, bevor Snape wieder kam und zurückforderte was, rein technisch gesehen, sein Besitz war.

Der Gedanke an Snape liess sie auf die Uhr schielen und wundern, wo er blieb. Er war in die Grosse Halle zum Mittagessen gegangen, und sie hatte den Vorteil ihrer Position ausgenutzt und war in die Küche gegangen, um ein Tablett mit Esswaren von den Hauselfen zu bekommen. Es war nun halb sechs Uhr und bereits seit einigen Stunden dunkel. Sie wollte gar nicht erst über den Zustand seiner Laune spekulieren, sollte er die ganze Zeit bis jetzt mit Harry und Ron verbracht haben.

Humor kämpfte mit Erleichterung, und ihr Mund zuckte kurz bei dem Gedanken, dass er, lieber denn sie, einer ernsthaften Diskussion über die konkurrierenden Vorzüge verschiedener Besenstiel-Polituren beiwohnen musste.

Als ob der Gedanke daran das Geschehen beschleunigt hätte, öffnete sich die Türe des Raumes mit einem Knall um einer aufständisch aussehenden Schulsprecherin Einlass zu gewähren, welche all die üblichen Symptome von jemandem aufwies, der eine bedeutsame Menge an Stress loswerden wollte.

Hermine legte das Pergament in ihrer Hand hin und wartete darauf, dass er etwas sagte.

Er stolzierte zum Experiment hinüber und starrte es anklagend für einige Augenblicke an.

"Es hat den ganzen Nachmittag geköchelt.", bemerkte sie, "Ich habe es nicht angefasst. Ich habe nur hier gesessen und gelesen."

"Nun, ich bin froh, dass wenigstens einer von uns einen produktiven Nachmittag hatte.", kam die Antwort.

"Ich nehme an, dass der Ausflug nach Hogsmeade etwas anstrengend gewesen war."

Er drehte sich zu ihr um.

"Lassen Sie mich mal überlegen… Ich wurde mit Butterbier zwangsgefüttert.", seine Nase kräuselte sich, als er die Punkte mit seinen Fingern abzählte, "Zwar wurde ich von einem Ausflug zu Wood's Quidditch-Zubehör verschont, aber mir wurde anschliessend das Erlebnis in so liebevoller Einzelheit erzählt, dass ich den Unterschied beinahe nicht spüren kann. Als Belohnung haben mir Mr Potter und Mr Weasley erlaubt, den Buchladen zu besuchen."

Sie konnte sich nicht helfen; sie fühlte ihren Mund sich zu einem gänzlich mitleidslosen Grinsen verziehen.

"Und jetzt ich bin nach Hogwarts zurückgekehrt um das Objekt Ihrer Unterhaltung und Belustigung zu werden. Wieso sollte ich nicht überwältigt vor Freude sein?"

"Sie können manchmal ein bisschen zu viel werden, wenn sie mit Quidditch anfangen, nicht wahr?", sagte sie, und es gelang ihr sogar, etwas Mitgefühl in ihre Stimme einfliessen zu lassen - wenn auch ihr Gesicht immer noch nicht kooperieren wollte.

"Ein bisschen", sagte er ironisch. "Ich hatte keine Ahnung, dass es überhaupt möglich ist, so lange über Roben zu diskutieren. Es scheint, als hätten die Chudley Cannons ihre Roben von jemandem mit dem Namen Philomena Plinge neu gestalten lassen. Die Meinungen über Madame Plinges Fähigkeiten gehen jedoch weit auseinander. Mr Weasley ist der Ansicht, dass sie das Orange etwas blasser gewählt und die Grösse des Cannon-Balles sehr zum Nachteil des traditionellen Erscheinungsbildes verändert hat. Seine Auffassung über den Wechsel der Schriftart von 'serif' zu 'sans serif' im Monogramm sind bar jeder Wiederholung. Mr Potter hingegen ist eher uninteressiert an den Aspekten der Eleganz in dieser Hinsicht. Er fürchtet, dass die muschelförmige Gestaltung des Saumes, zusammen mit der dekorativen Reliefstickerei, die Chancen einer gefährlichen Verwicklung mit den Zweigen des Besens dramatisch erhöht. Des Weiteren ist er überzeugt, dass die Aufweitung der Manschette, kombiniert mit den neuen 3/4-Ärmeln, eine unüberwindbare aerodynamische Problematik selbst für die qualifiziertesten Sucher darstellt. Kurz gesagt, sie sind übereingekommen, dass das Management der Cannons ein grauenhaftes Fehlurteil gefällt hat, und, was noch schlimmer ist, dass die neuen Roben 'mädchenhaft' sind."

Hermine hatte ihre Hand während dieser Hetzrede über ihren Mund halten müssen. Wäre es nicht Snape gewesen, hätte sie annehmen müssen, dass er sich in Szene setzen wollte.

"Ich glaube," schloss er mit einem Seufzer, "dass Mr Potters und Mr Weasleys Quidditch-Diskussionen sogar schlimmer sind als Miss Brown und Miss Patil beim Schönheitstipps-Austauschen. Ich gestehe, dass ich unfähig bin zu verstehen, wie Sie sechseinhalb Jahre Ihrer Schulzeit durchgestanden haben, ohne mindestens ein Mal Ihre Mitbewohner zum Schweigen zu verhexen."

Hermine zuckte etwas scheu mit den Schultern.

"Nach einer Weile lernt man es auszufiltern."

Er schaute sie an als ob er gleich etwas sagen wollte, doch statt dessen verschränkte er nur seine Arme.

"Und das ist nicht alles.", fuhr er fort, "Ich habe im 'Drei Besen' ein weiteres interessantes Stückchen an Information herausgefunden." Er machte eine Pause. "Ich habe erfahren, dass ich Pläne habe, die Weihnachten bei der Weasley-Familie zu verbringen."

Hermine versteifte sich in einer Mischung aus Schock und Schuld. Sie hatte das Arrangement komplett vergessen, geplant während des Sommers von Molly Weasley und ihren Eltern, dass sie die Weihnachtsferien im Fuchsbau verbringen sollte. Sie hatte sich zwar gleich zu Beginn daran erinnert, als sie immer noch geglaubt hatte, das ihr Problem leicht zu lösen war, bevor es ein Problem sein würde. Und dann hatte die Notwendigkeit Snape zu sein Überhand gewonnen, und sie hatte sich allmählich bis zu einem solchen Grad in ihrer Rolle eingefunden, dass ihr Leben als Hermine ihr ein Gefühl der Unwirklichkeit vermittelte. Sie wusste nicht, ob sie sich schuldig fühlen sollte, es vergessen zu haben Snape zu sagen, oder ob sie schockiert sein sollte, so viel vom Sinn ihrer Selbst verloren zu haben.

Nun, da sie daran erinnert worden war, gab es noch eine weitere Tatsache die er nicht mögen würde.

"Nicht nur das.", fuhr er fort, "Mir wurde auch gesagt, dass wir alle von Sirius Black dorthin eskortiert würden."

Ah. Also wusste er auch davon.

Im Laufe ihrer kurzen Zeit als Hauslehrer von Slytherin hatte sie entdeckt, dass die Freiheit - und, in der Tat, die Unschuld - von Sirius Black so etwas wie ein offenes Geheimnis unter den Lehrern geworden war. Wie dem auch sei, sie hatte sich nie direkt nach Snapes Meinung zu diesem Thema erkundigt.

"Ähm…", begann sie, nicht sicher wie sie ihn ansprechen sollte. Heute Morgen hatte sie ihn neckenderweise Severus genannt. Dies jedoch fühlte sich nicht wie ein Moment zum necken an. Aber ihn Professor zu nennen würde sie viel zu stark wie ein Bittsteller fühlen lassen. Das wäre zu untypisch für ihn. Es war auch, musste sie zugeben, untypisch für die Person, welche sie in sich selbst zu entdecken begann.

Glücklicherweise schien er vorauszuahnen, was sie gerade dabei war zu sagen.

"Sie müssen sich nicht sorgen, Hermine. So sehr ich auch Black nicht ausstehen kann, so werde ich keine Auroren herbeirufen, wenn ich ihn zu Gesicht bekomme." Er machte eine Pause, lange genug für sie zu registrieren, dass er ihren Vornamen benützt hatte, und dass sein Ton milder gewesen war, als sie erwartet hätte. "Wie dem auch sei", sagte er mit einigem Nachdruck, "es wäre hilfreicher gewesen, diese Information gewusst zu haben, bevor ich mich an meinem Butterbier verschluckt habe."

"Es tut mir leid", sagte sie reumütig. "Mit dem ganzen drum und dran ist es mir komplett entfallen. Ich hatte gehofft, dass wir... Sie... ", sie gestikulierte in Richtung des laufenden Experimentes, sich unangenehm bewusst, dass sie zu sehr wie die alte Hermine klang und es absolut nicht zu Snape passte.

Falls er es bemerkte, kommentierte er es nicht.

"Ja, nun", sagte er müde, "ich nehme an, es gibt keinen Ausweg für mich?"

Sie schüttelte ihren Kopf.

"Meine Mutter und Mrs Weasley haben es letzten Sommer arrangiert. Ich bin nicht eingetragen in der Schule zu bleiben, und es gibt auch keine entsprechende, unterzeichnete Erlaubnis. Wenn Sie nicht dorthin gehen, dann müssen Sie nach Hause... zu mir nach Hause.", erläuterte sie.

Sie dachte darüber nach. Der Fuchsbau war vermutlich einfacher für ihn. Es war ihm bereits gelungen, Harry und Ron in der Schule zu täuschen, und sie glaubte nicht, dass einer der anderen Weasleys sie besser kannte. Er würde es vermutlich schaffen, im allgemeinen Chaos unterzugehen. Sie wies ihn darauf hin und er nickte zuerst widerwillig, sah dann aber etwas unbehaglich aus.

"Heisst dies, dass ich…", er zögerte kurz, "Geschenke mitbringen soll?"

Beinahe hätte sie wieder gelächelt.

"Ja", sagte sie und genoss den Anblick, als er sichtbar versuchte, seine Besorgnis bei diesem Gedanken zu verbergen. Nach einem weiteren Moment hatte sie schliesslich Erbarmen mit ihm. "Machen Sie sich keine Sorgen. Sirius wird erst in ein paar Tagen kommen. Ich werde etwas Zeit zum Einkaufen finden und ein paar Dinge für Sie zum Mitnehmen besorgen. Ich muss so oder so für meine Eltern noch etwas finden."

"Ich habe mich nicht deshalb gesorgt.", antwortete er heftig, "Ich habe einfach noch nie einen Gedanken über Potters oder Weasleys persönlichen Geschmack verschwenden müssen."

Sie entschied die Lüge ohne weitere Bemerkung passieren zu lassen. Die Vorstellung, dass Snape gezwungen war Harry Potter ein Weihnachtsgeschenk zu überreichen, war genug Belohnung in sich selbst.

Er öffnete seine verschränkten Arme und ging hinüber zum Arbeitsbereich. Ein paar Minuten später kehrte er zu Hermine zurück mit zwei Tassen heissen Kaffees. Sie nahm ihm eine ab und staunte über die Tatsache, dass er ihr einen Kaffee gemacht hatte ohne vorher zu fragen. Sie nippte vorsichtig und beobachtete ihn, während sie auf seinen nächsten Zug wartete.

Er trank aus seiner Tasse und seufzte erneut.

"Und wenn dies nicht alles schlimm genug wäre, so habe ich das Vergnügen eines Frau-zu-Frau-Gespräches mit Miss Lacock morgen Nachmittag."

Hermine begann aufgrund seines leidenden Tonfalles zu lächeln.

"Vielleicht gesteht sie, jemanden anderen gefunden zu haben?", schlug sie mit einer Andeutung von Unfug vor.

"Die Götter sind nicht so gnädig zu mir.", erwiderte er scharf. "Ich werde zweifellos eine Stunde damit erdulden müssen zu hören, wie süss und, ohne Zweifel, missverstanden ich bin."

Sie versuchte ein Grinsen zu unterdrücken, welches ihre emotionslose Maske zu bedrohen wagte. Sie stellte ihren Kaffee ab und ging in den vorderen Teil des Klassenraumes um etwas vom Pult zu holen.

"Ich nehme an, dass Sie in dem Fall dies hier nicht sehen wollen." Sie händigte ihm den Gegenstand aus, sein Gesicht genauestens beobachtend. "Ich habe es auf dem Pult gefunden, als ich mit meinem Mittagessen von der Küche zurückkam."

Es war eine Weihnachtskarte.

Die Karte war etwa 10 x 25 cm gross, und das Bild eines kleinen, zerzausten Hundebabys mit grossen, flehenden Augen nahm die Vorderseite ein. Es trug eine rote, samtene Weihnachtsmann-Mütze, welche nach vorne über eines der Augen fiel, und ein Ohr lugte unter dem weissen Pelzrand hervor. Der Welpe hatte eine grün-rot karierte Fliege um den Hals und sprang verspielt aus einer halb eingepackten Geschenkbox hinaus und wieder hinein, freudig das grün-silberne Papier zerknitternd. Ausserdem hatte er ein grünes Samtband im Mund, welches offensichtlich ein Teil der Verpackung gewesen war. Darüber war eine kunstvoll gearbeitete Girlande zu sehen, an der ein grosser Zweig Misteln hing.

Snapes Gesicht war unbeschreiblich..

Er öffnete die Karte mit der Vorsicht eines Gringotts-Fluchbrechers, der sich einer besonders suspekten Gruft näherte.

"An Professor Snape", las er mit erstickender Stimme, "Vielen Dank für alles, was sie für mich getan haben. Ich wünsche Ihnen wundervolle Weihnachten und ein fabelhaftes, neues Jahr. Mit Liebe von Alice."

Hermine wartete, als die verschiedenen Emotionen über sein Gesicht zogen.

"Alles ist unterstrichen", sagte er schliesslich in einem seltsam flachen Tonfall. "Drei Mal. Und Ich glaube nicht, jemals so viele Ausrufezeichen auf einmal gesehen zu haben. Und es hat x's überall am unteren Rand."

"Küsse", bemerkte Hermine helfend, "Das sollten Küsse darstellen."

Sie versuchte sich schuldig zu fühlen, ihn auf diese Weise aufzuziehen, doch es machte einfach zuviel Spass.

Snape sah aus, als ob sie soeben bekannt gegeben hätte, dass sie einen neuen unverzeihlichen Fluch erfunden hatte.

"Ich muss ein ernstes Gespräch mit Miss Lacock führen." Er starrte sie zornig an. "Und Sie, Miss Granger, scheinen so viel Vergnügen daran haben, dass ich die Fehlerlosigkeit des Sprechenden Hutes in Frage stellen muss."

"Wenigstens hat sie keine niedlichen Rechtschreibfehler miteingebracht."

"Es gibt nichts dergleichen wie einen niedlichen Fehler", wies er sie giftig zurecht.

Sie schluckte ihr aufkeimendes Lachen hinunter und brachte dabei ein Geräusch zwischen Schnauben und Ersticken hervor. Er schenkte ihr einen weiteren bösen Blick und rollte mit den Augen.

"Mit Sirius Black und Miss Lacock ist es diese Weihnachten wohl meine Bestimmung, von Hunden umgeben zu sein." Sie konnte erkennen, dass die Neuigkeit bezüglich Sirius immer noch an ihm nagte, ungeachtet seiner früheren Zusicherung. Etwas schien ebenfalls Snape in diesem Moment in den Sinn zu kommen, denn er warf ihr einen weiteren, ziemlich unbehaglichen Blick zu. "Ich nehme an, Black ist ein Freund von Ihnen?", fügte er widerwillig hinzu.

Sirius war Harrys Pate und deshalb ein Freund per se. Abgesehen davon hatte Hermine nie näheren Kontakt zu ihm gehabt. Sie wies Snape darauf hin und ergänzte neutral: "Harry ist immer etwas zu kurz gekommen, wenn es um eine Familie ging, die sich genug sorgt, um Interesse an ihm zu zeigen."

Snape murmelte etwas, das sie nicht ganz verstehen konnte, doch etwas zwang sie mit Sprechen fortzufahren; um einen Gedanken zu ergänzen, der ihr zwar des öfteren in den Sinn gekommen war, welchen sie aber nie gegenüber Harry oder Ron erwähnen konnte, so wie sie Sirius anbeteten.

"Wohlgemerkt", sagte sie nachdenklich, "Ich hatte immer den Eindruck, dass er mehr zu der Sorte Menschen gehört, die glauben, dass seine Nase zwischen die Beine der anderen Person zu stecken, eine angemessene Form der Begrüssung ist."

Es herrschte einen kurzen Moment Stille, während Snape sie bloss anstarrte und dann, abrupt, zu lachen begann. Es war ein entspanntes, natürliches Geräusch; vielleicht das erste Mal, dass er sich für sie aufrichtig glücklich anhörte. Sie fiel mit ein, halb als Antwort auf ihren eigenen Witz, halb erleichtert über das Loswerden der Spannung, welche sich während des Schuljahres aufgebaut hatte. Als sie ihn anschaute, war sie plötzlich gefangen von der Wärme und der unerwarteten Offenheit in seinen Augen, und es war ebenfalls etwas anderes dort; ein unerwarteter Funke, eine Tiefe, die von etwas ganz anderem erzählte. Etwas, das die physische Form zur Irrelevanz zurückstufte; etwas, das sie fühlen liess, als ob sie am Körper vorbei in den Verstand dahinter blickte - Snapes Verstand. Sie realisierte, mit einem plötzlichen Schwindelgefühl, dass, obwohl sie immer sich selbst angeschaut hatte, sie nur Snape gesehen hatte.

Es war ein Moment perfekten Verstehens.

Das Lachen starb auf ihren Lippen, und in diesem Moment bemerkte sie, dass auch Snape still war und sie, ohne sich zu bewegen, aufmerksam beobachtete. Sie spürte ein Ziehen in ihrer Magengegend - und an einem anderen Ort. Mehr dem Instinkt als irgendeinem rationalen Gedanken gehorchend, machte sie eine kleine Bewegung zu ihm hin. Erneut flammte etwas, dunkel, tief und gefährlich, in seinen Augen auf,

Falls ich diesen Schritt vollende, wird er mich stoppen?

Dies war mehr, als sie im Moment bereit war, sich damit zu befassen.

Sie brach den Augenkontakt in dem Moment ab, als er einen Schritt zurücktrat. Die aufgeladene Atmosphäre veränderte sich zu einer unbehaglichen Stimmung. Snape murmelte etwas vor sich hin und verliess hastig den Raum.

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Hermine sass in Snapes Zimmer, trug Snapes Kleider und war umgeben von Snapes Besitz. Eines von Snapes Büchern lag geöffnet auf ihrem Schoss, und neben dem Sessel stand eine Tasse Kaffee, gebraut aus Snapes Vorrat und serviert in einer von Snapes Tassen. Der Hermine-Teil des Zimmers beschränkte sich auf eine Ecke des grossen Tisches und etwas Platz auf einem der Bücherregale. Sie sagte sich selbst, dass sie am Lesen war, doch in Wirklichkeit versuchte sie Abstand zu dem zu gewinnen, was heute Nachmittag zwischen ihnen passiert war; etwas, das für sie immer schwerer wurde, war sie doch erfüllt mit der Notwendigkeit, genau die Person zu sein, von welcher sie sich befreien wollte.

Ungeachtet Snapes Vorbehalten bezüglich des Sprechenden Hutes, war Hermine nicht der Typ, der vermied [,] sich den Dingen zu stellen. Manchmal brauchte sie eine Weile um ihre Gedanken zu ordnen, aber dies resultierte in einer Analyse der Situation und nicht in einer Flucht vor der Realität. Und die Realität war, dass sie sich von Snape angezogen fühlte. Sie wusste bereits über seinen Körper Bescheid; hatte sie diesen in den letzten Monaten mit ausreichendem Enthusiasmus erkundet. Und sie hatte seinen Verstand genossen für... nun, dies hatte sich etwas subtiler entwickelt, musste sie zugeben. Aber die Abende an denen sie zusammen arbeiteten oder an der Leistung des anderen herumnörgelten oder welche ihr die Möglichkeit gaben, sie selbst zu sein - irgendwann während dieser Zeit hatte sie seine Gesellschaft um seiner Selbst willen zu schätzen gelernt.

Dieser Nachmittag war deshalb so bedeutend, weil sie zum ersten Mal das Gefühl gehabt hatte, als habe er mit ihr gesprochen - und zwar nicht nur als jemand Gleichgestellter, sondern als Freund. Er hatte sich beschwert und sie hatte ihn geneckt, und es hatte sich vollkommen natürlich angefühlt, sogar bis zu seinem zornigen Starren und seiner schlechten Laune. Sie nahm an, dass wenn sie in ihre eigenen Körper zurückkehrten, sie auch wieder in ihre alte Beziehung zueinander zurückkehren mussten; er, der distanzierte und mürrische Lehrer, sie, die eifrige Studentin und Schulsprecherin. Und der Gedanke an den Verlust schmerzte sie. Sie schüttelte den Kopf.

Es war gut und recht zu akzeptieren, sich vom Lehrer angezogen zu fühlen. Man konnte sogar zugeben, dass man seine Kameradschaft bitter vermissen würde, sobald diese erzwungene Intimität zu ende war. Dies war etwas, dass nur sie selbst betraf und sie könnte und würde damit fertig werden. Aber was, wenn er die Anziehung teilte?

Dies war ein verzwickteres Problem. Sie versuchte es wieder mit Objektivität und es analytisch zu betrachten, aber ihr Verstand lenkte sie immer wieder mit der Erinnerung an den Ausdruck in seinen Augen ab, diese intensive Konzentration. Sie fragte sich, wie es wohl war, wenn diese Aufmerksamkeit gänzlich auf sie gerichtet war. Schmetterlinge begannen in ihrem Magen zu flattern und sie schloss die Augen, sich vorstellend, wie sie den letzten Schritt getan hätte, wie sie in seinen persönlichen Kreis getreten wäre... ihn berührend...

Beinahe unbewusst bewegte sich ihre Hand abwärts, knöpfte flink zwei oder drei Knöpfe auf und schlängelte sich unter den Stoff um sich selbst zwischen den Beinen zu streicheln. Körper folgte Verstand, war sie doch bereits schon halb steif bevor sie zugriff. Während sie ihre Hand bewegte, versuchte sie sich vorzustellen, wie sie es mit ihm tat, während er sie berührte. Ihre linke Hand bewegte sich nach oben zu ihrer Brust um einen Weg unter das Hemd zu finden um ihre Brustwarze zu reiben. Wie würde es sein, wenn er dies mit ihr tat? Tat er es mit ihrem Körper? Das Bild formte sich in ihrem Verstand; seine Hand zwischen ihren Beinen, sie liebkosend, an sie denkend... Würde er wollen, dass sie dies mit ihm tat? Würde es sich für ihn ebenfalls so gut anfühlen wie für sie in diesem Moment?

Gefangen in einer Welle aus Fantasie und Lust, ihr Verstand seinen Körper berührend, sein Verstand ihren Körper berührend, strich sie härter und stiess ihre Hüfte aufwärts zu ihrer Hand, bis die Linien mehr und mehr verschwammen und sie den Höhepunkt erreichte. Sie lehnte sich im Sessel zurück, sich nicht gross bewegen wollend, sich nicht einmal darum kümmernd, die Hand von ihrem Glied zu lösen, bis sie von einem kratzenden Geräusch am Fenster gestört wurde.

Ihr erster verschwommener Gedanke war, dass Snape irgendwie herausgefunden hatte, was sie getan hatte. Ihr nächster Gedanke war, dass er durch die Türe eintreten würde. Sie bewegte ihre Hand, und ihr dritter Gedanke war zu realisieren, dass sie, verloren in der der Abwärtsspirale der Anziehungskraft, vergessen hatte, sich auszuziehen und ihre Robe vorne nun einen deutlich sichtbaren, klebrigen Fleck aufwies. Sie wischte ihre Hand am Stoff ab - die Robe musste ja so oder so gewaschen werden. Dann schloss sie ihre Hose, stand auf und ging neugierig zum Fenster.

Es war eine Eule, was ziemlich seltsam war, denn sie hatte nie gedacht, dass Snape andere Post als die während des Frühstücks erhielt. Um genau zu sein hatte sie nie gedacht, dass er irgendwelche persönlichen Briefe erhielt. Sie öffnete das Fenster und eine kleine, braune Eule hüpfte hinein. Sie schaute Hermine an mit einem hoffnungsvollen Ausdruck, welchen sie an das Hundewelpen auf Alices Weihnachtskarte erinnerte. Sie löste die Nachricht vom Bein der Eule und brachte es fertig, etwas zu essen für sie zu finden. Danach entrollte sie das Pergament und ihr Herz sank wie ein Stein.

Snape. Ich muss Snape finden. Jetzt.

Sie nahm nicht war, wie die Eule ihren kleinen Imbiss beendet hatte und wieder durch das Fenster hindurch abflog. Wenigstens hatte sie noch genug Geistesgegenwart, um in eine saubere Robe zu schlüpfen bevor sie ging, und auch um ihren Gang durch das Schloss langsam aber zweckmässig zu halten. Sie vermutete, dass er entweder im Gryffindor-Gemeinschaftsraum oder im Schulsprecherin-Zimmer war. Vermutlich letzteres, dachte sie. Sie nahm an, dass der Nachmittag seine Harry/Ron-Toleranz erschöpft hatte. Sie zwang ihren Verstand zu denken; irgendwo musste ein versteckter Weg sein, der direkt neben dem Schulsprecherin-Zimmer endete. Sie hatte ihn erst ein Mal benützt, mit Snape; Erklärungen wären zu kompliziert, wenn sie entdeckt werden würde. Doch jetzt, dachte sie, konnte sie einen anständigen Notfall geltend machen.

Sie ging den Weg wieder zurück, passierte den Zaubertränke-Unterrichtsraum und erreichte schliesslich eine blanke, lange Wand. Einen Zauberspruch und etliche Treppenstufen später, stand sie ausserhalb der Türe zu ihrem alten Zimmer, wobei sie sich unerklärlicherweise mehr wie ein Gast vorkam und es ihr innerlich widerstrebte zu klopfen. Nur das Pergament in ihrer Faust gab ihr den Mut dazu.

Er öffnete die Türe, offensichtlich überrascht sie zu sehen. Das war seiner Rolle getreu, obwohl sie dachte, dass das gemurmelte "oh, Sie sind es", nicht gerade passend war.

"Miss Granger, ich muss mit Ihnen sprechen", sagte sie, für den Fall, dass jemand sie durch Zufall belauschte.

"Dann kommen Sie besser hinein", sagte er etwas unfreundlich.

Es war das erste Mal, dass sie zurück in ihrem Zimmer war, seit der Unfall passierte, und es fühlte sich äusserst seltsam an zu sehen, dass all die Gegenstände, die sie kannte und ihr gehörten, unter der Kontrolle von jemand anderem waren. Es war nicht wirklich ein angenehmes Gefühl, und sie hatte einen kurzen Moment Mitgefühl mit Snape, der mehr Zeit damit verbringen musste, sie in seinem Reich leben zu sehen. Die Türe schloss sich hinter den beiden und er drehte sich um, um sie anzublicken.

"Was ist passiert?", fragte er knapp.

Als Antwort überreichte sie ihm das Pergament.

"Was soll ich tun?", fragte sie, bemüht nicht zu ängstlich zu klingen, "Gibt es einen Ausweg für mich?"

Der Inhalt des Briefes hatte sich ihn ihre Gedanken gebrannt.

Lieber Severus

Ich habe erfreuliche Nachrichten für Dich.

Dein Vater und ich werden über Weihnachten zu Hause sein, und wir freuen uns jetzt schon auf Deinen Besuch. Bitte lass es uns wissen, wann Du ankommen wirst. Wir dachten, dass der 23. für Dich angemessen sein würde.

In Liebe

Mutter.