Kapitel 25: Neuigkeiten von Kerima

Mensch Rokko, von dir habe ich ja eine halbe Ewigkeit nichts mehr gehört. Wie geht es dir?"

Heute gerade nicht so gut, aber im Allgemeinen könnte es mir nicht besser gehen."

Und was ist der Grund für den heutigen, schlechten Tag, wenn ich fragen darf?"

Wie soll ich sagen?"

Rokko lachte etwas verkrampft:

Ich habe gestern Abend Sarahs Eltern kennen gelernt und dabei meine Wortwahl nicht gründlich genug überdacht."

Hugo war neugierig. Rokko hatte jetzt schon öfter von Sarah gesprochen, die es offensichtlich erfolgreich geschafft hatte, Rokko von seinem Trübsinn zu befreien und die ihn wieder zum Alten gemacht hatte.

Warum, was hast du gesagt?"

Ich habe wohl etwas zu deutlich gesagt, dass mir potentielle Schwiegerväter mal den Buckel runterrutschen können und dass ich vom Heiraten mein Leben lang geheilt bin."

Hugo konnte nicht anders und musste auflachen:

Wenn du das genauso gesagt hast, dann müssen die ja gedacht haben, dass du die neue, männliche Liz Taylor bist!"

So ungefähr ist es angekommen. Ich glaube, ich habe die Situation dann noch ganz gut entschärft, aber für Sarah war das natürlich weniger schön, weil sie genau wusste, warum ich es gesagt habe. Mir steht deshalb heute noch ein ernstes Gespräch bevor. Und ich hab ehrlich gesagt noch keine Ahnung, was ich sagen werde."

Ein seltener Zustand bei dir, mein Freund."

Ich weiß und deshalb habe ich auch so ein mulmiges Gefühl im Magen. Aber deshalb rufe ich nicht an. Ich wollte mich erkundigen, wie es so bei dir läuft. Wie du mit Sophie klarkommst und vor allem, wie du dich für eine ordinäre Weihnachtskollektion inspirieren konntest."

Rokko sah vor seinem inneren Auge deutlich, wie sich Hugo aufplusterte, bevor er in verächtlichem Tonfall antwortete.

Rede bloß nicht von dieser Winterkollektion! Wenn die gute Lisa nicht hier wäre, hätte ich schon längst das Handtuch geworfen!"

Rokko war ehrlich verwundert und sein Herz schlug augenblicklich schneller:

Lisa ist wieder bei Kerima?"

Tut mir leid. Das ist mir jetzt im Eifer des Gefechts so rausgerutscht. Ja, sie ist schon lange wieder hier."

Du hattest nur zwischendurch erwähnt, dass sie in Berlin geblieben sind, aber nicht, dass sie wieder zurück bei Kerima sind."

Nicht beide, mein Lieber. David entzieht sich nach wie vor der Verantwortung. Lisa hingegen hat sich ihrer tapfer gestellt. Es hat sie bestimmt einige Überwindung gekostet, sich mit Sophie zu arrangieren, aber sie hat es geschafft. Keine Ahnung, was sie ihr gesagt hat, aber Sophie mischt sich nicht mehr in meine Kreationen ein. Außer natürlich, dass ich nach wie vor für ein ordinäres Kaufhaus entwerfen muss. Aber Lisa hat mir wie du schon vor langer Zeit erklärt, dass die Kundschaft auf allen Ebenen angesprochen werden muss, und dass es von Sophie nicht bloße Schikane ist. Was soll ich dazu sagen? Wenn Lisa sich abfinden kann und solange sie mir den Drachen vom Halse hält, kann ich damit leben."

Das sind in der Tat ein paar Neuigkeiten. Hast du das absichtlich nicht erwähnt?"

Um ehrlich zu sein, ja. Ich war immer noch unsicher, ob ich Lisa und David ansprechen soll, oder nicht."

Warum nicht? Hugo, es ist mir schwer gefallen, aber ich musste akzeptieren, dass ich mich wohl getäuscht habe. Lisa hat mich nicht geheiratet, sondern ist mit David zusammen. Damit sind alle anderen Gedanken für immer sinnlos geworden. Es ist wohl vorbei und ich bin jetzt wieder glücklich. Es gibt nur noch wenige Tage, an denen ich an sie denke, und auch diese Tage werden seltener. Du musst dir keine Gedanken machen, was du sagen oder nicht sagen kannst."

Wenn das so ist, dann bin ich beruhigt. Eine kleine Neuigkeit gibt es dann allerdings schon noch. Die zwei sind jetzt in so eine Villa etwas außerhalb der Stadt gezogen. David muss Lisa jeden morgen mit dem Auto zur Arbeit bringen, weil sie kein öffentliche Anbindung hat. Ich habe ein paar mal beobachtet, wie der gute David mit einem etwas säuerlichen Gesicht die Kerima Fassade hinauf geblickt hat. Es arbeitet in ihm und vielleicht gibt er ja bald nach. Aber..."

Rokko hörte Hugo nur noch mit einem Ohr zu. Lisa in einer großen Villa? Das konnte er sich einfach nicht vorstellen. Da musste sie sich doch ganz und gar fehl am Platz vorkommen. Er schüttelte den Kopf. Auch das war nicht mehr seine Angelegenheit. Wenigstens arbeitete Lisa wieder dort, wo ihr Herz schlug, nämlich an der Spitze von Kerima. Dass sie Sophie von Brahmberg gerne den Ruhm überließ, entsprach genau ihrem Naturell. Hugo hatte schließlich genug darüber spekuliert, ob oder warum David vielleicht auch in die Firma zurückkehren würde und hatte Rokko daraufhin eine Frage gestellt. Da dieser aber ganz in Gedanken war, hatte er sie überhört.

Entschuldige Hugo, was hast du gesagt?"

Ich habe dich gefragt, ob du Weihnachten schon etwas vor hast?"

Das ist noch nicht so ganz klar. Meine tollen Eltern sind mal wieder auf so einer Kreuzfahrt auf dem Mittelmeer. Nicht, dass ich besonders traurig darüber wäre. Wir hätten uns unterm Weihnachtsbaum sowieso nur angeschwiegen. Ich hätte eine Krawatte bekommen, damit ich mich endlich vernünftig anziehe. Das hätte mich geärgert. Sie hätten Bücher bekommen, damit sie endlich mal lesen. Das hätte sie geärgert. Dann hätten wir weitestgehend schweigend gegessen, um dann noch etwas verkrampft bis zum Abend Skat zu spielen. Und dann wäre der wunderschöne Feiertag auch wieder vorbei gewesen. Und mit Sarah muss ich nachher noch sprechen. Vielleicht verbringe ich das Fest auch mit ihrer Familie."

Du hörst dich nicht gerade so an, als empfändest du überschwänglich Vorfreude?"

Das hast du ganz richtig erkannt."

Deshalb würde ich dich auch gern einladen. Wenn natürlich die Feier im Kreis der Wolffschen Familie klappt, dann geh dort hin. Aber falls etwas dazwischen kommt, dann bist du herzlich zu mir eingeladen. Ich werde dieses Jahr nichts großes machen, ich werde nämlich Britta an diesem Tag vermissen und kann dann keine Gesellschaft weiter vertragen. Aber mit dir wäre das etwas anderes. Überleg es dir einfach."

Hugo, dass finde ich sehr nett und ich werde auf jeden Fall darüber nachdenken, selbst wenn ich bei Sarah eingeladen werden sollte. Es wäre ja nett, ist ja bald schon wieder ein Vierteljahr vorbei, in dem wir uns nicht gesehen haben."

Du hast recht. Die Zeit vergeht wie im Flug."

Okay, ich melde mich dann bei dir, sobald ich geklärt habe, wie und wo ich Weihnachten verbringen werde. Aber mir gefällt die Idee immer besser, meinen alten Mitbewohner zu besuchen. Selbst, wenn ich dadurch nach Berlin muss."

Dann warte ich auf deinen Anruf, mein Freund."

Hugo, bis die Tage. Ich rufe dich spätestens übermorgen an. Also bis dann."

Hugo legte auf und ein Lächeln umspielte seine Lippen. Das war ja mal eine nette Überraschung. So konnte er diesen Tag vielleicht mit einem Menschen verbringen, der ihn halbwegs verstand und mit dem er sich gut unterhalten konnten. Auf der anderen Seite hatte er allen anderen gegenüber eine Ausrede, warum er an Weihnachten nicht zu ihnen kam. Das einzige, was ihm ein bisschen Sorgen bereitete, war der kleine Teil von Neuigkeiten, von dem er Rokko nichts berichtet hatte. Er hatte ihm nicht erzählt, dass Lisa Ringe unter den Augen hatte und oft so aussah, als hätte sie geweint. Aber da er der Meinung war, dass es ihm nicht zustand, Lisa danach zu fragen, ließ er es bleiben. Es würde bald etwas passieren im Hause Seidel, dass konnte er regelrecht spüren. Aber das wollte er Rokko nicht erzählen. Der war endlich wieder glücklich und hatte mit seiner Vergangenheit abgeschlossen, da wollte er ihm keine, vielleicht unbegründete und vor allem falsche Hoffnungen machen. Doch auch Hugo war sich nicht über die Tragweite der bevorstehenden Ereignisse bewusst. Er wusste nicht, was passieren würde im auslaufenden Jahr. Und das war eine ganze Menge. Die beteiligten Figuren wussten es selbst noch nicht. Weder Lisa, noch David, noch der gute Rokko wussten, welche Veränderungen ihnen in den nächsten Wochen bevorstanden...


Rokko hatte unterdessen in Hamburg einen Entschluss gefasst. Er würde zu Hugo fahren, obwohl er wusste, dass das einer Flucht gleichkam. Sarahs Eltern waren sehr nett und Sarah war eine Wucht. Sie war traurig gewesen, dass er eine Heirat sofort so rigoros ausgeschlossen hatte, aber Rokko war sicher, dass sie es verstehen würde. Trotzdem wollte und konnte er nicht so tun, als sei es das normalste der Welt, dieses Weihnachten mit ihrer Familie zu verbringen. Und vorher würde er noch diesen Brief an Lisa schreiben, den er sich schon vor einer Weile vorgenommen hatte.

Doch nicht mehr heute, denn in diesem Moment klingelte es und Sarah stand vor der Tür. Als Rokko geöffnet hatte, nahm er ihr ihre Tasche ab und drückte sie an sich.

Hallo, Liebes."

Dann schaute er ihr in die Augen und sagte sehr leise und liebevoll:

Es tut mir leid, was ich da gestern Abend gesagt habe. Ich habe nicht nachgedacht."

Sarah schaute zurück und sie hatte traurige Augen, als wäre ein Stück Hoffnung gestorben:

Ich weiß, dass du es am liebsten zurücknehmen würdest. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass du es so gemeint hast, oder?"

Rokko sah sie sehr zärtlich an und drückte ihr dann einen Kuss auf die Stirn.

Nein. So empfinde ich das leider."

Sarah blieb stark und wendete ihren Blick nicht ab. Dann sagte sie schon etwas gefasster:

Ich will ja auch nicht heiraten, schließlich kennen wir uns ja noch nicht so lange."

Rokko dachte, dass Zeit dabei keine Rolle spielte, aber das war jetzt wohl kaum der passendste Zeitpunkt, dass zu erwähnen.

Aber irgendwann will ich heiraten und wenn mein Freund das von vorn herein ablehnt, dann ist das nicht schön. Vor allem nicht vor den eigenen Eltern."

Sie setzte einen Schmollmund auf.

Ich weiß und das war mir auch furchtbar unangenehm. Haben sie noch mal nachgefragt?"

Natürlich. Meine Mutter wollte haarklein wissen, was das zu bedeuten hatte. Und da habe ich ihnen gesagt, dass du schon einmal vor dem Altar standest und deine Verlobte dann nein gesagt hätte. Damit haben sie sich zufrieden gegeben. Mein Vater hat irgendwas davon gesagt, dass man bei verletztem Stolz schon mal so reagieren könnte und meine Mutter hat einfach nur gesagt, dass du ihr leid tätest. Damit war die Sache gegessen."

Sie blickte ihn jetzt beinahe flehentlich an, als sie ihm die folgende Frage stellte:

Ist die Sache denn gegessen?"

Rokko wendete den Blick nicht ab und zögerte keine Sekunde mit der Antwort:

Sarah, wenn ich noch Hoffnung hätte, dass sich die Situation jemals ändern würde, wäre ich nicht hier mit dir."

Sarah schluckte:

Das habe ich auch nicht gemeint. Ich glaube dir, dass du das nicht mehr denkst."

Aber?"

Ich weiß auch nicht. Wahrscheinlich bin ich nur nicht glücklich damit, dass es da mal jemanden gab, der dir so viel bedeutet hat, dass es für den Rest deines Lebens Konsequenzen hat."

Das mag sein. Aber stell dir vor, ich hätte aus einer anderen Beziehung schon ein Kind. Das würde auch für den Rest meines Lebens eine Rolle spielen. Und du müsstest es akzeptieren. Okay, ich gebe zu, dass das nicht dasselbe ist, aber so ähnlich. Meine Erinnerungen werden nicht weggehen, egal wie viel Zeit vergeht. Das mag außergewöhnlich sein, vielleicht sogar außergewöhnlich dumm, aber so stehen die Dinge nun einmal."

Ich weiß, Rokko. Ich wusste es ja von Anfang an. Du hast mich ja nie angelogen, sondern immer gesagt, dass die Erinnerung ein Teil von dir sein wird. Und ich komme ja auch damit klar. Aber eben nicht immer."

Sarah, Liebes, wir brauchen wohl beide ein wenig Zeit und Verständnis, dann werden wir das schon schaffen."

Jetzt nahm Sarah ihren Rokko in den Arm. Er war ihr Rokko und nicht Lisas. Er war hier und nicht bei ihr, aber dennoch wurde sie das Gefühl nicht los, dass der gestrige Abend so etwas wie der Anfang vom Ende gewesen war. Sie konnte es nicht in Worte fassen, noch nicht. Aber sie hatte das Gefühl, dass sie gestern etwas erkannt hatte. Sie hoffte so sehr, dass sie mit Rokko glücklich werden konnte und dass er wirklich im Laufe der Zeit seine Meinung ändern würde. Man konnte doch sein Herz nicht auf ewig verschließen, weil man einmal enttäuscht wurde. Oder doch? Konnte es so ein Liebe geben, die selbst über eine so große Entfernung andauerte?

Sie hatte immer geglaubt, dass es nicht ging, aber seit Rokkos Reaktion am vorangegangenen Abend war sie längst nicht mehr so sicher. Würde sie ihn verlieren? Sie drückte ihn noch fester an sich:

„Du weißt schon, dass ich dich nicht mehr gehen lasse, Kowalski?"

Er sah sie liebevoll an und antwortete.

„Ich hatte befürchtet, dass du das sagen würdest."

Dann lachten beide, aber die Stimmung war dennoch nicht so gut, wie bei früheren Gelegenheiten. Und beide merkten es und wollten es doch nicht wahrhaben...

TBC