Awaiting the greater good
Kapitel 25
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Es war die Zeit um Weihnachten und draußen schneite es bereits. Die Große Halle jedoch blieb in Düsternis getaucht, wie beinahe alles im Schloss, das mit dem Tod Dumbledores seinen strahlenden Glanz verloren hatte; es war das erste Mal, dass Severus es wirklich bemerkte. Hagrid hatte geheult wie ein Schlosshund, als ihm bewusst geworden war, dass es diesmal keine geschmückten Bäume geben würde.
Aufgewühlt schweifte sein Blick zwischen dem Vorhang seiner langen Haare hindurch über die Köpfe der Schüler. Fast alle, die über die Feiertage nicht nach Hause gefahren waren, mieden den Sichtkontakt zum Lehrertisch, mit Ausnahme von ein paar Slytherins. Als er daraufhin am Tisch der Gryffindors angelangte, trafen seine Augen auf die der Weasley. Ein flüchtiger Anblick, nicht mehr, doch lange genug, um sicherzugehen, dass es kein Zufall war. Sie hätte längst mit den anderen heimfahren müssen und war stattdessen geblieben. Warum?
Er wandte sich mit unergründlicher Miene ab. Die Art und Weise, wie sie ihn angesehen hatte, stimmte ihn nachdenklich wie so manches in letzter Zeit. Während der vergangenen Tage waren ihm die Vorgänge im Lehrerzimmer hin und wieder merkwürdig erschienen. Als würden sich hinter seinem Rücken rätselhafte Dinge abspielen. Obwohl kaum jemand vom Kollegium mit ihm sprach, kam ihm das Verhalten seiner Professoren anders vor. Sie waren deutlich weniger angespannt, wenn sie ihn sahen. Manche nickten sogar verhalten in seine Richtung, vorausgesetzt, niemand sah hin.
Er war der Erste, der den Saal verließ – ein Privileg ganz nach seinem Geschmack. Die Last auf seinen Schultern wurde dadurch jedoch nicht abgemildert. Ohne Umschweife hetzte er die verwaiste Treppe hinauf, um Dumbledore zu sehen. Auf der obersten Stufe wirbelte er herum. Er wartete, bis der Luftzug, den seine schnelle Bewegung verursacht hatte, verebbte. Aufmerksam blickte er sich um. Das Gefühl im Nacken, verfolgt zu werden, ließ ihn schon eine Weile nicht los. Nahezu jeder im Schloss verwünschte ihn für das, was er dem allseits geliebten Schulleiter angetan hatte. Aber er täuschte sich, nichts und niemand war zu sehen. Abermals rauschte sein Umhang durch die Luft, als er seinen Weg fortsetzte.
Der Verstorbene, der ihm von seinem Portrait aus entgegenblickte, war heute in redseliger Stimmung. Gut gelaunt machte er seine Scherze, die Severus entnervt über sich ergehen ließ. Immer mehr tat sich der Verdacht in ihm auf, dass irgendetwas im Gange war, von dem er nichts wissen sollte.
Mit den Augen fasste er Dumbledore ins Visier. „Sie hecken etwas aus", sagte er, die Stimme so gefestigt, dass kein Zweifel daran blieb. „Geben Sie es zu, Albus."
Ein Blitzen in den blauen Augen jagte ihm einen Schauder über den Rücken. Wie sehr er es hasste, wenn er das tat.
„Wann werden Sie endlich aufhören, mich zu benutzen wie eine Marionette, die frei heraus nach ihren Wünschen tanzt?", versetzte er hart.
In eben diesem Moment erschien Phineas in seinem Rahmen. „Der Orden ist soweit. Sie werden bald …" Er brach mitten im Satz ab, als er Severus sah, und machte ein schuldbewusstes Gesicht. Postwendend verschwand er wieder in den Grimmauldplatz.
„Nicht auch noch er", knurrte Severus. Er sah sich um und wie auf Kommando legten sich sämtliche Gestalten in ihren Bilderrahmen schlafen. Ein Pfeif- und Schnarchkonzert ertönte, das seine Ohren dröhnen ließ.
Er seufzte. „Grundgütiger, Albus, war das denn wirklich nötig?"
„Dies ist ein großer Tag für uns." Dumbledore lächelte ihn zufrieden an. „Setz ein anderes Gesicht auf, Severus. Du musst zugeben, dass es witzig ist."
„Nur über meine Leiche", murmelte er missmutig.
„Ich bin sicher, das können wir verschieben. Der gesamte Orden ist hier, um den letzten Horkrux zu vernichten, der an einen Gegenstand gebunden wurde. Du weißt, was das heißt?"
Ungläubig starrte er Dumbledore an. Er konnte es sich in etwa vorstellen, hatte jedoch keine Ahnung, was er sagen sollte. Zu viele Gedanken auf einmal gingen ihm durch den Kopf. Das Ausmaß dieses Schrittes auf dem Weg zur Zerstörung des Dunklen Lords war gewaltig. „Sie haben ihn gefunden?"
„Mit etwas Hilfe."
Beinahe kam ihm bei diesen Worten ein finsteres Lachen aus. Es hatte ihn fast wahnsinnig werden lassen, dass er der Einzige gewesen war, der von dem ursprünglichen Plan mit Dumbledore wusste. Nun sollte es damit endgültig vorbei sein?
„Aber das bedeutet …" Er konnte nicht weitersprechen. Sein Hals fühlte sich staubtrocken an. Der Grund hierfür war einfach: Hermine war ebenfalls im Schloss.
Kaum bei Sinnen rappelte er sich mühevoll hoch. Eine Welle der Erleichterung erfasste ihn, als er es so richtig realisierte. Wo sie war, war alles erträglich.
„Willst du dir denn gar nicht den Rest meiner Geschichte anhören?"
„Es gibt noch mehr?"
„In der Tat. Die Slytherins sollten längst in den Kerkern untergebracht sein, wenn ich mich nicht irre."
Er warf Dumbledore eine hochgezogene Braue entgegen, der vergnügt zwinkerte.
„Es ist besser so."
Severus nickte matt.
„Um die Carrows kümmern sich die Professoren."
Der harte Ausdruck auf seinem Gesicht wandelte sich zu einem schiefen Grinsen. „So rachsüchtig?"
„Oh, es wäre falsch von mir, diesen Ruhm einzustecken. Das ganze Unterfangen war nicht meine Idee, sondern ein ausgeklügeltes Spiel aller Beteiligten. Wobei ich der Fairness halber zugeben muss, dass Minerva mich am meisten überraschte."
„Wenn Sie nichts dagegen haben, werde ich sehen, ob ich mich nützlich machen kann."
„Nur zu. Aber bleibt vorsichtig. Wenn zu früh etwas nach außen durchsickert, wird Tom nicht zögern und die Schule angreifen. Hoffen wir, Kingsley kann bis dahin die Auroren mobilisieren. Viel Glück, Severus."
Mit einem knappen Nicken wandte Severus sich um und eilte davon, nur noch ein Ziel vor Augen.
Er versuchte es zuerst in der Großen Halle, doch die war abgesehen von einer Handvoll Schüler, die sich um Longbottom versammelt hatten, wie ausgestorben. Ihn kümmerte nicht weiter, was sie im Schilde führten. Er wollte nur Hermine finden und den Horkrux zerstören. Planlos raste er ins Lehrerzimmer, wo er Flitwick, Sprout und Trelawney antraf, die sich einen Spaß daraus machten, die Carrow-Zwillinge mit Zaubern und Flüchen auseinanderzunehmen. Wortlos schlich er rückwärts wieder hinaus, machte die Tür zu und lehnte sich für einige Atemzüge dagegen. Nicht dass er die beiden Todesser bedauerte, er musste einfach nur seinen Kopf klären. So schwer es ihm fiel, wahr zu haben, dass Hogwarts heute einen großen Schritt in Richtung Freiheit tat, so war er doch immer maßgeblich an allem beteiligt gewesen. Und das war das vermutlich Schlimmste daran: sich überflüssig zu fühlen.
Nein, nicht hier, nicht jetzt. Er wusste zu gut, dass er das nicht denken sollte. Er presste die Zähne zusammen. Plötzlich wusste er, was er tun musste.
Er erreichte den Raum der Wünsche im Laufschritt, trat ein und fand das unvorstellbare Chaos vor. Wo konnte man etwas besser verstecken als hier?
Während er in sich ging, um sich zu sammeln, folgte er geleitet von seinem Gehör den Stimmen diverser Personen. Sie führten ihn vorbei an achtlos gestapelten zerbrochenen Bänken und Tischen, von denen er selbst einige auf dem Gewissen hatte, tausenden von Büchern, meterhohen Stapeln abgetragener Uniformen, verdorrten Pflanzen und sonstigem Krimskrams, der mehr schlecht als recht zu identifizieren war. Nach einigen hundert Metern durch ein unübersichtliches Labyrinth aus Schrott und Müll erreichte er eine Versammlung mehrerer Leute, in deren Mitte sich ein seinen Augen verborgenes Szenario abspielte. Scharf kam er zum Stehen und es dauerte keine Sekunde, ehe sich eine Gestalt aus der Menge löste und nach seinem Arm fasste.
Ohne es richtig zu beabsichtigen knurrte er sie an. „Lass mich zu ihr, Minerva. Wage nicht, mich davon abzuhalten."
Ein Raunen in der Menge, das er ignorierte. Er konnte nicht anders.
„Du weißt nicht, was dich erwartet", flüsterte sie mit Bedacht. Die Zweideutigkeit, die dahinter steckte, kam zu spät für eine Warnung.
Lupin trat neben ihn; bis soeben war ihm gar nicht aufgefallen, dass der halbe Orden anwesend war. „Sie hat recht", bemerkte er so leise, dass nur er es hören konnte. „Es geht ihr gut. Lass sie schlafen, sie braucht jetzt Ruhe."
Der Anblick der Versammelten verriet ihm bereits alles, was er wissen musste. Unsanft schob er sich durch die Menge, ohne auf das Flüstern der Stimmen zu achten, die ihm folgten.
Dann sah er sie. Sie lag vor Erschöpfung schlafend auf dem Boden, den Kopf auf Potters Schoß gebettet. Weasley, der neben ihnen saß, hielt ihre Hand. Alle drei wirkten im Einklang miteinander, so als hätte es den Streit zwischen ihnen nie gegeben; es war verstörend.
„Sie ist völlig ausgelaugt", hörte er McGonagall in der Nähe seines Ohrs sagen. „Aber sie wird sich erholen. Am besten, wir bringen sie sofort hier raus, damit Poppy sich um sie kümmern kann."
Sein ganzer Körper zitterte. Wie benommen fuhr er sich mit den Händen durch die Haare. Die ganze Situation war kompliziert. Er ballte die Hände an den Seiten zu Fäusten, bis das Weiß seiner Knöchel hervortrat.
„Wie ist das passiert?", rief er zornig aus. Aber er wusste es im selben Atemzug, in dem einige der Umstehenden durch den Laut seiner herrischen Stimme zusammenzuckten. Er hätte sie verlieren können. Dabei hätte er es wissen müssen, denn sobald sich jemand einmischte, gab es Konsequenzen. Wieso war er nicht darauf vorbereitet gewesen? Wieso hatte er die Gefahr, die der Raum in sich barg, nicht erkannt? Wieso sich so jämmerlich vor allen offenbart?
Er sah Minerva ungebrochen an. „Das ist allein deine Schuld!"
„Severus, ich bitte dich. Keiner der hier Anwesenden trägt eine Schuld daran", warf Lupin beschwichtigend ein. „Es ist dieses Ding gewesen. Du musst es vernichten!"
Er senkte ohne zu antworten den Kopf, so dass ihm die Strähnen vors Gesicht fielen und niemand mitbekam, wie hilflos er war. Unweigerlich zwang ihn das Ereignis zum Handeln.
„Potter!" Harrys Kopf zuckte in seine Richtung. Beide sahen einander abwägend an. „Wo ist es?"
„Ich hab es hier", sagte Harry.
Er und Ron tauschten einen Blick. Zum ersten Mal schienen sie mit ihm einer Meinung zu sein, denn sie stellten keine Fragen. Stattdessen übergaben sie Hermine in die Obhut von Molly und Minerva und kamen auf ihn zu.
„Lass uns keine Zeit verlieren. Wir müssen es draußen erledigen", sagte er starr, als er und Harry sich Auge in Auge gegenüberstanden. „Die Magie hat hier drin nicht dieselbe Wirkung wie sonst."
Wild entschlossen machte er kehrt. Das Blut kochte förmlich in seinen Adern und er war froh, dass Harry begriff, dass sie sofort handeln mussten, bevor noch ein größeres Unglück geschah.
Sie waren kaum draußen, da schüttelte Harry irritiert den Kopf. „Wie konnte das nur passieren?"
Severus schnaufte tief ein und führte sie ins Abseits, wo sie nicht gestört werden konnten. Dieselbe Frage hatte er sich insgeheim auch schon gestellt. Erfolglos, er war verbittert vor Wut. Zudem gab es zu viele Schwachstellen im System, sobald es um die Prophezeiung ging.
„Der Raum war schon immer besonders. Verwunschen. Manchmal geht Magie ihren ganz eigenen Weg." Er beendete den Satz halbherzig, denn auf eine Erklärung hatte er keine Lust, und deutete mit einem scharfen Blick auf den Boden. „Hier ist es gut. Leg ihn da hin, Potter. Sofort. Wenn wir es jetzt nicht zu Ende bringen, wenn er es merkt, fallen hier bald scharenweise seiner Anhänger ein, die uns davon abhalten werden."
Harry gehorchte und hatte keine Ahnung, warum. Ihm war ausnahmsweise total egal, wie verächtlich die Worte seines Erzfeindes bei der Betonung seines Namens klangen. Wichtig war jetzt nur, dass sie es hinter sich brachten. Dass Hermine wieder gesund wurde und das Schloss bald wieder einen würdigen Schulleiter hatte. Er bückte sich, platzierte das Diadem, in das das Seelenbruchstück eingeschlossen war, auf dem Fußboden und richtete sich wieder auf, um Severus direkt ins Gesicht zu sehen.
„Wenn das alles vorbei ist, geht es nur noch um Sie und mich."
„Einverstanden, Potter. Denken Sie sich schon mal einen Zauber aus. Am besten einen, der nichts mit „Expelliarmus" zu tun hat."
Ron holte Luft, um zum Gegenschlag anzusetzen, doch Harry stieß ihn in die Seite und wehrte ab. „Sie sind dran, Professor." Er klang außerordentlich gelassen, streckte die Hand aus und deutete auf den Boden. „Wenn das Ding Sie tötet, erwarten Sie nicht, dass ich in Tränen ausbreche."
Severus musterte ihn mit zusammengekniffenen Augen. „Werd' ich nicht." Er ging in die Hocke und betrachtete den Horkrux. Dass er so unscheinbar wirkte, konnte er immer noch kaum glauben. Aber genau das war Albus zum Verhängnis geworden, als er sich den Ring angesteckt hatte. Dennoch hatte er Zuversicht, dass der Horkrux ihm hier auf dem Flur nichts anhaben konnte.
„Worauf warten Sie?", drängte Harry stichelnd.
„Wer weiß", entgegnete Ron, „vielleicht überlegt er es sich anders."
Severus ignorierte die beiden so gut es ging. Er streckte die Hände aus und hob das Diadem mit den Fingern an. Sofort merkte er, wie es an den Stellen, die er berührte, zusammenschmolz. Instinktiv ließ er es fallen, so dass es zu Boden sank. Im selben Moment strömte ein gleißend weißes Licht aus der Mitte des Diadems, das sich mit rasender Geschwindigkeit ausbreitete und alles im Umkreis erfasste. Dann, ebenso schnell, wie es begonnen hatte, war es vorüber und der Horkrux nur noch ein Stück geschmolzenes Metall.
Keiner der Jungs sagte etwas. Sie überzeugten sich noch einmal aus der Nähe vom Ausmaß der Zerstörung und suchten sofort das Weite, um im Krankenflügel nach Hermine zu sehen.
Severus blieb allein zurück. Erleichtert aber auch durcheinander. Nachdem er die kläglichen Überreste des Horkrux mit einem Zauber endgültig dem Erdboden gleichgemacht hatte, zögerte er, den anderen zu folgen. Bestimmt war im Krankenflügel die Hölle los und Hermine wohl oder übel am besten bei ihren Freunden aufgehoben – vorerst jedenfalls.
Kurzerhand entschied er sich für einen anderen Weg.
„Das, was hier abläuft, ist blanker Irrsinn, Albus. Nicht lange und irgendjemand merkt, dass das Schloss voller Eindringlinge ist. Wir müssen sie fortschaffen. Sofort."
„Der Orden arbeitet mit Hochdruck an einem Plan, wie wir das Schlimmste verhindern können. Aber selbst zuhause werden nicht alle sicher sein. Und jetzt beruhige dich erst mal. Wenn du dich so aufregst, hilfst du niemandem weiter."
„Ich will mich nicht beruhigen." Ein Tropfen Schweiß rann seine Schläfe abwärts. Er nahm die Hand hoch und wischte ihn ungestüm fort. „Sie verstehen nicht. Ich hätte verhindern müssen, dass es soweit kommt. Sie hätte sterben können. Und ich wäre nicht da gewesen."
Dumbledore sah wissend über den Rand seiner Brille zu dem Mann hinab, der vornüber in seinem Stuhl zusammengesunken war. „Ich kann nachvollziehen, wie du dich fühlst."
Severus hob blitzartig den Blick und schnaubte kalt. „Tun Sie nicht."
„Es gab mal eine Zeit, da habe ich fast alles verloren", fuhr die Stimme des verstorbenen Schulleiters fort, als hätte es die Unterbrechung nicht gegeben. Er sprach mit einer Ruhe, die Severus frösteln ließ.
Sofort schweiften seine Gedanken ab. „Wenn wir verhindern könnten, dass er nach Hogwarts kommt …"
„Er wird sich auf jeden Fall nach dem Zustand seiner Horkruxe erkundigen wollen. Daran führt kein Weg vorbei."
„Was ihn unweigerlich herführen wird."
Dumbledores Blick wurde todernst. „Ihr müsst euch um die Schlange kümmern."
„Ich weiß. Aber ich weiß nicht, wo ich zuerst hin soll. Wenn ich zu lange hier bleibe, wird er den Eindruck haben, ich würde mich verstecken. Wenn ich gehe, besteht die Gefahr, dass ich in eine Falle laufe und alles hier seinem Schicksal überlasse."
„Ich kann dir nicht sagen, was du tun sollst. Nicht diesmal. Wenn er aber nach dir verlangt, wirst du dich ihm stellen müssen."
„Es sei denn, ich komme ihm zuvor."
Eine gespenstische Stille breitete sich im Raum aus, auf deren Schwingen etwas Unheilvolles lag.
Dumbledore nahm seine Brille ab und rieb sich die Augen. Er sah so lebendig aus, dass Severus beinahe vergaß, dass er es lediglich mit seinem Abbild zu tun hatte.
„Ich weiß, dass du und Harry euch nicht besonders nahe steht", setzte er eindringlich an, was seinem Gegenüber abermals ein Schnauben entlockte.
„Das ist wie immer weit untertrieben."
„Es wäre möglich, dass Harry eine Konfrontation mit Tom nicht überlebt."
„Ich bin nicht senil, Albus. Diese Diskussion hatten wir schon mal."
„Ja, aber damals hast du nicht so distanziert reagiert, sondern viel eher berührt. Du hast doch nicht etwa deine Meinung dazu geändert? Es war immer mein Wunsch, dass ihr eines Tages eure gegenseitige Abneigung beendet, der Wunsch eines sentimentalen alten Mannes."
„Sie sollten keine Wunder von mir erwarten."
„Nein, das sollte ich nicht. Trotzdem schaffst du es immer wieder, mich in Erstaunen zu versetzen. Übrigens glaube ich nicht, dass Harry dem Glück seiner Freundin dauerhaft im Weg stehen würde, wenn es das ist, was dich umtreibt."
Severus zögerte und musterte einen Moment seine langen Finger. Dann sah er auf. „Vielleicht kann ich da was für Sie tun."
„Vielleicht, Severus, vielleicht."
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Der Plan, der in seinem Kopf herangereift war, war nicht besonders gut. Aber nach allem, was er in den vergangenen Monaten erlebt hatte, musste er es versuchen. Es war nicht das erste Mal, dass er sich Hals über Kopf in etwas hineinstürzte, das seinem Leben ein jähes Ende bescheren konnte. Wenigstens war er diesmal mit etwas gewappnet, das sein Gegner nicht kommen sah.
Im Schloss war es ruhig. Zu ruhig für so viele Geschehnisse. Beinahe lautlos eilte er durch die Gänge, ein schwarzer Schatten, der es gewohnt war, alleine umher zu streifen. Die Geschäftigkeit im Krankenflügel schlug hart auf ihn ein. Er sah Hermine in einem der Betten liegen, umringt von ihren besten Freunden, den Weasleys und einigen der Professoren. Nur mühsam widerstand er dem Drang, sie alle fortzujagen, damit er mit ihr allein sein konnte; er hatte ohnehin keine Zeit und wandte abrupt den Blick von ihrem Gesicht.
„Minerva, ich muss mit dir reden."
Seine tiefe Stimme erregte einen ungeahnten Aufruhr im Raum. Sämtliche Köpfe drehten sich in seine Richtung und sahen ihn teils neugierig, teils voller Skepsis an, als würden sie nur auf eine Erklärung für alles warten. Entgegen aller Hoffnungen machte er es kurz.
„Potter, Weasley, mit Ihnen ebenfalls."
Stillschweigend lösten sich die drei von ihren Plätzen und folgten ihm ins Abseits, wo sie sich ungestört unterhalten konnten.
„Wie geht es ihr?" Mit unbeweglichem Mund.
McGonagall hob die Hand. Auf halbem Weg zu seinem Arm besann sie sich eines Besseren und zog sie zurück. „Sie hat nach dir gefragt." Sie schürzte missbilligend die Lippen. „Severus, dafür haben wir jetzt keine Zeit. Was hat Albus gesagt? Was sollen wir jetzt nur tun?"
Die Antwort versetzte ihm einen ebenso schmerzlichen Stich im Herzen wie ihre Fragen. „Hältst du mich für so inkompetent, dass ich keinen Schritt ohne ihn machen kann?"
„Das nicht. Aber in Anbetracht der Umstände sollten wir ihn einschalten. Alles andere muss warten."
Wie oft er das gehört hatte. Wie oft er seine Belange zu Gunsten von Hogwarts zurückgestellt hatte …
„Ich muss zuerst sichergehen, dass es ihr gut geht, bevor ich aufbreche. Oder ist das in deinen Augen zu viel verlangt?" Er war froh, dass sie nicht antwortete. Ihm genügten schon die Blicke von Potter und Weasley, die alles andere als freundlich waren.
„Und wo willst du hin?", fragte McGonagall kurz angebunden.
„Er hält sich im Manor auf", erklärte Severus sachlich, die stechenden Augen fest auf ihr sorgenvolles Gesicht geheftet. „Sag dem Orden, ich brauche mindestens zehn fähige Leute dort. Wo ihr sie hernehmt, ist mir gleich, belegt sie notfalls mit einem Fluch. Sie sollen uns um jeden Preis den Rücken freihalten. Potter kommt mit. Wenn Weasley nichts Besseres zu tun hat, ist er auch eingeladen, aber es wird kein Spaziergang werden."
„Sie wollen, dass wir ihn dort angreifen?" Harry schluckte.
Sein Kopf wandte sich steif Harry zu. „Wir haben nur eine Chance. Sobald das Überraschungsmoment vorüber ist, sind wir erledigt. Zuerst müssen wir seine Schlange töten, dann gehört er ganz Ihnen, Potter."
Entschlossen straffte Harry seine Schultern. „Ich habe nicht jahrelang umsonst darauf gewartet. Ich bin bereit."
„Ich komme mit", sagte Ron. „Ich weiß zwar nicht, wie ich Mum das beibringen soll, aber ich bin dabei."
„Schön. Das war's. Sie beide können vor der Tür auf mich warten." Blieb nur noch eine Kleinigkeit.
Er sah den beiden zu, wie sie sich einvernehmlich von McGonagall verabschiedeten, und wappnete sich innerlich; ein Schutzschild, der immer dann hochfuhr, wenn er nicht wollte, dass jemand ihm zu nahe treten konnte. Als sie draußen waren, sagte er: „Minerva, ich möchte gern einen Moment mit ihr allein sein."
„Was?" Ihre Entrüstung war nicht zu überhören. „Der Zeitpunkt ist äußerst ungünstig dafür. Wie stellst du dir das vor? Alle sind hier versammelt und warten auf eine Erklärung von dir – oder zumindest darauf, dass du die Wogen glättest und etwas Nettes sagst."
„Das müssten sie nicht, wenn du ihnen nicht schon auf die Sprünge geholfen hättest", knurrte er.
„Oh, das ist wirklich die Höhe. Deinem Auftritt im Raum der Wünsche ist es zu verdanken, dass sie sich fragen, was es mit dir und Miss Granger auf sich hat. Unabhängig davon habe ich es genau wie die anderen satt, in ständiger Angst zu leben. Diese Schule war immer ein Ort, der Kindern eine Heimat geschenkt hat. Sie verdient genauso etwas Besseres wie wir alle. Nur deshalb habe ich mich an unsere Kollegen gewandt."
Er seufzte. Sie hatte nicht ganz unrecht damit, schließlich konnte er selbst ein Ende der Ära Voldemorts kaum erwarten. „Hör zu, Minerva. Wir können das, was wir ausgelöst haben, sowieso nicht ungeschehen machen", sagte er schwer. „Deshalb bitte ich dich, lass mich einen Moment mit ihr allen."
„Sie würden es nicht verstehen, Severus. Noch nicht, bei all dem Chaos. Siehst du das denn nicht?" Ihre Lippen vibrierten vor Aufregung wie am Rande eines Zusammenbruchs.
Es war ihm gleich. Er wollte sie sehen und er hatte nicht viel Zeit. Jeder, der ihm im Weg war, war ein Hindernis, das es zu beseitigen galt. Wenn nötig, sogar Minerva.
„Minerva – tu es. Schick sie fort, oder ich werde es tun."
Diesmal blieb sie stumm. Hoheitsvoll drehte sie sich um und marschierte zu Hermines Bett hinüber, um alle nach draußen zu schicken, während er ungeduldig die Hände hinter dem Rücken verschränkte und von einem Fuß auf den anderen tretend darauf wartete, dass der Raum sich leerte.
Oh, wie er es hasste. Als würden ihre Blicke ihn selbst jetzt noch bis in sein Innerstes sezieren. Genau wie die der anderen, die an ihm vorübergingen, teils spekulierend, teils allzu wissend.
Er wartete gerade lang genug, bis die Tür zum Krankenflügel zugefallen war, wartete, bis das Gefühl der aufkeimenden Wut in seinem Körper abzuflauen begann, dann setzte er sich in Bewegung. Jeder Schritt zu ihrem Bett kam ihm lang und beschwerlich vor. Zum einen, weil ihm die Angst, sie zu verlieren, noch immer in den Knochen steckte. Zum anderen, weil er nicht wusste, was er sagen sollte. Vielleicht, so dachte er insgeheim, war sie zu müde und würde ohnehin nicht mitbekommen, dass er da war. Aber als er an ihr Bett trat, wusste er sofort, dass sie seine Anwesenheit vernommen hatte.
Sie schlug umgehend die Augen auf und suchte seinen Blick. „Du bist hier."
Erleichtert nickte er. „Wie du siehst, bin ich das."
Er setzte sich zu ihr und war nicht sonderlich überrascht, als sie ihn anlächelte.
„Hi."
Er rang sich ebenfalls zu einem schmalen Lächeln durch. „Hi."
„Ich dachte schon, die gehen nie."
Unweigerlich musste er schmunzeln. Er nahm ihre Hand und hielt sie fest. „Wie ist das passiert?"
„Du hast es drauf, mit der Tür ins Haus zu fallen."
Ein gequälter Ausdruck verdrängte das Lächeln von seinen Lippen. „Mir wäre lieber, ich müsste dich das nicht fragen", sagte er mit deutlichem Ernst.
„Es geht mir gut." Sie räusperte sich, um zu überspielen, wie enorm das Sprechen sie anstrengte.
„Dein Körper verrät dich", warnte er sanft. Doch die Zeit saß ihm im Nacken und er zwang sich mit aller Gewalt zur Ruhe. „Ich kann nicht lange bleiben."
„Dachte ich mir schon. Poppy wird ausflippen, wenn ich mit dir alleine hier bin."
„Nicht deswegen."
„Nein? Du bist der Schulleiter. Wenn sich das rumspricht -"
„Dafür ist es zu spät. Ich habe das Gefühl, das gesamte Kollegium ist weitaus mehr in alles involviert als mir lieb ist."
„Oh. Das tut mir schrecklich leid, Severus."
„Du lügst."
„Womöglich. Ich hab immer davon geträumt, dass wir uns nicht mehr verstecken müssen."
Seine Augen funkelten. „Es ist noch nicht vorbei, Hermine."
„Der Horkrux?"
„Erledigt", sagte er tonlos.
„Es lag am Raum der Wünsche. Ich hätte es wissen müssen. Es war so dumm von mir!"
„Hermine …"
„Ich hatte solche Angst, dich zu enttäuschen", fiel sie ihm ins Wort.
Verwundert zog er die Brauen hoch. „Wenn das nur mal deine einzige Sorge ist." Es klang weniger abfällig als beabsichtigt.
„Kein Sarkasmus heute?"
Sein Blick wurde wieder ernst. „Dich zu verlieren … Du hättest mir das Herz gebrochen."
„Ich weiß. Deshalb will ich, dass du schnell zu mir zurückkommst. Mach ihn fertig, Severus." Sie lächelte noch einmal zu ihm hoch und machte die Augen zu. „Ich liebe dich, denk daran."
Die Erschöpfung stand ihr ins Gesicht geschrieben, doch er verdrängte es. Er beugte sich über sie und küsste sie auf die Stirn. Ihre Lippen zu berühren, wagte er nicht, weil er nicht wusste, ob er sie je wieder freigeben würde. Als er ihre Hand losließ, war sie bereits eingeschlafen.
