Kapitel 24: Shachath
Wieder vernahm der Engel des Todes ein Lied, welches sie schon zuvor gehört hatte. Es war der Klang von Judy Martins Lied des Todes. Es war anders als das Lied von den meisten anderen, es war nicht erfüllt von Angst sondern von Trauer. Schon des Öfteren hatte sie Judes Lied gehört, doch nie zuvor so laut wie heute. Sollte heute wirklich der Tag sein, an dem Jude sich für ihren letzten Weg entschieden hatte? Sie folgte den Klang des melancholischen Liedes, welches sie zu seinem Besitzer brachte. Sie folgte immer den Wünschen der Menschen, die sich nach ihr sehnten….nach den Tod.
Wieder führte sie der Weg nach Briarcliff, einen Ort vieler verlorener Seelen. Und unter all diesen traurigen Seelen, fand sie auch Jude. Shachath holte jeden Tag unzählige von Menschen zu sich, doch in einigen von ihnen, sah sie mehr und so auch in Jude. Das erste Mal, als Jude sie rief war sie fast noch ein Kind. Ein verlorenes Kind welches seinen Platz in der Welt nicht gefunden hatte. Damals hatte sie Jude nicht mit sich genommen, weil sie wusste dass ihre Zeit nicht gekommen war. Das Leben hatte für jeden Menschen einen Plan, ebenso für Jude.
Als sie wie aus dem Nichts, in dem Krankenzimmer auftauchte in dem Jude lag, konnte sie verstehen warum Jude sie gerufen hatte. Oft hatte der Engel des Todes ein derartiges Szenario gesehen und sie wusste, dass Frauen in dieser Lage oft lieber sterben wollten, als all das ertragen zu müssen was folgen würde. Doch das hier, war etwas anderes. Hier war es kein einfacher Mensch gegen den Jude ankämpfen musste, sondern das leibhaftige Böse. Es war ein Kampf, den kein Mensch gewinnen konnte, egal wie stark dieser war. Langsam nährte sich Shachath dem Bett und blickte auf Jude herab.
„Jude….ich bin deinen Klängen gefolgt….du hast mich gerufen und hier bin ich."
Jude öffnete langsam die Augen und blickte zu der dunklen Frau auf. Ein seltsames Lächeln bildete sich auf ihrem Gesicht, als sie ihre alte Vertraute sah. Doch nicht nur Jude bemerkte die Anwesenheit von Shachath.
Timothy der sich endlich am Ziel seiner Wünsche sah, spürte eine Präsenz welche ihm mehr als unwillkommen war. Er ließ von Jude ab und blickte nach oben.
„Du! Du schon wieder! Was willst du hier?" zischte Timothy während er den Engel des Todes mit Blicken direkt aus der Hölle ansah.
Emotionslos blickte Shachath zu dem bösen Wesen, welches sie hier zuletzt in dem Körper einer jungen Frau gesehen hatte „Du weißt doch genau wer und was ich bin. Ich komme zu denen, die meinen Kuss ersehnen."
Timothy stieg vom Bett und sah wütend zu Jude „Du Miststück hast also nach ihr gerufen. Ich muss gestehen, damit habe ich nicht gerechnet." Die Kraft die von Shachath ausging, schwächte ihn. Denn er wusste, dass Shachath nur dann kam, wenn die Menschen im Leben keinen Sinn mehr sahen. Ein Mensch der mit dem Leben abgeschlossen hatte, hatte keine Angst mehr vor Folter und Qualen…und wenn ein Mensch diese Ängste nicht mehr verspürte, hatte er nicht länger das Elixier welches ihn nährte.
„Warum bist du noch hier? Diese Welt ist kein Ort für dich. Du bist ein Wesen einer anderen Wirklichkeit und hast kein Recht, unter den Lebenden zu wandeln." sprach Shachath mit leiser und ruhiger Stimme.
„Ich habe es dir schon einmal gesagt, mir gefällt es hier. Diese Welt ist wie ein Spielplatz für mich und ich werde nicht gehen. Es gibt hier viele Dinge, mit denen ich mich vergnügen kann." Sein Blick fiel auf Jude, die noch immer in ihrem Bett lag und ihn ansah.
Die Angst war noch in ihren Augen aber nicht mehr so stark wie zuvor. Die Anwesenheit des Engels, gab ihr neue Kraft und den Willen zu Leben wieder und er nahm ihr ein Stück der Angst, denn jetzt sah Jude, dass auch dieses Wesen nicht unangreifbar war. Doch nicht nur Jude, spürte wie die Macht des Bösen schwächer wurde, auch der reale Timothy Howard in ihm, bekam wieder eine Stimme und kämpfte gegen ihn an.
All das ließ das Böse zurück weichen und ein wahnhafter Blick erschien auf seinem Gesicht. Unbändige Wut stieg in ihn auf. Wie konnten jämmerliche Menschen nur so stark sein und ihn trotzen. Sein Kopf schmerzte und er spürte wie auch Timothy in ihm immer stärker wurde, doch noch war er nicht stark genug…..aber bald könnte er es schaffen und ihn trotzen. Er musste hier weg, er brauchte Nahrung und wenn er sie nicht von dieser Hure bekommen würde, dann gab es hier genug dumme Schafe die in Angst vor ihm auf die Knie gehen würden.
„Es ist nicht vorbei….." fauchend verließ er das Zimmer und stolperte den langen Flur entlang „Oh nein, du armseliger Feigling bist nicht stark genug." Sprach er zu den wahren Timothy und bemerkte nicht, die verwirrten Blicke der Ärzte und Schwestern an denen er vorbei lief „Ich bin mächtiger…..mächtiger als ihr alle." schrie er als er die Tür aufstieß und den Krankenflügel verließ.
‚Verdammt sollt ihr alle sein….'
Shachath sah ihm unbeeindruckt nach und wandte sich dann an Jude „Dein Lied wird leiser meine Liebe. Ich glaube, du bist nicht bereit für meinen Kuss…."
Jude sah zu der anderen Frau und zuckte mit den Schultern „Ehrlich gesagt, weiß ich es nicht. Vielleicht sollte ich bereit sein….ich weiß nicht, was mich noch in dieser Welt hält aber andererseits, bin ich auch nicht bereit völlig mit allem abzuschließen."
Lächelnd setzte sich Shachath zu Jude und sah die blonde Frau an, die sie schon so lange kannte „Ich kann dir diese Entscheidung nicht abnehmen, aber lass dir gesagt sein, mein Kuss ist für die Ewigkeit. Sobald meine Lippen deine berühren, endet dein Leben auf dieser Welt. Und ich glaube, es gibt noch etwas für dich, wozu es sich zu Leben lohnt."
Ein trauriges Lachen entkam Jude und sie schüttelte den Kopf „Das hast du mir schon einmal gesagt und nun sieh wie weit es mich gebracht hat. Bis heute habe ich keinen Platz in dieser Welt und ich glaube, den werde ich niemals finden."
„Du meinst ein unnötiges Leben? Nein meine Liebe, es gibt noch etwas für dich aber nur du selbst kannst es finden. Ich verlasse dich nun….."
„Was? Nein, du hast es geschwächt…wenn jemand es besiegen kann und Timothy aus seinen Klauen befreien kann dann du. Bitte…." Jude sah flehend zu Shachath, doch diese lächelte Jude nur an.
„Nein Jude, ich war es nicht, die ihn schwächte. Ich bin gekommen und du warst bereit loszulassen und dich von dieser Welt zu verabschieden. Du hattest nicht länger Angst vor den Qualen des Lebens, denn er Sterbender braucht das Leben nicht mehr zu fürchten. Du selbst bist es gewesen, die ihn schwächte."
Jude hörte Shachath aufmerksam zu und plötzlich fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Als Mary Eunice nur noch sterben wollte, bekam sie die Macht über sich wieder. Wenn sie keine Angst haben würde, dann würde er ihr nichts anhaben können und sie könnte vielleicht Timothy wieder zurückholen. Sie könnte ihn besiegen!
Jude blickte auf und wollte Shachath noch einige Fragen stellen, doch so schnell wie sie gekommen war, so schnell war sie auch wieder verschwunden. Allein saß Jude in ihrem Krankenzimmer und überlegte, was sie nun tun sollte. Sie kannte das Geheimnis seiner Macht, doch war sie überhaupt in der Lage ihn ohne Angst entgegen zu treten?
