Verlange keine Visionen, wenn du nicht bereit bist, die Konsequenzen daraus zu ziehen.
Strephon K. Williams
24. Visionen
Einzelne Sonnenstrahlen brachen sich an meinen Körper und tanzten verspielt über die Decke. Vorsichtig, um sie nicht zu wecken strich ich ihr die Haare aus dem Gesicht. Sie sah so entspannt aus, es war fast so als wenn sie und nicht ich glitzern würde. Kurz zog sie ihre Nase kraus, atmete tief durch und schmiegte sich fester an meine Brust. Verträumt lies ich meine Hände zärtlich über ihren Körper gleiten.
Die letzte Nacht war der Wahnsinn, nie hätte ich es für möglich gehalten das es so sein würde. Es war so schwer und doch so leicht gewesen. Ich hatte sie nicht getötet und abgesehen von einem Bluterguss, der ihre linke Hüfte zierte - dort hatte ich wohl im Eifer des Gefechts etwas zu fest zugepackt – konnte ich keine weiteren Verletzungen an ihr feststellen. In meinem Kopf ließ ich noch einmal den letzten Abend ablaufen, ihre plötzliche Unruhe im Auto, das Hotel und ihre Aufforderung zu jagen, sie hatte es gewusst, anders konnte es gar nicht sein. Ihr Empfang im Bad und was sie mit mir dort gemacht hatte. Allein die Erinnerung erregte mich. Dann unser Spiel hier im Bett. Hätte ich etwas anders machen können? Sollen? Sie hatte es genossen, dessen war ich mir sicher, also war das was ich getan hatte wohl nicht verkehrt. Schmunzelnd dachte ich an ihre verzückten Schreie. Nein, mein Handeln war ganz gewiss nicht falsch gewesen, dachte ich zufrieden.
Ein leises Lachen ließ mich aufhorchen und ich öffnete meine Augen nur um in ihre zu sehen. Wie konnte mir nur entgehen das sie aufgewacht war?
Amüsiert sah sie zu mir runter. „Das ist ja fast nicht mehr zu ertragen."
„Was?", fragte ich, denn ich verstand nicht worauf sie hinaus wollte.
„Diese Selbstzufriedenheit die du ausstrahlst. Was denn sonst, mein Lieber", neckte sie mich.
„Selbstzufriedenheit?", fragte ich gespielt entsetzt und lachte dann. „Ich hab dich nicht umgebracht und du machtest einen recht zufriedenen Eindruck. Ja, ich denk ich darf zufrieden mit mir sein." Todernst sah ich in ihre blauen Augen, doch sie stöhnte nur auf. „Jetzt bekomm mal keinen Höhenflug."
„Höhenflug, Pah", ich drehte meinen Kopf zur Seite. „Höhenflug. Also ehrlich, dein Körper, meine Liebe hat dich verraten. Leugne es ruhig."
Ihre kleine Hand packte mein Kinn und drehte mich wieder zu sich. „Ich habe nicht gesagt, dass ich es nicht genossen habe", dann beugte sie sich zu mir und unsere Lippen vereinigten sich in einem leidenschaftlichen Kuss.
Zärtlich streichelte sie mein Gesicht und sah mich verträumt an, dann fing sie plötzlich an leise zu kichern. Ich legte den Kopf leicht schief und betrachtete sie fragend, doch sie schüttelte nur leicht den Kopf. Meine Neugier war aber zu groß, darum fragte ich nach einer Weile „Was?"
Sie schmiegte sich ganz eng an mich und legte ihre Lippen an mein Ohr.
„Ich hab mich nur gefragt, ob ich mich nicht strafbar gemacht habe", wisperte sie kichernd.
Strafbar? Wieso strafbar? Ich verstand nur Bahnhof. „Wie kommst du auf den Gedanken?"
„Na du bist doch eigentlich tot oder?"
„Ja", antwortete ich und verstand immer noch nicht was daran so lustig war.
„Dann hab ich mich wohl strafbar gemacht", prustete sie und fing laut an zu lachen. „Denn das was wir gestern gemacht haben fällt dann wohl unter Leichenschändung und dass ist gegen das Gesetz."
„Leichenschändung", blaffte ich und wirbelte sie herum, so dass sie unter mir zum liegen kam. Schwer atmend sah sie zu mir auf. „Ich mag tot sein, aber ich bin keine Leiche", stellte ich grollend fest. Dann lächelte ich sie an und fuhr mit meinen Fingern die Konturen ihres Gesichts nach, sie war so schön. „Das gestern war für mich das Schönste das ich je erlebt habe. Nein, du bist das Schönste, unglaublichste das ich je erleben durfte. Danke das es dich gibt."
Sie drückte mir einen kleinen Kuss auf die Nasenspitze. „Danke das es dich gibt mein schöner Untoter. Lässt du mich jetzt bitte aufstehen?" Fragend sah ich sie an, doch sie grinste nur. „Ich muss mal für Menschen."
Seufzend ließ ich sie aufstehen, doch als ich ihren süßen Hintern sah kam mir eine Idee und mit einem Satz war ich bei ihr. Sie kräuselte ihre Augenbrauen und sah zu mir auf. Leicht legte ich meine Hand auf ihren Hintern und schob sie Richtung Bad.
„Wir sollten auch unbedingt duschen!", meine Stimme vibrierte und meine Augen sprühten vor Lust.
„Ach duschen", sagte sie kokett und drückte ihren Körper gegen meine Mitte, nur um sich sofort wieder zu lösen. Verführerisch lächelnd sah sie mich über die Schulter an und verschwand im Bad. Ich hinter her.
Friedlich schlief sie in meinen Armen. Nach den Aktivitäten des Tages verlangte ihr Körper nach Ruhe. Wir hatten den ganzen Tag nicht einmal das Zimmer verlassen, selbst ihr Essen hatten wir vom Zimmerservice bringen lassen. Jetzt wo wir die Freuden der körperlichen Liebe gekostet hatten, konnten wir die Finger nicht mehr voneinander lassen. Es gab doch noch soviel am anderen zu erkunden. Ich hätte nie gedacht, dass es so leicht sein würde sie nicht zu verletzen. Gut, ich musste wie immer aufpassen das ich sie nicht zerquetschte, aber wenn ich auf meinen Körper hörte, die Wellen spürte, dann war es recht einfach sie für diese Zeit nicht zu berühren.
Gegen drei in der Früh versteifte sich ihr Körper, sie schlug die Augen auf aber sie sah durch mich hindurch, stand wortlos auf und ging zu dem kleinen Tisch, wo sie ihre Malutensilien bereit gelegt hatte.
Leicht strich sie das Blatt glatt, nahm mit der linken Hand einen Bleistift und begann zu schreiben. Ich war etwas überrascht, dass sie mit links schrieb, denn sie war Rechtshänder, hatte auch sonst bei ihren Visionen nie die linke Hand benutzt und sie schrieb eigentlich auch nicht. Gut ab und an mal, aber nicht so.
Ich beobachtete ihr tun angestrengt und nachdem sie die erste Zeile fertig hatte wäre ich fast nach hinten gefallen. Das war nicht ihre Handschrift, es war eine Schrift die ich kannte, aber seit über 45 Jahren nicht mehr gelesen hatte. Es war Jess, die sich durch Sandy an mich wandte. Das war doch total verrückt!
Mein geliebter Bruce, mein Ehemann,
wunder dich nicht, dass ich durch sie zu dir spreche, aber ich habe meine Gründe.
Als du mit den Kindern an meinem Grab warst hast du mich um Verzeihung für deine Taten gebeten. Mein Liebling, da gab es nie etwas wofür ich dir Verzeihen müsste. Ja, es war schwer für mich als du damals gegangen bist, doch ich wusste dass du mit deinen Erlebnissen im Krieg nicht klar kamst und uns schützen wolltest. Ich habe mich immer gefragt was geschehen ist, das du nicht zu uns zurück kommen konntest. Doch als ich gestorben bin und die ganze Wahrheit erfasst habe, war mir klar, dass du nicht zurück konntest, nicht durftest. Wir alle verstehen dein Handeln, auch deine Tochter die ihren Vater immer vermisst hat. Sie ist froh und glücklich, dass du dich so um Marie und Eddie kümmerst. Keiner wirft dir vor das du sie verwandelst hast. Nein, wir sind stolz auf dich, das du sie zu dem gemacht hast was sie heute sind.
Du hast mir gesagt dass der Mensch Bruce mich immer geliebt hat, mir ging es mit dem Menschen auch so. Du hattest immer einen Platz in meinem Herzen, aber ich wäre nicht stark genug gewesen, um mit dir dieses neue Leben leben zu können.
Sandy ist da anders, sie ist stark. So stark das sie an deiner Seite der Ewigkeit trotzen kann. Ihr zwei seid wie geschaffen füreinander, euch verbinden Bande die ich nicht verstehen kann. Sie wird dich ewig lieben. Vergiss das nicht und sei nicht so hart wenn sie dich fragt.
Ich weiß, dass du deine Existenz als Strafe für deine Taten ansiehst, doch dem ist nicht so. Das Mädchen hat dir ihren tot längst verziehen.
Das ist also nicht der Grund, warum du zu dem wurdest was du bist.
Du hast dieses unsterbliche Leben bekommen, weil es für dich noch eine Aufgabe zu erfüllen gibt. Du musst verhindern dass die New Order ihren Plan durchsetzt, denn das würde das Ende von allem bedeuten was wir kennen.
Zur Zeit sehe ich zwei mögliche Zeitlinien für die Zukunft, in einer habt ihr die New Order besiegt und werdet, wenn auch nicht immer friedlich durch die Zeit streifen. In der Anderen siegt die New Order, dann wird es keine Vampire mehr geben die nicht zu ihnen gehören, die sich nicht ihrem Diktat unterwerfen. Die Clans in Asien und Indien, die Volturi, die Cullens und auch ihr werdet vernichtet. Die Menschen werden unterworfen und wie Vieh gehalten. Sie werden alles bestimmen.
Verstehst du, mein Schatz? Du musst das verhindern. Du musst sie aufhalten.
Beängstigend, nicht wahr? Ich beneide dich nicht für diese Bürde.
Doch fürchte dich nicht, ich werde dich so gut es geht unterstützen und glaub nicht, dass du jetzt sofort los rennen musst um die Welt zu retten. Noch ist die Zeit nicht reif dafür. Ich werde dir sagen wenn es soweit ist, doch dann musst du aus Feinden verbündete machen, denn nur gemeinsam werdet ihr diesen Sturm überstehen.
Pass gut auf dein Mädchen auf, denn sie ist der Schlüssel zu unserem Erfolg, ohne sie kann ich dir nicht helfen. Aber du wirst sowieso auf sie achten, weil du sie liebst und das freut mich mehr als du denkst. Es ist schön dass du die Liebe gefunden hast.
Genug für heute, mein geliebter Mann.
Jess
PS. Der Brief ist nur für dich bestimmt, du darfst ihr aber davon erzählen und verzeih mir für das was ich dir jetzt antun muss.
Ich war noch ganz benommen von dem eben gelesenen. Das durfte nicht wahr sein. Wieso? Wieso ich? Warum nicht Carlisle, er wäre für so eine Aufgabe doch viel geeigneter. Ich bin doch gar nicht stark genug für so was.
Noch während ich innerlich lamentierte traf mich eine unsichtbare Macht und zerrte an meinem Geist. Ich versuchte mich zu wehren, doch sie war stärker. Mein Geist trennte sich vom Körper und fiel, fiel und fiel immer tiefer in einen bodenlosen dunklen Schlund.
Stahlharte Fingernägel gruben tiefe Furchen in das schwarze Eichenholz des Throns. Nervös drehte die dunkelhaarige Gestalt ihren Kopf immer und immer wieder zur Eingangspforte. Angestrengt lauschte er dem Kampfgetümmel vor seiner Schwell. Auf seinem durch die Jahrtausende verwittertem Gesicht spiegelte sich seine Verzweiflung wieder. Wie hatte es soweit kommen können? Wie?
Er hatte die Zeichen zu lange nicht sehen wollen, war blind in seinem Hass auf den anderen Clan, der ihn so gedemütigt hatte. Erst als sein wichtigster Krieger verschwunden war, hatte er die Gefahr erkannt, aber da war es schon zu spät. Nein eigentlich nicht, dieser seltsame Vampir hatte ihn doch gewarnt, doch er wollte es nicht wahr haben. Was wäre das auch für eine Welt in der er auf einen dieser Goldaugen hören würde? Vor allem wenn er ihn nicht berühren durfte.
Und doch hatte er recht behalten. Doch was sollte es. Wer würde schon über verschüttetes Blut jammern? Sein Körper straffte sich sichtbar und bekam etwas Königliches. Sollten sie doch kommen, er war bereit.
Krachend flog die kleine Seitentür auf und die kleine Jane stürmte in den Thronsaal. „Meister Aro!", schrie sie verzweifelt. „Sie überrennen uns. Meister Marcus ist tot, Meister Caius geflohen, die Wache so gut wie ausgelöscht. Bitte Meister ihr müsst fliehen."
Kopfschüttelnd stand Aro von seinem Thron auf und schwebte auf Jane zu. „Nein, meine Tochter", sagte er mit leiser aber fester Stimme. „Ich werde nicht fliehen. Ich werde kein Leben auf der Flucht führen und mich wie irgendein Wild in dunklen Höhlen verstecken. Lieber sterbe ich und behalte meine Würde."
„Aber Meister!", schrie Jane auf und sah ihn flehend an.
„Ich werde nicht fliehen, aber du mein Kind, solltest dich in Sicherheit bringen. Schnell, sie werden gleich hier sein", sagte er voller Würde. Eine Würde, die ihn in den letzten Jahren verlassen hatte, aber jetzt wo sein Tod kurz bevorstand zu ihm zurück gefunden hatte.
„Ich bleibe bei euch Meister, in dieser Welt will ich nicht leben", antwortete das Mädchen trotzig und stellte sich neben den alten Vampir.
Der Kampflärm verebbte und dann war da eine gespenstische Ruhe. Gebannt starrten Jane und Aro auf das große Portal und nach einer gefühlten Ewigkeit schwangen die Flügel geräuschlos auf. Wie auf einem Paradeplatz strömten sie in Zweierreihen in den Saal, alle in schwarze Umhängen gekleidet, mit dem Zeichen der New Order auf der Brust und die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen, so das nur das rote leuchten der Augen zu sehen war. Es war ein beeindruckender Anblick. Kaum im Saal teilten sich die Reihen und fünfzig Vampire bezogen Posten entlang der Wände. Doch das waren keine normalen Vampire, jeder von ihnen verfügte über eine enorme Kampferfahrung und als ob das nicht reichen würde, waren sie auch noch alle mit übernatürlichen Gaben gesegnet. Was für eine Streitmacht.
Neidisch betrachtete Aro seine Feinde, wie gern würde er über diese Kämpfer herrschen. Eine letzte Gruppe von 10 Vampiren betrat den Raum und Aros Blick lag voller Hass auf dem kleinsten von ihnen. Er, der zur rechten des Anführers auf ihn zu Schritt. Er, der auch an seiner rechten gewandelt war. Er, auf den er gebaut hatte. Er, der ihn so enttäuscht hatte.
„Alec!", zischte Jane voller Abscheu.
Ja, Alec der Verräter.
Alec sah kurz zu dem Mann neben ihm, doch der nickte ihm aufmunternd zu, worauf der kleine Vampir vortrat und sich an seine Schwester wandte.
„Geliebte Schwester, es freut mich das du noch lebst", sagte er.
Jane schnaubte vor Wut und sah ihren Bruder hasserfüllt an, doch als nichts geschah ließ sie resigniert den Kopf hängen.
„Schwester", sagte Alec enttäuscht. „ Du hast doch nicht geglaubt, dass wir uns schutzlos deiner Kraft aussetzen. Aber ich verzeihe dir."
„Wie großzügig", antwortete Jane sarkastisch.
„Ja, wir sind großzügig Schwester, darum bieten wir dir auch einen Platz in unserer Mitte an. Komm zu uns und kämpfe wieder an meiner Seite", sagte Alec und breitete seine Arme aus.
Schwankend sah Jane von Alec zu Aro und wieder zurück, dann straffte sie sich. „Niemals werde ich denen dienen. Ihr habt meine Familie getötet und du bist schon lange nicht mehr mein Bruder", voller Hass spuckte sie vor seine Füße.
Enttäuscht zuckte Alec mit den Schultern. „Es tut mir leid, dass du es so siehst. Lebwohl kleine Schwester." Dann drehte er sich um und nickte einem der Kapuzenträger zu. Dieser streckte seine Hand aus und eine kleine Flamme erschien über ihr.
„Nein", schrie Jane und versuchte weg zu laufen, doch es war zu spät. Die Flamme löste sich von der Hand und schoss auf Jane zu. Egal wie sehr sie auch versuchte ihr auszuweichen, die Flamme war schneller. Als sie Jane traf, hüllte sie das Mädchen ganz ein und verwandelte sie in eine Fackel. Jane schrie vor Schmerzen als das Feuer sie verzehrte und nur einen kleinen Aschehaufen übrig ließ. So starb Jane, der Schrecken der Vampirwelt.
Fassungslos hatte Aro dem treiben zugesehen. Solche Macht, warum hatte er nicht solche Talente finden können?
„Ich weiß, dass mein Ende gekommen ist", sagte er, als er sich wieder gefasst hatte. „Aber Alec beantworte mir noch eine Frage. Warum hast du uns verraten?"
Lächelnd sah Alec Aro an. „Weil ihr schwach geworden seid. Ich habe es schon seit mehreren Jahrhunderten gesehen wie die Volturi im inneren verfaulten. Du und Caius ihr hab euch für so unfehlbar gehalten, aber ihr seid den Ansprüchen der neuen Zeit nicht mehr gewachsen. Ihr habt beobachtet wie die Menschen zu einer Bedrohung wurden und habt nichts gemacht, um sie aufzuhalten. Ihr seid nur noch schwach und als ihr dann auch noch vor diesen Hundefreunden, den Cullens, den Schwanz eingezogen habt, da war mir klar, das eure Zeit abgelaufen war. Die Zeit der Volturi ist vorbei, die Welt braucht eine neue Macht und die sind wir. War das alles, alter Mann?"
„Ja, das war alles", antwortete Aro und senkte den Kopf. Er wollte nicht sehen wie die Flamme auf ihn zuflog und doch kam kein Ton über seine Lippen als das Feuer ihn verzehrte.
Ihre schwieligen Füße flogen über den rissigen Asphalt und trugen sie durch ihr unbekannte Häuserschluchten. Sollte dies wirklich einmal eine Menschenstadt gewesen sein?, fragte sich das 20 jährige Mädchen und wischte sich mit den Handrücken über die Stirn. Auch wenn die Strassen leer waren, der Asphalt gerissen und mit Unkraut überwuchert, das Glas der Fenster zerstört und auch sonst alles schon seit Jahrzehnten dem Verfall preisgegeben war, die riesigen Häuser und breiten Wege zeugten doch von der Pracht, die hier einst geherrscht hatte.
Das Mädchen war total überwältigt von den endlosen Häuserschluchten durch die sie lief und doch machte ihr jedes Geräusch, etwa wenn der Wind durch die zerstörten Fenster pfiff, eine Todesangst.
Nicht weil sie nie so einen Ort gesehen hatte, das allein hätte ja schon beängstigend genug sein können, noch die vielen wilden Tiere die sich den Lebensraum zurück erobert hatten waren der Grund. Ihr Grund war viel Handfester. Das hier war eine Jagd auf leben und tot und sie war die Beute.
Vorgestern hatte man sie hierher gebracht, da waren sie zu zwanzig. Man hatte ihnen eine Karte in die Hand gedrückt und ihnen ein Ziel gezeigt. Wenn sie es doch nur bis dahin schaffen würde, wie schön wäre das? Sie dürfte alt werden, bekäme eine Ausbildung und würde nicht mit spätestens 30 zum Wohl der Götter verwertet. Das war es doch Wert etwas zu riskieren. Welche Zukunft hätte sie den sonst?
Für die Geburtsfrauen war sie zu alt, aber das hätte sie auch nicht gewollt. Gut, sie bekamen das beste Essen, aber wer wollte schon andauernd Schwanger sein? Es gab wenige die mehr als 5 Mehrlingsgeburten überstanden und fast keine ereichte die Zahl von 10, die notwendig war um den grauen Pass zu bekommen. Der graue Pass, der es ermöglichte natürlich zu sterben.
Als normaler Arbeiter erhielt man nur den roten Pass. Das hieß Ortsbeschränkung, Lebensmittel nur auf Karte, Lebensmittel Karte nur gegen Arbeitsnachweiß und wöchentlicher Blutspende. Mit 30 holten sie dich ab und dann wurden dir sämtliche Flüssigkeiten entzogen und alles was dein Körper an Rohstoffen bieten konnte wurde verwertet.
Wachpersonal erhielt auch den grauen Pass. Gut, ihre Versorgung war besser und sie wurden nicht verwertet, aber Blutspenden mussten sie immer noch und sollte ihnen eines ihrer Schäfchen abhanden kommen ging es ganz schnell zur Verwertung. Die Götter verstanden da keinen Spaß.
Dann gab es noch die mit dem braunen Pass, das waren ausgebildete Spezialisten. Ärzte in den Zuchtstationen, Ingeneure die sich um die Infrastruktur kümmerten oder Verwalter, kurz die die man benötigte um alles am laufen zu halten. Sie erhielten Sonderrationen, gute Häuser mit eigenem Personal und sogar etwas was sich Urlaub nannte. Ihre Kinder wurden separat ausgebildet und folgten ihnen meist beruflich. Sie brauchten ihr Blut nicht für die Götter geben und genau so einen Pass wollte sie sich hier verdienen.
Nun eine Gruppe hatte sie noch vergessen, die mit dem Schwarzen Pass, das waren die Priester und die Anwärter. Jeder wurde schon als Kind geprüft ob er etwas besonderes war. Die Auserwählten wurden von ihnen getrennt und kamen in die Obhut der Priester. Wenn sie dann alt genug waren stiegen sie auf und wurden Götter.
Reiß dich zusammen, ermahnte sie sich und warf einen kurzen Blick auf ihre Karte. Nur noch zwei Blocks und sie hätte es geschafft. Jetzt nur nicht unaufmerksam werden. Lieber die Seitengassen nehmen als den direkten Weg.
Geschwind huschte sie durch die Seitenstrassen, spähte, horchte, schlug weitere haken. Sie war gut.
Als sie um die Ecke blickte, sah sie den gelben Wagen keine 150 Meter entfernt, das würde sie bestimmt schaffen. War doch nur noch ein kurzer Sprint und im Laufen hatte sie noch niemand geschlagen. Sie straffte ihren zierlichen Körper, sammelte die letzten Kraftreserven und stürmte los.
Noch hundert Meter, sie war sich sicher sie würde es schaffen.
Noch fünfzig Meter, weiter nur weiter, sie konnte die Freiheit fast schmecken.
Noch fünfundzwanzig Meter, innerlich fing sie an zu jubeln.
Noch zehn Meter. Frei, Frei, Frei.
Noch fünf Meter. Eine eiskalte Hand umfasste ihre Taille und wirbelte sie herum. Mit schockgeweiteten Augen sah das Mädchen in das Gesicht des Jägers. Wie hypnotisiert sah sie in seine burgunderroten Augen und ließ sich in seinen Arme sinken. Er lächelte sie nur an.
„Dein Gott ist gnädig", sagte er sanft. „Ich werde es schnell machen."
„Danke Herr", flüsterte das Mädchen und bot demütig ihren Hals dar.
Leicht strich er ihre Haare zurück und versenkte dann seine Zähne in ihrem Hals.
Keine zwanzig Sekunden später fiel ihr lebloser Körper auf den Boden. Sie war die letzte, keiner hatte es geschafft. Wie immer.
Es war nicht meine Kehle, sondern mein ganzer Körper, der vor Durst brannte. Wie lange hatte ich nicht mehr getrunken? Ein Jahr, zehn? Ich wusste es nicht mehr. Ich wusste nur noch das wir gemeinsam jagen waren, Sandy und ich. Es waren unsere letzten gemeinsamen Stunden, wir hatten uns ein Rudel Wölfe geteilt. Ich wollte ihr gerade etwas Blut vom Hals lecken als ein Blitz heller als Tausend Sonnen mich blendete. Ich konnte mich nicht erinnern den Donner gehört zu haben, aber an die glühendheiße Druckwelle, die uns Meilenweit mit sich trug, konnte ich mich noch gut erinnern. Jegliche Kleidung fraß sie von unserer Haut und wir waren kurz davor in Flammen auf zu gehen.
Als der Sturm sich legte und wir wieder festen Boden unter unseren Füßen hatten sahen wir den riesigen Pilz, der bis in die Stratosphäre reichte und dessen Zentrum genau über unserem Unterschlupf lag. Sie hatten uns tatsächlich mit einer Atombombe angegriffen. Ich hörte noch Sandy schmerzerfüllten Schrei als sie ins Zentrum der Verwüstung lief. Mir blieb nichts anders übrig als ihr zu folgen. Ich konnte sie gerade noch aufhalten, bevor sie in die brodelnde Wolke eintauchte. Sie schrie wie von sinnen. Unsere ganze Familie war eben gestorben, soviel war klar. Ich konnte zu keinen mehr Kontakt aufnehmen und einem solchen Inferno waren selbst unsere Körper nicht gewachsen.
Ich war wie betäubt, nur meine Angst um sie ließ mich nicht Zusammenbrechen.
Mühsam zu fragen wer dafür verantwortlich war. Es gab nur noch eine Macht, die seit dem Untergang der Menschheit über solche Waffen verfügte. Die Geisel der Welt. Die New Order.
Und dann kamen sie, einzelne Suchtrupps die das Gebiet nach Überlebenden absuchten, doch es gab nur noch uns beide.
Als Sandy die ersten sah straffte sie sich und etwas Irres lag in ihrem Blick. Sie stürmte auf sie zu und in ihrer Wut war sie unaufhaltsam. Freudig stimmte ich in ihr Kriegsgeschrei ein. Tod und Verderben bringend zogen wir durch das Ödland und kannten kein Erbarmen. Ich weiß nicht wie viele wir an diesem Tag zu ihrem Schöpfer schickten, doch es waren Dutzende.
Aber es konnte ja nicht ewig so weiter gehen. Wir waren gerade dabei zwei weitere dem Feuer zu übergeben als Alec grinsend auf einem Hügel erschien. Seine Macht waren wir nicht gewachsen. Er raubte uns die Sinne.
Als ich wieder aufwachte, hatte man mir die Arme und Beine genommen, so dass ich mich nicht mehr zur Wehr setzen konnte. Man zwang mich dabei zuzusehen wie Sandy bei lebendigem Leib dem Feuer übergeben wurde. Damals starb in mir der letzte Funke Lebensmut. Seit damals war mir alles egal. Zuerst hoffte ich noch dass sie mich auch töten würden, damit ich zu meinen liebsten konnte, doch sie hatten anderes mit mir vor.
Wie ein Stück Fleisch wurde ich zu ihrem Anführer gebracht, doch anstatt mir meinen gerechten Lohn zu geben oder mich zu verhöhnen wollte er das ich meinen Platz an seiner Seite annehme. Wie hatte er nur glauben können, ich würde mich ihnen anschließen?
Doch auch meine Weigerung brachte nicht meinen Tod. Er sagte, er würde mich schon brechen und so wurde ich in dieses dunkle Loch gesperrt und jeden Tag brachten sie mir Kinder damit ich mich an ihrem Blut laben konnte.
Doch ich blieb standhaft, ich würde nie wieder etwas zu mir nehmen. Nie mehr.
Ich schottete meinen Geist ab und suchte nach ihr in meinem inneren. Noch immer führte sie mich, mein Nordstern leuchtete noch. So widerstand ich der Versuchung, auch wenn die Qualen unerträglich wurden. Ich zog mich immer mehr in mich zurück und nahm die Welt nur noch am Rande wahr.
Ich erforschte meine Erinnerungen und sah noch einmal all die Freunde die gestorben waren. Zuerst hatte es Carlisle getroffen. Er hatte gedacht, man könnte mit der New Order reden, aber sie schickten nur seine Asche zurück. Esme war an dem Verlust zerbrochen. Als die Nomaden in ihr Haus eingedrungen waren, hatte sie sich einfach töten lassen. Emmett und Rose wollten sich für Carlisles tot rächen und waren gen Süden gezogen und nie wieder zurück gekehrt. Genauso war es mit Alice und Jasper. Alice wollte eigene Wege gehen und Jasper war ihr gefolgt. Irgendwann konnte ich keinen Kontakt mehr zu ihnen herstellen, ihr Schicksal blieb uns für immer verborgen. Der Denali-Clan war schon ganz am Anfang getötet worden. Es war Alec, mit einem Stoßtrupp, der Tanja und ihre Familie ausgelöscht hatte. Sie waren alle lebend ins Feuer gegangen.
Edward, Bella und Nessie hatten eine Zeit lang bei den Wölfen gelebt, aber als die Rudel vernichtet wurde zogen sie zu uns. Jahrzehnte hatten wir im Untergrund verbracht und mit Nadelstichen gegen die New Order gekämpft, doch irgendwie hatten sie von unserem Unterschlupf erfahren und alle außer mir getötet.
Wie aus der Ferne drang das Quietschen eines verrosteten Riegels an mein Ohr. Ich spürte die Wärme, ich roch das Blut, mein Durst drohte mich zu übermannen. Ich suchte das Licht tief in meinem inneren und fand es. Sandy und ich gingen am Ufer eines Sees spazieren. Ihre wunderschönen blauen Augen, die mich vom ersten Tag an in ihren Bann gezogen hatten, strahlten mich an.
„Halt durch, mein Geliebter. Nicht mehr lang und du wirst auf ewig bei mir sein."
„Ich weiß nicht wie lange ich das hier noch durchhalte. Du fehlst mir so."
„Ich bin immer bei dir. Hab keine Angst."
Sanft legte sie ihre warmen Lippen auf meine und ich merkte wie ich wieder an Widerstandskraft gewann.
Weit entfernte Worte drangen in mein träges Bewusstsein, so als kämen sie aus einer anderen Welt.
„Wie lang ist er jetzt in eurer Obhut?"
„Acht Jahre, Herr."
„Und er hat nicht einmal das Blut angenommen, das ihr ihm dargeboten habt?"
„Nein Herr, er ist uns unheimlich."
„Unheimlich? Wieso?"
„Es ist nicht nur das er nichts zu sich nimmt, er rührt sich auch nicht. Es ist so als wäre er tot."
„Gut, du darfst dich zurück ziehen."
„Danke, Herr."
„Was meint ihr?"
„Ich hatte immer meine Bedenken, Herr. Er war schon immer ein harter Gegner, wir werden ihn nie brechen."
„Das sehe ich leider auch so, dabei könnte er so nützlich sein. Also gut was schlagt ihr vor?"
„Es zu beenden, Herr."
„Also gut macht es so."
Ich weiß nicht ob ich die Stimmen nur geträumt hatte oder ob sie real waren, aber ich hoffte.
Ich sah zu Sandy. „Meinst du sie lassen mich gehen?"
„Wer weiß?", sagte sie spitzbübig und rannte vor mir weg.
Ich verfolgte sie und umfasste ihre Hüften, indem Moment merkte ich wie jemand meinen Kopf packte und andere Hände meine Schultern hielten. Es war nur ein leichter Ruck, doch ich wusste was er bedeutete.
Grinsend sah ich zu Sandy. „Es ist soweit. Ich komme heim zu dir."
Ich fiel ins bodenlose nichts. Schwärze umgab mich. Wo war ich nur?
Ein kleines Licht flog auf mich zu und wurde immer größer. Was war das nur?
Doch dann erkannte ich Jess in dem Licht, winkend und lächelnd kam sie auf mich zugeflogen, keinen Tag älter als 24. Es war die Jess die ich verlassen hatte.
„Es tut mir leid, dass ich dich durch diese Elend führen musste, aber es war notwendig das du verstehst was geschieht wenn sie gewinnen. Ich weiß du hast viele Fragen, aber wir haben nicht viel Zeit, also fass dich bitte kurz", sagte sie zu mir.
„Gut, wenn wir so wenig Zeit haben, dann erzähl mir was mit den Menschen geschehen ist. Die Stadt in der das Mädchen starb war doch New York, oder? Also was ist geschehen?", fragte ich gerade heraus.
„Als sie die Macht über die Vampirwelt übernommen hatten, setzten sie einen Virus frei der zweidrittel der Menschen dahin raffte. Gleichzeitig infizierten sie das Internet und da die gesamte Infrastruktur des Planeten vernetzt war brach alles zusammen. Banken, Kraftwerke, Ampeln, Transport, alles und das dauerhaft. Das stürzte die geschwächte Welt ins Chaos. Es gab Bürgerkriege um die letzten Ressourcen und irgendwann hat dann die New Order die Macht an sich gerissen. Sie bezeichnen sich selbst als Götter und versprachen ihrer Anhängerschaft ein normales Leben. Sie unterwarfen die restlichen Menschen. Mittlerweile gab es mehr Vampire als zu deiner Zeit und das bei weniger Menschen. Das kommt daher, dass sie sich so genannte Untermenschen als Nahrung und Arbeitssklaven züchten. Für den Rest haben sie sich ein nettes Klassensystem ausgedacht, doch über allem Thronen sie als Götter."
Schweigend hatte ich ihrer Erklärung zugehört. In all dem lag eine perverse Logik. Das war eine Welt in der ich nicht leben wollte. Ich würde alles was notwendig war tun, damit sie nicht real würde.
„Du hast mich überzeugt", sagte ich hart. „Was muss ich tun um das zu verhindern?"
Sie lächelte sanft. „Als erstes sei du selbst. Im Moment kannst du noch nicht viel tun. Die Mächte die du zum Kampf vereinen musst werden dir noch nicht zuhören. Ich werde dir durch Sandy helfen den richtigen Zeitpunkt zu finden. Vertrau uns. Aber bereitet euch vor. Rede mit Carlisle, auch sein Clan kann sich diesmal nicht aus allem raushalten. Doch vor allem streife deine alte Trauer ab. Sie wird dir in allem zur Seite stehen. Also lass dir von ihr helfen. Du musst jetzt gehen."
„Aber ich hab noch so viele Fragen, bitte", schrie ich verzweifelt.
Doch sie entfernte sich schnell von mir und bald war sie nur och ein kleiner Punkt der sich im nichts verlor.
„Vertraue ihr", war das letzte was ich hörte.
Ich stand am Fenster des Hotelzimmers als ich wieder in der Gegenwart erwachte. Was für eine verrückte Nacht. Die New Order musste aufgehalten werden, da gab es keine Frage. Aber wie und wieso ich? Grübelnd starrte ich aus dem Fenster und fand keine Antwort.
„Was stehst du denn da am Fenster?", fragte Sandy mit verschlafener Stimme. „Komm doch bitte zu mir."
Ich drehte mich zu ihr um und sah wie sie die Decke hoch hob, so das ich nur noch neben sie zu schlüpfen brauchte. Ich nahm das Angebot an und legte mich zu ihr, sofort bettete sie ihren Kopf auf meiner Brust.
„So ist es besser, ich mag es nicht wenn du nicht bei mir bist", nuschelte sie und schlief fast sofort wieder ein.
„Ich mag es auch nicht", flüsterte ich und küsste sanft ihre Stirn.
Ich würde einen Weg finden um es zu verhindern und sei es nur um nie mehr allein zu sein.
Ich fass mich heute mal kurz. Ich danke alle meinen Lesern und wie immer ganz besonders moon für ihre Hilfe.
Ich hoffe es hat euch gefallen.
LG
IRA
