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25.

„Kowalski", meldete Rokko sich schlapp am Telefon. „Hallo mein Junge. Hier ist Tante Trudi." Oh nein, die hatte jetzt gerade noch gefehlt! „Hallo Tante Trudi", zwang Rokko sich zu einem fröhlichen Tonfall. „Geht's dir nicht gut? Du klingst irgendwie… erschöpft", stellte die resolute alte Dame fest. „Nein, nein, alles in Ordnung." – „Wie geht es Lisa?", wechselte Hiltrud Seidel das Thema. „Ähm… gut, denke ich. Sie… wir haben uns getrennt." – „Robert-Konrad Kowalski", schimpfte Trudi plötzlich in den Hörer. „Dass du dich von David so manipulieren lässt, das hätte ich ja nicht gedacht! Tz, erst mir dieses Theater vorspielen und dann, als es endlich pfumm gemacht hat, da lässt du dich wieder von ihm unterknuten. Was soll denn das?" Verdutzt starrte Rokko den Telefonhörer an. „Ähm, du hast es gewusst?" – „Was? Dass deine Brüder scharf auf meine Aktien sind? Natürlich habe ich das gewusst. Ich bin vielleicht alt und einsam, aber nicht blöd. Ich habe es erst kapiert, als ich bei dir eingezogen bin. Ich meine, deine Lisa ist ja rumgelaufen, als hätte sie einen Stock verschluckt oder so." Rokko seufzte. „Aber dass hat sich ja dann glücklicherweise geändert", schmunzelte Trudi. „Ja", lächelte Rokko in den Telefonhörer. „Und warum hast du dann gemacht, was David und Richard wollten?", setzte Hiltrud dann ihre Schimpftirade fort. „Ich… ich habe mich nicht von Lisa getrennt. Es hat äußere Umstände gegeben, die… die dazu geführt haben." – „Äußere Umstände?", hakte Rokkos Tante kritisch nach. „Lisas Vater ist gestorben und sie ist zurück in ihre Gemeinde. Bist du jetzt zufrieden? Willst du deine Aktien wiederhaben? Du darfst mich auch gerne steinigen oder so, wenn dich das glücklich macht." – „Beruhige dich", versuchte Trudi ihren Neffen zu bremsen. „Ich werde dir nichts wegnehmen. Ich bin nur so… geschockt. Wenn Lisa zurück in ihrer Gemeinde ist… Da gibt es kein Zurück, oder?"

„Jungfer Lisa, deine Meidung hält nun schon einige Zeit an…" Das Oberhaupt der Amish-Kirche sah von seinem Podest auf Lisa herab. „In Rücksprache mit dem Kirchenvorstand haben wir aber eine Möglichkeit gefunden, die Meidung zu verkürzen." Demütig sah Lisa auf ihre Hände. Sie würde jedes Urteil annehmen. Ihr Leben hatte ja sowieso keinen Sinn mehr. Selbst wenn ihr nicht alle aus dem Weg gehen würden, fand sie einfach nicht zurück in ihr altes Leben. Alleine morgens beim Frühstück machen wurde ihr schmerzlich bewusst, wie sehr sie sich schon an ihr neues Leben gewöhnt hatte. Feuer im Herd zu machen gelang ihr einfach nicht mehr. „Taufe!", hallte plötzlich die dröhnende Stimme des Amish-Pastors zu ihr durch. „Du musst dich taufen lassen, um endlich ein vollwertiges Mitglied der Gemee zu werden." Taufe? Dann wäre es endgültig. Dann würde es kein Zurück mehr geben, gar keins, nicht einmal den Hauch einer Chance, Bruno, Hoda, Jürgen, Hannah, aber vor allem Rokko wieder zu sehen. Andererseits gab es irgendeinen Grund, Rokko wieder sehen zu wollen? Für ihn war sie ja nur Mittel zum Zweck gewesen… „Ich… ich möchte darüber nachdenken", entgegnete Lisa dann.

„Guten Morgen", grummelte David am nächsten Morgen. Zeitgleich zog er sich die Decke wieder über den Kopf. „Wieso bist du denn so früh schon auf, Mariella?" – „Ich habe etwas vor", erwiderte sie kurz angebunden. „Was denn?" – „Ich fahre ein bisschen raus." – „Wenn du noch ne Stunde ins Bett kommst, fahre ich mit dir", bot David an. „Nein, ich kann weder warten, noch will ich, dass du mitkommst", entgegnete Mariella ruhig. Sie beugte sich kurz vor, um David einen Kuss zu geben. „Wir sehen uns später in der Firma."

Liebevoll richtete Helene gerade ihren Stand vor dem Golfclub auf, als ein in ihren Augen riesiger Jeep vorfuhr. Diese Welt war zu seltsam, dachte sie bei sich, widmete sich aber wieder ihrem Stand. Ein Geklapper von Absätzen näherte sich Helene, so dass sie sich genötigt fühlte, aufzusehen. „Guten Morgen", grüßte sie. Mariella lächelte. „Guten Morgen. Schöne Sachen haben Sie da." – „Ja, Puppen und Decken und…" – „Ich sehe schon", unterbrach Mariella Helenes unsicheres Stottern. „Die Schnitzarbeiten hier sind toll. Ein Strauß Tulpen aus Holz, sehr… inno… einfallsreich, wirklich. Der gefällt mir. Kann ich ihn Ihnen abkaufen?" – „Ja, natürlich", lächelte Helene. „Witwer Paul hat sie gemacht. Er schnitzt viel, soweit es seine christlichen Verpflichtungen zulassen." – „Natürlich…" Mariella überlegte, was sie noch sagen könnte, bevor sie auf ihr eigentliches Anliegen kommen wollte. Helene reichte ihr die Schnitzerei, die sie in einen Bogen Zeitungspapier eingeschlagen hatte. Plötzlich merkte Mariella, dass Helene fast über ihren Verkaufstisch kletterte, um Mariellas Gesicht genau betrachten zu können. „Ihre Lippen haben so eine schöne Farbe", staunte Helene dann mit kindlicher Freude. „Ja, der Lippenstift ist von…" Mariella brach ab. Damit würde die junge Amish-Frau wohl nichts anfangen können. Dann kam ihr aber eine Idee. „Sagen Sie, möchten Sie auch so eine Lippenfarbe haben?" Helene nickte eifrig, während Mariella bereits in ihre Handtasche griff.

„So, und das ist Lidschatten, ich glaube, die Farbe steht Ihnen gut. Wollen Sie den auch ausprobieren?" Helene betrachtete die Schachtel, die Mariella ihr hinhielt. „Und wie geht das?", fragte sie und schämte sich gleich, denn das hatte sie schon beim Lippenstift fragen müssen. „Soll ich Sie schminken? Mit allem, was dazu gehört?", bot Mariella an. „Oh ja, sehr gerne", lächelte Helene. „Dann setzen Sie sich mal auf Ihren Tisch, dann ist es für uns beide bequemer", entgegnete Mariella, die sich ein wenig schlecht vorkam, denn sie würde Helene jetzt nicht ganz uneigennützig mit den ihr unbekannten Produkten schminken. „Frau von Brahmberg! Belästigt Sie diese Person etwa?", dröhnte plötzlich eine tiefe Männerstimme über den Parkplatz des Golfplatzes. Mariella drehte sich um und erkannte den Inhaber sofort. „Nein, eher ich sie", lachte sie als Antwort. „Frau von Brahmberg, Sie müssen nichts kaufen. Noch tolerieren wir diese… diese Sekte, aber wenn wir erstmal genug Unterschriften für das Volksbegehren haben, dann wird es hier bald ein paar Löcher mehr geben. Wollen Sie nicht auch unterschreiben?" Mittlerweile war der Inhaber des Golfclubs zu Mariella herübergekommen und hatte ihre Hand geschüttelt. „Nein, das möchte ich nicht", entgegnete diese kühl. „Und wenn Sie das Volksbegehren doch schaffen sollten, dann werde ich gegen die Erweiterung des Golfplatzes stimmen. Wenn Sie dann bitte gehen könnten. Sie stören das Gespräch zwischen Helene und mir."

„So, fertig", verkündete Mariella, nachdem sie sich ausgiebig um Helenes Gesicht gekümmert hatte. „Hier können Sie sich sehen", lächelte sie freundlich und reichte ihrem Gegenüber einen Taschenspiegel. „Fehlen eigentlich nur noch Ihre Haare." – „Nein!", lehnte Helene vehement ab, wobei sie ihre Haube festhielt. „Das sieht doch jeder sofort. Das geht nicht." Mit kindlicher Freude ließ Helene Sonnenstrahlen auf dem Spiegel tanzen, bevor sie hineinsah. „Das bin doch nicht ich", stellte sie gerührt fest. „Doch, Sie sind eine hübsche Frau. Ich könnte Ihnen… Sie könnten das Schminkzeug behalten." – „Nein, das geht nicht", erwiderte Helene traurig. „Das ist nicht erlaubt. Aber trotzdem danke." Mariella atmete tief durch – es hatte sich einfach keine Möglichkeit ergeben, Helene subtil auszuhorchen. Jetzt musste sie einfach direkt fragen. „Sagen Sie, Helene, ist es von hier weit zu Lisas Elternhaus?" – „Oh", seufzte die Amish-Frau traurig. „Darum geht's. Sie sind nur nett zu mir, weil Sie etwas über Lisa erfahren wollen." – „Nein, ich bin nett zu Ihnen, weil ich nett zu Ihnen sein wollte, aber… ich muss wirklich dringend mit Lisa sprechen. Es geht quasi um Leben und Tod." – „Hat es etwas mit diesem Mann zu tun?", fragte Helene neugierig. „Mit Rokko Kowalski, ja irgendwie schon." – „Das ist so eine schöne Geschichte." – „Bitte?" – „Naja, das mit Lisa und ihm. Sie hat es mir neulich erzählt. Soooo romantisch. Schade nur, dass… naja… alles nur Illusion war." – „Nein! Nein, das war es nicht", reagierte Mariella ungewohnt aufbrausend. „Sie sind beide manipuliert worden." Zumindest hatte sie sich das aus Rokkos und Davids Erzählungen zusammengereimt. „Deshalb muss ich ja unbedingt mit Lisa sprechen." – „Sie können nicht zu ihr nach Hause. Dann kriegt sie noch mehr Schwierigkeiten." Helene machte eine Pause und dachte angestrengt nach. „Ist das Ihr Auto?" – „Ja… naja… es gehört meinem Mann und mir. Wieso?", fragte Mariella irritiert von Helenes plötzlichem Themenwechsel. „Es sieht so aus, als könnte es problemlos einen Feldweg entlangfahren." – „Kann es", bestätigte Mariella, die sich Hoffnungen machte, dass Helene ihr gleich einen Plan präsentieren würde. „Ich würde so gerne mal mit so einem Wagen fahren. Den Feldweg da hinten lang." – „Ja-a", reagierte Mariella langsam. „Wenn wir dann zufällig am Haus der Plenskes entlangkommen, dann ist das ja nur ein Zufall, oder?", fragte Helene unschuldig. Mariellas Gesicht verzog sich zu einem verschwörerischen Grinsen. „Aber meinen Verkaufstand müssen wir mitnehmen. Der Golfclubbesitzer sieht mich hier nicht sehr gerne." – „Alles klar. Kommen Sie, wir packen das alles in den Kofferraum – ich helfe Ihnen dabei."

„Halten Sie hier", wies Helene Mariella an. „Ich steige aus und versuche Lisa herzuholen. Besucher in der Gemee und dann auch noch bei Lisa, das ist nicht gut." Hilflos betrachtete Helene die Autotür. Wie kam sie hier nur wieder raus? Mariella beugte sich an ihr vorbei und öffnete die Tür. „Das ist alles so verwirrend", stellte Helene beim Aussteigen fest. „Ich bin gleich wieder da", versicherte sie Mariella, bevor sie im Wald verschwand.

„Lisa! Lisa!", rief Helene aufgeregt, als sie auf das Haus der Plenskes zukam. „Lisa! Ich bin's, Helene. Wo bist du?" – „In der Küche", kam die verzweifelte Antwort. „Ich soll das Mittagessen kochen, aber ich kriege einfach kein gescheites Feuer hin." – „Ich mache dir nachher ein Feuer und ich koche dir auch ein Mittagessen, aber du musst mit mir mitkommen. Es ist dringend." Helene griff nach Lisas Hand und zog sie daran zur Tür. „Wohin soll ich mitkommen?", fragte diese verwirrt und versuchte sich gegen das Ziehen an ihrem Arm zu wehren. „Mit in den Wald, schnell!"

„Hoffentlich ist sie noch da. Du hast ja so getrödelt", murmelte Helene vor sich hin, als sie durch den Wald eilte. Plötzlich erblickte sie Mariella, die an den Jeep gelehnt auf dem Feldweg stand und in ihrem schicken Kostüm und ihren Pumps sehr fehl am Platz wirkte. „Da ist sie." Lisa sah auf und kniff die Augen zusammen. „Wer ist das?" – „Sie sagt, sie kennt deinen Rokko." – „Mariella?" – „Ja, ich bin's", ergriff nun David Seidels Frau das Wort. Unsicher stakste sie durch das Dickicht zu Lisa. „Ich bin's. Ich bin hier, weil… Rokko geht es wirklich schlecht seit eurer Trennung und dein Bruder vermisst dich auch und… ich auch, irgendwie. Du darfst einfach nicht glauben, was David dir gesagt hat. Rokko liebt dich wirklich. Er wollte sogar kündigen und zu dir nach Göberitz ziehen." – „Und warum hat er das nicht getan?", fragte Lisa monoton. „Weil…" Mariella sucht nach Worten. „David hat gedroht, Bruno zu entlassen, wenn Rokko Kerima hängen lässt." Lisa lachte verbittert auf. „Wie geht es Bruno denn?" – „Soweit ich das einschätzen kann, geht es ihm gut. Er arbeitet hart an der Schuhkollektion. Rokko und ich haben eine Kampagne auf die Beine gestellt, damit seine Schuhe ein Erfolg werden. Diese… ich habe ihren Namen vergessen. Sie ist klein und mollig, aber sehr nett und immer gut gekleidet." – „Hoda." – „Ja, Hoda. Sie kommt Bruno manchmal in der Mittagspause besuchen. Und sie holt ihn immer nach Feierabend ab. Sie sind ein… ein… süßes Paar. Bitte Lisa, komm mit mir nach Berlin." Mariella hatte sich zwar feinsäuberlich zurechtgelegt, was sie Lisa sagen wollte, aber jetzt war alles weg. Sie wollte sie einfach nur davon überzeugen, wieder mit nach Berlin zu kommen. „Ich kann nicht", lehnte Lisa ab. „Meine Mutter braucht mich. Ich werde nächste Woche getauft. Ich bin glücklich in meiner Gemeinde." – „Aber…" – „Gehen Sie, Frau von Brahmberg, bitte." – „Gut", resignierte Mariella. „Ich komme von jetzt an jeden Nachmittag in den Golfclub. Wenn du wieder nach Berlin willst, dann musst du bloß auf dem Parkplatz auf mich warten. Ich versichere dir, dass Rokko dich liebt", wiederholte sie mit Nachdruck. Helene schluckte heftig und sah mitleidig von Mariella zu Lisa und zurück. „Soll ich Sie mit zurücknehmen, Helene?" Die Angesprochene schüttelte den Kopf. „Ich habe versprochen, dass ich Lisa beim Kochen helfe. Aber danke fürs Mitnehmen und fürs Schminken auch. Ich schätze, wir sehen uns spätestens morgen wieder." Mariella tätschelte Helenes Oberarm freundschaftlich. „Ja, ich denke auch."