Kapitel 25
Durch dick und dünn
Hermine kletterte so leise wie möglich durch das Portrait. Sie war überrascht, daß im Gemeinschaftsraum noch immer ein Feuer brannte. Zu so später Stunde waren die meisten Schüler schon im Bett, aber das Kratzen einer Feder war zu hören, und Hermine lächelte, als sie sah, wer es verursachte.
„Ron", rief sie leise.
Der Rothaarige blickte sie über die Schulter an und grinste. Er saß an einem mit Pergamenten übersäten Tisch. Sein Zauberkunstbuch lag aufgeschlagen vor ihm. Neben seinem Arm stand ein Teller mit Broten.
„Hallo, Hermine. Wie geht's deinen Händen?"
„Besser, glaub ich." Hermine hob die Hände, damit Ron sie im Schein des Feuers untersuchen konnte. „Hungrig?" fragte sie und nickte in Richtung des Tellers.
„Die sind für dich, weil du zum Mittagessen und heute Abend nicht da warst. Harry und ich haben uns gedacht, du wärst vielleicht hungrig, wenn du irgendwann aus der Bibliothek kommst." Ron wandte sich wieder seiner Hausaufgabe zu und seufzte verdrießlich.
Hermine setzte sich auf den Stuhl neben ihm und besah sich die Brote.
„Die Käsebrote sind auf der linken Seite. Ich hab Harry gesagt, daß du nur Käse magst, aber Fred und George haben ihn überzeugt, daß du eine heimliche Vorliebe für Thunfisch und Mixed Pickles hast. Ehrlich, manchmal wundere ich mich über Harry. Er ist so leichtgläubig."
„Danke, Ron", rief Hermine dankbar aus, als sie ein weiteres Brot mit Thunfisch und Mixed Pickles absetzte und ein schönes, ungefährliches mit Käse fand. „Ich hatte nicht vor, das Abendessen zu verpassen, war nur abgelenkt."
Ron blickte wieder in sein Zauberkunstbuch, als wäre es plötzlich das interessanteste literarische Werk, das jemals geschrieben worden war. „Mal wieder Malfoy?" fragte er leise, ohne sie anzusehen. Hermine hörte auf zu kauen und sah Ron fest an. Er war bemerkenswert still geworden und bemühte sich angestrengt um einen beiläufigen Tonfall.
„Nein, nur etwas Arbeit für die Schule, das Arithmantikprojekt."
„Hermine", begann Ron, aber Hermine unterbrach ihn.
„Ron, ich will mich nicht streiten, bitte. Ich bin müde."
Glaubst du, alles, was ich will, ist streiten?" Ron sah sie jetzt an, und seine Augen blitzten einen Augenblick lang wütend. Er holte tief Luft und fuhr fort: „Ich wollte nur sagen, daß … also, daß …" Er stockte wieder und sah auf sein Buch. „Harry und ich, wir verstehen nicht, was du in diesem verdammten Idioten siehst, aber... tja …" Ron schluckte hart. „Bill sagt, daß Mädchen ziemlich blöde Sachen machen, und daß wir uns nicht zu viele Sorgen machen sollen."
Hermine versuchte, sich zu entscheiden, ob sie verärgert oder zornig sein sollte. Sie stand auf uns legte ihr Brot weg.
„Hermine, jetzt versteh das nicht falsch!" Ron stand auf und zog sie am Arm zurück. „Sieh mal, du weißt, ich bin nicht gut in so was, ich hätte Ginny hierbehalten sollen, damit sie es für mich erklärt."
Hermine setzte sich mit verschränkten Armen wieder und sah ihn wütend an.
„Ich meinte nur, daß... also, wir verstehen vielleicht nicht, was du siehst in diesem...", Ron machte eine Pause, als sich Hermines böser Blick verfinsterte, „in Malfoy, aber wir sind trotzdem deine Freunde. Es ist wichtig, daß du das weißt. Durch dick und dünn, richtig?" Er studierte ihr Gesicht für einen Moment, unsicher, was sie dachte.
Hermine saß einen Augenblick verblüfft da, während Ron sie ängstlich beobachtete. Sie stand langsam auf, und Ron machte einen Schritt rückwarts, beinah ängstlich, daß sie etwas nach ihm warf. Mit diesem Gedanken lag er gar nicht so falsch, denn Hermine warf ihre Arme um seinen Hals und brach in Tränen aus.
„Hermine?" fragte Ron unruhig, als sie ihr nasses Gesicht gegen seine Brust preßte.
„Du und Harry", erwiderte sie mit zitternder Stimme, „ihr seid meine besten Freunde auf der ganzen Welt. Ich liebe euch beide." Ihre Stimme brach und sie schniefte.
Ron tätschelte ihr ungeschickt den Rücken. Seine Ohren begannen, sich rot zu verfärben. „Ach, komm schon, Hermine. Ist schon in Ordnung. Wir lieben dich auch", sagte er hoffnungsvoll in dem Versuch, sie zu trösten, aber Hermine weinte nur noch heftiger. „Warte, er hat dir doch nichts getan, oder?"
Hermine blickte triefäugig auf bei dem hoffnungsvollen Ton, den Rons Stimme angenommen hatte.
„N… natürlich wäre ich nicht froh, wenn er etwas getan hätte. Es ist nur, also … Wann immer Harry und ich ihn für dich zusammenschlagen können, laß es uns einfach wissen, in Ordnung?" fügte Ron schnell hinzu.
Hermine lachte und ließ Ron los, der äußerst erleichtert aussah, nicht länger ein weinendes Mädchen um sich geschlungen zu haben. „Ich werd's dich wissen lassen", sagte sie leise.
„Weißt du, er hat dich verteidigt in Zaubertränke, vor Snape", murmelte Ron. Er war offensichtlich nicht glücklich, etwas Positives über Malfoy zu sagen.
„Wirklich?" fragte Hermine überrascht.
„Ja, das hat er."
ooOOoo
Hermine saß ernst an ihrem Tisch im Klassenraum für Zauberkunst und sah verloren auf ihr aufgeschlagenes Buch. Sie lernten heute Bindezauber, und Hermine hatte sich darauf gefreut, aber jetzt wo Professor Flitwick fröhlich zwischen den Tischen herumlief und Handbewegungen und Aussprache korrigierte, schwand Hermines Interesse schnell.
„Nein, Harry, du machst das falsch." Hermine streckte die Hand über den Tisch, faßte Harrys Handgelenk und bog es etwas nach unten. „Jetzt probier's nochmal, aber versuch diesmal, tief aus dem Bauch heraus zu sprechen. Gut, genau so."
Ron und Harry arbeiten weiter an dem Zauberspruch, jetzt wo Hermine ihnen geholfen hatte. Sie hatte den Spruch außerhalb des Unterrichts geübt und hatte keine Probleme, die Objekte zusammenzubinden, die Professor Flitwick ausgeteilt hatte. Er hatte sogar ihren Teddybären mit einer perfekt in dessen Mitte befindlichen alten Ausgabe von ‚Quidditch im Wandel der Zeiten' als Beispiel für eine erfolgreiche Kombination benutzt. Ron und Harry hatten sich beide über die Zerstörung eines so guten Buches beschwert.
Nein, Hermine war enttäuscht gewesen, als Draco nicht zum Frühstück erschienen war. Sie hatte keinen Erfolg damit gehabt, etwas zu finden, das auch nur entfernt nach einem Umkehrfluch aussah. Alles, was sie gefunden hatte, waren Seiten über Seiten von Selbstanalyse. Draco hatte recht, nach einer Weile wurde das selbstgerechte Elend etwas anstrengend.
Hermine hatte gehofft, daß Draco vielleicht mehr Glück gehabt hatte als sie, nachdem er gegangen war. Das hieß, wenn er überhaupt irgend etwas getan hatte. Er war letzte Nacht so überstürzt gegangen, daß Hermine nicht einmal dazu gekommen war, ihn zu fragen, was ihn bedrückte. Nicht daß er es ihr erzählt hätte. Er war so mit sich selbst beschäftigt, daß Hermine einfach nur etwas nach ihm werfen wollte. Hermine lächelte vor sich hin, denn manchmal warf sie tatsächlich Dinge nach ihm.
„Ms Granger?"
Hermine schrak zusammen, als Professor Flitwicks Stimme durch ihre Gedanken hindurch zu ihr durchdrang.
„Professor?" antwortete sie schnell.
„Da Sie diesen Zauberspruch schon vor dem Unterricht beherrscht haben, habe ich mich gefragt, ob es Ihnen etwas ausmachen würde, das hier zu Professor Fig zu bringen."
Hermine nickte und hob den Stapel Bücher auf, auf den Professor Flitwick gezeigt hatte. Harry öffnete ihr schnell die Tür. „Wir nehmen deine Bücher mit in die Große Halle, falls du nicht vor Ende der Stunde zurück bist."
„Danke, Harry", rief sie über die Schulter zurück und verließ den Raum.
Die meisten Schüler waren im Unterricht, daher erreichte Hermine den Klassenraum für Verteidigung gegen die Dunklen Künste relativ schnell. Professor Fig hatte zu Beginn des Schuljahres angefangen. Sie war fast so angenehm im Unterricht wie Professor Lupin gewesen war. Sirius kannte sie recht gut, Harry glaubte, sie mußten während ihrer Zeit in Hogwarts Freunde gewesen sein, aber Sirius sagte nie Genaueres dazu.
Die Tür zu dem Klassenraum war geschlossen, und Hermine, die mit Büchern beladen war, trat mit einem Zeh dagegen. Eine gedämpfte Stimme antwortete, und die Tür wurde geöffnet. Hermine trat vorsichtig ein und ging auf das Lehrerpult zu. Sie sah sich um und bemerkte, daß Professor Fig mitten in einer Unterrichtsstunde steckte, mit den Fünftkläßlern aus Slytherin.
„Professor Flitwick hat mich gebeten, Ihnen das hier zu bringen, Professor Fig", murmelte Hermine. Sie wünschte, sie würde nicht so viel negative Aufmerksamkeit erregen.
„Ja, danke, Ms Granger. Ich habe Professor Flitwick schon die ganze Woche um diese Bücher gebeten. Mr Malfoy, helfen Sie ihr bitte." Professor Fig stand auf der anderen Seite der Klasse und hielt eine merkwürdige, schwarze Kiste fest in der Hand, die zu summen schien.
„Oh, nein, Professor, ich habe …" Aber Hermine unterbrach sich, als sie seine Hände auf ihren spürte und die Bücher angehoben wurden. Er drehte sich von ihr weg und legte die Bücher auf dem Pult ab. Draco sah sie an, der Ausdruck in seinen silbernen Augen war undurchschaubar. Die gesamte Klasse schien es schrecklich interessant zu finden, sie zu beobachten, und Hermine schluckte nervös.
„Also, auf Wiedersehen, Professor Fig", sagte sie schnell und floh aus dem Raum.
Sie hatte gerade erst das Ende des Flurs erreicht, als sich die Tür des Klassenraums öffnete und Schritte auf sie zueilten. Draco kam schnell auf sie zu, mit einem weiteren Buch in der Hand.
„Fig will, daß du Flitwick das hier zurückgibst, sie hat schon ein Exemplar", sagte er nur. Eine Strähne eisbleichen Haares fiel ihm vor das eine Auge.
„Oh, in Ordnung", entgegnete Hermine schüchtern und nahm das Buch, das er ihr hinhielt.
Draco wandte sich ab und ging zurück zum Unterricht, während Hermine ihm mit Blicken folgte. Er war sehr distanziert, und Hermine fühlte sich langsam seltsam benommen. Nach einigen Schritten blieb er jedoch stehen.
„Ich hab was gefunden", murmelte er.
„Was?" fragte Hermine, der nicht sofort klar war, wovon er redete.
„Ich hab was gefunden, bist du taub?"
„In den Büchern? Warte …" Hermine ging auf ihn zu und griff nach seinem Arm, damit er sie ansah. „Du hast einen Umkehrfluch gefunden?" Sie konnte die Aufregung in ihrer Stimme kaum im Zaum halten.
„Das hab ich nicht gesagt, ich hab nur gesagt, daß ich was gefunden hab." Dracos Tonfall verriet nichts. Hermine runzelte die Stirn.
„Also, was hast du gefunden?"
„Triff mich nachher in der Bibliothek." Draco befreite seinen Arm.
„Was? Solange kann ich nicht warten. Jetzt sag's mir schon!" schnappte Hermine.
Draco drehte sich wieder zu ihr um und zog sie an sich. Es sah aus, als würde er sie küssen wollen, aber er stoppte kurz vorher, und Hermine war überrascht, daß sie sich ihm entgegenlehnte und noch überraschter, als er wieder zurückwich.
„Weißt du nicht", sagte Draco und schob sie sanft weg, „daß ich dich gerne auf die Folter spanne?"
Hermines Augen weiteten sich, und sie starrte Draco entsetzt an. Er grinste sie an.
„Du … Du … Das glaub ich einfach nicht!" Hermine wirbelte herum und stürmte den Flur hinunter.
„Das sollte nur ein Scherz sein!" rief Draco ihr fröhlich hinterher.
ooOOoo
Hermine lief mit schnellen, verärgerten Schritten auf und ab. Sie war schon seit einer Stunde hier. Er liebte es, sie warten zu lassen. Und diese Nummer vorhin im Korridor vor dem Klassenraum für Verteidigung gegen die Dunklen Künste hatte Hermine für eine ganze Weile vor Zorn rauchen lassen. Wie konnte er es wagen, sie zu behandeln wie irgend so ein Slytherin-Flittchen?
Hermine nahm ein Buch vom Tisch und schlug es schwungvoll auf, wobei sie fast eine Seite entzweiriß. „Oh, verdammt!" grummelte sie.
Es klickte, und die Tür begann, sich zu öffnen. Hermine warf dem grinsenden Gesicht, das dort erschien, einen finsteren, wütenden Blick zu. Und aus keinem besonderen Grund, außer daß sie fand, dieser hämische Ausdruck war das Empörendste, das die Welt je gesehen hatte, warf sie das Buch nach ihm. Draco hatte keinen Angriff erwartet und hatte keine Zeit, ihn abzuwehren oder auch nur zu reagieren. Das Buch traf ihn mitten ins Gesicht.
„Au!" schrie Draco, als er seine verletzte Nase mit seinen Händen bedeckte. „Wofür war das?"
„Das war für … für … für vorhin, du egoistischer, egozentrischer, idiotischer Frauenheld!" Hermine nahm ein weiteres Buch vom Tisch.
„Leg das Buch weg! Das war doch nur Spaß! Jetzt reg dich doch nicht so auf. Macht im Gryffindor–Turm niemand jemals Witze? Oder seid ihr alle zu beschäftigt mit edlen und frommen Taten für das Gemeinwohl?" Draco rieb sich energisch die Nase.
„Oh, hab ich klein Dracos Nase weh getan?" schnappte Hermine, als sie das andere Buch hinlegte.
„Ja, das hast du! Ich könnte einen blauen Fleck kriegen."
„Oh, ich bin sicher, im Slytherin–Kerker werden darüber viele Herzen brechen", erwiderte sie scharf.
„Das werden sie sicher." Draco schlenderte zur anderen Seite des Raumes und begutachtete sein Spiegelbild in einer Fensterscheibe.
„Also, was hast du nun gefunden?" Hermine fühlte sich schon viel besser, nachdem sie ihrem Ärger Luft gemacht hatte.
„Und warum um alles auf der Welt sollte ich dir irgendwas erzählen?" fragte Draco rebellisch, während er sich ihr gegenüber hinsetzte.
Hermine warf ihm einen finsteren Blick zu und griff nach einem Buch.
„Oh, ok, kein Grund auf Gewalt zurückzugreifen." Draco hob die Hände in einer Geste des Friedens.
„Du hast also einen Umkehrfluch gefunden?"
„Es gibt keinen Umkehrfluch, wie oft muß ich dir das noch sagen? Der Avada Kedavra–Fluch tötet einen, man kann nicht mehr viel tun, wenn man tot ist." Draco fuhr sich mit der Hand durch die Haare und strich einige verirrte Strähnen zurück.
„Das ist alles? Das ist es, was du mir sagen wolltest?" Hermine schien vor Wut anzuschwellen.
„Nein, ich hab ja gesagt, daß ich was gefunden habe."
„Also? Du tust das nur, um mich zu quälen, oder?"
Ja, wahrscheinlich. Weißt du, wenn du wirklich wütend wirst, dann ballst du die Hände zu Fäusten, als hättest du vor, jemanden umzubringen, und das finde ich ich einfach herrlich! Ja, genau so." Draco lächelte und deutete auf ihre Hände, die fest zusammengepreßt in ihrem Schoß lagen.
„Ich mag dich gerade wirklich nicht."
„Na gut, keine Spielchen mehr. Ich hab keinen Umkehrfluch gefunden, aber etwas anderes." Draco zog ein Buch aus seiner Tasche hervor, schlug eine markierte Seite auf und reichte es Hermine.
„Was ist es? Ein Patronus?" fragte Hermine, als sie sich den Text ansah.
„Du kannst den Patronuszauber?" wunderte sich Draco.
„Harry hat's mir und Ron beigebracht."
„Potter und Weasley können einen Patronus beschwören?" sagte Draco in leicht ehrfürchtigem Tonfall.
„Na ja, nach unserem drittem Schuljahr fanden wir alle, wir sollten wissen, wie man einen Dementor abwehrt. Weißt du, das ist ein sehr nützlicher Zauberspruch. Und Harry …" Hermine blickte auf zu Draco, der begonnen hatte, sie finster anzufunkeln.
„Genug von dem Jungen, der lebt, um mir auf die Nerven zu gehen. Wir haben Wichtigeres zu tun." Draco stand auf und kam um den Tisch herum, so daß er mit in das Buch hineinsehen konnte. „Siehst du, das ist kein Umkehrfluch, eher so was wie ein Schutzschild aus positiver Energie, weshalb der Zauber an einen Patronus erinnert."
Hermine sah den Zauberspruch an und war verwirrt. „Was hat positive Energie damit zu tun?"
„Weißt du nicht, wie der Todesfluch funktioniert?" fragte Draco überrascht.
„Nein! Natürlich nicht. Du etwa?"
„Natürlich weiß ich das. Jetzt sieh mich nicht so an. Wir stimmen wohl darin überein, daß mein Wissen über die Dunklen Künste deins bei Weitem übersteigt. Im Grunde funktioniert der Todesfluch, indem er Haß kanalisiert. Wenn du den Fluch aussprichst, werden alle Momente, in denen du gehaßt hast, in einem einzigen schnellen Stoß zusammengeführt." Draco machte eine Pause und sah Hermine an. Ihr Gesicht war etwas grau geworden.
„Das ist alles, Haß?" fragte Hermine und schloß ihre Augen. Sie hatte Kopfschmerzen bekommen.
Draco blickte auf das Buch. „Im Grunde ja."
„Das meinte er also mit der Liebe seiner Mutter", flüsterte sie. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
„Wessen Mutter?"
„Harrys Mutter. Er hat uns erzählt, daß Dumbledore ihm gesagt hat, die Liebe seiner Mutter habe ihn gerettet, ihn beschützt. Sie ist für ihn gestorben." Hermines Stimme zitterte, und sie wandte den Kopf und legte ihn an Dracos Schulter.
Er versteifte sich, wich aber nicht zurück.
Hermine richtete sich wieder auf und wischte sich die Augen. „Entschuldige", murmelte sie.
„Schon in Ordnung, ich bin an weinende Mädchen gewöhnt, obwohl sie gewöhnlich wegen mir weinen, nicht auf mich."
Hermine grinste ihn durch ihre Tränen hindurch an. „Reizend."
„Ich tu mein Bestes."
„Das hier funktioniert also wie der Patronuszauber?" fragte Hermine, nachdem sie es endlich geschafft hatte, zu weinen aufzuhören.
„Ja und nein, er nutzt die gleichen Gefühle wie der Patronus, aber man muß nicht selbst daran denken, was gut ist. Aber der Zauber ist nur so stark wie deine Glücksgefühle, wenn du also zum Beispiel Longbottom wärst, würde er überhaupt nicht funktionieren. Man muß starke Gefühle haben, damit er von irgendwelchem Nutzen ist. Denk dran, die Leute hassen andauernd, aber Glück ist wesentlich seltener."
„So pessimistisch."
„Es ist die Wahrheit. Haß und Wut überschatten das Glück, dieser Zauber könnte einen also nur für kurze Zeit schützen. Hoffentlich lange genug, um davonzukommen. Und ich glaube, er hatte auch vor, den Zauber gegen den Cruciatus–Fluch einzusetzen", fügte Draco hinzu.
„Was? Aber den hat er nicht erschaffen! Jeder weiß, daß der Cruciatus–Fluch im 13. Jahrhundert von Thorn Firoot erfunden wurde, als ihr Nachbar absichtlich ihren Johannisbeerbusch abgehackt hat." Hermine sah Draco an.
„Das weiß ich, aber vergiß nicht, daß O'Leary ein Musterknabe war. Nach dem, was ich letzte Nacht gelesen hab, war dieser Zauberspruch eigentlich als Umkehrung für den Cruciatus–Fluch gedacht, aber er hat ihn etwas abgewandelt, nachdem er den Todesfluch erfunden hat." Er blätterte ein paar Seiten zurück und deutete auf eine weitere Textpassage, die er in Grün markiert hatte.
„Funktioniert es?" fragte Hermine atemlos.
„Ich hab keine Ahnung, davon steht da glaub ich nichts. Ich bin auch noch nicht ganz mit der Übersetzung fertig."
„Es ist immerhin besser als nichts", entgegnete sie. „Es ist viel besser als nichts. Das könnte alles ändern."
„Jetzt bleibt nur noch eins zu tun."
„Zu Direktor Dumbledore gehen", sagte Hermine sofort, ohne einen weiteren Gedanken daran zu verschwenden.
„Nein, wir müssen den Zauber ausprobieren", erwiderte Draco mit Bestimmtheit.
„Was?"
