Kapitel 25

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Snape wirkte abgeschlagen, als er in seiner zerlumpten Kleidung im Büro des Schulleiters ankam und vor dem Schreibtisch in einem Stuhl zusammensank. Dumbledore war zwar nicht weiter überrascht von seiner extravaganten Erscheinung, ließ ihn jedoch – sehr zu seinem Missfallen – nicht mehr aus den Augen.

„Es gibt keinen Grund für Sie, mich mit diesem Blick zu bestrafen, als wäre ich ein Schuljunge, Albus", sagte Snape mit seidenweicher Stimme und kratzte mit den Nägeln blutige Krusten von seinen langen dünnen Fingern.

Der alte Mann faltete gemächlich die Hände ineinander und lehnte sich zurück. „Bellas übliche Spielchen?", fragte er und klang fast schon amüsiert. Wenn die Lage nicht so ernst gewesen wäre, hätte er bestimmt ein Lächeln auf den Lippen gehabt.

Snape nickte matt. „Sie kann es nicht lassen." Er sah elend aus. Die Mimik auf seinem Gesicht wirkte eingefallen und verkrampft.

Dumbledore entging das keineswegs. Er lehnte sich wieder nach vorn und intensivierte seinen Blick. „Gibt es vielleicht etwas, das ich darüber wissen sollte?"

Snape ließ seine Finger sinken und starrte ihn mit kalten Augen an. „Nein", sagte er knapp.

Dumbledore seufzte. „Severus, ich bin nicht dein Feind. Wenn es etwas gibt, das ich für dich oder Miss Granger tun kann, lass es mich wissen."

Snape schloss für einen Moment die Augen und überlegte. Unter anderen Umständen hätte er dem Schulleiter bestimmt seine Meinung gesagt, aber nach den Ereignissen, die sich seit seiner unerwarteten Vermählung abgespielt hatten, war viel geschehen.

„Bella wollte mich", antwortete er matt.

Dumbledore hob die Augenbrauen an. „Das ist nicht weiter verwunderlich, Severus. Sie hatte schon immer eine Schwäche für dich."

„Erzählen Sie mir nicht, ich würde ihr etwas bedeuten", knurrte Snape. „Ihr passt die Tatsache nicht, dass ich mit Miss Granger verheiratet bin. Das ist alles."

Dumbledore räusperte sich. „Sie ist eifersüchtig?"

Snape deutete ein knappes Nicken an.

„Wer hätte das gedacht!"

Snapes Augen blitzten auf. „Sie ist nicht fähig zu fühlen, das wissen wir beide, Albus."

„Natürlich nicht."

„Sie steht unter dem Einfluss des Dunklen Lords. Und ganz gleich, was auch immer sie in der Vergangenheit mit mir vorhatte, es hatte nichts mit Gefühlen zu tun. Und so ist es heute noch. Sie ist ausschließlich an einem Spielzeug interessiert."

Dumbledore atmete tief ein. „Dann solltest du beim nächsten Mal vorsichtiger sein, Severus." Seine Stimme war ernst und auch besorgt.

Snape verzog gequält die Mundwinkel. „Ich hätte Sie töten sollen. Es war die perfekte Gelegenheit, ohne die Anwesenheit des Dunklen Lords."

„Severus - du? Du bist nicht fähig dazu, einer Frau etwas anzutun", stellte Dumbledore klar.

Snape stieß ein tiefes Grollen aus. „Wir reden hier von Bella!"

Dumbledore ignorierte ihn und blickte gedankenverloren zum Fenster hinaus. „Außerdem werden wir nie wissen, welche Auswirkungen unser Handeln hat, bevor wir es nicht in die Tat umgesetzt haben."

„Wie dem auch sei", begann Snape und berichtete ihm davon, dass Lucius Narcissa aus Voldemorts Klauen befreit hatte. „Wir sollten einen Hauselfen nach Spinner's End schicken, um sicher zu gehen, dass Lucius keine Spuren hinterlassen hat. Er ist nicht er selbst."

„Verständlich", brummte Dumbledore. „Glaubst du, sie werden es schaffen?"

Snape zuckte mit den Schultern. „Es liegt nicht länger in meiner Hand. Hoffentlich ist er klug genug, sich in verlassenen Muggelhäusern nieder zu lassen. In der Zwischenzeit müssen wir ein Auge auf Draco haben."

Albus nickte zustimmend. „Ich werde mich selbst um die Angelegenheiten kümmern, Severus. Und du gehst jetzt zum Krankenflügel hinüber."

„Albus, ich denke nicht, dass ich einen Check benötige ..."

„Keine Widerrede. Es geht nicht um dich. Du musst selbst wissen, was du tust. Miss Granger hingegen scheint mir etwas labil zu sein ..."

„Miss Granger?", Seine Augen weiteten sich unweigerlich, als er ihren Namen hörte.

Dumbledore sah ihn milde über den Rand seiner Brille hinweg an. „Miss Granger hatte einen Schwächeanfall, nachdem du fort warst. Ich habe nach ihr gesehen, als du mein Büro verlassen hast. Nur für alle Fälle."

Snape atmete erleichtert auf. „Danke, Albus."

„Sie mag dich sehr, Severus. Es lässt sich kaum noch verleugnen."

Snape schluckte. Er wusste selbst nicht, was er davon halten sollte.

„Du solltest dich umziehen, bevor du sie besuchst", fuhr Dumbledore beiläufig fort.

Snape erhob sich, sah an seiner zerlumpten, blutigen Kleidung herunter und nickte zum Abschied. Dann verschwand er durch den Kamin in sein Privatgemach.

Er hatte es eilig. Doch die Wunde schmerzte und er zog sich vorsichtig die zerschnittenen Sachen aus. Die oberflächliche Narbe, die Lucius ihm gezaubert hatte, blutete leicht und er legte einen Verband darüber. Dann schlüpfte er in eine neue Garnitur seiner üblichen Kleidung, während er die alten Sachen im Kamin verbrannte, um sämtliche Spuren der Auseinandersetzung zu verwischen.

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Er sah müde aus, als er im Krankenflügel auftauchte und Hermines Herz klopfte, als sie ihn sah. Sie setzte sich auf und wollte ihm entgegen rennen, doch er warf ihr einen strengen Blick zu und so blieb sie wie versteinert sitzen, während er mit seiner Predigt begann.

„Habe ich Ihnen nicht gesagt, Sie müssen stark sein?", fragte er ernst, als er sich zu ihr ans Bett hockte. „Aber nein! Sie sind ja Miss Granger und müssen von Natur aus immer das Gegenteil von dem machen, was man von Ihnen erwartet."

„Professor, ich …" Sie versuchte es mit einem sanften Lächeln. „Es ist schön, Sie zu sehen ..."

„Nein, Granger", unterbrach er sie. „Jetzt rede ich." Er seufzte, als er ihren enttäuschten Blick sah. Doch es half nichts, er musste es los werden. „Wie soll ich mich auf meine Arbeit konzentrieren, wenn Sie gleich wegen jeder Kleinigkeit zusammen brechen?"

Sie sah ihn schuldbewusst an. „Es wird nicht mehr vorkommen."

„Davon gehe ich aus", antwortete er streng. Er wagte es kaum, ihr in die Augen zu sehen. Sein Gewissen nagte an ihm. Bella und ihre Taten gingen ihm nicht aus dem Kopf.

„Es geht mir gut", versicherte Hermine und legte ihm die Hand auf den Arm.

Er zuckte kurz zusammen, ließ sie aber gewähren.

„Ich möchte einfach nur auf der Stelle hier raus", bestand sie. „Madam Pomfrey macht mich noch wahnsinnig! Können Sie nicht mit ihr reden? Ich habe noch so viel zu tun! Ich muss in die Bibliothek und dringend einige Bücher ausleihen ..."

Er nickte abwesend, als er ihr Gesicht und die geschäftige Mimik betrachtete, hörte aber kaum noch zu. Er fühlte sich elend. Was sollte er tun? Er konnte nichts dafür, dass sich Bella auf ihn gestürzt hatte! Trotzdem war er hin und her gerissen, ob er es ihr sagen oder lieber für sich behalten sollte. Doch war er überhaupt dazu verpflichtet, ihr zu erzählen, was während seiner Abwesenheit geschehen war? Sie hatte keine Ahnung und vielleicht war es besser, wenn es dabei blieb.

In seiner Verzweiflung ging er zu Madam Pomfrey und versprach ihr, darauf zu achten, dass Hermine an diesem Tag dem restlichen Unterricht fern blieb.

Kaum war er wieder bei ihr, um ihr die Nachricht mitzuteilen, fiel sie ihm auch schon glücklich um den Hals. Er unterdrückte die Schmerzen an seiner Seite, die er bei jeder Bewegung verspürte und begleitete sie schweigsam in das gemeinsame Zimmer in den Kerkern, während sie weiterhin munter drauf los plapperte, was sie noch alles zu erledigen hatte.

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Eine halbe Stunde später, als ihr Redefluss noch immer nicht gestillt war, war es mit seiner Geduld vorüber. „Sie machen mich noch wahnsinnig!", murmelte er vor sich hin.

Endlich hielt sie die Luft an. „Verzeihung Professor?"

Er saß in seinem Sessel und wippte unruhig mit den Füßen auf und ab. „Wissen Sie eigentlich, wie anstrengend Sie sein können, wenn Sie ununterbrochen den Mund auf haben?", fragte er streng und raufte sich die Haare.

Ihr fiel die Kinnlade herunter. „Entschuldigung", gab sie überrumpelt von sich und sackte tief in das Sofa hinein.

Er seufzte und rang die Hände. „Miss Granger", begann er in seinem üblichen Tonfall, „ich würde es vorziehen, Sie jetzt der Ruhe und Beschaulichkeit des Kerkers zu überlassen, während ich nach nebenan gehe und meine Klasse unterrichte."

Sie riss die Augen auf. „Aber … aber das geht nicht!"

Seine Brauen rutschten bis zum Anschlag nach oben. „Pardon?"

„Ich gehöre auch in diese Klasse. Das ist unsere gemeinsame Stunde, Professor."

Seine Lippen verzogen sich zu einer schmalen Linie. „Nicht heute, Granger."

Sie stemmte die Hände in die Hüften. „Sie klingen wie mein Vater!", rief sie eingeschnappt.

„Wenn Sie es sagen", knurrte er zurück. Seine Kiefer waren fest aufeinander gepresst.

„Sie können mich unmöglich hier alleine lassen! Ich habe da durchaus ein Wörtchen mitzureden." Es war klar, dass sie genug davon hatte, immer nur das zu tun, was andere von ihr verlangten.

Snape rollte gelangweilt mit den Augen. „Was veranlasst Sie dazu, so etwas zu sagen? Und wieso sollte mich das überhaupt interessieren?"

„Ganz einfach! Irgendetwas ist während Ihrer Abwesenheit passiert ... Ich tippe auf eine Verletzung."

Er war sichtlich überrascht und hörte endlich damit auf, mit den Füßen zu wackeln.

„Ich habe es gespürt, als ich Sie umarmt habe, Professor. Es kann nicht so schlimm sein, dass es Sie von den Beinen reißt, aber etwas muss geschehen sein. Nach allem, was in letzter Zeit zwischen uns passiert ist, war mir sofort klar, dass mit Ihnen etwas nicht stimmt, denn so seltsam haben Sie sich allerhöchstens verhalten, als wir zum ersten Mal Sex miteinander hatten."

Er starrte sie entgeistert an. „Was, Granger?" Seine blasse Haut wurde schlagartig noch farbloser als gewöhnlich.

„Tun Sie nicht so überrascht! Glauben Sie vielleicht, ich bin total bescheuert?"

Er schüttelte den Kopf und seine langen Strähnen fielen durcheinander. „Keineswegs. Aber ich verstehe nicht, was die Sache mit dem Sex damit zu tun haben soll ..." Er sah verwirrt aus.

Sie warf ihm einen strengen Blick zu. „Sie sind vor meiner Umarmung zurückgeschreckt, genauso wie Sie damals reagiert haben, als Sie mit mir geschlafen haben."

Er sah sie fragend an. „Und?"

„Ist das wirklich so schwer zu begreifen?", fragte sie zurück. „Sie hatten Angst vor körperlichem Kontakt."

„Was?"

Sie stöhnte angestrengt auf. „Professor - geben Sie es endlich zu! Sie sind ein emotionales Wrack." Sie holte tief Luft. „Oder zumindest waren Sie eins, bevor ich in ihr Leben getreten bin. Und ich möchte wissen, weshalb Sie sich heute so verhalten haben."

Er schluckte schwer. „Granger, ich denke nicht, dass ..."

Sie schüttelte den Kopf. „Nein", unterbrach sie ihn energisch. „So einfach kommen Sie mir nicht davon! Ich bin Ihre Frau und habe ein Recht darauf, zu erfahren, was mit Ihnen los ist."

Er war sichtlich sprachlos. So fühlte es sich also an, verheiratet zu sein.