Drabble 25
So hatte er sich seine Weihnachtsfeiertage weiss Gott nicht vorgestellt, im kalten Schnee zu stehen und seit gefühlten sechs Stunden Holz zu hacken.
Alles hatte so gut angefangen, die Fahrt hierher an den Waldrand in der Nähe von Potsdam, die heißen Gedanken, die sie ihm sporadisch zuflüsterte, als sie vom Kamin erzählte, der in einem der Ferienhäuser herrlich knisterte und das Bärenfell, auf dem sie es kaum erwarten konnte, mit ihm zu schlafen.
Bis zu dem Zeitpunkt, als sie auf den großen Forsthof gefahren waren und er zum aller ersten Mal ihrem Vater begegnet war, der Freude strahlend verkündete, dass alle Ferienwohnungen schon ausgebucht waren (Marc wusste, dass er log, denn aus zwei Häusern stieg kein Qualm aus dem Schornstein auf) und sich darauf freute seine Tochter bei sich im Haupthaus beherbergen zu können.
„Und Sie müssen dann Marc sein", begrüßte der Vater und Berg eines Mannes den Freund seiner Tochter.
Marc nickte, als ihm drei Dinge auf einmal klar wurden: Kein Sex, keine Entspannung und ein Mann der Spezies Vater, der seine einzige Tochter nicht an jemanden abgeben wollte, der einen alten, weißen Volvo fuhr.
Na Prima.
Und wenn die erste Begegnung mit ihrem Vater schon sehr reserviert war, so fror die Hölle zu, als er die Mutter und Oma seiner Freundin kennenlernte, die eine mit Argusaugen auf jede seiner Gesten und Worte erpicht, dass ihm bloß nichts falsches entfuhr und die andere unverblümt plump beim Ausfragen, was er denn so machte.
„Was arbeiten Sie denn", fragte Oma, die von seiner brünetten Freundin liebenswert „Omi" genannt wurde. Liebenswürdig war an diesem Hippie-Drachen jedoch nur die Kleidung.
„Ich studiere Medizin"
„Aha, und wann sind Sie fertig?"
„Nächstes Jahr", erwiderte Marc folgsam.
„Und wie alt sind Sie?"
„Fünfundzwanzig."
„Dann sind Sie aber schnell, Marco!"
„Marc", er biss sich angestrengt auf die Innenseite seiner Wange, weil er wusste, dass er sich wohl im Ton vergriffen hatte, als die umsitzenden am Mittagstisch des 25. Dezembers ihn irritiert anstarrten.
„Haben Sie schon mal einen Baum gefällt und zerlegt?", fragte der Vater selbstgerecht, verschränkte die Arme vor der Brust und wartete auf Marcs Antwort.
Seinen Kopf in Zeitlupe schüttelnd formte er seinen Mund sekundenlang in verschiedene Formen, bis er endlich die richtige Konstellation für „Nein" fand.
„Vielleicht sollten Sie nach dem Essen ein paar Holzscheite schlagen gehen, es baut angestauten Stress und Aggressionen sehr gut ab", erklärte der einzige andere Mann neben Marc höflich.
Die Kiefer des Medizinstudenten arbeiteten hart, und seine Freundin bemerkte dies wohl, strich sie ihm zärtlich über den Arm. Es half nichts, er würde explodieren, was zu viel war, war zu viel: Stress hatte er doch nur wegen dieser drei komischen Geschöpfe, die sich die Familie seiner Freundin nannte.
„Holz hacken ist in der Tat sehr erschöpfend und man vergisst dabei gern einmal die Zeit. Ähnlich wie beim Sex. Sag mal, ist er eigentlich gut im Bett", fragte die Großmutter ungeniert ihre Enkelin die herzallerliebst errötete, als ihre Mutter die alte Frau zurechtwies.
Marc nutzte diese Vorlage für einen gewagten Einwand: „Ich kann nicht gut mit Frauen schlafen", legte das Essbesteck in eine zwanzig nach vier Pose und stand auf.
Es war ein Seitenhieb für seine Freundin, die ihn nicht einmal verteidigt hatte, seit sie hier eingetroffen waren, schließlich implizierte es, dass sie nichtbefriedigt war.
Ein Seitenhieb an ihre Eltern, dass er nämlich mit ihrer Tochter regenVerkehr hatte.
Und ein Seitenhieb an Omi, die dachte, sie sei so aufgeschlossen und tough, dass sie es mit einem Mittzwanziger in einem sexuellen Wortgefecht tatsächlich aufnehmen könnte.
Und nun hackte er hier, seit drei Stunden im dichten Schneetreiben am Weihnachtsnachmittag Tannenholz, legte Scheid für Scheid auf einen abgeholzten Baum und zerbarst mit der Axt im Minutentakt das wehrlose Tann.
Er hatte sich in nunmehr über einem Jahr als richtiger, echter Freund bewährt. Er war nicht fremdgegangen, er war nie unnötig auf Parties gegangen, nur weil er Lust hatte sich zu betrinken. Er hatte seine Freundin gut behandelt und sogar ein paar mal ganz schwülstige Worte gesagt, die er – leider – auch genauso gemeint hatte. Und alles, was er dafür bekam, war ein halbherziges über die Arme Streicheln, damit ersich beruhigte, obwohl ihre Familie ihn nonstop stichelte oder versuchte ihn zu degradieren.
Wäre es wirklich zu viel verlangt gewesen, wenn sie ihren Vater nur einmal streng angesehen hätte, oder sie Marc demonstrativ geküsst hätte, damit diese drei... Hinterwäldler sahen, wie ernst es seiner Freundin mit ihm war.
Damit diese Leute sahen, wie ernst er es mit ihr meinte?
Er liebte sie, aber irgendwas grundlegendes fehlte. Und er wusste nicht ob es schon seit Beginn ihrer Beziehung gefehlt hatte, oder es sich heute beim Essen verabschiedet hatte.
Ächzend ließ er die Akt in den nächsten Scheid schnellen.
„Kakao?", fragte eine leise Stimme vom Terrassensims.
Hinter ihm stand seine Freundin in einen dicken Strickmantel gewickelt und streckte ihm eine heiß dampfende Tasse hin. Mit ihrer niedlichen kleinen Stupsnase, den langen Wimpern und der stylischen Brille sah sie aus wie immer, aber etwas entscheidendes fehlte: das kleine aussetzen seines Herzens, wenn er sie anschaute.
Seufzend wartete er durch den Schnee zu ihr zurück und nahm dankend das Heißgetränk entgegen.
„Ich liebe dich, Marc", sagte sie leise lehnte ihre noch warme Stirn an seine kalte und schloss die Augen.
Es war das erste Mal, dass er selbige Worte nicht zurückgeben konnte: „Ich weiß, Nina", antwortete er schlicht und wusste, dass dieser Tag heute, ein langes Ende eingeleitet hatte.
a/n:
es ist ein bisschen spät geworden, aber immerhin noch heute als drittes und letztes Osterei. Und obwohl ja der Sonntag der eigentliche Feiertag ist kommt heute mein Lieblings-Drabble der drei letzten. Wie sagt man so schön: das beste kommt zum Schluss. Dem kann ich mich nur anschließen.
lg
manney
