Teil 25
„NEIN!"
Eine Bilderabfolge tauchte in Sams Kopf auf, die er nicht sofort als Realität erkennen konnte. Es war mehr wie in der Disco, mit all den verstörend aufleuchtenden Bildern, die einem Glauben machten, man befände sich in einem verlangsamten Film und sähe jede Aufnahme einzeln zerlegt.
Er sah seine Hand nach vorne schießen und sich um Sarahs Arm schließen, ihr erschrockenes Gesicht und für ein paar Sekunden fielen ihm sogar die dunklen Locken auf, die sich aus ihrer Frisur lösten und ihr in das bleiche Gesicht fielen, als er sie mit einem Ruck zu sich herüber zog.
Das Auto schlingerte, die Fahrerin kämpfte um die Kontrolle, die Lippenbewegungen eindeutiges Fluchen, durch die geschlossenen Scheiben jedoch nicht hörbar.
Das Quietschen wurde leiser, stockender und brach schließlich mit abrupter Stille ab, als der Motor erstarb.
Das Beben kam nicht von ihm.
Zögernd senkte er den Blick auf die Jüngere, die wie ein Gespenst und völlig versteinert an ihm lehnte, das Zittern die einzige Reaktion auf den eben erlebten Schock und die Augen panisch auf die nur Zentimeter von ihren Beinen entfernte Stoßstange gerichtet.
Sam verkniff es sich zu fragen, ob alles in Ordnung war, stattdessen legte er einen Arm um die kleinere Gestalt und seine freie Hand an ihre Wange, den Daumen unter ihr Kinn geschoben um sie so sacht zu zwingen, ihn anzusehen.
„Alles okay", versicherte er ihr und legte mehr Überzeugungskraft in die Worte, als er selbst in sich fühlte, als sich der Schreck allmählich ausbreitete. Nur einen Sekundenbruchteil später und es wäre nicht so glimpflich ausgegangen.
Sam kämpfte den Drang nieder, der Fahrerin Dinge an den Kopf zu brüllen, die seinen Mund sonst unter keinen Umständen verlassen hätten und beobachtete, wie Sarah – unverhältnismäßig lange verzögert – endlich auf seine Beruhigung reagierte, die Augen kurz schloss und nickte. Er konnte sie die angehaltene Luft ausstoßen fühlen.
„Das war knapp", murmelte sie dumpf und lächelte verlegen zu ihm hinauf. „Danke."
Sams Hand bewegte sich ein Stück nach hinten in ihre inzwischen völlig gelösten, weichen Haare und ehe er sich dessen bewusst wurde, was er tat, hatte er sich zu ihr hinuntergebeugt und sie geküsst.
„War das die Erleichterung oder hattest du das schon länger geplant?", fragte Sarah leise und ihre Mundwinkel zuckten verräterisch, ehe sie ihre Unterarme über seine Schulter schob und die Antwort nicht abwartete.
„Wenn ihr beiden fertig seid – könntet ihr mir ja sagen, ob einer von euch verletzt ist", schlug eine Stimme vor und der Ton klang frostig.
Stirnrunzelnd sah Sam auf und begegnete Augen, die eindeutig zu der Stimme passten. Eisig und im Schein der nahestehenden Straßenlaterne sturmgrau. Für einen kurzen Moment hatte er das Gefühl die junge, blonde Frau zu kennen, die sich auf dem Autodach und der geöffneten Fahrertür abstützte. Er hatte sie schon einmal irgendwo gesehen … nur wo?
Genervt seufzend drehte sie die Handflächen gen Himmel und hob die Arme ein Stückchen, wie als Aufforderung, endlich auf ihre Frage zu antworten.
„Es ist nichts passiert", gab Sam endlich mit zusammengebissenen Zähnen zurück und Sarah trat einen halben Schritt zurück um die dritte Person ebenfalls anzusehen.
„Gut. Übrigens – schau doch nächstes Mal einfach die Straße entlang, bevor du losläufst", wandte die Blonde sich an Sarah und war dabei, zurück in ihren Wagen zu steigen, als Sam sich von der löste und mit zwei langen Schritten bei der Fahrerin war.
„Was hältst du davon, nächstes Mal langsamer zu fahren?", fragte er gefährlich ruhig und hinderte sie daran, die Tür zu schließen.
Die Angesprochene blickte auf Sams Hand, seinen Arm entlang und schließlich in sein Gesicht.
Statt einer Antwort bekam er nur ein Lächeln zurück, das ihn frösteln ließ. So selten es vorkam, dass er Leute versuchte in die Ecke zu treiben, so selten geschah es, dass jemand sich davon überhaupt nicht beeindrucken ließ. Sein Gegenüber zeigte nicht einmal den Hauch von Reue für die Geschwindigkeitsübertretung und den Beinahe-Unfall. Das einzige, was sie ausstrahlte, war Berechnung.
„Pass auf deine Freundin auf", meinte sie und das Lächeln war restlos von ihrem Gesicht verschwunden. Es klang fast wie eine Drohung.
Sie zog die Tür hinter sich zu und der laute Knall hallte durch die leere Straße, ehe der Motor aufheulte und Sam und Sarah alleine auf der Straße zurück blieben.
Sam spürte Wut in sich hoch kochen und ballte die Hände zu Fäusten. Wie hoch würden die Chancen stehen, dieser Frau noch einmal zu begegnen? Sollte er es tun, dann hoffte er für sie, dass Gott sie mochte. Er tat es jedenfalls nicht.
„Sam …?"
Sarah umfasste seinen Ellenbogen und zog ihn mit sanfter Gewalt über die Straße. „Sam, lass es gut sein. Es ist nichts passiert."
Ein letzter Blick in die Richtung, in die das Auto verschwunden war, dann gab Sam nach: „Lass uns gehen."
-S-S-S-
Mittwoch, 21. Mai 2003
Immer wieder drückte Dean die Mine des Kugelschreibers in seiner Hand hinein und hinaus, das leise Klicken füllte gemeinsam mit dem Ticken der Uhr die Küche, in der er seit einigen Stunden gemeinsam mit Rachel saß.
Während er, wegen einem neuen Fall, über Zeitungen und alten Büchern brütete und ab und an ein paar Notizen auf einen abgerissenen Zettel machte, auf dem längst jeder Quadratmillimeter ausgefüllt war, hatte Rachel sich die andere Hälfte des Tisches gesichert und in der gleichen Zeit nicht ein einziges Mal die Seite ihres Lehrbuches umgeblättert.
Die Stifte lagen unberührt neben ihr und sie blinzelte heftig, den Kopf in die Hand gestützt. Die einzige Bewegung ging regelmäßig zu der Tasse hinüber, in der Dean dem Geruch wegen nicht die erste Kopfschmerztablette vermutete.
Vermutlich hatte sie geglaubt, er hätte nicht bemerkt, wie sie mitten in der Nacht das erste Mal ins Badezimmer gegangen war, aber er hatte sie lediglich nicht darauf angesprochen. Die zweite Tablette war wenige Stunden später gefolgt; die dritte schließlich beim Frühstück.
Dean hatte keinen blassen Schimmer, ob Rachel mit dieser Menge über den Tag gekommen war, oder ob sie am College die Krankenschwester aufgesucht hatte, weil ihr eigener Vorrat an Schmerzmitteln langsam aufgebraucht war.
Er hatte sich – in einer Pause von seiner Recherche – aufgemacht um neue Medikamente zu holen und sie kommentarlos auf der Arbeitsplatte in der Küche stehen lassen. Scheinbar hatte er damit ziemlich richtig gelegen.
Bei ihrem kalkweißen Gesicht schlug die Sorge wieder in seinem Magen ein wie ein sauber gezielter Tritt.
Rachel ließ die Arme sinken, verschränkte sie und legte die Stirn darauf, was Dean endgültig aus seiner Grübelei zurückholte.
„Geh schlafen", meinte er leise, wollte die Stimme nicht zu laut werden lassen.
„Ich muss das lernen", kam es dumpf aus der Schwärze zurück, in der Rachels Gesicht sich befand und ein Finger deutete anklagend auf die Seiten, deren Ecken umgeknickt waren.
„Rae."
Sie hatten diese Diskussion schon so oft geführt …beinahe immer, wenn die Migräne zurückkehrte und Dean war es Leid. Ungerührt von ihrer Aussage zog er das Buch unter ihren Armen hervor und klappte es zu, bevor er aufstand.
„Dean, gib mir das verdammte Buch zurück", sie hatte nicht einmal mehr die Energie, es sonderlich laut oder fordernd zu sagen.
„Nein. Du starrst es seit Stunden nur an, ich wette mit dir kein einziger Satz ist bisher hängen geblieben. Abgesehen davon sind diese zwei Seiten bestimmt nicht das einzige, was du lernen musst – aber die Prüfung läuft dir nicht davon. Sie ist schließlich nicht morgen."
„Nur übermorgen …" murrte Rachel und schob sich langsam zum Stuhlrand, den Kopf einige Zentimeter gehoben.
Plötzlich erinnerte sie ihn so sehr an Sam, dass er das Buch härter auf seinen nun freien Stuhl warf als beabsichtigt.
Er war auch immer so stur gewesen. Hatte sich nach einer Nacht samt Jagd hingesetzt, manchmal bis in die frühen Morgenstunden hinein seine Hausaufgaben gemacht und gelernt. Er hatte es fertig gebracht, zu lesen und mathematische Zeichnungen zu Papier zu bringen, während Dean neben ihm saß und die Verletzungen behandelte, die den damals so langen und schlaksigen Körper zierten. Er war mehr Arme und Beine als alles andere gewesen. Ab und an waren kleine, unvorhergesehene Zacken in den Strichen – meist dann, wenn Dean mit dem Jod ankam.
Andere Male hatte Sam die Migräne in die Knie gezwungen, aber ohne harsche Worte von John oder seinem großen Bruder war er nie freiwillig in sein Bett gegangen, eher fanden sie ihn eingerollt, den Kopf unter dem Kissen auf der Couch oder mit schmerzverzerrtem Gesicht und hilflos der Übelkeit überlassen im Bad.
Rachel war in dieser Hinsicht keinen Deut besser.
Vermutlich war er selbst auch nicht besser …
Diese Erkenntnis stimmte ihn etwas versöhnlicher. Er lockerte seine Finger und deutete mit einem Kopfrucken zur Tür. „Komm schon."
Wenn die Ärzte nur endlich ein Medikament finden würden, das ihr half … nicht nur er konnte mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, dass Rachel die nächsten drei Tage vermutlich kaum mehr ansprechbar sein wurde, sie wusste es selbst. Das hier war nur das Vorstadium, die Galgenfrist, die sie sich mit den Tabletten erkauft hatten.
Rachels Widerstand erstarb, als sie sich auf die Füße quälte und einige schwankende Schritte in Deans Richtung tat.
-S-S-S-
Den Kopf in den Nacken gelegt und die Arme vor sich verschränkt stand Dean auf der Veranda. Nur selten fuhr ein Auto die Straße des Wohngebietes entlang und längst waren alle Leute in ihren Häusern verschwunden.
Aus den Augenwinkeln konnte er den Impala erkennen, den er am Straßenrand geparkt hatte, als er vor einiger Zeit zurückgekommen war. Das leise Klacken des Kühlers war längst verstummt.
Er hatte der Enge entfliehen müssen, die das Haus darstellte, eine Weile zurück zu dem Leben gehen müssen, das er vor wenigen Wochen noch gelebt hatte.
Ohne Sam im Wagen war es jedoch nicht das Gleiche.
Dean fühlte sich einsam, ein wenig verloren und gefangen zwischen zwei Leben. Eines, das er nicht mehr haben konnte, aber so schmerzlich vermisste und eines, das ihm von Kindesbeinen an aufgezwungen worden war und welches er trotzdem zu schätzen gelernt hatte.
Und die Misere war die, dass eine Auflösung der Probleme im Augenblick nicht in seinen Händen lag. Rachels Zustand war – um es gelinde auszudrücken – nicht haltbar. Sie hatten eine begrenzte Frist, auch wenn niemand es bisher ausgesprochen hatte. Wenn sie Glück hatten, würde der Preis, den sie für diese förmlich erkaufte Zeit hatten, nicht so hoch sein. Wenn sie Pech hatten, konnte sich das Schicksal jederzeit gegen sie wenden.
Dean senke den Kopf und schlang die Arme jetzt fast schützend um sich. Zu gerne hätte er sich mit einem Fall abgelenkt, aber ohne Sam als Rückendeckung war daran nicht zu denken. Ganz zu schweigen vom dem Versprechen, das er Sam gegeben hatte: Keine Jagd, solange der Jüngere nicht dabei war.
Was, wenn man es genau betrachtete, nun durchaus eine Spanne von mehreren Jahren annehmen konnte.
Mit langen Spinnenbeinen krabbelte die Kälte unter Deans Kleidung und ließ ihn erschaudern.
Er hatte die Wahl: entweder die Zeit nutzen – oder sie mit verzweifelten Gedanken zubringen. Die Uhr tickte unaufhörlich.
Auch wenn er nicht wusste, wie er ein zweites Mal all das durchmachen sollte …
Heftig stieß er sich von der Wand ab und schloss mit klammen Fingern die Tür auf, um zurück in die Wärme zu kehren. Er war schon völlig erfroren.
-S-S-S-
„Hey, Sam."
„Dean … es ist –„
Dean räusperte sich kurz und Sam brach ab. „Mitten in der Nacht, ich weiß. Tut mir Leid. Ich sollte morgen anrufen."
„De-„
„… wollte dich nicht weck-„
„DEAN!"
Überrascht hielt der Ältere den Atem an. Sam klang ungehalten und wach.
„Du hast mich nicht geweckt. Sarah ist hier."
Ein spitzbübisches Grinsen tauchte auf Deans Gesicht auf. „Sarah also?"
„Nicht was du denkst", stöhnte der Jüngere und Dean konnte hören, wie er eine Tür schloss. Scheinbar war er in den Nebenraum gegangen. „Sie wurde fast angefahren und war etwas … neben sich. Ich wollte sie nicht alleine lassen."
Statt der gewohnten Witzchen, die er normalerweise gerissen hätte, schwieg Dean. Sam brauchte nicht mehr zu sagen: Sarah war nicht verletzt und es hatte auch keinerlei anderen Schaden gegeben, sonst klänge er nicht so ruhig. Kurzum galt Entwarnung. Aber jetzt, wo das geklärt war und er, Dean, nicht einfach so auflegen konnte, fühlte er sich unwohl.
„… du noch dran? Dean?"
Dean riss sich zurück in die Wirklichkeit. Sam versuchte scheinbar seit einigen Sekunden wieder zu ihm vorzudringen. „Ja … ja, ich bin noch dran."
„Was wolltest du?"
Dean zuckte mit den Schultern ehe ihm auffiel, dass Sam es nicht sehen konnte. „Ich wollte nur hören, wie es dir geht."
„Lügner", erwiderte Sam leise.
‚Ich weiß', fuhr es Dean durch den Kopf und er zwirbelte die Kordel an seiner Sweatshirtkapuze unruhig zwischen Daumen und Zeigefinger.
„Willst du reden?" Immer noch klang Sam ungewohnt weich.
„Ich weiß nicht, Sammy … ich weiß überhaupt nicht, was ich will …"
