Kapitel 25

„Lizzy, was hältst du davon, wenn wir schnell in unser Zimmer hüpfen und du schon einmal mit William vorgehst und dir die Suite in Ruhe ansiehst? Wir kommen dann gleich nach", schlug Charles arglos vor. Elizabeth warf Jane einen verzweifelten Blick zu. Um nichts in der Welt wollte sie mit William alleine in die Suite gehen! Geschweige denn dort übernachten!

Doch Jane fand die Idee offenbar ebenfalls gut.

„Ja, wir müssen ja nicht alle in Williams Wohnung einfallen", lachte sie und warf Charles einen seltsamen Blick zu, den Elizabeth erst nach einigen Augenblicken verstand. Die beiden wollten ein paar Minuten alleine miteinander verbringen – in trauter Zweisamkeit, sozusagen!

Elizabeth hätte heulen können. Ihre Schwester und deren Liebhaber konnten sich kaum noch zurückhalten, so schien es, und sie wäre gezwungen, in Darcys Suite zu übernachten, um den beiden den Spaß nicht zu verderben! Sie hatte sich noch niemals in ihrem Leben so überflüssig gefühlt. Resigniert nickte sie und folgte William wie ein begossener Pudel zum Aufzug.

William spürte natürlich, dass Elizabeth etwas bedrückte, aber er schwieg lieber. Sicher wollte sie keine tröstenden Worte oder überhaupt irgendwelche Aufmerksamkeiten von seiner Seite. Er seufzte innerlich und schob seine Zimmerkarte in einen Kartenleser, damit der Aufzug sie zu den obersten, teuersten und exklusivsten Etagen brachte. Dorthin durften selbstverständlich nur Gäste vordringen, die eine der luxuriöseren Suiten bewohnten oder deren Karte dafür freigeschaltet war.

Schweigend fuhren sie im Aufzug nach oben, schweigend gingen sie die paar Meter den Gang entlang, schweigend öffnete William die Tür und schweigend betraten sie das Wohnzimmer der luxuriösen Suite. Elizabeth schaute sich staunend um. Für was brauchte eine einzige Person so viel Platz in einem Hotelzimmer? fragte sie sich verwundert. Und für was brauchte er zwei Schlafzimmer? Er konnte doch auch bloß in einem Bett schlafen! Seltsam, sehr seltsam.

Aber die Suite war zugegebenermaßen ein Traum. Das großzügig gestaltete Wohnzimmer bestand an einer Seite komplett aus einer riesigen Fensterfront, die einen atemberaubenden Blick auf die pulsierende Stadt gewährte. Die Einrichtung war weniger plüschig und kitschig als Elizabeth erwartet hatte, im Gegenteil, es wirkte alles sehr elegant, maskulin und geschmackvoll. Luxus pur. Sogar ein Miniflügel stand in einer Ecke am Fenster. Elizabeth seufzte innerlich. Niemals im Leben würde sie es sich jemals leisten können, in Herbergen dieser Kategorie abzusteigen. Vielleicht sollte sie die Gelegenheit doch nutzen…?

William hatte sie still von der Tür aus beobachtet. Er schloss die Tür leise hinter sich und ging an ihr vorbei, um eine andere Tür zu öffnen.

„Das wäre das zweite Schlafzimmer", sagte er und ließ sie hineingehen. Er blieb wieder an der Tür stehen. Das Schlafzimmer einer Dame betrat man schließlich nur nach Aufforderung!

Elizabeth schaute sich um. Ein hübscher, nett eingerichteter Raum mit zugezogenen Jalousien, um die Nachmittagssonne abzuhalten. Ebenfalls geräumig, und sicherlich sogar noch größer als ein Standard-Hotelzimmer. Auch dieses Zimmer war mit jeglichem Luxus ausgestattet und so wie es aussah, hatte hier noch niemand genächtigt seit William hier eingezogen war. Keine Gespielin oder so.

William deutete auf eine geschlossene Tür.

„Dort ist das Badezimmer." Elizabeth öffnete die Tür und spähte hinein. Es war erstaunlich groß, hatte eine Eckbadewanne, die man über zwei Stufen betrat und man konnte sogar fernsehen! Dekadent, ohne Zweifel, aber Elizabeth fand es sehr cool. Sie überlegte schnell, ob sie die wenigen Tage hier in William Darcys Nähe würde verbringen können. Die Zimmertür war abschließbar, stellte sie erleichtert fest, und sie würde auch immer nur kurz das Wohnzimmer passieren müssen, wenn sie kam oder ging. Sie müsste ihn nicht oft sehen, und er würde ja auch nicht immer im Wohnzimmer hocken, wenn sie ihren Raum verließ, nicht wahr? Andererseits glaubte sie nicht wirklich, dass William die Situation ausnutzen würde, aber man wusste ja nie…

Das Klingeln eines Mobiltelefons riss sie aus ihren Gedanken.

„Entschuldigen sie mich einen Moment", sagte William und nahm den Anruf entgegen. „Hallo, mein Schatz!" sagte er erfreut, und ging langsam zum Fenster. Offenbar ein angenehmer Anruf, dachte Elizabeth. Wahrscheinlich seine Freundin, so liebevoll wie er mit ihr sprach. Irgendwie versetzte ihr das einen Stich, aus welchen Gründen auch immer. Es ging sie doch überhaupt nichts an, mit wem er da herumflirtete und Zärtlichkeiten austauschte! Sie schüttelte ungeduldig den Kopf und nutzte die Zeit, um sich weiter umzuschauen. Schade, die Tür zu Williams Schlafzimmer war leider verschlossen. Zu gerne hätte sie einen Blick hineingeworfen! Ob sein Zimmer genauso aufgeräumt und ordentlich war wie der Rest der Suite? War William Darcy möglicherweise ein kleiner Ordnungsfanatiker?

Elizabeth wollte nicht lauschen, aber sie konnte es natürlich nicht verhindern, dass sie das ein oder andere mitbekam. William sprach sehr liebevoll mit der Anruferin (Elizabeth nahm zumindest an, dass es eine Frau war, denn er nannte keinen Namen, nannte die Person immer Liebes oder Kleines), er lachte viel und hörte aber auch über lange Strecken ernsthaft zu. Elizabeth versuchte in der Zwischenzeit, eine Entscheidung zu treffen.

Als sich William schließlich mit einem „ich liebe dich auch, Schatz" und einem Küsschen verabschiedete, war für Elizabeth ganz klar, dass es sich um seine Freundin handeln musste. Ihr gefiel die Vorstellung nicht. Ganz und gar nicht! Was würde diese Frau sagen, wenn sie wüsste, dass ihr Freund eine fremde Frau in seiner Suite übernachten ließ? Noch dazu für mehrere Nächte? Sicher, sie hätte ihr eigenes Zimmer, aber William schlief sozusagen nur eine Tür weiter…

Ein Klopfen an der Zimmertür riss sie aus ihren Gedanken. William klappte sein Telefon zu, öffnete und ließ Jane und Charles eintreten. Charles hatte Elizabeths Gepäck mit dabei. Die beiden sahen sich mit großen Augen um.

„Das ist wirklich toll", sagte Jane bewundernd. „Unser eigenes Zimmer ist ja wirklich nicht klein, aber das hier ist grandios." William schaute verlegen zu Boden, so als wäre es ihm unangenehm, eine der größten Suiten des Hotels zu bewohnen. Aber Jane lächelte bloß und wandte sich ihrer Schwester zu.

„Konntet ihr euch einigen?" fragte sie und spähte in das zweite Schlafzimmer, dessen Tür noch offenstand. Alle sahen Elizabeth erwartungsvoll an, nur William hatte den Blick abgewandt.

„Ich weiß nicht, Jane, ich glaube, ich sollte vielleicht doch zurückfliegen und…"

„Lizzy. Sei nicht albern. William bietet dir eine adäquate Übernachtungsmöglichkeit an, was spricht dagegen, hier vorerst zu bleiben? Es ist allemal komfortabler als die Couch in unserem Zimmer. Wir können ja an der Rezeption Bescheid geben, dass sie uns informieren sollen, sobald ein Einzelzimmer frei wird, dann kannst du immer noch umziehen. Außerdem ist es gar nicht möglich, den Flug umzubuchen, da er auf Airmiles gebucht wurde. Du müsstest den Rückflug noch einmal neu bezahlen und wer weiß, ob du überhaupt so kurzfristig einen Platz bekämst." Das mit dem neu bezahlen stimmte zwar nicht, aber das musste Elizabeth ja nicht unbedingt wissen.

Elizabeth unterdrückte ein Seufzen. Jane war immer so verdammt rational und vernünftig! Gegen ihre Logik kam man einfach nicht an. Sie entschied, dass William selbst dran schuld sei, wenn er einer fremden Frau Unterschlupf gewährte obwohl er eine Freundin hatte und stimmte schließlich zögernd zu.

Alle waren sichtlich erleichtert. Charles trug ohne zu zögern Elizabeths Gepäck in ihr Zimmer, er hatte keinerlei Skrupel, das „Schlafgemach einer Dame" zu betreten, er war nicht so vornehm erzogen worden. William räusperte sich.

„Ich werde am besten an der Rezeption Bescheid geben, dass sie hier bis auf weiteres einziehen, Miss Bennet." Elizabeth lächelte verlegen.

„Danke. Und danke auch, dass sie mir Asyl gewähren." William nickte knapp und erledigte den Anruf.

Die drei Neuankömmlinge äußerten daraufhin den Wunsch, sich ein wenig auszuruhen und so wurde vereinbart, dass man sich später zum Abendessen wieder treffen wollte. William bot sich an, einen Tisch in einem der hoteleigenen Restaurants zu bestellen und sie entschieden sich für das Steakhouse, was sicher auch Richard Fitzwilliam recht sein würde, den sie noch gar nicht zu Gesicht bekommen hatten.

Elizabeth sah Jane und Charles mit gemischten Gefühlen weggehen und schalt sich eine alberne Närrin. William würde sie schon nicht fressen! Sie würde sich jetzt ein wenig hinlegen, später eine Kleinigkeit essen, dann schlafengehen und morgen würde man weitersehen.

Als Elizabeth zwei Stunden später vorsichtig aus ihrem Zimmer lugte, war von William weit und breit nichts zu sehen. Erleichtert durchquerte sie das große Wohnzimmer und trat ans Fenster. Es war schon aufregend, hier zu sein und sie war offen gestanden froh, dass sie nicht hatte heimfliegen müssen. Draußen auf dem Las Vegas Strip tobte das Leben, auch wenn sie davon hier oben durch die schalldichten Fenster nichts hörte. Aber alleine die bunten Lichter und die Automassen, die sich durch die Straßen wälzten, waren Indizien genug dafür. Sie entdeckte eine Brüstung an einer Seite der Fensterfront, doch auf den Balkon konnte man nur durch Williams Schlafzimmer gelangen, so wie es aussah. Elizabeth wusste ja nicht, ob er in seinem Zimmer war und traute sich nicht, anzuklopfen. Und einfach so wäre sie natürlich niemals in sein Schlafzimmer spaziert. Auch wenn sie zugeben musste, dass sie gerne mal einen Blick riskiert hätte.

Stattdessen entschied sie sich, ein wenig auf Entdeckungsreise im Hotel zu gehen. Vielleicht sollte sie ihr Glück an einer der unzähligen Slotmachines versuchen? Hieß es nicht Glück im Spiel, Pech in der Liebe? Elizabeth verdrängte hastig den unerfreulichen Gedanken an Wickham. Nein, jetzt war Erholung und ein Neubeginn angesagt! Sie hatte außerdem einen mörderischen Durst und noch über eine Stunde Zeit, bis sie sich alle zum Abendessen treffen wollten.

Ihr Weg führte sie nach unten ins Casino und dort lief sie eine Weile staunend umher. Slotmachines wohin das Auge reichte, Kartentische und andere Glücksspiele boten sich ihr in einer Fülle dar, die ihr unwirklich vorkam. Und überall Menschen. Menschen, die mit großen Plastikbechern bewaffnet waren und daraus ständig Münzen in die Spielautomaten warfen. Menschen, die Chips an den Spieltischen setzten, ob beim Roulette oder Black Jack. Weibliche Casinoangestellte in knappen Kostümen, die den Spielern kostenlose Getränke servierten. Es war faszinierend, aber alles sehr gewöhnungsbedürftig. Das ständige Geklingel und Gepfeife der Einarmigen Banditen ließ sie schon bald Kopfschmerzen bekommen und sie suchte den Ausgang zu den Gartenanlagen. Und irgendwo musste es doch auch etwas zu trinken geben...

Erleichtert sah sie große Glastüren, die nach draußen führten, wo es zwar heiß, aber sehr wahrscheinlich viel ruhiger war. Bevor sie jedoch die Türen erreichte, drang leise Klaviermusik an ihr Ohr und sie wandte sich neugierig um. Hinter ihr befand sich der Eingang zu einer Bar oder einem Cafe, so genau konnte man das von hier nicht sehen. Aber dort gab es mit Sicherheit etwas zu trinken!

Um diese Zeit war noch nicht viel los, nur wenige Tische waren besetzt. Elizabeth nahm an einem Tisch in der Nähe der großen Fensterfront Platz und bestellte einen alkoholfreien Cocktail. Von ihrem Platz aus hatte sie einen hervorragenden Überblick über die Bar und sie vertrieb sich die Zeit mit einer ihrer Lieblingsbeschäftigungen, wenn sie unterwegs war: Leutegucken.

Die Klaviermusik, die sie vorher hierher gelockt hatte, war live, wie sie bald merkte. Sie erstarrte, als ihr Blick auf den Pianisten fiel. Für einen Moment sah sie bloß ein paar dunkle Locken und dachte schon, es sei William Darcy. Mit einem nervösen Auflachen schüttelte sie den Kopf. Doch bei genauerem Hinsehen stellte sie fest, es war tatsächlich William. Sie war nicht unbedingt überrascht, dass er Klavierspielen konnte, sondern dass er es hier in der Öffentlichkeit tat. Und sie musste zugeben, er spielte ausgezeichnet.

Erst jetzt fiel ihr auf, dass fast alle Tische in der Nähe des Flügels besetzt waren – der Löwenanteil davon waren Frauen, die William keinen Moment aus den Augen ließen. Elizabeth grinste. Wie viele von ihnen rechneten sich wohl aus, dem attraktiven Pianisten noch näher kommen zu dürfen? Dann kam ihr ein schrecklicher Gedanke. Er würde doch sicher keine seiner Eroberungen heute nacht mit aufs Zimmer nehmen, oder? Die Vorstellung, nebenan zu liegen während William... nein, das war nahezu unerträglich.

Und wieder fühlte sie sich mies. Hatte sie ihm jetzt den Urlaub verdorben? Würde er aus Rücksicht auf sie keine Frau mit auf sein Zimmer nehmen? Oder wäre ihm egal, was sie von ihm hielt und er würde es trotzdem tun? Sie hatte den Gedanken kaum zu Ende gedacht, als sie die nächste Überraschung erlebte. Nur wenige Meter weiter lief Richard Fitzwilliam an ihr vorbei – zwei blonde Göttinnen, höchstwahrscheinlich Showgirls – im Schlepp. Die drei gingen direkt auf William zu und suchten sich einen Tisch in der Nähe des Flügels. Elizabeth seufzte erleichtert auf – Richard hatte sie nicht gesehen.

Elizabeth trank ihr Glas aus und überlegte, ob sie sich schnell davonschleichen sollte. Dummerweise müsste sie fast direkt an dem Tisch vorbei, den Richard und die beiden Frauen belegten. Als sie gerade aufstehen wollte, beendete William sein letztes Stück und ging zu den dreien hinüber. Auch er hatte Elizabeth nicht gesehen. Es war offensichtlich, dass er die beiden Blondinen nicht kannte und Elizabeths Herz sank. Richard hatte die beiden sicherlich nicht zum Kartenspielen aufgerissen!

William seufzte innerlich, als er seinen Cousin mit den beiden Frauen näherkommen sah. Was führte er jetzt schon wieder im Schild? Richard schien fest entschlossen, ihn auf Teufel komm raus mit irgendjemandem zusammen zu bringen. Er wusste natürlich nicht, dass Elizabeth hier war, aber auch so hätte er keine „Hilfe" gebraucht. Er war durchaus in der Lage, sich selbst um Gesellschaft zu bemühen, sollte ihm der Sinn danach stehen. Die fünf Zettel mit Zimmernummern, die er in seinem Jacket gefunden hatte, sprachen diesbezüglich wohl eine eindeutige Sprache. Aber ihm stand gar nicht der Sinn nicht nach fremden Frauen – er bereute noch immer seine Kurzschlusshandlung vor wenigen Tagen, als er in Tammys Bett gelandet war...

William machte also gute Miene zum bösen Spiel und ließ sich den beiden Frauen vorstellen. Er war höflich wie immer, plauderte charmant mit ihnen, doch er hatte kein Interesse. Sollte Richard sie von ihm aus beide haben, es war ihm egal. Es war viel spannender, wie es heute abend mit Elizabeth weiterging. Nicht, dass er sich irgendwelche Chancen ausrechnete, liebe Güte, aber immerhin würden sie einen Teil des Abends miteinander verbringen. Ob sie sich nach dem Essen sofort in ihr Zimmer zurückziehen würde? Hoffentlich nicht. Diesmal würde er es auf alle Fälle nicht vermasseln!

Elizabeth schaffte es tatsächlich, über einen Umweg nach draußen zu gelangen, ohne dass Richard oder William sie sahen. Sie atmete tief durch, als sie vor den Aufzügen stand. Geschafft! dachte sie erleichtert. Doch ihr Glücksgefühl hielt nur etwa zwei Sekunden an. Toll. Sie hatte überhaupt keine Zimmerkarte! Sie würde noch nicht einmal auf die Etage kommen, geschweige denn ins Zimmer.

Die Rezeption! fiel ihr glücklicherweise ein und sie machte sich auf, um dort nachzufragen, ob sie eine zweite Karte bekommen könnte. Aber wie gesagt, Las Vegas befand sich momentan im Ausnahmezustand und vor der langen Theke, hinter der sichtlich überarbeitete Angestellte sich schier alle Beine ausrissen, stauten sich die Gäste regelrecht. Es würde eine Ewigkeit dauern, bis sie drankam. Die Alternative war, in die Bar zurückzugehen. Zu William.