~Erste Eindrücke~
Anmerkung: Von einer Mörderin zur lustigen Comicfigur, tja so schnell kanns gehen! Wie üblich gehört mir nichts außer Abby. (In Andenken an mein verstorbenes Hündchen Abby :')
Nachdem ich endlich wieder auf den Boden gestellt wurde, entfernte ich mich etwas von meinem Empfangskommite und begann die Umgebung etwas genauer anzuschauen. Wir befanden uns auf einer großen Grünfläche mit bunten Blumen und starken Bäumen. In der Ferne konnte man hübsche Vorstadthäuser sehen, die ordentlich in Reihe und Glied standen, mit großen Garagen und allem was dazu gehörte. In dieser Welt lag absolut nichts bedrohliches in der Luft. Sogar die Bienen schienen freundlich zu sein, wie sie melodisch summend aus ihren Bienenstöcken flogen und ihre Bahnen um meinem Kopf zogen. Ich brauchte unbedingt etwas, wo ich mich anschauen konnte, auch wenn ich ein wenig Angst davor hatte. Schließlich war man nicht alle Tage ein Cartoonhund. Gerade als ich an Cartoons dachte kam das goldene Disneytrio hinter mir her gelaufen, Micky mit federnden Schritten, Donald mit irgendwelchem Gebrabbel, das ich beim besten Willen nicht verstehen konnte und zum Schluss Goofy, der seine trottelige Aura versprühte. Ich konnte weder glauben noch akzeptieren, das ich jetzt auch so einer, oder besser gesagt eine sein sollte. Und das sollte meinem Wunsch entsprechen? Ich blickte gen Himmel und versuchte zu fluchen, doch es ging nicht. Es ging einfach nicht! Wut stieg in mir hoch, als ich fast an meinen "schlimmen" Wörtern zu ersticken drohte. Wenn mir das Fluchen genommen wurde, war ich nicht einmal mit Mostrich zu genießen. Ich war knallrot im Gesicht, als die Figuren dieser ganz tollen zensierten Welt mich erreichten.
"Wisst ihr auf was ich jetzt echt Lust hätte? Auf Mäusefallen, gebratene Ente und einem Hundefänger!"
Ich war ja nicht blöd, ich konnte zwar nicht fluchen, dafür auf eine andere Art meine Wut rauslassen. Schließlich waren das keine Schimpfwörter, wenn man sie einzelnd betrachtete. Nur in einem Satz wurden sie böse.
Mich hätte es nicht wundern sollen, als Donald einen Wutanfall bekam und irgendwas mit "Balg" schnatterte. Trotzdem erschrak ich mich über das sirenenlaute Geschnatter und fiel zurück auf den Hosenboden, ohne das mich jemand fing oder mir wieder aufgeholfen wurde. Statt dessen bekam ich Blicke, die ganz klar signalisieren sollten, das ich eine Grenze überschritten hatte. Und tatsächlich, das passierte sonst nie so schell, fühlte ich mich schuldig. Egal ob gut umgesetzt oder nicht, das Schicksal hatte wahrscheinlich ihr bestes gegeben eine friedliche und nette Welt für mich zu finden, so wie ich es mir gewünscht hatte. Und nun benahm ich mich so undankbar.
"Viel durchgemacht, hm?", sagte Micky, richtig mickyuntypisch. Und ja, das ist eigentlich kein Wort. Auch Goofy nickte verständnisvoll.
"Jep, Teenager. Ich weiß wie das ist, ich habe selbst noch so einen."
Man hörte und staunte, diese kindliche Welt reagierte gar nicht so kindlich, wie man es erwarten hätte können. Nur Donald benam sich ganz seinem Muster entsprechend und musste von Micky erst einmal beruhigt werden.
Wisst ihr, was ich mir dachte? Nach alldem, was ich durchmachte, hatte ich es verdient nun hier zu sein und die Seele ein wenig baumeln zu lassen. Noch verrückter konnte es ohne hin nicht mehr werden. Was hatte ich also zu verlieren? Eben, meinen Verstand hatte ich eh nicht mehr.
Jedes kleine Kind, das sich wünschte ins Disneyland zu gehen, wäre vor Neid erblasst. Das konnte dem hier nicht einmal ansatzweise das Wasser reichen. Das große Schloß, das in jedem Park stand, gab es wirklich. Jedoch sah es ein wenig anders aus und wurde von den Personen bewohnt, die quasi als Vetteranen dieser Welt galten. Das waren Leute wie Micky, Minnie, Donald, Daisy, Goofy und sämtliche anderen, die noch zu ihnen gehörten. In einem prächtigen Baum vor dem Schloß wohnten die Streifenhörnchen Chip und Chap und in einem Stall, der ganz in der Nähe war, arbeitete ironischerweise Horace Horsecollar. Ja ja, Disneylogik war die beste überhaupt. Ich hatte mir zwar vorgenommen mich zu benehmen, aber das hieß nicht, das ich keine Fragen stellen würde. Apropos benehmen, wie alt war ich hier eigentlich? Ich bekam den Eindruck nicht los, das ich hier bei weitem jünger war als zuvor. Aber wem sollte ich hier denn bitte fragen? Bis jetzt kannte mich noch keiner, was auch eine echte Prämiere war.
Um dem Schloß herum erblühte ein buntes Städchen aller erster Güte. Das Land wurde geprägt von fröhlichen Leuten, die in Geschäften aller Art ein und aus gingen und Häusern, die unterschiedlicher und einzigartiger gar nicht sein konnten. Da gab es zum Beispiel eine riesige Teekanne, ein Haus auf Stelzen, das zum Teil aussah wie ein Raumschiff, eine Konzerthalle, die zum Teil in das Meer ragte, das an das Land angrenzte, ein meterhoher Turm, auf dem mit großer Sorgfalt viele gelbe Sonnen gemalt waren, ein großes Baumhaus in einem Waldstück, das mit seinen viele Einzelheiten zum spielen einlud, und, und ,und. Das Auge konnte sich nicht satt sehen. Auch nicht an den vielen Geschäften, wie das große Modehaus, das mit den neusten Glaspantoffeln warb, einer liebevoll verzierten Schnitzerei, die "No Strings", also keine Fäden hieß und ein kanariengelbes Büchergeschäft, das den simplen Namen "Belles" trug. An einer Straße stand ein Geschäft in Form einer Zauberlampe mit den Namen "Make A Wish" und daneben befand sich ein Caffee mit den Namen "Mad Hatters". Ich musste schmunzeln, als ich das Schild sah, das davor angebracht war. Darauf stand nämlich "Gratis Tee, für jeden der nicht Geburtstag feiert. Etwas anderes gibt es eh nicht." Die Speisekarte konnte ich mir richtig gut vorstellen. Neben den ganzen Gebäuden gab es auch noch eine menge Parks und ein großes, altes Karussel mit weißen Pferden, das einfach mitten drin stand. Es gab keine Straßen für Autos (die ich übrigens auch nicht sah) sondern nur Wege aus weißen Steinen. Und wieder standen viele bunte, herrlich duftende Blumen wohin das Auge nur sah und das grün der Rasenflächen schien hier besonders grün zu sein. Es war verrückt, doch dieser Ort war das perfekte Paradebeispiel für eine friedliche, freundliche und spaßige Welt. Das Schicksal hatte sich wirklich selbst übertroffen.
Ich war tatsächlich aufgeregt, als mich Micky, Donald und Goofy zum Schloß führten. Schon der Weg dahin war abenteuerlich, weil ich wie aus dem Hinterhalt von drei kleinen Geschöpfen umgerannt wurde, die man in der Schnelle nur als weiß-bunte Kondenzstreifen erkennen konnte. Als Donald hinterhermeckerte erkannte ich die Schubser. Es waren die drei Neffen von Donald, Trick Trick und Track, die völlig fertig mit einem roten Skateboard in der Hand zum stehen gekommen waren.
"HEY! Gebt es sofort wieder her!"
Die Szene wurde komplettiert, als von links noch jemand kam, der ganz offensichtlich hinter dem Skateboard her war. Als er an uns vorbei rannte grüßte er Goofy flüchtig mit einem "Hy Dad", rannte weiter, kam quitschend zum stehen und lief zurück. Ich schaute etwas doof aus der Wäsche als ich schon wieder begutachtet wurde, dieses mal von Max, der mit großen Augen vor mir stand.
"Hey, wer ist das denn?", fragte er ganz unverblümt und blickte zwischen den anderen hin und her. Tick, Trick und Track wurden auch auf mich aufmerksam und kamen auf uns zu, ließen das Skateboard aber sicherheitshalber zurück.
"Ja genau..."
"...wer ist..."
"...das denn?"
Die drei ergänzten sich perfekt beim reden, was schon fast wieder lächerlich war. Ich war so überwältigt von den vier neugirigen Augenpaaren, das mir die Spucke weg blieb. Aber was hätte ich auch sagen sollen? Ich wusste ja nicht mal meinen Namen! Als wenn Micky meine Gedanken gelesen hätte schnappte er sich meinen Shirtkragen und zog ihn etwas nach hinten. Oh man wie peinlich, mein Name war eingestickt wie bei einem kleinen Kind!
"Das ist Abby, sie ist neu hier also begrüßt sie recht freundlich in unserer Familie."
Familie, wie lang hatte ich dieses Wort nicht mehr gehört? Und gerade nun, ausgesprochen von einer Maus, bedeutete es so viel.
"Hy, woher kommst du?", fragte Max und ergriff meine Hand. Was sollte ich darauf nur sagen? Das ich vom Himmel kam, aus einer anderen Welt? Das klang sehr mystisch, eigentlich passend für diese Welt.
"Von sehr weit weg, man könnte schon sagen aus seiner anderen Welt."
"So so, eine Außerirdische", lachte Max und machte sich wieder auf den Weg um um das Skateboard zu kämpfen. So wie es aussah hatten es die drei Neffen geklaut und waren auch schon wieder über alle Berge damit.
Nach dieser kleinen Unterbrechung durfte ich endlich das Schloß von innen sehen. Es war groß, geräumig, lichtdurchflutet und hatte eine menge Zimmer, die auch zahlreich belegt waren. Die Farben der Wände waren auf verschiedene Bereiche des Schlosses aufgeteilt. Ein Bereich war rot, einer blau und ein dritter war grün. Die Gänge, die übrig waren, leuchteten in einem neutralen mintzgrün. Mir wurde ein großer Gemeinschaftsraum mit knuddeligen Sofas und einem flauschigen Teppich, eine helle Küche auf zwei Etagen, ein langes Esszimmer im warmen rot und zum Schluß eine offene Halle mit vielen Bänken und einem Rednerpult gezeigt. Dieser Raum interessierte mich besonders, da er nicht wirklich zum Rest des Schlosses passte und einen sehr offiziellen Charme versprühte. Draußen sollte es auch noch einen großen Garten geben, der ungefähr die Hälfte des Grundstückes einschloß und ein Teich mit Steg zum angeln. Nach der ganzen Tour bekam ich sogar ein eigenes Zimmer. Die Freundlichkeit, dir mir, einer völlig fremden, entgegen gebracht wurde haute mich fast aus den Socken. Eins war klar, so etwas konnte nur hier möglich sein. Mein Zimmer befand sich im grünen Teil des Schloßes. Als wir den Gang hinunter liefen sah ich die Tür, die meiner gegenüber war und auf der mit großen Buchstaben "KEEP OUT" geschrieben stand. Ein Stückchen Rebellion in einem freundlichen Märchenschloß, das gefiel mir.
Freundlich war auch das Innere meines Zimmers. Es hatte eine ordentliche Größe, war aber nicht übertireben groß, und hatte zwei große Rundbogenfenster, die einen fantastischen Ausblick auf den Teich draußen boten. An der Wand gegenüber der Tür stand ein großes Himmelbett mit mehr Kissen, als ich benötigte und daneben befand sich ein mannsgroßer Spiegel und ein himmelblauer Kleiderschrank. Im ganzen Zimmer fand man verschiedene Blautöne, aber auch mintgrün, was mir sehr gut gefiel. Ich hoffte nur, das sich die Bemühungen der anderen lohnten und ich nicht schon am nächsten Tag wieder weg war. Als ich durch das Zimmer lief blieb ich apprupt an dem Spiegel stehen. Es war ein Schock mich das erste mal so zu sehen. Meine Arme und Beine waren schwarz, genau wie meine Haare, die in einer ziemlichen Pracht und Wellen über meinen Rücken fiele und so aussahen, als hätte ich eine Permanentfrisur, damit ich jeden Tag gleich aussah. Mein Gesicht war der einzige Teil, der nicht schwarz war, sondern eher hautfarbend. Dafür waren meine Augen tatsächlich erstaunlich groß und man konnte leider keine Augenfarbe sehen. Meine Nase war nur noch ein schwarzer Knubbel, der leicht vom Gesicht abstand, wie eine kleine Hundeschnauze und von meinen Ohren wollte ich schon gar nicht reden. Wie zwei dünne, schwarze Lappen hingen sie mir auf den Schultern und machten den Hundelook komplett. Die Kleidung, die ich trug, war auch recht interessant. Weiße Handschuhe, ein rot gestreiftes Shirt, ein blauer ausgestellter Rock, der mit Hosenträgern angemacht war und zum Schluß noch bunte Turnschuhe mit jeweils einem großen Stern an den Seiten, aus denen weiße Socken schauten. Was für eine Zusammenstellung.
"Schau dich ruhig noch ein bisschen um, aber ich würde mich freuen, wenn du mit uns zu Abend isst. So ungefähr um sechs", sagte Micky und verschwand mit einem großen Grinsen aus dem Zimmer. Donald und Goofy schauten sich an, bevor auch sie sich erst einmal verabschiedete und gingen. Ich verlor keine Minute aus dem Schloß zu rennen und die Stadt auf eigene Faust zu erkunden und kennen zu lernen.
Von nichts kommt nichts, dieser einfache Grundsatz galt nicht nur in der normalen Welt, sondern auch hier. Man konnte nicht erwarten, das einem vom Nichtstun gebratene Tauben in den Mund flogen. Nein, auch hier hatte jeder seine Arbeit, mit der er etwas zu dem Wohl der Gemeinschaft beitrug. Woher sollte man Lebensmittel und neue Kleidung herbekommen, wenn sich keiner die Mühe machte entsprechende Läden dafür zu betreiben? Woher sollten die ganzen Holzmöbel und Spiezeuge kommen, wenn keiner das Schreinerhandwerk beherschte? Wo sollte man am Abend nach der Arbeit oder am Wochenende hingehen, wenn es keine Bars oder Konzerte gab? Ganz genau, alles musste betrieben werden, auch wenn die Arbeitsmoral hier etwas anders war als anderswo. Nahmen wir doch mal als Beispiel das Caffee "Mad Hatters". Das war der erste Laden, in den ich hineinstolperte. Ich stand noch gar nicht lang an der Tür, als als ein Stuhl auf mich drauf zu gelaufen kam, der es irgendwie schaffte, das ich auf ihn saß, und der mich sofort zu einem freien Tisch schleppte. Mir taten schon die Augen weh, so bunt war der Laden von innen. Musik, die einem fast in den Wahnsinn trieb, dröhnte aus jeder Ecke und man musste sich ducken, wenn Teekannen und Tassen durch die Luft flogen, als wären sie Vögel. Ein reizendes Mädchen mit langen blonden Haaren und einem blauen Kleid mit einer weißen Schürze begrüßte mich freundlich und wollte meine Bestellung aufnehmen, erklärte aber im selben Atemzug das es nichts anderes als Tee gab. Ich versuchte ihr über dem ganzen Lärm hinweg klar zu machen, das ich nur mal vorbei schauen wollte und gar kein Geld hatte, doch sie hörte mich natürlich nicht und rauschte wieder davon. Das weiße Kaninchen musste Alice mit seiner Eile angesteckt haben, doch bei solch einem Laden war das auch nicht sehr verwunderlich. Trotz des Protestes des Stuhles stahl ich mich wieder nach draußen. Ich hatte das Gefühl mindestens die Hälfte meiner Nerven verloren zu haben.
Der Nachmittag wurde eingeläutet mit der Sonne, die kräftig und schön etwas tiefer am Himmel stand. Während ich durch die Stadt lief begegnete ich jeder menge Leute, die mir alle natürlich nicht ganz so unbekannt waren, wie sie gedacht hatten.
"VORSICHT! Aus dem Weg!"
Gerade, als diese Worte gesprochen waren, sauste etwas haarscharf an meinem Ohr vorbei und traf einen Baum, der ganz in der Nähe stand. Mit Entsetzen sah ich, das es ein Pfeil war, der mich fast getroffen hätte. In der nächsten Minute ritt ein schönes, kräftiges Ross an mir vorbei. Auf ihm saß ein Mädchen mit einem gewaltigen feuerrotem Haarschopf, der sich beim reiten hypnotisch hin und her wiegte. Als sie mich mit ihren aufgeweckten Augen sah, gab sie dem Pferd das Zeichen zum stehen bleiben und sprang herunter.
"Entschuldige das ich dich fast aufgespießt hätte. Mein Name ist Merida, und du bist?"
Natürlich kannte ich Merida, die zukünftige Herrscherin der schottischen Highlands. Ich liebte ihren aufgeweckten, dynamischen Charakter und ihre Liebe zur Freiheit.
"Mein Name ist Abby. Ich bin neu hier."
"Ich weiß, sonst hätte ich mich ja nicht vorgestellt", lachte die Rothaarige und zeigte in Richtung des Baumes, der ihren Pfeil trug. "Wenn du mich entschuldigst, ich will weiter trainieren. Vielleicht können wir ja mal was machen."
"Ja, vielleicht..."
Ich kam gar nicht dazu mehr zu sagen, als Merida schon auf und davon war. Kurz blieb ich stehen und schaute ihr hinterher, damit mein Hirn das gesehene verarbeiten konnte. Ok, ich musste ganz klar aufhören durchzudrehen, wenn ich jemanden begegnete.
Ich schaute mir noch mehr Läden an und kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Ich hoffte wirklich, das ich die Gelegenheit dazu bekam noch mehr Zeit dafür zu haben. Alles an einem Tag war überhaupt nicht zu schaffen. Als ich an einer hawaianischen Strandbar vorbei ging wurde ich fast von einem kleinen blauen Wesen gebissen, das auf den Namen Stitch hörte und ein Außerirdischer war. Bitter dachte ich daran, das ich wohl auch zu dieser Gattung gehörte. Die Besitzerin, ein kleines Mädchen namens Lilo, kam sofort herbei gerannt und bespritze Stitch so lange mit einer Wasserpistole, bis dieser von mir abließ und davon rannte. Darauf hin schloß ich eine neue Bekanntschaft und ging weiter. Mir war, als würde ich eine Liste abarbeiten, die so lang ging, bis ich jeden der Stadt getroffen hatte.
Die Sonne ging schon langsam unter, als ich an einem rosa gestrichenen Gebäude vorbei ging, aus dem ein lieblicher Gesang drang. Gesänge dieser Art waren zwar in dieser Welt nichts Außergewöhnliches, doch dieser zog mich an als käme sie von einer Sirene und ich war der Seemann. Die Tür stand offen, also trat ich einfach hinein. Ich konnte mir nicht helfen, aber ich war viel neugieriger und entschlossener als sonst. Deswegen hatte ich auch nicht geklopft. Ich sah eine junge Frau, die mit dem Rücke zu mir vor einer Staffelei saß und etwas mit einem feinen Pinsel zeichnete. Um ihr herum standen ganz viele Bilder, eine Menge hing auch an den Wänden. Eigentlich war alles vollgestellt, auch die Regale an den Seiten, die von Zeichenmaterial nur so überquellten. Und in der Menge der ganzen Dinge schlängelte sich ein langer, blonder Zopf, der der jungen Frau gehörte. Ich war wohl mitten in die Gallerie von Rapunzel gestolpert. Ich räusperte mich kurz, da sie mich nicht bemerkt hatte. Rapunzel drehte sich apprupt um und verteilte rote Farbspritzer mit ihrem Pinsel, von den ich voll getroffen wurde.
"Oh tut mir leid, tut mir leid!" Sie sprang sofort auf und holte ein Tuch, mit dem sie so stark an meiner Kleidung rieb, das ich hoch und runter hüpfte.
"Ich hab dich gar nicht bemerkt! Bist du neu hier? Wie heißt du denn? Ich heiße Rapuzel und wenn du willst kannst du gerne eines meiner Bilder kaufen. Weil du neu bist gibt es auch Rabatt."
Ich brauchte kurz, um zu verstehen was sie in einem Rutsch gesagt hatte, als gäbe es kein Morgen mehr. Sie gab mir die Hand, ohne zu merken das sie Farbe daran hatte. Mit einem ruinierten rechten Handschuh versuchte ich zu grinsen.
"Du hast Recht, ich bin Abby. Ich will nichts kaufen, aber die Bilder sehen echt schön aus."
Und das taten sie wirklich. Die Motive waren ganz unterschiedlich, aber meistens waren Teile und Landschaften der Stadt zu sehen.
"Malst du auch Menschen?" Die Frage war nicht von sonst wo her. Das war nämlich das einzige, das ich nicht sehen konnte. Es waren keine Zeichnungen von Menschen vorhanden. Rapunzel lächelte etwas unsicher und räusperte sich.
"Nun, leider nicht. Das ist das einzige das ich nicht zeichnen kann, tut mir leid. Ich würde es gern, aber ich bekomme es einfach nicht hin."
Ich wusste absolut nicht, was mich gepackt hatte, doch ich wusste instinktiv, das es das richtige war. Vielleicht das einzig richtige, sodass es voraus bestimmt war, das das passieren musste. Ich zeigte auf eine leere Leinwand und sagte: "Darf ich es mal versuchen?"
Es war, als schaute ich mir nur zu, während meine Hand die ganze Arbeit allein erledigte. Ich bat Rapunzel sich ganz still hinzusetzte, während ich begann sie zu zeichnen. Es dauerte gar nicht lang, bis ich ein Portrait von ihr vor mir stehen hatte. Zu sehen war der Oberkörper bis zum Bauch und es gefiel mir richtig gut. Ich merkte nicht einmal, wie sich gelbe und lilane Farbtropfen zu den roten auf meiner Kleidung gesellten, aber es war mir auch egal. Der Blick von Rapunzel reichte aus, damit ich wusste, das ich meine Arbeit gut gemacht hatte. Sie sprang auf, schnappte sich die Leinwand und hob es hoch in die Luft.
"Das ist ja der Wahnsinn! Pure Magie! Wie hast du das nur gemacht?"
Sie klang so freudig, das ich überfordert war.
"Ich weiß nicht..."
"Oh ich weiß, ich stelle dich hier ein! Damit sich jeder malen lassen kann! Bezahlt wirst du natürlich auch. Ich darf das doch behalten, oder?"
Schon wieder war ich überfordert. Ich stand einfach nur da, während Rapunzel um mich herum tanzte wie um einem Maibaum. Ich hatte also einen Job und eine Fähigkeit, von der ich vorher nichts gewusst hatte. Aber vor allem hatte ich einen Job. Ob mir das Recht war oder nicht wusste ich noch gar nicht. Was wohl die anderen dazu sagten? Hatte ich überhaupt die Zeit dazu?
"Ich weiß wirklich nicht ob ich das annehmen kann. Du kennst mich doch gar nicht richtig und.."
Wieder konnte ich nicht aussprechen. "Das ist doch halb so wild. Ich liebe es neue Leute kennen zu lernen und du scheinst ganz besonders nett zu sein. Also, wir sehen uns morgen, ja? Komm einfach wann du willst."
Das war ein Traum für jeden, der Arbeit suchte. Ich verabschiedete mich von Rapunzel und wollte gerade zur Tür hinaus, als ich einen Farbeimer mitriss und die gesamte Farbe auf dem Boden und mich kleckerte. Sie ergoß sich bis aus dem Haus, wo sie im letzten Sonnenschein schön grün schimmerte. Ich wollte fluchen, aber das ging ja nicht.
"Oh nein! Tut mir leid, ehrlich. Ich ersetze dir die Farbe, versprochen!", rief ich sofort, doch Rapunzel winkte ab.
"Halb so schlimm, jetzt hat mein Weg wenigstens ein wenig frische Farbe. Bis morgen!"
Mit einem seltsamen Gefühl im Magen lief ich los, buntegesprenkelt und grüne Fußspuren hinterlassent. Ich musste mich beeilen. Um sechs sollte ich wieder im Schloß sein und die Sonne hing schon gefährlich tief am Himmel. Ich wollte gerade losrennen, als ich erneut aufgehalten wurde. Es war eine Stimme, die von oben kam.
"Ach ne, kann das die Möglichkeit sein? Noch so ein trotteliger Hund hier? Das hält man ja nicht aus."
Wütend über diese Beleidigung blickte ich nach oben und sah Peter Pan, der mit verschränkten Armen über meinem Kopf schwebte.
"He, was soll das?", begann ich mich zu beschweren, doch er grinste nur.
"Und wohl auch genau so begriffstutzig."
"Ich weiß wenigstens wie man das schreibt."
"Fühlst du dich etwa angegriffen? Was willst du tun, mich anbellen?"
Peter lachte über seinen eigenen Scherz, während ich vor Wut kochte. Ich sprang hoch und schnappte sein Bein, um ihn nach unten zu ziehen.
"HEY! Was wird das denn?!"
"Komm erst mal auf meine Augenhöhe wenn du mit mir sprichst, du feiges Huhn! Da oben herumflattern kann jeder!"
"Na und! Dafür bin ich nicht dazu verdammt blöd und tollpatschig zu sein!"
Damit begann der Kampf. Ich zog nochmal an Peters Bein, worauf er versuchte mich zu hacken. Ich wich aus und begann ihn mit Kieselsteinen abzuschießen, doch er brach einen Zweig von einem nahem Baum ab und begann Baseball mit den Steinen zu spielen. Ich wollte ihn eine reinhauen, doch dafür war Peter zu weit oben.
"Feiges Huhn!"
"Blöder Goof!"
Diese Bemerkung brachte mich dazu kurz inne zu halten, noch mit einem Stein in der erhobenen Faust. Mein Stillstehen nutze Peter dazu aus den letzten fliegenden Stein mit voller Wucht auf mich zu schießen. Das nächste was ich merkte war ein stechender und brennender Schmerz an meiner Wange, da wo ich getroffen wurde. Ich hielt mir eine Hand an die Wange, während ich begann in Richtung des Schloßes zu rennen. Peter lieb nur stumm in der Luft und verduftete dann, als hätte er begriffen was er getan hatte.
