Kapitel 19
Der rechte Weg
Balian schaffte es genau zwei Tage, sich an die Vereinbarung mit seinem Onkel zu halten und sich lediglich zu seinem Lager im Saal zu bemühen. Und im Gegensatz zum ersten Mal hatte er nun immer einen Knappen an seiner Seite, auf den er sich stützen konnte. Nach diesen Tagen aber war es der junge Ibeliner leid müßig herumzuliegen, und er begann vorsichtig im Saal einige Schritte zu machen. Er setzte sich aber nach wenigen Längen wieder nieder und legte sein Bein hoch, schmerzte es ihn doch sehr, aber er ließ nicht nach.
Hugh hieß dies nach wie vor nicht gut, aber er sah, daß Balian es vermied sich zu viel zuzumuten und ihn zu verärgern. Dennoch entspann sich so etwas wie ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen ihnen, denn Balian war immer sehr bemüht, seine Schritte unbeobachtet von seinem Onkel zu tun und bereits wieder zu sitzen, wenn dieser den Saal bei seinen verschiedenen Tagesgeschäften betrat. So konnte der Onkel zwar am geänderten Sitzplatz sehen, daß sein Neffe abermals das Bein belastet hatte, aber er konnte nicht erraten, wie stark. Da Hugh sah, daß der Junge regelmäßig pausierte und sein Bein hoch lagerte, gab er sich mit einem grimmigen Blick zu seinem Neffen zufrieden, den dieser mit einer Unschuldsmiene und einem sanften Lächeln quittierte. Wiederholt mußte Hugh, wenn er in seiner Kammer allein war, über den Jungen und ihr geheimes Spiel lachen, und er fragte sich, wie lange Balian sich noch zurückhalten konnte, bevor er endgültig seiner Ungeduld nachgab und sich offen vor ihm bewegte.
Balian war in den Tagen, als er mit dem Tode rang, schmal geworden und Hugh konnte verstehen, daß der junge Ritter seine Kraft trainieren wollte, aber im Gegensatz zu den anderen erhaltenen Hieben war die Wunde am Bein sehr tief und zeigte nur langsam die Heilung der klaffenden Verletzung durch rosiges junges Fleisch.
Graf du Blois hatte sich nicht getäuscht, denn bereits am nächsten Tag konnte Hugh, als er in der zweiten Stunde nach dem Morgenmahl aus seiner Kammer kam, seinen Neffen nicht mehr im Saal entdecken. Da aber Sybilla mit seiner Gemahlin am Feuer saß und stickte, wunderte ihn Balians Abwesenheit schon sehr. Er begab sich gerade langsam zu den beiden Damen hin, als er just in diesem Augenblick hell und metallisch den Klang eines Eisenhammers auf einem Amboß vernahm.
"Verfluchter Dickschädel, bist du von allen Geistern verlassen", kam es brummig und überhaupt nicht begeistert von Hughs Lippen. Einem zornigen Bären gleich, stiefelte der Graf aus dem Saal und Eleanor blickte ihm sorgenvoll nach. Auch sie hatte den Klang vernommen und ahnte wie er, daß Balian austesten wollte, wie weit er schon war.
Ein jeder hatte den Klang der Schmiede vernommen, und viele waren, gleich König Richard und Philipp, die bei einem Schachspiel saßen, sehr überrascht.
Richard schmunzelte in sich hinein, als er Hugh aus dem Saal stampfen sah und stellte sich nun vor, wie Balian, ebenso wie einige Tage zuvor von seinem Onkel den Kopf gewaschen bekommen würde.
Es würde sich zeigen, wer sich durchsetzen und den größeren Dickschädel der beiden haben würde. Ihm war der kleine Schlagabtausch zwischen dem älteren und dem jüngeren Grafen die letzten Tage nicht entgangen. Balians Unschuldsmiene war auch zu köstlich und konnte wirklich jeden erweichen.
'Ob er sich dessen bewußt ist?'
Richard schüttelte den Kopf, irgendwie konnte er sich dies bei dem jungen Mann nicht vorstellen. Obwohl er gerne Mäuschen spielen würde bei dem Disput, der nun in der Schmiede folgen mußte, versuchte sich der englische König wieder auf das Schachspiel zu konzentrieren.
Philipp, der seine Einstellung zu Balian zwar geändert hatte, und auch nach dem klärenden Gespräch mit Sybilla dem Ibeliner nicht mehr so feindlich gesonnen war, hatte er es dennoch nicht über sich gebracht, dem Rat der Burgherrin zu folgen und dem jungen Ritter neu und ohne Argwohn gegenüber zu treten. Aus diesem Grund war er auch längst nicht so daran interessiert, wie das Verhältnis des jungen Ibeliners zu seiner Familie sich gestaltete. Einzig seine Ungeduld während der Zeit der Schonung war ihm aufgefallen, und daß er sich nicht sehr wohl fühlte, wenn er dauernd bedient wurde. Philipp beobachtete wie Richard den jungen Ritter, suchte eine Basis, einen Anknüpfungspunkt mit Balian, aber er war längst noch nicht so frei von seinen eigenen, anerzogenen Vorbehalten und Mißtrauen, wie er gerne wäre, und fast beneidete er Richard Löwenherz um seine innere Freiheit. Philipp rief seine Gedanken zur Ordnung, denn er merkte wohl, daß Richard unkonzentriert war und sah seine Chance, endlich einmal gegen seinen Cousin zu gewinnen.
Hugh stand vor dem Eingang zum Pallas und blickte zur Schmiede. Wäre er nicht so aufgebracht gegen seinen Neffen gewesen, hätte der Anblick der beiden lädierten Handwerker, die bemüht waren sich in der Arbeit gegenseitig zu unterstützen, wo Verletzungen hinderten, ihn veranlaßt, einen Barden sie als Vorlage für eine Posse verwenden zu lassen. Aber Hugh kochte und marschierte mit leicht nach vorn geneigtem Oberkörper, eine Hand in die Seite gestemmt, geradewegs ohne nach rechts oder links zu sehen auf seinen Neffen zu.
Yves drehte sich gerade mit einem glühenden Eisen zum Amboß, an dem Balian mit dem schweren Hammer darauf wartete, bemüht, sein Bein nicht zu sehr zu belasten, den Eisenrohling zu einer Schwertform zu treiben. Yves hatte nach seinen Anweisungen schon mehrfach ihm mit der Zange den glühenden Rohling angereicht und geführt, bis seine gleichmäßigen Hiebe das Eisen in die derzeitige Form gebracht hatten. Der Neffe Hugh du Blois' wandte seinen Blick, als Yves in seiner Bewegung inne hielt, und sah in das zornrote Gesicht seines Onkels. Noch bevor dieser et was sagen konnte, bemühte sich Balian um Frieden:
"Bitte, Onkel, mein Herr, grollt nicht! Ich habe Zeit meines Lebens hart arbeiten müssen, ich kann nicht so untätig sein und warten, bis alles von selbst wieder seinen Gang geht."
Hugh war stehen geblieben, als wäre er gegen eine Wand gelaufen. Balians Aufbegehren und seine mit samtweicher, fast flehentlicher Stimme um Verständnis heischende Erklärung, seine Bitte um Vergebung, nahmen ihm allen Wind aus seiner überschäumenden Wut. Hugh atmete einige Male tief ein und hörbar aus. Es klang fast wie das Schnauben eines ärgerlichen und nervösen Hengstes, der nicht recht wußte, ob er angreifen oder die Flucht ergreifen sollte.
Balian nutze den Moment des Innehaltens des Grafen und flüsterte fast, mit zu Boden gesenktem Blick:
"Verzeiht, wenn Euch mein Handeln erzürnt, Onkel, aber Ihr habt mein Wort, daß ich auf mich Acht gebe und mir nicht mehr zumute, als ich im Augenblick an Last zu tragen in der Lage bin, aber ich liebe diese Arbeit und sie wird mich wieder stärken und mir keinen Schaden zufügen."
Balians Stimme war so weich und hatte einen tiefen, satten Klang. Hugh du Blois stellten sich wie vor wenigen Wochen die Haare auf, als er in der Kemenate seines Weibes noch gedacht hatte, daß sein Neffe mit dieser Stimme jeden weich bekäme. Und er hatte es abermals bei ihm geschafft.
Der Graf schüttelte den Kopf, als wollte er sich von dem Bann, den der Junge um ihn spann, befreien und erwiderte wesentlich rauher und harscher als er eigentlich wollte:
"Du mußt wissen, was du tust! Aber wehe dir, sturköpfiger Sohn meines Bruders, du fehlst heute an der Tafel aus irgendeinem Grund, dann werde ich dich die nächsten Tage ans Bett fesseln, egal welchen Honig du mir um den Mund schmierst."
Mit diesen Worten drehte er sich um und ging raschen Schrittes von dannen. Insgeheim dachte er bei sich:
'Keine gute Drohung. Könnte ja gut sein, daß ihn diese Vorstellung beim Gedanken an Sybilla sogar noch zu Dummheiten an stiftet.'
Du Blois drehte auf dem Absatz um, trat nochmals in die Schmiede und sprach:
"Nur damit du mich ernst nimmst, Junge, Damenbesuche wird es dann nicht geben!"
Dann ging Hugh du Blois endgültig seines Weges, während Balian und Meister Yves sich erst erstaunt anblickten, um dann gleichzeitig loszuprusten. Nur mühsam konnten die beiden Männer ein lautes Lachen unterdrücken. Balian war wohl bewußt, aus welcher besorgten Ecke des Herzens das Ansinnen seines Onkels kam und auch diese eigentlich völlig mißglückte Drohgebärde, die doch mehr von der Liebe und Fürsorge du Blois' für den jungen Mann verriet, als wirklich als Mahnung ernstgenommen werden zu können.
"Ihr seid ihm sehr nahe, Balian. Ich habe ihn noch nie so ...", Yves suchte nach dem passenden Wort, als Balian ihn ergänzte:
"Wirr gesehen, oder trifft es das nicht, Meister Yves?"
Yves schluckte, er wollte seinen Lehnsherrn nicht beleidigen und befürchtete nun, dies in Balians Gesicht zu lesen, aber er konnte nur ein offenes Lächeln entdecken.
"Keine Sorge, Yves, ich hatte doch gerade den gleichen Gedanken. Mich hier in der Schmiede zu sehen, obwohl ich es nicht ignorieren kann, daß mich mein Bein noch sehr schmerzt und mir selbst die leichte Tätigkeit hier mit Euch bereits alles abverlangt, hat ihn sehr aufgebracht."
Yves lachte: "Was ihn aber, sagen wir, wirr erscheinen ließ, ist nicht sein Ärger, sondern wie ihr ihm all seine Wut mit Eurer sanften Stimme und Eurem verlegenen Lächeln genommen habt."
Balian blickte den Schmied fragend an. Auch sein Onkel hatte einmal eine solche Bemerkung getan und auch Julie, er erinnerte sich, hatte es so ausgedrückt: 'Mich hat dein sanfter und doch oft so trauriger Blick verzaubert, dein Lächeln, das oft nur eine Andeutung ist und so verloren wirkt, hat mich gefangen und deine Stimme, wenn dir etwas auf dem Herzen liegt, hat mich mit fortgenommen, wohin auch deine Gedanken zogen.' Dies hatte Julie auf seine Frage: 'Womit habe ich deine Liebe gewonnen, mein Leben?', geantwortet.
"Ich ..."
"Laßt gut sein, Balian", Yves grinste: "Ich glaube nicht, daß Ihr mit meiner Bemerkung gerade viel anfangen konntet. Wie ich Euch beobachtet habe, seid Ihr kein Mensch von Hinterlist und Schauspiel und so wird Euch auch nicht bewußt sein, wie Ihr auf andere wirkt, geschweige denn, daß Ihr es bewußt einsetzt."
Das sonore Lachen von Yves erhielt eine helle Farbe, als er fast schon vor sich hinkicherte, denn das Gesicht, das Balian nun zog, brachte ihn aus der Fassung.
'Fürwahr, Balian, du bist ein Mann mit vielen Facetten, aber deine größte Tugend ist die grundehrliche Haut, auch was das Zeigen deiner Gefühle und Empfindungen angeht.'
Balian, etwas irritiert über das Verhalten von Yves, nahm dem Mann die Zange mit dem Rohling ab, wandte sich abrupt um und stieß das Eisen wieder zurück in die Glut, denn zum Schmieden war es bereits zu sehr erkaltet. Er stocherte in der Glut umher und zeigte so dem Schmied, der ihn beobachtete, seine ganze Unsicherheit.
"Balian, laßt die Glut, und setzt Euch lieber einen Moment und entlastet Euer Bein. Ein Moment der Pause wird auch meiner Schulter gut tun, denn ich muß gestehen, daß auch ich merke, wie mir die Arbeit zu schaffen macht."
Der Ibeliner blickte von der Glut auf und lächelte verlegen, nickte und nahm auf einem Strohballen Platz. Er legte sein Bein hoch, während der Schmied aus dem Brunnen einen Eimer frischen Wassers schöpfte und ihm dann eine Kelle kühlen Nasses reichte.
Der junge Mann nahm, trank einen Schluck und bedankte sich, dann begann Balian sein Bein zu massieren. Aber nicht nur sein Bein schmerzte, er spürte sehr wohl die körperliche Anstrengung am ganzen Leib. Er hatte einige Tage gelegen, das Gift und das Fieber hatten ihn ausgezehrt und er war kein großer Esser, weshalb es wohl noch eine Weile dauern würde, bis er wieder die Muskelmasse aufgebaut hatte, die ihn das Gottesgericht hatte durchstehen lassen.
"Vielleicht solltet Ihr es für heute gut sein lassen, Balian. Ich habe mit Eurer Hilfe einiges geschafft und auch von Euch gelernt. Sicher werdet Ihr mir in nächster Zeit noch öfters die Gelegenheit geben zuzusehen, wie das Eisen geführt werden muß, um es so zu falten, wie ihr es für die Anfertigung von Schwertern tut. Aber es macht keinen Sinn, wenn Ihr Euch sofort übernehmt."
Der Schmiedemeister schmunzelte und fügte an: "Und denkt an die Strafe durch Euren Onkel, wenn dies geschehen sollte."
Balian lachte auch. Die Bemerkung von Yves löste alle Anspannung in ihm und sein Lachen klang froh, war satt und melodisch.
'Viel zu selten, junger Ritter, viel zu selten', ging es Yves spontan durch den Sinn.
Balian erhob sich, reichte Yves die Hand und wünschte ihm für den Rest des Tages gutes Schaffen, dann wandte er sich zum Badehaus. Es würde ihm gut tun, wenn er sich in warmem Wasser entspannte. Auf dem Weg dahin lief an ihm Anno vorüber. Balian rief seinen Cousin an, der seinen Dienst als Knappe versah und bat ihn freundlich darum, bei der Tante um Gewand für ihn zu bitten.
"Balian! Was machst du hier draußen? Vater wird sehr sauer auf dich sein!"
Der Ibeliner lächelte seinen jüngeren Cousin an und erwiderte:
"Ich bin ihm schon begegnet und wir haben einen Handel abgeschlossen, auch wenn er dabei mit den Zähnen geknirscht hat."
"Vater hat nachgegeben? Wirklich?"
Anno blickte Balian groß an, dann lachte er und meinte verschmitzt: "Schade, den Schlagabtausch hätte ich gerne mitbekommen."
Balian knuffte seinen Cousin: "Nicht so vorlaut, Junge, so etwas kann dich in Schwierigkeiten bringen", grinste er, dann gab er dem Jungen einen leichten Schubs in Richtung Burg: "Los jetzt, Knappe, hole er mir etwas zum Ankleiden", und mit einem leisen Lachen fügte er an: "Du findest mich beim Bader."
Dann ging Balian humpelnd weiter und lächelte still vor sich hin. Er fühlte sich wohl. Zwar spürte er jeden Knochen, das mußte er zugeben, aber irgendwie war die Welt für ihn heute in Ordnung. Er bemerkte nicht, wie die Menschen, die seinen Weg kreuzten, ihm verwundert aber freudig hinterher blickten. Es war selten, daß sie den jungen Mann lächeln sahen, und so still, etwas abwesend wie im Augenblick, wirkte er ungemein anziehend. So mancher Seufzer kam den Weibsleuten über die Lippen und auch so mancher Mann war von seinem Anblick berührt.
Aber von alledem bekam Balian nichts mit und erwiderte statt dessen den freundlichen Gruß des Baders, als er in die schwüle Wärme des Badehauses trat. Geraud führte ihn zu einer freien Abteilung, ließ rasch den Bottich fortschaffen und den wannenartigen Zuber bringen. Balian entkleidete sich wie immer selbst, bat darum seine Kleidung zur Wäscherin zu bringen, da ihm neue gebracht werden würde und ließ es dann über sich ergehen, mit fast heißem Wasser von einer Magd abgerieben zu werden. Es war bislang nur zwei Mal vorgekommen, daß er dies zuließ, aber sein Bein schmerzte und er hatte sich auf die Bank gesetzt um es zu entlasten. Der Bader trat näher, scheuchte die Magd aus dem Geviert und begann den Verband um den Oberschenkel zu lösen.
"Euer Wasser, mein Herr, wird diesmal nicht sonderlich warm sein. Die junge Haut ist noch zu empfindlich. Zu lange solltet ihr auch nicht im Wasser verweilen."
Balian blickte auf den langen, rosaroten, fast einen Finger breiten Strich. Obwohl man sah, daß sich die Wunde gut schloß und die Narbe flach und ohne Wucherung sein würde, war der derzeitige Anblick nicht gerade erbaulich. Balian seufzte, ließ sich vom Bader aufhelfen und nickte nur zu seinen Worten. Dann stieg er in das Wasser, dem der Bader zuvor noch durch Mägde kalte Güsse zuschütten hatte lassen und selbst die Wärme geprüft hatte. Selbst seine geliebte Sandelholzessenz verwehrte der Bader an diesem Tag und Balian hatte eigentlich schon gar keine Lust mehr zu diesem Bade.
Geraud merkte diesen Stimmungswandel sehr wohl und gab leise einige Anweisungen an die Mägde, wandte sich an den jungen Herrn und sprach:
"Habt Geduld, mein Herr, ich werde mich selbst um Euer Wohl befinden kümmern. Auch wenn Ihr die sonst entspannende Wirkung des Bades vermißt, Ihr werdet nicht ohne bleiben, sie nur in anderer Form erhalten. Und wenn Ihr aus dem Wasser steigt, werde ich Eurem Bein einen neuen, straffen Verband anlegen."
Geraud verschwand nach diesen Worten und Balian schloß seine Augen. Er kannte den Bader inzwischen gut genug, um zu wissen, daß er nach dieser Ankündigung nicht eher locker lassen würde, bis sein Gast völlig befriedigt und alle seine Wünsche erfüllt waren.
Balian hatte bei der Wohlfahrt, die ihm Geraud angedeihen ließ, viel Zeit, seine Gedanken in Richtung Grafschaft Gâtinais wandern zu lassen. Er hatte diese Gedanken die letzten Tage verdrängt, wußte aber, daß er diesem Thema nicht auf Dauer ausweichen konnte, denn er hatte von seinem Onkel erfahren, daß er, sobald er kräftig genug war, begleitet von König Löwenherz und seinen Mannen zu seinem neuen Besitz aufbrechen sollte, doch zuvor war zu erwarten, daß von ihm noch der Treueeid seinem Lehnsherrn gegenüber verlangt werden würde. Balian mußte sich darüber im Klaren werden, was er als seine Aufgabe sah, aber er befand sich in einer Falle. Verzichtete er und blieb an Sybillas Seite, vergab er vielleicht seine einzige Möglic keit, ihr eine wirkliche Zukunft bieten zu können, denn seine Güter im Heiligen Land waren ihm nicht sicher und er würde Philipp da mit brüskieren und erneut gegen sich aufbringen. Leistete er aber den Treueeid, würde er zunächst an seinen neuen Besitz gebunden sein und vielleicht durch seinen Lehnsherrn sogar den Auftrag erhalten dort zu verbleiben. Andererseits konnte Philipp ihn aber auch zur Teilnahme am Kreuzzug verpflichten und er mußte einen Krieg führen, den er verabscheute. Dazu kam, daß es Philipp klar sein würde, daß er, sollte er den Eid verweigern, dies auch aus jenen Überlegungen heraus tun würde, und sein Stand und die Möglichkeiten an Sybillas Seite zu bleiben, auch als Ritter von Jerusalem, reduzierten sich abermals.
Ein leiser Fluch kam von seinen Lippen und der Bader unter brach erschrocken seine Massage:
"Verzeiht, Herr, wenn ich Euch Schmerzen bereitet habe."
"Nein, nein, Geraud, Eure geschickten Hände waren nicht gemeint. Mir ist ein Gedanke durch den Kopf gegangen, der mir nicht gefiel. Aber laßt es gut sein, ich möchte mich ankleiden."
Anno hatte, wie von seinem Cousin aufgetragen, bei seiner Mutter nach einem Gewand für Balian gefragt und von ihr eine Hose aus schwarzem Kuhleder und ein Hemd aus edlem, creme farbenen Tuch erhalten. Es war ohne jedwede Zier, aber wie Balian es liebte weit geschnitten. Das wadenlange Wams war wie die Hose nachtschwarz, trug aber auf der rechten Brust das Wappen Ibelins unterlegt mit den Rosen und dem Schwert des Hauses du Blois. Die Stickerei war nicht sonderlich groß, fast schon unauffällig in Grau und Silber gehalten und doch wirkte die Verbindung der beiden Wappen sehr edel. Es wurde nur durch die zarte Absetzung der Symbole Rose, Schwert und Kreuz am rechten Rand in fein gesetzten, rostbraunen Stichen besonders hervorge hoben. Das dunkle, warme Rot dieser farblichen Unterstreichung der Wappenligatur war die einzige Farbe an dem Gewand und es war in zweierlei Hinblick ein Fingerzeig. Balian er kannte, daß seine Tante ganz bewußt ihm dieses Wams geschickt hatte. Sie hatte es wegen der feinen Symbolik[1] gewählt, stand das Rot doch zum einen für sein Haus Ibelin und zum anderen für das Blut Christi am Kreuz. Eleanor warnte ihn damit, daß er vielleicht heute noch eine Entscheidung würde treffen müssen.
Als Balian sich fertig angekleidet hatte, nachdem er erst über diese Wahl seiner Tante nicht nur sinniert sondern ihre geschickte Art auch unumwunden bewundert hatte, trat er aus dem Badehaus und wandte sich zur Burgmauer. Über den Aufgang eines Turmes erreichte er den Wehrgang und suchte sich auf der Mauer eine Nische, in der er sich niedersetzen konnte, um ungestört seine Gedanken schweifen lassen zu können. Und wie zuvor sah er nicht die Blicke, die ihm folgten. Nur waren es diesmal die Soldaten seines Onkels, jene Männer also, von denen er, noch bevor er sich gegen die französischen Ritter und ihre Anfeindungen behaupten mußte, Respekt eingefordert hatte. Oft hatte Balian mit ihnen den Schwertkampf geübt und obwohl er wiederholt während einer Übung obsiegen hätte können, war er nie soweit gegangen, einen Ritter oder Soldaten zu demütigen. Daß dies wirklich von ihm gewollt war, war allen nach der ersten Auseinandersetzung mit dem Ritter Gâtinais deutlich geworden.
Balian saß eine ganze Weile in einer Nische am Fuße der Treppe zu einem der Wachtürme der Burgmauer und ließ seine Gedanken durch die Beobachtung zweier spielender Kinder ablenken, die trotz der Kälte ohne warme Gugel oder Umhänge mit dem noch immer liegenbleibenden Neuschnee spielten. Balian dachte wehmütig an das Heilige Land und Ibelin, wo das Frieren ein Ende hatte und zog sich unbewußt den Kragen seines Wamses enger. Erschrocken fuhr er aus seiner Träumerei auf, als ihn je mand ansprach, dessen Anwesenheit er nicht bemerkt hatte.
"Ibelin! Träumt Ihr?"
Vor ihm stand Anglesley und hatte ihn schon an seiner Schulter gefaßt gehabt, weil er so in Gedanken versunken, nicht reagiert hatte.
Verlegen lächelnd, blickte Balian in das Gesicht des befreundeten englischen Ritters.
"Entschuldigt, mir gehen so viele Gedanken durch den Kopf, daß ich völlig abwesend war."
"Was belastet Euch, mein Freund? Ihr habt doch mit dem Gottesurteil erreicht, was ihr bezwecktet."
Balian lachte gezwungen:
"Fürwahr, Anglesley, aber auch mehr als ich wollte, und das 'Mehr' geht mir durch den Kopf. Es ist unerwartet, ungewollt, und ich gebe es zu, auch ungeliebt. Aber wenn ich es mit den Augen meines Vaters betrachte, mit seinem Streben für eine bessere Welt, dem Eid, den er mich schwören ließ und meinem eigenen Mühen, dann muß ich mich dem stellen und darf mich nicht aus persönlichen Gründen dieser Verantwortung entziehen."
Anglesley blickte Balian einen Moment schweigend an und erwi derte dann fragend:
"Ihr habt Gâtinais besiegt und ein Gottesurteil hat andere Gesetze als ein Turnier. Ihr wußtet nicht, was es danach noch für Konsequenzen haben konnte und nun hat? Dann ist also Euer neuer Besitz, Euer neuer Titel das Problem?", er lachte, "Wahrlich, ein sehr unbequemes."
Sein Lachen steckte Balian an und entließ etwas der Anspannung, die ihn beim Grübeln gefangen hatte.
"Anglesley, mein Besitz, sofern ich ihn noch so bezeichnen kann, liegt im Heiligen Land, meine Königin geht dorthin zurück und bedarf meiner Hilfe und ich werde ausgerechnet hier zum Grafen eines Lehens unter dem König, der mich nun als Ritter anerkennen muß, obwohl er mir dieses Recht absprach."
Balian hielt einen Moment inne und fragte dann:
"Wie soll ich mich entscheiden? Gehe ich mit meiner Königin und lehne die Grafschaft ab, was ich noch kann, weil ich noch kein Untertan von ihm bin? Dann habe ich den König noch mehr gegen mich."
Er ließ seine Worte beim Engländer etwas nachklingen:
"Oder nehme ich die Grafschaft und den Titel an? Dann muß ich Philipp den Treueeid schwören und er kann mich zu einem Kreuzzug verpflichten, den ich für nicht Recht halte. Oder er kann mir befehlen, auf meinem Lehen zu bleiben."
"Nun, mein Freund, hier kann ich Euch nicht raten, aber vielleicht solltet Ihr mal mit dem Knappen Gâtinais' sprechen, der, nach dem er sein Wort gegeben hat, statt im Kerker zu schmachten, auf der Burg niedere Dienste verrichtet. Es ist der junge Mann, der an Gâtinais Seite stand beim Gottesurteil."
"Wieso sollte mir das helfen können, Anglesley, und wer ist der Mann?", stellte Balian fragend in Zweifel.
"Nun, er kann Euch vom Gut, von den Menschen, ihren Lebensverhältnissen und Gâtinais Umgang berichten. Ihr seid ein Ritter, der Wert auf die Wohlfahrt der ihm Anvertrauten legt. Euer Eid, der Eid von Ibelin ist mittlerweile Synonym für den rechten Weg und Hoffnung für viele geworden, die zu schwach sind, für sich selbst gegenüber den Mächtigen einzutreten. Ich glaube nicht, daß Ihr Euch gegen Euren Eid entscheiden werdet, den Ihr in Jerusalem mit Eurem Leben verteidigt habt. Deshalb nehme ich an, daß Ihr nur etwas mehr von Eurem neuen Besitz erfahren müßtet, um alle Gedanken und Zweifel beiseite zu schieben, denn es gibt, seid Ihr der Mann, von dem die Mären erzählen, für Euch nur eine Entscheidung."
Anglesley hielt einen Moment inne und blickte in den Innenhof, wo er gerade eben jenen jungen Knappen entdeckte, von dem er gesprochen hatte:
"Und wer der Mann ist, Balian, das kann ich Euch nicht sagen, nur so viel weiß ich: Sein Mut und Anstand hat Eure Rettung durch die Heiler erst möglich gemacht. Er war es, der König Richard von dem Giftanschlag berichtete, davon, daß Gâtinais grundsätzlich mit falschen Waffen kämpfte."
Balian war dem Blick seines Freundes gefolgt und erkannte nun auch den Knappen, der an der Seite von Gâtinais zu Beginn des Kampfes vor den Königen gestanden hatte. Er war inzwischen darüber informiert worden, daß man versucht hatte ihn zu vergiften und wie, aber wer den Menschen, die sich um ihn sorgten diese Nachricht zugetragen hatte, war ihm bislang nicht gesagt worden.
"Warum sollte er im Kerker schmachten? Wer hat das befohlen und wer ihm dann Gnade gewährt?"
"Euch ist darüber bislang wirklich noch nichts gesagt worden?", fragte der englische Ritter erstaunt.
Auf das Kopfschütteln von Balian hin, erwiderte er:
König Richard brachte die Nachricht, wer dann was angeordnet hat, kann ich Euch nicht sagen und da fragt ihr am besten wohl Euren Onkel."
Balian nickte zunächst schweigend, verfolgte weiter den Knappen mit seinem Blick, dann erhob er sich abrupt, verzog etwas das Gesicht, weil er nicht an sein Bein gedacht hatte und verabschiedete sich von Anglesley:
"Danke für Eure Hilfe, mein Freund, und die Informationen. Ich werde in beiden Eurem Rat folgen."
Während der Engländer noch auf der Mauer blieb, wandte sich Balian hinunter in den Hof, aber er suchte nicht, wie zunächst vorgehabt, seinen Onkel auf, sondern ging statt dessen hinkend hinter dem Knappen her, um ihn einzuholen und mit ihm selbst zu sprechen. Aber bereits nach wenigen Schritten blieb Balian stehen, sein Bein schmerzte ob der dummen Bewegung beim Aufstehen stärker als ihm lieb war und so gab er sein Vorhaben, den Knappen direkt anzusprechen, statt ihn zu sich rufen zu lassen, auf. Mit wenigen Schritten war er die Stufen des Söllers hinauf, setzte sich dort einfach auf die oberste Stufe und rief einen Knappen mit den Farben Gâtinais zu sich. Es wunderte sich, daß er hier nun bereits zwei mit diesen Farben entdeckt hatte und so fragte er diesen unumwunden:
"Ihr habt im Dienste Seignieur Geoffroy Ferréols gestanden?"
"Nein, mein Herr, ich stehe im Dienste Gâtinais.", erwiderte der Knappe stolz, der gerade so alt wie Anno war.
Balian blickte den Jungen verwundert an, denn ihm stand nach dem Gesetz zwar aller Besitz zu, aber er war noch nicht offiziell zum Grafen von Gâtinais ausgerufen worden. Der Knabe hatte mit so viel Stolz in seiner Stimme gesprochen und doch zugleich den getöteten Grafen verleugnet. Dem wollte Balian nachgehen, weil er sich keinen Reim darauf machen konnte:
"Der Graf und Gâtinais sind ein und dasselbe, wie kannst du also das eine verleugnen und auf das andere so stolz sein?"
Der Junge, der am Wappen auf dem Wams von Balian schon er kannt hatte, wenn er hier vor sich sitzen hatte, war überrascht, wie ernst ihn der neue Graf nahm und antwortete deshalb ebenso:
"Nein, mein Herr, mein Bruder hat immer zu mir gesagt, daß die Herren kommen und gehen, aber das Volk und das Land bleibt, und dem sollten wir dienen. Ich will Ritter und so wie mein großer Bruder werden. Er hat es auf sich genommen, dem Seignieur Geoffroy Ferréol persönlich zu dienen, um mich als Knappe in seiner Nähe unterbringen, von zuhause wegzuholen und auf mich aufpassen zu können."
"Und was machst du dann hier? Warum bist du nicht im Zeltlager bei den Männern Gâtinais und deinem Bruder?"
Der Junge blickte zu Boden, scharrte mit seinem Fuß und sprach dann fast flüsternd und beschämt:
"Seigneur Geoffroy Ferréol hat Euch durch seine vergifteten Schwerter fast umgebracht. Mein Bruder hat es mir gesagt und auch erklärt, daß er nun dafür, daß er Mitwisser war, seine Strafe erwarten muß. Er sagte mir, daß er eher hätte sprechen müssen, wie man es von einem angehenden Ritter, der Verantwortung übernehmen will, eigentlich zum Schutze des Bedrohten erwarten kann. Er hätte nicht dabei stehen dürfen, sondern sich gemäß den Gesetzen eines Gottesurteils an das hohe Gericht wenden müssen."
Der Junge konnte seine Tränen fast nicht mehr unterdrücken und seine schon etwas stockende Rede brach nun ganz ab.
Balian achtete den Stolz des Jungen, aber eine Hand legte er den noch tröstend aus dessen Schulter und fragte weiter:
"Du hast noch nicht gesagt, was du dann hier machst? Wolltest du nur deinen Bruder sehen?"
Der Knabe schüttelte den Kopf, schniefte nochmals:
"Nein, mein Bruder hat mich, weil er nicht weiß, was aus ihm wird, König Richard anvertraut und ich stehe derzeit, weil der König keine jüngeren Knappen auf diesem Kreuzzug dabei hat, unter der Aufsicht des Grafen von Chartrain."
Balian schwieg einen Augenblick und war in Gedanken:
'Mein Onkel hat also den Jungen in seiner Obhut und wahrscheinlich deshalb auch den älteren Bruder aus dem Kerker entlassen. Es wird Zeit, daß ich mehr erfahre und eine Entscheidung treffe. Der Junge ist so alt wie Anno und hat außer seinem Bruder niemanden mehr. Ich weiß selbst, wie das ist.'
"Geh, lauf zu deinem Bruder und richte ihm Folgendes aus: Er hat nach dem Nachtmahl vor den Königen zu erscheinen und sein Urteil zu empfangen, dies läßt ihm sein neuer Lehnsherr auftragen."
Balian hatte diese Worte sehr sanft, aber mit Nachdruck gesprochen und blickte dabei den Jungen aufmunternd an. Weil dieser wie erstarrt war, unterbrach er die Stille:
"Aber zunächst hilfst du mir auf. Ich habe mein Bein heute wahrlich schon genug malträtiert.", und streckte dabei dem Knaben seine Hand hin, damit er ihm durch Ziehen hoch half.
Der Junge löste sich aus seiner Erstarrung, griff nach der Hand, gab Balian durch sein eigenes Gewicht genügend Widerstand, damit sich dieser auf dem gesunden Bein nach oben stemmen konnte, und stand dann abwartend, denn er war noch nicht ent lassen.
"Danke, Junge, jetzt geh und hab keine Sorge, ich habe nicht vor, dir deinen Bruder zu nehmen."
Mit einem Lächeln entließ der Ibeliner den Jungen und wandte sich zum Gebäude, aber bereits nach einem Schritt blieb er auf stöhnend stehen. Sein Bein schmerzte inzwischen immer stärker und Balian spürte, wie es entlang der langsam verwachsenden Wunde pochte. Der Knabe, der noch nicht losgelaufen war, eilte, als er den Schmerzenslaut des Ritters hörte, an seine Seite und bot ihm seine Schulter als Stütze an, damit dieser sein Bein entlasten konnte. Balian schenkte dem jungen Knappen dankbar ein weiteres Lächeln, und mit der Hilfe des Jungen gelangte er zu seinem für ihn immer bereitstehenden Lager nahe dem Feuer am großen Kamin, das den Saal wohlig wärmte. Balian hatte das Mittagessen ausfallen lassen und stattdessen die Ruhe für seine Gedanken gesucht, aber nun am frühen Nachmittag, spürte er deutlichen Hunger, war aber auch zu erschöpft, um etwas zu sich zu nehmen. Er machte es sich mit Hilfe des Knappen auf seinem Lager bequem und schickte den Jungen nun endgültig auf seinen Botengang. Der Knabe war noch nicht aus dem Saal hinaus, da war Balian bereits eingeschlafen, ohne das sorgenvolle Gesicht seines Onkels zu bemerken.
[1] Das Mittelalter und die Zeit der Gotik waren durchwoben mit Symbolik im alltäglichen Leben und selbst das niedere Volk kannte die Aussage dieser Zeichen und Bilder, Farbwahl, Ornamentik und Tiergestalten. An den Kirchen waren es die Fratzen und teuflischen Gestalten, die jedes seine eigene Aussage trug, unter den Adligen waren es Blumen, die Art der Kleidungszusammenstellung, die Farbwahl, die demjenigen der sie lesen konnte, geheime Botschaften sandte, in Gobbelins wurden noble Geschichten und geistliche Inhalte durch Tier- und Pflanzensymbolik unterstrichen.
