Kapitel 25 – Die Söhne des Horus
Harry blieb im Gemeinschaftsraum, um das Buch durchzusehen. Doch Hermine war physisch wie emotional erschöpft. Sie ging direkt zu Bett und träumte nichts, wofür sie unendlich dankbar war.
Am nächsten Morgen eilte sie hinunter in die Halle und frühstückte mit McGonagall, John Williamson und Kingsley Shacklebolt. Sie bemerkte ihren Fehler, sobald sie Platz genommen hatte und sie anfingen, sie mit Fragen zu löchern, wie Draco und Ron die Carrows gefunden hatten. Sie täuschte vollkommene Unschuld vor (was größtenteils wahr war) und bestand darauf, dass sie nicht wusste, wie sie die Todesser gefangen hatten (was absolut wahr war) und schlug vor zu warten, bis Ron aufwachte.
Wenig später tauchte Ron mit der bizarren Geschichte auf, sie seien zu Snapes Haus aufgebrochen, um eine Nachricht für Dracos Vater zu hinterlassen. Hermine spürte bei der lächerlichen Geschichte den Drang, sich eine Hand vor die Stirn zu schlagen. Doch glücklicherweise lenkte die Wahrheit über die Todesser von dem Lügenmärchen ab.
Hermine war von Rons schneller Reaktion beeindruckt, machte sich jedoch eine gedankliche Notiz herauszufinden, wie er Amycus Carrow in einen Kanarienvogel verwandelt hatte. Sie war sicher, dass sie alle Zauber wusste, die Ron beherrschte, aber sie hatte noch nie von diesem gehört.
Weitere Ordensmitglieder erschienen zum Essen, was Ron dazu zwang, seine Geschichte zu wiederholen. Hermine beendete die Mahlzeit und nahm einen Teller für Harry mit, wohl wissend, dass seine Abwesenheit in all dem Wirbel um Rons Erlebnis untergehen würde.
Harry war in sein Buch vertieft. Er blickte dankbar auf, als sie eintrat, und nahm sich ein Croissant vom Tablett.
„Das ist der verwirrendste Teil. Und es hilft nicht, dass du schielen musst, wenn du es zu lange anschaust. Schau du mal, ob du daraus klug wirst."
Hermine ließ sich neben ihm nieder und nahm das Buch in die Hand. Es war in einem archaischen Stil mit einem verrückt machenden Schriftzug der Dunklen Künste verfasst, der ihr nach fünf Minuten üble Kopfschmerzen verursachte. Sie rieb sich die Schläfen.
„Es gibt einen Zauberspruch, der den Effekt des Schriftzugs abschwächt, aber ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wo ich ihn gesehen habe. Wahrscheinlich in einem der Bücher am Grimmauldplatz."
„Dunkle Magie mit dunkler Magie bekämpfen", sagte Harry. „Macht irgendetwas davon Sinn?"
„Naja, ich habe den Absatz überflogen, der von dem Erschaffen von Horkruxen handelt. Da steht natürlich nicht viel darüber, wie man sie zerstört. Es gibt uns Gott sei Dank eine Beschwörungsformel. Aber es spricht davon, die Söhne des Horus´ anzurufen und Shu ein Opfer zu bringen. Das ist ägyptisch, richtig? Das ist alte, alte Magie." Sie blickte Harry an. „Hast du jemals eine Bemerkung zu Ägypten in der Bücherei gefunden? Ich ganz sicher nicht! Kein Wunder, dass wir nicht die geringsten Informationen zu Horkruxen gefunden haben." Sie war empört. Die Bibliothek hatte sie im Stich gelassen. „Ich werde eine neue Suche starten, aber ich müsste vielleicht nach Hause gehen und in einer Muggle- Bücherei nachschauen."
Sie besah sich das Buch noch eine Weile, um nach zusätzlichen Hinweisen zu suchen. Doch der Verweis auf die Söhne des Horus schien die Schlüsselinformation darzustellen. Schließlich legte Hermine das Buch zur Seite.
„Genug. Ich muss in die Bibliothek gehen. Du?"
Harry setzte das Tablett neben sich ab. „Das übliche. Zurück zum Denkarium. Ich denke aber, dass ich auf Ron warten werde. Zwei Köpfe sind besser als einer, wenn es darum geht, Erinnerungen auszuwerten."
„Er wird noch eine Weile brauchen. Er erzählt gerade die spannende Geschichte seiner Rettung." Beim Gedanken an Ron spürte sie ihr Gesicht glühen.
„Was ist?", wollte Harry sofort wissen.
„Ron hat mich letzte Nacht auf der Treppe gepackt und geküsst."
Auf Harrys Gesicht breitete sich ein strahlendes Grinsen aus. „Du machst Witze!" Er lachte. „In Ordnung, Ron. Es wird aber auch mal Zeit."
Hermine schüttelte verärgert den Kopf. „Es ist nicht in Ordnung. Und es ist auch nicht die passende Zeit. Es ist ehrlich gesagt zu spät."
„Was meinst du damit?"
„Ich meine, ich fühle überhaupt nichts, Harry", gestand sie unglücklich zu.
Er schaute sie verdattert an. „Was hättest du auch fühlen sollen? Es war doch nur ein Kuss, richtig?"
Hermine hätte beinahe aufgelacht. Was hättest du auch fühlen sollen? Nun, vorher hätte sie es nicht besser gewusst. Sie hätte nie gedacht, was ein einfacher Kuss für Empfindungen erwecken könnte... bis Malfoy...
„Du solltest dich so fühlen, als wärt ihr die einzigen beiden Menschen auf der Welt. Als ob alles um euch herum zu Staub zerfallen könnte, ohne dass ihr es merkt. Als ob du ertrinkst, dich aber gleichzeitig an eine Rettungsleine klammerst. Als ob du brennst und frierst zur gleichen Zeit." Ihre Stimme verlor sich.
Harry starrte sie verblüfft an. „Ernsthaft? Ich habe niemals so etwas gefühlt. Cho zu küssen... naja, es war nett, aber es war ganz sicher nicht... was du beschrieben hast."
„Das war Viktor zu küssen auch nicht. Oder Ron", sagte Hermine reumütig.
Harry verengte seine grünen Augen.
„Warte mal. Wenn weder Ron noch Viktor dich dieses ganze Ertrinken- Zeugs fühlen lassen, woher weißt du dann, dass... Nie im Leben! Sag mir nicht, dass du dich so gefühlt hast, als – "
„Sei nicht albern", unterbrach sie ihn brüsk. „Wir sollten lieber zum Denkarium kommen, damit ich meine vergebliche Suche nach ägyptischen Informationen anfangen kann. Hast du aufgegessen?"
„Ja. Hermine, ich denke, wir müssen wirklich darüber sprechen."
„Da gibt es nichts zu besprechen. Das einzige, was zählt, ist, dass Ron nicht verletzt wird. Ich kann nur hoffen, dass er letzte Nacht das gleiche empfunden hat."
„Du meinst – nichts?"
„Exakt. Nichts."
„Ich denke, die Trefferquote beträgt ganz sicher hundert Prozent", sagte er trocken. Hermine Herz rutschte ihr bei diesen Worten in die Hose. Das waren ebenfalls ihre Kalkulationen.
Die nächste Denkarium- Erinnerung fand in Snapes Büro statt. Dumbledore schien wütend zu sein, als er hereinrauschte.
„Wusstest du davon?", verlangte er zu wissen, als Snape von seinem Schreibtisch aufsah. „Wusstest du, dass Tom Riddles Tagebuch ein Horkrux war?"
Snape sah ihm verstimmt an. „Natürlich nicht. Ich habe das verdammte Ding nie zu Gesicht bekommen. Ich wusste noch nicht einmal von seiner Existenz."
„Warum sollte er es Lucius geben?"
„Er liebt Lucius. Die einzigen beiden, denen er vertraut hat, waren Lucius und Bellatrix. Wenn er gewollt hat, dass etwas für ihn aufgehoben wurde, hätte er es einem von ihnen anvertraut."
Dumbledore sank in einen Sessel vor dem Schreibtisch. Sein Zorn schien Frustration Platz gemacht zu haben.
„Ich hätte niemals ein Tagebuch erwartet", gab er zu. „Es ergibt natürlich Sinn, dass er etwas Persönliches auswählt, aber es bereitet mir Sorgen. Große Sorgen sogar."
Snape lehnte sich nach vorn. „Nun, wir hatten elf verflixte Jahre in Frieden, in denen wir diese Horkruxe finden und zerstören konnten, und bei wie vielen ist uns das bisher gelungen?" Snape donnerte mit seiner Faust auf den Tisch. „Nun läuft uns die Zeit davon."
Dumbledore funkelte ihn an. „Wir haben gesucht."
„Ich habe gesucht! Sie haben Gott- weiß- was getan, sich so auf diese verfluchte Schule konzentriert – "
„Diese Schule hält die Zukunft der Zaubererwelt!", sagte Dumbledore kalt.
„Es wird keine Zukunft der Zaubererwelt geben, wenn wir ihn nicht aufhalten!", donnerte Snape, halberhoben und über seinen Schreibtisch gelehnt.
Dumbledore massierte sich die Schläfen.
„Ich weiß", sagte er müde. „Ich habe zugelassen, dass die Zeit von mir weicht. Sie bewegt sich dieser Tage so schnell..."
„Lassen Sie uns auf die bedauerlichen Reisen auf dem Weg der Erinnerungen verzichten und uns auf das vor uns liegende Problem konzentrieren. Die Horkruxe sind die geringsten unserer Sorgen im Moment. Wir müssen ihn davon abhalten, einen Körper zu erlangen."
Dumbledore winkte ab.
„Wir wissen nun, wonach wir suchen. Wenn er den Versuch wagt, Besitz zu ergreifen – "
„Seien Sie nicht albern!", bellte Snape. „Ich spreche nicht von Besitzergreifung! Ich spreche vom Erlangen von Fleisch! Einen neuen Körper. Es ist möglich. Ich bin sicher, er arbeitet gerade daran."
„Er kann solch einen Zauber in seinem Zustand nicht ausführen", erwiderte Dumbledore spöttisch. „Und seine treuen Diener sind alle in unserer Verwahrung."
„Ihre Überzuversicht ist inspirierend", sagte Snape sarkastisch.
Dumbledore lachte. „Ich hoffe doch. Zumindest hat Lucius es geschafft, uns zu helfen, wenn auch unabsichtlich. Ein Horkrux ist zerstört worden."
„Dem überwältigenden Glück des Auserwählten sei Dank."
„Es bedarf einen Zweitklässler mehr als schieres Glück, einen Basilisken zur Strecke zu bringen."
„Ja, es war Godric Gryffindors Schwert."
„Das Schwert schwingt sich nicht von selbst, mein Freund."
„Ich spüre nicht das Verlangen, hier zu sitzen und zuzuhören, wie Sie von den Verdiensten eines Jungen schwärmen, der nicht einmal einen einfachen Zaubertrank brauen kann ohne die Hilfe seiner Schlammblut- Freundin."
Dumbledores Züge verhärteten sich.
„Ich habe dich gebeten, dich vom Gebrauch dieses Wortes in meiner Anwesenheit zurückzuhalten."
Snapes Zähne entblößten sich zu einem spöttischen Lächeln.
„Verzeihung", sagte er. „Gewohnheit. Schlechte Erziehung, wissen Sie." Er klang nicht im Geringsten entschuldigend.
Hermine schüttelte ihren Kopf. Es war schlimm genug, dass Reinblüter wie Malfoy solche Verunglimpfungen verwendeten, doch es war unbegreiflich, wenn Halblüter wie Snape und Tom Riddle es taten.
„Ja", antwortete Dumbledore unüberzeugt. Er erhob sich.
„Ich werde mich niemals verändern, wissen Sie", sagte Snape plötzlich. „Nicht wirklich."
Dumbledore lächelte. „Die bloße Tatsache, dass du es zu Wort bringst, macht es möglich."
Snape schüttelte den Kopf und seufzte, als Dumbledore hinausging. „Blinder, alter Narr."
Hermine blickte Harry verblüfft an.
„Ach du Scheiße", sagte Harry. „Die Erinnerungen werden von Mal zu Mal verwirrender."
„Snape hat ihn davor gewarnt, dass Voldemort sich einen neuen Körper beschaffen will. Er hat nicht darauf gehört."
Harry nickte. Sein Gesicht war bleich. „Zwei Jahre, bevor es passiert ist. Zwei Jahre."
„Und was sollte die Warnung am Ende? Ich werde mich nie verändern.´ Hat er Dumbledore verraten, dass er immer noch ein Todesser war?"
„Wie könnte er einer sein und trotzdem Dumbledore helfen, Voldemort aufzuhalten? Alles an Snape ist ein einziger Widerspruch."
Harry warf einen Blick zu Dumbledores Portrait, doch Dumbledore war verschwunden. Hermine grinste bedauernd. Wahrscheinlich wollte er Fragen entgehen, die ihm bei dieser Erinnerung bevorstanden. Harry besah sich die übrigen Phiolen.
„Die nächste ist direkt, nachdem wir Sirius und Seidenschnabel gerettet haben. Als wir von Wurmschwanz erfahren haben."
Hermine schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht bereit für Sämtliches, was mit der schrecklichen Nacht in Verbindung steht. Nicht jetzt zumindest. Komm mit in die Bücherei. Vielleicht habe ich ein paar Bücher über Ägypten übersehen, weil ich nie nach ihnen gesucht habe. Außerdem sind wir nie wirklich die Verbotene Abteilung durchgegangen."
Harry stellte die Phiole zurück. „In Ordnung."
Draco wachte langsam auf. Er spürte ein Zwicken im Nacken und rief sich schmerzhaft in Erinnerung, warum er es hasste, in Hogwarts' Betten zu schlafen. Er vermisste sein weiches Federbett zu Hause. Himmel, er vermisste alles zu Hause. Sein Bett, seine Klamotten, seine bequemen Fell- Pantoffel, die brühend heißen Bäder, Frühstück im Bett...
Er verschränkte seine Arme hinter dem Kopf und fragte sich, wie spät es wohl war. Die Gryffindors hatten definitiv einen Vorteil hier. Im Kerker war es stets Nacht. Gut für das Schlafen, nicht so gut dafür, zu einer anständigen Stunde aufzuwachen. Soweit er wusste, war es schon nach Mittag. Er fühlte sich ziemlich gut, somit war es mehr als wahrscheinlich, dass er bereits genug Schlaf hatte. Er zog seinen Zauberstab unter seinem Kissen hervor und ließ alle Lampen im Zimmer aufleuchten. Es vertrieb die Düsternis, hellte den Raum jedoch nicht viel auf.
Draco fragte sich, ob Potter und Granger das Buch schon untersucht hatten. Er grinste bei der gestrigen Erinnerung an Hermine, obwohl er gerne wissen wollte, warum sie herabgerannt war und ihn geküsst hatte. Nur um Ron zu verärgern? Ehrlich gesagt wunderte er sich ebenfalls darüber, warum sie ihm nicht länger die kalte Schulter zeigte. Sie war bei Hagrids Hütte so außer sich vor Wut gewesen. Er hatte befürchtet, dass sie nie wieder ein Wort mit ihm wechseln würde. Launenhaft, so war Granger nun mal.
Draco lehnte sich zum Nachttisch und nahm ihre Galleone in die Hand.
Wie spät ist es? fragte er.
Die Münze erwärmte sich auf der Stelle.
Du rufst mich, um mich nach der Zeit zu fragen?
Hast du meinen Ruf aus einem anderen Grund erwartet?
Nein. Es ist fast 11. Ich habe schon gedacht, du würdest den ganzen Tag schlafen.
Vielleicht hättest du mich wecken sollen.
Ich kenne das Slytherin- Passwort nicht.
Es lautet Apfel. Hättest du es denn benutzt?
Apfel?
Ja. Garten Eden? Adam und Eva? Böse Schlange? Apfel.
Ich verstehe. Nein, wahrscheinlich hätte ich es nicht benutzt.
Einen Augenblick lang balancierte Draco die Münze in seinen Händen und fragte dann: Wirst du es jetzt benutzen? Er zuckte zusammen, sobald die Nachricht verschickt worden war. Warum hatte er das gefragt? Er dachte darüber nach. Schlicht und einfach deswegen, weil er ihr Fragen über das Buch stellen wollte, ohne dass Potter und Weasley nervige Kommentare einwarfen. Das war alles.
Du willst, dass ich zu dir hinunter komme?
Ja.
Es folgte eine lange Pause. Draco grinste bei der Vorstellung, wie es in ihrem kleinen Gehirn arbeitete. Würde ihre Intelligenz über ihre zutrauliche Natur siegen? Würde Gryffindor- Wagemut über spröde Zurückhaltung triumphieren?
Na schön. Wir treffen uns in deinem Gemeinschaftsraum.
Draco lachte laut auf. Er hätte an jedem Tag in der Woche auf die Kühnheit der Gryffindors gewettet.
Sie benötigte weniger als zehn Minuten. Draco hoffte, dass sie Weasley mit offenem Mund zurückgelassen hatte, als sie losgestürzt war. Sie hätte aus dem Gryffindor- Gemeinschaftsraum rennen müssen. Natürlich hatte sie sich, zu dieser Tageszeit, auch woanders aufgehalten haben können.
„Malfoy?", rief sie aus dem Gemeinschaftsraum.
„Ich bin hier", antwortete er.
„Na, dann komm raus."
„Nein. Du kommst hier rein."
Fest erwartete er, dass sie eine Weile mit ihm diskutieren würde. Deshalb war er überrascht, als sie mit einem zögerlichen Gesichtsausdruck in der Tür erschien. An diesem Tag trug sie eine Schuluniform, nur dass Weste und Krawatte fehlten und die weiße Bluse am Kragen lässig geöffnet war. Auch keine schweren Roben trug sie. Draco hätte nie erwartet, die Hogwarts- Uniform jemals sexy finden zu können. Doch sie sah überraschend attraktiv aus. Vielleicht lag es auch an seiner Erinnerung an ihre Unterwäsche...
„Du siehst aus wie ein unartiges Schulmädchen", sagte er mit heiserer Stimme.
Hermine errötete. „Ich bin weder unartig noch ein Schulmädchen im Moment. Ich habe einfach vergessen, Kleidung von Zuhause mitzubringen. Ich habe Mrs. Weasley gebeten, mir meine Sachen zu schicken vom... vom Hauptquartier des Ordens. Bis sie ankommen, muss ich mich wohl oder übel damit zufrieden geben. Wie lange planst du noch, im Bett zu bleiben?"
„Bis du herkommst und mich richtig weckst."
Sie schaute ihn finster an. „Tut mir leid. Ich habe leider keinen Kübel Eiswasser, den ich dir über den Kopf schütten könnte. Ich kann einen herzaubern, wenn du willst." Sie ging durch das Zimmer und ließ sich auf dem Bett nieder, das normalerweise von Crabbe besetzt wurde. „Also... Was wolltest du mir gestern sagen? Als ich mich geweigert habe, dir zuzuhören?"
Draco schüttelte den Kopf. „Oh nein. Du hast deine Chance verpasst. Außerdem habe ich es vergessen."
Hermine betrachtete ihn abwägend und langte abwesend in ihr Shirt. Sie spielte mit der Münze, ließ es an der Kette auf und ab gleiten. Draco wartete. Irgendetwas beschäftigte sie offensichtlich. Er grinste, als sie mit der typischen Unverblümtheit der Gryffindors herausplatzte: „Warum hast du Ron gesagt, dass er mich küssen soll?"
Dracos Augenbrauen schossen in die Höhe. „Hat er es getan?"
Hermine nickte und Draco gluckste. „Tja tja. Er hat also darauf gehört. Nicht so dumm, wie wir alle dachten, was?"
„Ich habe Ron nie für dumm gehalten. Beantwortete meine Frage."
„Ich hätte nicht gedacht, dass er es wirklich tun würde", gab Draco mit einem Grinsen zu.
„Wenn du ihn dazu anstachelst? Wie könnte er nicht?"
„Also? Wie war es?"
Hermine wurde wieder rot. „Es war gut. Schön. Ausgezeichnet. Sehr aufregend."
„Gott, du bist wirklich eine grauenhafte Lügnerin."
Hermine sprang auf die Füße, ihr Kinn hochnäsig in die Luft gestreckt.
„Ich habe nicht gelogen!"
„Ein bisschen besser, aber immer noch nicht überzeugend. Versuch es nochmal."
Sie versetzte ihn mit einem giftigen Blick und begann, neben dem Bett auf und ab zu laufen.
„Du bist, ohne Zweifel, der irritierendste – "
„Wie war mein Kuss?"
Die Worte blieben ihr im Halse stecken, als ob er sie würgen würde. Die Röte, die ihre Wangen färbte, beantwortete seine Frage besser als alles, was sie sagen könnte.
Hermine räusperte sich, bevor sie sprach. Ihre Stimme war kaum zu hören.
„Grässlich. Schrecklich. Der schlimmste Kuss aller Zeiten", flüsterte sie.
Draco lachte leise. „Wirklich? Dann sollte ich es besser nochmal versuchen."
Er streckt blitzschnell die Hand aus und ergriff sie am Handgelenk. Sie wich mit einem erschreckten Keuchen zurück, doch er zog sie unerbittlich näher zu sich. Hermine schüttelte abwehrend den Kopf. Draco zog mit einem heftigen Ruck und riss sie aus dem Gleichgewicht. Sie fiel auf ihn und er ließ ihre Hand los, um beide Hände fest in ihre Locken zu graben.
„Tu es nicht!", hauchte sie. Ihre Augen waren weit aufgerissen und starrten ihn ängstlich an. Sie erstarrte, als er ihren Kopf leicht zur Seite neigte und ihre Lippen auf seine presste. Der Kuss, den er ihr auf der Treppe gegeben hatte, war ein kindischer Schmatzer verglichen mit dem Übergriff, den er nun auf sie losschickte. Es würde keine Unterbrechung geben, daher nahm er sich Zeit und genoss jeden quälenden Augenblick. Zuerst kostete er sie sanft, um sie zur Entspannung zu bringen, und war überrascht, als es besser funktionierte als er erwartet hatte. Seine Lippen neckten sie spielerisch, zart und ruhig. Mit einem leisen Seufzen sank sie gegen ihn. Draco war wachsam vor einem Trick und lockerte seinen Griff nicht. Er vertiefte den Kuss, reizte sie mit offenem Mund und ließ seine Zunge hinein gleiten, um ihre leicht zu berühren. Sie atmete scharf ein und er lächelte gegen ihren Mund. Danach war er unnachgiebig. Er leckte, saugte, knabberte und spielte mit jedem Teil ihres Mundes, Lippen, Zunge und Zähne, bis sie gedankenlos wimmerte und sich gegen ihn wand.
Irgendwann hatte Draco all seine Kontrolle verloren. Hermine agierte nicht passiv. Sie erwiderte seinen Kuss mit ganzer Leidenschaft. Ihre Hände, heiß und seidig, streichelten seine nackte Brust. Es war köstliche Folter. Seine eigenen Hände waren hoffnungslos in ihrem Haar verfangen, obwohl er sich anstrengte, sie zu befreien, um sie an ihrem Körper hinuntergleiten zu lassen. Er verlangte danach sie berühren.
Plötzlich riss er eine Hand frei und schnappte nach Luft, als einige Haare mit herausgerissen wurden. Sie lehnte sich zurück, um ihn mit ihren von Leidenschaft verschleierten Augen anzustarren. Ihre Brust arbeitete an seiner, während sie sich bemühte, normal zu atmen. Dracos Hand, endlich frei, zog an ihrer Bluse und glitt hinunter. Er liebkoste die seidige Haut ihres Rückens, worauf sie sich mit einem Keuchen an ihn wölbte. Heißes Verlangen erfüllte Dracos Sinne mit einem Ansturm, der schmerzhaft war. Er bewegte seine andere Hand in dem verzweifelten Versuch, sie zu befreien, damit er den hinderlichen Stoff aus dem Weg schaffen konnte – Kleidung und Bettdecke – er würde sie wegreißen, wenn es nötig war.
Draco realisierte seinen Fehler sofort. Der fieberhafte Kuss, der Hermine unterworfen hatte, war gebrochen. Befreit von den herrlichen Impulsen begann ihr Geist, sich wieder zu regen.
„Was... was tue ich?", hauchte sie. Bevor Draco sie aufhalten konnte, hievte sie sich von ihm hoch. Sie wich schnell zurück und ließ sich auf Crabbes Bett plumpsen. Ihre braunen Augen waren weit aufgerissen vor Ungläubigkeit. Ihr Haar war zerzaust und ihre Lippen geschwollen. Ihr Shirt saß schief und hing halb aus ihrem Rock. Gott, er wollte sie.
Draco schloss die Augen und bemühte sich um Fassung. Er nahm mehrere tiefe, beruhigende Atemzüge und bekämpfte die Hitze, die ihn zu übermannen drohte. Er ballte die Fäuste und unterdrückte den Drang, sich über den Abstand zu werfen und sie auf Crabbes Bett zu drücken...
Kontrolle. Kontrolle. Kontrolle. Immer wieder rief er sich das Wort in seine Gedanken, bis er spürte, wie die Ruhe wiedereinkehrte. Er öffnete die Augen und setzte ein Feixen auf, der sie garantiert wütend machte.
„Wie war es diesmal?", fragte er mit einem Anflug von Belustigung.
„Es gibt keine Worte", antwortete Hermine leise. Er lachte. Er konnte sie dieses Mal nicht der Lüge bezichtigen.
Hermine erhob sich und lief schnell zur Tür. Außer seiner Reichweite, wie er wusste. Sorgfältig steckte sie ihr Shirt wieder in den Rock und fuhr sich mit den Händen über ihr Haar, um es zu bändigen. Als sie wieder sprach, war ihre Stimme ruhig.
„Wenn du fertig bist, mich zu quälen, ist es Zeit aufzustehen. Wir würden gerne deine Meinung zu einigen Informationen in dem Buch hören. Ich werde draußen auf dich warten."
Sie ging hinaus. Draco starrte ihr nachdenklich hinterher. Also plante sie vorzutäuschen, dass nichts geschehen war. Vielleicht dachte sie, dass er nur mit ihr spielte? Tat er es denn? Er erinnerte sich daran, wie sie auf ihm gelegen, ihn geküsst und berührt hatte... Er sog einen scharfen Atemzug ein. Nein. Kein Spiel. Er hatte versucht, ihr einen Denkzettel zu verpassen, und selbst einen erhalten. Spiel nicht mit dem Feuer.
