Kapitel 24: Verdächtigungen
Die Nacht verging für Elsa wie in Zeitlupe. Sie konnte kein Auge zu machen, denn das, was erst vor wenigen Stunden geschehen war, ließ ihr keine Ruhe. Ethel war tot und sie war dafür verantwortlich. Sie war ihre beste und vielleicht einzige Freundin und Elsa hatte sie getötet. Doch was hätte sie tun sollen? Es gab nur zwei Möglichkeiten, sie oder Ethel und Elsa entschied sich für das Leben. Die ganze Nacht trauerte Elsa um Ethel und hatte panische Angst davor, was passieren würde, wenn man ihre Leiche fand. Hatten sie vielleicht doch Spuren hinterlassen? Hatte sie jemand gesehen? Würden sie wissen, dass sie es war die Ethel getötet hatte? Richard sagte, sie müsste eine Meisterleistung hinlegen, wenn man Ethel finden würde, aber das war nicht nötig, denn ihre Trauer war real.
Der Morgen dämmerte und Elsa hörte, wie die ersten von ihrer Suche nach den Zwillingen zurück kamen, es würde auch nicht mehr lange dauern, bis man Ethel finden würde. Müde, erschöpft und verweint stand Elsa auf und begab sich nach draußen. Ihr war übel und sie war entsetzlich müde….müde von allem. Der Platz füllte sich und alle schüttelten nur traurig den Kopf. Keiner hatte die Zwillinge gefunden und nur Elsa wusste warum.
„Vielleicht sind die Beiden auch einfach davon gelaufen." sagte Suzi erschöpft „Ich meine, besonders Dot hat sich hier nie wohl gefühlt. Vielleicht wollten sie einfach nicht länger begafft werden."
„Ja vielleicht." Seufzte Paul und zuckte mit den Schultern.
„Ich glaube nicht, dass die beiden….." Jimmy hatte gerade zu sprechen begonnen, als ein grausiger Schrei über den Festplatz hallte. Wie vom Donner gerührt, drehten sich alle zu Eve um, die völlig aufgelöst auf die anderen zu lief. Sie weinte und schrei und rief etwas, was keiner genau verstehen konnte, doch ein Wort verstanden alle…..Ethel.
Elsa schluckte schwer und ermahnte sich selbst Ruhe zu bewahren.
‚Es geht los.'
„Eve…..Eve…..was ist los?" Jimmy hatte den Namen seiner Mutter gehört und rannte auf seine Freundin zu.
„Jimmy, oh mein Gott. Es ist schrecklich…..ich habe Ethel gefunden…..sie ist im Wald Jimmy…..sie ist….." weiter kam Eve nicht, als sie begann bitter zu weinen. MaPetite war ihr kleiner Schatz und Ethel wie eine Mutter. Nun hatte sie beide verloren.
„Was ist mit meiner Mutter?" fragte Jimmy und sah verzweifelt zu Eve.
Elsa beobachtete alles und ihr schlechtes Gewissen, begann an ihr zu nagen. Was hatte sie Jimmy nur angetan?!
„Sie….sie ist tot Jimmy."
Jimmy spürte einen Schmerz tief in sich, den er mit Worten nicht hätte beschreiben können. War es wirklich schon an der Zeit für sie? Er wusste sie war krank, aber der dachte er hätte noch etwas mehr Zeit mit seiner Mutter.
„Ich glaube, sie hat sich umgebracht!" sagte Eve und legte ihre Hände auf Jimmys Schultern.
„Was? Niemals!" rief Paul und trat näher „Warum sollte Ethel das tun? Das ist nicht möglich!" Paul begann neben seiner Trauer etwas anderes zu empfinden…..Argwohn.
„Ich habe es doch gesehen Paul…." Rief Eve zurück und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.
Jimmy stand in diesem Moment einfach nur da und starrte zu Boden. Sein Verstand vernahm kaum, was die anderen sagten und es war nicht wichtig, seine Mutter war tot und Jimmy fühlte eine Leere in sich, wie nie zuvor „Bring mich hin…." sagte er Tonlos und ging langsam in die Richtung, aus der Eve kam.
Elsa stand immer noch abseits der Gruppe und betete, dass nichts auf sie hinweisen würde. Sie bereute jetzt schon, was sie getan hatte. Vielleicht hätte sie einfach alles gestehen sollen, aber was wäre dann geschehen?
Langsam ging Elsa den anderen nach, gefolgt von Richard, der alles von weitem beobachtet hatte.
„Verlieren Sie jetzt nicht die Nerven! Wir sind beide dran, wenn Sie sich nicht zusammen nehmen." zischte er Elsa ins Ohr.
Sie gingen keine 5 Minuten und Elsa hörte einen herzzerreißenden Schrei, ein Schrei der Trauer eines Sohnes um seine Mutter. Wie in Trance trat Elsa näher, an die Stelle wo Jimmy vor dem abgetrennten Kopf seiner Mutter kniete. Er schrie und weinte und schlug mit den Fäusten auf den Boden.
Elsa wusste nicht was sie tun sollte, Tränen flossen ihr aus den Augen und sie sank wie in Trance neben Jimmy auf den Boden. Jetzt erst, sah sie das ganze Ausmaß ihres Handelns.
„Ethel." flüsterte sie leise und starrte auf den Kopf vor sich.
„Das war doch kein Selbstmord." sagte Paul geschockt und skeptisch zu gleich.
„Paul bitte…" Suzi sah ihren Freund strafend an und deutete auf Jimmy.
„Nein, fällt euch das nicht auf? Erst MaPetite, dann die Zwillinge und nun Ethel? Das sind doch keine Zufälle. Außerdem hätte sich Ethel nie selbst umgebracht….sie hatte gar keinen Grund. Ich will verdammt sein, wenn nicht jemand anderes dahinter steckt…..jemand der uns loswerden will….einen nach den anderen." Paul verbarg nicht, dass sein Blick auf Elsa fiel und auch sie spürte, wie Pauls Blickte sie geradezu durchbohrten.
Richard entging ebenfalls nicht, wie Paul auf Elsa blickte und er wusste, dass der Kerl zum Problem werden könnte. Paul rückte auf seiner Liste, auf den obersten Platz.
Jimmy drehte sich mit verweinten Augen zu Paul und sah ihn wütend an „Du weißt doch gar nichts…..nichts!"
„Ach komm Jimmy, selbst du kannst nicht so blind sein…..du kanntest doch Ethel am besten von uns allen. Gerade du musst doch wissen, dass sie so etwas nie getan hätte. Liebe macht ja bekanntlich blind aber hier geht es um deine Mutter." Paul schrie seinen Freund an und es war ihm egal, ob alle jetzt gegen ihn waren. Etwas in ihm sagte ihm, dass Elsa mehr über all das wusste, als sie zugab.
„Genau, hier geht es um meine Mutter! Und meine Mutter ist tot….wie kannst du es wagen, ihr Andenken so zu beschmutzen indem du hier widerliche Verdächtigungen aufstellst?" Jimmy sah zu Elsa, die noch immer auf den Boden saß und kein Wort sagte. Er sah ihre Tränen und auch wenn seine Trauer um Ethel ihn fast den Verstand raubte, so groß war auch der Drang Elsa vor falschen Beschuldigungen zu beschützen.
„Ich beschmutze ihr Andenken? Ich knie nicht mit falschen Tränen auf den Boden und heuchle Trauer."
Das war zu viel für Jimmy, wutentbrannt stand er auf und ging mit schnellen Schritten auf Paul zu. Er kochte vor Wut und wollte den anderen Mann sein widerliches Schandmaul stopfen. Er trat zu Paul und schupste ihn mit aller Kraft weg, so dass er nach hinten taumelte und zu Boden fiel „Du denkst du weist alles oder Paul? Ich sage dir jetzt mal was, meine Mutter war krank….todkrank. Sie sagte mir vor kurzem, dass sie sterben würde und sie hatte entsetzliche Schmerzen. Du hast meine Mutter nicht gekannt, niemand von euch wusste wie schlecht es ihr ging und sie wollte es auch nicht. Meine Mutter hat ihr Ende selbst gewählt. Verschwinde von hier Paul….los hau ab….du verdienst nicht hier zu sein."
Jimmy wusste, dass Paul nicht die beste Meinung von Elsa hatte, aber dass er so weit gehen würde, widerte ihn an. Seine Mutter war tot und er beschuldigte die Frau, die er liebte sie ermordet zu haben.
Elsa hörte Jimmy und plötzlich wurde ihr alles klar. Deswegen kam Ethel zu ihr, denn sie hatte nichts mehr zu verlieren. Ethel wusste, dass sie sterben würde und wollte sie vorher beseitigen.
Alle starrten Jimmy schockiert an, denn keiner wusste etwas über Ethels Krankheit.
„Jimmy, beruhige dich…..nimm dir die Zeit zu trauern und lass es gut sein." Eve stellte sich zwischen Jimmy und Paul „Und du Paul, solltest jetzt wirklich besser gehen." Mit einem warnenden Blick, sah sie auf den am Boden liegenden Mann.
Wütend stand Paul auf und sah zu seinen Freunden, jeder blickte ihn enttäuscht an „Ihr glaubt das alles? Ich glaube kein Wort von dem was du sagst. Du bist so dumm und blind, du würdest alles für Elsa tun, sogar den Mord an deiner eigenen Mutter vertuschen."
Was zu viel war, war zu viel. Mit geballten Fäusten sprang Jimmy auf Paul zu und wurde gerade noch rechtzeitig von Eve zurück gehalten. Er hätte Paul am liebsten umgebracht.
„Verschwinde du verdammter Hurensohn oder ich bringe dich um. Verpiss dich und wage es nie mehr mir unter die Augen zutreten. Ich werde dich umbringen, wenn du mir oder Elsa noch einmal zu nahe kommst. Hörst du….ich bringe dich um."
Eve, die bei weitem größer und stärker war als Jimmy, hatte Mühe den jungen Mann von seinem Vorhaben abzubringen „Jimmy, hör auf….das ist nicht der richtige Ort für sowas." Sie drückte Jimmy weg und zwang ihn dann, sie anzusehen „Hör auf Jimmy, dass wäre nicht in Ethels Sinne. Beruhige dich und kümmere dich um Elsa….an ihr geht das alles auch nicht spurlos vorbei." Eve blickte zu Elsa, die noch immer steif wie eine Statue auf dem Boden saß und leise Tränen weinte.
Erst als Eve den Namen von Elsa erwähnte, beruhigte sich Jimmy und holte tief Luft „Du hast recht….sorge nur dafür, dass dieser Scheißkerl weg ist, wenn wir wieder kommen. Ich will sein Gesicht nie mehr sehen." Jimmy nahm Abstand und sah ein letztes Mal zu Paul „Pack deine Sachen und verschwinde von hier….du bist nicht länger ein Teil dieser Familie!"
Mit diesen Worten drehte sich Jimmy um und ging zurück zu Elsa. Er ließ sich neben ihr nieder und legte seine Arme um Elsa und es war ihm egal wer es sah.
