Gefährten

Fanfiction von Lady of the Dungeon

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Lieber Leserinnen,

ja, es hat eine Weile gedauert, aber pünktlich zum Neuen Jahr gibt es jetzt ein neues Kapitel der Geschichte.

Vielen Dank für all die wunderbaren Reviews an: Palina, Tami, Spitzohr.

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Wie immer gilt mein Dank meiner allerbesten Beta TheVirginian.

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25. Dornröschen

Remus hielt inne, als er vor der Tür stand. Er unterdrückte den Drang, einfach wieder zu gehen, sich der unangenehmen Situation zu entziehen, und klopfte.

„Herein."

Joy blickte von ihrem Schreibtisch auf.

„Remus. Das ist eine Überraschung – und so spät."

Ihr Blick glitt zum Uhrglas an der gegenüberliegenden Wand: halb acht.

„Hallo. Ich habe das mit den Wachen drüben geregelt", erklärte er die für einen Gefangenen ungewöhnliche Uhrzeit. „Aber wenn ich störe, können wir ein andermal..."

„Nein, bleiben Sie." Joy wies auf den Stuhl, der ihrem Schreibtisch gegenüberstand. „Tee? Oder haben Sie sich schon an den Kaffee hier gewöhnt?"

„Tee, wenn ich wählen darf", erwiderte er und setzte sich zögernd ihr gegenüber an den Schreibtisch. Ihre freundliche Geste wusste er durchaus zu schätzen, und seine Anspannung löste sich etwas. Sie mochte ihn für ein gewissenloses Monster halten, aber sie behandelte ihn zumindest nicht so.

Sie beschwor zwei Tassen dampfenden Earl Greys, dazu Zucker und Milch. Als sie beide versorgt waren, sah sie ihn erwartungsvoll an.

„Ich möchte gern über die Ereignisse von gestern Nachmittag sprechen", begann Remus. „Wie geht es dem Auror?"

Das zu fragen war eigentlich nicht sein Plan gewesen, aber irgendwie schoss ihm der Gedanke durch den Kopf, und es war ein guter Anfang für das Gespräch.

„Der Biss war tief", erwiderte sie. „Ich fürchte, er hat sich infiziert, trotz der Silbernitratspülung. Im Augenblick sind es nur ein paar wenige Lykantrozyten, und manchmal verschwinden sie auch wieder, aber das ist nur eine geringe Chance."

„Ist es unfair, wenn ich sage, er wusste, worauf er sich eingelassen hat, als er sich hierher versetzen ließ?", fragte Remus. „Die Auroren erhalten einen Risikozuschlag von einhundert Prozent zu ihrem normalen Gehalt."

„Nein, ich denke nicht, dass es unfair ist", antwortete Joy. „Mr. Kokkonen wusste tatsächlich, worauf er sich eingelassen hat. Aber er ist nicht wegen des Geldes hier. Seine Freundin ist lykantroph. Sie arbeitet im Kindergarten. Die beiden hatten die ständigen Probleme in ihrem Heimatort satt, das ganze Versteckspiel."

Remus schluckte. „Oh. Das wusste ich nicht." Fast war ihm seine Frage jetzt peinlich. Er räusperte sich. „Ich dachte nur, bei O'Neill ist es gut ausgegangen. Nach dem Angriff, meine ich."

Sprich in ganzen Sätzen, Remus!, mahnte er sich.

„Mr. O'Neill hatte sehr großes Glück", stellte Joy fest. Sie blies über ihren Tee und nahm einen kleinen Schluck.

„Ja. Und ich mit ihm. Wenn Dr. House nicht derart schnell reagiert hätte... Als ich Akki heute sterben sah, war es wie ein Blick in den Spiegel. Diese Wunde, dieser Geruch nach Pulver, Blut und Tod – das wäre ich gewesen. Beinahe."

Weder unterbrach sie ihn, noch kommentierte sie seine Äußerung.

„Mir ist gestern erst wirklich klar geworden, was ich damals billigend in Kauf genommen habe, als ich die Tränke reduziert habe. Oder vielmehr...was ich mir vielleicht sogar für eine Weile gewünscht habe."

Die Heilerin stellte ihre Tasse auf den Tisch. Ihr Blick ruhte unverwandt auf seinem Gesicht, weder freundlich noch ablehnend, nicht wertend, nur abwartend.

„Florence, ich möchte mich entschuldigen, wegen dem, was ich über Lucius und mich gesagt habe, über den Grund, die Medikamente wegzulassen. Es war nicht gelogen, aber es hatte auch nicht die Bedeutung, die ich der Sache zugemessen habe. In Wirklichkeit ging es nie darum, mir besser..." Er lief knallrot an, spürte die Hitze in seinen Wangen und brachte den Satz nicht zu Ende. „Das war eher ein Nebeneffekt, für den ich mich mittlerweile schäme."

Angestrengt betrachtete er das Muster des folkloristischen Teppichs auf dem Boden ihres Arbeitszimmers. „Ich wusste einfach nicht, wie ich Ihnen sagen sollte, dass ich nicht in der Lage bin, das zu geben oder zu sein, was Sie vielleicht erwarten würden als Gegenleistung für die Befreiung aus Askaban."

Er spielte mit dem Gedanken, sie anzusehen, beschloss dann aber doch, lieber weiter die Teppichfransen zu bewundern.

„Natürlich ist es eine Befreiung, viel mehr, als ich mir das ausmalen oder vorstellen konnte", gab er zu. „Inzwischen ist mir klar, dass es nie eine Erwartung Ihrerseits an mich gab. Dafür, dass ich das geglaubt habe, möchte mich entschuldigen. Es tut mir Leid."

Okay, jetzt war es definitiv an der Zeit, sie anzusehen, zumal Joy hartnäckig schwieg. Als Remus sich schließlich unter Aufbietung allen Gryffindormutes überwand, aufzublicken, sah er sie etwas ratlos dreinschauen.

„Sie haben mir diese dämliche Wichsgeschichte erzählt, weil Sie befürchteten, ich könne verliebt sein?", gab sie trocken zurück. Anders als er nannte sie die Dinge offenbar gerne beim Namen. „Weil Sie dachten, ich würde dafür, einen Menschen dem Zugriff eines unmenschlichen Systems zu entziehen, eine Gegenleistung erwarten?"

Merlin, aus ihrem Mund klang sein Verhalten noch viel schäbiger.

„Es tut mir Leid", murmelte Remus. „Genau genommen bin ich kein Mensch."

De jure", wandte sie ein. „De facto sehe ich das anders. Aber die intellektuelle Diskussion über den wissenschaftlichen und juristischen Status von Lykantrophen können wir vielleicht ein anderes Mal führen? Heute passt es mir wirklich nicht."

Sie erhob sich und streifte die grüne Heilerrobe ab, und Remus stellte erstaunt fest, dass sie darunter eine schicke, weit ausgeschnittene Folklorebluse trug und einen dazu passenden Rock, dessen Ende mit einer goldenen Bordüre besetzt war – eindeutig Abendgarderobe.

„Ich bin Heilerin, Remus. Das Helfen liegt mir im Wesen, das Ausnutzen von Notlagen nicht. Ja, ich mochte Sie, vielleicht mehr, als es gegenüber einem Patienten angemessen ist, und ich mag Sie kurioserweise immer noch. Das ändert jedoch nichts daran, dass Sie in einer schweren Lebenskrise stecken, mit einer unverarbeiteten Scheidung im Nacken und gravierenden Problemen mit Ihrem inneren Wolf, der sich aus welchen Gründen auch immer an Ihren Mitgefangenen Mr. Malfoy gebunden hat. Beides ist sowohl schwierig als auch sehr schmerzhaft für Sie, und es gibt keine kluge Hexe, die nicht allein deshalb schon die Finger von Ihnen lassen würde. Sie werden sehr viel Zeit brauchen, um mit sich und allem anderen ins Reine zu kommen." Sie lächelte. „Und mit Verlaub – ich bin eine kluge Hexe. Aber wenn Sie einen Freund brauchen und jemanden zum Reden, dann denken Sie an mich. Ich bin da. Nur nicht heute, das Theater zeigt Der Widerspenstigen Zähmung."

‚Wie passend', dachte Remus, schluckte die Bemerkung jedoch lieber herunter. Es klopfte an der Türe.

„Einen Moment, ich komme gleich", rief Joy. Sie strich ihren langen Rock gerade und steckte eine verirrte Strähne hinters Ohr, die aus ihrer etwas zu legeren Hochsteckfrisur gerutscht war. „Wie sehe ich aus?"

Ihre Augen leuchteten voller Vorfreude. Kein Wunder, dachte Remus, in dieser Einöde nahm man jedes bisschen Kultur, das sich bot, dankbar an. Er hatte seine nicht-lykantrophen Kollegen sich zu einem Heavy Metal – Konzert einer Muggelband verabreden hören - fürchterlicher Krach, wenn es nach seinen feinen Ohren ging. Wirklich, sie genossen sogar Subkultur in Ermangelung besserer Angebote.

„Sie sehen sehr hübsch aus", beantwortete er Joys Frage, und er meinte es ehrlich. „Verzeihen Sie mir?"

„Das tue ich, Entschuldigung akzeptiert", erwiderte sie ernsthaft und reichte ihm die Hand. „Freunde?"

Er schlug dankbar ein. „Freunde." Es war weit mehr, als er erwarten durfte.

„Werfen Sie den Schlüssel des Arbeitszimmers in meinen Briefkasten, nachdem Sie abgeschlossen haben? Sie haben Ihren Tee noch nicht angerührt und ganz sicher das Abendessen drüben verpasst. Im Schrank ist noch eine Packung Shortbread, bedienen Sie sich. Wir sehen uns auf der Arbeit", sagte sie, während sie einen Umhang über ihre Schultern legte.

Sie zwinkerte ihm zu, dann war sie aus der Tür.

„Terve", hörte er sie vom Gang her jemanden grüßen. „Mitä kuuluu?"

„Moi moi", erwiderte eine tiefe Stimmme. "Kiitos, oikein hyvää? Sinä olet seksikäs."

Remus verschluckte sich beinahe an seinem Tee. Hatte der Kerl Joy eben ‚sexy' genannt?

Die Heilerin lachte. "Oletko varma?" gab sie zurück, und Remus' rudimentäre Finnischkenntnisse verabschiedeten sich. Was hatte sie gefragt?

Draußen entfernten sich klappernd ihre Schritte. Als sie verklungen waren, öffnete Remus die Tür. Er wusste, er sollte das nicht tun, aber er konnte nicht dagegen an. Tief holte er Luft und nahm mit bebenden Nasenflügeln Witterung auf. Merlin, sie traf sich mit einem Lykantrophen! Hoffentlich wusste sie, dass der Kerl ein Werwolf war. Remus jedenfalls würde ihn sofort erkennen, wenn er ihn traf. Er vergaß nie einen Geruch.

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Narcissa legte Gemma in das Bettchen neben dem ihren. Auf dem Stoffhimmel über der Krippe sausten winzige Hexen auf Besen um die Wette, andere rührten in Tränkekesseln, die grünlich leuchteten und aus denen ab und an etwas Rauch puffte, wieder andere ließen Kuchen und Teekannen durch die Luft schweben. Wie das Kind dabei schlafen sollte, war Narcissa ein Rätsel, aber Gemmas Augen folgten sofort gebannt den wilden Besenreiterinnen, nur um eine halbe Minute später müde zuzufallen.

Ein Geräusch hinter ihr ließ sie sich umwenden. Lucius lehnte im Türrahmen, einen Ausdruck tiefer Zuneigung im Blick.

„Du bist so wunderschön", sagte er leise. „Ich bin froh, dass du die Unterhaltung zwischen Reprobate und mir mitgehört hast."

„Normalerweise lausche ich nicht an Türen", gab sie zurück. „Allerdings wart ihr laut. Darüber hinaus ist es Gemma zu verdanken, dass ich überhaupt hinunter gegangen bin. Sie hatte Hunger."

„Schläft sie?" Er stellte sich auf Zehenspitzen, um von der Tür aus in die Wiege sehen zu können.

Narcissa beobachtete ihn nicht ganz ohne Amüsement, obwohl die Situation, in der sie sich befanden, eigentlich viel zu ernst dafür war.

„Warum kommst du nicht herein und siehst selbst nach?", fragte sie ihn.

Lucius zögerte. „Es ist dein Schlafzimmer. Ich möchte nicht, dass du dich bedrängt fühlst."

„Du meine Güte, warum sollte ich?", rief sie erstaunt aus. „Du hast mir gefehlt, ich sehne mich nach dir. Wieso haben wir überhaupt getrennte Schlafzimmer in diesem Haus? Oder ist das auch eine Frage für morgen?"

Gemma ließ ein leises Glucksen hören. Narcissa strich ihr beruhigend über die Stirn und das weiche Haar, dann trat sie auf Lucius zu.

„Aber vielleicht ist hier wirklich nicht der richtige Ort", sagte sie leise mit einem bedeutsamen Blick zur Wiege hin. „Wenn wir die Tür offenstehen lassen, können wir sie auch von einem anderen Zimmer aus hören."

Ihr Mann ließ ein heiseres Gurgeln vernehmen. Er starrte sie mit brennenden Augen an, in denen ein Verlangen leuchtete, für das sie keine Worte fand. Nur einen Wimpernschlag später fand sie sich in seiner Umarmung wieder, seine Lippen auf den ihren, sein Körper eng an sie geschmiegt.

„Cissy." Ihr Name schien ein einziges Aufstöhnen, eine wahre Verheißung, er wiederholte ihn pausenlos, während er ihr Gesicht mit Küssen bedeckte. Sie spürte seine Arme um ihre Schultern und ihre Mitte, dann hob er sie auf und trug sie durch den Flur.

Das Schlafzimmer am Ende des Flurs roch ebenso fremd und neu wie ihr eigenes. Sie spürte, wie Lucius' Finger tastend an der Wand entlang glitten. Mit einem klickenden Geräusch entflammte die Lampe an der Decke und tauchte den Raum in helles Licht.

„Entschuldige", murmelte er an ihrem Mund. „Ich weiß nicht, in welcher Schublade die Streichhölzer liegen."

Er bettete sie auf die weiße Damastdecke, die ein mächtiges Bett schmückte, dessen vier massive, aufwendig gedrechselte Pfosten einen cremefarbenen Himmel aus mit edlen Spitzen besetzter Muschelseide trugen.

Sie beobachtete, wie er mehrere Schubladen aufzog und wieder zuschob, bis er schließlich eine kleine Schachtel in den Händen hielt. Mit konzentriertem Gesichtsausdruck entnahm er ein kleines Hölzchen und schabte mit dem Schwefelköpfchen über die Seite der Pappschachtel.

„Du behilfst dir nicht zum ersten Mal mit Muggelmethoden", stellte sie leise fest.

„Die Umstände der letzten Zeit erfordern eine gewisse Anpassung", gab er mit beinahe heiterem Lächeln zurück, doch seine Miene verbarg die Anspannung nur unvollständig.

Eine kleine Flamme loderte zischend auf, und Lucius entzündete die drei schlanken Kerzen, die in einem eleganten, schlichten Silberleuchter staken und das ganze Schlafzimmer in sanftes Licht tauchten, sobald Lucius den Schalter an der Wand betätigt und die Deckenbeleuchtung gelöscht hatte.

„Möchtest du etwas trinken?", erkundigte er sich, ganz Kavalier, ein seltsam schiefes Lächeln im Gesicht. „Wir haben Wasser oder Milch."

„Die Heiler haben mir Wein nicht verboten", gab sie lächelnd zurück.

„Leider ist Wein im Augenblick ebenso wenig verfügbar wie ein Hauself oder ein Zauberstab", entgegnete Lucius bedauernd.

Nacissa zuckte die Schulter und sah ihn an. „Was soll's? Du bist verfügbar, Lucius. Darauf habe ich lange gewartet."

Sie wollte nicht weg, ihre Worte nicht wie einen Vorwurf klingen lassen, und konnte doch den Unterton kaum aus ihrer sonst so kontrollierten Stimme verbannen. Die letzten Wochen waren hart und einsam gewesen, angefüllt mit Angst und Sorge um ihren Mann und ihren Sohn und Grübeleien darüber, warum Lucius sie im St. Mungos allein ließ.

So sehr sie Lucius liebte, so erfüllend das Glück, ihn gesund vor sich zu sehen, ihr zugewandt – die unbeantworteten Fragen standen plötzlich wie eine gläserne Wand zwischen ihnen, ein Zustand, der sie mit tief empfundenem Schrecken erfüllte, ohne dass sie den Grund dafür benennen konnte.

Ihre Gefühle mussten sich in ihrer Miene gespiegelt haben, denn Lucius nahm sie sachte bei den Schultern, ließ die Hände an ihren Seiten herab gleiten und kniete zu ihren Füßen nieder.

Für einen Wimpernschlag lang erinnerte sie sich daran, wie er damals vor ihr niedergekniet war, als er sie bat, seine Frau zu werden: die Nervosität unter einer glatten Maske verborgen, doch überdeutlich in seinem grauen Blick geschrieben. Sie hatten beide gewusst, dass sie akzeptieren würde, und doch konnte Narcissa hinter Lucius' scheinbarer Gelassenheit den Abgrund sehen, den ihre Ablehnung bedeutet hätte. Sie allein hätte ihm das Herz brechen können.

Dieselbe Angst – doch viel deutlicher – stand auch jetzt in seinen Augen, deren Blick wirkte, als habe er alle Tiefen dieser Welt, die dunkelste Hölle der Verzweiflung, den finstersten Pfuhl des Entsetzens, gesehen.

„Lucius!" flüsterte sie und schmeckte plötzlich Salz auf den Lippen, als sie nach seinen Händen griff. „Ich liebe dich. Ganz egal, was geschehen ist, ich liebe dich. Und ich muss sie jetzt nicht wissen, die Antworten auf all das hier." Sie vollführte eine vage Geste, die den Raum umfasste und das gesamte Haus, die merkwürdige Situation mit einbezog. „Aber was ich brauche, bist du. Wirklich, ich brauche dich, Lucius. Ganz nah bei mir – und nicht auf den Knien zu meinen Füßen."

„Das ist aber der Platz, den ich verdiene", gab er hart zurück. „Wenn überhaupt."

„Lucius." Sie legte all ihre Liebe, ihr Vertrauen in ihre Stimme. Sanft zog sie an seinen Händen, zog ihn hoch zu sich aufs Bett. Ihre Finger strichen sachte durch sein weiches Haar, während sie mit der freien Hand seine Wange streichelte. Narcissa küsste ihn mit Hingabe und Zärtlichkeit, leckte neckend über vertraute, kühle Lippen und sog seinen Geruch tief in ihre Nase. Sie schmiegte sich nah an den Körper des so lange entbehrten Mannes, streichelte mit geschickter Hand die bloße Haut an Lucius' Hals und Nacken.

Es mochte sein, dass Ungesagtes zwischen ihnen stand, doch jetzt und hier gehörte er allein ihr, und sie wollte den kostbaren Moment nicht ungenutzt verstreichen lassen. Wenn sie einander erst wieder spürten, würde es leichter sein zu reden.

Tatsächlich entspannte sich Lucius mit jeder ihrer sanften Berührungen; seine harten Muskeln wurden geschmeidiger und weicher, seine kühle Haut erhitzte sich. Ihre Hände glitten unter das weiße Hemd, streichelten empfindsame Haut und schälten ihn schließlich aus dem überflüssigen Kleidungsstück. Zielstrebig, doch ohne Hast und ohne ihre Küsse zu unterbrechen, streifte Narcissa Robe und Hemdchen ab. Lucius stöhnte auf, als ihre nackte Haut seine bloße Brust berührte.

„Cissy." Seine Stimme klang heiser, ihr Name trug Verzweiflung, Dankbarkeit und kaum unterdrückte Leidenschaft in sich. „Du hast mir so gefehlt."

Er hielt sie fest und unterbrach den Kuss, ihre Blicke verbanden sich miteinander, und ihr schien, als betrachte er sie mit einer an Anbetung grenzenden Hingabe. Sie hatte Lucius kein einziges Mal weinen sehen, nicht aus Trauer bei der Beerdigung seines Vaters, nicht vor Freude oder Rührung bei ihrer Hochzeit oder Dracos Geburt. Jetzt allerdings schimmerte ein glitzernder Tropfen an seinen hellen Wimpern, in dem sich das sanfte Licht der Kerzen brilliantzersprungen brach.

Das Bild eines am Boden zerstörten Lucius mit Tränen bitterer Demütigung in den Augen sprang Narcissa plötzlich an, wie ein bis eben im eisernen Käfig gefangenes Raubtier. Doch auf Lucius' Gesicht fand sie anstelle namenlosen Entsetzens ein Lächeln, das seine grauen Augen strahlen ließ, als habe er nach langer Wanderung in völliger Finsternis ein helles Licht entdeckt. Ein Leuchten lag in seinem Blick, und wo eben noch andächtige Ehrfurcht gestanden hatte, fand sie Liebe, Vertrauen und Hoffnung. Das böse Bild in ihrem Kopf löste sich auf, und die gläserne Wand zwischen ihr und Lucius war nicht mehr vorhanden, fortgeweht von der stürmischen Kraft der Bedingungslosigkeit, mit der sie einander vertrauten.

Narcissa ließ sich fallen in den Sog aus Wärme, Leidenschaft und Zärtlichkeit, die sie in den Armen ihres Liebsten finden würde. Zweifel und Fragen wurden unwichtig, vergessen für den Moment, in dem nur noch sie und Lucius als Einheit existierten, und die Welt um sie herum jede Bedeutung verlor.

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Gemmas Jammern driftete zunächst leise an Narcissas Ohr, wurde jedoch schnell fordernder. Unwillig löste sie sich aus der sie umschmeichelnden Wärme und Nähe des geliebten Mannes an ihrer Seite. Auf Lucius' Lippen lag ein zufriedenes Lächeln, und im fahlen Licht der Morgendämmerung ließen seine entspannten Gesichtszüge nichts erahnen von der Qual, die zu Beginn der Nacht seinen Blick erfüllt hatte. Versonnen betrachtete sie das Spiel des zunehmenden Lichts in seinen blonden Haaren, riss sich jedoch aus der angenehmen Trance, bevor Gemmas zarte Stimme zu einem schrillen Orkan anschwellen würde.

Eilig streifte sie ihre Robe über und lief über den Gang zu ihrem Schlafzimmer. Sie nahm die strampelnde Gemma hoch, die sofort verstummte und sich auf ihrem Arm etwas beruhigte, nach einem Augenblick jedoch wieder leises Wimmern ausstieß.

„Du beklagst dich", stellte Narcissa lächelnd fest. „Kein Wunder, draußen wird es hell. Du hast die ganze Nacht so brav geschlafen."

Vom ersten Moment an, als Gemma von Mildred in Narcissas Arme gelegt worden war, hatte sich die Kleine wie das vorbildlichste Baby der Welt verhalten, so als wolle sie beweisen, wie gut sie sich zum Liebhaben eignete.

„Ich würde dich auch behalten wollen, wenn du beim Zahnen quengeln würdest wie Draco damals", sagte Narcissa leise und küsste Gemmas kleine Nase, während sie mit ihr die Treppe in die Küche hinunter ging. Sie bereitete das Fläschchen zu, wechselte die Windel und fütterte Gemma, die nach zwei Dritteln der Flasche auf ihrem Arm einschlief.

„Scheint, als wolltest du noch eine Runde von dem wundervollen Zauberer träumen, der eines Tages auf einem Einhorn vor deinem Tor auftauchen und um deine Hand anhalten wird", säuselte Narcissa, dann unterdrückte sie ein Lachen und erinnerte sich wieder daran, dass sie eine moderne Hexe war. „Oder du träumst von dem Augenblick, an dem man dir die Urkunde für das beste Diplom der magischen Ökonomie überreichen wird, das seit den Tagen der legendären Narcissa Black verliehen wurde? Und lass dir niemals von Lucius einreden, er wäre der beste Absolvent gewesen, das ist nämlich geschwindelt. Er war bestenfalls dritter, und das auch nur von den männlichen Studenten."

Schmunzelnd legte Narcissa die Kleine ins Bettchen zurück und deckte sie sorgsam zu. Nicht erst jetzt spürte sie ihre eisigen Füße. Zeit, in Lucius' warme Geborgenheit zurückzukehren.

Er schlief noch immer tief und fest, wie das langsame Heben und Senken seiner Brust verriet. Narcissa legte die Robe wieder ab, schlüpfte unter das Federbett und schob ihre kalten Füße näher an Lucius' warme Unterschenkel.

„Wag es nicht", vernahm sie ein leises Knurren, und im nächsten Moment spürte sie sein Gewicht halb auf ihr, und er schmiegte hingebungsvoll seine wohltemperierten Füße und Waden gegen ihre eisigen Zehen.

Narcissa musste lachen, als Lucius seinen Weg von ihrem Mund über ihr Kinn an ihrem Hals entlang bis zum Ansatz ihrer Brüste küsste. Seine Haare kitzelten ihre empfindliche Haut.

„Wie lange bist du schon hellwach?", murmelte sie an seinen Lippen.

„Seit Gemma angefangen hat zu weinen", gab er zur Antwort.

„Du hast dich schlafend gestellt." Es war mehr eine Feststellung als eine Frage.

„Einer musste das Bett warm halten, um später deine Füße wieder auf akzeptable Temperaturen bringen zu können", gab er zurück und lächelte sie an. „Guten Morgen, meine Schöne. Ich liebe dich." Er küsste sie sachte. „Welch ein Geschenk, neben dir aufwachen zu dürfen", seufzte er und vergrub das Gesicht in ihrem Haar. „Seeliebchen."

Sie schob ihn sachte auf halbe Armeslänge von sich fort, so dass sie sein Gesicht sehen konnte.

„Ein neuer Kosename?", fragte sie mit kraus gezogener Nase. Das sah Lucius so gar nicht ähnlich, bisher hatte er von derlei Bezeichnungen stets Abstand genommen. ‚Geliebte' und gelegentliche Vergleiche mit Himmelskörpern waren bisher die einzigen Kosenamen, die ihm über die Lippen gekommen waren.

„Die erste und wichtigste deiner Antworten", erwiderte er leise. „Wir müssen reden, Cissy."

Ernst gab sie seinen besorgten Blick zurück. „Ja, das müssen wir wohl."

Lucius zog sie wieder in seine Arme, schob sich an sie heran und begann mit leiser Stimme zu erzählen.

„Du erinnerst dich an die Legende der jungen Elbin, die von ihrem Vater in einem Waldsee gebannt und zu hundertjährigem Schlaf verzaubert wurde, um sie vor dem dunklem Fluch der dreizehnten Zauberin zu behüten?"

„Bis ein junger Elbenprinz nach hundert Jahren die Dornenhecke zerteilte, die den See verbarg, auf den Grund tauchte und sie zu neuem Leben küsste. Natürlich kenne ich die Geschichte, Lucius. Sie steht in jedem Märchenbuch für kleine Hexen."

„Ich wusste, dass ich mich auf deine frühkindliche Bildung verlassen kann", scherzte er, bevor sein Ausdruck wieder ernst wurde.

Erwartungsvoll sah Narcissa in sein Gesicht.

„Du hattest keinen Unfall, Cissy. Es war ein Überfall. Der Fluch, der dich getroffen hat, war ein ‚Amnesia'."

„Das habe ich mir schon gedacht", gab sie leise zurück. „Meine Erinnerungen an die Schulzeit und die Universität sind sonnenklar, und bis zu unserer Hochzeit und Dracos Geburt habe ich auch das Gefühl, das meiste zu wissen. Gestern Abend habe ich mich an die Beerdigung deines Vaters erinnert, an das Essen, die Sitzordnung… Da wurde mir klar, dass du entweder nicht Abraxas sein konntest oder ich langsam aber sicher dem Wahnsinn verfalle. Erst Vergessen, dann Verwirrung, am Ende völliger Irrsinn." Sie schüttelte den Kopf. „Werde ich verrückt, Lucius?"

„Ich tue alles, um es zu verhindern", erwiderte er, ohne ihrem Blick auszuweichen. „Dir fehlen ein paar Jahre deiner Erinnerungen, Cissy. Zeit, die wir miteinander geteilt haben. Wir können die Spätfolgen des Fluchs aufhalten, wenn du dich wieder erinnerst. Heiler Delain – du erinnerst dich doch an ihn?"

Auf ihr zustimmendes Nicken fuhr er fort: „Delain hat mir erklärt, dass es möglich ist, dir deine Erinnerungen zurückzugeben, wenn wir sie gemeinsam zusammenfügen wie ein Puzzle. Aber es muss ohne Magie geschehen."

„Ist das der Grund für fehlende Zauberstäbe hier im Haus?", fragte sie.

Zögernd schüttelte Lucius den Kopf. „Nein. Wenn ich einen Stab besitzen dürfte, läge er jetzt auf dem Nachttisch. Cissy, ich bin ein Gefangener in diesem Haus. Gestern habe ich deinen Blick bemerkt, mit dem du die Sicherheitszauberer gemustert hast. Seltsame Mitarbeiter für eine Gewandschneiderei, n'est-ce pas?"

Narcissa nickte stumm.

„Es sind Auroren, deren Aufgabe meine Bewachung ist. Nur deiner schweren Erkrankung verdanke ich diesen Hausarrest hier, die einzige Alternative ist Askaban."

Narcissa erschrak zutiefst. „Askaban? Bei Circe, wieso, Lucius? Was hast du getan?"

„Mitgliedschaft in einer schwarzmagischen Vereinigung, Bestechung, und einen ‚Imperius' haben sie mir bedauerlicherweise auch nachweisen können."

Narcissa spürte, wie ihr das Blut aus den Wangen wich. „Aber du wurdest entlastet nach dem Fall des Dunklen Lords."

Lucius lächelte, doch es war ein sarkastisches Lächeln. „Nach seinem ersten Fall, ja. Damals haben wir den Kopf mit Mühe aus der Schlinge ziehen können. Doch er kehrte zurück, wie deine Schwester es prophezeite. Wir standen ganz vorne unter seinen Anhängern, Cissy. Ich war so etwas wie seine rechte Hand."

„Was…" Sie wagte kaum, den Satz zu Ende zu bringen. „Was ist mit dem Dunklen Lord geschehen, Lucius?"

Wieder ein zynisches Grinsen auf dem schönen, blassen Gesicht ihres Mannes. „Er wurde getötet, Cissy. Du hattest erheblichen Anteil daran. Und auch mein Unvermögen trug zu seinem Fall bei. Aber mach dir keine Vorwürfe, deine Entscheidung hat vermutlich uns allen das Leben gerettet. Hätte er die entscheidende Schlacht gewonnen, ich bin sicher, der Name Malfoy wäre ausgelöscht."

Narcissa schüttelte ihren Kopf, der jetzt heftig zu schmerzen begann. „Was ist mit Draco?", fragte sie. „Severus hat gesagt, er wäre bei Bella, aber das kann nicht sein. Bella ist in Askaban. Das ist mir wieder eingefallen."

„Deine Schwester ist tot", erklärte Lucius unbewegt. „Sie starb an der Seite des Dunklen Lords. Aber Draco geht gut."

„Wo ist er, Lucius?", drängte sie. „Wann kann ich ihn sehen?"

„Das hast du bereits", antwortete Lucius.

„Ich erinnere mich aber nicht!", rief sie verzweifelt aus.

„Cissy, Geliebte." Lucius nahm ihre Hände und hielt sie fest. „Hast du eine Ahnung, wie lange du ‚im See geschlafen' hast? Wie viele Jahre dir fehlen?"

Sie schüttelte den Kopf und konnte die aufsteigende Panik nicht unterdrücken. „Wirklich Jahre? Nicht Monate?", flüsterte sie.

„Jahre", sagte er leise. Seine Stimme zitterte, als er hinzu setzte: „Draco ist erwachsen."

Narcissa schnappte nach Luft. „Das kann nicht sein." Sie schüttelte heftig den Kopf. „Nein, Lucius. Du willst mir nicht sagen, dass die Hälfte meines Lebens verschwunden ist. Das geht nicht. Es wäre einfach nicht fair!"

Sie spürte, wie das Entsetzen in heißen Wellen durch ihre Adern rollte, aufwallte und immer bedrohlicher wurde, bis sie in einem Meer aus Angst und Verzweiflung zu ertrinken drohte. Sie bekam keine Luft mehr, der Raum begann sich um sie zu drehen, in ihren Ohren rauschte das Blut, und hinter ihrer Stirn ballte sich ein hämmernder, quälender Schmerz. Das Karussell in ihrem Kopf drehte sich schneller und schneller, das Zimmer, das Bett, das Gesicht mit den vor Angst aufgerissenen Augen vor ihr verschwammen zu einem hellen Flackern. Narcissa vernahm einen panischen Schrei, dann verschluckte kalte Dunkelheit ihren Geist, löschte Angst, Schmerz und Schwindel gnädig aus.

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Als sie erwachte, schien die Frühlingssonne warm durch die deckenhohen Fenster des Herrenhauses und malte helle Kringel und Spiralen auf das edle Eichenparkett. Sie erhob sich und richtete ihren Zopf, der sich im Schlaf in einen unordentlichen Flechtstrang verwandelt hatte. Sie schüttelte den Kopf über sich selbst. Wie konnte sie nur auf der Couch hier unten in der Bibliothek einschlafen? Das war nun wirklich seltsam. Ein Blick in den Park hinaus sagte ihr, dass es bereits später Vormittag sein musste. Die japanischen Kirschbäume warfen nur kurze Schatten auf den gepflegten Rasen. Merlin, seit wann hatte sie hier gelegen? Vor der Chaiselongue stapelten sich allerlei Bücher, manche von ihnen waren aufgeschlagen, etliche lagen sogar mit gespreizten Seiten auf dem Boden. Was für eine Unordnung!

Dobby!"

Ihr Ruf erfuhr keine Reaktion seitens des miserablen, kleinen Hauselfen. Narcissa presste missbilligend die Lippen aufeinander. Egal ob Einrichtungsgegenstand, Wein oder Literatur, in ihrem Haus gab es nur vom Besten. Lediglich der Hauself der Malfoys stellte die berühmte Ausnahme von der Regel dar. Dobby war der faulste, aufsässigste und ungeschickteste Hauself von ganz England, vielleicht sogar des gesamten Empires. Lucius drohte gelegentlich damit, ihn zu köpfen und im Garten zu verscharren, doch selbst diese massiven Einschüchterungsversuche zeigten keine Wirkung. Die nutzlose Kreatur wusste genau, wie selten Hauselfen inzwischen geworden waren. Man konnte sie nicht einmal auf dem Schwarzmarkt erwerben.

Dobby!"

Narcissa entschied, dass es müßig wäre zu warten. Dieser widerspenstige Hauself konnte etwas erleben, wenn sie ihn zwischen die Finger bekam! Sie zückte ihren Stab und ließ die Bücher zurück ins Regal schweben. Dann faltete sie das Kaschmirplaid zusammen, das Lucius vom einer seiner letzten Geschäftsreisen aus Pakistan mitgebracht hatte und verließ die Bibliothek in Richtung Obergeschoss.

Der ganze Boden vor dem Kamin in der Eingangshalle war voller Asche und Blätter, letztere mussten aus dem Garten hinein geweht worden sein. Narcissa schloss mit einem Wink ihres Stabes die schweren Türflügel und fluchte den Schmutz hinfort. Nicht, dass es ihre Aufgabe gewesen wäre, aber man konnte dieser Tage nie wissen, wer unangemeldet hereinschneite.

Plötzlich hörte sie aus Lucius' Arbeitszimmer das Klirren von Glas und unterdrücktes Fluchen. Es klang beinahe wie eine Auseinandersetzung. Sie erkannte Lucius' Stimme ebenso wie den sonst stets verhaltenen, samtenen Tonfall von Severus Snape. Heute jedoch schien die Harmonie zwischen den beiden Männern gestört.

Ich fasse nicht, wie du derart verantwortungslos handeln konntest, Lucius!", rief Snape mit zornbebender Stimme.

Ich hatte keine Wahl!", fauchte ihr Mann zurück. „Sie hat Erklärungen von mir gefordert, sie brauchte Antworten!"

Und von einem behutsamen Anfang und kleinen Schritten wolltest du einmal wieder nichts wissen? Natürlich, der große Lucius Malfoy muss sich einmal mehr über alle Anweisungen und Ratschläge hinwegsetzen. Bedauerlich, dass schon wieder andere für deinen Eigensinn zahlen müssen, Lucius. Da es diesmal deine eigene Frau ist, spürst du vielleicht zum ersten Mal in deinem Leben etwas wie Mitgefühl oder Reue."

Schön, was genug war, das war genug. Narcissa zögerte nicht, die Tür zu öffnen.

Guten Tag, Severus", begann sie. „Was ist hier…" Sie verstummte mitten im Satz. Das Arbeitszimmer war ein einziges Chaos. Überall lagen Bücher, Akten und Papiere wild auf dem Boden verstreut, und das Klirren, das sie gehört hatte, mussten die Bilderrahmen sein, die jemand in einem Anfall von Zorn von Lucius' Schreibtisch und vom Kamin gefegt hatte. Der kostbare Teppich und das Parkett lagen voller Scherben.

Narcissa ließ ihren Blick erst über die allgemeine Zerstörung, dann über die Gesichter von Severus und Lucius gleiten. Der Tränkemeister sah aus wie immer, doch Lucius wirkte wie mit zuviel Weichzeichenzauber fotografiert, sie konnte seine Konturen kaum erkennen. Das mochte allerdings auch daran liegen, dass er im Gegenlicht auf seinem Lesesessel saß, einem grässlich protzigen Stück, das schon sein Urgroßvater besessen hatte. Sie hatte es vor zwei Jahren neu aufpolstern und beziehen lassen, mit feinstem ungarischem Drachenleder. Mit den groben Klauenfüßen wirkte es dennoch deplaziert zwischen all den edlen Teakholzmöbeln.

Während Lucius sich in zorniges Schweigen hüllte, ein Zustand, den kaum jemand außer seiner Schwiegermutter und Severus hervorzurufen vermochten, trat letzterer auf sie zu.

Guten Tag, Narcissa. Ich hoffe, du hast dich gut ausgeruht?"

Irritiert sah sie ihn an.

Weißt du, es wäre wirklich sehr hilfreich, wenn du hier etwas aufräumen könntest. Lucius war so intelligent, euren Hauself an das St. Mungos auszuleihen, und du siehst ja selbst, wie es hier aussieht." Er machte eine vage Geste, die den Raum umfassen sollte.

Ach, das ist ja interessant", erwiderte sie spitz. „Möchtest du mich nach dem Tee dann zur Gartenarbeit einteilen, Severus?"

Snape lächelte, und zum ersten Mal bemerkte Narcissa eine seltsame Narbe, die sich von der Stirn aus über die Wange bis hinunter zur Oberlippe zog, und diese seltsam verzerrte.

Was ist mit dir geschehen?", erkundigte sie sich mitfühlend. „Sieht gar nicht nach misslungenem Trank aus." Soweit sie wusste, war Severus seit dem zweiten Semester an der Magischen Universität kein Kessel mehr explodiert oder geschmolzen, noch hatte er irgendeinen anderen nennenswerten Unfall in seinem Laboratorium erlitten.

Schlangenbiss", erklärte Severus, um ungewohnt auskunftsfreudig hinzu zusetzen: „Nagini ist nicht sonderlich zahm. Ich musste feststellen, dass es unklug ist, ihr in die Quere zu kommen."

Narcissa lächelte. „Nun ja, versuch es positiv zu sehen: Es verleiht dir etwas Verwegenes. Wie bei einem Kriegshelden oder Geheimagenten."

Severus verdrehte aufstöhnend die Augen. Offenbar hatte sie einen Nerv getroffen. „Bitte, Narcissa", presste er hervor, „lass uns hier ein bisschen aufräumen. Ich bilde mir ein, Druella gestern Abend sagen gehört zu haben, sie wolle euch heute einen Besuch abstatten und auch etwas Geschäftliches mit deinem Mann besprechen."

Narcissa holte tief Luft und zählte innerlich bis zehn. Ihre Mutter hatte ihr heute gerade noch gefehlt. „Also schön", willigte sie ein.

Das ist eine kluge Entscheidung", lobte Severus, als wäre sie einer seiner Erstklässler auf Hogwarts. Dabei war sie fast sicher, dass kaum je ein Schüler dem finsteren Tränkemeister ein Lob zu entlocken vermochte. Nun, das würde sich ändern, sobald Draco nach Hogwarts ins Internat kam.

Draco – Narcissa hob eines der herabgefallenen Bilder auf. Es zeigte ihren Sohn, gerade drei Jahre alt, mit vor Vergnügen aufgerissenen Augen vor Lucius auf dem Besen. Sie wirkte einen ‚Reparo' und stellte das nun wieder tadellos gerahmte Bild zurück an seinen Platz. Nacheinander kehrten all die zauberhaften Erinnerungen wieder auf das Kaminsims zurück. Ihre Hochzeit, Draco als Baby mit den Großeltern mütterlicherseits, Dracos Einschulung, Urlaubsbilder vom Skifahren in St. Moritz, von den Ferien in den schwedischen Schären, und sogar ein Bild von Lucius und Draco beim Wildwasserkanufahren in Kanada. Wie alt war der Junge da gewesen, überlegte Narcissa. Dreizehn oder vierzehn? Der Dunkle Lord war zu diesem Zeitpunkt bereits zurückgekehrt, doch noch hatte Lucius es vermocht, sich für einige wenige Tage von der Fülle seiner Pflichten loszueisen und mit dem Jungen in die Rocky Mountains zu fahren. Sie erinnerte sich gut, wie traurig sie war, dass sie nicht mitkommen konnte; jemand musste in London bleiben und die Geschäfte führen.

Ist das dein Spiegel?", erkundigte sich Severus und reichte ihr einen handtellergroßen, mit fein geschmiedetem Silber verzierten venezianischen Spiegel, den Lucius ihr während der letzten gemeinsamen Reise nach Florenz bei einem Trödler auf einem Straßenmarkt gekauft hatte.

Du meine Güte, ja", antwortete Narcissa und drehte sich zu Lucius um. „Weißt du noch, wir haben unseren fünfzehnten Hochzeitstag in dieser romantischen kleinen Trattoria gefeiert."

Lucius lächelte ihr zu, die Gesichtszüge viel klarer als zuvor. Die letzten Jahre hatten seinem einst makellosen Aussehen zugesetzt, der Dunkle Lord verlangte so viel von ihm. Feine Linien hatten sich in die Augenwinkel gegraben, eine steile Sorgenfalte verunzierte viel zu oft seine Stirn, und um den Mund hatte sich der harte Zug manifestiert, den man zum Zeitpunkt ihrer Heirat nur hatte erahnen können. Doch egal, wie müde und angestrengt Lucius aussah, wenn er sie in die Arme nahm und küsste, bekam sie noch immer weiche Knie, und sie würde nie einen anderen so lieben, nie einen anderen so attraktiv finden.

Ihr Blick fiel in den kunstvollen Handspiegel. Auch in ihrem Gesicht hatte das Leben Spuren hinterlassen, aber sie konnte sich nicht beklagen.

Du bist immer noch wunderschön", hörte sie Lucius zärtlich an ihrem Ohr murmeln. Sie spürte die Wärme seiner Umarmung, und lehnte sich gegen den kräftigen Körper, weil ihr plötzlich schwindelig wurde.

„Mir ist übel", brachte sie noch hervor, dann begann das Würgen, während der Raum um sie herum in kalter Schwärze versank.

„Mrs. Malfoy?" Eine vage bekannte männliche Stimme.

„Cissy. Geh nicht weg. Verlass mich nicht. Cissy, Geliebte." Lucius' Worte drangen von weit her wie durch meterdicke Watteschichten an ihr Ohr. Flehend, verzweifelt.

Obwohl seine Stimme aus geraumer Entfernung zu stammen schien, spürte sie doch seine Arme, die sie umfingen, die Wärme seines Körpers an ihrem Rücken. Sie musste an ihn gelehnt sitzen, schloss sie, ehe eine neuerliche Welle der Übelkeit sie überrollte.

Calma nauseam." Die erste Stimme. Jetzt konnte Narcissa auch diese zuordnen. Sie gehörte zu Heiler Delain aus dem St. Mungos.

Mühsam hob sie die Lider, blickte in die schwarzen Augen von Severus Snape und erbrach sich in die Keramikschale, die er ihr mit unbewegtem Ausdruck vorhielt. Jemand wischte ihr sachte mit einem weichen Tuch über den Mund.

„Merlin sei Dank, wir haben sie wieder", verkündete Delain. „Bitte ein paar Tropfen von dem antiemetischen Trank, Mr. Snape."

Narcissa spürte eine gläserne Pipette auf den Lippen und schmeckte etwas Bitteres, das sich zu der Galle in ihrem Mund addierte; ein nicht eben angenehmer Geschmack.

„Cissy." Lucius' Stimme war nur ein heiseres Flüstern, als seine Lippen sachte ihre Wange streiften. „Möchtest du etwas trinken?"

Ein Glas Wasser erschien vor ihrem Mund. Dankbar nahm sie einen Schluck, und erfrischende Kühle vertrieb die größte Bitternis von ihrem Gaumen. Sie sah sich um. Sie saß tatsächlich auf dem Bett in Lucius' Schlafzimmer, ihren Oberkörper an seinen Brustkorb gelehnt. Neben dem Bett lehnte sich Delain eben auf seinem Stuhl zurück, ihm gegenüber stand Severus und funkelte Lucius mit kaum verhohlener Wut an. Sowohl Severus als auch Delain hielten ihre Stäbe in den Händen. Im Türrahmen hatte sich mit drohender Miene einer der Sicherheitsmänner aufgebaut. Ein Auror, erinnerte sich Narcissa.

Sie griff mit der Hand an ihre schmerzende Stirn, massierte sie sanft mit kreisenden Bewegungen und strich dann ihre Haare aus dem Gesicht.

„Heiler Delain, Severus" – sie drehte sich zu Lucius um – „Vater, was ist hier geschehen? Ich befürchte, mir ist schrecklich übel geworden."

„Ja, das ist kein Wunder", stimmte Delain ihr zu. „Die letzten Stunden waren sicher schwierig. Sie hatten einen amnesischen Anfall. Wie gut, dass Ihr … Schwiegervater uns so schnell verständigt hat. Woher hatten Sie eigentlich die Eule, Mr. Malfoy?"

„Miss O'Malley war so vorausschauend, einen Vogel auf dem Dachboden unterzubringen, eine Schleiereule", erwiderte Lucius.

Etwas mühsam und schwer atmend kroch er nun hinter Narcissa hervor und bettet sie sorgsam auf ein großes Kissen, dass er ihr in den Rücken schob.

„Ich bin froh, dass es Ihnen besser geht, Narcissa", sagte er und nahm von Severus den Gehstock entgegen. Schwer darauf gestützt schritt er zur Tür.

Lucius wird erleichtert sein", schnarrte Snape.

„Wann wird er zurück sein, Severus?", fragte Narcissa matt. „Hat er sich gemeldet?"

„Wie ich gehört habe, ziehen sich seine Verhandlungen in Singapur noch etwas in die Länge", erwiderte Snape vage, während sein schwarzer, stechender Blick sich in ihr Gehirn zu bohren schien.

Heiler Delain räusperte sich. „Was genau hat Mr. Malfoy senior Ihnen erzählt, Mrs. Malfoy?", erkundigte er sich freundlich.

Narcissa blinzelte und griff sich wieder an die Stirn. „Also, er meinte, dass ich keinen Unfall hatte, sondern von einem Amnesiafluch getroffen wurde. Und er hat mir gesagt, dass mir mehr als ein paar Monate an Erinnerung fehlen."

„Dieser ungeduldige Bastard!", entfuhr es Snape. Er wandte sich zur Tür. „Wir sprechen uns noch, Abraxas." Es klang wie eine Drohung.

„Nein, nein, das ist schon in Ordnung", widersprach Narcissa mit schwachem Lächeln. „Es hat mir geholfen, mich besser zu Recht zu finden. Ich meine, ich verstehe jetzt, woher meine Erinnerungslücken stammen. Weiß man, wer mich verflucht hat?"

„Das würden wir gerne von Ihnen erfahren", erklärte der Auror von der Tür her.

„Tut mir Leid, daran kann ich mich nicht erinnern", gab sie zur Antwort. „Sonst würde ich kaum fragen."

„Es ist völlig normal, dass die Erinnerung von Mrs. Malfoy nur bruchstückhaft zurückkehrt", erläuterte Delain hilfsbereit. „Sie wird sich zuerst an Dinge erinnern, die weiter in der Vergangenheit liegen."

„Ich erinnere mich an Dracos Einschulung", teilte sie mit.

Alle Augen starrten sie an.

„Er ist in Hogwarts, nicht wahr? Deshalb konnte ich ihn noch nicht sehen. Ich nehme an, Lucius wollte nicht, dass wir ihn beunruhigen?"

Delain nickte, sichtlich erleichtert. „So ist es, Mrs. Malfoy. Genau so."

In diesem Augenblick hörte man von draußen Babygeschrei. Narcissa sprang aus dem Bett. „Ich muss mich um Gemma kümmern."

„Ganz ruhig, Mrs. Malfoy", sagte Delain begütigend. „Ihre Freundin Mrs. O' Malley ist da und kümmert sich um das Kind."

Ohne sich um ihre bloßen Füße oder den Einwand des Heilers zu bekümmern, eilte Narcissa an den Männern vorbei, die Treppe hinunter. Sie folgte Gemmas Weinen bis in die Küche.

„Hey Narcissa! Wie schön, dass du wieder auf den Beinen bist." Holly strahlte sie an. Sie saß am Küchentisch und hatte Gemma im Arm. Ihre Mutter nahm eben die Flasche aus dem Wasserbad.

„Gleich fertig, kleiner Schreihals", lachte sie und spritzte einige Tropfen Milch auf die zarte Haut am Inneren ihres Handgelenks. „Temperatur passt", sagte sie zu ihrer Tochter. „Aber vielleicht möchte Narcissa Gemma lieber selbst füttern."

„Das möchte ich wirklich", erklärte Narcissa und nahm das Baby von ihrer Freundin entgegen. „Nichts gegen dich, aber…"

„Schon in Ordnung", erwiderte Holly lächelnd.

Narcissa gab das Lächeln zurück und stellte wieder einmal fest, wie sehr Holly ihrer Mutter ähnelte, trotz des pechschwarzen, glatten Haares und der blauen Strähnen darin.

„Du musst das Wasserbad mit einem neuen Wärmezauber versehen, Holly", sagte Àine. Sie trocknete ihre Hände ab und wandte dabei Narcissa die unverletzte Seite ihres Gesichts zu. Sah man sie nur so im Profil, war sie noch immer eine schöne Frau, mit den langen roten Locken, dachte Narcissa geistesabwesend und versuchte sich erfolglos daran zu erinnern, woher Àines Narben stammten.

In diesem Augenblick schwang die Küchentür auf, und Snape rauschte mit wehendem Umhang herein.

„Ich habe noch einige Fragen an dich, Nar…"

Er verstummte mitten im Wort; sein Gesichtsausdruck wie auch seine Gestalt versteinert, starrte er Hollys Mutter an.

Wie in Zeitlupe wandte sie sich zu ihm um, auch auf ihrem Gesicht ein Ausdruck, der irgendwo zwischen Erschrecken, Staunen und furchtsamer Anspannung lag. Ihr Blick huschte für Sekundenbruchteile zu ihrer Tochter hinüber, dann jedoch fasste sie sich.

„Severus. Ich wusste nicht, dass du heute hier sein würdest. Wir haben nur die Auroren und Heiler Delain kommen gesehen."

Der Tränkemeister, sonst ein Musterbeispiel an Selbstbeherrschung und makelloser Fassade, erbleichte merklich. Seine ohnehin blasse Haut nahm einen ins Kalkweiße spielenden Ton an, seine Hände begannen zu zittern, und ein heiseres Krächzen entrang sich seiner Kehle.

„Àine."

Narcissa zog eine Augenbraue hoch, eine mokante Imitation von Severus' üblichem Mienenspiel. „Wie ich sehe, bedarf es keiner Vorstellung. Offenbar kennt ihr euch bereits."


Fortsetzung folgt