«Waaaaahhhh!»

Yogi wurde in einer ruckartigen Bewegung und bei seinen Beinen angefangen, in die Luft gezerrt. Dies führte dazu, dass die übrigen Körperteile der Schwerkraft unterlagen und nach unten baumelten, was auch seinen Blondschopf nicht ausschloss. Seine Welt stellte sich wortwörtlich auf den Kopf, als sein rechtes Bein noch ein bisschen weiter nach oben gezogen wurde, damit er wenigstens nicht auf dem Boden lag. Nun baumelte er kopfüber und hilflos um her.

«Wir haben ihn!» Eine siegessichere Stimme mit gewöhnungsbedürftigem Akzent hallte aus der unmittelbaren Nähe hervor.

Ein paar andere murmelnde und zischelnde Stimmen gesellten sich zu der Ersten, doch Yogi kümmerte sich gerade lieber nicht darum.

Der Blonde zwang sich, seinen Oberkörper soweit zu verbiegen, um seinen rechten Fuß sehen zu können, der ihm nun mal als unfreiwilliger Anker diente. Um seinen Stiefel hatte sich ein straffes Seil geschlungen, an dem er wohl nach oben gezogen worden war. Dies war vermutlich ganz gut so, denn der Knoten daran, hatte verhindert, dass sein Bein in den metallenen Mechanismus gezogen wurde, der das eigentliche Flaschenzugsystem darstellte, welches ihn gefangen hielt. Offenbar war Yogi in eine einfache Falle gelaufen. Zumindest in eine, die keine fortschrittliche Technologie erforderte.

Enttäuscht entspannte er seinen Oberkörper und ließ sich fallen. Es würde noch einige Zeit dauern, bis ihm genügend Blut in den Kopf geschossen war, um ihn umzubringen. Mal ganz davon abgesehen, dass man Circus-Kämpfer ohnehin in Nichts so schnell kleinkriegen konnte, wie andere Menschen…

Wie hatte er so dumm sein können? "Circus-Kämpfer" war dabei ein gutes Stichwort. Yogi hatte genau wie alle Anderen seiner Kollegen eine vermutlich kostspielige und auf alle Fälle sehr hochwertige Ausbildung der Regierung ermöglicht bekommen, trotzdem schien er der Einzige zu sein, der dies regelmäßig zu vergessen schien!

«Ich bin doch wirklich zu nichts zu gebrauchen...», ging es dem Blonden nicht zum ersten Mal in seinem Leben durch den Kopf.

Kagiri umging Uro's "Angestellte", die sich sichtlich stolz fühlten, einen Circus-Kämpfer so leicht überlistet zu haben und musterte ihn. Schlacksige Statur, nicht allzu muskulös mit Blonden Locken und violetten Iriden, die in diesem Moment unzufrieden - womöglich mit sich selbst - dreinblickten. In Kagiri's Kopf sprangen sämtliche Sirenen an. Das war der Typ, den Kiharu und er schon einmal getroffen hatten.

Der Varuga ermahnte sich ruhig zu bleiben. Dieser Typ war keine Gefahr. Zumindest jetzt nicht. Und selbst wenn er eine darstellen würde, Kagiri wusste auch so, wie er sich verteidigen konnte, wenn es darauf ankam. Auch ohne Kiharu… Er hatte ja Uro's "kleine" Helfershelfer, wenn es hart auf hart kommen sollte.

Vermutlich war er erst dann gefährlich, wenn seine Haare die Farbe wechselten, wieso auch immer das auf Knopfdruck möglich war. Immerhin war genau das, auch das letzte Mal passiert. Kagiri war sich sicher, den Anderen sicherheitshalber in den Ketten verweilen zu lassen, um möglichen Risiken vorzubeugen. Jedoch fragte er sich, ob der Blondschopf ihn erkannte. Kagiri trug, selbst wenn diese Insel viele brühend heiße Tage hatte, dieselben Dinge am Körper, die er auch in dieser Eiswüste damals getragen hatte. Wenn man ein Varuga war, was bedeutete, dass man praktisch zum Super-Zombie mutiert worden war, kümmerte man sich nun mal nicht um Belanglosigkeiten, wie etwa das Wetter.

Yogi hatte gar nicht erst damit begonnen, sich großartig zu wehren. Er hatte den genauen Zeitpunkt auch nicht mitbekommen, da er zu sehr in seinen Selbstvorwürfen versunken gewesen war, aber irgendwann, hatten diese Menschen - die nicht allzu sehr wie Varugas aussahen - angefangen, ihre Schusswaffen auf ihn zu richten. Von einfachen Pistolen, bis hin zu Schrotflinten war alles vertreten. Der Circus-Kämpfer hatte eine gewisse Ahnung, dass Gareki diese Leute möglicherweise sympathisch gefunden hätte - bis zu einem bestimmten Punkt.

Egal wie zäh er sein konnte, Yogi war sich relativ sicher, dass sein Körper es nicht aushalten würde, sollte man ihn mit allerlei scharfer Munition vollpumpen…

Er richtete sein Augenmerk auf die Person, die nun hervor getreten war. Ein Rothaariger junger Mann, der eine Art Fliegerbrille trug, die seine Augen erfolgreich verdeckte. Yogi konnte also nichts von seinem Gesicht ablesen. Irgendwie, kam der Fremde ihm ziemlich bekannt vor…

«Komm runter, du Tollpatsch… Und sieh in dir genau an. Denk an damals, als Tsukumo-chan entführt wurde. Wer war wohl mit von der Party?» Als hätte er ihn nie aus seinen Gedanken oder seinem Verstand verbannt, hallte Silver Yogi's Stimme in seinem Kopf wieder. Diese Stimme war ein einziges Echo und überraschenderweise, hörte er sich ruhig an…

Yogi vergaß die Frage, ob er seinem Alter Ego trauen konnte - teils weil dieser seine Gedanken wortwörtlich lesen konnte und teils, weil es ihn in diesem Moment zu sehr anstrengte - und konzentrierte sich auf die Person, die dort vor ihm stand. Außerdem, warum sollte der Silberne gerade versuchen ihn reinzulegen? Das würde er nur probieren, sollte sich eine Möglichkeit ergeben, erneut die Kontrolle an sich zu reißen.

Dieser Unbekannte… Yogi war sich jetzt sicher ihn zu kennen. Offenbar war er ein Varuga. Der Blonde hätte es ihm an der Nasenspitze ansehen können.

Und plötzlich machte es klick.

Das war einer von den Beiden, die Tsukumo-chan entführt, und vermutlich auch beinahe getötet hätten. Zumindest waren sie irgendwie in die Sache verstrickt. Yogi blinzelte. Was sollte er jetzt tun? Er fragte sich, ob er auf seine Degen zugreifen konnte, oder ob das Land seine Kräfte erneut abschirmte.

«Natürlich kannst du gerade deine Degen herholen! Aber warte auf den richtigen Moment…»

«Sag mir nicht, wie ich meine Arbeit zu erledigen habe…!», beschwerte das Original sich augenblicklich gedanklich.

«Oh ja, mein Fehler, 'tschuldigung. Ich werde uns beide in den Tod rennen lassen und halte mich fortan geschlossen.» Yogi sog scharf die Luft ein. Sarkasmus war etwas, dass der Silberne nicht sehr oft anwandte. Irgendwas stimmte nicht mit ihm. Und genau das machte der blonden Version Angst.

Aber er würde tun, worum sein Alter Ego ihn bat. Er hatte selbst daran gedacht, auf den richtigen Moment zu warten - so blöd war er nun auch wieder nicht. Außerdem würde Silver Yogi sie beide schützen, solange sie aneinander gebunden waren. Und dies würde sich nicht allzu bald ändern, es sei denn, der Eindringling, oder die Hülle starb.

«Sollen wir ihn umbringen? Er ist gerade wehrlos!», fragte einer der Schläger eifrig. Offenbar suchte er nach einem Ventil.

Ein Ventil, dass Kagiri ihm nicht geben würde. Der Rothaarige hatte diese Möglichkeit abgewogen, lange bevor es überhaupt zur Sprache kam, und es als schlechte Idee vermerkt. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Uro keine Verwendung mehr für Kiharu und ihn fand. Und er hatte gerade eine Art Allianz mit diesem Circus-Mädchen gebildet. So gesehen, waren im Moment eher Circus seine Verbündeten, als Uro es war. Und seine Verbündeten tötete man nun einmal nicht.

Kagiri konnte sich ebenfalls nicht vorstellen, dass das Circus-Mädchen, Tsukumo, sonderlich begeistert wäre, wenn er einen ihrer Freunde hinrichtete… Dann wäre es mit der "Allianz" vorbei und auch die letzte Chance möglicherweise am Leben zu bleiben, wäre dahin.

«Nein», sagte er deshalb entschieden. Er war es noch nicht gewohnt, Befehle zu erteilen, anstatt sie auszuführen. Dies würde sich wohl auch bald wieder ändern.

«Aber er kommt definitiv von dieser Circus-Organisation, gegen die wir vorgehen!», protestierte der Schrank. Kagiri konnte es nicht als gut befinden, dass er von einem "wir" sprach. «Warum nicht?»

«Ich habe nein gesagt.»

Sowohl das Original, als auch der Silberne hielten überrascht inne. Yogi konnte es fühlen. Warum verschonte dieser Varuga ihn? Er hatte doch sicherlich von seinem Boss - wer auch immer das war - aufgetragen bekommen, alle feindlichen Kräfte zu unterbinden. Oder hatte er vielleicht andere Befehle? Wie in etwa, ihn gefangen zu nehmen?

Kagiri überdachte in Gedanken blitzschnell seine Optionen. Er würde den Blondschopf weder töten, noch gefangen nehmen und Uro übergeben können oder sollen. Aber er konnte diesen Schlägern auch unmöglich befehlen, ihn freizulassen, ohne dass sich dies aus Verwirrung herumsprechen würde. Irgendwann würden die Gerüchte Uro erreichen, und der wäre mit Sicherheit nicht begeistert. Dann wäre es ebenfalls aus.

Das Einzige, was übrig blieb, war diesen Circus-Kämpfer dort hängen zu lassen. Auch dabei hatte Kagiri seine Zweifel, denn der Blonde sah ziemlich fertig aus, aber ihm blieb einfach keine Wahl.

«Nein», sagte er deshalb und musterte Yogi. «Wir lassen ihn hängen.»

«Was bitte?!», kam es in so ziemlich jeder erdenklichen Variante zu dem Rothaarigen zurück geschallt.

«Er nützt uns nichts. Ehrlich gesagt, sieht er so aus, als würde er bald den Löffel abgeben… Wir müssen weder Munition verschwenden, noch ihn mühevoll zum Versteck schleppen», log Kagiri kurzerhand.

«Er lügt...», merkte Silver Yogi überrascht an.

«Ja… Aber wieso?»

Das Original hatte einen Entschluss gefasst und konzentrierte sich auf seine Degen. Gerade als der Anführer der Prügel-Truppe wütend auf den rothaarigen Fremden einreden wollte und man sich nicht komplett auf ihn konzentrierte, zückte Yogi die Schwerter, schwang sie in die Luft und zerschlug den Halterungsmechanismus, der ihn an Ort und Stelle behielt. Dies hatte zur Folge, dass er zu Boden purzelte und sich flink abrollen musste.

«Was tust du?», fuhr der Silberhaarige ihn mental an.

Yogi antwortete ihm nicht, aber verschwendete auch keine Energie darauf, den Eindringling erneut auszusperren. Stattdessen stürzte er sich auf die Schläger, solange er seine Kräfte noch nutzen konnte und dazu in der Lage war, sich mittels Fluggeschwindigkeit aus dem Staub zu machen. Es dauerte nicht lange, bis jeder dieser muskelbepackten Kraftprotze zu Boden fiel. Die Stärke, ausgebremst von ihrer mangelnden Reaktionsfähigkeit tat keinem von ihnen einen Gefallen.

Nachdem der Letzte von ihnen mit einem dumpfen Thump zu Boden gegangen war, schwang Yogi sich in die Luft und hechtete von Baumkrone zu Baumkrone, bevor er einen prüfenden Blick zurück hinunter warf.

Zurück blieb ein perplexer Kagiri, der sich dafür verfluchte, das nicht kommen gesehen zu haben.

Er schaute sich zwischen den Rüpeln um, die bewegungslos auf der Erde lagen und kratzte sich nachdenklich am Hinterkopf. Das war… schnell gegangen. Was zum Henker sollte er jetzt tun? Er verzog das Gesicht.

Die Stille wurde von seinem Funkgerät unterbrochen. Kagiri fluchte kurz und leise. Er konnte sich bereits denken, wer da nach ihm verlangte.

Als hätte er es nicht gewusst, drang Uro's Stimme an seine Ohren: «Mach das du zurück kommst. Irgendwelche Circus Aktivitäten?»

«Nein», log Kagiri ohne zu zögern.

«Sind sämtliche Gruppenmitglieder wohlauf?»

Der Varuga ließ schnell seinen Blick zwischen den am Boden Liegenden schweifen. Er war sich nicht mal sicher, ob dieser Geistesgestörte alle bloß bewusstlos geschlagen hatte! Viele von ihnen atmeten nicht ersichtlich… «Ja. Treten jetzt den Rückweg an.» So viel dazu. Kagiri biss sich auf die Unterlippe.

Die Verbindung wurde von Uro unterbrochen und der Varuga tänzelte stumm über die Hindernisse zu seinen Füßen hinweg.

Er würde… Uro-san einfach erzählen, dass ein wilder Bär ihnen allen die Köpfe abgebissen hatte. Wo Not am Mann war…

Ein feines Schweißperlchen rann seine Stirn hinab. Das war kein gutes Omen.