Kapitel 2.10 – Verlängerung


Severus nahm das Messer von ihrem Hals und ging mit großen Schritten zu der kleinen Kiste hinüber. Zielsicher griff er nach dem Reagenzglas und kehrte zu Adia zurück. Es gab einen Zauber, der den Tränenfluss verstärkte, doch er wirkte erst, wenn jemand ohnehin angefangen hatte zu weinen. Eigentlich galt er der Unterstützung zur Entfernung von Fremdkörpern im Auge (er hatte letztens in einem von Hermines Medizinbüchern gestöbert).

Diesen Zauber sprach er nun, da er Adia endlich zum Weinen gebracht hatte, und hielt das Reagenzglas unter ihr Kinn. Ein salziger Tropfen nach dem anderen floss hinein und hellte Severus' Stimmung auf. Es dauerte einige Minuten und Adia schien sich ab einem gewissen Zeitpunkt auch zu wundern, dass sie trotz vollkommener Stille seinerseits nicht aufhören konnte zu weinen. Doch Severus würde sich hüten, deswegen den Zauber zu beenden. Je mehr Tränen er von ihr bekommen konnte, umso besser. Er hatte Großes damit vor.

Deswegen zögerte er auch nicht, nach fast zehn Minuten das erste Reagenzglas zu versiegeln und ein zweites zu holen. Er war selbst verblüfft, wie ausgesprochen gut der Zauber funktionierte, auch wenn er Adias Augen nicht gut tat. Sie waren rot und verquollen, sicherlich würde es bis morgen dauern, ehe sie wieder vernünftig sehen konnte – selbst wenn er den Zauber, der sie blind gemacht hatte, auflöste.

Als das zweite Reagenzglas etwa halb voll war, ließ der Zauber nach und Adia beruhigte sich wieder. Severus stellte im Nachhinein fest, dass er mit weinenden Frauen besser umgehen konnte, wenn es wissenschaftlichen Zwecken galt. Er nahm sich vor, dieses Detail im Hinterkopf zu behalten. Möglicherweise könnte es einmal nützlich sein.

Nachdem er auch dieses zweite Reagenzglas verkorkt hatte, nahm er die Utensilien zur Blutentnahme hervor. Eine Kanüle und eine Spritze mit fünfzehn Milliliter Fassungsvermögen. Angesichts der Menge an Blut, die er von den Vögeln erhalten würde, könnte dies möglicherweise zu viel sein, doch er hatte gerne ein bisschen Reserve. Und wer wusste schon, wann er Adia das nächste Mal in einer so vielversprechenden Position haben würde?

Er versetzte die eine Handfessel so, dass ihr Arm gerade ausgestreckt war. Sie nahm diese Veränderung mit einem überraschten Keuchen und beschleunigter Atmung wahr. Severus kümmerte sich nicht darum. Stattdessen staute er den Arm ab, freute sich über die guten Venen (schließlich war es Jahre her, seitdem er das letzte Mal so etwas getan hatte) und setzte die Kanüle auf den Kolben.

Mit dem Zauberstab desinfizierte er die Stelle, in die er stechen wollte, und danach ging es relativ schnell. Die Nadel glitt in die Haut als wäre es Butter, Adia schrie vor Schreck spitz auf und wollte ihm den Arm entwinden, was dank der Fesseln nicht möglich war. Nachdem sie dies selbst festgestellt hatte, begann sie ihn wüst zu beschimpfen, was Severus nicht mehr als ein müdes Lächeln entlockte. Nebenbei zog er das dunkelrote Blut in die Spritze und beglückwünschte sich selbst dazu, dass er es noch immer konnte.

Schließlich löste er die Stauung, zog die Nadel aus ihrem Arm und verschloss die Wunde, weil er keine Zeit hatte, darauf zu drücken. Und es hätte eine riesige Sauerei gegeben, wenn er dies nicht getan hätte. Ohne auf Adias Monolog zu achten, verhinderte er die Gerinnung seiner Blutprobe und versiegelte auch die Spritze. Sie landete neben den Reagenzgläsern mit den Tränen in der Kiste, die er nun magisch verschloss und sicherheitshalber mit einem Tarnzauber belegte. Er glaubte zwar, dass Adia in einer schlechten körperlichen Verfassung war (zu schlecht, um großartig etwas zu verwüsten), aber er würde es nicht darauf ankommen lassen.

Zuerst gab er ihr den Hörsinn zurück. „Halt den Mund!", sagte er danach mit lauter Stimme und nickte zufrieden, als sie sofort gehorchte. Anscheinend war sie so perplex über den zurückgekehrten Sinn, dass sie einen Moment sprachlos war.

Zu seinem Leidwesen hielt dies nicht lange an: „Was zum Teufel stellst du hier eigentlich an? Was sollte das Theater mit dem Gnom? Warum hast du mich da hängen lassen? Willst du mich umbringen? Ist es das, was du willst? Verdammter…"

Bevor sie ihm eine weitere Beschimpfung an den Kopf werfen konnte, fasste Severus grob nach ihrem Kinn und brachte sie neuerlich zum Schweigen. „Ob du es glaubst oder nicht, aber ich hatte nicht vor, dich umzubringen. Noch nicht zumindest. Was ich vorhabe, wirst du noch früh genug erfahren. Und auch, wenn du erschöpft, verletzt und wütend bist, darfst du mich siezen. Haben wir uns verstanden?" Seine Stimme war ein ihr inzwischen wohlbekannter, leiser Bass, der deutlich machte, zu welchen Dingen Severus unter Umständen fähig wäre.

Beinahe augenblicklich kehrte das Zittern in Adias Körper zurück. „Ja, Sir", erwiderte sie, versuchte aber trotz allem angewidert und rebellisch zu klingen. Es kostete sie sichtlich Kraft und nur deswegen ließ Severus es unkommentiert.

„Schön. Ich werde dir jetzt dein Augenlicht wiedergeben und wenn du dich vernünftig verhältst, lasse ich dich noch heute von der Wand. Wenn nicht… Nun, der Gnom saß seit einer Woche hier oben und der Aufenthalt hat ihm nicht gut getan, wie du sicherlich bemerkt hast." Er ließ diese Worte einen Moment auf sie wirken. „Wirst du dich vernünftig verhalten?", stellte er dann die Frage, von der er wusste, dass sie höchstwahrscheinlich mit einer Lüge darauf antworten würde.

„Ja, Sir."

Severus nickte und löste den Zauber, der ihre Augen so milchig trüb hatte aussehen lassen. Adia blinzelte mehrmals, offenbar irritiert von den doch mittelmäßig hellen Lichtverhältnissen, die hier auf dem Dachboden vorherrschten. Schließlich fand ihr Blick seine Gestalt und der Hass sprühte ihm intensiv entgegen – allerdings auch Angst und das stimmte ihn sehr zufrieden.

„Machen Sie mich jetzt los, Sir?", fragte sie nach ein paar Minuten und verzog den Mund in einer angewiderten Mimik.

Severus trat vor sie und betrachtete sie, als wäre sie ein Stück Vieh auf einem Markt. Der Vergleich erheiterte ihn auf eine Art, die ihn seinen Mundwinkel leicht heben ließ und Adia so offensichtlich irritierte, dass sie ihren Kopf ein Stück nach hinten zog. „Ich werde einen Schwebezauber über dich sprechen, denn du wirst heute nicht mehr in der Lage sein, alleine aufrecht zu stehen. Ich wäre dir sehr verbunden, wenn du dich nicht dagegen wehren würdest."

Sie zog die Augenbrauen in die Höhe. „Mit Verlaub, Sir, Sie reden, als hätten Sie einen Besen verschluckt", sagte sie so deutlich und scharf akzentuiert, dass Severus nicht anders konnte, als kurz aufzulachen.

„Möglicherweise. Ich hielt es für angebracht, dir ein Beispiel für einen angemessenen Umgangston zu geben. Mir scheint, du kennst mehr Schimpfworte als man in reinblütigen Kreisen akzeptieren würde."

„Oh, nun, für die Spionage unter Ihrem früheren Freund hat es gereicht." Sie feixte. „Sir!"

„In der Tat. Doch hier sind wir nicht unter den Todessern." Er machte eine kurze Pause. „Nun gut, lassen wir das. Du brauchst Schlaf und ich hatte nicht vor, das Ganze in einer Grundsatzdiskussion enden zu lassen. Ich rede, wie es mir gefällt, und wenn du dich noch einmal darüber lustig machst, wirst du die Nacht im Garten verbringen. Ich könnte mir auch durchaus vorstellen, das Labyrinth noch einmal aufzubauen."

Adia schluckte, während ihr Gesicht eine Nuance heller wurde. Möglicherweise hatten sie die Stunden im Labyrinth mehr beeindruckt, als er erwartet hatte. „Ich werde mich benehmen, Sir."

„Sehr schön. Levicorpus!" Ihr Körper hob sich trotz der Fesseln leicht von der Wand ab. „Lass deine Muskeln locker", wies er sie an, dann verschwanden auch die Handfesseln und sie schwebte frei in der Luft.

Severus dirigierte sie hinüber zur Luke im Boden, die hinunter in den ersten Stock führte. Im Vorbeigehen nahm er den Kasten mit den Zutaten und den Instrumenten an sich, ein Auge immer auf Adia gerichtet. Er lenkte sie die Treppe hinunter, ehe er ihr folgte. Danach den Gang entlang bis zu Hermines Zimmertür. Diese öffnete er und Adia schwebte auf dem Bett nieder.

Severus beendete den Zauber und feixte, als das Knacken beinahe augenblicklich einsetzte. Als sie die Augen verdrehte, senkte er den Blick. „Können Sie bitte etwas gegen dieses Knacken tun, Sir?"

Severus sah sie mit angehobenen Augenbrauen und wieder ernster Miene an. „Womit hast du das verdient?"

Sie blinzelte mehrmals. „Ich habe Ihre Anweisungen erfüllt, Sir."

„Das hast du allerdings. Ausnahmsweise." Er machte ein paar abwägende Gesten, behielt sie aber im Auge.

Adia wartete stumm auf eine Entscheidung. Severus hatte erwartet, dass sie ihm irgendwelche wüsten Versprechungen anbieten würde, doch sie schien überzeugt, dass ihr Gehorsam des heutigen Tages ausreichen musste.

Er war nicht überzeugt, ob er sich auf diesen Handel einlassen sollte. Dann hingegen entschied er sich dafür. „Finite incantatem!" Es wurde still und Adias Augen schmal. Im nächsten Moment verschwand das Bettzeug und die Matratze und Adia fiel mit einem unsanften Krachen auf das Lattenrost. Ihr entwich ein Stöhnen, auf das Severus sich weigerte zu reagieren. „Du wirst solange in diesem Zimmer bleiben, bis ich zu dir komme und dir etwas anderes sage. Ich werde die Tür verriegeln, ebenso das Fenster. Wenn du hier irgendetwas kaputt machst, wirst du es bereuen. Wenn du Lärm machst ebenso. Ich werde dir zweimal am Tag etwas zu essen bringen und das wird der einzige Kontakt sein, den du in nächster Zeit haben wirst. Ich wünsche eine geruhsame Nacht."

Nach dieser Ansprache legte er die genannten Zauber über das Zimmer und ließ Adia alleine. Er würde die nächsten paar Tage Ruhe brauchen, um diesen Trank fertig zu stellen. Es wäre sicherlich nicht falsch, sie ein bisschen zappeln zu lassen, ehe er sie dazu bekommen musste, sich kooperativ zu zeigen.

Severus ging hinunter ins Labor und verstaute die Tränen und das Blut. Für einen Moment überlegte er, ob er noch heute an dem Trank weiterarbeiten sollte. Doch der Tag war auch für ihn anstrengend gewesen und so entschied er sich dagegen. Stattdessen, so nahm er sich vor, würde er noch etwas in dem Tagebuch lesen.

Also gab er den Spatzen Futter und frisches Wasser, ehe er das Licht löschte und nach oben in sein Zimmer ging.


- 26.08.2001 -


Severus hatte einen der Vögel mit einem Schlafzauber belegt. Daraufhin war er von seiner Stange gekippt und hatte für Ruhe unter seinen Geschwistern gesorgt. Diese hielt allerdings nur solange an, bis Severus seine Hand in den Käfig streckte, um das bewusstlose Tier herauszuholen. Er kam mit einigen Kratzern und wenigen Bissen davon, konnte es sich aber nicht verkneifen, den Tieren gereizte Blicke zuzuwerfen.

Nachdem er die kleinen Wunden versorgt hatte, entfernte er am Hals des Vogels das Gefieder und machte an der Stelle durch einen Zauber die Gefäße sichtbar. „Heiliger Hippogreif", murmelte er, als er sah, wie dünn diese tatsächlich waren. Wie mit einem Haar gemalt lagen die Striche zwar dicht unter der Haut, doch es war beinahe unvorstellbar, wie klein Blutkörperchen und alle anderen Bestandteile sein mussten, um da durchzupassen.

Nach einigen Momenten, die er ziemlich ratlos auf seine Aufgabe gestarrt hatte, legte er den Vogel auf dem Tisch ab und zog das Blutentnahmeset heran. Wie am Tag zuvor bei Adia setzte er auch hier die Nadel auf die Spritze, die dieses Mal jedoch nur ein Fassungsvermögen von zwei Milliliter hatte. Danach zückte er neuerlich seinen Zauberstab und ließ die Nadel an der Spitze so fein zulaufen, dass sie eine Spur dünner war als das dickste Gefäß.

Mit tief gerunzelter Stirn nahm er den Vogel wieder auf. Das weiche Gefieder fühlte sich angenehm auf seinen Finger an, auch wenn das leblose Gewicht einen bitteren Beigeschmack hatte. Er musste sehr aufpassen, dass er nicht zu viel Blut entnahm. Der Vogel musste überleben und bei drei Milliliter Gesamtblutmenge war das eine heikle Angelegenheit.

Schließlich setzte er sich, stützte die Unterarme auf der Tischkante ab und näherte sich dem dicksten Gefäß, vermutlich einer Arterie. Vorsichtig schob er die Nadel in den leicht bläulich schimmernden Bereich und verrenkte sich die Finger, als er den Kolben nach unten zog. Zu seiner großen Erleichterung füllte sich der obere Teil der Spritze mit Blut, doch kaum hatte er dies bemerkt, musste er schon wieder aufhören. Mehr als fünf bis sechs Tropfen konnte er nicht von einem Tier nehmen.

Also zog er die Nadel wieder aus dem Gefäß, sah seine Vermutung mit der Arterie bestätigt und musste sich dementsprechend beeilen, erst die Wunde des Vogels zu schließen und dann das Blut ungerinnbar zu machen.

Nachdem er beides geschafft hatte, atmete Severus einmal tief durch und schloss die Augen. Es gab selten Momente, in denen er sich sehnlicher eine Medihexe gewünscht hätte als jetzt. Hermine hatte im Tagebuch nicht einmal erwähnt, dass sie die Prüfung bestanden hatte. Nur dass Ginevra sie beim Lernen mitten in der Nacht erwischt hatte. Severus erinnerte sich an die Szene, die er in Hermines Erinnerungen gefunden hatte. Damals hatte er gezweifelt, ob sie überhaupt daran dachte, dass der Tod Ronalds nicht nur für sie schwer war, sondern auch für dessen Schwester.

Nun wusste er, dass sie sehr wohl daran gedacht hatte. Und trotzdem hatte sie sich nicht dazu durchringen können, zu Ginevra zu gehen und sich bei ihr zu entschuldigen. ‚Dieses Eingeständnis der Schwäche wäre der Anfang einer Kaskade solcher Momente. Das kann ich mir im Moment nicht leisten. Und vielleicht ist es ja das, was man von einer trauernden Witwe erwartet', hatte sie geschrieben. Diese Worte hatten sich in sein Gedächtnis gebrannt. Nicht, weil sie ihn so abgrundtief erschüttert hatten, sondern weil er selbst einmal etwas Ähnliches geschrieben hatte – abgesehen von dem Teil mit der Witwe.

Nach einigen Momenten schaffte er es endlich, sich aus seinen Gedanken zu reißen. Der Vogel lag noch immer bewusstlos in seiner Hand und so öffnete er einen zweiten Käfig und legte das Tier hinein. Er konnte es sich nicht erlauben, eines der Tiere aus Versehen zweimal zur Ader zu lassen, also musste er sie voneinander trennen. Severus war selten so nervös gewesen wie in dem Moment, in dem er den Schlafzauber beendete. Mit angespannter Miene beobachtete er, was passierte.

Der Vogel zuckte mehrmals und blinzelte. Dann wurde er panisch, offenbar weil ihm die Lage auf dem Rücken fremd und bedrohlich erschien. Er schlug wild mit den Flügel um sich, kreischte und machte schließlich einen Satz auf die kleinen Füße. Er torkelte leicht von einer Seite zur anderen, fing sich aber nach ein paar Augenblicken. Danach wurde auch das Kreischen leiser und irgendwann piepste er nur noch kläglich.

Severus atmete auf und wagte es, den Käfig zu öffnen, um ihm eine Schale mit Wasser hineinzustellen. Der Tränkemeister tunkte den Finger hinein, so dass sich ein Tropfen auf der Kuppe sammelte, und hielt ihn dem Vogel vor den Schnabel. Da dieser noch immer zu unsicher auf den Beinen war, stolperte er nur einige Schritte zurück und ließ sich dann bereitwillig das Wasser zeigen. Nachdem er die Schale gefunden hatte, zog Severus seine Hand zurück und wischte sich die Haare aus dem Gesicht.

Es schien, als würde das System funktionieren. Sichtlich zufrieden mit seiner Technik wandte er sich den verbleibenden vier Vögeln zu und machte sich ans Werk.


- - -


Später an diesem Tag nutzte Severus eine Zwangspause in seiner Arbeit dazu, Adia etwas zu essen zu bringen. Er hatte gerade das Holz des Bergahorns in die Bleichlösung eingelegt und musste nun eine Viertelstunde warten, ehe er weitermachen konnte.

In der Küche schmierte er rasch ein paar Scheiben Toast, stellte ein Glas Wasser dazu und ging mit dem Tablett hinauf zu Hermines Zimmer. Ohne anzuklopfen trat er ein, wurde aber erwartet. Die Zauber, die er über das Zimmer gelegt hatte, ließen ein leises Zischen hören, wenn man sie auflöste.

Adia stand am Fenster und hatte ihm den Rücken zugewandt. Sie reagierte nicht, als er das Tablett auf den Tisch stellte, und Severus verbot es sich, länger als nötig hierzubleiben. Da sie es anscheinend vorgezogen hatte, ihn mit eisigem Schweigen zu bestrafen – ein Zustand, den er sich von Anfang an gewünscht hatte – machte er einen zufriedenen Gesichtsausdruck, als er die Tür wieder hinter sich schloss und versiegelte.


- 27.08.2001 -


An diesem Morgen sah Severus sich lange im Spiegel an, ohne sich dabei wirklich zu sehen. Es schien, als beobachte er etwas, das hinter der dunkelbraunen Iris seiner Augen verborgen war.

Nachdem er gestern den Bergahorn von Überresten der Bleichlösung befreit hatte, hatte er ihn zu so feinen Spänen verarbeitet, dass es mehr ein Pulver war. Mit einem Trockenzauber war auch die letzte darin verbliebene Flüssigkeit verloren gegangen und der weiße Staub hatte sich wie Asche auf die Oberfläche des Trankes gelegt, bevor er ihn umgerührt hatte. Daraufhin hatte die Mischung angefangen zu kochen, ohne dass er ein Feuer unter dem Kessel entzündet hatte.

Der nächste Schritt war das Blut gewesen. Zu seiner Erleichterung hatte es nicht vieler Modifikationen an den verschiedenen Proben der Vögel gebraucht, ehe diese miteinander harmoniert hatten. Selbst bei Tieren aus dem gleichen Wurf und damit sehr ähnlichen Erbmerkmalen war es oftmals problematisch, diese miteinander zu mischen.

Einzig die Beigabe von Adias (und dementsprechend auch Hermines) Blut, hatte eine Reaktion ergeben, die er gerade so eben hatte stoppen können. Das Blut hatte angefangen zu flocken, das Plasma hatte sich von den festen Bestandteilen abgelöst. Nachdem er die Mischung einige Minuten lang in ständiger Bewegung gehalten hatte, war diese Reaktion zurückgegangen und hatte eine zwar dunklere, aber nichtsdestotrotz glatte rote Flüssigkeit zurückgelassen.

Er fügte das Blut tropfenweise dem Trank bei und konnte beobachten, wie er immer heller wurde. Das schmutzige Braun, das durch die Pulver und das Holz bedingt gewesen war, hatte sich größtenteils gelegt und nachdem er auch noch den Extrakt des Löwenzahns hinzugegeben hatte, war er vollkommen klar geworden.

Nun stand für den heutigen Tag nur noch der letzte Schritt an und genau dieser war es, der Severus' angespannte Miene verursachte. Adias Tränen. Tränen, denen er sein magisches Potential übertragen würde. So war es geplant.

Einhorntränen, das war ihm letztendlich bewusst geworden, konnten nur durch die Magie eines Zauberers oder einer Hexe ausgeglichen werden. Keine tierische oder pflanzliche Zutat wäre dazu in der Lage. Und wenn Hermines Therapie diesen Schritt erforderte, würde er ihn gehen.

Schließlich blinzelte der Tränkemeister mehrmals und löste sich vom Spiegel. Er hatte sich seinen Entschluss lange Tage durch den Kopf gehen lassen. Seine Magie auf die Tränen zu übertragen, bedeutete den vollkommenen Verlust eben dieser. Er hatte bisher noch von keinem Fall gehört, in dem eine solche Zutat verwendet wurde, doch wirklich wundern tat ihn dies nicht. Es gehörte einiges dazu, sich zu diesem Schritt zu entschließen. Severus schätzte sich glücklich, dass ihm das alberne Zauberstabgefuchtel noch nie viel Freude bereitet hatte.

In absoluter Ruhe zog er sich an, griff nach seinem Zauberstab und ging hinunter ins Labor. Adia konnte mit ihrem Essen bis heute Abend warten. Der Vogelkäfig war in einer Ecke verschwunden, nachdem er die wieder genesenen Bewohner im Garten entlassen hatte. Sie hatten zwar in dieser Dimension nicht viel mehr Platz als in ihrem Käfig, aber wenigstens musste er sie nicht länger mit einem Silencio belegen und den Käfig reinigen.

Überhaupt strahlte das Labor eine eigentümliche Ordnung aus, seitdem Hermine sich nicht mehr hier betätigte. Severus war überrascht, wie viel Chaos sie bisweilen verursacht hatte. Das war etwas, das er ihr als erstes beibringen musste. Die Ordnung in einem eigenen Labor zu bewahren. Sie hatte nie die Gelegenheit dazu gehabt, dies zu lernen. Nicht zwischen unsicheren, weil nie erprobten Arbeitsschritten.

Er holte sich die beiden Reagenzgläser mit Adias Tränen und füllte sie in eine flache Schale. Da auch Tränen klar und farblos waren, würden sie den Trank später vermutlich nicht mehr farblich verändern. Zumindest hoffte er dies. Es wäre wenig verlockend, einen schmutzig wirkenden Trank nehmen zu müssen – auch wenn seine Wirkung genau dies war: schmutzig.

Sein Zauberstab, der, an den er sich gerade so gewöhnt hatte, würde als Leitung fungieren. Severus legte die Spitze in die Tränen, die etwa einen Zentimeter hoch in der Schale standen. Das, was er vorhatte, war nicht mit einem Spruch zu meistern. Es galt, sich bereitwillig von der ihm innewohnenden Magie zu lösen und sie abzustoßen. Es war eine Kopfsache und gerade deswegen war er so überzeugt, dass er es schaffen konnte.

Lange Zeit stand Severus am Labortisch. Sein Körper war angespannt und konzentriert, er traute es sich nicht, an andere Dinge als sein Vorhaben zu denken. Nicht einmal an die Einträge im Tagebuch, die in ihm die Wut auf Adia, die Todesser und die Welt an sich aufs Neue entfacht hatten. Nicht einmal daran, dass das hier klappen musste, wenn er Hermine helfen wollte.

Und letztendlich dachte er doch daran und das war es, was ihm den entscheidenden Antrieb gab. Das war es, was ihm den Weg zu seiner Magie wies, die tief in seinem Inneren verborgen lag. Wie Nebel schien es, gelblich pulsierend und wabernd. Es strahlte Hitze und Macht ab, war eindrucksvoll und beruhigend gleichermaßen.

Severus betrachtete es einige Minuten fasziniert. Er hatte niemals die Gelegenheit gehabt, das magische Potential eines Menschen zu sehen, obwohl er es bei einigen seiner Schüler gerne mal getan hätte. Er hatte jedoch auch nicht damit gerechnet, dass es so planlos, wenig formschön aussehen würde. In seiner Vorstellung war es ein Ball gewesen. Ein bisschen wie eine kleine Sonne.

Schließlich riss er sich aus diesen wenig produktiven Gedanken und lenkte all seine Willenskraft darauf, die Magie aus dieser Tiefe an die Oberfläche zu holen. Es war, als wolle man einen Insektenschwarm in eine bestimmte Richtung lenken. Kaum zu meistern, aber auch nicht unmöglich. Es war der längste und anstrengendste Kampf, den er je ausgefochten hatte – der Kampf mit sich selbst.

Als es ihm endlich gelang, war es, als würde seine Persönlichkeit mit aller Macht der Magie folgen wollen. Gerade so eben schaffte er es, sich davon zu lösen, und sah, wie der Zauberstab in seiner Hand zu vibrieren begann, letztendlich in Flammen aufging und zerbarst. Schweiß lief ihm am Gesicht hinunter, die Luft im Labor war drückend heiß und fühlte sich elektrisch aufgeladen an. Er selbst schwankte und fühlte sich wie nach einem sehr langen Marathonlauf. Die Sicht war verschwommen und schwindelig.

Dennoch gönnte er sich nur eine kleine Verschnaufpause. Es war fragwürdig, wie stabil diese Verbindung aus Magie und Tränen war, wenn sie nicht sofort verwendet wurde. Also hob er mit zitternden Händen die Schale in die Höhe und tropfte den Inhalt langsam in den Trank. Neuerlich begann dieser zu brodeln und zu kochen, weißer Nebel stieg darüber auf und je mehr Tränen Severus dem Trank zufügte, desto schwächer fühlte er sich. Als würde die Trennung von seinem Körper erst jetzt geschehen, während die Magie ein neues Ziel erhielt.

Als der letzte Tropfen in den Trank gefallen war, sprach er müde den Spruch „Reverto origo!" (auch wenn es zweifelhaft war, ob dieser ohne sein magisches Potential überhaupt wirken würde) und dann setzte er sich erschöpft an den Labortisch, legte den Kopf auf die Arme. Er wollte nicht schlafen, das wollte er wirklich nicht. Doch die Realität um ihn herum versank in Dunkelheit, ohne dass er etwas dagegen tun konnte.


- 28.08.2001 -


Er hatte bis in die späten Abendstunden geschlafen und war mit einem äußerst steifen Nacken wieder aufgewacht. Seine Muskeln fühlten sich noch heute an, als hätte er einen sehr üblen Muskelkater, was ausgesprochen gut zu dem scheinbaren Marathonlauf vom Vortag passte.

Adia hatte ihm zwar wütende Blicke zugeworfen, als er ihr das Essen erst so spät gebracht hatte, doch sein missmutiger Gesichtsausdruck hielt sie davon ab, ihn anzusprechen. Severus war froh darüber. Er wollte sich gar nicht vorstellen, wie er darauf reagiert hätte.

Was ihn allerdings wunderte, war, dass sie anscheinend den ganzen Tag im Zimmer geblieben war. Als er seine Magie auf die Tränen und schließlich auf den Trank übertragen hatte, waren auch die Zauber, die ihre Tür und das Fenster verschlossen hatte, in sich zusammengefallen. Entweder sie lösten sich auf diese passive Art lautlos und von Adia unbemerkt auf, oder sie hatte inzwischen zu viel Respekt, um sich einfach gegen seine Anweisungen zu stellen.

Wie auch immer, es war unwichtig. Er würde hoffentlich nicht mehr allzu lange mit Adia zu tun haben, denn heute war der Tag, an dem er sie irgendwie dazu bringen würde, diesen Trank zu nehmen.

Wie er es geplant hatte, hatten seine Zutaten zur Herstellung von zwei Phiolen des Trankes gereicht. Eine hatte er im Labor verschlossen (mechanisch und das ärgerte ihn fürchterlich), die andere stand in seinem Zimmer auf dem Tisch. Während er sich nun vom heißen Wasser die Schultern massieren ließ, überlegte er, wie er es am besten anstellen sollte. Und als er das Wasser abschaltete, kam er zu dem Schluss, dass man bei Adia nicht planen konnte. Er musste es einfach auf sich zukommen lassen.


- - -


Als Severus kurz darauf Hermines Zimmer betrat, strahlte seine Erscheinung die gleiche Selbstbeherrschung und Sicherheit aus, die Adia inzwischen schon von ihm gewohnt sein sollte. Dass er keine Magie mehr anwenden konnte, war ein Detail, das sie nicht zu interessieren hatte.

Sie saß auf dem Bett, die Beine angewinkelt und den Mund mürrisch verzogen. Severus zog den Stuhl unter dem Tisch hervor und setzte sich mit geradem Rücken darauf. Dann stellte er mit einem Klonk die Phiole auf den Tisch.

Adia hob unberührt eine Augenbraue. „Was ist das, Sir?" Seine Anrede zog sie spöttisch in die Länge.

„Ein Trank, den du nehmen wirst."

„Und warum sollte ich das tun, Sir?" Wieder diese lang gezogene Anrede.

Severus ballte, unbemerkt von ihr, die Hände zu Fäusten. „Weil ich es dir sage."

Sie verzog nachdenklich das Gesicht. „Ich denke, ich verzichte." Ein paar selbstgefällige Blicke, dann: „Sir!"

„Nun, ich denke, dass diese Option nicht zur Debatte steht." Es verlangte ihn danach aufzustehen. Er wusste, dass seine Erscheinung imposanter war, wenn er durch das Zimmer schritt. Doch er wollte nicht den Anschein erwecken, dass er dies bei ihr nötig hatte.

Nach einigen Momenten des Schweigens, nickte Adia. „Schön. Was bekomme ich dafür, wenn ich es trinke?"

„Was, meinst du, rechtfertigt eine solche Forderung?" Er zog die Augenbrauen in die Höhe.

„Sie meinen abgesehen von der Tatsache, dass Ihr Kill mich-Trank nicht wirkt, wenn ich ihn nicht freiwillig nehme?" Sie schürzte die Lippen.

Severus' Augen wurden schmal. Er hatte nicht damit gerechnet, dass sie sich noch trauen würde, auf diese Machtschiene auszuweichen. Die letzten Tage hätten reichen sollen, um ihre Angst vor ihm groß genug werden zu lassen, um genau dies zu verhindern. Möglicherweise hatte er sie unterschätzt und das war etwas, das nicht hätte passieren dürfen.

Adia, die sein Schweigen sehr selbstzufrieden richtig gedeutet hatte, stand vom Bett auf und kam mit gewagten Bewegungen zum Tisch hinüber. Sie wollte die Phiole in die Hand nehmen, doch Severus griff so abrupt danach, dass sie sogar etwas zusammenzuckte. Dann jedoch lächelte sie. „Oh, ich habe nicht vor, sie gegen die nächste Wand zu werfen, Sir." Diese Anrede war inzwischen schon mehr eine Beleidigung als alles, was sie ihm sonst an den Kopf geworfen hatte. Dennoch ließ er die Phiole nicht los. „Ich sage Ihnen was", begann sie schließlich gönnerhaft, zog sich den zweiten Stuhl unter dem Tisch hervor und setzte sich, ein Bein über das andere geschlagen. „Ich nehme Ihr kleines Tränkchen und überlasse der Dramaqueen das Feld, wenn Sie eine einzige Forderung erfüllen."

Er beschränkte seine Reaktion auf diesen Vorschlag darauf, die Augenbrauen anzuheben.

„Eine Nacht mit Ihnen und der Deal ist geritzt."


TBC...