25. Curiosity

Curiosity. You're going to want it: A chance to be admired,

and gain the rewards that follow. You won't be able to resist.

You're going to want to know... what it tastes like."

Dead Man's Chest

Als sie noch immer kein Wort herausgebracht hatte, erhob sich Malfoy von ihrer Bank. Er überragte sie nun, und automatisch legte sich ihr Kopf in ihren Nacken, während sie ihn weiterhin nur vollkommen entgeistert ansehen konnte. Aller Zorn, den sie vielleicht empfand, konnte sie praktischerweise nicht in Worte fassen.

„Hättest du etwas Zeit?", fragte er sie, und ihr Mund öffnete sich überfordert, denn das hier war doch derselbe Mann, mit dem sie sich vor Monaten gestritten hatte, oder nicht? Derselbe Mann, der sie beleidigt hatte, der ihr Vorwürfe gemacht hatte? Der unreife, verzogene, arrogante Malfoy, den sie vor dem Reinblüter-Club hatte stehen lassen, weil er ein Arschloch war?

„Zeit?", fand sie endlich ihre Stimme wieder. „Zeit für… was?", brachte sie argwöhnisch und immer noch etwas neben sich hervor. Was zur Hölle tat er hier?! Und er sah sie anders an, stellte sie unbehaglich fest. Wo war der Zorn in seinen Augen, den er für sie bereithielt, wann immer er sie bisher getroffen hatte? Seit ihrer Schwangerschaft waren es nur zwei Male gewesen, die sie sich gesehen hatten, aber keines dieser Treffen war irgendwie positiv verlaufen, erinnerte sie sich schwach.

„Zeit, zu reden", antwortete er schlicht. Da war nichts in seinen Augen. Kein Gefühl, was sie definieren konnte.

Ob sie Zeit hatte? Was war das für eine Frage? Nein. Sie bereitete sich vor, ins Weltall zu fliegen! Was dachte er? Aber wieso machte er sich die Mühe, ihr so eine rhetorisch höfliche Frage zu stellen? Worauf wollte er hinaus? Was wollte er von ihr?

„Du… du willst in mein Haus kommen?", schloss sie also aus seiner Frage, äußerst ungläubig. Und seine Mundwinkel hoben sich sanft, als er nickte.

„Das war der Plan", bestätigte er nickend. Er war so… sie wusste nicht, was es war? Neutral? War das das Wort? Und sie wollte nicht wirklich, dass er in ihr Haus kam. Halb schüttelte sie also den Kopf, halb nickte sie. Kurz runzelte sich seine Stirn.

„Ich… was möchtest du von mir?", fragte sie ihn also verschlossen und musterte ihn, wie man den Feind musterte.

„Ich würde mit dir gerne über die Gerichtsverhandlung sprechen. Und über ein paar andere Dinge", erwiderte er geduldig auf ihre Frage. Wog er sie in falscher Sicherheit? Wieso war er hier? Was wollte er besprechen? Was gab es da zu besprechen? Aber sie sah sich außerstande, sich mit ihm zu duellieren, oder sich noch großartig anzustrengen. Langsam wurde ihr warm. Und langsam taten ihre Füße weh, vom Stehen.

Also ergab sie sich. Aber nur, weil ihr Körper müde wurde. „Fein, meinetwegen. Fünf Minuten", räumte sie ihm ein und glaubte tatsächlich, selber schuld zu sein, wenn sie ihn in ihr Haus ließ. Kopfschüttelnd schloss sie ihre Tür auf, und er folgte ihr in das relativ kühle Haus. Ihre Tasche hatte sie bei Ginny gelassen. Sie würde sie später aus dem Mungo mitbringen. Wahrscheinlich wäre Hermine der Arm vor Erschöpfung abgefallen, hätte sie ihre Sachen auch noch tragen müssen.

Er folgte ihr tatsächlich ins Wohnzimmer. „Setz dich", sagte sie also, mehr als widerwillig, während ihr Atem schwerer ging. Und wortlos setzte er sich ihr gegenüber auf ihren Sessel, in dem sie eine Woche zuvor ihre depressive Phase ausgelebt hatte. Ihr ging auf, dass jemand die verschüttete Suppe beseitigt hatte. Generell war es erstaunlich ordentlich hier. So ordentlich wie früher ihr Kinderzimmer gewesen war, wenn ihre Mutter unauffällig nach Hermines Geheimnissen gestöbert hatte – oder wonach Mütter heimlich suchten, wenn sie so taten, als würden sie das Zimmer aufräumen! Aber ihre Gedanken schweiften ab, stellte sie verärgert fest. Merlin, er musste noch denken, sie wäre so unbeteiligt wie er!

Und jetzt saß sie mit Draco Malfoy in ihrem Wohnzimmer. Und er wirkte hier so fehl am Platz wie ein Kröter im pinken Tutu wirken würde.

Voller Argwohn betrachtete sie ihn. Sie betrachtete sein Gesicht, das sie kaum kannte, seine Nase besaß eine leichte Krümmung, und seine Nasenflügel waren sehr kantig geschnitten. Er besaß hohe Wangenknochen, ein fast symmetrisches Gesicht. Über seiner Oberlippe hatte er links ein winziges Muttermal. Wenn er sprach konnte sie die Grübchen in seinen Wangen erahnen. Ihr Kopf scannte all diese Dinge, fragte sich unwillkürlich, was wohl vererbt werden würde, bis ihr aufging, dass vor ihr tatsächlich der Vater ihres Kindes saß.

Merlin…. Sie hatte sich noch keine Gedanken gemacht, wie ihr Kind aussehen würde, denn so genau hatte sie Draco Malfoy nie ins Auge gefasst. Aber der Tag rückte näher, und egal, wie gut sie die Tatsache verdrängte – sie nahm an, ihr Sohn würde irgendwie so ähnlich wie dieser Mann aussehen, den sie nicht kannte.

Er war groß. In einer Menschenmenge wohl schwer zu übersehen. Seine Beine waren lang, sein Oberkörper war weder schmal, noch schmächtig. Er war nicht breit gebaut, aber definitiv zeichnete sich sein Bizeps durch den Pullover ab, und sie nahm ebenfalls an, dass er keinen Schmähbauch besaß. Seine Hände hatte er auf seinem Schoß gefaltet. Auch seine Finger waren lang und schlank. Ihr Blick wanderte wieder zu seinem Gesicht. Besaß er Geheimratsecken, fragte sie sich ein wenig abwesend. Aber es sah nicht so aus. Seine Haare wirkten voll und noch vollständig auf seinem Kopf vorhanden. Nur leider waren sie so absurd hellblond. Sie nahm an, würde sie mit ihren Fingern durch die Strähnen fahren, würden sie sich angenehm dicht anfühlen.

Seine Augen waren fast schon bemerkenswert blau. Gar nicht mehr blau, dachte sie plötzlich, als sie genauer hinsah. Sie waren grau wie Schiefer. Wie Narzissas Augen, ging ihr verblüfft auf. Aber die Form war-

„-suchst du irgendetwas Bestimmtes?", unterbrach seine Stimme ihre kleine mentale Wanderung über sein Äußeres ein wenig unbehaglich. Sie schluckte ertappt. Und schüttelte den Kopf.

„Nein!", behauptete sie nur. „Also, was willst du besprechen?", entfuhr es ihr unsicher. Sie war es nicht gewöhnt, mit ihm zu reden, geschweige denn, mit ihm irgendwo alleine zu sein. Mit Absicht. Und er war so merkwürdig gefasst. So seltsam vorbereitet. Er wirkte nicht so jähzornig oder betrunken wie das letzte Mal. Er wirkte ernster. Er wirkte… fast vorsichtig, fast wachsam. Und sie hasste die Wirkung ihrer Tabletten, denn sie kam sich selber vor wie in eigenartiger Trance.

Eine Trance, die ihr erlaubte, Draco Malfoys Gesicht zu studieren, als wäre es irgendwie wichtig!

„Ich… habe den Gerichtstermin abgesagt", sagte er schließlich, und riss sie aus ihren sinnlosen Gedanken. Es waren wenige Worte, aber ihr Mund öffnete sich langsam, voller Unverstand.

„Du hast…?", wiederholte sie, aber die Worte blieben ihr im Halse stecken.

„Ich habe den Termin abgesagt", bestätigte er ruhig. Zu ruhig! Was zur Hölle sollte das, dachte sie panisch. Aber sie zwang sich, zu antworten. Ruhig und langsam. Aber anders würde sie ihm auch nicht antworten können, dachte sie wütend.

„Wieso?" Aber ihre Stimme war einige Lagen höher gerutscht.

„Ich habe… es mir anders überlegt", antwortete er mit Bedacht, und sie glaubte nicht, dass sie verstand, was er sagte.

„Was hast du dir anders überlegt?", wollte sie vorsichtig wissen. Und sein grauer Blick traf sie so sicher, so unerschütterlich, dass sich ihr Mund langsam öffnete. Spielten ihr die Tabletten einen Streich? Träumte sie gerade?

„Ich werde die Vaterschaft annehmen, und deshalb sehe ich davon ab, einen lästigen Termin vor Gericht einzuhalten", erklärte er, ohne ihrem Blick auszuweichen. Es war unangenehm. Und… was? Sie musste den Blick als erstes abwenden, denn seine intensiven Augen waren ihr unangenehm, wenn sie sich zu lange darauf konzentrierte.

„Was meinst du damit?", fragte sie verstört, obwohl sie wusste, was er wohl damit meinte.

„Ich möchte diese Vaterschaft annehmen", erklärte er erneut, immer noch vollkommen gefasst. Und sehr ernst. Als hätte er erklärt, er würde sich mit dem Verlauf einer schlimmen Krankheit abfinden. Ja, so kam er ihr vor.

„Malfoy, du hast gesagt-", aber er unterbrach sie, und ein wenig von dem Malfoy, den sie geglaubt hatte, zu kennen, kam zum Vorschein.

„-ich weiß, was ich gesagt habe", entgegnete er barsch, aber er fing sich wieder. „Aber ich habe es mir anders überlegt."

„Wieso?", wollte sie fast verzweifelt wissen, denn das war ganz und gar nicht, was sie geplant hatte.

„Wieso?", wiederholte er, ein wenig verblüfft, aber dann ging er auf ihre Frage ein. „Weil ich Verantwortung für meinen Sohn übernehmen will", erklärte er, wie ein erwachsener Mensch. Hermine schüttelte langsam den Kopf, denn es klang so unfassbar falsch und aufgesetzt. Ach, wenn sie doch nur schreien könnte!

„Aber…" Und sie sah ihn kopfschüttelnd an. „Wozu?", wollte sie leise wissen. Alec würde ihren Sohn adoptieren, wenn er zurückkäme. Aber das wollte sie Malfoy nicht sagen. Sie wollte ihm nicht sagen, dass sie und Alec heiraten würden, denn vielleicht wusste er von Alecs Verschwinden. Und vielleicht würde er sagen, was Narzissa gesagt hatte. Und deshalb konnte sie ihn nur fassungslos ansehen. Und leider nicht schreien.

Und er sagte, was sie noch weniger nachvollziehen konnte.

„Weil man für gewisse Dinge die Verantwortung übernehmen muss", schloss er, sichtlich ungeduldiger.

„Aber nicht dafür!", sagte sie kopfschüttelnd. „Wir… hatten… du hast mir gesagt, du willst nicht mit mir Familie spielen?", wiederholte sie seine ätzenden Worte, die ihr sehr wohl im Gedächtnis geblieben waren.

„Das war damals", sagte er einfach nur gepresst, und sie spürte, wie die Medikamente ihre Gefühle davon abhielten, übermächtig zu werden.

Hermine sah ihn wieder verständnislos an. Wieso wollte er das?

„Du musst keine Verantwortung übernehmen, Malfoy", versuchte sie es erneut. Und er nickte! Er nickte tatsächlich!

„Ich weiß, dass ich es nicht muss. Ich möchte es", korrigierte er sie nun, und sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Aber er sah definitiv nicht so aus, als ob er es wollte! Er wirkte so… Gott, sie konnte es nicht mal benennen! „Weil es das vernünftige ist", schloss er knapp. Das Vernünftige? Merlin, er tat so, als lebten sie in den fünfziger Jahren, und er hätte sie geschwängert und wollte den Fehler wieder gut machen!

„Malfoy-", begann sie aufgelöst, aber er schenkte ihr wieder einen dieser intensiven Blicke.

„-es ist kein großer Akt", behauptete er jetzt achselzuckend. „Ich meine, ich bitte dich nicht um deine Hand, ich möchte nicht in dein Leben eingreifen, ich werde nicht in dein Haus ziehen. Das Kind wäre meines, ob ich nun auftauchen würde oder nicht", informierte er sie, aber es kam ihr vor, als spräche er zu sich selbst.

„Was willst du mit einem Kind?", schaffte sie ungläubig zu fragen. „Was hast du dir bitteschön vorgestellt?"

Merlin, endlich ließ die Wirkung nach. Und sie war froh, dass sie nicht in Trauer versinken musste! Stattdessen konnte sie endlich mal wütend werden. Es war eine willkommene Abwechslung. Er schien den leisen Stimmungswandel zu merken, ging ihr auf, denn sein Blick wurde wachsamer. Und tatsächlich schien sie auf eine Schwachstelle gestoßen zu sein, denn er sah nicht gerade danach aus, als hätte er den perfekten Plan.

„Ich bin der Vater", wiederholte er, als wäre es ein wildfremdes Konzept, mit dem er sich erst vertraut machen müsste. „Und das heißt, ich bekomme die Hälfte."

„Die Hälfte?", wiederholte sie ungläubig. „Die Hälfte von was? Willst du einen Arm und ein Bein von-" Aber er unterbrach sie, konnte sich scheinbar nur schlecht auf dem Sessel halten, aber er blieb dennoch sitzen, schien sich anstrengen zu wollen, zivilisiert zu bleiben, für was auch immer, denn hätte sie nicht gerade die Ausmaße eines Nilpferdes, sie würde längst auf den Beinen stehen!

„-nein!", knurrte er. „Ich will ihn jeden zweiten Tag. Ich werde ihn genauso oft sehen wie du", informierte er sie, als wäre das Kind ein Spielzeug, was sie sich teilen könnten. Gott, war sie wütend! Und endlich, endlich kam es raus!

„Oh, natürlich! Das ist kein Problem! Ich gebe dir einfach jeden zweiten Tag meine Brüste mit nach Malfoy Manor!", rief sie aufgebracht, und er blinzelte verstört.

„Ich wohne nicht in…- und was soll das heißen?", wollte er entnervt wissen. Hermines Mund öffnete sich über so viel Unverstand.

„Ein Baby wird gestillt, Malfoy? Es ist kein Stofftier, es braucht Nahrung?", fuhr sie ihn an, und gleich würde sie aufstehen!

„Das weiß ich selber!", erwiderte er ungehalten. „Man kann Muttermilch abfüllen!", schien er sein Halbwissen mehr oder weniger angewidert preiszugeben. Und Hermine kamen die dummen Passagen aus den Babybüchern in den Sinn.

„Nicht, dass ich darüber mit dir diskutieren müsste, aber es wird nicht empfohlen, das Kind zu schnell an die Flasche zu gewöhnen. Jeder Ratgeber rät Müttern davon ab. Denn es kann zu Milchstau kommen, und-" Sein Gesicht hatte eine besonders angewiderte Note angenommen, und sie verdrehte gereizt die Augen. „Jedenfalls werde ich mich auf diesen Deal nicht einlassen!", informierte sie ihn. Und er sah sie abschätzend an. Es war schon furchtbar genug, dass sie mit ihm überhaupt darüber diskutieren musste!

„Dann bist du eben dabei. Aber ich verzichte auf keinen Tag, der mir zusteht!", sagte er barsch.

„Warum, Merlin noch mal?! Und was lässt dich annehmen, dass ich dich jeden zweiten Tag sehen will?", fuhr sie ihn erschüttert an, und konnte nicht fassen, wie wütend sie war. Und sie erhoben sich nahezu gleichzeitig, auch wenn Hermine dafür etwas länger brauchte.

„Oh, glaub mir, ich will dich auch nicht sehen, aber es ist wie es ist, Granger!", benutzte er zum ersten Mal ihren Nachnamen, und immerhin war Zorn überhaupt ein Gefühl, war er zeigte.

„Es ist wie es ist? Du hast dich das letzte halbe Jahr einen Scheiß interessiert, Malfoy!", gab sie ihm zu bedenken. „Das hier", sie deutete vollumfänglich auf ihren Bauch, „ist kein Basar! Du kannst nicht kommen, wenn du gerade Lust hast! Man ist dabei oder man ist es nicht!"; fuhr sie ihn an.

Und innerlich kochte sie. Und unfassbarerweise wirkte er ebenso wütend, aber er hatte überhaupt kein Recht! Was zur Hölle lief hier falsch? Sie hatte ihn nie dabei haben wollen! Er hatte es nie gewollt! Und jetzt hatte sie das ganze Narzissa-Fiasko halbwegs überwunden, fand sich mit der Tatsache ab, dass Narzissa Malfoy wohl vielleicht doch eine größere Rolle in ihrem Leben spielen würde, aber das hier?! Das würde nicht passieren! Was war in ihn gefahren?!

Sie musste ruhiger atmen, denn sie war nervös. Sie hatte sich noch nie die Mühe gemacht, herauszufinden, wo Preston wohnte. Und jetzt hatte sie eine Stunde in einer Kutsche sitzen müssen, um überhaupt anzukommen. Selbst wenn sie es sich letztendlich anders überlegt hätte, würde sie nicht unverrichteter Dinge wieder verschwinden, denn es war viel zu viel Aufwand.

Und mit fahrigen Fingern hatte sie den Türklopfer betätigt.

Sie war sich nicht völlig sicher, ob das das Haus seiner Eltern war.

Ein Elf öffnete, so wie es immer der Fall war. Er betrachtete sie unbeeindruckt.

„Ja, was möchten Sie?", fragte er, und sein Akzent lag irgendwo im gälischen Bereich.

„Ist Preston da?", fragte sie ein wenig atemlos. „Pansy Parkinson", stellte sie sich eilig vor.

„Einen Moment", sagte der Elf, bedeutete ihr, im Korridor zu warten und wandte sich ab. Langsam fiel die Tür hinter Pansy zu, und als der Elf mit einem Plopp verschwand, überlegte sie, einfach wieder zu verschwinden. Der Korridor war kathedralenförmig. Die Decke war hoch und rund, sehr gotisch. Sie betrachtete die uralten Rüstungen, die den Gang säumten, und es erinnerte sie an ein gotisches Hogwarts. Nein. Sie könnte sich nicht vorstellen, hier zu leben. Da gefiel ihr das Haus ihrer Eltern sogar besser, und selbst das konnte sie nicht unbedingt leiden.

Sollte sie gehen? Sollte sie bleiben? Der Weg war sehr weit gewesen….

Ach, es waren zu viele Gedanken, dachte sie erschöpft. Und dann vernahm sie schnelle Schritte, die von den hohen Steinwänden widerhallten.

Prestons Gestalt trat um eine Kurve, und er stand im Korridor. Sie hatte ihn eine Weile nicht mehr gesehen. Und damit hatte sich auch erledigt, ob sie gehen oder bleiben würde, dachte sie dumpf. Er kam schnell auf sie zu, die Schritte zu schnell, als dass ihm ihr Auftauchen egal war. Und er sah gut aus, in seiner Anzughose und dem hellen Hemd. Warum trug er nie eine Jogginghose? Einen Pyjama? Wieso sah er immer so gut aus, als könne die Queen persönlich in sein Haus kommen? Ihr kam es vor, als könne sie ihn nicht wirklich überraschen.

„Pansy?", entfuhr es ihm, als er vor ihr stehen blieb. Aber scheinbar war er überrascht. Dass sie ihn nackt gesehen hatte war schon so lange her, fiel ihr plötzlich ein. Ein halbes Jahr. Länger noch! Dass sie ihn überhaupt nackt gesehen hatte! Sie hasste ihre Gedanken gerade. „Was… was tust du hier?", entfuhr es ihm ungläubig, aber nicht abweisend. Wahrscheinlich würde sie losheulen, wenn er sie jetzt nach Hause schicken würde.

„Du… du hast nicht mehr geschrieben", sagte sie das erste, was ihr einfiel. Seine Stirn runzelte sich verblüfft.

„Was?"

„Und über Floh hast du auch nicht mehr angerufen", fuhr sie fort, und spürte, sie würde doch noch heulen.

„Du… was? Du hast keinen meiner Briefe geöffnet! Sie kamen alle wieder zurück. Und meine Anrufe hast du geblockt!", informierte er sie perplex.

„Ja, aber… aber… jetzt, wo es ernst wird, bräuchte ich sie am meisten", murmelte sie beschämt. Und Preston starrte sie an.

„Was?", wiederholte er vollkommen verwirrt.

„Ich meine", begann Pansy, „du hast so getan, als wäre es von Interesse für dich! Als würdest du… als…"

„-es ist von Interesse für mich!", unterbrach er sie ungläubig. „Das habe ich dir eintausend Mal gesagt! Du hast mich fortgejagt, Pansy! Du wolltest mich nicht um dich haben!"

Und sie schwieg beleidigt. Konnte er sie nicht verstehen? Wahrscheinlich nicht. Sie verstand sich selber kaum noch.

„Ist das jetzt anders?", wollte er plötzlich wissen, die blauen Augen auf sie geheftet.

„Was?", entkam es ihr erschöpft.

„Willst du mich jetzt um dich haben? Kommst du hierher, um mir zu sagen, dass du es dir anders überlegt hast?", fragte er sie, so direkt, dass es ihr unangenehm war.

„Nein", beteuerte sie hastig. „Ich… es ist nur…" Er war groß. Groß genug, das sie in seiner Umarmung versinken könnte, dachte sie schließlich. Sie hatte mit ihm Sex gehabt, weil er… passend da gewesen war. Weil er… so arrogant war, dass es sie tatsächlich angesprochen hatte. Sie war krank, stellte sie besorgt fest. Was war er? Ihr Draco-Ersatz? Und plötzlich bekam sie Angst. „Ich glaube, ich sollte gehen", sagte sie mit schmaler Stimme. „Es war ein Fehler, dass ich hergekommen bin. Ich-"

„-Pansy!", hielt Preston sie kopfschüttelnd auf, folgte ihr, bis sie die Tür im Rücken hatte, und sie schüttelte schwach den Kopf.

„Nein, Preston! Es tut mir so leid! Ich bin nur hier, um dich auszunutzen!", flüsterte sie traurig. Aber Prestons Mundwinkel hob sich einseitig.

„Ich glaube, das… finde ich nicht schlimm", antwortete er, nachdem er nachgedacht hatte. Pansy musste blinzeln.

„Nein! Du verstehst nicht! Draco ist… wieder da, und ich… habe einen mächtigen Fehler gemacht, und du… du warst so nett, und ich bin so…"

„Pansy", sagte er ruhiger, schloss den Abstand zu ihr, was schwierig war, denn ihr Bauch war immer und überall im Weg. „Du bekommst mein Kind", fuhr er ruhiger fort. „Und ich habe immer geglaubt, dass ich keine Frau finden würde, von der ich mir vorstellen könnte, dass sie zu mir passt. Aber du bist… unmöglich und manipulativ, du bist umwerfend schön, und… ehrlich. So ehrlich, wie man es von Reinblütern nicht gewöhnt ist", sprudelten die Worte aus ihm raus. Sie schüttelte mit offenem Mund den Kopf.

„Und dass ich dich in Barcelona getroffen habe, schlecht gelaunt und unglücklich, bereit, jede Dummheit zu begehen, die in deinen Weg kommt – du hast mich verzaubert, Pansy", schloss er sanfter. „Ich meine, ich bin Anführer des Clubs der Dummheiten, aber du… bist die wahre Königin der Dummheiten", schloss er lächelnd.

Sie fühlte sich extrem beleidigt. Und gleichzeitig waren ihr seine Komplimente im Ohr geblieben. Umwerfend schön und ehrlich. Ja, wieso sahen es die anderen nicht so?

„Ich muss gehen", flüsterte sie wieder, denn, was sie tat war wieder einmal falsch.

Aber er reagierte schnell, hatte die Hand um ihren Nacken geschlungen, seinen Körper gegen ihren gepresst, und sie spürte das Baby treten, wie immer, wenn etwas den prallen Bauch berührte, und dann verschlossen seine Lippen ihren zitternden Mund. Denn sie hatte sprechen wollen, hatte ihn wegschieben wollen, aber ihre Augen schlossen sich für eine Sekunde.

Und sie genoss es fast, dass er sie wollte. Sie spürte all das Gefühl, was er in diesen Kuss legte, spürte, wie dringend er sie hatte küssen wollen, und sie erlaubte es ihm, für fünf Sekunden, ehe sie ihren Kopf sanft seiner Gewalt entzog.

Sein Atem hatte sich beschleunigt, seine blauen Augen waren dunkler geworden, und sein Dreitagebart störte sie nicht mal, obwohl ihr Kinn ein wenig juckte.

„Es tut mir leid", sagte sie wieder, und eine Träne rollte wieder aus ihren dummen Augen.

„Pansy", begann er wieder, „gib mir eine Chance", bat er rau, aber sie schüttelte vehement den Kopf. Es wäre falsch. Sie meinte es doch nicht ernst! Sie war einfach nur… schwach geworden! Es war eine temporäre Unzurechnungsfähigkeit! Das war alles!

„Es… tut mir leid", wiederholte sie wieder, machte sich von ihm los, öffnete die Tür und war wieder verschwunden, eilte die steinernen Stufen runter. Sie ging so schnell zu ihrer Kutsche zurück, wie sie nur konnte. Und Merlin sei Dank folgte er ihr nicht! Merlin, war sie dumm! Sie machte nur Fehler! Aber wieso fühlte es sich so falsch an, jetzt wegzugehen? Weil sie schwach und blöd war, sagte sie sich. Preston wollte das vielleicht jetzt! Und sie war keine Königin der Dummheiten! Sie wusste, was sie tat! Die meiste Zeit über. Sie spürte seinen Lippen noch auf ihren, und als sie endlich wieder im Dunkel der Kutsche saß, erlaubte sie es sich, richtig zu weinen.

Er würde das Interesse an ihr verlieren, sobald ein schreiendes Kind auf der Welt war, was ihn davon abhielt, egoistisch zu sein, seinen dummen Club anzuführen, sobald er mehr tun musste, als sie mit Komplimenten einzuwickeln! Nein, sie fiel nicht auf ihn rein!

Aber Merlin… für eine Sekunde hatte sie es gerne gewollt.

Sie war dumm. Wirklich dumm.

Sie hatte das Gefühl, als wäre es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie sich mit Draco Malfoy in ihrem Wohnzimmer prügeln würde. Denn so sah es aus. Sie beäugten sich misstrauisch, argwöhnisch und sehr gewaltbereit. Vielleicht kam es nur ihr so vor, aber ihre Finger juckten schon praktisch, völlig bereit, ihm eine Ohrfeige zu verpassen für seine Dreistigkeit, hier aufzutauchen!

„Ich will den Gerichtstermin!", beschloss sie, zu sagen, und er schüttelte den Kopf, belächelte sie fast.

„Dann wirst du noch schlechter wegkommen, als mit meinem Angebot."

„Dein Angebot?", lachte sie hysterisch auf. „Dass du mir jeden zweiten Tag deine Gesellschaft aufzwingen willst? Als ob ein Neugeborenes überhaupt kognitiv in der Lage ist, dich widerzuerkennen!", fuhr sie ihn an. „Und willst du darüber Buch führen, damit du dich auch ja nicht vertust? Was willst du deinem Sohn eigentlich sagen, wenn er irgendwann fragt, weshalb du nur jeden zweiten Tag da bist, wenn er sprechen kann? Und was ist mit Hogwarts? Willst du jeden zweiten Tag dort auftauchen, wenn er-"

„-er wird es verstehen, denn immerhin muss er deine Gesellschaft noch öfter ertragen!", fuhr er sie an. „Du solltest dankbar sein, dass ich es dir überhaupt anbiete!", ergänzte er zähneknirschend.

„Dankbar?", entfuhr es ihr freudlos. „Oh Malfoy!", rief sie gespielt euphorisch. „Ich kann mir nichts Besseres vorstellen, als dass du auf einmal in deiner einzigartigen Güte beschließt, hier aufzutauchen und mir gönnerhaft anbietest, jeden zweiten Tag mein Leben zu ruinieren! Es ist ja nicht so, als ob ich dafür nicht schon deine Mutter hätte!", knurrte sie und würde ihn gerne schubsen.

Und er besaß die Frechheit, sich erschöpft durch seine Haare zu fahren, als wäre sie das Problem! Und sie versuchte, ruhiger zu werden – aber es ging nicht.

„Du magst mich nicht", informierte sie ihn gepresst.

„Wow. Du musst mentale Fähigkeiten besitzen, Granger", kommentierte er ihre Worte trocken, und sie biss die Zähne fest zusammen.

„Und ich mag dich ebenso wenig. Denkst du nicht, dass es für das Kind überhaupt nicht zuträglich ist, wenn sich die… Eltern pausenlos streiten?" Und Malfoy schien noch eine beklopptere Idee zu verfolgen, denn sein grauer Blick erhellte sich plötzlich.

„Dann teilen wir. Du die ersten fünf Jahre, ich die zweiten fünf Jahre."

Hermines Mund öffnete sich völlig entgeistert.

„Nein!", fuhr sie ihn an. „Bist du völlig verrückt?" Gott, er war so… so…! sie hasste ihn! Dass er so etwas überhaupt vorschlug. Wieso war er so versessen darauf? Wieso, Merlin, wieso?! Und ihr fiel etwas ein. „Ab wann soll dein Deal beginnen, Malfoy?", wollte sie lauernd wissen. „Hattest du auch vor, die Geburt mitzuverfolgen, oder darf ich das alleine tun?"

„Das darfst du alleine tun", bemerkte er, wieder eine Spur angewidert, mit Blick auf ihren Bauch.

„Ist das dein Ernst?", wollte sie entgeistert wissen. Und nicht, dass sie ihn auch nur auf eine Meile in ihrer Nähe haben wollte, wenn es soweit war, aber… es war ungerecht. „Weißt du, wie viel Zeit ich in diese Schwangerschaft gesteckt habe?", erkundigte sie sich gefährlich ruhig und rhetorisch bei ihm, und er verzog knapp den Mund. „Acht Monate, Malfoy!", gab sie ihm schließlich die Antwort. „Und wie viel Zeit hast du investiert? Richtig! Nicht mal die zwei Minuten, die es dich kostet, Sex mit einer Frau zu haben! Nicht mal diese Zeit hast du investiert!"

„Ok. Wir können gerne darüber reden, ob ich fantastisch im Bett bin und ob meine Performance in Minuten zu bewerten ist, Granger", gab er bitter zurück. „Aber ich denke, das gehört hier nicht hin", schloss er ätzend überheblich. „Und was möchtest du von mir? Es ist nicht so, als hättest du mich um Erlaubnis gefragt, als du meinen Samen-"

„-Gott, ich wollte deinen Samen nie haben! Ich hatte den perfekten Kandidaten ausgewählt, was mich daran erinnert, dass ich Pansy doch noch umbringen sollte!", schrie sie außer sich, denn sie hasste Pansy dafür! Dafür, dass sie jetzt dieses Gespräch hier führen musste, was nirgendwo hin führte!

„Willst du von mir Schadensersatz haben, dass ich acht Monate lang damit zu tun hatte, die Tatsache zu überwinden, dass ein Schlammb-"

„-oh ich warne dich!" Sie war sogar näher gekommen. „Wenn du glaubst, ich habe frohlockt, bei dem Gedanken, dass ich das Kind eines widerlichen Todessers bekomme, der in seiner Freizeit nichts Besseres zu tun hat, als in fremde Häuser einzubrechen, dann hast du dich geirrt, du dämlicher, blonder Lackaffe!"

Seine Augen hatten sich geweitet.

„Wir können es sehr leicht einrichten, dass dir dein Sorgerecht entzogen wird!", drohte er ihr jetzt. „Wenn du weiterhin so stur und uneinsichtig bist, mich beleidigst und-"

„-Malfoy! Du hast überhaupt angefangen mit… mit…" Und sie schwieg abrupt, keinen Meter vor ihm, und plötzlich musste sie heftiger atmen.

Und er sah sie argwöhnisch an. „Was ist jetzt?", wollte er gereizt wissen.

„Auuu", rief sie schließlich aus und musste die Augen schließen, als ein stechender Schmerz von ihrem Unterleib ausging. Und als sie die Augen öffnete, war er instinktiv und angewidert zurückgewichen.

„Was tust du?", wollte er überfordert von ihr wissen. Gott, sie wollte ihn verfluchen, aber jetzt gerade konnte sie nicht.

„Ruf… im… Mungo an…", brachte sie gepresst hervor. Seine Augen weiteten sich.

„Was?", entfuhr es ihm überfordert.

„Es… es fühlt sich an wie Wehen! Einen Monat zu früh, und nur, weil du wie ein Wahnsinniger hier auftauchen musstest, um mir zu drohen, mir mein Kind wegzunehmen!", schnauzte sie ihn verzweifelt an.

„Ich habe nie-!", begann er sich tatsächlich auf den nächsten Streit einzulassen, aber Merlin sei Dank kam der nächste Schmerz, um sie davon zu verschonen!

„-Auuuu!", entfuhr es ihr wieder. „Geh zum Kamin, ruf im Mungo an, Merlin noch mal!", knurrte sie, und er schien tatsächlich mit sich zu kämpfen. Ob er stur sein sollte, oder ob dieser Streit tatsächlich verschoben werden konnte.

„Das machst du mit Absicht", sagte er schließlich ablehnend, als würde sie das hier steuern können und war tatsächlich sauer auf sie! Sie atmete schneller und ließ sich wieder auf die Couch sinken. Sie hasste ihn! Sie kannte ihn kaum, aber sie hasste ihn!

Und der Schmerz raubte ihr die Wahrnehmung. Sie sah ihn am Kamin stehen, sah wie er Pulver in die entzündeten Flammen warf und tatsächlich mit den Para-Magiern des Mungos sprach.

Und sie schloss die Augen und konzentrierte sich darauf, ruhiger zu atmen.

Es tut mir so leid, kleines Kind, dachte sie verzweifelt. Wenn jetzt irgendetwas passiert, dann war es ihre Schuld. Und seine! Definitiv seine! Und sie hatte Recht gehabt, ihr Gefühl hatte sie nicht getäuscht. Es war ein schlechter Tag!